Falendar - Andreas Ritler - E-Book

Falendar E-Book

Andreas Ritler

0,0

Beschreibung

"Falendar - Ein Altvorderer erwacht" ist ein High-Fantasy Roman für Jugendliche, junge Erwachsene und Fantasy-Liebhaber. Es handelt sich um eine eigene, in sich geschlossene Geschichte (zweite, vollständig überarbeitete Auflage). Buchrücken: Seit Monden fehlt jegliches Lebenszeichen aus der Roten Stadt. Ein Aufklärungstrupp des Königreiches Ilundor macht eine schreckliche Entdeckung: Sämtliche Bewohner wurden von einer entsetzlichen Seuche dahingerafft. Damit nicht genug, scheint die Krankheit nur ein Vorbote eines weit schlimmeren Übels zu sein! Zur selben Zeit fiebert der junge Minarus aus dem Bergkloster von Miar Seng seiner ersten grossen Reise entgegen, die ein jeder Novize zu absolvieren hat. Zusammen mit seiner Freundin Aylena wird er schon bald in den Strudel der jüngsten Ereignisse gezogen ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 586

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Das Buch:

Zu Beginn jedes Sommers treten die neu ernannten Novizen eines Bergklosters hoch oben im Gebirge von Miar Seng eine lange Reise an. Nur wer die Archive des Klosters nach seiner Rückkehr um nützliches Wissen bereichert, darf sich fortan als vollwertiges Mitglied der Abtei bezeichnen.

Auch Minarus und seine Freundin Aylena können den Tag kaum erwarten, an dem sie endlich in die Ferne ziehen und Abenteuer erleben dürfen. Wie hätten sie auch ahnen können, dass ihre Reise durch ein Königreich führen wird, über das sich der dunkle Schatten eines drohenden Unheils längst vergangener Zeiten gelegt hat. Und alles begann in der Roten Stadt, aus welcher schon seit Monaten kein Lebenszeichen mehr zu vernehmen ist …

Der Autor:

Andreas Ritler ist am 12 Juli 1989 in der Schweiz geboren. Schon früh begann er seine Faszination für die fantastische Literatur mit eigenen Büchern auszudrücken. Sein erstes Buch schrieb er vom 12ten bis zum 14ten Lebensjahr. Eine Fortsetzung davon entstand während der Schulzeit am Gymnasium St. Michael in Freiburg (CH), welche als Maturaarbeit eingereicht wurde. Der dritte Roman mit dem Namen Falendar – Ein Altvorderer erwacht, der sich zeitlich vor den ersten beiden Geschichten abspielt, folgte in den Jahren des Chemie-Studiums an der Universität Bern. Dieses Werk fand erst nach Abschluss eines Doktorats in Chemie/Radiopharmazie an der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Zürich seine Vollendung. Der Autor entschied, dieses dritte Buch als sein Erstlingswerk zu veröffentlichen.

Falendar

Eine sagenumwobene Welt voller Geheimnisse und Geschichten, eine Welt von Gut und Böse, eine Welt voller Magie und Zauber, eine Welt von Königreichen, großen Helden und finsteren Kreaturen.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1

Die Auferstehung des Bösen

Pflanzenkunde vor Heldentum

Das Grauen der toten Stadt

Ein Engel aus Fleisch und Blut

Ein nächtliches Abenteuer

Im Märchen erwacht

Im mysteriösen Brimorium gefangen

Vor dem Rat der Ältesten

Von entschlossenen Abenteurern und ertappten Missetätern

Eine albtraumhafte Heerschau

Ein Tag zum Feiern …

… eine Nacht der Freude und des Leids

Teil 2

Auf Wanderschaft

Bizarre Begegnungen im Finsterwald

Das Unheil greift nach Falasaron

Gefahren auf der großen Reise

Die Geburt eines neuen Helden

Ein unerwartetes Wiedersehen

Stumme Schreie im Flammenmeer

Zur Sklaverei verdammt

Ein schicksalhaftes Zusammentreffen

Widerstand regt sich

Vom Beginn einer Schlacht

Eine neue Familie für Maira

Ayandâlas Kind

Von Träumen und Visionen

Teil 3

Dem Bösen entgegen

Blutiges Moos

Eine Predigt im Gotteshaus

Ein magischer Ritt

Das Ziel vor Augen, den Tod im Nacken

Blutiger Stein

Kein gewöhnlicher Thronsaal

Der Dämon aus der altvorderen Zeit

Das Ende einer großen Reise

Epilog

Glossar (wichtige Personen, Orte & Begriffe)

Prolog

Es war still. Viel zu still. Unruhig strich Ismon zum wiederholten Mal über das messerscharfe Klingenblatt seines robusten Breitschwertes. Die Berührung mit dem Stahlpanzerhandschuh erzeugte ein leises Schleifgeräusch.

Der junge Soldat blickte auf und starrte dem Ziel ihrer Mission entgegen. Kaum vier Stunden Fußmarsch entfernt lag die prächtige, legendäre Rote Stadt. Wie der riesige Abdruck eines Bisses war sie in den Berg hinein gemeißelt!

Ihren Namen hatte sie vom vorherrschenden Felsgestein dieser Region, das zum Bau sämtlicher Gebäude genutzt wurde und mit seinem leichten Schimmern an einen ewigen Sonnenuntergang erinnerte. Besonders im letzten Licht des Tages, wenn die reflektierende Abendsonne den Schein zu einem tiefen Rubinrot verstärkte, strahlte es in vollem Glanz dem Betrachter entgegen.

In Gedanken verglich Ismon die Metropole mit der Schwesterstadt Falasaron, dem Ausgangspunkt ihrer Reise. Doch selbst die doppelt so große Hauptstadt des Königreiches Ilundor, die manchen Bauern von den Weidenländern in Ehrfurcht erstarren ließ, verblasste nebst der Roten Stadt.

Etwas hatte sich allerdings seit seinem letztem Besuch geändert. Trotz aller Schönheit, Farbenpracht und dem romantischen Glanz zu diesen Abendstunden haftete dem architektonischen Kunstwerk etwas Bedrohliches an.

Wo war der Lärm, der einer solchen Anhäufung von Menschen entweichen sollte? Wo war das geschäftige Treiben rund um eine Siedlung dieser Größe? Selbst die zahlreichen Felder, die den Weg vom Standpunkt des Soldatentrupps bis hin zu den eindrücklichen Stadttoren säumten, lagen einsam und verlassen da. Nur ein nie enden wollender Chor zirpender Grillen störte die vollkommene Ruhe.

Ismon zuckte zusammen, als ihm sein Hauptmann, der Anführer des kleinen Trupps von fünfzehn Männern, kameradschaftlich auf die Schulter klopfte.

»Nervös, was? Halb so wild. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten großen Auftrag als frischer Soldat in den Diensten des Königreiches Ilundor. Ein Räuspern hatte gereicht und ich zuckte ähnlich zusammen«, sagte sein Gegenüber gutmütig.

Er gab sich tapfer, nickte eifrig und schluckte den Kloß hinunter, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Sein Blick fiel auf das Wappen Falasarons, welches seinen Brustpanzer zierte: Eine Krone, die ein ganzes Gebirge umschloss. Obwohl er den eisernen Kürass mit Stolz trug, gab es Zeiten, da wünschte er sich, nicht den Weg des Soldaten gewählt zu haben.

Der Hauptmann bekam davon nichts mit und blickte stattdessen versonnen in die Ferne, als würde er im Geiste noch einmal die Abenteuer seiner ersten Mission erleben.

Ismon musterte ihn verstohlen aus dem Augenwinkel. In seinem wohlgepflegten Bart zeigte sich eine erste Graufärbung, was dem erfahrenen Veteranen ein weises und zugleich Vertrauen einflößendes Äußeres verlieh. Der Anblick eines solch kampferprobten Kriegers hatte eine ungemein beruhigende Wirkung. Was konnte schon passieren?

»Die Rast ist zu Ende Männer. Wir haben einen Auftrag zu erledigen und endlich herauszufinden, weshalb jeglicher Kontakt zwischen der Hauptstadt des Königreiches und der Roten Stadt abgebrochen ist«, lautete die Anweisung des Befehlshabers, nachdem er sich gedanklich wieder gefasst hatte.

Mit leise gemurmelten Widerworten rafften sich die Soldaten auf und folgten ihrem Anführer auf der staubigen Landstraße dem Ziel entgegen.

Ismon war nicht der Einzige, der einen wehmütigen Blick zurück auf das Schattenplätzchen warf, welches ihnen als kurzer Rastplatz gedient hatte. Während ihn jedoch die Stadt beunruhigte, welcher er am liebsten ferngeblieben wäre, waren die anderen Soldaten nur der prallen Hitze überdrüssig, die bereits zu Beginn der Sommermonate selbst in den frühen Abendstunden aus jeder Stahlplattenrüstung einen kleinen Backofen machte.

»Wenn ich wieder zu Hause bin, lasse ich mir einen ganzen Badezuber voller Eiswasser herrichten! Ich werde hier bei lebendigem Leib geröstet!«, beklagte sich einer und erhielt zustimmendes Gemurmel.

In dieselbe Plattenrüstung wie die restlichen Krieger gehüllt, fühlte sich auch Ismon nicht anders.

»Ihr hört euch ja wie kleine Kinder an! Wenn ihr jetzt brav seid, dann gibt’s heute Abend auch ein hübsches Gläschen Milch«, lautete die schlagfertige Antwort des Hauptmanns, dessen Stimme einen gespielt väterlichen Unterton angenommen hatte. Die Soldaten grinsten sich an. Der Veteran verstand es wie kein Zweiter, die Moral seiner Truppe zu stärken.

Ismon war nicht zum Grinsen zu Mute. Irgendetwas hatte sich soeben verändert, aber er kam nicht darauf, was. Angestrengt versuchte er festzustellen, welcher Ursache zufolge seine Unruhe noch gestiegen war, während seine Kameraden weiterhin über die Hitze witzelten. Der junge Soldat hatte in seinem Leben gelernt, dass er sich auf die eigene Intuition recht gut verlassen konnte.

»Diese Blässe steht dir nicht sonderlich gut zu Gesicht!«, scherzte ein Kamerad über sein bleiches Antlitz mit wohlgemeintem Spott.

Endlich wurde ihm die Veränderung gewahr. Die Grillen zirpten nicht mehr! Ihr Geräusch war immer leiser geworden und hatte sich rasch in der Ferne verloren. Die kleinen Insekten sollten sich in den Feldern doch mannigfach tummeln, oder täuschte er sich? Ob er seinen Hauptmann darauf aufmerksam machen sollte?

Kurz darauf besann er sich eines Besseren, so würde er sich nur zum Gespött machen. Nicht schon wieder wollte er ihnen Anlass dazu geben, ihn als Angsthasen auszulachen, denn oft genug war das jüngste, unerfahrenste Truppenmitglied Ziel von Spott und Häme. So erging es jedem, der sich seine Sporen in den Reihen alteingesessener Veteranen noch zu verdienen hatte.

Ihr zügiges Marschtempo hatte sie innerhalb von drei Stunden vor die großen Tore der Roten Stadt gebracht. Um das malerische Bild nicht zu stören, war die eisenverstärkte Holzpforte in den Farben des rötlichen Gesteins der eindrucksvollen Stadtmauer gehalten, in welche sie eingebettet war.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und machte es Ismon schwer, das Wappen der Stadt auf den zahlreichen Fahnen zu erkennen, die sich in luftiger Höhe vom Wehrgang abhoben. Im leichten Abendwind wog das Bild einer aufgerichteten, schwarzen Schlange auf blutrotem Hintergrund hin und her. Er bildete sich ein, dass die bedrohlich wirkenden Augen des Wappentieres jeden seiner Schritte verfolgten.

Seltsamerweise drang noch immer kein Laut an die Ohren des Trupps. Was jedoch noch viel mehr verblüffte, war der Umstand, dass ein Torflügel halb offen stand, ohne dass sich auch nur die Schwertspitze eines Wachmanns zeigte. Ismon fragte sich zunächst, ob er der Einzige war, den dies beunruhigte, doch die Reaktion seiner Kameraden sprach für sich. Mit leisem Klirren zogen sie ihre Schwerter blank.

Der Hauptmann sprach in gedämpftem Flüsterton, als fürchte er einen heimlichen Lauscher: »Hört gut zu! Wir wissen alle seit geraumer Zeit, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Doch kommen wir nicht umhin, die Sache genauestens zu überprüfen. Keine unbedachten Handlungen, verstanden?« Die übliche Gelassenheit in seiner Stimme war einer selten zu vernehmenden Schärfe gewichen.

Ismon machte sich nichts vor, er wusste um die strenge Disziplin im Soldatenleben und dass sein Handwerk nicht dem Scherzen und Erzählen von Geschichten galt. Er durfte sich glücklich schätzen, bei seinem ersten Auftrag einen so gutmütigen Anführer zu haben.

»Sieht mir verdächtig nach einer Falle aus, Hauptmann!«, kommentierte ein Kamerad den halb offenen Torflügel.

»Allerdings! Trotzdem bleibt uns nichts anderes übrig, als das Tor zu passieren. Beim leisesten Geräusch ziehen wir uns zurück. Ismon, du bist der Schnellste von uns. Riskiere einen Blick durch den offenen Türflügel und erstatte Bericht!«

Der junge Soldat bekam weiche Knie. Mit dieser ersten Bewährungsprobe hatte er nicht gerechnet. Lieber hätte er auf das Lob verzichtet und einem seiner langsameren Kameraden den Vortritt gelassen. Eine Befehlsverweigerung kam allerdings nicht in Frage, man würde ihn auf der Stelle als Deserteur niederstrecken.

Nach kurzem Zögern trat er an das Festungstor und spähte ins Stadtinnere. Das Zuschnappen der erwarteten Falle blieb aus. Vor ihm erstreckte sich die leicht ansteigende Hauptstraße der Roten Stadt in gerader Linie bis zu deren Palast.

Er stutzte. In unregelmäßigen Abständen lagen Stoffsäcke auf der Straße. Als er genauer hinsah, stockte ihm der Atem.

»Was siehst du?«, rief der Hauptmann.

Ismon war unfähig zu antworten. Sein Mund war staubtrocken und er brachte nur ein heiseres Krächzen zustande. Er wollte den Blick abwenden, doch seine Augen versagten ihm den Dienst. Diese Stoffsäcke waren leblose, menschliche Körper! Die vielen Fliegen, welche über ihnen kreisten, verhießen nichts Gutes.

Als er sich zu seinen Kameraden umdrehte, sprach sein bleiches Gesicht Bände. Stockend und völlig verstört berichtete der junge Soldat seine Beobachtungen.

»Möglicherweise eine ansteckende Krankheit. Bindet euch Tücher vor den Mund!«, lautete der rasche Befehl des Anführers.

Anschließend passierte der gesamte Aufklärungstrupp das Stadttor und fand sich auf der langen Hauptstraße wieder. Angst und Aufregung hatten Ismon keinen Streich gespielt. Noch immer lagen die Leichen am Straßenrand. Bei genauerer Betrachtung konnte man sowohl zerlumpte Bettler als auch vornehme Herrschaften erkennen. Auch wenn sie zu Lebzeiten nur wenig geteilt haben mochten, hatten sie im Tode alle einen grauenhaften Verwesungsgestank gemein.

Ismon unterdrückte ein Würgen, als sich der Trupp um eine Leiche versammelte.

»Gib mir deinen Speer!«, befahl der Hauptmann einem seiner Männer.

Den hölzernen Schaft der Waffe umklammert, drehte er den Körper der Frau mittleren Alters mit der stählernen Speerspitze auf den Rücken. Erschrocken wichen die Krieger einen Schritt zurück. Das Gesicht der Toten war von Blasen und eitrigen Wunden entstellt. Die glasigen Augen und das schreckliche Antlitz ließen Ismon erschaudern.

»Seht! Um sie herum liegen haufenweise tote Fliegen«, kommentierte ein Soldat seine Entdeckung.

»Die Grillen hört man auch schon seit geraumer Zeit nicht mehr«, ergänzte Ismon halblaut.

»Lasst uns nach Überlebenden oder dem Verursacher dessen suchen. Vermeidet jeden Kontakt mit den Leichen!«, lauteten die Anweisungen ihres Anführers, dessen besorgte Miene Ismon nicht entging.

Sie gingen weiter der Hauptstraße entlang und ließen ihre Blicke über die Fassaden zahlreicher, scheinbar unbewohnter Häuser gleiten.

»Seht nur, dieses seltsame, dürre Gestrüpp überall. Die Häuser verfallen bereits!«, lautete der Kommentar eines Soldaten.

Ismon gab ihm Recht. Die Bauten waren verwittert, als ob der Zahn der Zeit an ihnen genagt hätte. Faulig und ungesund wirkende Pflanzen rankten sich an ihnen hoch. Die Natur war ungewöhnlich rasch in Form dieses widerspenstigen Unkrauts zurückgekehrt.

Wo der Aufklärungstrupp auch hinkam, überall bot sich den Männern dasselbe Bild. Es ging nicht lange und sie entdeckten in einem kleinen Park neben der Hauptstraße ein großes, aufgespanntes Zelt, dessen Stoff leicht im Wind flatterte. Mit erhobenen Klingen und aufs äußerste angespannt, traten die tapferen Krieger in das Zeltinnere. Zahlreiche Pritschen säumten die Seiten.

Es stank bestialisch und Ismon hielt unwillkürlich den Atem an, als ob ihn dies vor einer Ansteckung bewahren könnte.

Nur wenige Betten waren nicht mit Leichen belegt. Es musste sich um eine Art Lazarett handeln, wo man offensichtlich die Krankheit zu behandeln versucht hatte. Seltsam war nur, dass selbst die Ärzte, welche noch immer in ihren Kitteln im Zwischengang oder neben den Liegestätten lagen, den Tod gefunden hatten.

»Durchsuchen wir einige Häuser, vielleicht verstecken sich die Stadtbewohner darin!«, schlug ein Soldat vor, als sie wieder draußen waren.

Der Hauptmann nickte zustimmend und führte sie zu einem nahegelegenen, stattlichen Haus, welches weniger verwahrlost als die restlichen aussah. Die weiß gestrichene Holztür, die einen starken Kontrast zum roten Gestein bildete, ging mit einem leisen Knarren auf. Die Schritte der schweren Soldatenstiefel auf dem kalten Marmorboden hallten laut durch das große Foyer. Angenehm kühle, wenn auch trockene Luft ließ die Soldaten erleichtert aufatmen.

»Wie viel es wohl gekostet hat, einen anderen Fußboden als das rote Felsgestein in dieser Stadt einzubauen? Die müssen ein ordentliches Vermögen gehabt haben«, staunte Ismon und erhielt ein zustimmendes Nicken seiner Kameraden.

Die Bauweise der Empfangshalle verstärkte den Eindruck von Reichtum. Zwei geschwungene Treppen führten halbkreisförmig zum oberen Stockwerk, welches mit einer großen Galerie beeindruckte.

Plötzlich zuckte der junge Soldat zusammen. Hatte er soeben Schritte gehört? Er blickte nach oben, doch die Galerie lag verlassen da.

Sein Befehlshaber signalisierte den Kriegern mit einer Handbewegung innezuhalten. Also war auch ihm etwas aufgefallen. Absolute Stille kehrte ein. Mit einer raschen Abfolge von Handzeichen teilte er die Truppe in zwei Gruppen ein, welche zeitgleich die beiden Treppen hochsteigen sollten.

Mit leisem Knirschen der Stahlrüstungen schlichen sich die Soldaten nach oben. Am Ende der Stufen fanden sie wieder zusammen. Von hier führte ein langer Gang zu verschiedenen Zimmern. Ein Blick genügte, um festzustellen, wer der Verursacher der verräterischen Geräusche gewesen war. Mitten im Gang, etwa zwanzig Schritt von ihnen entfernt, starrte sie ein kleiner Junge mit aufgerissenen Augen ängstlich an.

Ismon schätzte sein Alter auf höchstens fünf Jahre.

»Waffen runter!«, flüsterte der Hauptmann und hob beschwichtigend die Arme.

Die Soldaten senkten ihre Klingen und der Truppenanführer ging in die Knie.

»Wir kommen aus der fernen Stadt Falasaron und wollen dir nichts tun. Wer bist du, mein Junge?«, fragte er mit sanfter Stimme und beruhigendem Tonfall.

Das Kind regte sich nicht. Unverwandt durchbohrte sein Blick den Hauptmann.

»Wo sind deine Eltern?«, startete dieser den nächsten Versuch.

Dieses Mal antwortete der Junge nach kurzem Zögern stockend: »Ein… eingeschlafen!«

Erleichtert richtete sich der Befehlshaber auf. »Kannst du uns zeigen wo?«

»Aber weckt sie nicht auf!«, lautete die Antwort des verstörten Kindes. Seine Stimme klang schrill und verzweifelt.

Die Soldaten regten sich beunruhigt.

Der Bub drehte sich um und öffnete eine Tür zu seiner Linken. Ismon und seine Kameraden folgten ihm, jedoch mit gebührendem Abstand, um ihn nicht noch mehr zu verängstigen.

Im düsteren Zimmer, welches für ein stattliches Herrenhaus nur spärlich möbliert war, offenbarte sich den Kriegern ein schreckliches Bild. Die Eltern des Kindes waren tot. Ein übler Gestank, wie er auch draußen auf der Straße dominierte, ging von den zwei leblosen Körpern auf dem großen Doppelbett aus. Ihre herrschaftlichen Kleider, die sich perfekt ins aristokratische Bild des beeindruckenden Anwesens fügten, waren zum ausgepolsterten Nest für Maden und andere abstoßende Aasfresser geworden.

»Wann sind sie eingeschlafen, mein Junge?«, wandte sich der Hauptmann erneut an das Kind.

Der Bub starrte unentwegt auf die Bettstätte und schien die Besucher überhaupt nicht mehr wahrzunehmen.

Eine Woge des Mitleids überkam Ismon. Welch schreckliches Schicksal war diesem Jungen zuteilgeworden?

Ihr Truppenanführer hielt es für das Beste, die Wahrheit zu sagen: »Es tut mir leid, doch deine Eltern werden nicht mehr aufwachen. Sie sind in eine andere Welt gegangen!«

Der Junge blickte kurz mit feucht glänzenden Augen zum Hauptmann, ehe er sich abrupt umdrehte und die Treppe hinunter nach draußen stürmte.

»Ihm nach! Vielleicht kann er uns von anderen Überlebenden berichten. Doch seid vorsichtig, wir wollen ihn nicht noch weiter einschüchtern!«, lauteten die knappen Befehle und die Soldaten hasteten scheppernd und klirrend die große Marmortreppe hinab.

Die Sonne brannte grell in Ismons Augen, als er die düstere Halle verließ. Doch es waren nicht die ungewohnten Lichtverhältnisse, die ihn abrupt die Verfolgung des Kindes unterbrechen ließen. Er blinzelte einmal, zweimal. Er kniff sich in die Arme. Nun hatte er wohl völlig den Verstand verloren.

Außerhalb des Herrenhauses erwartete sie nicht dieselbe tote Stadt, die zu einem einzigen Friedhof geworden war. Es war vielmehr ein Ort voll blühenden Lebens, zahlreicher Gerüche und dem Lärm ausrufender Händler und fahrender Kutschen auf Pflastersteinen, gemischt mit allerlei Geschwätz, dem Plätschern der Brunnen und dem Zwitschern von Vögeln.

»Seht ihr das auch?«, flüsterte Ismon. Ein Blick auf seine Kameraden, die das plötzlich zurückgekehrte Stadtleben ebenso mit perplexen Gesichtern betrachteten, erübrigte eine Antwort.

»Ich habe ohne Zweifel soeben meinen Verstand verloren!«, kommentierte ein Soldat und wusste nur mehr zu grinsen, so absurd erschien ihm die Szenerie.

Ihre Schritte führten die verwirrten Krieger zurück zur Hauptstraße, die Ismon an einen lebendigen Fluss aus Spaziergängern, Fuhrwerken, Rössern und Eseln erinnerte.

Er sprach leise aus, was sie alle dachten: »Irgendetwas geht hier ganz und gar nicht mit rechten Dingen zu!«

Die Straße unterschied sich in grotesker Weise gänzlich von ihrem vorherigen Zustand. Händler priesen an allen Ecken ihre Waren an, Holzkarren klapperten holprig über den Pflasterstein und es herrschte ein reges Treiben.

Ein verwahrloster Bettler am Straßenrand zog die Aufmerksamkeit Ismons auf sich. Der alte Mann starrte ihn unentwegt an, während die restlichen Stadtbewohner von dem Soldatentrupp kaum Notiz nahmen. Sein durchdringender, klarer Blick stand in krassem Gegensatz zum zerzausten Bart und dem wirren Haar, das sich an vielen Stellen bereits lichtete. Irgendetwas an dem Fremden fesselte Ismon. Ohne sich dessen bewusst zu sein, schritt der junge Krieger auf ihn zu. Der stechende Blick des Alten drang ihm tief in die Seele und jagte ihm panische Angst ein, da er die pure Bosheit in dessen glänzenden Augen zu erkennen glaubte. Der Bettler begann mit eindringlicher Stimme zu sprechen, wobei er Einsicht auf eine Reihe verfaulter Zähne gewährte:

»Die Vorboten des Dämons derer Anzahl sind’s dreiDer Schrecken erwachet Gevatter Tod stets dabei

Dem Wahnsinn so nah wen die Seuche berührt Die Krankheit ist da hat die Toten gekürt

Die Vorboten des Dämons derer Anzahl sind’s drei Der Schrecken erwachet Gevatter Tod stets dabei

Von den Jüngern erweckt als toter Diener erkoren Tzerrskar zu Diensten auf ewig verloren

Die Vorboten des Dämons derer Anzahl sind’s drei Der Schrecken erwachet Gevatter Tod stets dabei

Die Scharen der Hölle durch die Tore sie schreiten aus dem Reich der Schatten dich ins Finster geleiten

Die Vorboten des Dämons derer Anzahl sind’s drei Der Schrecken erwachet Gevatter Tod stets dabei.«

Die düsteren Verse des Alten erinnerten Ismon an unheilvolle Prophezeiungen, wie sie oft Gegenstand in den Geschichten und Legenden vergangener Helden waren.

Der zerlumpte Fremdling rief ihm zu: »Diese Stadt ist nur der Anfang! Schon bald wird die grässliche Seuche das ganze Land befallen und den Beginn einer neuen Ära einleiten. Die Dämonen erwachen wieder. Wenn die Krankheit um sich greift und die Toten sich erheben, dann steht die Erweckung des mächtigsten unter ihnen bevor. Fürchtet den Dämon Tzerrskar und seine Armeen der Dunkelheit! Die Seuche ist nur einer der Vorboten des wahren Schreckens, der die Menschen heimsuchen wird!«

Ein Schrei durchbrach die düstere Prophezeiung. Ismon drehte sich erschrocken um und stellte mit Entsetzen fest, dass dieser von einem seiner Kameraden stammte. Der Soldat lag gekrümmt am Boden, die Hände auf das Gesicht gepresst. Trotzdem konnte Ismon genug erkennen. Das Blut gefror in seinen Adern, als er das von Blasen und Schwellungen entstellte Gesicht seines Waffenbruders sah.

»So nimmt das Unheil also seinen Lauf!«, kreischte der Bettler hinter ihm und stieß gleich darauf ein verrücktes Lachen aus, sodass es ihm einen kalten Schauer den Rücken hinuntertrieb.

Tatsächlich war der Soldat kein Einzelfall. Immer mehr Menschen in Ismons Nähe schrien gequält auf und zeigten ähnliche Krankheitserscheinungen. Er drehte sich verstört um sich selbst. Ausnahmslos keiner blieb verschont, selbst sein Hauptmann lag kurz darauf vor Schmerzen stöhnend auf dem Pflasterstein. Es war, als ob er halluzinierte und sich seit dem Betreten der Roten Stadt in einem grässlichen Albtraum befände, als ob er soeben das bereits vergangene Schicksal der Stadt miterlebte, nun jedoch seine Kameraden das entsetzliche Leiden mit deren Bewohnern teilten. Nur er, der jüngste des Trupps, blieb von der Seuche verschont.

»Bei den Göttern …«, brachte er ungläubig hervor, ehe ihm die Sprache versagte.

Plötzlich stand der Bettler an seiner Seite. Seine Stimme hatte sich stark verändert. Wesentlich tiefer und begleitet von Zischlauten, haftete ihr etwas Unnatürliches an. »Nur aus einem einzigen Grund lebst du noch, Narr. Renne aus der Stadt und trage die Nachricht meiner Existenz weiter! Sag den Menschen, dass Tzerrskar aus der altvorderen Zeit erwacht ist und Verderben ins Land tragen wird!«

Die Augen des Bettlers leuchteten in giftigem Grün und von ihm ging eine Bosheit aus, die Ismon das Grauen in die Glieder trieb.

Ohne einmal zurückzusehen, rannte der junge Soldat aus der Stadt, die toten Felder entlang, vorbei an ihrer ehemaligen Raststätte.

Er hatte seine Kameraden sterben sehen und wusste doch nicht, was eigentlich geschehen war. Kein klarer Gedanke wollte sich in seinem Kopf bilden. Die stechend grünen Augen beherrschten all sein Denken und trugen ihm jede Sekunde aufs Neue auf, die Nachricht über die Seuche und die Erweckung des Dämons zu verbreiten.

Hinter den Stadtmauern erklang ein letztes Mal das verrückte Lachen des Bettlers, ehe wieder Ruhe einkehrte.

Teil 1

Die Auferstehung des Bösen

Pflanzenkunde vor Heldentum

Eure Exzellenz

Mit großem Bedauern muss ich den Verlust von weiteren 1‘400 Männern kundtun. Die Strategie des Feindes hat sich in den letzten Tagen grundlegend verändert. Der bisher geringe Widerstand einzelner Dunkelelfentruppen steigerte sich in den letzten beiden Tagen gewaltig. Es scheint nun, als habe das Reich Udur allen Abschaum an die Front geschickt. Während ich diese Zeilen schreibe, stehen wir einem gewaltigen Heer feindlicher Krieger gegenüber. Deren Schnelligkeit stellt die eines Menschen weit in den Schatten. Die Erbauung des großen Walls offenbart sich mehr und mehr als zweckloses Unterfangen. Ich werde einen sofortigen Rückzug zu den Schiffen beordern lassen und hoffe, dies ist in Eurem Sinne. Des Weiteren schlage ich vor, die Grenzen des Königreiches verstärkt zu sichern. Wir haben mit unserem Vorhaben ein schlafendes Monstrum geweckt. Die Weidenländer sind in großer Gefahr!

Gez. General Hartschild, in den Diensten des Königreichs Ilundor

Brief von General Hartschild an König Eisenfaust II des frühen Reiches Ilundor

(Jahr 210 nach Entstehung des Königreiches Ilundor,Auszug aus »Aufzeichnungen über den Krieg des großen Walls«)

Tag 14 des 5ten Mondumlaufs:

Wollen wir den Einfall des Heeres der Dunkelelfen in unsere geliebten Weidenländer verhindern, bleibt uns nur, das gewaltige Heer östlich der kleinen Siedlung Marlon im Grenzland zu stellen. Sämtliche Truppen des Königreiches sind aufmarschiert und bereit, den mächtigen Feind zurückzutreiben. Das Gelände ist unser Vorteil, behindert der Sumpf einen Kampf doch erheblich und wird den Dunklen nur ein langsames Vorstoßen ermöglichen. Ich habe einige Boten in den Finsterwald gesandt und hoffe, sie treffen möglichst bald auf die Elfen des Waldes, deren Hilfe unser aller Rettung sein könnte.

Tag 15 des 5ten Mondumlaufs:

Innerhalb einer Nacht sind die Dunkelelfen an die Grenzen des Sumpfes gelangt. Ihre Kunst, sich auf dem Sumpfboden zu bewegen, als wäre es normales Gras, versetzt mich in Staunen und Furcht. Der Kampf ist in vollem Gange und die Schreie meiner Männer machen mich halb taub. Wir sind erschöpft nach einem ganzen Tag ununterbrochenen Kämpfens, doch scheint der Feind nimmermüde. Ich fürchte um das Königreich, wenn nicht bald ein Wunder …

Die Aufzeichnungen General Hartschilds zur Schlacht bei Marlon

( Jahr 210 nach Entstehung des Königreiches Ilundor, Auszug aus »Aufzeichnungen über den Krieg des großen Walls«)

»Ah hier bist du, wusste ich’s doch!«, ließ eine helle Mädchenstimme den jungen Minarus von seiner Lektüre hochschrecken.

Er brauchte eine Weile, um von der fesselnden Vergangenheit in die Gegenwart zurückzukehren. Der Klosterschüler von Miar Seng blinzelte die gleichaltrige Aylena an, welche seinen verwirrten Gesichtsausdruck mit einem amüsierten Grinsen kommentierte.

»Schon wieder ganz in den Krieg des großen Walls versunken? Dabei solltest du doch längst dein Wissen um die Heilpflanzen des Miar Seng Gebirges verbessern, schließlich will dich der alte Habicht noch heute Nachmittag testen!« Aylena setzte ein gespielt ernstes Gesicht auf und blickte ihren jungen Mitschüler vorwurfsvoll an.

Minarus hatte lieber, wenn sie lachte und mit ihren blonden Locken wie ein kleines Engelchen aussah. Beim Gedanken an den alten Habicht, wie die beiden ihren strengen Lehrer nannten, und seine Prüfung in Pflanzenkunde am Nachmittag musste er unwillkürlich seufzen. Natürlich hatte seine Freundin Recht, die Vielzahl an Bergkräutern auswendig zu lernen, würde ihm noch viel Arbeit abverlangen.

»Und du?«, lachte er, »Bist ja auch nicht am Lernen!«

»Ha! Selbstverständlich bereits erledigt. Ich kann nun den ganzen Vormittag über im Garten herumtollen oder sogar im großen Brunnen baden gehen!«, gab sie mit fiesem Grinsen zurück.

Beim Erwähnen eines Bades fiel Minarus erst auf, wie warm es an diesem Frühlingsmorgen war. So nahte also endlich der lang ersehnte Sommer. Auch das Erblühen einer Vielzahl von Blumen, die den Klostergarten bereits jetzt in ein wunderprächtiges Farbenmeer verwandelten, waren deutliche Anzeichen für den endgültigen Abschied der kalten Wintermonate. Schon bald käme das Ende dieses Mondumlaufs und dann würde das ganze Kloster von Miar Seng den Beginn der wärmsten Jahreszeit mit dem großen Sommerfest feiern. Nach diesem Höhepunkt des Jahres wäre erst mal Schluss mit Schule und Lernen für eine lange Zeit. Wie sehr Minarus diesen Tag herbeisehnte! Er rieb sich in stiller Vorfreude die Hände.

»An was denkst du nun schon wieder? Siehst du dich gerade als glorreicher Held in irgendeiner Schlacht, oder hast du soeben eine adlige Maid vor einem vierköpfigen, goldbeschuppten Drachen gerettet?«, fragte Aylena belustigt und ließ sich neben ihm auf der Steinbank, mitten im wundervollen Klostergarten, nieder.

Ihr blondes, lockiges Haar fiel ihr keck ins Gesicht. Wie hübsch sie doch war. Ihre braunen Augen trugen einen Hauch von Bernstein, während ihr die kleine Stubsnase ein beinahe kindliches Aussehen verlieh, würden nicht deutlich weibliche Rundungen den trügerischen Schein Lügen strafen. In seiner Lektüre wollte er sich von niemandem lieber stören lassen. Der Garten hatte ein gewaltiges Ausmaß und es war gar nicht so selbstverständlich hier einen gedankenverlorenen Träumer wie ihn aufzuspüren. Doch der lebensfrohen Klosterschülerin gelang es immer wieder aufs Neue.

»Nein, ich dachte nur gerade an das Sommerfest und die langen Ferien danach. Denkst du, wir dürfen dieses Jahr unsere erste große Reise antreten?«

Aylena musterte ihren jungen Freund eingehend, ehe sie ihren Lehrer nachäffte: »Ich weiß nicht, ob du schon bereit dazu bist, Minarus! Sehr wohl ist einiges Potential vorhanden, aber es fehlt dir an Verantwortungsbewusstsein und ich glaube, du siehst noch immer nicht die enorme Tragweite einer solchen Reise!« Sie nickte ernst, ehe beide in schallendes Gelächter ausbrachen.

Anschließend saßen sie eine Weile schweigend beisammen und genossen die frühsommerliche Wärme. Das Summen emsig beschäftigter Bienen vermischte sich mit dem Gezwitscher zahlreicher Vögel, welche sich mit dem Bau verschiedenster Nester zur Elternschaft vorbereiteten. Die Sonnenstrahlen ließen das Wasser des großen Brunnens glitzern und Minarus vergaß ob all der Blumenpracht jegliche Sorgen.

Bunte Blüten naturbelassener Pflanzen wechselten sich in diesem Teil des Gartens stetig ab und erzeugten ein Durcheinander an Farben, das trotz fehlendem Einfluss eines Gärtners eine eigene harmonische Ordnung hatte. Wem die ungebändigte Natur jedoch zu wild wucherte, der konnte auf ein großes Areal mit fein säuberlich gepflegter Botanik ausweichen, wo jede Blume und jeder Baum einen genau zugewiesenen Platz im Farbmosaik des großen Gesamtkunstwerkes einnahm. Selbst zu kunstvollen Figuren bearbeitete Sträucher durften nicht fehlen.

Minarus‘ Blick streifte Pflanzen in Form eines kleinen Salamanders, einer Kragenechse, einer Langhalsschildkröte, eines Bergbären, bis hin zu einer dicken Dorumkuh, deren lebendige Verwandte den Mönchen mit ihrer Milch die Hauptzutat des leckeren Dorumtees lieferten.

Schließlich blieb sein Augenmerk auf einer großen Pagode haften. Es war der Tempel der Abtei, eines der wenigen Gebäude, welches nicht in das Felsgestein gehauen, sondern aus Holz gebaut war und in der Mitte des Gartens einen prächtigen Anblick bot. Der Tempel war Seraphe, der Göttin der Weisheit, und ihrem Geliebten Artemion, dem Hüter allen Wissens, gewidmet.

Nahe der Steinbank, auf der die beiden Platz gefunden hatten, wuchs eine gewaltige Hecke, die ein eindrucksvolles, verworrenes Labyrinth formte. Wie häufig hatte der junge Klosterschüler sich schon darin versteckt, wenn er wieder einmal die Folgen eines unbedachten Streiches hätte ausbaden müssen. Allerdings hatte er sich nicht weniger oft im Gewirr der Gänge verirrt und hoffnungslos die Orientierung verloren. Für solche Fälle waren in geringen Abständen immer wieder kleine Glöckchen ins Geäst der Hecke gehängt, deren helles Bimmeln als Hilferuf an den Gärtner diente. Letzterer kannte jede Wurzel seines Kunstwerkes in und auswendig und befreite die verloren geglaubten, wagemutigen Abenteurer im Nu aus den Fängen des tückischen Gestrüpps.

Minarus musste unwillkürlich lächeln, als ihm die Erinnerung an eine Eskapade in jüngeren Jahren in den Sinn kam. Damals hatte er nach unerlaubtem Fernbleiben vom Unterricht, wie bereits einige Male zuvor bei anderen gelegentlichen Taten der Aufsässigkeit, den Irrgarten als Versteck missbraucht und sich dabei verlaufen. Jenes Mal war ihm jedoch kein Gärtner zu Hilfe gekommen, denn dieser wusste um seinen Ungehorsam. So hatte man ihn zwischen den bedrohlich hoch gewachsenen, bei Dunkelheit regelrecht Angst einflößenden, Heckenwänden übernachten lassen und das rasch abklingende Gebimmel der Glöckchen war unbeachtet vom Wind fortgetragen worden. Dieses unfreiwillige Abenteuer war dem Dreikäsehoch eine Lehre gewesen und er hatte seither weitaus weniger Frechheiten ausgeheckt.

Die beiden Jugendlichen wurden in ihren Träumereien von einem älteren Herrn mit Mönchsglatze jäh aus ihren Gedanken geschreckt. Er war in die traditionellen Kleider des Klosters gehüllt – ein langes rotes Tuch, auf kunstvolle Weise um den ganzen Körper geschwungen und mit dem Wappen des Klosters versehen, sowie ein gelbgoldener Schal.

Die Klostergemeinschaft war ungemein stolz auf ihre friedlich idyllische Heimat hoch oben im Gebirge und jedes vollwertige Mitglied trug diese Gewandung mit Würde. Die Schüler und Novizen hingegen durften sich noch nicht mit dem Emblem des Klosters schmücken. Das Wappen stellte ein Tintenfässchen mit Schreibfeder sowie eine Pergamentrolle dar, auf welcher eine vereinfachte Darstellung ihrer Abtei gezeichnet war, die aus dem Hintergrund von einer aufgehenden Sonne beschienen wurde.

»Ah, hier steckt ihr also! Ihr habt doch hoffentlich nicht vergessen, dass ich euch heute Nachmittag noch prüfen werde?«

Mit dem mahnenden Blick durch die unglaublich dicken Brillengläser, seiner Hakennase, die ihm tatsächlich das Aussehen eines Habichts verlieh, und seinem grauen, schütteren Haar sah der Lehrer der beiden unweigerlich komisch aus.

Minarus und Aylena verkniffen sich ein Lachen und nickten gehorsam. Trotz ihrer Belustigung über den alten Mann hatten sie großen Respekt vor der Person des gebildeten Mentors, der eine enorme Autorität ausstrahlte.

»Gut!«, lautete der Kommentar des Lehrers, ehe er nach einer letzten skeptischen Musterung langsam den Ausgang des Gartens ansteuerte.

Die stets spaßende Aylena ließ es sich nicht nehmen, diesen Auftritt auf spottende Weise nachzuahmen und bald darauf lagen die beiden Schüler lachend im Gras.

»So, so, schon wieder habt ihr Bruder Theodor als Ziel eures Spottes ausgewählt!«, wurden sie ein zweites Mal gestört. Es trat niemand geringerer, als der Abt des Klosters aus dem Labyrinth, das an diesem Nachmittag einen Abteibewohner nach dem anderen auszuspucken schien.

Minarus verschluckte sich vor Schreck und bekam einen heftigen Hustenanfall.

Der Abt trat an sie heran. Er war zweifellos der klügste und erfahrenste Mönch im ganzen Kloster und übertraf das Alter Theodors bei weitem. Mit leicht gekrümmter Haltung bediente er sich eines Gehstocks, dessen ungeachtet ihm beeindruckende Erhabenheit und Eleganz anhafteten. Auch er war in die traditionellen Gewänder des Klosters gehüllt und trug nur noch wenige silbergraue Haare am Hinterkopf. Wer angesichts seines betagten Auftretens eine brüchige, schwache Stimme erwartete, sollte von dem weisen Greis rasch eines Besseren belehrt werden. Im Gegenteil strotzte diese vor Kraft und verlieh ihm einen Hauch von Jugend sowie eine Stärke, die bei seinem bloßen Anblick verborgen blieb.

Unter seinem strengen Blick verstummte Minarus ehrfürchtig, wogegen Aylena sich stotternd zu erklären versuchte: »Es … es war ja nicht … bös gemeint … Ich …«

Die erhobene Hand des Abtes ließ sie schweigen. Anschließend wich der strenge Blick des Klosteroberhauptes einem gutmütigen und nachsichtigen Lächeln. Nun klangen seine Worte warm und wohlwollend, als er nach kurzem Räuspern zu sprechen begann: »Ich werde euch eine Geschichte erzählen.«

Langsamen Schrittes gesellte er sich zu ihnen und ließ sich mit leisem Ächzen auf der Bank nieder.

»Wie ihr euch sicher denken könnt, war auch ich einst in eurer Situation. Jung und unerfahren, aber auch voller Tatendrang, Mut und Lebensfreude. Nicht, dass ich letztere Eigenschaften verloren hätte, doch was Jugend und Erfahrung betrifft, dürfte sich wohl einiges geändert haben.«

Er kratzte sich nachdenklich an der Stirn.

»Ah, verzeiht, ich schweife ab. Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, der Garten. Der Garten war schon zu dieser Zeit ein wundervoller Ort für uns Jugendliche, die wir allesamt der ersten großen Reise entgegenfieberten.«

Er setzte eine gewichtige Miene auf und hob den Zeigefinger. Aylena und Minarus ahnten bereits, welche Worte folgen würden.

»Wie ihr ja wisst, ist sie die wichtigste Prüfung für jedes Mitglied des Miar Seng Klosters und nicht zu unterschätzen. Doch trotz all der Gefahren, denen sich ein jeder tapfere Schüler dabei aussetzen mag, lohnt sich das heroische Ziel: Die Vermehrung von Wissen aller Art für unsere geliebte Bibliothek, die zurecht als größtes Archiv Falendars gelten darf – ein Schatz von unschätzbarem Wert!«

Die Begeisterung in den Augen des Abtes wirkte ansteckend.

»Aufzeichnungen, aus grauer Vorzeit bis zum heutigen Tag, über alles, was in Falendar geschah und lebt – jeder Edelstein verblasst daneben. Gewiss habt ihr das schon tausend Mal gehört.« Er winkte ab und fuhr nüchterner fort: »Jedenfalls ist eine solche Reise mit beträchtlicher Gefahr verbunden, denn diese kann außerhalb unserer massiven Klostermauern überall lauern. Deswegen werden jährlich nur wenige Schüler für die erste große Reise ausgewählt. Nur jene, die auch wirklich bereit sind und sich als fähig erwiesen haben, den Gefahren in der Welt da draußen trotzen zu können.«

Obwohl das den beiden Jugendlichen tatsächlich bereits mehrfach eingetrichtert worden war, blieb es doch etwas Besonderes aus dem Mund des Abtes. Seine Art des Erzählens fesselte mit jedem Wort und gebannt hingen sie an seinen Lippen.

»Eines Sommers war es dann so weit. Ich wurde für die Reise ausgewählt! Ich konnte mein Glück kaum fassen und musste dennoch meinen Übermut zügeln. Eines stand fest, jeder Schritt musste gut durchdacht sein. Wie bereits gesagt, war ich jung und unerfahren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass alles anders ablief als geplant. Doch letzten Endes führen viele Wege zum Erfolg.«

Die Gedanken an sein unerfahrenes Selbst ließen den weisen Mann kichern.

»Was habt Ihr zum Ziel Eurer Forschung gemacht, ehrwürdiger Abt?«, fragte Aylena neugierig.

»Oh, richtig, das Wichtigste hätte ich beinahe vergessen. In meiner Zeit als Novize waren es besonders die Geschichten aus der Vergangenheit, die mich in ihren Bann zogen. Und ich meine damit nicht die jüngste Vergangenheit, nein, vielmehr ging es mir um die Legenden aus altvorderen Zeiten, bei denen sich Wahrheit und Fantasie längst vermischt hatten und es daher schwerfällt, den wahren Kern der Erzählung von dem üblichen, hinzugedichteten Firlefanz zu trennen.«

Das begeisterte Leuchten war in seinen Blick zurückgekehrt und ließ ihn um Jahre jünger erscheinen.

»Die Legenden, welche ich zu entschlüsseln versuchte, entsprangen aus der Vorstellung einer Urwelt, ein Falendar, welches noch keine der heutigen bekannten Völker beherbergt hatte. Seltsame Ätherwesen, ohne fleischlich fassbare Körper, waren seine Bewohner gewesen. Doch nicht alle dieser Wesen waren von gütiger Gesinnung gewesen und so hatten die guten und bösen Mächte um Falendar gekämpft. In vielen größtenteils deckungsgleichen Erzählungen wurden die bösen Kreaturen als Dämonen bezeichnet, während die Wesen des Lichts als Engel beschrieben wurden.«

Der Abt machte eine Pause, damit sich die beiden Zuhörer in Gedanken den längst vergangenen Kampf zwischen Dämonen und Engeln ausmalen konnten.

»Natürlich gibt es bei Nachforschungen dieser Art unterschiedliche Quellen. Gewisse Erzählungen ähneln sich, beinhalten jedoch beispielsweise andere Helden oder Götter. Doch kaum eine Legende trägt nicht eine Wahrheit in sich, sei diese sinnbildlich oder wahrhaftigen Geschehnissen entnommen. Ich werde euch nur mit einem Beispiel langweilen, sonst würden wir noch hier sitzen, wenn ihr längst eure Pflanzenkundeprüfung absolvieren sollt.«

Der Abt warf einen Seitenblick auf Minarus, als ob er wüsste, dass dieser noch einiges für die Prüfung zu lernen hatte.

»Nun, es gab Berichte über eine Krankheit, die in grauer Vorzeit schlimmer als jede andere bekannte Seuche im Reich der Menschen gewütet haben soll. Angeblich fiel ihr halb Falendar zum Opfer. Damit nicht genug, war sie erst eine von mehreren Plagen, die als Vorboten eines gottgleichen Dämons den Untergang der Menschheit einläuten sollten. Diese boshafte Kreatur war eben eines jener körperlosen Wesen, welche in altvorderen Zeiten Falendar durchstreift hatten.«

Der Abt unterbrach sich erneut.

»Was waren die anderen Plagen?«, platzte es aus Minarus heraus. Diese Geschichte war genau nach seinem Geschmack.

»Nach der Seuche sollen sich die Toten aus ihren Gräbern erhoben und schließlich, mitsamt einer finsteren Armee aus höllischen Dämonenwelten, die unsere heimgesucht haben.«

Dieses Mal war es Aylena, welche die Spannungspause nicht mehr aushielt. »Und dann?«

»Glücklicherweise sandten die Götter ihre Kinder, die Engel, erneut auf die Erde nieder, um an der Seite tapferer Heiliger gegen das Böse zu kämpfen, sodass der Weltuntergang abgewendet werden konnte.«

Auf Minarus‘ Gesicht zeigte sich ein Anflug von Enttäuschung. So ein abruptes, lapidares Ende hatte er nicht erwartet.

Der Abt ließ sich davon nicht beirren. »Solche Übertreibungen sind nichts Ungewöhnliches in alten Geschichten, so werden sie doch wieder und wieder erzählt und mit jedem Mal wird der Effekthascherei wegen noch etwas mehr hinzugedichtet.«

»Das war es? Alles nur aufschneiderisches Gerede? Bestimmt habt Ihr mehr herausgefunden«, protestierte Aylena.

Der Alte nickte langsam. »Ich reiste weit auf den Spuren dieser Legende und erkannte, dass sie stark verbreitet in der einen oder anderen, leicht veränderten Form auftrat. Ihr wärt erstaunt, wie viele Gemeinsamkeiten sich in den alten Erzählungen verschiedenster Völker finden lassen, auch wenn Vorkommnisse und Personen manchmal andere Namen tragen. Wer diese Berichte richtig zu vergleichen weiß, der nähert sich unweigerlich ihrem Kern, dem tatsächlichen Ereignis.«

»Es hat die Seuche tatsächlich gegeben!«, rief Minarus.

»Unzweifelhaft!«

»Und der Dämon?«, hauchte Aylena gespannt.

Der Abt setzte ein nachdenkliches Gesicht auf. »Da ist die Beweislage wesentlich dünner. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass die Seuche mit dem erwähnten sehr dunklen Zeitalter in Verbindung gebracht werden kann. Einem Zeitalter, in dem tatsächlich mächtige Dämonen über unsere Welt wandelten, in jahrhundertealtem Kampf mit ebenso mächtigen Wesen.«

Er zeigte in den blauen Himmel, als ob sich dort fliegende Kreaturen aus altvorderen Zeitaltern eine Schlacht liefern würden.

»Aber ich glaube, ich wiederhole mich. Wie dem auch sei, die Aufzeichnungen meiner ersten großen Reise haben ihren Platz in den Archiven gefunden. Letzten Endes ist daraus wohl die größte Sammlung von Geschichten und Legenden aus den verschiedensten Ecken von Falendar geworden.«

Er lachte.

»Jetzt habe ich euch genug aufgehalten. Eine ausführliche Erzählung, die so einer Reise gerecht wird, würde Tage kosten. Außerdem kam mir zu Ohren, dass ihr noch für eine Pflanzenkundeprüfung lernen solltet.«

Er zwinkerte verschmitzt.

»Lasst mich euch eins sagen: Ich habe gelernt, dass in so einem Abenteuer nichts wichtiger ist als Freundschaft. Auf der ersten großen Reise erkennt man, welche Werte des Lebens dieses bereichern oder gar sinnvoll machen. Freundschaft ist der wichtigste Wert und glaubt mir, Freundschaft ist auch der Schlüssel zum Erfolg.«

Das Klosteroberhaupt verstummte und blickte versonnen zu den Sträuchern, die in aufwändiger Arbeit die Form aller möglichen Wesen Falendars angenommen hatten. Sein verträumter Blick ließ darauf schließen, dass er in Gedanken wohl gerade ein weiteres Mal seine erste große Reise durchlebte. Minarus und Aylena wollten ihn nicht weiter stören und entfernten sich leise.

»Was hältst du davon?«, fragte Aylena, als sie außer Hörweite des alten Mannes waren.

»Ich werde nicht schlau aus ihm. Mich dünkt stets, dass er mit allem, was er sagt, Hinweise gibt. Ob es nun sinnvoll erscheint oder nicht, irgendwo ist bestimmt eine Weisheit verborgen, die uns irgendwann noch nützen wird. Klingt komisch, ich weiß, aber was für andere das Geplapper eines alten Mannes sein mag, empfinde ich als wichtig zu wissen. Als ob er die Zukunft und mein Wesen kennt und mir etwas mitgibt, dass mir einmal noch helfen wird. Ich weiß, ich kann mich mal wieder nicht ausdrücken.« Minarus zuckte mit den Achseln und blickte Aylena entschuldigend an.

Seine Freundin nickte ernst. »Ich verstehe genau, was du meinst, mir ergeht es ebenso. Auch wenn er alt wirkt, senil ist unser Abt nicht. Ich glaube, seine Sätze sagen und helfen uns mehr, als es die des alten Habichts je tun werden.«

Bei der Erwähnung des Lehrers wurde Minarus bewusst, dass er noch zu lernen hatte. Mit leichtem Bedauern verabschiedete er sich von Aylena und zog sich in eine stille Ecke des Gartens zurück. Diesmal jedoch nicht, um über alte Schlachten und vergangene Kriege zu lesen, sondern um brav verschiedenste Pflanzen und ihre Heilwirkung zu büffeln. Er wollte sich schließlich als kluger Schüler auszeichnen, auf dass er diesen Sommer endlich für die erste große Reise ausgewählt würde. Doch fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren, denn die Worte des Abtes wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen.

Das Grauen der toten Stadt

Grüne Dunstschwaden zogen durch die Gassen der Roten Stadt und ließen deren Namen als geradezu lächerlich erscheinen. Bis auf das Pfeifen des Windes, welcher auch noch das letzte aller Gebäude in den giftigen, hässlichen Nebel hüllte, lag Stille über den ausgestorbenen Straßen.

Plötzlich raschelte es. Ein loses Holzbrett einer sehr dürftig zusammengezimmerten Bettlerhütte wurde zur Seite geschoben und durch das entstandene Loch streckte ein kleines Mädchen den Kopf nach draußen.

Nachdem es sich kurz umgesehen hatte, krabbelte es eiligst hinaus und flüsterte ins Loch zurück: »Die Luft ist rein.«

Ihm folgte ein kleiner Junge mit weit aufgerissenen, ängstlichen Augen.

Die beiden Kinder boten einen erbärmlichen Anblick. Ihre verwahrlosten Kleider, kaum mehr Stofffetzen, starrten vor Schmutz. Auch die Konturen ihrer Gesichter waren unter einer dicken Dreckschicht nur vage zu erkennen, sofern das struppige, verfilzte Haar überhaupt einen Einblick in diese gewährte. Das Mädchen war seiner Größe nach zwei bis drei Jahre älter als sein Begleiter, doch höchstens acht Sommer alt.

Barfuß huschten die beiden zum nächsten Steinhaus, wo das Mädchen vorsichtig um die Ecke spähte. »Er ist nicht da! Jetzt!«

Die beiden stolperten los. Ihre Beine vermochten kaum mehr die ausgemergelten Körper zu tragen. So rasch es eben ging, überquerten sie die breite Straße und kauerten sich auf der anderen Seite in eine Nische des großen Steinhauses. Es handelte sich um einen Vorratsschuppen, das Ziel der beiden Kinder. Auch hier diente ihnen ein loses Brett, welches ursprünglich ein kaputtes Fenster zu ersetzen hatte, als Durchgang ins Innere. Die muffige, abgestandene Luft in dem Gebäude war eine wahre Wohltat, gegenüber dem Gestank von draußen.

Nachdem der Junge ihm gefolgt war, schloss das Mädchen rasch die Eingangsluke. Die beiden Kinder atmeten erleichtert auf.

»Er hat sich schon lange nicht mehr blicken lassen!«, sprach das Mädchen mit gedämpfter Stimme, als fürchtete es, von draußen gehört zu werden.

Der Junge nickte bloß und ließ den Blick durch den Vorratsschuppen schweifen. Brote, Früchte, Gemüse, Kartoffeln, Mehl und Getreide waren einst schön ordentlich aufeinandergestapelt gewesen, nun lag alles wild durcheinander. Die meisten Lebensmittel sahen längst nicht mehr frisch aus, einige hatten sogar den eigentümlichen Grünton angenommen, welcher mittlerweile der ganzen Stadt anhaftete.

Wieder begann die Kleine zu sprechen, allerdings mehr zu sich selbst: »Ich dachte, die Soldaten seien gekommen, um uns zu helfen. Aber auch sie sind verrückt geworden und dann …« Sie vollendete den Satz nicht, sondern blickte ihren jüngeren Kameraden traurig an.

Der Bub nickte wortlos.

Die Stimme des Mädchens klang verzweifelt und verloren, als es erneut die unangenehme Stille durchbrach: »Denkst du, wir werden überhaupt noch gerettet? Und wo ist Aro?« Es schluckte schwer und wandte den Blick von seinem Begleiter ab. »Ich habe Aro nicht mehr gesehen, seit wir das letzte Mal auf ihn getroffen sind. Er ist in eine andere Richtung davongelaufen. Viellei…«

Es verstummte schlagartig, als etwas an dem Holzbrett schabte, das ihnen als Eingangstor diente. Den Kindern stockte der Atem. Sie klammerten sich aneinander und horchten ängstlich. Erneut schabte es am Holz, ehe ein leises Jaulen die Augen der Kinder aufleuchten ließ. Ihnen war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben, als sie eiligst den Durchgang frei machten und ein struppiger, zerzauster Hund mit wild wedelndem Schwanz durch das Loch sprang. Fröhlich bellend warf er die Kinder fast um und leckte ihnen abwechslungsweise zur Begrüßung ungestüm übers Gesicht.

»Aro!«, freuten sich die zwei und kraulten den Hund hinter den Ohren.

»Ich wusste doch, du findest wieder zu uns!«, sagte das ältere der beiden Kinder begeistert, ermahnte das liebenswerte Tier jedoch gleich darauf, still zu sein.

In der Folge gönnten sich die drei ein eintöniges Mahl aus den wenigen Speisen, die noch als genießbar einzuschätzen waren. Anschließend blickten sie von der hölzernen Galerie des Schuppens aus nach draußen auf die Straße.

Plötzlich kam Bewegung in die Nebelschleier. Sie begannen zu wirbeln und das grüne Leuchten des Dunstes nahm auf pulsierende Art und Weise zu, als würde die Stadt ihren kranken Atem im Rhythmus von Herzschlägen durch die Straßen hauchen.

»Da! Es beginnt wieder! Er kommt!«, flüsterte das Mädchen und schmiegte sich an den Jungen und den Hund.

Auch Aro bemerkte die Veränderung. Nach leisem Knurren verstummte er schließlich, als ob er genau wüsste, wie unklug diese unnötige Erregung von Aufmerksamkeit wäre.

Auf der Straße erklang das Tappen schwerer Schritte. Die Umrisse dreier Gestalten wurden im Dunst erkennbar. Es dauerte nicht lange bis sich offenbarte, wer die Straße hinabschritt. Die beiden Kinder hielten vor Angst die Luft an.

»Jetzt sind es schon drei geworden!«, flüsterte das Mädchen entsetzt.

Der Junge nickte nur in stummer Verzweiflung.

Die drei Gestalten trugen als einziges Kleidungsstück jeweils einen schwarzen Rock, der seltsame, giftgrün leuchtende Verzierungen aufwies. Das Leuchten war zweifelsohne magischen Ursprungs. Ihr nackter Oberkörper war übersät von blutroten Tätowierungen, die auf der unnatürlich aschfahlen Haut bedrohlich hervorstachen. Die Körperverzierung bestand aus seltsamen Zeichen, ähnlich derer, welche die Röcke säumten, sowie aus grässlichen Darstellungen von Totenköpfen. Haare trugen sie keine auf dem Kopf, jedoch zierte eine jede Schädelkuppe dasselbe, unansehnliche, eingebrannte Mal. Es war eine Art Stern, in dessen Mitte eine Fratze ruhte, welche mit leeren Augenhöhlen den Mund schrecklich weit aufgerissen hatte. Der vorderste der drei trug eine große Sense in seiner Rechten.

Seine Stimme klang abwechselnd erst wie ein Zischen und anschließend sehr tief und bedrohlich, als er sprach: »Schon bald ist es vollbracht. Niemand kann sich der unbarmherzigen Seuche widersetzen. Wie die Fliegen werden sie dahingerafft oder verlieren ihren Verstand und brabbeln fortan nur noch belangloses Zeug. Wie schwach die Ungläubigen doch sind. Sie in den Diensten des Allmächtigen zu wissen, wäre eine Beleidigung.«

Einer seiner Begleiter stimmte ihm zu. »Nur als willenlose, auf ewig verdammte, untote Sklaven unserer dunklen Magie sollen sie die Befehle des Gebieters befolgen.«

Die Augen des Anführers funkelten boshaft. »Schon bald, meine Brüder, werden wir, als seine treu ergebenen Untertanen, die Herrschaft des Allmächtigen in ganz Falendar ausweiten und ihm zu seinem alten Glanz verhelfen. Die Jünger Tzerrskars werden triumphieren.«

Mit der Sense deutete er die Straße hinab. »Wenn ihr auf jemanden trefft, der bis jetzt überlebt hat, so reißt ihm augenblicklich die Eingeweide heraus und bringt mir ihre leblosen Hüllen, auf dass ich ihre ärgerliche Resistenz genauer untersuchen kann. Nach diesen Überlebenden zu suchen, wäre hingegen vergebliche Mühe. Früher oder später laufen sie uns in die Arme. Verstanden?«

Die drei unheimlichen Kultisten stimmten ein Lachen an, das den Kindern durch Mark und Bein ging. Für einen kurzen Moment blieb der wandernde Blick des Anführers der Schreckgestalten auf dem Vorratsschuppen hängen. Den Kleinen stockte der Atem. Die Luft schien vor Spannung zu knistern und eine lähmende Kälte kroch langsam in ihre Glieder. Doch dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, wandte er sich abrupt ab und zog mit seinen Getreuen von dannen.

»Jetzt, da wir Aro wieder gefunden haben, können wir unseren Plan verwirklichen. Noch heute Abend fliehen wir!«, flüsterte das Mädchen mit neu gewonnenem Enthusiasmus.

Wieder brachte der Junge bloß ein zustimmendes Nicken zustande, während Aro die erstarkte Zuversicht bemerkte und freudig um sie herumhüpfte.

»Nicht schlecht, aber noch deutlich verbesserungswürdig!«, lautete der knappe Kommentar des alten Lehrers von Minarus und Aylena. Der Mönch rückte sich die Brille auf der gewaltigen Hakennase zurecht und ließ das Testergebnis auf Minarus‘ Pult fallen.

Natürlich entging diesem Aylenas offenkundige Belustigung hierüber nicht, wahrscheinlich hatte sie ihn ein weiteres Mal übertrumpft.

Nun war sie an der Reihe. Die strenge Stimme des Lehrers übertönte das aufgeregte Geflüster der Klasse, die nur aus neun Schülern bestand: »Nicht schlecht, aber noch deutlich verbesserungswürdig!«

Seine sonore Stimme ließ Aylenas breites Grinsen auf der Stelle einfrieren. Nun lag es an Minarus ein schadenfrohes Lächeln aufzusetzen.

»Wie zu erwarten war, sind wieder einmal keine herausragenden Werte zu vermerken. Mit dieser Klasse hat man sein Kreuz!«, sprach der Lehrer, der bei keiner Rückgabe einer Klassenarbeit seine Monologe über die angeblich talentfreien Schüler unterließ. Der Rest seiner Sätze ging in ein unverständliches Gemurmel über.

»Na los, geht schon!« Ein Wink mit der Hand entließ sie aus dem Klassenzimmer, welches mit einigen wenigen Pulten, einem großen Kreis aus Sitzkissen, einem Atlas, einer großen Schreibtafel und einer Magiekugel, die einen Einblick in längst vergangene Szenen der Geschichte ermöglichte, recht spärlich eingerichtet war.

Auf dem Gang trafen sich Minarus und Aylena, nun beide mit breitem Grinsen.

»Tja, da hättest du halt besser lernen müssen!«, sagte Minarus in gespielt strengem Ton.

»Ach was, ein nicht schlecht aus dem Mund von der Hakennase kommt einer höchsten Auszeichnung gleich!«, lautete die schlagfertige Antwort Aylenas und beide kicherten leise.

Plötzlich wurde Minarus brutal zur Seite gestoßen, sodass er gegen die kalte Steinwand prallte. Das dunkelgrüne Gestein, welches von weißen Linien wie ein Spinnennetz durchzogen war, reagierte prompt auf den Zusammenstoß. Vom Ort des Aufpralls breiteten sich die weißen Linien schlagartig in alle Richtungen aus, sodass es aussah, als ob Glas gesplittert wäre. Anschließend wandelte sich das Muster wieder in seine gewohnte Unregelmäßigkeit um. Niemand nahm von den Veränderungen des besonderen Steins Notiz, wusste doch jeder Klosterbewohner von der speziellen und eigenartigen Beschaffenheit des Gemäuers.

»Na, du Verlierer? Ich hoffe, du wirst hier im Kloster einen schönen Sommer verbringen. Oder besser gesagt, einen schön langweiligen Sommer!«, höhnte die vor Spott triefende Stimme von Laudan, einem grobschlächtigen, breit gebauten Mitschüler der beiden Jugendlichen.

Was Minarus widerfahren war, ließ sich zweifellos dessen kräftigem Arm zuschreiben. Weder er noch Aylena hielten viel von dem Kerl, der allgemein für seine Brutalität, Arroganz und sein unüberlegtes Verhalten bekannt war. Minarus wurde zu seinem Verdruss überdurchschnittlich häufig als Opfer ausgesucht, da Laudan auf seine gute Beziehung zu Aylena eifersüchtig war.

»Ich weiß nicht, was du meinst?«, lautete Aylenas Antwort und sie blinzelte fragend.

Laudan beließ es bei einem spöttischen Grinsen und verließ ohne weitere Worte den Schauplatz.

»Was sollte das denn heißen?«, fragte Minarus verdutzt, rieb sich die schmerzende Schulter und schickte dem Grobian einen grimmigen Blick nach.

»In seiner gewohnten Überheblichkeit denkt er wohl, er sei längst für die erste große Reise dieses Sommers auserkoren. Uns traut er das nicht zu.« In Aylenas sonst stets fröhlichem Gesicht war die unterdrückte Wut deutlich anzusehen.

»Du meinst, er traut es mir nicht zu, dich würde er liebend gerne dabeihaben!«, grummelte Minarus und verzog das Gesicht, als er die schmerzhafte Stelle an seinem Arm ertastete.

Der Zorn seiner Freundin wich sogleich ihrer Fürsorge. »Schmerzt es sehr?«

Minarus entgegnete ein aufmunterndes Lächeln. »Ach was, halb so schlimm! Komm, wir sind schon spät dran für die nächste Lektion.«

Die beiden machten sich auf den Weg zum nächsten Klassenzimmer. Eine lange Wendeltreppe führte sie hinab in die Kellerbereiche, die ob ihrer Größe und Verworrenheit von vielen auch »Katakomben« genannt wurden. Trotzdem kannten die Schüler ihren Weg in- und auswendig. Der charakteristische grüne Stein, aus dem der obere Klosterbereich aufgebaut war, wich hier stellenweise grob bearbeitetem, teils von Moos überwuchertem Fels. Wären die Wände nicht von einer Vielzahl an Fackeln gesäumt, deren Schein selbst die oft auftretenden Nischen ausleuchtete, hätte wohl manch einer längst angsterfüllt das Weite gesucht oder sich im Dunkel des Labyrinths verirrt.

Unwillkürlich fröstelte Aylena, als sie das Ende der Treppe erreicht hatten und ihnen ein kühler Luftzug ums Gesicht strich.

Schnuppernd hob Minarus die Nase in die Luft.

»Da lang!«, gab er mit einem Grinsen die Richtung an und tat noch immer so, als ob er sich am Geruch orientieren würde.

In der Tat füllte ein ungewohnter Duft das Kellergewölbe, dessen Quelle nur unschwer auszumachen war. Eine eisenbeschlagene, schwere Holztür stand unweit der Jugendlichen sperrangelweit offen und entließ dichten, violetten Rauch in den angrenzenden Gang. Es hatte den Anschein, als ob der Dunst sich zu menschlichen Gliedmaßen festigen wolle, jedoch stets vor dem Erreichen seines Ziels wieder auseinanderstob.

Sowohl auf Aylenas als auch auf Minarus‘ Gesicht zeichnete sich ein erfreutes Lächeln ab.

»Sieht ganz nach einer Praxisstunde anstelle fader Theorie aus!«, kommentierte Minarus scharfsinnig und wedelte mit der Hand, um den dichten Rauch von seiner Nase fernzuhalten.

Aylena nickte nur und schritt mutig voran in die violetten Dampfschwaden. Hustend und blinzelnd stolperten die beiden in ihr Klassenzimmer, in dem sich bereits einige Mitschüler befanden, die entweder noch mit denselben Problemen zu kämpfen hatten oder sich bereits über ihre Kameraden lustig machten.

»Setzt euch, Kinder!« Die wispernde Stimme des Lehrers ging fast im vereinzelten Husten der letzten Nachzügler unter.

Minarus musste über Bruder Alchius lachen, der sich selbst in dieser Situation bemühte, ein möglichst geheimnisvolles, magisches Auftreten an den Tag zu legen. Seine Eigenart, allzeit mysteriös wirken zu wollen, gehörte zu einer von vielen Angewohnheiten, die ihm den Ruf des leicht verwirrten Sonderlings eingebracht hatten. Dabei war ihm bereits von vielen Seiten der Rat nahegelegt worden, er solle doch diese vergeblichen Versuche, ein Magier zu sein, aufgeben. Es war kein großes Geheimnis und nur allzu offensichtlich, dass Bruder Alchius nicht zu den wenigen Glücklichen gehörte, denen die Gabe der Magie gegeben war. Auch wenn er immer wieder beteuerte, ihm seien bereits einige Zauber gelungen, wollte ihm diesbezüglich niemand so richtig glauben. Selbst seine Kleidung hatte bereits oft Anlass zu liebenswürdigem Spott gegeben, denn der verschrobene Lehrer war sich gewohnt, einen viel zu großen Magierhut und eine dazu passende Robe, samt darauf eingesticktem Sternenhimmel zu tragen. Diese Garderobe war nicht nur ausschließlich den Angehörigen der Zunft der Magie vorbehalten, sondern auch längst in die Jahre gekommen.

Dafür durfte Alchius eine andere Fähigkeit sein Eigen nennen, die Minarus und Aylena sehr bewunderten. Der alte Lehrer besaß ein schier unerschöpfliches Wissen über die Pflanzen, Pilze und anderen Zutaten Falendars, die sich für alchemistische Tränke eigneten. Trotz seinem Hang zur Flunkerei wenn es um die Magie ging, war er ein sehr geachteter Klosterbruder, den die ganze Abtei liebgewonnen hatte.

Nun rückte er ohne wesentlichen Erfolg seinen Hut gerade, räusperte sich kurz und machte eine Armbewegung, die einem echten Zauberer beim Rezitieren einer komplizierten Formel alle Ehre gemacht hätte. Alle Schüler nahmen auf den Steinbänken Platz, die mit ihrem roten Samtkissenüberzug recht komfortable Sitzgelegenheiten darstellten.

Zu Minarus‘ Leidwesen hatte der großspurige Laudan direkt in der Bank hinter ihm Platz genommen und würde gewiss keine Gelegenheit auslassen, ihm jede Menge Ärger zu bereiten. Wenigstens hatte er Aylena an seiner Seite, was, ganz gleich in welchem Unterricht, stets eine Menge Spaß versprach.

Das Räuspern des Lehrers ließ die Schüler verstummen.

»Puminkuli«, flüsterte Alchius so geheimnisvoll, wie es ihm mit lächerlich ausschweifenden Armbewegungen und wallendem Umhang möglich war.

Laudan, der sich stets in den Mittelpunkt stellen musste, ahmte ihn sogleich nach und erntete Gelächter von den umliegenden Schülern.

Sofern Alchius etwas gehört hatte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken. »Ja, heute erschaffen wir einen Puminkuli! Das ist etwas ganz Besonderes in der Geschichte der Alchemie und für jeden Alchemisten ein unvergesslicher Moment. Heute werdet ihr die Glücklichen sein, sofern es überhaupt klappt, denn eines steht fest: Wir bewegen uns mit diesem Wagnis in der fortgeschrittenen Kunst des Tränkebrauens!«

Sein strenger Blick wanderte über die ganze Klasse und wurde von einem mahnenden, erhobenen Zeigefinger unterstrichen.

»Passt also gut auf! Zunächst einige Sätze Theorie …«

Ein allgemeines Seufzen ging durch die Klasse und ließ Minarus unwillkürlich grinsen. Dass aus diesen »einigen Sätzen« ein Vortrag von mindestens einer Stunde werden würde, wusste jeder, der einmal Alchius‘ Unterricht besucht hatte.

Aylena beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte: »Hast du Lust auf ein kleines Abenteuer?«

Auf Minarus‘ fragenden Blick hin, erklärte sie: »Komm heute nach Schulschluss in den Garten zur Bank von gestern, dann erfährst du mehr!«

Der junge Klosterschüler verdrehte die Augen, hatte er doch bereits durch Alchius genug von der Geheimnistuerei. Das abenteuerlustige Glitzern in den Augen seiner Freundin zauberte jedoch ein Lächeln auf sein Gesicht. Er musste wohl oder übel seine Neugier zügeln, denn Aylena verlor kein weiteres Wort mehr darüber. Stattdessen begann die erwartete Tortur durch Laudan, der Minarus‘ Kopf zur Zielscheibe einiger Wurfübungen mit Kieselsteinen machte.

»Einfach ignorieren!«, flüsterte Aylena.

Leichter gesagt als getan.

»… und somit ist der Puminkuli als temporäre, kleine Nachahmung eines Wesens, bestehend aus verschiedenen, sich komprimierenden Dämpfen, ein treuer Begleiter des fähigen Alchemisten. Die Puminkuli der Experten dieser Zunft können sich sogar so sehr verdichten, dass sie in der Lage sind, kleine Gegenstände zu greifen und zu apportieren! Zudem können diese Puminkuli mehrere Mondumläufe überstehen, ohne geringste Anzeichen von Schwäche oder Zerfall zu zeigen. Dafür jedoch braucht man einige Jahre Übung.«

Plötzlich geriet der Redefluss ins Stocken und der alte Lehrer errötete. »Mein Puminkuli ist leider vor dem Unterricht in … äh … Rauch aufgegangen, was ihr beim Eintreten wohl bemerkt haben mögt. Natürlich war er zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Wochen alt, das versteht sich.« Er ließ einen prüfenden Blick durch den Raum wandern, ob ihm auch jeder diese Lüge abkaufte.

Ohne eine weitere Reaktion auf die vielen grinsenden Gesichter zu zeigen, teilte er jedem ein vollgekritzeltes Pergament aus.

»Da wir nicht zu viel Zeit verlieren wollen, war ich so frei, euch das Rezept bereits aufzuschreiben. Ihr werdet in Paaren arbeiten, was hoffentlich die Fehlerquote etwas verringern wird. Vier Augen sehen stets mehr, als es nur zwei tun und nun sucht euch die Reagenzien zusammen!«

Die Schüler erhoben sich von den Bänken, reckten sich und schlurften zu den Regalen, welche entlang der Seitenwände rund ums Zimmer in dafür vorgesehenen Einbuchtungen des Gesteins standen.

Minarus kam nicht umhin, über die Vielfalt an Zutaten zu staunen. Über getrocknete Innereien des Grauholzschnäppers, den Augäpfeln eines Singaals, den winzigen Blättern der Minikuliono Pflanze, dem Gift der siebenäugigen Natter bis hin zur Rinde des Klageliedbaumes gab es jede Zutat, die Minarus kannte und noch viele mehr. Sie waren alle fein säuberlich eingeordnet und mit kunstvoller Federschrift benannt. Bestimmt steckte hinter der Beschaffung von manch einer Kostbarkeit eine abenteuerliche Heldengeschichte.

Für den Neuling war es eine Herausforderung, sich zwischen all den Phiolen, Keramiktöpfchen, sonderbar geformten Glasgefäßen, Jutesäcken, Schatullen und kleinen Holztruhen zurechtzufinden. Vielen Behältern entstiegen die unterschiedlichsten Düfte, von ekelerregend bis angenehm, während aus einigen unaufhörlich Rauch blubberte, der sich nach kurzer Zeit in Luft auflöste. Auch bereits fertig gebraute Tränke, die durch ihr Gewicht das Holz bedrohlich durchbogen, durften auf den Ablagebrettern nicht fehlen.

Minarus fühlte sich hingegen wohl inmitten dieses Sammelsuriums. Gemächlich suchte er zusammen mit Aylena, die sich ihm bereitwillig angeschlossen hatte, nach den richtigen Zutaten.