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Eine Prophezeihung prägt das Leben in Monsolis: Die Rache Gottes wird als verheerender Krieg auf die Erde niederfahren. Einzig ein mehrfachbegnadeter Mensch könnte diesen Krieg verhindern. Da niemand weiß, was das bedeutet, bereitet man sich auf das Schlimmste vor. In Camps werden junge Leute zu Soldaten ausgebildet und auf ihre Fähigkeiten geprüft. Dabei offenbart die 16-jährige Kaytlin besondere Begabungen, was sie in den Fokus des „Königs der Unterwelt“ rückt …
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Veröffentlichungsjahr: 2024
HYBRID VERLAG
Vollständige elektronische Ausgabe
03/2024
Fallen – Flüstern der Hoffnung
© by Nikki Reva
© by Hybrid Verlag
Westring 1
66424 Homburg
Umschlaggestaltung: © 2024
by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
Lektorat: Mascha Fekete
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Nadine Engel
Autorenfoto: privat
›Melodie der Unsterblichkeit – Die Entscheidung‹
© 2023 by Florin Sayer-Gabor (www.100covers4you.com)
›Melodie der Unsterblichkeit – Die Suche‹
© 2024 by Magical Cover Design, Giuseppa Lo Coco
ISBN 978-3-96741-257-4
www.hybridverlag.de
www.hybridverlagshop.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
Printed in Germany
Nikki Reva
Fallen
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Flüstern der Hoffnung
Fantasy
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- 43 -
Danksagung
Die Autorin
Hybrid Verlag …
- 1 -
Das Erste, was ich spüre, ist die Kälte. Gnadenlos kriecht sie durch meine Kleidung und bringt meinen Körper zum Erschaudern. Ich zittere so stark, dass meine Zähne klappern und ich mir die Decke über die Schultern ziehen möchte. Doch auf der Suche nach ihr greifen meine Finger in etwas Schleimiges. Erschrocken quieke ich und springe auf die Füße.
Das ist eindeutig nicht mein Bett! Wo zur Hölle bin ich? Orientierungslos sehe ich mich um. Es ist so dunkel, dass ich kaum etwas erkenne. Ein eiskalter Wind fährt mir durch die Haare und die dünne Kleidung. Mit um den Oberkörper geschlungenen Armen drehe ich mich um die eigene Achse. Mein Herz schlägt wie wild. Deutlich spüre ich das Adrenalin, das durch mich hindurchjagt.
Um mich zu beruhigen, atme ich tief durch die Nase ein. Erst jetzt registriere ich den Geruch, der mich umgibt. Er ist so präsent, dass ich mich frage, warum er mir nicht schon früher aufgefallen ist. Ich erkenne ihn augenblicklich und runzle die Stirn. Erde? Das ist unmöglich!
Prüfend reibe ich die Finger aneinander. Ja, eindeutig ist das Erde, die daran klebt. Ich hocke mich hin, streiche mit zittrigen Fingern über Blätter, Stöcke und Steine. Meine Knie versinken leicht in dem schlammigen Boden.
Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit, sodass ich Umrisse vereinzelter Bäume und Büsche erkenne. Die Gegend um mich herum kommt mir nicht annähernd bekannt vor.
Es muss sich um einen Traum handeln. Ich erinnere mich nicht daran, mein Zimmer verlassen zu haben. Sobald ich die Augen schließe und mehrmals tief durchatme, werde ich mit Sicherheit wieder in meinem Bett liegen. Hoffnungsvoll sauge ich die modrige Luft in meine Lunge. Konzentriere mich auf meine Atmung und versuche, eine Ruhe in mir zu finden, von der ich weiß, dass es sie nicht geben wird. Für ein paar Sekunden verharre ich in dieser Position. Verzweifelt darauf aus, den kalten, heulenden Wind und meine Angst auszublenden. Doch egal, wie lange ich in dem kalten Schlamm knie. Egal, wie lange ich mir einzureden versuche, dass ich nicht in einem dunklen, unheimlichen Wald bin. Es ändert sich nichts.
Ein Rascheln zu meiner Linken lässt mich herumfahren. In der Stille ist das Geräusch ohrenbetäubend laut. Ich versteife mich, kralle die Finger in den Boden und starre auf den Schatten, der hinter einem Busch emporragt.
Unmittelbar kommt mir das Bild eines Bären in den Sinn. Aufgerichtet und mit gebleckten Zähnen, die so scharf sind, dass sie ohne Probleme Knochen durchbeißen könnten. Speichel tropft daran herunter. Mit seinen Pranken schlägt er nach mir. Seine wilden Augen starren mich unentwegt an. Aggressiv und hungrig.
Ich keuche. Bekomme kaum noch Luft. Mein Herz klopft so stark in meiner Brust, dass ich befürchte, es würde jeden Moment herausspringen. Vergessen ist die Kälte. Ohne nachzudenken, rappele ich mich auf. Stolpere einige Schritte rückwärts, bevor ich mich umdrehe und losrenne.
Immer wieder streife ich Sträucher und tief hängende Äste, die mir Arme, Beine und Gesicht zerkratzen. Dennoch renne ich weiter. Ignoriere die Schmerzen und setze stur einen Fuß vor den anderen. Der schlammige Boden erschwert es mir, voranzukommen. Immer wieder rutsche ich weg. Schlittere mehr, als dass ich renne. Dennoch halte ich nicht inne. Blind vor Angst stolpere ich durch die Dunkelheit. Auch wenn sich meine Augen inzwischen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben und ich Hindernissen dadurch gut ausweichen kann, sehe ich Monster, die mich aus den Büschen heraus anstarren. Blutdürstig. Hungrig. Bereit, sich auf mich zu stürzen. Jeder Schatten verwandelt sich in eine Bedrohung. Jedes Rascheln in eine Gefahr.
Immer weiter kämpfe ich mich voran, ohne darauf zu achten, wohin ich trete. Wie aus dem Nichts bleibt mein Fuß an etwas Hartem hängen. Ein Schrei platzt aus meiner Kehle, als ich der Länge nach hinfalle. Reflexartig fange ich mich mit beiden Händen ab, um mein Gesicht vor dem Aufprall zu schützen. Ein stechender Schmerz explodiert in meinem rechten Arm. Ich fahre herum und scanne hektisch die Umgebung. Doch da ist kein Bär, der auf mich zuspringt. Nichts ist zu hören, außer dem Rascheln der Blätter und meinem eigenen keuchenden Atem. So kann ich verdammt noch mal nicht weitermachen! Ich muss mich beruhigen. Sofort!
»Komm schon, Kaytlin! Konzentriere dich!«, murmle ich. »Was hast du in den vergangenen fünf Jahren im Camp gelernt?«
Befindet man sich an einem unbekannten Ort, ist es notwendig, sich einen Überblick zu verschaffen. Wir waren oft zum Training im Wald, egal ob bei Tag oder Nacht. Waren gezwungen, den Rückweg aus eigener Kraft zu finden und mit dem zurechtzukommen, was die Natur uns zu bieten hatte. Allerdings nicht alleine, sondern mindestens zu zweit. Doch da wusste ich, was auf mich zukommt. Jetzt hingegen habe ich absolut keine Ahnung, was hier los ist. Kann es sein, dass dies nur ein Test ist? Eine Art Zwischenprüfung, um unser Können auf die Probe zu stellen? Der Gedanke beruhigt mich, auch wenn ich tief im Inneren Zweifel an dieser Theorie habe. Trotzdem darf ich jetzt nicht die Nerven verlieren.
Für einige Minuten verharre ich auf dem kalten Boden des Waldes, lausche dem Rauschen des Windes, der durch die Wipfel der Bäume weht, und nehme den würzigen Duft des Laubes wahr. Die Geräusche wirken nicht mehr so beängstigend und auch die Schatten sehen nicht länger aus wie Monster, sondern wie ganz normale Bäume und Büsche. Langsam spüre ich, wie sich mein Herzschlag wieder normalisiert und die Kälte mich wieder in Beschlag nimmt. Meine Sachen sind vom Schlamm durchtränkt. Das macht es nicht gerade besser, ich zittere am ganzen Leib.
Was soll ich jetzt nur tun? Ewig hier liegen zu bleiben, ist keine Option.
»Verdammt noch mal, denk nach! Wo bist du hier?« Meine Stimme zittert und klingt seltsam dumpf. Doch es hilft, mit mir selbst zu sprechen. »Wie bist du hergekommen?«
Gestern Abend bin ich wie sonst auch immer zu Bett gegangen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist dieser feuchte Waldboden. Selbst die grünen Schlafshorts und das schwarze Tanktop trage ich noch. Das ist doch verrückt!
Jetzt, nachdem der erste Schock vorüber ist, merke ich, wie sehr meine nackten Füße schmerzen. Gefühlt stecken immer noch kleine Steine und Dornen in meinen Fußsohlen und ein Brennen lässt mich einen Schnitt an der Ferse vermuten. Egal, ich muss hier irgendwie weg.
Neben mir erkenne ich die Umrisse eines Baumes, was mich auf eine Idee bringt. Ich knie mich hin und strecke die Hand nach dem Stamm aus. Vorsichtig fahre ich über die raue Rinde und spüre jede kleine Unebenheit.
Wenn ich von hier unten nicht sehe, in welche Richtung ich am besten laufen sollte, versuche ich es eben von weiter oben. Auch wenn das Blätterdach zu dicht ist, um zu erkennen, ob mir der Mond genügend Licht spendet — habe ich denn eine andere Wahl? Langsam stehe ich auf und taste den Stamm ab. Nach ein paar Herzschlägen werde ich fündig. Das Holz fest umgreifend, ziehe ich mich mühelos daran nach oben. Doch kaum stehe ich aufrecht darauf, durchzuckt ein brennender Schmerz meinen Fuß. Der Schnitt an der Ferse scheint tiefer zu sein als vermutet. Vor Schreck verliere ich für einen Moment das Gleichgewicht. Dieser verdammte Schlamm an meinen Fußsohlen sorgt dafür, dass sie rutschiger sind als eine matschige Wiese im Dauerregen.
Ein Stöhnen unterdrückend, beiße ich die Zähne zusammen und erblicke den nächsten Ast schräg über mir. Mit der linken Hand halte ich mich am Stamm fest und versuche, ihn mit der Rechten zu fassen. Einmal erreicht, ist es ein Leichtes für mich, hinaufzuklettern.
Der weitere Aufstieg ist keine Herausforderung für mich. Schnell erreiche ich den letzten Ast, bei dem ich mir sicher bin, gefahrlos darauf stehen zu können. Ich hebe den Blick und erstarre, als die Finsternis mir den letzten Hoffnungsfunken raubt. Alles ist grau und schwarz. Auch hier ist es stockdunkel. Ich hatte gehofft, dass es mir durch das Licht des Mondes leichter fällt, mich zu orientieren. Nun stelle ich fest, dass der Himmel bedeckt ist. Nicht einmal ein einziger Stern ist zu sehen.
Na klasse, dann hätte ich mir diese Kletteraktion ja sparen können! Genervt setze ich mich, lasse die Beine herabbaumeln und lehne mich mit der Schulter gegen den Stamm. Wieder frage ich mich, was das hier soll und wie ich hier gelandet bin. Wenn das kein Test ist, was ist es dann? Vielleicht nur ein Traum? Liege ich in Wirklichkeit in meinem Bett und schlafe? Zumindest wäre das nichts Ungewöhnliches.
Seitdem ich ein kleines Mädchen war, habe ich immer wieder Träume, die mir vollkommen real erscheinen. Ich nehme alles um mich herum wahr, spüre den Wind auf meiner Haut, höre das Zwitschern der Vögel oder schmecke die salzige Meeresluft. Wenn ich aufwache, erinnere ich mich an jedes Detail. Meine Träume verblassen nicht wie bei anderen. Es ist, als hätte ich das Geschehene wirklich erlebt. Aber abgesehen von meinem besten Freund Ryan wurde ich von jedem nur für meine blühende Fantasie belächelt. Mittlerweile ist er der Einzige, mit dem ich darüber spreche.
Ich seufze und fahre mir durch die Haare. Mein Gefühl sagt mir, dass ich mich in der Nähe unseres Camps befinde, und doch kommt mir nichts auch nur annähernd bekannt vor. Vielleicht ist es auch einfach der Fakt, dass ich mir das wünsche.
Das Heulen eines Wolfes lässt mich innehalten und aufhorchen. Irritiert runzle ich die Stirn. Komisch! Ich dachte, es gibt gar keine mehr. Die letzte Sichtung eines solchen Tieres ist bereits mehrere Jahrzehnte her.
Einem kurzen Moment der Stille folgt ein schriller Schrei, der mir durch Mark und Bein fährt.
Sofort richte ich mich auf. Mein Blick schnellt in die Richtung, aus der die Geräusche kommen. Dabei erregt ein kleiner weißer Schimmer am Himmel meine Aufmerksamkeit. Eine leuchtende Kugel rast direkt auf den Wald zu. Je näher sie kommt, desto größer und greller wird sie. Das Licht brennt in meinen Augen und blendet mich so extrem, dass ich sie fest zusammenkneife und mich abwende. Ein explosionsartiger Lärm bringt meine Knochen zum Vibrieren. Die Erde erschüttert und der ganze Baum bebt.
Erschrocken reiße ich die Augen wieder auf. Eine Druckwelle erfasst mich, zerrt an meiner Kleidung und meinen Haaren. Verzweifelt klammere ich mich an den Ast.
Als der Wind endet und der Stamm nur noch etwas schwankt, ist es fast wieder so dunkel wie zuvor. Einzig ein kaum wahrnehmbarer weißer Schein schimmert durch die Bäume. Bestimmt zwanzig Meter entfernt. Gebannt starre ich ihn an. Lehne mich so weit zur Seite, wie es mir möglich ist, ohne herunterzufallen. Aber alles, was ich erkennen kann, ist das kühle Glühen, das durch das Blätterdach bis zu mir dringt. Von hier oben ist es mir unmöglich, etwas Genaues zu erkennen. Wenn ich wissen will, was da eben auf die Erde gekracht ist, muss ich wohl oder übel näher ran. Vorsichtig klettere ich den Baum hinunter. Taste mich mit den Füßen von Ast zu Ast. Nach einer gefühlten Ewigkeit spüre ich den Waldboden unter mir.
Ich sehe mich um und entdecke rechts von mir ein leichtes Schimmern in der Ferne. Es erhellt die Baumrinden, Büsche sowie das Laub auf dem Boden. Zudem ist es der einzige Anhaltspunkt, den ich habe. Die Angst, die ich eben noch gespürt habe, ist wie weggeblasen. Dennoch schreit mich mein Verstand an, in die andere Richtung zu laufen. Weit weg von dem Leuchten.
Es pulsiert in einem stetig gleichbleibenden Rhythmus, als würde es mich zu sich rufen und mit all seiner Macht anlocken. Wie hypnotisiert setze ich mich in Bewegung. Meine Beine fühlen sich merkwürdig steif an. Wie eine Marionette an ihren Fäden stakse ich durch den Wald, ohne die Möglichkeit, mich dagegen zu wehren. Und es kümmert mich nicht einmal. Mit jedem Schritt wächst meine Neugier. Ich muss einfach wissen, was da gerade auf die Erde gestürzt ist. Es ist ein unausweichlicher Drang. Ich brauche das Licht wie ein Verdurstender das Wasser.
Den stetig wachsenden Schmerz in meinen Füßen blende ich ohne Weiteres aus. Ich werde seit fünf Jahren dazu ausgebildet, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren und von nichts und niemandem ablenken zu lassen.
Allmählich komme ich dem Licht näher. Und gerade als ich schon so dicht dran bin, dass das weiße Glühen meinen eigenen Körper erhellt, schrillen sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf los. Ihr Lärm bohrt sich wie tausend kleine Nadeln in mein Gehirn. Die Schmerzen reißen mich schlagartig aus der Trance. Ruckartig hebe ich die Arme und presse mir die Handballen gegen die Schläfen. Kopfschüttelnd komme ich wieder zu mir und bemerke, dass mein Fuß einen Schritt in einen riesigen Krater setzen will. Ein Ruck geht durch meinen Brustkorb, als ich die Luft scharf einziehe und zurückzucke. Erbarmungslos raubt mir der schlammige Boden das Gleichgewicht und ich lande unsanft auf meinem Hintern. Ich verziehe das Gesicht, doch reiße die Augen sofort wieder auf.
Das Licht kommt direkt aus dieser Kluft, die riesig ist. Bestimmt hat die Kugel zwanzig Bäume in den Boden gestampft. Noch immer pulsiert es, wird jedoch stetig schwächer. Allmählich verglimmt es zu einem sanften Leuchten. Erst jetzt fällt mir das Wesen auf, das in der Mitte des Kraters ausgestreckt liegt. Was in aller Welt ist das? Ein Mensch? Tier? Atmet es überhaupt? Es ist unmöglich, so einen Sturz zu überleben. Oder?
Auf einmal bewegt es sich, stützt sich auf, dreht den Kopf, wie um eine Verspannung im Nacken zu lösen und erhebt sich langsam. Erschrocken ziehe ich die Luft zwischen die Zähne und rutsche ein Stück nach hinten in die Dunkelheit. Der Mann, wie ich jetzt erkenne, hat breite Schultern und selbst von meiner Position aus sehe ich die wohldefinierten Muskeln, die sich unter seiner Haut abzeichnen. Er trägt nichts außer einer weißen Hose, wodurch ich freie Sicht auf die Tattoos habe, die seinen Oberkörper verzieren. Die Umrandungen der Schlingen und Schnörkel leuchten in einem sanften Blau, das seltsam beruhigend auf mich wirkt. Von den Schultern aus ziehen sie sich über seinen Rücken, bis sie unter dem Hosenbund verschwinden.
Eine Weile betrachte ich die abstrakten Muster. Dann wandert mein Blick aufwärts. Seine Haare sind dunkel und fallen ihm in leichten Wellen bis zu den Schultern. Sein Anblick fasziniert mich und ich spüre eine Anziehungskraft, der ich mich kaum erwehren kann. Wie vorher das pulsierende Leuchten ist es nun er, der mich stumm zu sich ruft. Ich kämpfe gegen den überwältigenden Drang an, den Hang hinunterzurutschen, zu ihm zu laufen und mit meinem Finger seine Tattoos nachzuzeichnen.
Der Mann dreht sich im Kreis und betrachtet seine Umgebung. Er ist jünger als ich dachte, vermutlich nicht viel älter als ich selbst. Die schwarzen Linien bedecken ebenfalls seine Brust und Oberarme.
Ein Schock jagt durch meinen Körper, als sein Blick den meinen trifft. Durchströmt jede meiner Zellen vom Kopf bis in die Zehenspitzen. So intensiv, dass ich keuchend eine Hand vor den Mund schlage.
Ich habe angenommen, die Dunkelheit würde mich schützen, doch er sieht genau in meine Richtung und ich spüre seinen stechenden Blick förmlich auf meiner Haut.
Regungslos auf dem Waldboden sitzend, nehme ich nichts mehr von meiner Umgebung wahr. Nur der Mann vor mir ist noch von Bedeutung. Er und seine unwiderstehliche Anziehungskraft.
Sein Gesicht ist markant geschnitten und er hat ausgeprägte Wangenknochen. Seine Augen sind … Unwillkürlich schnappe ich nach Luft.
Kalte Angst steigt in mir empor, krallt ihre Finger in mein Herz und drückt zu. Lähmt mich. Macht es mir unmöglich, mich zu bewegen. Verzweifelt versuche ich, mich aus der Starre zu befreien. Meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch er gehorcht mir nicht länger, als würde die Schlafkrankheit mich übermannen.
Ich habe keine Macht mehr über mich selbst. Wie ein Kaninchen sitze ich hilflos und mit weit aufgerissenen Augen vor der Schlange. So sehr ich mich auch bemühe, ich schaffe es nicht, meinen Blick von ihm abzuwenden. Mein Atem stockt. Kalter Schweiß rinnt mir in Strömen über den Rücken. Mein Gehirn weigert sich, die Informationen zu verarbeiten. Immer wieder blinzle ich. Versuche zu begreifen, was ich da sehe. Oder besser, was ich nicht sehe. Denn an der Stelle seiner Augen ist nichts. Nur zwei schwarze, leere Höhlen, die unentwegt auf mich gerichtet sind.
- 2 -
Schweißgebadet reiße ich die Augen auf. Mein Atem geht flach und schwerfällig, als wäre ich gerade einen Marathon gelaufen. Hektisch schweift mein Blick durch das Zimmer. Saugt jede vertraute Einzelheit begierig auf. Die Silhouette des Schrankes und des Schreibtisches, auf dem sich Unmengen von Büchern stapeln. Die Tür zu dem kleinen Badezimmer, die ich immer einen Spalt offenstehen lasse. Selbst die achtlos in eine Ecke geworfene Sporttasche. Sie hebt sich, durch sanftes Mondlicht beschienen, von der in der Dunkelheit untergehenden Wand ab. Ich greife zum Nachttisch, erfühle die kleine Lampe und knipse sie schnell an. Für einen Moment verharrt meine Hand auf dem Schalter, bis ich endgültig realisiert habe, wirklich wieder in meinem Zimmer im Camp zu sein. Ich atme mehrmals tief ein, bis sich mein Puls allmählich beruhigt, dann setze ich mich auf und lehne mich mit dem Rücken gegen die Wand.
Wie immer haben sich die Bilder in mein Gedächtnis gebrannt. Die schwarzen Löcher im Gesicht des Mannes, wo eigentlich seine Augen hätten sein sollen, die unheimliche Dunkelheit und der tiefe Krater stellen mir selbst jetzt noch die Nackenhaare auf. Ein eiskalter Schauer rinnt so intensiv meine Wirbelsäule hinab, dass ich mich kurz schütteln muss, um das Gefühl loszuwerden.
Damals wurde ich regelmäßig von Albträumen heimgesucht. Meine Angst vor Dämonen und Monstern wurde dadurch so schlimm, dass ich mich nicht mehr getraut habe, einzuschlafen. Ich hatte so eine Panik davor, dass ich alles Mögliche unternommen habe, um wach zu bleiben. Mich in die Badewanne setzend, habe ich eiskaltes Wasser einlaufen lassen und bin vollständig bekleidet hineingestiegen. Oder ich bin stundenlang auf und ab gegangen, nur um mich wachzuhalten. Meine Eltern waren so verzweifelt, dass sie alle möglichen Therapeuten um Rat fragten, selbst wenn wir uns diese eigentlich gar nicht hätten leisten können, doch niemand konnte es sich erklären. Daher akzeptierten sie die Aussage, ich hätte eine blühende Fantasie und würde diese in meinen Träumen verarbeiten. Und auch ich glaubte später, dass es stimmte, denn irgendwann waren sie schlagartig vorbei. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, da haben sie von einem auf den anderen Tag aufgehört.
Seit meinem sechzehnten Geburtstag treten sie jedoch wieder häufiger auf. Anfangs nur etwa einmal im Monat. Doch nun, ein halbes Jahr später, verfolgen sie mich fast jede Nacht. Danach ist es mir unmöglich, wieder einzuschlafen.
Die Zeit, die mir das verschafft, zerbreche ich mir den Kopf darüber, was mit mir verdammt noch mal nicht stimmt. Und wenn sich diese Gedanken nur noch im Kreis drehen, gehe ich laufen, um den Verstand wieder klar zu bekommen. Zum Glück gibt es unzählige ideale Wege dafür, da das Camp der Broken Mountains in einem weitläufigen Tal liegt, das von allen Seiten durch dichte Wälder und hohe Berge begrenzt ist. Hier leben überwiegend Kinder und Jugendliche. Die einzigen Erwachsenen sind unsere Lehrer, Aufpasser und Trainer. Wir werden ausgebildet, um den größten Krieg, den diese Welt je erlebt hat, zu bestreiten und hoffentlich auch zu gewinnen. Ob wir das wollen, spielt keine Rolle. Sobald eine Familie den Brief der Einberufung erhält, hat sie ihm zu folgen. Es wird nicht hinterfragt. Es geschieht, damit sich die Prophezeiung nicht erfüllt. Die besagt, dass Gott selbst sich an den Menschen für die Zerstörung seines größten Meisterwerkes rächen wird. Sollte es jemals zu diesem Krieg kommen, sind wir vorbereitet.
Nach welchen Kriterien wir ausgewählt werden, weiß ich nicht. Das zählt zu den Dingen, die wir wohl auch nie erfahren werden.
Die meisten Mädchen lernen, wie man den Haushalt führt, Kinder erzieht und kocht. Ich dagegen lerne, wie man schießt, kämpft und in der Wildnis und im Krieg überlebt. Es gibt hier nur wenige Mädchen, da Jungen und Männer einfach bessere Kämpfer sind. Angeblich! Meiner Meinung nach ist das völliger Schwachsinn, aber es verschafft uns zumindest ein wenig Luxus. Ich muss mir mein Zimmer nicht zu zweit oder dritt teilen und habe damit wenigstens so etwas wie eine Privatsphäre. Auch ein kleines Bad mit einem Waschbecken und einer Toilette gehört zu der Ausstattung. Einzig die Duschen liegen im Gemeinschaftsbereich und werden von allen gemeinsam genutzt.
Ich blicke auf die kleine blaue Uhr, die auf meinem Nachttisch steht. Eines der wenigen Dinge, die ich von zu Hause mitnehmen durfte. Es ist kurz nach halb fünf. Noch eineinhalb Stunden bis zum Morgenappell. Ich sollte duschen gehen, solange alle anderen noch schlafen. Es wäre Zeitverschwendung, länger liegenzubleiben. Sowie ich stehe, schießt mir ein stechender Schmerz durch den linken Fuß. Abrupt lasse ich mich wieder auf das Bett fallen und untersuche die Sohle. Sie ist voller Risse und Abschürfungen. Vorsichtig fahre ich mit einem Finger darüber. Ein Brennen lässt mich zusammenzucken.
Auch meine Arme und Beine sind vollkommen zerkratzt und mit getrocknetem Schlamm bedeckt. Was zum …? Woher stammen diese Verletzungen? Mit aufgerissenen Augen untersuche ich meinen Körper, der sich anfühlt, als hätte ich mit einem Wolfstiger gerungen und haushoch dabei verloren. Zwar waren wir gestern auf einer längeren Wandertour, doch ich bin schließlich nicht barfuß gelaufen. Außerdem sind unsere Schuhe aus einem weichen, aber robusten Material, das verhindert, dass wir auf solchen Strecken Blasen bekommen. Oder stammen die Verletzungen etwa aus …? Nein! Das kann nicht sein.
Ich schalte mich selbst eine Närrin und verdränge den absurden Gedanken, sie könnten tatsächlich aus meinem Traum stammen. Noch nie zuvor habe ich irgendetwas daraus mitgenommen. Warum sollte das also diesmal anders sein? Außerdem wäre es vollkommen verrückt und entgegen aller realistischen Möglichkeiten.
In der Lade meines Nachttischs liegt eine kleine Tube. Die darin enthaltene Salbe erhalten wir regelmäßig, um Schrammen zu behandeln. Ich reibe mich komplett damit ein und spüre die wohltuende Wirkung augenblicklich. Innerhalb von fünf Minuten verschwinden jegliche Verletzungen.
Die Tube zurück in den Kasten schmeißend, gehe ich zum Kleiderschrank, um mir die Uniform für die Schule rauszusuchen. Gedankenverloren streiche ich über den dunkelblauen Stoff des knielangen Rocks. Auf dem gleichfarbigen Hemd ist das Camp-Logo auf dem Rücken eingestickt. Zwei Berge, über deren Spitze ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen fliegt. Den Mädchen ist es freigestellt, eine Hose anzuziehen, doch die sind so unförmig, dass ich mich damit komplett lächerlich fühle. Ich bevorzuge die Trainings- und Kampfanzüge. Die sind eng geschnitten und bieten dennoch ausreichend Bewegungsfreiheit. Da wir im ersten Block allerdings regulären Unterricht haben, greife ich seufzend nach der Uniform.
Aus dem Spiegel, der an der Innenseite der Tür befestigt ist, sehen mir zwei müde, goldene Augen entgegen. Mutter sagte immer, dass sie aussehen wie die eines Engels. Tröstende Worte, da mich sonst immer alle dafür hänselten, dass sich die Farbe meiner Iriden je nach Stimmung verändern. Inzwischen haben sich meine Kollegen im Camp daran gewöhnt. Außerdem versuche ich, meine Launen bestmöglich zu kontrollieren, damit sie ihre normale, goldene Farbe behalten.
Kurz bevor ich die Tür schließe, stutze ich. Neben einer Menge Schlamm bemerke ich mehrere Kratzer in meinem Gesicht, von denen einige sogar geblutet haben müssen. Stirnrunzelnd betrachte ich sie. Erneut erinnern sie mich an die nächtlichen Erlebnisse. Doch mein Verstand will das nicht akzeptieren. Das kann es einfach nicht geben! Es ist unmöglich, sich in einem Traum derartige Verletzungen zuzufügen.
Vermutlich bin ich letzte Nacht schlafgewandelt. Genau! Das wird es sein. Daher auch diese verrückte Illusion. Mein Unterbewusstsein wusste eben, dass ich barfuß und in Schlafsachen nach draußen gegangen bin. Gott, manchmal zweifle ich wirklich an meinem gesunden Verstand. Dachte ich doch tatsächlich für einen kurzen Moment, meine Träume würden mich in die Realität verfolgen. Den Kopf über mich schüttelnd hole ich einen Waschlappen aus dem Bad. In Zukunft sollte ich etwas vor die Zimmertür stellen, damit ich nicht noch einmal im Tiefschlaf hinauslaufe.
Zurück vor dem Spiegel, wische ich mir mit dem Lappen vorsichtig den Dreck von der Haut. Meine Zähne beißen fest aufeinander, um ein Stöhnen zu unterdrücken, als ein Brennen an meiner Wange aufflammt. Getrocknetes Blut kommt unter dem Dreck zum Vorschein, das ich mit dem Lappen wegzuwischen versuche.
Erneut greife ich zu der Salbe und reibe die Stellen damit ein. Auch wenn diese Creme ein weiteres Mysterium des Camps ist, bin ich immer wieder glücklich, sie zu haben. Sobald sämtliche Verletzungen verschwunden sind, flitze ich voller Elan noch einmal ins Badezimmer, um mir ein Handtuch zu holen. So sehr wie in diesem Moment habe ich mich selten auf eine heiße Dusche gefreut.
Während des Morgenappells sowie auf dem Weg zum Frühstück verdränge ich den Vorfall aus meinen Gedanken und bereite mich mental auf einen weiteren intensiven Trainingstag vor. Pünktlich um halb sieben stehe ich vor dem Speisesaal und warte auf Ryan. Er ist mein bester und im Grunde genommen auch einziger Freund hier. Da wir in derselben Gruppe sind, verbringen wir fast jeden Tag zusammen.
Fluchend versuche ich, meine widerspenstigen roten Haare zu bändigen, indem ich sie zu einem Pferdeschwanz zusammennehme. Jedoch entwischen mir permanent einige Strähnen, bis ich mit dem Ergebnis schließlich halbwegs zufrieden bin. Immerhin hängen sie mir nicht mehr ins Gesicht.
»Guten Morgen, Barns. Na, gut geschlafen?« Lachend tritt Ryan zu mir. Wie immer spricht er mich mit meinem Nachnamen an und wie immer ärgere ich mich darüber.
»Lässt du das gefälligst mal? Du weißt, wie sehr ich es hasse, wenn du mich so nennst!«, fauche ich und remple ihn etwas an, als ich mich an ihm vorbeischiebe.
Er grinst nur und folgt mir.
Ryan ist einen Kopf größer als ich und extrem schlank. Trotz seiner schmächtigen Figur unterschätze ich ihn nicht. Er trainiert bereits sein ganzes Leben, da er mit der Einberufung gerechnet hat. Wir kamen gemeinsam ins Camp und Ryan konnte sich dank seiner Kampfkünste schnell den Respekt der anderen Rekruten, den sogenannten Alokas, verdienen.
Auch ich habe mich sofort mit ihm verbunden gefühlt, weil er genau so eine lose Zunge wie mein großer Bruder Brian hat. Er ist auch ein Draufgänger, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat. Die beiden würden sich super miteinander verstehen.
»Entschuldige, Kaytlin. Ich vergesse immer, wie sehr dich das aufregt.« Ryan legt mir eine Hand auf die Schulter.
Na klar, und morgen erklärt der Präsident, dass es sich bei der Prophezeiung nur um einen Scherz gehandelt hat! Er weiß ganz genau, dass ich es hasse, und begrüßt mich dennoch jeden Tag auf dieselbe Art und Weise. Und wie immer folgt eine Entschuldigung.
Ich verdrehe die Augen und stapfe gespielt beleidigt an den mit Auszeichnungen und Pokalen vollgestellten Regalen entlang zum Buffet. Der Lärm der anderen Rekruten dröhnt mir in den Ohren. Warum müssen die sich jedes Mal so anschreien? Würde es nicht reichen, sich normal zu unterhalten?
Meine Laune hat bereits ihren Tiefpunkt erreicht, als Ryan und ich an den vier langen Tischen ankommen, auf denen Teller, Besteck, Brötchen, Eier und das restliche Frühstück aufgebaut sind. Erst der Duft nach frischen Pfannkuchen schafft es, sie zu heben. Das ist das Highlight der ganzen Woche. Ich lunze durch die Durchreiche in die Küche und stelle fest, dass noch weitere in der Pfanne brutzeln. Ansonsten würden alle, die nach Ryan an der Reihe sind, vermutlich leer ausgehen. Schnell belade ich meinen Teller, um nicht auf den Nachschub warten zu müssen, schnappe mir etwas zu trinken und setze mich dann auf unseren Stammplatz in der hinteren Ecke des Speisesaals. Es ist einer der wenigen kleineren Tische. Im Gegensatz dazu besteht der Großteil des Raums aus langen Holztischen mit dazu passenden Bänken.
Ryan setzt sich auf den gegenüberliegenden Stuhl und mustert mich besorgt. »Schon wieder so ein Traum?«
Auf seinem Teller türmen sich fast dreimal so viele Pfannkuchen wie auf meinem. Halbherzig spießt er das erste Stück auf seine Gabel, ohne den Blick von meinem zu lösen. Seine Hand verharrt jedoch auf halbem Weg zum Mund und eine Augenbraue wandert auffordernd in die Höhe. Doch nicht mit mir! Unendlich langsam schneide ich mir selbst den ersten Pfannkuchen klein und schiebe mir einen Happen über die Lippen. Der süße Geschmack explodiert förmlich in meinem Mund und ich verdrehe genüsslich die Augen. Ryans Braue verschwindet unter dem Ansatz seiner verwuschelten, braunen Haare und ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen. Er kann es nicht ausstehen, wenn ich nicht sofort reagiere.
»Ja.« Ich beschmiere einen weiteren Pfannkuchen mit Marmelade und rolle ihn zusammen. »Sie werden in letzter Zeit immer häufiger.«
»Das sieht man dir an. Du siehst echt fertig aus.« Mitleid funkelt in seinen braunen Augen. »Was hältst du davon, wenn wir heute nach dem Training hoch zum See laufen und ein paar Bahnen ziehen? Vielleicht kannst du hinterher besser schlafen.«
»Klingt super!«
»Die anderen kommen auch mit.«
Mein Kopf schießt nach oben. Wie bitte? Das ist doch nicht sein Ernst? Verärgert kneife ich die Augen zusammen.
»Schau mich ja nicht so an«, weist er mich prompt zurecht. »Wir würden sie doch sowieso dort treffen, so schön wie es heute ist. Und wage es ja nicht, jetzt einen Rückzieher zu machen!«
»Wie kommst du denn darauf?« Zuckersüß lächle ich ihn an, obwohl mir bewusst ist, dass meine Augen in diesem Moment rötlich schimmern.
»Das weißt du ganz genau, Kay. Komm schon, ein wenig Gesellschaft würde dir auch mal guttun. Du wirst es überleben.«
Grummelnd presse ich die Lippen aufeinander. Den ganzen Nachmittag meine nervigen und lauten Gruppenkameraden zu ertragen, grenzt schon stark an Folter.
Gerade als ich noch etwas sagen will, schiebt Ryan sich einen weiteren Bissen in den Mund und schielt zu der großen Uhr über dem Eingang.
Automatisch folge ich seinem Blick und stöhne. Kurz vor sieben, so ein Mist!
»Wieso schaufelst du dir auch so viele Pfannkuchen auf den Teller, wenn du es nicht rechtzeitig schaffst, sie zu essen? Wir müssen langsam echt los! Du weißt, wie viel Wert Frau Spin auf Disziplin und Pünktlichkeit legt.«
»Entspann dich! Wir haben noch ganze zwei Minuten«, nuschelt Ryan mit vollem Mund.
Augenverdrehend trommle ich mit den Fingern auf der Tischplatte.
»Komm schon … ich habe absolut keine Lust darauf, eine Strafarbeit aufgebrummt zu bekommen.« Denn die von Frau Spin sind bei allen gefürchtet. Erneut blicke ich zur Uhr.
»Ist ja gut!« Plötzlich schiebt sich Ryan den gesamten Rest seines Tellers auf einmal in den Mund und macht dabei den Eindruck, gleich zu ersticken.
Unwillkürlich zucken meine Mundwinkel, was mir einen bösen Blick von ihm einbringt. Aber immerhin hat er es geschafft.
Nachdem Ryan alles hinuntergewürgt hat, bringen wir unsere Tabletts zur Küchendurchreiche. Gerade als ich meines abstelle, ertönt ein Gong, der eine Durchsage ankündigt.
»Liebe Alokas, hier spricht euer Camp-Leiter, General Marlow. Ich bitte alle Gruppen, sich in fünf Minuten am Hauptplatz einzufinden. Durchsage Ende.«
Mit gerunzelter Stirn schauen Ryan und ich uns an. Seitdem wir hier sind, gab es noch nie eine ungeplante Versammlung.
Wir haben sonst nur unsere regelmäßigen Treffen, bei denen wir über aktuelle Vorfälle informiert werden oder Sara uns wieder einmal die Prophezeiung erzählt.
An den Gesichtern der anderen erkenne ich, dass nicht nur wir überrascht sind. Nach einem kurzen Moment der Stille erklingt aufgeregtes Getuschel. Aufgrund des plötzlichen Gedrängels verliere ich Ryan aus den Augen. Dutzende Alokas versuchen, sich auf einmal durch die schwere Holzdoppeltür zu zwängen, um möglichst schnell der Aufforderung unseres Camp-Leiters nachzukommen.
Warmer Wind weht mir ins Gesicht, als auch ich es endlich aus dem Gebäude geschafft habe. Nicht eine Wolke ist an dem strahlend blauen Himmel zu sehen.
Im Schnellschritt eile ich an den Holzhäusern vorbei, die unsere Unterkünfte darstellen. Das Gedränge löst sich hier etwas auf und ich entdecke Ryan, der gerade dabei ist, Lia auf die Schulter zu klopfen und mit sich zu winken. Wie immer kniet sie in dem Blumenbeet vor einer der Mädchenunterkünfte. Ihre Hände stecken tief in der braunen Erde und ihre Augen strahlen vor Freude. Sie liebt es, sich um die Blumen und Pflanzen zu kümmern und nimmt uns damit diese lästige Arbeit ab.
Ich jogge vor zu Ryan. »Na endlich!« Mit vor der Brust verschränkten Armen nicke ich Lia knapp zur Begrüßung zu und wende mich dann wieder an meinen besten Freund. »Du hättest ruhig auf mich warten können.«
»Ach, da bist du ja. Ich hatte dich schon gesucht.« Meinen Schmollmund ignorierend legt Ryan einen Arm um meine Schulter. »Du bist einfach zu klein. Ich hatte dich in dem Gedränge gar nicht mehr gesehen.«
»Haha, wie lustig.« Mit einer Drehung befreie ich mich und setze meinen Weg zum Hauptplatz augenrollend fort.
An manchen Abenden dient er uns für gesellschaftliche Treffen. Dann singen wir hier gemeinsam Lieder, grillen Marshmallows oder Würstchen über offener Flamme und lauschen den Geschichten unserer Lehrer.
Für mich ist das immer ein einziger Albtraum. Mir ist es zu voll und zu laut und ich hasse es, mit anderen im Chor zu singen. Die meisten können weder den Text richtig, noch die Melodie halten. Es ist schrecklich.
Doch jetzt stehen keine Bänke auf dem Platz und kein Feuer ist entfacht. Stattdessen betrachte ich das Schulgebäude, das so groß ist, dass es alle anderen Gebäude überragt.
Inzwischen haben sich auch die meisten anderen Alokas eingefunden, sodass das Getuschel zu einem nervenaufreibenden Hintergrundrauschen wird. Mein Blick schweift wie immer erst mal zu dem Eingangstor vom Camp. Innerlich seufze ich. Ich war in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal außerhalb. Das steht nur gehobenen Rekruten zu, die ihre Ausbildung fast abgeschlossen haben. Ryan und ich zählen zwar nicht mehr zu den jüngsten Alokas, aber auch nicht zu den Ältesten. Von daher ist es uns streng verboten, das Gelände zu verlassen. Wenigstens ist es dermaßen groß, dass es auch jetzt noch Gebiete gibt, die ich nicht kenne. Und das trotz zahlreicher Erkundungstouren mit Ryan und unserer Trainingseinheiten in den Wäldern und Bergen. Anders wäre es nicht auszuhalten.
Alle dreihundert Alokas stellen sich, nach den sieben Gruppen und damit nach Alter sortiert, in vierzehn Reihen auf. Jede Gruppe besteht aus zwei Sektionen. A und B. Die G1 ist die erste Klasse und steht damit ganz links außen. Mit jedem Jahr, in dem wir im Camp sind, steigen wir eine Gruppe auf. Ryan, Lia und ich sind seit kurzem in der G5 Sektion A und haben damit nur noch zwei Jahre bis zum Abschluss vor uns.
Alle sehen sich um, tuscheln mit ihren Nachbarn oder treten unruhig von einem Fuß auf den anderen.
»Hast du eine Ahnung, was los ist?« Lias Bruder Len stellt sich neben Ryan und schaut ihn über den Rand seiner Brille fragend an. »Dass der Unterricht bei Frau Spin ausfällt, ist echt merkwürdig.«
Ryan antwortet, doch ich höre ihnen nicht zu. Lieber versuche ich, Sara Amal, meine Asana-Lehrerin, in dem Gedränge ausfindig zu machen. Mit Sicherheit weiß sie, was hier vor sich geht. Mit ihrer Größe, die selbst die Jungs um knapp einen Kopf überragt, ihrer schlanken Statur und den kurzgeschorenen schwarzen Haaren sollte sie kaum zu übersehen sein. Jetzt jedoch fehlt sie. Auch sonst entdecke ich keinen der Erwachsenen. Ein mulmiges Gefühl breitet sich in meinem Magen aus. Irgendetwas stimmt hier nicht!
Ryan unterhält sich weiterhin mit Len, während er sich ebenfalls umsieht. Für ein paar Herzschläge treffen sich unsere Blicke. Eine tiefe Sorgenfalte hat sich auf seiner Stirn gebildet. Dann wendet er sich der Lehrerunterkunft zu.
Von dort aus kommen General Marlow und Sara auf den Platz. Der Camp-Leiter stützt sich wie immer auf seinem Stock ab und humpelt leicht, auch wenn er offensichtlich darum bemüht ist, dies zu verbergen. Seine sturmgrauen Augen scheinen zu jeder Zeit alles im Blick zu haben und die tiefen Ringe darunter zeugen eindeutig von zu wenig Schlaf.
Sara und er steigen die Eingangstreppe der Schule empor und stellen sich auf die letzte Stufe, sodass sie vom ganzen Platz aus zu sehen sind. General Marlow strahlt eine Würde aus, wie ich sie noch bei keinem anderen erlebt habe. Die Autorität, die ihn umgibt, lässt erkennen, warum er einst dem Präsidenten selbst gedient hat. Aufgrund seiner Beinverletzung wurde er nach vielen Jahren ehrenhaft entlassen und in dieses Camp versetzt. So zumindest lauten die Gerüchte.
»Liebe Schüler«, ergreift Sara das Wort und das Getuschel verstummt schlagartig. »Wir haben diese Versammlung einberufen, da es vergangene Nacht zu einem Vorfall in den Wäldern hinter unserem Camp gekommen ist. Um zu verhindern, dass es zu unnötigen Gerüchten kommt, wird euch General Marlow berichten, was passiert ist. Vorher möchte ich euch mitteilen, dass jeder, der das Bedürfnis hat, mit mir zu sprechen, herzlich dazu eingeladen ist. Meine Tür steht immer offen und ich würde mich freuen, wenn ihr das Angebot annehmt.«
Sara spricht mit lauter und klarer Stimme. Ihr melodiöser Klang hallt über den Platz und lässt mich augenblicklich ruhiger und entspannter werden.
»Ich übergebe das Wort nun an General Marlow.«
Angespannt kaue ich auf der Unterlippe herum und senke den Blick zu den Füßen. Aus Angst, die orange Farbe meiner Augen könnte meine Nervosität auf der Stelle verraten. Das kann doch alles kein Zufall sein! Die Schnitte, die meinen ganzen Körper bedeckten, der Schlamm auf meiner Kleidung und jetzt das hier?
Mein Herz pocht wie wild in der Brust, als ich General Marlow fixiere, der gerade einen Schritt nach vorne tritt. Innerlich bete ich dafür, er möge nichts von einer mysteriösen Lichtkugel oder einem Mann ohne Augen sagen. Der Traum kann nicht real gewesen sein! Das war er bisher nie.
»Wie Frau Amal bereits gesagt hat, kam es in den Wäldern zu einem … ähm … Vorfall.« Mit seiner tiefen, rauen Stimme benötigt er keine Hilfsmittel, um sich Gehör zu verschaffen. Sie dringt in unsere Köpfe ein, um sich dort festzusetzen. Kurz räuspert er sich, bevor er weiterspricht. »Wir haben in den letzten Tagen häufiger beobachtet, wie sich Wölfe in der Nähe des Camps aufgehalten haben. Wie Sie wissen, ist dies in unserer Gegend sehr ungewöhnlich.« Er macht eine Pause, ringt nach Worten.
Mit den Fingern bearbeite ich den Saum meines T-Shirts. Sein merkwürdiges Verhalten verunsichert mich noch mehr.
»Frau Spin hat sich als Spezialistin für wilde Tiere angeboten, herauszufinden, was sie zu uns in die Berge getrieben hat. Dabei ist es zu einem Angriff der Wölfe gegen Frau Spin gekommen.«
Ich ziehe die Luft scharf ein. Auch die meisten anderen Alokas reißen erschrocken die Augen auf. Einige Mädchen schlagen entsetzt ihre Hände vor den Mund. Dieses Camp gibt es bereits seit fünf Jahrzehnten und in der gesamten Zeit gab es hier in den Bergen und Wäldern keine Wölfe, geschweige denn einen Angriff auf einen der Lehrer. Ich verschränke die Arme vor der Brust, um das aufkommende Zittern meiner Finger zu minimieren. Kann es wirklich sein, dass mein Traum etwas damit zu tun hat? Noch sagte General Marlow nichts von einer Lichtkugel, die auf die Erde gestürzt ist, doch die Wölfe sind schon mehr als merkwürdig. Sollte ich Sara davon erzählen? Sie wirkt von Sekunde zu Sekunde nervöser und tritt unruhig von einem Bein aufs andere. Nein, sie würde mir bestimmt nicht glauben.
General Marlow schaut über uns hinweg. Vermutlich versucht er, anhand der Gesichter abzulesen, wie viel er erzählen kann, ohne Panik auszulösen. »Aktuell liegt sie auf unserer Krankenstation und wird rund um die Uhr versorgt. Jedoch wird es eine Weile dauern, bis sie sich von dem Angriff erholt hat. Wir können von Glück sprechen, dass Herr Konrad sie begleitet hat. Es ist nur seinen Jagdfähigkeiten zu verdanken, dass Frau Spin noch am Leben ist.« Wieder räuspert er sich und wartet unsere Reaktion ab. Dabei stützt er sich schwer auf seinen Stock. Als niemand auch nur die kleinste Miene verzieht, spricht er weiter. »Da sich die Wölfe weiterhin in der Gegend aufhalten und sie, wie wir jetzt wissen, sehr gefährlich und angriffsbereit sind, ist es ab sofort jedem Aloka untersagt, das Gelände zu verlassen.«
Proteste von den Ältesten werden laut. Ihnen wird damit eines ihrer wenigen Privilegien genommen. Doch nach einem scharfen Blick des Generals verstummen sie sofort.
»Weiterhin sind die geplanten Wanderungen vorerst abgesagt. Jedes Training findet auf dem Platz oder in der Halle statt. Ab Einbruch der Dunkelheit haben sich alle in ihren Häusern aufzuhalten. Morgendliche Joggingrunden vor Sonnenaufgang und allein sind bis auf Weiteres verboten. Diese Regeln dienen Ihrer Sicherheit und sind notwendig, bis die Situation geklärt ist. Zwar sind bisher keine Wölfe auf unserem Camp-Gelände gesichtet worden, dennoch wollen wir kein Risiko eingehen. Den restlichen Tag heute haben Sie frei. Ab morgen geht es weiter wie gewohnt. Jedoch werden die Lektionen von Frau Spin vorerst ausfallen. Die Freistunden, die Sie dadurch erhalten, sollten Sie Ihrem Selbststudium und Training widmen.«
»Ja, Sir!« Einheitlich antworten wir auf die Anweisungen des Generals. Auch ich stimme mit ein, obwohl ich innerlich bereits durchdrehe. Auf meine morgendlichen Laufeinheiten verzichten? Das kann doch nicht sein Ernst sein!
Damit nickt er Sara zu, steigt die Stufen hinunter und überlässt es ihr, uns zu beruhigen. Ich schaue ihm hinterher, bis er in Richtung des Hauptgebäudes verschwunden ist, in dem neben dem Speiseraum auch sein Büro und die Krankenstation untergebracht sind.
Sara hat bereits alle Hände voll damit zu tun, die Fragen dutzender Alokas zu beantworten. Ryan zieht mich am Arm ein Stück abseits in den Schatten des nächsten Hauses.
»Sag mal, hast du auch das Gefühl, dass General Marlow uns irgendetwas verheimlicht?«, fragt er flüsternd.
»Mhm …«, stimme ich ihm abgelenkt zu. Meine Gedanken drehen sich noch immer um den Traum.
»Es ist doch komisch, dass er nicht gewusst hat, was er so richtig sagen soll. Ich meine, hast du General Marlow schon einmal so erlebt?« Ryans Augenbrauen wandern in die Höhe. »Und was ist mit Sara los? Seit sie eben auf den Platz getreten ist, wirkt auch sie total nervös.«
Stirnrunzelnd sehe ich zu Sara. Sie sieht tatsächlich nicht so entspannt aus wie sonst. Aber ob das an den knapp fünfzig Alokas liegt, die sie immer noch belagern oder an dem Vorfall von letzter Nacht, kann ich nicht beurteilen. Ich nicke zustimmend. Irgendetwas ist hier faul.
»Und noch etwas ist komisch.« Ryan senkt seine Stimme.
»Ach so? Was denn?« Noch immer höre ich ihm nur mit halbem Ohr zu.
»Na ja, Marlow und Sara haben das Erdbeben letzte Nacht gar nicht erwähnt.«
»Welches Erdbeben?« Ich fahre zu Ryan herum und merke, wie meine Fingerspitzen kribbeln. Jetzt hat er meine volle Aufmerksamkeit.
»Sag bloß, du hast das nicht mitbekommen? Mensch, du musst ja schlafen wie ein Stein! Ich meine, es war zwar nicht stark, aber ich bin dennoch davon aufgewacht. Auch Len und die anderen aus dem Haus haben es bemerkt.«
Um mich herum dreht sich alles. Ich lasse mich nach hinten gegen die Hauswand sinken und rutsche daran herunter. Ryan starrt mich mit aufgerissenen Augen an und ruft mir etwas zu. Doch das Rauschen in meinen Ohren verhindert, dass ich es verstehe. Die Bestätigung trifft mich so stark, dass ich alles um mich herum ausblende. Mir wird schwarz vor Augen.
***
Eine Stunde zuvor
Erschöpft streicht sich der General über die müden Augen. Was für eine Nacht. Gestern Abend noch war er der Meinung gewesen, es gäbe nichts, dass ihn noch aus der Ruhe bringen konnte. Wie sehr er sich doch geirrt hatte. Wölfe! Wie konnten sie jemals glauben, es handelte sich um Wölfe? Wie konnte er nur so leichtsinnig sein und zwei seiner Lehrer in Gefahr bringen? Über sich selbst wütend, schlägt er mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein leises Klopfen sorgt dafür, dass es bei diesem einen Ausbruch seiner Gefühle bleibt.
»David, du wolltest uns sprechen?« Sara, seine rechte Hand, betritt das Büro.
Ihr folgen sowohl Krankenschwester Ina als auch der Jagdlehrer Stefan. Letzterer wirkt noch immer bleich und zittrig. Was den General nach dem Vorfall nicht weiter verwundert.
»Danke, dass ihr so schnell gekommen seid«, sagt der General mit fester Stimme und schaut in die Runde, bis sein Blick an Stefan hängen bleibt. »Wie geht es dir?«
Ein schwaches Nicken ist die Antwort. »Es wird schon wieder. Ich bin nur froh, heil da rausgekommen zu sein.«
»Kannst du uns sagen, was das für Wesen waren? Niemals stammen diese Verletzungen von Wölfen.« Ina, die gute Seele des Camps sowie seine langjährige Freundin, verschränkt die Arme vor der Brust.
»Nein, den Beschreibungen nach waren sie das nicht.« Schwerfällig erhebt sich Marlow. Manchmal fragt er sich, ob er nicht bereits zu alt für die Arbeit sei. Doch was sollte er sonst tun? Es ist ja nicht so, dass er ein zu Hause mit einer Familie hatte, die auf ihn wartet. Zumindest nicht mehr.
Mit einem Buch in der einen und dem Gehstock in der anderen Hand geht er zu dem Konferenztisch, an dem seine Kollegen Platz genommen haben. Er legt das Buch aufgeschlagen in die Mitte und deutet auf eine Abbildung in der linken unteren Ecke.
Erschrockenes Keuchen erfüllt den Raum. Ina beugte sich weiter vor, um auch die Randnotizen zu lesen. Dann hebt sie unsicher den Blick.
»Bist du dir sicher?«, haucht sie.
»Leider ja. Ihr wisst, was das bedeutet.« Der General richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Mit fester Stimme, den Blick noch immer auf die Abbildung gerichtet, verkündet er: »Wir müssen unsere Schützlinge um jeden Preis beschützen! Was auch immer diese Wesen hier wollen, wir werden es herausfinden. In der Zwischenzeit werde ich die Barriere um das Camp verstärken.«
»Bist du sicher, dass du das schaffst, David?« Sara sieht ihn besorgt an.
»Mir wurde die Aufgabe übertragen, mich um die Bewohner hier zu kümmern, sie vor drohendem Unheil zu bewahren und notfalls bis in den Tod zu verteidigen.«
»Jetzt wirst du aber melodramatisch«, erwidert Ina nur halb scherzhaft.
Der General wusste, dass auch ihr die Entwicklungen Angst machen. Obwohl sie die Wunden von Christa versorgen konnte, weiß niemand, ob sie es ohne bleibende Schäden überleben würde. Keiner kann sagen, was diese Verletzungen anrichten können und ob sie überhaupt heilen würden. Wenn sich sein Verdacht bestätigt, haben sie alle ein verdammt großes Problem.
- 3 -
»Kay!« Ryan rüttelt sanft an meiner Schulter.
Schwer atmend sehe ich ihn an.
Er kniet vor mir und eine steile Sorgenfalte gräbt sich zwischen seine Augenbrauen. »Hey, alles in Ordnung? Was ist denn auf einmal passiert? Am besten hole ich Sara, oder?«
Unfähig, Worte über meine Lippen zu bringen, schüttle ich nur den Kopf. Wie ist das möglich? War ich tatsächlich in dem Wald? Aber ich bin doch in meinem Bett eingeschlafen … und auch wieder aufgewacht. Bin ich doch geschlafwandelt? Aber warum kann ich mich dann so genau daran erinnern? Das ergibt doch alles keinen Sinn!
Das Einzige, das mir mit absoluter Sicherheit klar wird, ist, dass es sich bei den Erlebnissen von vergangener Nacht nicht um einen Traum gehandelt hat. Ich öffne den Mund, um es Ryan zu sagen, doch halte inne. Wenn ich selbst nicht verstehe, was hier vor sich geht, wie soll ich es dann ihm erklären? Würde er mich für verrückt halten? Keine Ahnung, jedenfalls brauche ich nicht noch jemanden, der an meiner geistigen Gesundheit zweifelt. Da reiche ich mir vollkommen.
»Danke, Ryan. Mir war nur plötzlich etwas schwindlig«, sage ich und versuche zu lächeln.
Ihn scheint das allerdings nicht zu überzeugen. Er lehnt sich zurück, um mich zu betrachten, und zieht skeptisch eine Augenbraue nach oben. »Etwas? Zum einen sage ich nur: grüne Augen. Du bist eindeutig vollkommen fertig und kurz vor einer Migräneattacke. Und zum anderen sahst du aus, als hättest du eines der Monster aus deinen Träumen gesehen. Ist wirklich alles gut? Ich kann dich auch auf die Krankenstation bringen.«
»Danke, aber es geht schon wieder.« Ich strecke Ryan die Hand entgegen und lasse mich von ihm auf die Beine ziehen. Seine Anspielung zu meiner Augenfarbe ignoriere ich gekonnt.
Die anderen Alokas scheinen meinen kleinen Anfall nicht mitbekommen zu haben. Die meisten sind immer noch damit beschäftigt, Sara mit ihren Fragen zu löchern. Ich blinzle zu ihnen hinüber und zucke zusammen. Sara starrt mich über die Köpfe der Gruppe hinweg an. Als sich unsere Blicke treffen, senkt sie ihren schnell und wendet sich wieder den Fragenden zu. Hoffentlich hat sie nichts von meinem kurzen Zusammenbruch mitbekommen.
»Komm, wir laufen eine Runde.«
»Bist du dir sicher?« Ryan sieht mich irritiert an.
»Ja«, antworte ich knapp und mache mich direkt auf den Weg. Da ich dringend den Kopf freibekommen muss, ist Sport die beste Lösung.
»Hey«, ruft Ryan mir hinterher. »Du bist eben zusammengeklappt! Solltest du es da nicht langsam angehen lassen?«
Ich funkle ihn nur kurz mit meinen knallroten Iriden an, die ihn sofort wissen lassen, dass ich es ernst meine und jogge in mein Haus, um mich umzuziehen.
Wie erwartet treffe ich Ryan anschließend vor dem Haupthaus. Er würde mich niemals hängen lassen. Der Gedanke lässt meine Mundwinkel zucken.
Ich sehe zu den Fenstern der Krankenstation empor. Wie es Frau Spin wohl geht? Sie ist eine tolle Lehrerin. Manchmal zwar etwas zu streng, aber immer fair zu allen. Ich nehme mir vor, sie zu besuchen und ihr gute Besserung zu wünschen.
»Na los, komm schon, eine schaffen wir noch!« Ich lache Ryan zu und ziehe an ihm vorbei.
Er hingegen schnauft bereits seit fast zwei Runden und wird immer langsamer. »Gib … nicht so … an! Du … weißt, … dass ich nicht … so eine … gute … Ausdauer habe … wie du!«
Ryan versucht, mich böse anzusehen, aber selbst dafür reicht seine Kraft nicht mehr aus. Das Einzige, das er zustande bekommt, ist eine schmerzverzerrte Grimasse. Mein Lachen wird lauter. Er würde nie vor mir schlapp machen, selbst wenn er weiß, dass ich die bessere Kondition habe. Dafür ist er mir bei Kraftübungen eindeutig überlegen. Ich erlöse ihn, indem ich auf die Wiese am Rand der Rennbahn trabe und mich mit dem Rücken in das weiche Gras lege. Ryan lässt sich neben mich fallen.
Das Trainingsareal liegt im hinteren Teil des Camps. Die Rennbahn umschließt ein großes Gebiet, das in verschiedene Bereiche eingeteilt ist. Auf der einen Seite ist ein Schotterplatz angelegt für Schwertkämpfe und Übungen mit anderen Nahkampfwaffen. Auf der Wiese daneben werden vorwiegend waffenlose Kampftechniken trainiert, da der Untergrund Würfe und Stürze etwas abfedert. Neben der Bahn ist die Schießanlage, die durch eine Mauer abgetrennt ist, damit niemand aus Versehen von einem verirrten Pfeil, Bolzen oder einer Pistolenkugel getroffen wird.
Normalerweise trainieren hier immer mehrere Gruppen parallel. Jetzt jedoch ist der gesamte Platz wie leergefegt.
»Schau mal, da hinten! Die da sehen aus wie zwei kämpfende Löwen.« Ryan zeigt auf ein paar Wolken direkt über den Gipfeln der Bäume.
»Eher wie zwei Welpen, so klein wie die sind. Aber dort drüben, die sieht aus wie ein Mann mit Flügeln.« Ich kichere und deute auf eine rechts von uns.
»Ein Engel? Ja, mit sehr viel Fantasie ist da einer zu erkennen. Aber für mich sieht das eher aus wie ein Schmetterling.« Wir streiten uns regelmäßig darüber, welche Figur besser passt. Das ist schon fast so etwas wie ein Sport von uns.
»Wie kommst du denn da drauf?« Ich verrenke mir demonstrativ den Hals, um die Wolke aus einer anderen Perspektive zu betrachten. »Das wäre dann aber ein ziemlich fetter Schmetterling!«
Wie auf Kommando prusten wir beide los, da man in der Wolke mittlerweile gar nichts mehr erkennt. Der Wind hat sie bereits davon getrieben.
»Es ist schön, dass es dir wieder besser geht. Was war denn vorhin los? Du sahst richtig erschrocken aus.« Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen schielt Ryan zu mir.
»Wie gesagt, mir war einfach etwas schwindlig«, antworte ich ausweichend. Ich hasse es, ihn anzulügen, doch die Wahrheit kann ich ihm einfach nicht erzählen. Noch nicht. Nicht, bevor ich mir selbst zu einhundert Prozent sicher bin. »Vielleicht hat mich die Nachricht von Frau Spin mehr mitgenommen als gedacht.«
Er zieht die Stirn kraus, sagt aber nichts weiter. Ich bin ihm wirklich dankbar dafür, auch wenn mir bewusst ist, dass er mich irgendwann erneut darauf ansprechen wird. Die Neugierde kann ich ihm deutlich ansehen.
Ich grinse Ryan kurz an und drücke mich hoch, bevor er es sich anders überlegt und mich mit Fragen löchert. Schnell laufe ich zum Haus unseres Platzwartes, um ihn um einen Bogen zu bitten. Ein wenig Training könnte mich etwas ablenken. Schusswaffen wie Pistolen oder Gewehre werden uns prinzipiell nur bei den Trainingseinheiten ausgehändigt. Allerdings liebe ich es, mit Pfeil und Bogen zu schießen, daher stört es mich nicht wirklich. Kurz vor der Hütte bemerke ich, dass Ryan mir folgt.
Ich drehe mich zu ihm um und stemme die Hände in die Hüften. »Läufst du mir jetzt den ganzen Tag hinterher wie ein Hund?«
»Ich kann doch nicht zulassen, dass dir noch einmal schwindlig wird und dann keiner in deiner Nähe ist, der sich um dich kümmert.« Er mustert mich für ein paar Sekunden. »Sieh mich nicht so an. Ich weiß, dass du davon genervt bist. Aber du wirst mich heute nicht mehr los. Also gewöhn dich besser dran!«
Anstatt einer Antwort strecke ich ihm die Zunge raus und klopfe an die Tür.
Konrad Schuller, ein Mann mit dunklem Drei-Tage-Bart, kantigem Gesicht und stets nach unten gezogenen Mundwinkeln öffnet die Tür.
»Was wollt ihr? Heute fällt der Unterricht aus!«, schnauzt er uns an, verschränkt die kräftigen Arme, die mehr stemmen, als jeder muskelbepackte Junge des Camps und schaut dabei so finster, dass so mancher sofort den Rückzug antreten würde.
»Guten Morgen. Wir möchten Sie bitten, uns die Sporthütte aufzuschließen«, sage ich, von dem Gehabe unbeeindruckt.
»Nein heißt nein! Beschwert euch gefälligst beim General. Ist ja nicht meine Entscheidung.«
Herr Schuller sieht kein bisschen so aus, als würde es ihm in irgendeiner Weise leidtun. Wenn er uns die Herausgabe der Waffen verweigert, hat er weniger Arbeit.
»Wieso das denn nicht? Wir konnten doch bisher immer trainieren, wenn wir frei hatten«, protestiert Ryan.
»Warum? Was weiß ich! Dazu müsst ihr den General schon selbst fragen. Solche Hintergründe werden mir ja nicht mitgeteilt.« Er zuckt die Achseln, dreht sich um und schmeißt die Tür hinter sich zu.
Stöhnend werfe ich den Kopf in den Nacken, während Ryan sich durch die wuscheligen Haare fährt.
»Ich sagte ja: Hier stimmt etwas nicht.«
- 4 -
Seufzend lasse ich den Löffel sinken. Normalerweise ist das Mittagessen ausgezeichnet, heute schmeckt es fade.
»Was haben sie denn mit der Suppe angestellt?« Ryan verzieht das Gesicht.
Skeptisch tunkt er ein Stück Brot in die Brühe, während ich mir mit den Fingerspitzen die Schläfen massiere. Er scheint zum Glück keine Antwort zu erwarten und untersucht akribisch einen der Fleischklumpen, bevor er ihn sich in den Mund schiebt.
Wir sitzen auf unseren Stammplätzen im hinteren Teil des Speisesaals und außer uns beiden sind nur wenige Alokas im Inneren des Gebäudes. Bei dem schönen Wetter essen fast alle auf den Bänken draußen oder picknicken auf der Wiese.
Immer wieder drängen sich Erinnerungen von letzter Nacht an die Oberfläche. Ich muss herausfinden, was es damit auf sich hat. Mit wem kann ich darüber reden, ohne für verrückt gehalten zu werden? Vielleicht doch Sara? Aber was, wenn sie mich nicht ernst nimmt oder ebenso belächelt, wie all die Erwachsenen damals in meiner Kindheit?
Durch die permanenten Grübeleien spüre ich einen hämmernden Schmerz in meinen Schläfen und verziehe das Gesicht. Super! Wie immer reagiert mein Körper mit anfänglicher Übelkeit bis hin zu einer ausgewachsenen Migräne. Wahrscheinlich liege ich heute Abend oder morgen auf der Krankenstation. Ein verräterisches Brodeln in meiner Magengegend bestätigt die Vermutung.
Während ich so darüber nachdenke, drängt sich mir die Frage auf, ob es sich nie um Träume gehandelt hat. Ich bin schlichtweg davon ausgegangen und hatte bisher keine Veranlassung dazu, etwas anderes anzunehmen.
Mit routinierten Bewegungen fahre ich mir über den Nacken. Manchmal hilft es gegen das Hämmern in meinem Schädel. Diesmal nicht. Vielleicht, wenn ich kurz die Augen schließe. Also lege ich die Stirn auf die kühle Tischplatte, was mir wirklich etwas Linderung verschafft.
»Was ist los, Kay?« Auch ohne Ryan zu sehen, weiß ich, dass er mich sorgenvoll mustert.
Kopfschüttelnd signalisiere ich ihm, dass ich nicht reden möchte. Was soll ich ihm schon sagen? Dass ich Frau Spins Schreie im Traum gehört habe, als sie angegriffen wurde? Dass meine Träume wortwörtlich wahr werden? Mein Herz rast allein bei der Vorstellung, er könne mich für einen Freak halten. Auch wenn er meine Träume nie belächelt hat, ist das hier etwas ganz anderes. Es ist … verrückt. Und ich bin auch ohne solche komischen Hirngespinste schon der Außenseiter hier. Nicht ganz unfreiwillig, wie ich zugebe. Dennoch will ich meinen einzigen Freund nicht damit vergraulen.
Er legt eine Hand auf meinen Arm. »Lass mich raten. Du hast solche Schmerzen, dass du kaum den Kopf oben halten kannst?«
Diesmal nicke ich gequält. Natürlich ist es ihm nicht entgangen, dass ich nach diesen Nächten jedes Mal einer Migräneattacke ausgesetzt bin. Inzwischen ist der Schmerz fast so etwas wie mein Dauerbegleiter geworden.
»Es ist noch nicht besonders schlimm. Aber du hast recht, dass sie wieder losgehen.« Ich richte mich auf, schiebe die Schüssel von mir weg und zerpflücke mein Stückchen Brot.
»Na komm, dann bringe ich dich lieber gleich zur Krankenstation und du lässt dir was dagegen geben, ehe du unseren freien Tag im Bett verbringst.«
Entschieden steht Ryan auf, schnappt sich die beiden Tabletts und bringt sie weg. Dann zieht er mich hinter sich her zu der Tür, die ins Treppenhaus führt. Natürlich hat er recht. Also gehe ich bereitwillig mit.
Mit jedem Schritt fühle ich das Pochen deutlicher an meiner Schläfe. In der zweiten Etage verschwimmt meine Sicht. Saure Galle steigt mir in die Kehle und ich befürchte, dass sich das bisschen Suppe, das ich gegessen habe, einen Weg nach draußen sucht. Die Geräusche um mich herum scheinen plötzlich zu explodieren und ich bekämpfe den Drang, mir die Ohren zuzuhalten. Das ist neu. Normalerweise beginnt es ganz leicht und wird erst über mehrere Stunden hinweg stärker. Jetzt sind keine zehn Minuten vergangen, seitdem ich das Stechen in meinen Schläfen realisiert habe.
Ryan legt meinen Arm über seine Schulter und hält mich fest. Mich so stützend, bringt er mich in die Krankenstation und Schwester Ina ist augenblicklich bei mir. Routiniert drückt sie mich auf eine der Liegen.
»Hol sie in einer Stunde wieder ab! Solange sollte sie sich ausruhen«, sagt sie mit leiser Stimme zu Ryan.
Ich schließe die Augen für ein paar Herzschläge und höre, wie er nach einer kurzen Verabschiedung den Raum verlässt. Blinzelnd versuche ich, Schwester Inas Bewegungen zu verfolgen. Noch immer sehe ich die kleine, untersetzte Frau mit dem freundlichen Gesicht und grauen Haaren nur verschwommen. Auch wenn ihre Medizin Gerüchten zufolge in jedem Fall wirkt, fühle ich mich so elend, dass ich momentan daran zweifle.
Schwester Ina steht am anderen Ende des Zimmers direkt vor dem Fenster und mischt verschiedene Kräuter und andere Zutaten in einem Behältnis auf der Arbeitsplatte. Ich höre das Brodeln des Wasserkochers, kurz bevor er abschaltet. Aus einem der Hängeschränke neben dem Fenster holt sie eine Tasse, vermengt darin das kochende Wasser mit dem Inhalt des Behälters und bringt sie mir.
