Fallen Sie nicht. Fliegen Sie lieber - Ruth Schweikert - E-Book

Fallen Sie nicht. Fliegen Sie lieber E-Book

Ruth Schweikert

0,0
19,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit dem fulminanten Erzählband Erdnüsse. Totschlagen hat Ruth Schweikert 1994 die literarische Bühne betreten. Neben vier Romanen entstanden in der Folge auch viele Texte in unterschiedlichen Genres: Kolumnen, Vorträge, Erzählungen, Essays. Dieses Buch vereinigt Texte aus drei Jahrzehnten. Manche verstreut publiziert, andere bisher unveröffentlicht. Der Bogen reicht von einer fiktiven Selbstrezension des Erstlings und einem abgelehnten Text für eine SP-Wahlkampfzeitung über Essays zu Psychiatrie und Literatur oder zur Kunst des Verpackens bis hin zu einer atheistischen Predigt. Dazu kommen drei Texte von Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern: Adolf Muschg, der frühere Lehrer an der ETH, Katharina Hacker, die Kollegin auf Augenhöhe, und die Schriftstellerin und Bäuerin Noëmi Lerch, Arbeitspartnerin auf der letzten Strecke.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 274

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mit dem fulminanten Erzählband Erdnüsse. Totschlagen hat Ruth Schweikert 1994 die literarische Bühne betreten. Neben vier Romanen entstanden in der Folge auch viele Texte in unterschiedlichen Genres: Kolumnen, Vorträge, Erzählungen, Essays.

Dieses Buch vereinigt Texte aus drei Jahrzehnten. Manche verstreut publiziert, andere bisher unveröffentlicht. Der Bogen reicht von einer fiktiven Selbstrezension des Erstlings und einem abgelehnten Text für eine sp-Wahlkampfzeitung über Essays zu Psychiatrie und Literatur oder zur Kunst des Verpackens bis hin zu einer atheistischen Predigt.

Dazu kommen drei Texte von Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern: Adolf Muschg, der frühere Lehrer an der eth, Katharina Hacker, die Kollegin auf Augenhöhe, und die Schriftstellerin und Bäuerin Noëmi Lerch, Arbeitspartnerin auf der letzten Strecke.

Foto keystone /Ayṣe Yavaṣ

Ruth Schweikert (1964–2023) wurde in Lörrach geboren und ist in Aarau aufgewachsen. Nach ihrem Debüt Erdnüsse. Totschlagen veröffentlichte sie die Romane Augen zu, Ohio und Wie wir älter werden sowie zuletzt 2019 die literarische Recherche Tage wie Hunde. Ruth Schweikert war Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim, ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung und dem Solothurner Literaturpreis.

Ruth Schweikert

Fallen Sienicht. FliegenSie lieber

Erzählungen und Essays

Herausgegeben von Eric Bergkraut, Raphael Schweikert und Martin Zingg

Mit Beiträgen von Katharina Hacker, Adolf Muschg und Noëmi Lerch

Limmat Verlag

Zürich

Inhalt

Das authentische Tagebuch einer gefälschten Autorin eines verlogenen Tagebuchs einer real existierenden Autorin namens Ruth Schweikert

Erstens: Vereinnahmung.

Zweitens: Beschleunigung.

Drittens: Ermüdung.

Viertens: Erfolg.

Die Fräuleins 2

Liebe Gefangene dieses Buches

Schreiben ist der Fluss

Psychiatrie und Literatur

Le feu sacré

Die Furie des Verschwindens

Annemarie Schwarzenbach

Verlorene Pläne der Weltordnung

Die Überlegenheit des Unheils über das Glück

Sehr geehrte Louise Bourgeois

Die Liebe ist einer der häufigsten Tumoren

Elfriede Jelineks fremdenverkehrte Bergwelt samt Pension Alpenneurose. Eine Nachdichtung aus Schweikertischer Sicht.

Was der liebe G. so macht

Alterstrotzig im Dirndl

Horror der Existenzleere

Flaschenpost

Verpackungen, Sehnsüchte

Wahre und falsche Prämissen

Schreiben – verpacken – entblößen

Schreiben ist keine Entblößung

Ein Blick von außen

Labor of Love. Keine Short Story

Don’t Tell Me Who You Are

KraftWerke

Am Telefon

Fallen Sie nicht. Fliegen Sie lieber

Über das Reisen am Ort im Express-Buffet der Bahnhofsunterführung.

Hunger

Über die unnachahmliche Besonderheit des Schreibens

Literaturbetrieb Schweiz

Keine Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis zum eigenen Land, oder warum kein Text über die Schweiz auch ein Text über die Schweiz ist

Not Dark Yet

Keine weiße Lüge

Das Kostüm

Leben heißt einziehen

Ausziehen

Zwei Nächte

Von dem, was abfällt, was übrig bleibt, was verschwindet und was sich erübrigt

Mein Aarau

Muttertag

Muttertag

Supersterber

Der einzige Trost

Adolf Muschg: Schreibarbeit

Katharina Hacker: Ruth, das Lamm

Noëmi Lerch: Unendliche Wälder

Biografie Ruth Schweikert

Editorische Notiz

Die Herausgeber

Das authentische Tagebuch einer gefälschten Autorin eines verlogenen Tagebuchs einer real existierenden Autorin namens Ruth Schweikert

Auftragstext «Berner Zeitung», Herbst 1994.

Erstens: Vereinnahmung.

Am 30. Mai 94 treffe ich beim Einkaufen in Aarau, der Stadt meiner Kindheit, Frau D., die Mutter einer ehemaligen Mitschülerin. Sie hat die Kritik im aargauersagen- blatt gelesen (Stil: 5,75, Inhalt: 3,25, «das Buch ist zu negativ, es lässt einen so trostlos zurück») und sagt mir freundlich, sie werde mein Buch folglich nicht kaufen und auch nicht lesen, sie sei halt ein Glückskind, sie habe niemals Probleme, auch nie welche gehabt, auch nicht mit den Kindern, sie kenne praktisch nur Menschen aus glücklichen Ehen, sie sei eben ein einfaches Gemüt. Dabei strahlt sie mich forschend an (sie ist Krankenschwester und soll, so erfahre ich später, ihre Tochter gefragt haben, ob ich es denn auch im richtigen Leben so schwer hätte wie laut Kritik die Figuren meines Buches), wir stehen im Coop zwischen der Schmuckabteilung und der Hausbäckerei und sind plötzlich für Sekunden im Zoo: während ich durch den unsichtbaren Käfig hindurch so fasziniert wie bestürzt ein Exemplar der Sorte Glücklicher Mensch betrachte, die ich angesichts der Weltlage für ausgestorben hielt, bin ich gleichzeitig selbst ein im Gehege der Öffentlichkeit gefangenes, exotisches Tier, das sich willig von allen medialen Scheinwerfern ausleuchten lässt. Nun ist die Autorin aber kein Tier, sollte man denken, denke ich zu Hause, sie lässt sich höchstens so behandeln.

Am 11. Juni wünscht sich ein Alfons dringend, mit der Autorin von Erdnüsse. Totschlagen einem Fluss entlang zu spazieren und mit ihr über diese Frauen-Kinder-Männergeschichten zu sprechen. Er schickt auch gleich noch ein schlecht kopiertes Foto mit aufgerissenem Mund mit. Am nächsten Tag fragt mich eine Frau aus Ostermundigen, mit Changierstift auf 100% Umweltschutzpapier schreibend, ob ich mit diesem schonungslosen Blick für die Realität geboren wurde. Weiter teilt sie mir mit (sie hat mich an einer Lesung gesehen), ich scheine von meinem Äußeren her die Attribute der Stärke und Festigkeit zu besitzen, meine Stimme sei trocken und triefend vor Nüchternheit. Aber vielleicht, so schreibt sie, sei ich auch ganz anders, und ich darf erleichtert aufatmen.

Am 15. Juni halte ich an der eth eine kurze Glückwunschrede für den diesjährigen Büchnerpreisträger Muschg. Er begrüßt mich halbglücklich als Neumitglied der SchriftstellerInnengilde, indem er sagt: Jetzt musst du dir eine dicke Hornhaut wachsen lassen, um all die Kritiken, Definitionen und Erwartungen zu ertragen, mit denen man dich vollschreiben wird, und später musst du dich vollständig häuten, um wieder jene dünne Haut zu haben, die Schreiben erst möglich macht. Jetzt, Anfang August, beim Schreiben dieser Zeilen, schält sich meine Haut am Rücken nach einem schmerzhaften Sonnenbrand.

Zweitens: Beschleunigung.

Am 15. Juli 94 bin ich 29 Jahre alt, oder ist es nur die Figur aus einer meiner Erzählungen, oder sind wir es beide, oder ist alles Lüge, unwichtig, egal; Hauptsache, die Geburtstage eignen sich für Rückblenden: Anfang April 1994 erscheint im crash die erste Buchkritik von Erdnüsse. Totschlagen, und ich lese den lauteren Schwachsinn: es sei der geniale Erstling einer 29-jährigen Autorin, die zwei Kinder von zwei verschiedenen, jeweils anderweitig verheirateten Männern habe, sich jahrelang durch die ganze, selbstverständlich miese Existenz einer alleinerziehenden Mutter gequält und sich finally an den eigenen rotgoldenen Haaren aus dem schwärzesten Depressionsmoor gezogen habe. Das Foto im crash braucht so viel Platz wie die Kritik; die Autorin zeigt sich von der besten Seite, die letzten postpubertären Pickel sind überschminkt, und sie hat ihren eigenwilligen Kopf so dekorativ auf die verschränkten Arme und diese wiederum so dekorativ auf einen alten Heizkörper gelegt, wie das männliche Fotografengesetz es ihr anempfohlen hatte. Zwei Tage später ruft die Hochglanzpostille tango an, man habe im crash den Artikel, und ob die Autorin nicht vielleicht eine Kolumne? Die 500 Franken sind in zwei Tagen verdient, der Stundenlohn ist sensationell, die Gefühle und Gedanken in Gehirn und Magen flau. Als ich das Heft zugeschickt bekomme, werfe ich es, ohne es auszupacken, zum Altpapier. Am 19. April findet in Zürich die Buchvernissage vor einigen FreundInnen statt, aber das Terrain ist vorbereitet, Schriftstellerkollege pw hat die Kritiker-Innen in den Wochen vor dem Erscheinen des Buches auf meine Fährte gesetzt, und es geht, wie man zu sagen pflegt (vielleicht ohne zu bedenken, dass diese Redewendung ihren metaphorischen Schutzmantel ablegen könnte), Schlag auf Schlag; ich lese an fünf aufeinanderfolgenden Tagen in Aarau, Basel, nochmals Aarau, Luzern (siehe unten) und Solothurn: es folgen Kritiken im führenden linken Presse-Erzeugnis (gut), in der lnn (gut), im aargauersagenblatt (siehe oben) und und und Interviews und und und Fototermine, ich schminke mich täglich zweimal. Und die WoZ-Fotografin lässt mir über die WoZ-Journalistin ausrichten, ich solle mich doch um Himmels willen nicht in solche fotografischen Posen wie im crash drängen lassen. Wie recht sie doch hat. Sie ist die Einzige, die mich während eines zweistündigen Interviews so diskret fotografiert, dass ich es kaum wahrnehme.

Drittens: Ermüdung.

Diese Rückblende wäre nach Belieben fortzusetzen, würde es mich nicht anwidern, über mein an die berner zeitung verkauftes Ich zu schreiben. Deshalb helfe ich mir schnell mit Agota Kristof, die ich in einer schlaflos schwülen Nacht lese; es ist Anfang August, und ich sollte diese Zeitungsseite füllen mit dem «Tagebuch einer gestressten Autorin» (oder so ähnlich), stattdessen lese ich in Agota Kristofs Buch Die dritte Lüge die folgenden Sätze: Sie sagt:– Ja, es gibt Leben, die sind trauriger als das traurigste Buch. Ich sage:– Das stimmt. Kein Buch, auch wenn es noch so traurig ist, kann so traurig sein wie ein Leben. Und ich muss und will von C. erzählen, mit der mich eine ewig nur telefonische Freundschaft verbindet, obwohl uns keine fünf Kilometer trennen. Sie hat mich heute angerufen und über die Hitze geklagt: die überreiche Sonnenwärme dieses Sommers bereite ihr heftigste körperliche Schmerzen, sie sei kaum noch zu einer Bewegung fähig und habe das Gefühl, ihr Brustkorb implodiere demnächst. Am 5. Juli um 12.57 Uhr brechen in meiner Küche innerhalb einer Minute zwei Tassen auseinander, und ein Leserbriefschreiber bezeichnet meine Klagenfurtgeschichte als Literat-Hur. Über meinem Bett hängt ein Bild von David Hockney: Portrait of an artist (Pool with two figures). Ein gepflegter junger Mann in rotem Jackett steht am Rand eines Swimmingpools und sieht auf eine androgyne Figur im Wasser, ist es eine Leiche? Sie trägt eine weiße Badehose, die wie eine Windel aussieht, und hält den Kopf unter Wasser, preisgegeben den Blicken von oben, das Alter Ego des Künstlers.

Viertens: Erfolg.

In Luzern erscheinen am 3. Mai zwei ganze Menschen zu unserer Lesung. Michel, Adrian und ich lachen unsere Enttäuschung selber aus, trösten uns mit dem ersten warmen Abend im Jahr und trinken Rosé, bis der letzte Zug uns sicher nach Hause fährt. Es folgt meine solo-tournee, die junge Autorin wird an den 16. Literaturtagen als Entdeckung herumgereicht, vom blick über Bürger- und Lokalblätter bis zu Radio und Fernsehen feiert man ein neues weibliches Literaturgesicht. Am Montag danach verbringe ich eine geschlagene Stunde am Bahnhofskiosk, lese gierig sämtliche Tageszeitungen und komme mir lächerlich vor; im bund sind aus dem Zusammenhang gerissene Auszüge eines zweistündigen Gesprächs zwischen Gertrud Leutenegger und mir abgedruckt, ein Gespräch, das von gegenseitiger Achtung und Sympathie für Person und Texte geprägt war, ist polemisch mit Schweikert versus Leutenegger betitelt. Und im aargauersagen- blatt bildet man mich gleich doppelt ab und schreibt fett unters Foto: Ließ kein Klischee aus: die Aarauer Autorin Ruth Schweikert. Fühle mich in Aarau vogelfrei. Am 24. Juni lese ich mit einem blaugeschlagenen Auge am Ingeborg Bachmann Wettbewerb in Klagenfurt und erhalte das Bertelsmann-Stipendium in der Höhe von 7000 dm, später wird mir jemand sagen: wie auch immer dein blaues Auge zustande kam, ob durch Sturz oder Schlag auf Schlag, der Preis, den du für die 7000 dm und die literarische Anerkennung zahlst, ist zu hoch; und ich schreibe fürs «du. Die Zeitschrift der Kultur», auch gleich noch einen Epilog für das Septemberheft über die Bachmann, jemand möchte mich für eine Nebenrolle in einem Film, ein Unternehmensberater fragt mich nach meiner Lesung in einem 5-Sterne-Hotel in Leukerbad, ob ich meinen Mann verlassen habe oder umgekehrt; ich äußere mich telefonisch zur Fußball-wm und zu Christoph Blocher. Nur die schweizerilluminierte wimmle ich erfolgreich ab, und so müssen leider die heilige Ex-Ski-Madonna inkl. Töchterchen und der ebenso heilige Ex-Ski-Papst inkl. Söhne und neugeb. Töchterchen ein weiteres Mal nicht an nur einen gerechten Gott, sondern auch an ihr Erscheinen auf dem Titelblatt der obgenannten Zeitschrift glauben. Als mich dann Anfang Juli auch noch ein Redaktor der bernerzeitung anruft, mir erzählt, er plane eine Wochenendbeilage zum Thema Markt und Kunst oder so ähnlich und mich fragt, ob ich dafür ein «Tagebuch einer gestressten Autorin» schreiben würde, er hoffe auf einen witzigen oder lustigen oder lakonischen oder patzigen Text, schlage ich die Hände über meinem Kopf zusammen, was er leider durchs Telefon nicht sehen kann, und deshalb missdeutet er das Klatschen wohl als Zusage, zumal ich auch noch aus lauter Erschöpfung Ja sage. Aber so etwas, das schwöre ich Ihnen, liebe Leser und Leserinnen der bernerzeitung, so etwas würde ich niemals tun, und wenn ich damit die achthundert Franken verdiene, die mich meine und die Zahnarztrechnung meiner Kinder kosten. Ich lasse mich doch nicht kaufen.

Die Fräuleins 2

Es handelt sich um die frühe Fassung der Erzählung, die später unter dem Titel Port Bou im Band Erdnüsse. Totschlagen erschienen ist.

Schicksal und Charakter werden gemeinhin als kausal verbunden angesehen und der Charakter wird als eine Ursache des Schicksals bezeichnet.

Irgendwie war sie wieder zum Fräulein geworden. Sie hatte doch im Kopf die richtige Vorstellung. Jetzt war sie bald siebenundzwanzig, bald wie ihre Mutter, eine Grenzgängerin aus dem Badischen 1957, angestellt in einer Basler Baufirma als Sekretärin. Natürlich ein Fräulein, auch sie. Die adoleszenten Pickel hatten sich bereits nach innen gewendet, sie war eben erwachsen, an Haut und Knochen aus dem Kinderbett gewachsen; des Nachts schlief sie im ehemaligen Eheschlafzimmer der Eltern, in Vaters Bett, an des toten Vaters Stätte, neben ihrer leise schnarchenden verwitweten Mutter, und ihr fahles aschblondes Haar zeigte Spuren von Grau. Die Herren im Büro, Familienväter alle, machten sich manchmal einen Spaß daraus, ihr biedermeierliches Wesen mit Seitensprunggeschichten zu erschüttern.

Der Gedanke, welcher dabei zugrunde liegt, ist folgender: wäre einerseits der Charakter eines Menschen, d. h. also auch seine Art und Weise zu reagieren, in allen Einzelheiten bekannt und wäre andererseits das Weltgeschehen bekannt in jenen Bezirken, in denen es an jenen Charakter heranträte …

Sie, die Tochter, die jetzt dann siebenundzwanzigjährig wurde, hatte irgendwann, mitten in einem dieser schwülen Hochsommertage, aufgehört, sich die Zähne zu putzen. Sie dachte sich dabei nichts; aber unablässig wippte ihr Körper zur Melodie eines Kinderliedes: die Zähne sind zum Küssen da, zum Küssen da, zum Küssen da; dazu fügten sich als eine zweite, schrille Stimme Penthesileas Worte: Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.

Des Fräuleins Zähne waren in dieser Hinsicht arbeitslos, seit Längerem, seit fünfzehn Jahren schon, seit dem letzten Vaterkuss, der ihr als Tochter galt, und somit handelte sie unzweifelhaft ökonomisch in dieser Hochsommerhitze, verstaute die Zahnbürste zuoberst im Spiegelschrank und überließ ihr einziges riesigrotes Badetuch langsam dem Schimmel.

… so ließe sich genau sagen, was jenem Charakter sowohl widerfahren als von ihm vollzogen werden würde. Das heißt, sein Schicksal wäre bekannt. Soweit Walter Benjamin, den sie nie gelesen hatte, bis auf ein kurzes Zitat, das eines Morgens auf ihrem Kantonsschülerinnenpult gelegen hatte, das war vor acht Jahren gewesen. Benjamin war am selben Tag wie sie geboren, wenn auch über siebzig Jahre und zwei Weltkriege früher, und sie wählte sich für die Lösung ihres verknoteten Schicksals Benjamins letzten Lebens- und Todesort; oder vielleicht war eben dieses ihr Schicksal eine Täterin, eine handelnde Instanz, die sie dorthin verschlug, an diesen trostlosen spanischen Grenzort.

Das Fräulein von 1957 nahm in jener Hochsommerzeit ihren ersten Kuss in Empfang. Sie hatte Jutta während der obligaten Jungmädchentortur im Welschland kennengelernt, an einem von zwei freien Wochenenden, die ihr von ihrer Madame während des ganzen Jahres gestattet wurden; mit ihrer Freundin Jutta also war sie nach Spanien gefahren, eine begleitete Carreise mit Kuoni, das leisteten sie sich, es waren ihre ersten eigenen Ferien, es war ihr erstes eigenes Meer, das sie zu spüren bekamen. Sie, Elisabeth, wohnte ja noch billig zu Hause, aß, wenn sie abends müde über die Grenze kam, Mutters aufgewärmtes Mittagessen auf, setzte sich mit einem Buch, das zumeist von treuer Frauenliebe handelte, ans Stubenfenster der Zweizimmerwohnung, und starrte zwischen den Worten nach draußen. Da waren alle beschäftigt mit Konjunktur; selten ging einer vorbei, noch seltener eine. Häufiger eine und einer, eine und eine, oder einer und einer, zwei und zwei und zwei. Im Bett legte sie sich ein Kissen unter die Füße, um ihre geschwollenen Beine zu entlasten. Die Beine waren kaputt von jahrelanger Arbeit im Hotel: stehen, stehen, am Buffet, in der Küche, zwölf Stunden am Tag, in der Hauptsaison vierzehn. Das kannst du mir glauben. Am Samstag heizten sie mit Holz und Kohle den Boiler auf und badeten. Zuerst sie, dann ihre Mutter. Nach dem Bad legten sie ihre rotgeschruppten Körper in frische weiße Nachthemden und träumten manchmal von elektrischen Heizöfen.

Über den Sonntag rede ich nicht. Der Sonntag setzte einem langen Wochensatz den göttlichen Schlusspunkt. Und dieser kreisrunde Ablauf, dachte Elisabeth, würde sich wieder und wiederholen in diesem zufriedenstellend langsamen Rhythmus, wenn nicht!, oder: bis eines Tages, am besten in Basel, sie lieben die Schweiz, ihre Mutter und sie; bis eines Tages eine Junggesellenbude darauf warten würde, von ihr in ein häusliches Heim verwandelt zu werden. Und diese Vorstellung leuchtete als Silberstreif am Horizont vom Fräuleinhirn …: lieber lebenslängliche Hausfrau als lebenslängliche Sekretärin.

Die Tochter stockt hier in der Erinnerung, etwas hat sie gepackt, sie ist ja jetzt so alt wie ihre Mutter damals, 1957. Und wo bitte, ist ihr Traum vom häuslichen Heim geblieben? Das häusliche Heim hat sie zwar zur Genüge, aber den Traum? Wenn sie die Zähne noch weiter nicht putzt, kann sie den Traum glatt in die Vergangenheit schmeißen, die sie nie gelebt hat.

Und ihr Leben steht noch immer als ein Brett vor ihrem Kopf, im Gegensatz zu Walter Benjamin, der sich dieses Brett vor dem Kopf wegnahm, der sich also das Leben nahm, der auf der Flucht vor den Häschern der Gestapo 1940 in Port Bou in den Freitod getrieben wurde …, was man von ihr nicht behaupten kann, glücklicherweise nicht; sie kann nur leise singen: all my life still ahead, pity me …

Sie, die Tochter, hatte aus ihren drei jeweils einmaligen Liebhabern drei Kinder gezogen. Da sie zu diesen Zeitpunkten nicht frigid war, lösten die alle drei Jahre stattfindenden Orgasmuskontraktionen zuverlässig den Eisprung aus. So wurde sie Mutter mit 19,22, und 25. Sie sieht schon das Schicksal sich bemühen, ihr den nächsten Liebhaber bereitzustellen, auf dass der Dreijahresrhythmus gewahrt werde. Weil kein Mensch ihr einen Ehemann zutraute, wurde sie kurz nach den Schwangerschaften wieder Fräulein genannt, trotz ihren schweren, vom Milchgewicht blaugeäderten Brüsten, aber die Adern sah ja auch keiner.

Auf dem schwarz-weißen Foto von Spanien schimmerten schon die Krampfadern. Ihr Vater also hatte solche Krampfadern genommen, sie geheiratet, und er hatte sich auf sie draufgelegt, er, mit seinen perfekten braunglänzenden Beinen, ebenbürtig denjenigen von griechischen Götterstatuen. Diesen Vater konnte sie nur verachten. Warum hast du bloß diese grässliche Frau geheiratet, die meine Mutter ist, dieses reine Dienstleistungsgeschöpf, hatte sie ihn gefragt, als sie schon über zwanzig war, so ernsthaft, als sei sie noch ein Kind. Er hatte etwas gemurmelt, das sich anhörte wie eine Entschuldigung: Verpflichtung zur Familie als Keimzelle des Staates. Und er hatte hinzugefügt, diesmal mit leisem Vorwurf über die ungebührliche Frage: deine Mutter ist wirklich eine gute Mutter.

Wie sie daherkam! Sie ging wie auf Stelzen über den hochglanzpolierten Aarauer Stadtboden; den Mund öffnete sie immer weniger, je heißer es wurde. Abends um zehn, allein mit ihrem Mund, beginnt sie sich herzurichten, schmiert sich den Mund voll mit Lippenstift, Farbe classic red, Marilyn, du hast ’nen Mund wie Marilyn, singt sie, und sprayt sich natürliches Pfefferminzaroma gegen den Mundgeruch in den Rachen. Dann setzt sie sich vor den Fernseher, ganz dicht, mit diesem arbeitslosen Saugnapf von Mund, zieht die Männerzungen sämtlicher Kultursendungsköpfe tief in sich hinein, und tut so, als gäbe es daran etwas zu kauen, am Staub, den sie vom Bildschirm leckt. Am Morgen putzt sie den verschmierten Bildschirm mit Ajax glasklar.

Ein Schuhhändler verpasste ihr den ersten Kuss. Kurz nach dem Foto, gut hatte er das hingekriegt, die beiden Frauen im Wettstreit um Fotogenität, um des Fotografen Gunst, der aus ihnen Kunst machen würde. Elisabeths fahles aschblondes Haar fiel einfach göttlich, man muss den richtigen Moment erwischen, dachte er, und küsste Fräulein Elisabeth Hauser mitten auf den Mund. Der erschrak ob dem Feuchtwarmen, und Elisabeth drehte sich samt ihrem nassen Mund entschieden weg. Und sie hatte drei Kinder und war noch nie geküsst worden, wenn sie von den Vaterküssen absah. Die Ruhe an den Abenden nach neun Uhr sprengt ihr den Kopf, wenn die Kinder schlafen. Sie denkt an den Kuss, der kommen wird, noch dieses Jahr, das steht ihr fest; schon in der Kussvorstellung klappen ihr die Augendeckel runter, wie sie es im Film gesehen hat; ihre Lippen öffnen sich, sie atmet heftiger, bis sie ihre Mundhöhle riecht, nein, die kann keiner küssen, die erträgt nur sie allein. Die Kinder sind anstelle ihres Stolzes getreten; die Kinder sind ihr ganzer Stolz.

Das musste man sich bieten lassen auf einer begleiteten Carreise mit Kuoni 1957, als es noch keine Pille gab: dass man geküsst wurde ohne die vorbereitende Konversation. Der Schuhhändler Walther brauchte eine Frau fürs Geschäft, das wusste sie, das interessierte sie, wir haben den Krieg überlebt, sagt sie oft zu mir, die ich ihre Tochter bin, das schärft den Sinn für Realitäten, für Fleisch und Brot. Walther hatte zu Beginn der Reise seine Absicht bekanntgegeben, er sei sicher, die Geeignete befinde sich unter den mitreisenden Damen, schließlich fahre er nicht nur zum bloßen Vergnügen im spanischen Himmelblau umher, schon das Wort Ferien habe für ihn den billigsten Geschmack.

Und sie hockt in ihrer Dreizimmerwohnung für ledige Mütter, gesponsort von der heiligen katholischen Kirche, an die sie glaubt wegen des Heiligen Geistes, der sein Füllhorn über ihre Armseligkeit ausgeschüttet hat, und wartet auf ihren siebenundzwanzigsten Geburtstag. Von ihren Liebhabern sind ihr, nebst diesen Kindern, drei halb volle Zigarettenschachteln geblieben. Jede einzelne Zigarette ein Fest. Zur Feier des kommenden Tages würgt sie an einem Glimmstengel, welch eine Wärme der abgibt!, und es würgt ihr den allerersten Liebhaber hoch, den Geliebten aus Kindertagen. Ich geb dir’s ins Maul, das schmeckt gut, ja, du wirst sehen, komm, deine Mutter, die will ja nicht mehr. Der Geliebte keucht, er riecht nach Zahnarzt, wie sollte er anders riechen, er ist einer, und er singt für sie Mutters Lieblingslied aus irgendeiner Operette: meine Liebe, deine Liebe, die sind beide gleich, ich lieb dich und du liebst mich und da ist alles drin, ha ha ha ha, ha ha ha ha, … c, e, g, e, … cis fis, giis, aah, aah, aah. Sie hört den Ton in ihrem Mund zerfließen, die Vatertonleiter stoppt.

Von diesem Liebhaber blieben keine Zigaretten übrig, das ist nichts für kleine Mädchen.

Tage nach dem Kuss, der eintraf in Sevilla im August 1957; immer laut Juttamund, den ich befragt habe, Mutter will sich nicht erinnern an das Fräulein von 1957, das sie ja einst war, und wenn sie sich erinnern wollte, würde sie mir, ihrem Tochterfräulein, niemals Details über ihr erotisches Voreheleben preisgeben, sie weiß ja, ich würde sie missbrauchen, ich würde mir stinkfrech alles aufschreiben; Tage nach dem Kuss also entschloss sich Elisabeth, den Heiratsantrag Walthers abzulehnen, der ja kommen musste, den sie nach diesem Kuss erst täglich, später stündlich dann erwartete. Es wäre mir peinlich, sagt sie zu Jutta nachts im lärmigen Hotelzimmer in Barcelona, der letzten Station vor der Heimkehr; ich bin ja erst seit Kurzem in der Baufirma, und wenn ich jetzt in den Schuhhandel einheiraten würde, dann hätte die Firma ja gar nichts von mir gehabt, bisher bin ich ja eher eine Last gewesen für die, weißt du … Elisabeth kann sich ihre guten Gründe sparen, Walther hätte dieses Haar natürlich nie genommen, das war zu weich, zu seidenfein hings an der Elisabeth herab, daran konnte kein Mensch sich aus dem Sumpf ziehen, in den sein Schuhhandel abgesunken war.

Die Dreizimmerwohnung macht sie nervös am Vorabend ihres siebenundzwanzigsten Geburtstages. Sie schleicht sich ins Kinderzimmer. Die Kinder schlafen übereinandergeschachtelt, mit offenen Mündern, als könnte nichts sie verletzen, nichts in sie eindringen, schlafen zu dritt im Doppelbett, sechzig Kilogramm träumendes Kinderfleisch, das sich aneinanderklammert, weil es zusammengehört und sich gegen die Mutter verschworen hat, denke ich, die Mutter, und streife wie ein müder Tiger durch meine beiden Räume und halte diese Weite kaum noch aus. Wenn es doch enger wäre, schmaler, pitzeputzeklein!, wenn sie nur irgendwo eingeschnürt wäre, bewegungsunfähig an einen Küchenstuhl gefesselt, oder ihr Denken wenigstens, wie leicht wäre da der Hohlraum zwischen dem Tag und der Nacht und dem folgenden Tag zu ertragen!

Vor acht Jahren hatte sie die Schule verlassen. Irgendwoher hatte sie dieses Virus, den blasphemischen, wie ihr Vater ihn taxierte, ihre Gottesbegabungen auszuschlagen, oder war es einfach die Weigerung, erwachsen zu werden, die sie als Spitzenschülerin, ein Jahr vor der Matura, schwanger werden und die Schule verlassen ließ. Seither lebt sie irgendwie, zumeist vom Vaterzahnarztgeld, vom Fastenopfer für die Alleinerziehenden, von Gelegenheitsjobs als Weihnachtsaushilfe an der Migros-Multi-Marktkasse. Für den Service ist sie zu ungeglättet, zu ungeschickt, oder dann bietet sie den Männern zu wenig Anblicksfläche, kein Restaurant kann sie gebrauchen, nicht mal eine Alternativkneipe, die schon gar nicht. Wie kann eine Frau heute noch drei Kinder bekommen und sich in die Vaterabhängigkeit zurückziehen! Auch für den Vater ist es eine Perversion, was aus seinem Fräulein Tochter geworden ist, bildhübsch sei sie als Baby gewesen, und blitzgescheit als Vierjährige. (Und wohl sehr sexy als Zehnjährige, möchte ich hinzufügen, leise natürlich, damit die Vaterohren nicht hinhören müssen; damit die Vaterohren nicht beleidigt werden.)

Und jetzt, sagt der Vater, ist sie die Verkehrtheit in Person, wobei er Schwierigkeiten hat, in der Tochter eine Person zu sehen, er als Lateiner. Person kommt von personare, hat er ihr erklärt, was so viel heißt wie hindurchtönen, und bei ihr tönt außer dem Kindergeschrei gar nichts mehr durch, das aber ist durchdringend. Ein Glück ist dem Vater geblieben: sein Büro, das ihn isoliert von den Menschengeräuschen.

Elisabeth kehrt ohne Heiratsantrag ins deutsche Grenzstädtchen zurück. Walther schickt ihr Ende November das Foto, Elisabeth und Jutta im Sommerkostüm, die Sonnenbrille neckisch über die Stirn geschoben. Elisabeth schämt sich für ihr so einladend fallendes Haar und muss Walther Notwehr zugestehen. Der feuchtwarme Schreck am Mund ist ihr in der Novemberkälte tiefgefroren, nur der Bürochef stellt an Elisabeths Mündchen eine leichte Verfraulichung fest, die sich aber nicht bestätigt, als er diese Verfraulichung mit einem Griff unter den Rock testen will; er zieht seine Hand trocken unter ihrem Schoß hervor.

Vor acht Jahren war sie ein interessanter Fall, ein ergiebiges Studienobjekt mancher Lehrkräfte dieser Kantonsschule, die im Nebenfach Psychologie studiert hatten und nach praktischer Anwendung gierten. Ein störrisches Kind sei sie, diese Mittelschichtstochter, der Vater ein stadtbekannter Zahnarzt, die Mutter dem Vernehmen nach eine tüchtige Hausfrau, eine treusorgende Mutter, ein trotziges Kind sei sie, ein Brett vor dem Kopf habe sie, der sei ihr Hirn vernagelt, Drogen vielleicht. Im Lehrerzimmer wurden allgemein die Eltern bedauert, mit solch einer Tochter, die sich der Vernunft der Aufklärung entziehe, die der Geschichtslehrer als Höhepunkt der abendländischen und damit überhaupt der Weltkultur hervorgehoben habe; mit solch einer Tochter also, die sich einfach aufs Schicksal beruft, das sie zur Mutterschaft bestimme, und zu nichts anderem.

Und der Geschichtslehrer, der sich dem Vater besonders verbunden fühlte, weil sie beide Altherren in derselben Studentenverbindung waren, vulgo Spuck der eine, vulgo Zuck der andere; der Geschichtslehrer legte seiner schwangeren Schülerin eines Morgens einen mit Schreibmaschine beschriebenen Zettel aufs Pult, jedenfalls musste sie annehmen, das Präsent komme von ihm, mit einem Zitat von Benjamin aus Schicksal und Charakter: … Wo Charakter ist, da wird mit Sicherheit Schicksal nicht sein und im Zusammenhang des Schicksals Charakter nicht angetroffen werden.

Ihre Liebhaber waren ohne Namen, auf der Durchreise. Ich nehme die Pille, hatte sie einmal gelogen, es kann nichts passieren. Bei den anderen beiden Männern hatte sie nicht einmal diese billige Lüge gebraucht; sie gaben sich ohne eine Versicherung zufrieden. Ihre Rechnung, wenn sie denn eine angestellt hatten, war ohne Rest aufgegangen, wie die ihres ersten Liebhabers, dieses komischen Zahnarztes mit den perfekten Beinen, ebenbürtig denjenigen einer griechischen Götterstatue, von dem sie den Spruch hat: Es passiert dir nichts, wenn du das Geheimnis für dich behältst. Sie hat das Geheimnis für sich behalten, und diese Haltung gibt ihr Halt.

Der Geburtstag spült ihr im Zigarettenrausch noch mehr Vergangenheit ins Hirn, sie hat schon die zweite Zigarette angezündet, die Vergangenheit der Mutter: Sie sieht das Fräulein aus den Fünfzigern durch die Sechziger rennen, nun doch dringend einem Ehemann hinterher, den sie 1964 erwischt und vor den katholischen Altar schleppt, das Fräulein ist vierunddreißig, und ihr Gesicht ist vor Anstrengung fleckig geworden, beim Ehemann ist eine Muskelverhärtung um die Augen zu konstatieren; so beginnt der Ernst des Lebens. Die Heirat heißt Einmündung in die Zielgerade. Die Ehe ist eine Besserungsanstalt, wo die Ehefrau unter Einsatz und Aufopferung sämtlicher Fähigkeiten aus dem Junggesellen den glücklichen Ehemann macht. Dem Fräulein Elisabeth, nach der planmäßigen Entjungferung in der Hochzeitsnacht nunmehr des Ehemanns Bethli, werden infolge der Heirat drei Hausgeburten geschenkt, und der Sekretärinnenberuf, der ja nie eine Profession war, hängt am langen Nagel. Erst muss die Junggesellenbude, vorsichtig an Vaters Wahrnehmung vorbei, von den ungelesenen, aber wertvollen Feuilletons der letzten beiden Jahrzehnte befreit werden, und später das Einfamilienhaus vom Kindermist, der sich unermüdlich erneuert.

Während sie, die Mutter, die auch meine Mutter ist, ihre Kinder mit letzter Kraft ins Leben hinauspresste, während die Ärzte aus ihrem sich langsam verfettenden Schoß mit der Saugglocke alle Jahre wieder bis zum Klimakterium einen winzigen, blau verfärbten oder schon todweißen Menschenkörper zerrten, während also die Mutter bei den Geburten echte biblische Frauenarbeit leistete, fuhren die drei Tochterkinder aus der Tochter heraus, als ließen sie die Hölle hinter sich zurück. Die Kinder fielen ihr so einfach aus dem Schoß, wie sie in ihn hineingefallen waren, mit derselben erbarmungslosen Präzision.

Das bisherige Leben gönnte mir nur eine begrenzte Lebenserfahrung: Unter Schmerzen durfte ich meine Kinder nicht gebären, und wieder singe ich, etwas lauter jetzt, eine halbe Stunde vor Anbruch meines achtundzwanzigsten Lebensjahrs: all my life, still ahead, pity me.

Überhaupt hätte ich ein unglaublich einfaches Leben haben können. Woher nehme ich mir die Freiheit, oder besser die Frechheit, mein Leben so umständlich zu gestalten, den Staat, die Kirche und den Elterngeldbeutel zu schröpfen, wo es die Pille seit dreißig Jahren schon gibt, und das Fräulein denkt noch immer in alten Frauenschicksalskategorien!

Grand Marnier hat mir einer geschenkt, es ist zwei Uhr morgens, es ist der 15. Juli, ich schabe eine weiße Bakterienschicht von den Zähnen; ich krame den vergilbten, mit der Lehrerschreibmaschine beschriebenen Zettel aus meiner Schreibtischschublade, die Möbel gehören mir nicht, dieser Zettel ist wahrscheinlich das älteste Ding überhaupt, das ich besitze, außer mir selbst, ich nähe ihn mir in einen Plastikbeutel ein, besonders geeignet zum Einfrieren von Obst und Gemüse, und stecke ihn mir in die Unterhose, das schenkt mir ein gutes Gefühl. Es dämmert bereits, als ich beschließe, mir den Kuss zu holen, den erlösenden Kuss, als ich beschließe, eine moderne Frau zu werden, eben eine Frau mit Charakter und ohne ein irgendwie gottgewolltes Schicksal.

Am nächsten Tag beginnen die Reisevorbereitungen. Als erstes schnappe ich mir eine Zehnerpackung Präservative aus der diskreten Migros, wer weiß, was auf den Kuss folgt. Das Fräulein will wohl ihr Schicksal herausfordern, sagt die Kassiererin, und starrt entsetzt auf die Präservativschachtel; mein Schicksal ist stadtbekannt, das kann ich nicht einfach abändern: Drei Liebhaber, wer wollte vom ersten auch wissen, drei Kinder, im Abstand von jeweils drei Jahren, das vierte wird von der Kleinstadt erwartet. Es wird mir keine Schamtüte gereicht, obwohl ich mich schämen sollte; ich stopfe die Packung in eine mitgebrachte durchsichtige Plastiktüte, schlendere durch die Sommerstraßenleere und übe die sinnlich aufgeworfene Lippenstellung. Ans Zähneputzen denke ich noch immer nicht, das erschiene mir geradezu obszön.

Die Kinder bringe ich zu meiner Mutter, die vom Mutterberuf nahtlos in den Großmutterberuf übergegangen ist.

Ich fahre nach Spanien für ein paar Tage; das Geld kriege ich von der Beratungsstelle für Familienplanung, sage ich zu meiner Mutter, ihre Haare sind von einem gelbstichigen Weiß, wie immer schon, seit ich sie kenne, ihr Bauch geht schwanger, wie immer schon, seit ich sie kenne, vor Jahren schwanger mit einem Kind, heute ist er aufgebläht mit Kummer. Ich habe mir immer alles selber verdient, sagt resigniert meine Mutter, die Sekretärin von 1957, und hat keine Angst, ich könnte es aufschreiben, das wünscht sie sich vielleicht sogar, ihre Rechtschaffenheit auf meinem Papier wiederzufinden; die Aussteuer, das Schlafzimmer habe ich mit in die Ehe gebracht, auch die Sekretärinnenschule habe ich selber bezahlt, mit der Arbeit im Hotel, als Zimmermädchen, als Buffettochter, und der Herr Doktor Geiger, der früher bei der Ciba war und bei uns im Hotel gewohnt hat, der hat mir jeden Mittwoch einen Franken Trinkgeld gegeben, da war ich noch keine zwanzig, aber ich konnte sparen, so kurz nach dem Krieg.

Der Schweiß läuft mir in den Mund im klimatisierten Catalan Talgo, ich steige aus in Port Bou, dem Ort an der Grenze zu Frankreich, ich bin in Spanien, das reicht mir. Das Meer ist geradezu blödsinnig blau, wie die Augen meiner Mutter.

Una mujer bin ich hier, eine Frau, nichts von diesem angeblich südländischen Schönes-Fräulein-Getue, komischerweise. Mein früheres Interesse für Kunst und Kultur irgendeines Spanien hat längst schon abgedankt, ich lege mich an den Strand, in die hinterste Reihe zwischen die abgeschabten oder aufgeplusterten Familienfrauen, und fülle mir die Augen mit dem Sommerlabyrinth von Fleischstücken und Stofffetzen, bin selber ein stoff bespanntes Stück Gewicht, das sich mechanisch bewegt, zum Strandrestaurant und zurück, ein essender Körperkloß nenne ich mich selber, wenn ich mich mit mir unterhalte; ich stopfe mir Eis und Schokolade in den Mund, und alle Arten von