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Franz Kaufmann zieht aus dem Bregenzerwald nach Bregenz in die Landeshauptstadt von Vorarlberg, um näher bei seiner Arbeitsstelle zu sein. Sein neuer Wohnungsnachbar ist ein pfingstlich evangelikaler Christ. Es kommt zu Gesprächen. Schließlich besucht Franz, vom Glauben seines Nachbarn keineswegs überzeugt, den Gottesdienst der Pfingstgemeinde. Dort begegnet er Susanne und verliebt sich auf der Stelle. Susanne wird seine Lehrerin in Sachen christlicher Glaube. Mehr will sie für ihn nicht sein, während er ganz andere Absichten hat. Franz gelingt es, Susanne zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten zu überreden. Allmählich kommen sie sich näher. Der Weltanschauung von Susanne widersetzt sich Franz jedoch weiterhin hartnäckig. In einer kurzen Episode wird die Liebe von Franz bei einer Auslandreise auf die Probe gestellt. Ein wenig später endet eine gemeinsame Bergtour fast in einer Tragödie. Sie löst in Franz ein neues Nachdenken aus und er beginnt den Glauben von Susanne zu verstehen. Jetzt endlich kann sie Ja sagen.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Das Herz des Menschen plant seinen Weg,
aber JHWH lenkt seinen Schritt.
Sprüche 16, 9.
Mit manchen Entscheidungen schlägt man sich lange herum, weil man sie für wichtig hält. Nur nichts falsch machen! Andere trifft man so nebenbei nach praktischen Gesichtspunkten. Die Entscheidung für einen Wohnort ergibt sich zum Beispiel ganz selbstverständlich nur aus Überlegungen, wo und wie es in den nächsten Jahren angenehmer sein könnte zu leben. Mehr war, so dachte Franz Kaufmann, da wirklich nicht dahinter. Was soll es zum Beispiel für den Rest des Lebens schon ausmachen, wo man die nächsten paar Jahre wohnt?
Das waren so ungefähr die Gedanken, die sich Franz Kaufmann machte oder eben nicht machte, als er sich nach einer Wohnung in der Nähe seines Arbeitsplatzes umsah. Er war es leid, jeden Tag von seinem Heimatort den Berg hinauf zu fahren und auf der anderen Seite noch weiter hinunter bis ins Rheintal zu der Firma, in der er arbeitete.
Franz Kaufmann war ein Schwarzenberger. Er war da geboren. Seine Eltern stammten beide auch aus Schwarzenberg. Irgendwie waren sie verwandt mit der im 19. Jahrhundert in ganz Europa berühmten Malerin Angelika Kaufmann. Darum wusste er einiges über seine Verwandte. Sogar der Dichterfürst Wolfgang Goethe hatte sich von Angelika Kaufmann porträtieren lassen, so wurde in der Familie erzählt. Aber er soll, so sagte man, mit dem Porträt nicht zufrieden gewesen sein. Was dem Ruhm der Angelika Kaufmann keinen Abbruch tat. Sie, die Malerin, lebte zwar in Rom, aber sie stammte väterlicherseits aus Schwarzenberg und hielt immer Kontakt zu ihrer Heimatgemeinde. Und mit ihr waren sie eben verwandt. Aber wie genau, das wusste Franz nun auch wieder nicht. Er wusste nur, dass die Mutter stolz darauf war, durch die Ehe mit seinem Vater wieder Kaufmann zu heißen. Sie hatte ledig Schwärzler geheißen. Eine Schwärzler aus Schwarzenberg. Aber sie - und nicht der Vater - war verwandt mit der Malerin. Die Mutter legte Wert auf diese Verwandtschaft und insgesamt auf die Kunst. Von seiner Mutter hatte Franz dieses Interesse an der Kunst übernommen.
Schwarzenberg liegt im Bregenzer Wald. Es ist der erste Ort, wenn man aus dem Rheintal über das Bödele, einem elfhundert Meter hohen Pass, in den Bregenzer Wald fährt. Franz Kaufmann verstand sich selbst als Wälder. Kein Einheimischer aus dem Bregenzer Wald bezeichnet sich als Bregenzer Wälder. Sie nennen sich selbst nur Wälder. Das genügt. Wälder gelten als bodenständig und praktisch und der Heimat verbunden. An Kunstsinn denkt man nicht sogleich, wenn man an einen Wälder denkt. Und doch hatte Franz eine Ader zur Kunst. Bodenständigkeit traf dagegen auf den Vater von Franz zu. Der war von seinem Vater, also dem Großvater von Franz Kaufmann, dazu bestimmt worden, den Hof zu übernehmen und Bauer zu werden. Weil der Hof aber zu klein war, um davon leben zu können, hatte der Vater noch einen Beruf lernen müssen. Er war Maschinenschlosser geworden. Das geschah nicht aus Neigung, sondern weil es sein Vater, der Großvater von Franz, so bestimmte. Das wiederum hatte sich einfach so ergeben, weil es eine Lehrstelle in der Nähe des väterlichen Hofes gab.
Der Vater von Franz hatte sich mit Fleiß einen kleinen Betrieb aufgebaut. Er verkaufte landwirtschaftliche Maschinen und reparierte sie. Als nun die Zeit gekommen war, in der sich Franz für einen Beruf entscheiden musste, da war es klar, dass es ein technischer sein würde. Das war für den Vater klar und der Sohn fügte sich. So besuchte Franz die HTL, die Höhere Technische Lehranstalt in Bregenz. Damals mit vierzehn begann die Fahrerei zur Schule. Das Hetzen zum Bus, das Warten auf den Bus, das Gedränge und Geschiebe, das Fahren und wieder Drängen und Schieben. Die Schule war ihm schon recht, dem Franz. Aber die Schulfahrt, es wäre zu viel gewesen zu sagen, dass er sie hasste, aber sie ödete ihn mehr als an. Darum, als er zur Schule ging, schwor er sich, dass das nach der Schule aufhören musste.
Es hörte auch wirklich auf, einfach darum, weil er nach der Schule zum Militärdienst musste. Während dieser Zeit kamen die Schreiben von den Firmen. Es war nun einmal so, wer die HTL absolviert hatte, der war in der Vorarlberger Industrie begehrt. Eine Menge Briefe landeten bei ihm. So kam es, dass er bei Maier, einem Seilbahnbaubetrieb, der das war, was man einen Globalplayer nennt, zu arbeiten begann. Jetzt musste er wieder über das Bödele, also über den Berg ins Rheintal fahren. Er kaufte sich ein Auto. Das war besser als im Bus. Aber die Fahrerei ödete ihn immer noch an. Er kannte inzwischen jede Kurve und jeden Randstein und doch musste man immer auf der Hut sein. Einmal war direkt hinter einer Kurve ein mit Baumstämmen beladener Traktor gestanden. Und manchmal im Winter kam es vor, dass man die Schneeketten anlegen musste, um über das Bödele zu kommen.
Franz nahm sich vor, dass er sich so bald als möglich in der Nähe seiner Arbeitsstelle eine Eigentumswohnung kaufen würde. Er sparte eisern. Das ist der Vorteil eines Wälders. Wenn er sich etwas vorgenommen hat, dann zieht er es auch durch.
Die Isolde hätte ihn allerdings fast davon abgebracht. Er hatte sie in einer Disko kennen gelernt. Franz ging selten in die Disko. Der Diskobesuch war mit dem Sparen nicht vereinbar und passte auch nicht in seine sonstige Freizeitgestaltung. Auch wenn die vor der Haustür seines Elternhauses liegenden Höhen aus seiner jetzigen Sicht nur Hügel waren, von dem Fenster seines Zimmers daheim hatte er einen Blick bis zu den Bergen im hinteren Bregenzer Wald. Früh schon erwachte in ihm die Sehnsucht, auf diese Berge hinauf zu kommen. So wurde er zunächst zum Bergwanderer. Mit fünfzehn machte er seine erste kleine Klettertour. Von da an ließen ihn die Berge und die Felsen nicht mehr los.
Wer auf einen Berg will oder eine Felswand bezwingen will, der muss früh ins Bett. Das war der Grund, warum ein Diskobesuch nicht in das Leben von Franz passte. Aber an diesem Wochenende war das Wetter miserabel. Ans Bergsteigen war nicht zu denken. Also gab er dem Drängen seiner Freunde nach und ging mit ihnen in die Disko. Sie fuhren in die Tenne nach Mellau. Das bedeutete nicht über das Bödele zu müssen, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu fahren weiter in den Wald hinein an den Fuß der Kanisfluh. Auf dem Gipfel der Kanisfluh war er übrigens schon fünfmal gewesen.
In der Disko lernte er die Isolde kennen. Sie war blond. Das war nicht echt. Das war gefärbt. Aber sie sah mit ihren blonden Haaren super aus. Und sie konnte gut tanzen. Eigentlich besser wie Franz. Wenn sie sich beim Tanzen an ihn schmiegte, dann fühlte er all das, was ein junger Mann fühlen kann, wenn ihn ein warmer weicher Frauenkörper berührt. Und das mit dem Berühren geschah nicht zu knapp. Er schien ihr zu gefallen. Irgendwann kapierte er, dass sie es darauf anlegte, ihn heiß zu machen.
Franz ließ sich auf das Spiel ein.
Am nächsten Morgen erwachte er mit einem dicken Schädel in einem fremden Zimmer. Neben ihm lag Isolde. Sein Bewusstsein kämpfte um die Erinnerung an die vergangene Nacht. Dann hatte er es wieder. Sie waren einige Mal an der Bar gewesen. Sekt und dann Whisky. Anfangs hatte Franz noch an die Wohnung gedacht, für die er sparte. Dann war es ihm egal geworden. Als sie ihn aufforderte, zu ihr mitzukommen, ging er gern mit. Und dann geschah, was Isolde schon gewollt hatte, als sie ihn in der Disko gesehen hatte. Er gefiel ihr. Und er begehrte sie nach den Drinks an der Bar.
Franz richtete sich auf. Isolde schlief immer noch. Sie lag entblößt und ruhig atmend neben ihm. Er konnte sie von Kopf bis Fuß betrachten. In diesem Augenblick hielt er sich für ein Glückskind.
Irren ist menschlich. Wie wahr dieses Wort ist, das sollte Franz in den nächsten Monaten gründlich erfahren. Wenn er nach rechts wollte, dann wollte Isolde nach links. Wenn er auf den Berg wollte, dann wollte sie in die Disko. Während es für ihn feststand, dass er aufs Land hinaus wollte, wie die Wälder für das Rheintal sagen, war es für Isolde ausgemacht, dass sie in Mellau bleiben würde und er, Franz, sollte natürlich zu ihr nach Mellau ziehen.
Zunächst entdeckte Franz, wo er in der Nacht mit Isolde zusammen war. Es war im Hotel Goldener Ochsen. Aber es war nicht in irgendeinem Gästezimmer des Hauses, es war das Zimmer von Isolde. Sie war die Tochter der Familie Miesburger, der das Haus gehörte. Und Isolde sollte einmal das Hotel übernehmen.
Als Isolde den Franz ihren Eltern vorstellte, das war erst nach einem intensiven Monat der Bekanntschaft und nach vielen Auseinandersetzungen, da war er den Eltern nicht willkommen. Sie hätten gern einen jungen Mann aus dem Gastgewerbe gesehen und nicht einen Techniker. Sie ließen es Franz spüren. Das nährte die Zweifel von Franz an dieser Beziehung.
Als sie allein waren, kam Franz auf die Eltern zu sprechen. „Ich denke, die haben sich einen anderen Schwiegersohn gewünscht.“
„Schwiegersohn...“ Isolde dehnte das Wort in die Länge. „Von heiraten war noch nicht die Rede. Spinnst du, dass du von heiraten redest. Soll das ein Heiratsantrag sein?“
„Nein! Aber es war zum Greifen, dass ihnen das nicht passt. Sie haben mich nach meinem Job ausgefragt. Und wie ich gesagt habe, dass ich meine Arbeit mag, da konnte ich deinem Vater ansehen, dass er sich das anders vorgestellt hat.“
„Also hast du doch ans Heiraten gedacht! Wenn du an so etwas denkst, dann muss ich dir sagen, dass ich noch nicht daran denke. Ich will noch etwas haben vom Leben. Aber weil du von Heiraten redest. Ich werde jedenfalls mal das Hotel übernehmen müssen. Ist doch klar. Und wenn ich das tue, dann wird mein Mann da mitmachen müssen.“
Franz sah Isolde an. So war das also. Der Mann würde mitmachen müssen. „Ich bin Techniker und verstehe nichts davon, wie man ein Hotel führt.“
„Das ist doch völlig gleich. Ich habe die Hotelfachschule in Schloss Hofen gemacht. Und überhaupt, das wird einmal mein Hotel. Und das bleibt mein Hotel. Denkst du, du könntest dann hier den Chef spielen und ich geh in die Küche?“
Franz spürte, wie Zorn in ihm hochstieg. Darum sagte er mit unverkennbarem Ärger in der Stimme: „Du kannst dein Hotel behalten. Ich bin nicht scharf drauf. Ich bin überhaupt nicht scharf auf dieses Mellau. Und ich hatte auch nichts vom Heiraten gesagt. Deine Eltern haben mich so angesehen.“
Jetzt hob Isolde ihre Stimme. „Mellau will der Herr nicht. Das Hotel will er natürlich auch nicht und du denkst überhaupt nicht daran, mich jemals heiraten zu wollen. Dir ist alles wichtig, nur ich bin es nicht. Warum bist du überhaupt noch da?“
Diese Frage stellte sich Franz auch. Denn viele Gespräche liefen so. Sie konnten einfach nicht miteinander. Immer wieder steigerten sich die Dispute zu heftigen Anklagen. Am Ende war es so wie jetzt. Isolde rannte aus dem Zimmer und schlug die Tür krachend hinter sich zu.
Am nächsten Tag versöhnten sie sich wieder. Aber die nächste Auseinandersetzung war schon vorprogrammiert. So ging es sieben Monate lang. Es war zermürbend. Dann kam das Finale. Isolde sagte einfach: „Du, ich mach Schluss!“ Franz widersprach nicht und Franz fragte nicht, warum jetzt und heute? Er sagte nur: „Ok!“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und stieg in sein Auto.
Von da an fuhr er in Mellau nur noch durch und er war erleichtert. Doch das war nicht alles. Erleichtert war er zwar, dass das mit Isolde vorbei war. Aber die Spuren der Schlachten und der Anklagen und der Enttäuschungen, der gescheiterte Versuch zu lieben und geliebt zu werden, das saß tief. Franz ging in die Berge und den Mädchen aus dem Weg.
*
Als Franz nach seiner Meinung genug angespart hatte, machte er sich auf die Suche nach einer Eigentumswohnung. Franz hatte sich das einfacher vorgestellt. Irgendwo in der Nähe seiner Arbeitsstelle würde es schon etwas geben, dachte er. Aber einmal passte der Preis nicht, dann die Lage, dann die Ausstattung. So dehnte er den Kreis der Suche immer weiter aus. Schließlich war auch Bregenz mit dabei. Und da wurde er endlich fündig. In Bregenz war eine Textilfabrik aufgelassen worden. Sie hatte das Schicksal vieler anderer Textilfabriken im Westen von Österreich geteilt. Die billige asiatische Konkurrenz hatte den Niedergang herbei geführt. Zu diesen Preisen konnte in Vorarlberg nicht produziert werden. Als der letzte Angestellte gekündigt worden war, wurde eine Verwertungsgesellschaft gegründet. Die Fabriksgebäude wurden abgerissen. Es entstand ein Mix aus Wohnanlagen und Geschäften, fast ein neues kleines Viertel.
Dort fand Franz, was er suchte. Im vierten Stock lag die Wohnung, die er kaufen wollte. Er wusste das, als er sie betrat. Aber nicht nur die Wohnung war das, was er gesucht hatte. Auch sonst passte alles. Von der Tiefgarage des Hauses war er in weniger als fünf Minuten im Citytunnel und damit auf der Autobahn und dort, wo er arbeitete, war ein Autobahnanschluss. Andererseits konnte er von seiner Wohnung aus in wenigen Minuten an den Bodensee gelangen und zum Einkaufen der täglichen Dinge hatte er erst recht nicht weit. In dem neuen Viertel war auch ein Supermarkt errichtet worden.
Franz entschloss sich zum Kauf dieser Wohnung. Damit hatte er eine Entscheidung getroffen, die sein ganzes zukünftiges Leben verändern sollte. Doch davon wusste Franz noch nichts, als er im März die Wohnung bezog und als zufriedener Wohnungsbesitzer auf den Balkon trat und auf die Stadt blickte. Unter ihm auf dem grünen Platz zwischen den Häusern spielten Kinder. Ihre hellen Rufe drangen zu ihm herauf. Für einen Augenblick dachte er daran, wie das wohl sein würde, selbst Kinder zu haben. Aber dann verdrängte er den Gedanken gleich wieder. Noch immer war in seinem Denken und Empfinden kein Platz für eine Beziehung.
Eine Woche lang fuhr Franz zwischen Schwarzenberg und Bregenz immer wieder hin und her, bis er alles in seiner neuen Wohnung hatte, was sich in Schwarzenberg angesammelt hatte. Alles ist nicht ganz richtig. Auf dem Dachboden des elterlichen Hauses gab es noch eine nicht unbeträchtliche Menge von alten Spielsachen und anderen Dingen, die Franz weder hergeben noch nach Bregenz mitnehmen wollte. Was er aber in Bregenz haben wollte, das war nach einer Woche geschafft.
Franz begann sich gerade in seinem neuen Zuhause gemütlich einzurichten, als ihm Grimm in die Quere kam. Grimm hatte schon etwas früher die Wohnung gegenüber bezogen. Für Jeremias Vinzenz Grimm, wie er mit seinem vollen Namen hieß, sollte das der Alterssitz sein, mitten in der Stadt und nahe am Bodensee. Grimm brachte seine Geschichte und seine Überzeugung mit in den vierten Stock, nein, nicht nur in den vierten Stock, in das ganze Haus. Und mit dieser Überzeugung wurde Franz eines Abends konfrontiert.
Es war am fünften Tag, nachdem sich Franz endgültig in seiner neuen Wohnung eingerichtet hatte. Franz war die acht Stiegen, immer eine Stufe auslassend, hinauf geeilt und deswegen ein wenig außer Atem. In dem Moment, als er im vierten Stock ankam, ging die Wohnungstür, die seinem neuen Zuhause gegenüber lag, auf. Ein Mann trat heraus. Franz schätzte ihn auf etwa sechzig. Wie sich später heraus stellen sollte, lag er nicht weit daneben. Es war für Franz ein eigenartiges Fluidum um diesen Mann. Er wirkte so, als habe er gestern gelebt und sich nur durch ein Versehen in die Gegenwart verirrt. Ohne auf die Eile von Franz zu achten, streckte der Fremde ihm die Hand entgegen, so dass er auf seinem hastigen Weg zu seiner Wohnung – er wollte noch an den See gehen - anhalten musste.
„Mein Name ist Jeremias Vinzenz Grimm.“ Franz wollte sich ebenfalls vorstellen, aber Grimm, der die Hand von Franz ergriffen hatte, ließ ihm keine Zeit dazu. Während Franz den Mund aufmachte, redete Grimm weiter. „Sie werden sich wundern über den Namen Jeremias. Aber meine Eltern waren sehr gläubige Leute. Darum nannten sie mich Jeremias. Weil das Ende der Zeiten ja nahe ist. Jeremias. Kennen Sie die Geschichte von Jeremias?“
Grimm machte eine fragende Pause. Das gab Franz die Gelegenheit, sich auch vorzustellen. „Mein Name ist Franz.“ Er fügte auch noch seinen zweiten Vornamen hinzu, den er sonst nie nannte, „Franz Merbod Kaufmann“. Franz wollte weiter. Aber dann sagte er doch noch: „Ich heiße nur Kaufmann, aber ich bin kein Kaufmann. Ich bin Techniker.“ Damit hoffte er, dass das Gespräch beendet sein würde. Aber dem war nicht so. „Schön, schön freut mich!“ sagte Grimm. Franz fand es an der Zeit, dass Grimm seine Hand wieder los ließ. Der aber tat das nicht, er sah Franz vielmehr durchdringend an. „Sie kennen den Propheten Jeremias also nicht?“
Franz hätte gern seine Hand wieder frei gehabt und fühlte sich bedrängt. Deswegen antwortete er mit einem ironischen Unterton: „Er ist mir nicht vorgestellt worden.“
„Er ist ihm nicht vorgestellt worden!“ rief Grimm aus und ließ die Hand von Franz los. „Dieser Jeremias hat um siebenhundert vor Christus gelebt. Und er hat den Untergang von Jerusalem vorausgesagt. Und jetzt wird die Welt bald untergehen und dann werden wir...“ Grimm unterbrach ganz offensichtlich seinen Gedankengang. „Ach sie armer Mensch und Jesus kennen sie sicher auch nicht?“
„Nun ja“, entgegnete Franz, „ich hatte Religionsunterricht und die Erstkommunion und die Firmung. Jesus? Was man halt lernen muss über ihn und was der Pfarrer sagt. Das muss man ja nicht alles glauben. Mit Verlaub, wir leben schließlich im einundzwanzigsten Jahrhundert.“
„Ich dachte es mir doch. Sie armer Mensch. Das wird ihnen noch leidtun, Jesus nicht zu kennen.“ Grimm legte seine Hand väterlich auf die Schulter von Franz. „Aber trotzdem, herzlich willkommen in unserem Haus.“ Grimm nahm seine Hand von Franz, griff noch einmal nach seiner Rechten und schüttelte sie heftig. Dann drehte er sich um zu seiner Wohnungstür. Als er durch die Tür trat, rief er: „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“ Dann schloss er die Tür hinter sich.
Franz stand auf dem Gang mit einem eigenartigen Gefühl im Bauch. Dieser Mensch hatte ihn bedauert, weil er Jesus nicht kannte. Es war eigentlich mehr als zum Lachen. Franz dachte für sich, „Dieser Grimm tut mir ja auch nicht leid, nur weil er meine Urgroßmutter Ludmilla Kaufmann aus Schwarzenberg nicht kennt. Und ich tue dem komischen Typen leid, weil ich Jesus nicht kenne.“ Aber da war noch etwas. Irgendetwas in Franz sagte ihm, dass es da einen ihm nicht einsichtigen Unterschied gab. Und er ahnte dunkel, diesem Wohnungsnachbar Grimm würde er noch öfter begegnen.
Dieses Gefühl kam nicht daher, weil er im selben Stock wie Grimm wohnte. Es war, er konnte es nicht sagen. Nun, es würde sich weisen. Einer Sache war sich Franz sicher, er fand, als er da auf dem Gang stand, diesen Grimm unmöglich.
Später, als Franz joggen ging und sich die Begegnung mit Grimm durch den Kopf gehen ließ, da fand er ihn noch unmöglicher. Wie konnte ihn dieser Grimm nach Jesus fragen! Wenn der wüsste, was er, Franz, von diesem ganzen religiösen Zeug hielt. Er war katholisch getauft worden und hatte als Kind und Jugendlicher brav alles mitgemacht, was man im Dorf machen musste. Schwarzenberg war ein katholisches Dorf. Die Gäste, die nach Schwarzenberg kamen, die konnten machen, was sie wollten. Aber die Einheimischen wussten, was sich gehörte und seine Mutter wusste es erst recht. Franz war an allen Sonntagen in die Kirche gegangen und hatte bei keinem Kirchenfest gefehlt. Nachgedacht aber hatte er schon lange. Dann war er zum Militär gekommen. Und dann war es für ihn aus gewesen mit dem ganzen Getue. Das mit Gott konnte glauben, wer mochte und tun wer mochte. Er hatte gleich mitbekommen, dass seine Ablehnung die Mutter nicht glücklich machte. Aber das Wochenende war für ihn von nun an fürs Bergsteigen oder Ausschlafen da. Warum sollte er in die Kirche gehen? Wenn es einen Gott gab, dann war der am ehesten in den Bergen zu finden. Dieser Grimm tat ihm irgendwie leid. Aber was sollte man im einundzwanzigsten Jahrhundert noch mit Jesus anfangen?
In den Tagen nach der Begegnung mit Grimm ging Franz arbeiten und einige Mal in den Seeanlagen spazieren oder auf den Pfänder. Aus der Ferne sah er Grimm einmal in der Stadt. Er schlug sofort eine Seitenstraße ein, der ihn von ihm wegführte.
Dann war Freitag. Franz kam von der Arbeit und stand vor seinem Postfach im Gang. Die Haustür ging auf und eine Frau kam mit einem Kinderwagen herein. Sie ließ den Wagen stehen und machte sich neben Franz an den Postfächern zu schaffen. Franz holte seine Post heraus. Ein Blatt Papier fiel ihm dabei zu Boden. Er bückte sich und las dabei, was in dick gedruckten Lettern auf dem Papier stand: Bist Du schon gerettet? Die Frau neben ihm sah auch auf den Boden und fing an zu lachen. Sie lachte einfach. Und sie hörte nicht auf, bis ihr die Tränen in den Augen standen. Franz stand verdutzt da und wartete auf eine Erklärung. Als sie aufgehört hatte zu lachen, wischte sie sich mit dem Ärmel über die Augen. Dann warf sie einen Blick auf das Postfach, wo der Name von Franz stand.
„Sie sind also der Neue vom vierten Stock. Sie müssen wissen, im Haus kennt jeder jeden. Das sind hier ja lauter Eigentumswohnungen. Ein paar sind vermietet. Aber trotzdem. Ein Neuer im Haus fällt auf. So und Kaufmann heißen sie. Guten Tag Herr Kaufmann. Man könnte auch schon fast guten Abend sagen. Jetzt werden also sie bearbeitet.“
Franz verstand kein Wort. Das sah man ihm wohl an.
„Ich meine den Grimm“, fuhr sie fort. „Den Grimm, der ihnen gegenüber wohnt.“
„Wieso meinen sie den Grimm? Ich verstehe nicht.“
„Na da, der Zettel, der ihnen auf den Boden gefallen ist und den sie jetzt in ihrer Hand halten. Der stammt vom Grimm. Bist Du schon gerettet? Das ist Grimm.“
Franz betrachtete das Blatt genauer. Es war ein christliches Traktat. Er erinnerte sich, dass ihm genau dieselbe Broschüre in der Fußgängerzone in München in die Hand gedrückt worden war.
„Er hat sich mir schon vorgestellt und von seinen christlichen Eltern gesprochen und vom nahen Weltuntergang“, sagte Franz.
„Sehen sie“, sagte die Frau. „Grimm geht in eine so komische Kirche drüben in Lindau. Es ist irgendwas Sektiererisches. Ich glaube, er nennt sich Pfingstler, was immer das bedeuten mag. Na jedenfalls, Grimm will, dass sich alle Menschen retten lassen, bevor die Welt unter geht. Sie sind jetzt neu hier. Nun versucht er es bei ihnen. Wir hier im Haus waren alle schon dran. Wir wollten nicht gerettet werden.“ Sie lachte kurz auf. „Jetzt hat er seinen Einsatz eingeschränkt. Obwohl, ganz aufgegeben hat er es noch nicht. Dieser Grimm will alle Verlorenen retten. Sie müssen wissen, in seinen Augen sind wir verloren. Mein Gott! Dabei hat dieser Mann die Rettung ja nötiger als ich und wahrscheinlich auch wie sie. Das hoffe ich zumindest. Na, sie sehen nicht so aus, als ob sie depressiv wären!“
„Nein, das bin ich Gott sei Dank nicht“ antwortete Franz.
„Aber Grimm ist es. Jedenfalls nimmt er Medikamente. Er schluckt Fluvohexal. Und das schon jahrelang.“
„Nein wirklich!“ warf Franz überrascht ein. Und im Stillen dachte er sich, die ist ja gut informiert. Da muss ich mir ja überlegen, was ich in diesem Haus tue. Das ist ja wie in Schwarzenberg, wo jeder weiß, was der Nachbar tut. Dass das in der Stadt auch so ist!
Die Frau redete weiter. „Ja und so jemand, der Antidepressiva nimmt, der will mir sagen, dass ich verloren bin und die Erlösung brauche. Es ist einfach nur komisch.“
Das Kind im Kinderwagen hatte sich geregt. Wahrscheinlich war ihm in dem still stehenden Wagen langweilig geworden. Die Frau und drehte sich vom Franz weg zum Kind.
Franz betrachtete sie genauer. Das konnte nicht die Mutter sein von dem Kleinen. Das war seine Oma. Auf der Straße ohne das Kleine hätte er sie für jünger gehalten, als sie offensichtlich war. Sie hatte mittelange blonde Haare, war dezent geschminkt und trug eine goldene Kette mit einem Kreuzchen als Anhänger um den Hals. Sein Blick glitt über ihre Figur. Das ist eine fesche Oma, dachte er. Sie schien seinen forschenden Blick zu spüren und wandte sich ihm wieder zu.
„Nix für Ungut“, sagte sie. „Sie sehen so aus, als ob sie auch ohne meinen Kommentar mit dem Grimm klar kommen. Einen guten Abend!“ Sie wandte sich von Franz ab und schob den Kinderwagen in den Abstellraum.
Franz stand da und wusste nicht, was er denken sollte. Dann tat er, was die Frau bei ihm gemacht hatte und las den Namen auf ihrem Postfach. Häusle. Das war also die Frau Häusle.
Franz fand heraus, dass die Frau Häusle ein Goldstück war. So zumindest nannte sie Franz. „Die Häusle“, sagte er zu sich selbst, „die ist ein echtes Goldstück.“ Und er fügte noch hinzu, „dazu muss man sich nicht retten lassen“. Frau Häusle setzte sich nämlich für Leukämie kranke Kinder ein, für Kinder, die an den Folgen von Tschernobyl litten. Sie organisierte Basare und Benefizveranstaltungen. Sie bemühte sich darum, dass Kinder aus der Ukraine in den Westen zur Behandlung kamen oder zur Erholung. Sie reiste in die Ukraine, um dort an Ort und Stelle Gutes zu tun. Seit Franz das wusste, wunderte er sich, dass Frau Häusle noch Zeit hatte, um als Großmutter ihr Enkelkind mit dem Kinderwagen spazieren zu fahren. Aber so war eben die Häusle.
Bei der ersten Begegnung mit der Frau Häusle wusste Franz das alles nicht. Dass er das erfuhr, das kam so: Als Franz wieder nach seinem Briefkasten sah, entdeckte er neben den Briefkästen ein Plakat. Auf ihm war zu lesen, dass in der nahen Kirche am Sonntag ein Chor aus der Ukraine singen würde und dass das Geld der Kollekte für Leukämie kranke Kinder gesammelt werden würde, für Kinder, die an den Folgen der Katastrophe von Tschernobyl leiden. Auf dem Plakat war der Name der Frau Häusle. Franz wurde neugierig.
Franz ging am Sonntag doch tatsächlich in die Kirche. Es war eine spontane Entscheidung und es war ein trüber Sonntag, was zur Entscheidung beitrug. Ganz am Morgen war er auf den Gebhardsberg gegangen. Er hatte auf die Stadt hinunter gesehen. Ein morgendlicher Dunst lag über dem Häusermeer. Franz suchte mit den Augen den Ort, wo er nun wohnte. Bei dieser Suche fiel sein Blick auf die Kirche. Dort unten war also die Veranstaltung der Frau Häusle. In dem Moment, als er das dachte, entstand in Franz der Entschluss, in die Kirche zu gehen und den Chor aus der Ukraine anzuhören und vielleicht auch die Frau Häusle zu sehen.
Als Franz dann wieder unten in der Stadt war und die Stufen zur Kirche hinauf stieg, fragte er sich, warum er das tat. Sein letzter Kirchenbesuch war schon einige Zeit her. Das war bei der Beerdigung von Onkel Fridolin im Bregenzerwald gewesen. Er erinnerte sich an die ernsten Gesichter, den Lobgesang des Pfarrers auf Onkel Fridolin und die Blasmusik, die auf dem Friedhof „Treue Kameraden“ spielte.
In dieser Kirche gab es bequemere Sitzmöglichkeiten wie in Schwarzenberg. Wenigstens das, dachte Franz. Er wunderte sich noch immer über sich selbst, dass er jetzt in der Kirche saß. Aber das Plakat mit dem Namen der Frau Häusle hatte ihn neugierig gemacht.
Der Gottesdienst begann. Schon davor hatte sich vorn ein dreißigköpfiger Chor aufgestellt. Als der Pfarrer aus der Sakristei kam, begannen sie zu singen. Es war ein wunderbarer Bass dabei. Und als dann der Sopran durch die Kirche klang, da regte sich in Franz ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte. Aber so unvermutet das Gefühl in der Brust gekommen war, so schnell war es wieder verklungen. Es war eine Ahnung gewesen an das Klingen der Seele in der Kinderzeit.
Nach einiger Zeit kam die Frau Häusle nach vorn und sprach von den Kindern, die an den Folgen von Tschernobyl leiden. Sie bedankte sich für die Hilfe, bedankte sich noch einmal und noch einmal. Und dann wurde ein Video abgespielt. Franz sah Kinder in einem Zustand, den er lieber nicht gesehen hätte. Warum bin ich nur hier her gegangen, fragte er sich. Aber dann kamen lachende Kinder und es wurde dann doch so etwas wie ein Sonntagmorgen.
Nach dem Gottesdienst gab es Kaffee und Kuchen. Da Franz nichts gefrühstückt hatte, nahm er sich gleich zwei Stück von der Platte. Er stand an einem Tisch allein und sah zu, wie sich die Häusle unterhielt. Auf einmal entdeckte sie ihn.
Sie kam auf ihn zu. „Ach schön, dass sie auch da sind, Herr Kaufmann.“ Sie hatte sich doch glatt seinen Namen gemerkt.
„Ja, ich habe das Plakat gelesen und dann habe ich mich ganz spontan entschlossen, hier her zu kommen.“ Franz hatte das Gefühl, jetzt aber gleich falschen Erwartungen zuvor kommen zu müssen. „Aber ich bin kein Kirchengänger. Das letzte Mal war ich vor eineinhalb Jahren in einem Gottesdienst. Das war bei der Beerdigung von einem meiner Onkel. Auferstehungsgottesdienst haben sie das genannt. Es war eher traurig.“
„Ach wissen´s“, antwortete die Häusle mit einem Achselzucken. „Man muss jetzt was machen, so lang man lebt. Auferstehung?“ Die Häusle kam ganz nah an ihn heran. „Im Vertrauen. Ich glaub an keine Auferstehung. Das Leben jetzt und hier, das ist genug und ich denk, das ist alles.“
Franz empfand für die Häusle echte Bewunderung und Sympathie. Das gefiel ihm. Eine Frau, die half, nicht um Gottes Lohn, weil es den sowieso nicht geben würde, sondern wegen der Kinder, nur für die Menschen. Punkt. In diesem Moment bekam die Frau Häusle von Franz den Namen Goldstück.
Dass sich Franz von der Frau Häusle in seiner Weltanschauung bestätigt fühlte, das sei hier nicht verschwiegen. Auch er glaubte nicht an ein Fortleben nach dem Tod. Der Mensch war nach der Meinung von Franz ein höher entwickeltes Tier. Was denn sonst?
*
Es war unvermeidlich, dass Franz immer wieder an Grimm denken musste. An der Tür seiner Wohnung gegenüber prangte das Schild von Grimm. Es war aus Messing und darauf stand: Jeremias Vinzenz & Ruth Grimm. Zuhause in Schwarzenberg hatte er Grimms Märchenbuch. Sobald ihm der Name Grimm einfiel, dachte er an Märchen. Grimm und das Jesusmärchen. So war das für ihn.
Sein Grimm gegenüber, das wusste er von der Frau Häusle, war depressiv. Franz wusste zwar, dass die Depression eine Art von Volkskrankheit war, aber mehr wusste er nicht. Jetzt wollte er mehr darüber erfahren. Schließlich glaubte dieser Grimm an Jesus, der der Retter und Erlöser der Menschheit sein sollte. Erlöser. Warum war dieser Grimm trotz seines Glaubens in seiner Seele unerlöst? Was war da los? Für Franz passte das nicht zusammen. Wenn jemand an den Erlöser glaubte, wenn er davon so überzeugt war, wie der Grimm es war, wieso konnte man dann noch depressiv sein?
Franz setzte sich an sein Laptop und ging ins Internet. Er googelte. Als er das Wort Depression eingegeben hatte, da hatte er eine nicht enden wollende Liste vor sich. Er las Bezeichnungen, die er noch nie gehört hatte. Irgendwie konnte er mit dem, was er las, nichts anfangen. Schließlich entschloss er sich nach Selbsthilfeforen zu suchen. Aber auch das war nicht so einfach. Doch dann fand er doch noch eine interessante Seite.
Da schrieb jemand, der sich den Phantasienamen Antros gegeben hatte: „Ja, das habe ich auch einmal geglaubt. Da fehlen einem im Gehirn das Serotonin und/oder das Noradrenalin. Wenn man die Pillen schluckt, dann wird alles wieder gut. Mann, wir Menschen sind doch mehr als reine Chemie. Da ist doch was dahinter. Da hat doch schon früher was nicht geklappt im Leben.“
Der nächste Text, verfasst von einem „Uhu 2“ lautete: „Na, das nenn ich klug geredet. Das wissen wir doch alle, dass was dahinter steckt. Aber was bitte? Warum klappt die Chemie im Kopf nicht mehr? Mein Psychiater hat gesagt, das ist endogen. Na super. Dann kann ich nichts dagegen machen. Bis zu meinem Tod darf ich das Zeug schlucken. Weißt du, was mir ein Kumpel gesagt hat? Ich sei eigentlich ein Drogenjunkie. Also bitte, wie kommt man da raus?“
Jetzt meldete sich jemand zu Wort, der sich, wie passend, Mirakulix nannte. „Ich weiß nicht, ob Du Dich noch erinnern kannst an das Flugzeugunglück, als in der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni 2009 ein Airbus A 330-200 vor der brasilianischen Küste mit 228 Passagieren an Bord ins Meer abstürzte.
Was das mit einer Depression zu tun hat? Das werde ich noch erklären. Ich will an Hand vom Absturz dieses Flugzeuges etwas über die Ursachen einer Depression sagen.“
Franz dachte nach. Er konnte sich an dieses Flugzeugunglück beim besten Willen nicht erinnern. Vielleicht hatte er damals auch gar nichts davon mit bekommen. Franz las weiter.
„Der Flug AF 447 der Air France startete planmäßig in Rio de Janeiro und sollte nach Paris führen.
Der Airbus flog über dem offenen Meer in eine Gewitterzone. Das Flugzeug geriet in heftige Turbulenzen. Wahrscheinlich als Folge von Vereisungen wurden den Piloten im Cockpit von den Messgeräten widersprüchliche Daten angezeigt. Wegen den widersprüchlichen Datenangaben schaltete sich der Autopilot aus. Der Kapitän war zu diesem Zeitpunkt nicht im Cockpit. Die beiden Copiloten waren offensichtlich überfordert. Sie leiteten einen Steilflug ein. Dabei ignorierten sie während mehrerer Minuten das akustische Warnsignal, das auf ein Überziehen des Flugzeuges hinwies. Ein Überziehen bedeutet, dass das Flugzeug in eine solche Steillage gerät, dass es nicht mehr von der durch die Geschwindigkeit des Flugzeuges unter den Flügeln hindurch strömenden Luft getragen wird. Als der Kapitän anordnete, auf einen Sinkflug zu gehen, war es zu spät. Es war zu einem Strömungsabriss gekommen.
Das Flugzeug fiel wie ein Stein aus 11 Kilometern Höhe ins Meer. Kleinere Teile und einige Leichen blieben auf der Meeresoberfläche. Der Rumpf des Flugzeuges sackte mitsamt den anderen Insassen auf den Grund des an dieser Stelle 4000 Meter tiefen Ozeans.
Das alles wissen wir heute. Zunächst war nur die schreckliche Tatsache gewiss, dass das Flugzeug verschwunden war. Eine erste Suchaktion setzte ein. Dabei wurden einige Überreste des Flugzeugs und auch Tote gefunden. In weiteren Suchaktionen, die Unsummen verschlangen, wurde nach dem gesunkenen Flugzeug gesucht. Als es geortet worden war, folgten noch drei weitere Suchaktionen, bis der Flugschreiber und der Voice Recorder aus viertausend Metern Tiefe geborgen worden waren. Nun ließen sich die letzten Minuten des Fluges durch die aufgezeichneten Daten der Messgeräte nachvollziehen. Auch die letzten Worte der Copiloten und des Flugkapitäns, der noch versuchte einzugreifen, konnten abgehört werden. Die Ursache des Absturzes wurde klar. Die Copiloten waren in der Situation des von Turbulenzen geschüttelten Flugzeugs mit dem ausgeschalteten Autopiloten überfordert und reagierten falsch. Es stellte sich heraus, dass sie im Flugtraining nicht auf eine solche Situation vorbereitet worden waren. Sie wussten deshalb nicht, wie sie zu handeln hatten.
Im allgemeinen Sprachgebrauch nennt man den Flugschreiber und den Voice Recorder einfach die Blackbox. Jede Passagiermaschine muss so eine Blackbox mit sich führen. Sie zeichnet alles auf, sodass, wenn man sie gefunden hat und auswertet, jeder Unfall nachvollzogen werden kann.
Es führen aber nicht nur Flugzeuge eine Blackbox mit sich. Auch jeder Mensch hat im übertragenen Sinn in sich so eine Blackbox, die alles aufzeichnet. In unserem Gehirn wird alles gespeichert, was geschieht. Es ist und bleibt alles präsent, auch wenn wir keinen bewussten Zugriff darauf haben. Es ist alles da in dieser Blackbox in unserm Kopf. Was und wann auch immer in unserem Leben geschehen ist, das bleibt aufbewahrt.
Und damit komme ich jetzt zum Problem der Depression. Ein depressiver Mensch ist irgendwann, sehr wahrscheinlich schon in seiner frühen Kindheit, in eine Gewitterzone geflogen. Das war und ist so wenig seine Schuld, wie die der Piloten des Fluges AF 447. Die Piloten hatten den Auftrag über den Atlantik nach Paris zu fliegen. Dazu war ein bestimmter Kurs vorgegeben. Sie konnten sich den Kurs nicht aussuchen. Wir Menschen kommen auf die Welt mit dem Auftrag und der Notwendigkeit, aus der Hilflosigkeit des Kindseins in die Welt der Erwachsenen hinein zu wachsen. Das ist wie ein Flug über den Atlantik. Um heil über das Meer zu gelangen, ist es notwendig, dass es zu keinen extremen Wettersituationen kommt. Aber immer wieder geschieht es Kindern, dass Erwachsene, dass Menschen, die wie Riesen für die Kinder sind, zu Gewitterzonen werden. Das können Mütter und Väter sein. Das können Verwandte sein. Viele Kinder erleiden körperliche und seelische Gewalt in ihrem Umfeld. Nicht immer sind es offensichtliche Missbrauchstäter. Häufig ist es nur der Mangel an Akzeptanz, an Anerkennung und an geliebt werden.
Für viele Kinder sinkt die emotionale Umgebungstemperatur in den Minusbereich. So wie die Flugsonden von Flug AF 447 vereisten, genau so kann es auch beim Menschen geschehen. Wenn die emotionale Umgebungstemperatur als unter dem Minuspunkt befindlich gefühlt wird, was für das Kind bedeutet, dass es tiefe Ablehnung fühlt oder Gewalt erfährt, dann vereisen die Wahrnehmungssonden des Kindes. Die Daten werden widersprüchlich. Die Seele des Kindes gerät in Verwirrung. Er hört vielleicht verbal, wir lieben dich und wollen nur das Beste für dich. In seiner Seele aber erlebt es das Gegenteil. Wer hat nun recht? Immer die Eltern. Das Kind entscheidet sich immer dazu, dass die Eltern, dass die Erwachsenen Recht haben. Also muss sich das kleine Kind dazu entscheiden, dass es, weil es das Gegenteil fühlt, besser gar nichts fühlt. Das ist die Vereisung.
Kein Kind aber kann sein Leben vorher trainieren. Keinem Kind ist es gegeben, den Flug über den Ozean des Lebens zu planen. Es wird ihm vorgegeben. Führt sein Flug in eine Gewitterzone und geschieht mit ihm, was mit dem Flug AF 447 geschah, dass nämlich in Folge der Kälte in der Außenwelt die emotionalen Antennen vereisen, scheinbar gefühllos werden, dann gibt es in den Turbulenzen, in dem Schreckensszenario einer Gewitterzelle nur noch eins. Hochziehen! In einem Gewitter herrschen heftige Auf- und Abwinde. Blitze zucken durch ein verdunkeltes Firmament. Der Donner grollt. Und schwere Hagelkörner schlagen an die noch dünne Außenhaut des jungen Lebens.
Der Autopilot schaltet sich dann aus. Das einfach in der Gegenwart Sein, das für ein Kind gilt, das Leben im Hier und Jetzt, in dem alles von sich aus mit Selbstverständlichkeit und Heiterkeit geschieht, das gibt es in einer Gewitterzelle des Lebens nicht mehr. Es greift der Notmechanismus. Der ist wie ein schlecht ausgebildeter Copilot. Der Copilot zieht das Ich steil nach oben, weg von dem Auf und Ab und den Turbulenzen der Gefühle hinein in den nicht fühlenden Verstand.
Für manche Menschen geht das einigermaßen gut aus. Sie werden „Verkopft“. Sie werden zu sogenannten rational veranlagten Menschen, die alles vernünftig sehen und sich nicht viel mit Gefühlen abgeben. Dass sie an einem Mangel leiden, das wird ihnen selten bewusst.
Aber nicht bei allen geht das Hochziehen des Lebensfluges gut. Bei den später depressiven Menschen geht das nicht gut aus. Es kommt zu einem Strömungsabriss. Die Gefühle und die Erinnerung daran fallen wie ein Stein ins Meer des Unbewussten, ein paar tausend Meter tief. Und von dort aus wirken sie weiter.
Mit einer aufwendigen Suchaktion könnte nun jeder Depressive seine Blackbox heben und die Ursache des emotionalen Strömungsabrisses suchen. Die Blackbox in seinen seelischen Tiefen enthält die Information, wie es zu dem Absturz kam. Hat man die Blackbox gehoben und geöffnet, dann ließen sich der oder die Auslöser der Depression finden. Man könnte darüber reden. Aber allein darüber Reden nützt nichts. Man muss auch fühlen, was man damals nicht gefühlt hat. Das tut verdammt weh. Darum bleibt die Blackbox meist in den seelischen Tiefen ungeöffnet. Aber es liegt nicht nur am befürchteten Schmerz. Man muss auch die richtige Hilfe finden, jemanden, der einem beim Ablesen und Abhören der Blackbox hilft.
Solange man lebt, lässt sich die Blackbox aus den Tiefen bergen und die Gewitterfronten des Lebens, die in ihrer Unerträglichkeit zum Absturz führten, lassen sich mit Verstehen impfen, wie man Gewitter mit Silberjodid impft, damit sie abregnen und so nicht mehr bedrohlich werden können.
Bleibt die Blackbox zu, dann besteht die Gefahr, dass auch die Depression bleibt.
Es hilft nichts. Es gibt nur zwei Wege. Sich mit dem Medikament über Wasser halten, oder ins Wasser eintauchen und die schmerzlichen Erfahrungen herauf holen. Der zweite ist jedenfalls der anstrengendere Weg aber der erfolgreichere und bessere.“
Der Dialog auf der Plattform ging weiter. Jemand, der sich „Mandy“ nannte, ließ sich darüber aus, was das für ein Unsinn sei, einen Flugzeugabsturz mit einer Depression zu vergleichen. Franz machte die Seite zu und ging auf den Balkon seiner Wohnung hinaus. Er dachte nach. Hatte er nicht auch so eine Blackbox in seiner Seele? Hatte nicht jeder Mensch so eine Blackbox in sich? Franz entschied sich dazu, das anzunehmen.
Er erinnerte sich an seine Kindheit in Schwarzenberg. Einmal hatte er vom Vater ein paar Schläge auf den Hintern bekommen. Aber sonst? Gott sei Dank, Franz dachte wirklich „Gott sei Dank!“, einen Strömungsabriss hatte es in seiner Kindheit nicht gegeben. Das war ihm erspart geblieben. Es musste irgendetwas, vielleicht nur einmal, vielleicht auch öfter im Leben dieses Grimm gegeben haben, das zum emotionalen Absturz geführt hatte. Und jetzt hielt er sich mit dem Medikament über Wasser.
Damit stand Franz wieder vor dem gleichen Fragezeichen wie am Anfang seines Nachdenkens. Warum gab es für Grimm keine Erlösung durch den Erlöser, an den Grimm glaubte? Für Franz passte das nicht zusammen.
Es war diese offene Frage, die Franz veranlasste, Ja zu sagen, als er von Grimm zum Tee eingeladen wurde.
*
Jeremias Vinzenz Grimm kam in Wien als Sohn des Gotthelf Grimm und der Rose Grimm, geborene Kardos zur Welt. Seine Mutter war, wie schon der Name sagt, eine Ungarin. Sie war aus Budapest. Dort hatte auch sein Vater gelebt. Der Urgroßvater von Grimm war 1860 von Wien nach Budapest ausgewandert, wo er eine florierende Handelsgesellschaft gründete. Er wurde so wohlhabend, dass er sich nicht nur in Budapest, sondern auch in Wien ein Haus erwerben konnte.
Am Anfang des 20 Jahrhunderts kamen einige Deutsche aus Hamburg nach Budapest. Sie brachten von dort die Pfingstbewegung mit. Der Großvater von Jeremias Grimm, Viktor Grimm, lernte die Bewegung kennen und schloss sich ihr an. Es entstand eine kleine Pfingstlich geprägte Gemeinde, in der Viktor Grimm ein Ältester wurde. Die Familie blieb dem Pfingstlichen Glauben treu. Als der Vater von Jeremias Grimm nach Wien übersiedelte, schloss er sich in Wien einer dortigen Pfingstgemeinde an. Er wurde um so entschiedener ein Pfingstler, umso mehr der Druck im Nationalsozialismus zunahm.
Jeremias wuchs im Glauben seiner Eltern auf. Das war einfach eine Selbstverständlichkeit. Das blieb es auch, solange er in die Schule ging. Dann kam er in die Lehre zu den Österreichischen Bundesbahnen. Die Bahn aber war eine Bastion der roten Reichshälfte in Österreich. Sie war fest in der Hand der Sozialisten. Es ist ein Rätsel, warum der Vater seinen Sohn Jeremias dahin schickte. Vielleicht dachte er, es werde bei seinem Sohn sein wie bei ihm. Je mehr der Druck gegen den christlichen Glauben im Dritten Reich wuchs, umso überzeugter war sein Vater von der Richtigkeit seines Glaubens.
Bei Jeremias war das nicht so. Er arbeitete mit einem Gesellen zusammen, der über seinen Glauben lachte und ihm erklärte, dass es wissenschaftlich bewiesen sei, dass der Mensch vom Affen abstammt. „Der christliche Glaube ist ein Blödsinn und nur für alte Weiber, die in die Kirche rennen.“ Das sagte er wörtlich. Am Anfang widersprach Jeremias. Aber dann wurde er kleinlaut. Was konnte man gegen die Wissenschaft sagen? Es war ja nicht nur Anton, der Geselle, der so dachte. Das waren alle Sozialisten in der Schlosserei, Männer, die über die Religion dachten, dass sie nur dazu da sei, das Volk zu unterdrücken. Der eine oder andere dachte schon, dass es einen Gott gab, aber sicher nicht den christlichen Gott, den sie von der Kanzel predigten und der ein Machtinstrument der Reichen war. „Die Kirche und die Reichen, die stecken unter einer Decke.“ Das sagte der Meister.
Der Samen begann zu keimen. Es kam zu Auseinandersetzungen mit Vater und Mutter. Sie waren erschüttert von den Gedanken ihres Sohnes und versuchten ihm zuzureden. Aber es nützte nichts. Als Jeremias achtzehn war, verkündete er seinen Eltern, dass er diesen ganzen christlichen Unsinn nicht mehr glaube. Jetzt war auch er überzeugt, dass der Mensch vom Affen abstammt.
Jeremias erklärte sich zum Agnostiker. Der Mensch kann nichts wissen. Vielleicht gibt es einen Gott. Aber wenn, dann ist und bleibt er uns unbekannt. Mit dieser Überzeugung lebte Jeremias von nun an. Er lebte nicht schlecht damit. Und doch merkte er manchmal, dass er nicht so war, wie die anderen in der Schlosserei oder die Freunde in der Freizeit. Das eine war, dass er sich mit Mädchen schwer tat. Das andere war, dass es für ihn eine Grenze gab. Eine Grenze beim Saufen und bei den schmutzigen Witzen, eine Grenze, die die anderen ohne Wimpernzucken überschritten, während ihm unwohl wurde und er daran nichts mehr lustig fand.
Einmal wollten sie ihn sogar mit ins Bordell nehmen. Es kam gar nicht soweit, dass er sich entscheiden konnte, ob er wollte oder nicht. Er konnte nicht. Sogar ihr spöttisches Reden störte ihn nicht. Es kam nicht an ihn heran. Er war irgendwie unter den Kollegen nicht richtig drin und auch nicht draußen. Aber er empfand sich trotzdem nicht im Niemandsland.
Für ihn war es wichtig, im Beruf weiter zu kommen. Er wollte Lockführer werden. Er machte die Schulung und dann kamen die Lehrfahrten. Es geschah bei der dritten Lehrfahrt. Eine Lehrfahrt, das bedeutete, dass er nicht allein vorne in der Lokomotive war, sondern dass ein erfahrener Lokführer bei ihm war. Aber Jeremias stand im Führerstand, als es geschah. Er fühlte sich für den Zug verantwortlich.
Sie, der Lehrbegleiter und Jeremias Grimm, fuhren den Schnellzug Wien - Bregenz, der um 16 Uhr 53 in Bludenz sein sollte. Sie hatten den Arlbergtunnel hinter sich gelassen und fuhren nun nach einem kurzen Halt in Langen die Westrampe der Arlbergstrecke hinab. Gleich nach Langen kam der Blisadonatunnel. Der Tunnel endete mit einer Linkskurve. Durch die Kurve war keine weit voraus schauende Sicht möglich.
Vor dem Westportal des Tunnels geschah es. Auf den Gleisen stand eine Gestalt. Sie stand da und kam auf Jeremias zu. Nein, in Wahrheit bewegte sie sich nicht. Die Lokomotive und in ihr Jeremias rasten auf die Gestalt zu. Jeremias leitete sofort die Vollbremsung ein. Aber das war nur ein Reflex, ein zum Scheitern verurteilter Versuch, das zu verhindern, was sich nicht mehr aufhalten ließ.
