Falsche Pillen - Sabine Karcher - E-Book

Falsche Pillen E-Book

Sabine Karcher

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Beschreibung

Ist Fermesio tatsächlich ein ganz normaler Arzneimittelgroßhandel? Das glaubt Lena Gerber schon lange nicht mehr. Als Dennis, der Neffe des Inhabers unter Verdacht gerät, illegale Arzneimittel zu vertreiben, sieht sie ihre Chance, der Sache auf den Grund zu gehen. Dabei stößt sie auf einen Skandal um verunreinigte und gepanschte Arzneimittel … ein Skandal, der nur die Spitze des Eisbergs ist. Doch welche Rolle spielt Dennis in diesem Geflecht? Hin- und hergerissen, zwischen Gefühlen und Verstand muss sie sich entscheiden.

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Seitenzahl: 281

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Falsche Pillen
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel

Impressum neobooks

Falsche Pillen

Sabine Karcher

Impressum

[email protected]

Covergestaltung: Stefanie Pappon http://lidschlag.jimdo.com

Lektorat und Korrektorat: Jan Schuld

2015© Alle Rechte vorbehalten

Die Handlung ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. Kapitel

Je näher Lena dem Eingang kam, desto schwerer wurden ihre Schritte – als würde das Portal sie warnen: Kehr um, wenn du kannst.

Eine dürre, ältere Frau, die Haare unter einem Kopftuch versteckt, hielt ein Gestell aus Metall, wie einen störrischen Tanzpartner. Die Schläuche verschwanden unter ihrem Morgenmantel.

Ihre Blicke streiften sich, leer, aber irgendwie wissend.

Die Glastür glitt auf, Lena trat ein.

Anmeldung, Pforte, Wartebereich – alles da, alles unwichtig. Lenas Magen knurrte, aber Hunger war das keiner. Wenn überhaupt, dann Nervosität mit leichtem Säureanteil.

Sie folgte dem Schild ‚Innere Medizin‘, obwohl sie den Weg inzwischen blind fand. Der Name klang harmloser, als der Geruch vermuten ließ. Weiße Wände hellblaues Linoleum, Türen in einem identischen Dunkelblau Die Tür zu Zimmer 305 stand halb offen. Lena blieb im Türrahmen stehen. Der Geruch von Desinfektionsmittel hing in der Luft, süßlich und scharf zugleich. Sie trat einen Schritt näher. Ein Mann saß am Bett der Zimmernachbarin ihrer Mutter. Er regte sich nicht, nur seine Finger bewegten sich, als striche er unsichtbare Falten aus der Bettdecke.

Dann sah sie es.

Das Bett am Fenster war mit einer Plastikfolie abgedeckt. Was hatte das zu bedeuten?

„Wo ist meine Mutter?“, fragte sie den Mann leise.

„Entschuldigung. Sie sind Frau Gerber?“

Lena fuhr herum. „Ja?“

„Wir haben vorhin telefoniert.“ Hinter ihr stand eine Krankenschwester mit einer Akte in der Hand.

Lena nickte. „Was ist mit meiner Mutter?“

„Wenn Sie bitte im Büro von Dr. Schröder warten möchten“, sagte die Schwester mit einem Lächeln, das ihr wohl Mut zusprechen sollte.

„Nun sagen Sie schon“, drängte Lena und hetzte der Schwester hinterher, die es wohl kaum erwarten konnte, sie wieder loszuwerden.

„Der Arzt kommt gleich, er wird Ihnen alles erklären.“ Aha. Das Zauberwort gleich. Im Krankenhaus bedeutete das alles zwischen einer Minute und dem Jüngsten Gericht.

Die Schwester stieß eine Tür auf. „Nehmen Sie so lange Platz.“

Lena zögerte. „Hören Sie...!“

Die Schwester schob sie sanft aber bestimmt in den Raum. Damit hatte sie ihre Mission erfüllt, legte die Akte auf den Schreibtisch, nickte knapp und war auch schon wieder verschwunden, samt aller Antworten.

Lena starrte auf den Stuhl. Setzen? Jetzt? Das machte man, wenn man Kaffee und Geduld hatte. Beides hatte sie nicht. Ihre Hände fühlten sich kalt und steif an, obwohl der Raum nach Heizung und Desinfektionsmittel roch.

Sie blieb stehen. Sie wollte wissen, was los war. Gestern hatte ihre Mutter noch genug Energie gehabt, ihr ein schlechtes Gewissen einzureden: Sie solle endlich das Fitnesscenter hinschmeißen und sich auf ihr Studium konzentrieren. Ein echter Mutter-Klassiker.

So schlecht konnte es ihr also kaum gehen.

Oder?

Ein dünner Stich kroch ihr den Rücken hinauf. Was, wenn das gestern nur dieser berühmte letzte Energieschub gewesen war, von dem man in Filmen hörte? Sie schüttelte den Gedanken ab. Filme waren nichts fürs Leben.

Neben der Akte, die die Schwester abgelegt hatte, lag eine weitere dicke Krankenakte und die Plastiktüte, die sie neulich gebracht hatte. Sie beugte sich über den Tisch. Auch wenn sie nicht viel verstehen würde, musste sie einen Blick in diese Papiere werfen. Aber warum stand diese Tüte mit den Medikamenten ihrer Mutter hier?

Die Tür flog auf, Lena zuckte zusammen. Sie fühlte sich ertappt, obwohl sie weder Akte noch Tüte auch nur berührt hatte.

Dr. Schröder kam dicht gefolgt von einem anderen Herrn auf sie zu und deutete auf den Stuhl. „Setzen Sie sich doch bitte.“

Schröder war Mitte vierzig, wusste Lena von ihrer Mutter, aber das angegraute Haar ließ ihn wie einen alten Hasen wirken.

„Gut, dass Sie so schnell gekommen sind“, fuhr er fort und stellte seinen Begleiter vor: „Das ist Hauptkommissar Bechthold.“

Lena ließ sich vorsichtig auf den Stuhl sinken, die Hände auf den Knien, bereit zuzuhören – und gleichzeitig darauf gefasst, dass gleich etwas völlig Unerwartetes passieren würde.

Allein schon der Umstand, dass Dr. Schröder sie sprechen wollte, ließ ihre Alarmglocken läuten, aber was um alles in der Welt hatte dieser Kommissar hier zu suchen?

Dr. Schröder setzte sich ihr gegenüber hinter den Schreibtisch. Herr Bechthold zog sich den Stuhl neben ihr zurecht.

Lena musterte ihn. Das Licht der Neonröhre zeichnete harte Linien in sein Gesicht – zu wenig Schlaf, zu viel Kaffee, dachte Lena. Der Mantel wirkte, als hätte er schon bessere Tage gesehen. Seine Augen dagegen waren wach, fast zu wach, als würden sie ständig nach etwas suchen, das andere übersehen.

Er schwieg, nur ein kurzes Nicken. Er schien darauf zu warten, dass Dr. Schröder den Auftakt machte – oder auf einen geheimen Handschlag, von dem sie nichts wusste. Dieser Blick, der sie prüfte, aber nicht unhöflich war.

Dr. Schröder blätterte in den Papieren vor sich, so konzentriert, dass man fast den Eindruck bekam, die Antworten würden sich von selbst darin verstecken.

„Ihre Mutter hatte heute Nacht einen Herzstillstand und die Leberwerte verschlechtern sich kontinuierlich", sagte er, als würde er aus einer Gebrauchsanweisung für Kühlschränke vorlesen.

Herzstillstand? Mum! Nein! Lena hielt die Luft an. Er hob beschwichtigend die Hand. „Deshalb haben wir Sie nicht hergebeten. Wir konnten sie reanimieren. Sie liegt auf intensiv, aber im Moment ist ihr Zustand stabil.“ Er legte eine Pause ein, als müsste er sich die nächsten Worte erst noch zurechtlegen. „Trotzdem.“ Er räusperte sich. „Falls Ihre Mutter nicht bald auf die Medikamente anspricht – Sie sollten auf alles vorbereitet sein.“

Sie sollte auf alles vorbereitet sein? Dr. Schröder griff nach der Tüte und sah hinein. „Wir haben die Arzneimittel ihrer Mutter überprüft.“ Er schob ihr die Tüte zu. „Das können Sie wieder mitnehmen.“

Lena nahm die Tüte und legte sie auf ihren Schoß. Was sollten harmlose Kopfschmerztabletten, Hustenmittel und etwas gegen Durchfall auch schon anrichten.

Das musste das Stichwort für den Kommissar gewesen sein. Er griff in seine Jackentasche und zog eine Arzneimittelpackung heraus. Weiße Schrift auf rotem Grund, mit einer Pflanze darauf. War das nicht das Präparat, das sie aus dem Internet besorgt hatte? Er hielt es ihr hin. „Woher hat Ihre Mutter diese Packung?“

„Wieso? Was ist damit? Ist es verfallen?“

„Nein. Das Medikament ist gefälscht.“ Dr. Schröder sah sie an, als hätte sie das Präparat gefälscht.

Mist. Warum ausgerechnet diese Packung? „Wir haben es aus dem Internet.“ Ihre Stimme zitterte, obwohl sie sich keines Verbrechens bewusst war. Weil das Zeug so fürchterlich teuer gewesen war, fast achtzig Euro, hatte sie es für ihre Mutter übers Internet besorgt. Dort hatte es gerade mal etwas mehr als die Hälfte gekostet.

„Wissen Sie von welchem Händler?

„Pharsand.“

„Haben Sie die Quittung noch?“, fragte der Kommissar.

„Ja, die Mail kann ich Ihnen weiterleiten.“ Sie zog das Handy aus ihrer Hosentasche. „Sind diese Tabletten schuld am Zustand meiner Mutter?“

„Das steht noch nicht fest. Im Moment wissen wir nur, dass die Umverpackung nicht mit der des Originalpräparates übereinstimmt.“ Er legte die Packung auf den Tisch. „Können Sie uns auch den Link der Internetseite schicken, über die Sie das Präparat bestellt haben?“

Lena nickte. Natürlich konnte sie das. Sie entsperrte ihr Handy. Der Kommissar saß daneben, als wollte er gleich mitlesen, was er hoffentlich nicht tat, sonst würde er erfahren, wie viele Tabs man gleichzeitig offen haben konnte. Ein paar Fingertipps später war der Link verschickt, samt der E-Mail mit der Rechnung.

„Wie kann es sein, dass ich über einen ganz normalen Internetshop gefälschte Arzneimittel bezogen habe? Ich habe es nicht übers Darknet oder so bestellt“, versuchte Lena sich zu rechtfertigen.

„Arzneimittelfälschungen sind nichts Ungewöhnliches mehr. Hier lesen Sie selbst.“ Jetzt war er an der Reihe sein Handy zu ziehen. Er hielt es ihr hin.

Die Suchmaschine fand fast siebzigtausend Einträge.

Europa ergreift Maßnahmen gegen Arzneimittelfälscher.

Auch in Europa sind inzwischen Fälschungen festgestellt worden. Angefangen von der perfekten Imitation eines Präparates mit gleichem Wirkstoff und identischer Verpackung, über Präparate mit identischer Verpackung, dem identischen, aber zu niedrig dosiertem Wirkstoff und mangelnder Qualität. Auch Arzneimittel, die keinen Wirkstoff, gesundheitsschädliche oder sogar giftige oder suchterzeugende Stoffe enthalten, sind aufgetaucht.

Mit dem Handel von gefälschten Arzneimitteln kann mittlerweile mehr Geld verdient werden als im Drogenhandel. Immer häufiger stoßen Ermittler im Zusammenhang mit Arzneimittelfälschungen auf kriminelle Organisationen.

Sie blätterte weiter. DIE WELT berichtete schon 2002 über den Import des falsch deklarierten Antibiotikums Ciprofloxacin, die WHO von einer Fälschung in Haiti, bei der mindestens 59 Kinder nach der Einnahme eines gefälschten Fiebersafts starben, und in der Schweiz wurden 2002 rund 22.000 gefälschte Viagra-Tabletten gefunden. Selbst das Bundesministerium für Gesundheit warnte auf seiner Internetseite vor Arzneimittelfälschungen.

„Ich versteh nicht, warum...“

„Die Verfolgung dieser Straftaten ist nicht einfach. Das sind regelrecht mafiöse Strukturen. Mit der Serialisierung ist es inzwischen zwar schwieriger geworden, aber nicht unmöglich.“

„Was für eine Serialisierung?“

„Jede Arzneimittelpackung hat eine einzigartige Nummer, die in der Apotheke abgeglichen werden muss. Leider hat das System auch seine Lücken und Schwachstellen.“

Dr. Schröder stand auf und ging um den Tisch. „Wir werden unser Bestes tun. Vielleicht hilft uns die Analyse der Tabletten weiter.“

Für den Arzt war das Gespräch damit offensichtlich beendet. Das sah man an seiner Art, die Akte zuzuklappen, als würde er damit auch das Thema versiegeln. Lena stand automatisch auf, brav wie in der Schule, obwohl in ihrem Kopf noch ein ganzer Chor von Fragen brüllte.

Die Papiertüte mit den Medikamenten hielt sie fest umklammert. Der Kommissar erhob sich ebenfalls und streckte ihr die Hand entgegen. „Ihrer Mutter geht es bestimmt bald besser.“

Er lächelte, dieses professionelle Lächeln, das vermutlich in der Polizeischule im Kurs Empathie für Anfänger geübt wurde. Lena nickte, weil man das in solchen Momenten eben tat, und verließ das Büro.

Auf dem Gang blieb sie stehen. Die Luft roch nach Kaffee. Was, wenn das wirklich ihre Schuld war? Nur weil sie glaubte, im Internet ein Schnäppchen machen zu müssen. Ein paar Euro gespart und dafür vielleicht ihre Mutter krank gemacht. Bravo, Lena. Applaus.

Ihr wurde schwindlig, sie stütze sich an der Wand ab. In dem Moment öffnete sich die Tür zum Arztzimmer.

„... Verbindung zu Fermesio und...“, endete der Kommissar seinen Satz abrupt, als er sie bemerkte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigte sich der Kommissar.

„Nein, es ist alles in Ordnung.“ Lena riss sich zusammen und machte sich auf den Weg zur Intensivstation.

Fermesio! Wie kamen die auf Fermesio? Sie hatte die Arzneimittel doch von Pharsand.

Zögernd trat sie ans Bett ihrer Mutter. Ihre Haut glänzte fahl und das graue Haar klebte platt am Kopf. Lena biss sich auf die Lippen. Geräte und Monitore standen neben dem Kopfende. Sie hätte gern etwas gesagt, sich entschuldigt, aber Mum würde es sowieso nicht hören. Sanft strich sie über die Hand ihrer Mutter. Sie war dagegen gewesen, die Mittel übers Internet zu kaufen. Warum hatte sie sie nur überredet?

In der Straßenbahn checkte Lena ihre Nachrichten. Nicole erinnerte sie an die Verabredung heute Abend. Dann öffnete sie die Suchmaschine. Über Pharsand mussten doch Infos im Internet zu finden sein. 350 Treffer. Nichts Ungewöhnliches. Ein ganz normaler Internetshop, mit Sitz in den Niederlanden, bei dem man Arzneimittel bestellen konnte. Geschäftsführer war ein José Garcia. Auch über Fermesio fand sie nur, dass es ein Arzneimittelgroßhandel in Frankfurt war, dessen Inhaber Wolfgang Finkel hieß, aber das wusste sie auch ohne Internet. Sonst fand sie nichts über diese Firma, mit der sie nie mehr etwas zu tun haben wollte.

2. Kapitel

Lena stellte ihr halb leeres Glas auf der Theke ab und starrte in den Abgrund aus geschmolzenem Eis und Restcocktail, als könnte sie darin Antworten finden, oder wenigstens einen Grund, noch einen zu bestellen. Die Musik wummerte, und sie wippte mit dem Fuß, nur um nicht völlig leblos zu wirken. Mit fünfundzwanzig gehörte sie hier schon fast zur Ausstellungsware: Club-Dinosaurier, weiblich, leicht angeschickert.

Der Cocktail schmeckte, als hätte jemand Bitterkeit flüssig gemacht, passend zu ihrer Stimmung.

Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie zusammenzucken.

Nicole. Natürlich. Strahlend wie immer und mindestens zwei Dezibel lauter, als der Club ertragen konnte.

Grinsend quetschte sich ihre Freundin neben sie. „Hast wohl jemand Spannenderen erwartet?“, brüllte sie ihr ins Ohr.

Lena zwang sich zu einem Lächeln, das irgendwo zwischen nett gemeint und innerlich gekündigt lag.

Nicole fächelte sich Luft zu. „Wodka Lemon, bitte!“, rief sie dem Barkeeper zu.

„Keine Lust zum Tanzen?“, fragte sie dann.

„Nicht so richtig.“ Dabei hatte sie sich auf den heutigen Abend so gefreut. Sie hatte sich sogar eine neue Bluse gekauft. Fast hundert Euro hatte sie ausgegeben. Das Geld hätte sie besser in Mamas Medikamente investiert. Die Sache mit ihrer Mutter ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.

Nicole legte ihr den Arm um die Schultern. „Deiner Mutter geht’s bestimmt bald besser.“

Lena nickte. Sie hatte Nicole nur kurz berichtet, dass es ihrer Mutter schlechter ging. Die Sache mit dem gefälschten Arzneimittel wollte sie ihr in aller Ruhe erzählen. Der Club war nicht der richtige Ort dafür.

Der Kellner stellte das Glas vor Nicole ab, ein leises Klonk auf dem klebrigen Tresen. Lena zog die dünne Papierschicht von ihrem Bierdeckel, faltete sie sorgfältig zu einem Dreieck und schnippte sie über den Tresen direkt in den Aschenbecher. Punktladung.

Nicole hob ihr Glas, prostete Lena zu und nahm einen kräftigen Schluck, der verdächtig nach „jetzt geht’s los“ aussah. Im Takt der Musik wippte sie vor und zurück, grinste zur Tür, warf ihr Haar nach hinten, als hätte jemand eine Kamera auf sie gerichtet.

Lena folgte ihrem Blick. Und da stand er - Dennis. Umringt von einem halben Dutzend Frauen, die alle gleichzeitig lachten, obwohl er offenbar gar nichts sagte. Das typische Alphatier. Der Typ hatte diese Sorte Lächeln, die wusste, dass sie wirkte. Blonder Schönling, drahtig, Dreitagebart – der menschgewordene Beweis, dass die Evolution gelegentlich Eitelkeit belohnte.

Lena schnaubte leise in ihr Glas. Natürlich Dennis.

Denis Finkel!

Wie ein Blitz traf sie der Gedanke. Dennis Finkel. Finkel! Ob der mit dem Besitzer von Fermesio verwandt war? Sie wartete, bis er auf der Tanzfläche war, dann fragte sie Nicole. „Ist das nicht dieser Dennis Finkel dort auf der Tanzfläche?“

Nicole blinzelte, als hätte sie kurz vergessen, wohin sie mit ihren Augen sollte. Dann grinste sie – zu spät, zu breit. „ehm, ja“, murmelte sie und nippte demonstrativ an ihrem Drink, als wäre der plötzlich unglaublich spannend. Sie zwirbelte eine Haarsträhne um den Finger „Du müsstest ihn kennen. Geht er nicht in das Fitnesscenter, wo du jobbst?“

Lena ließ ihr Glas kreisen und presste die Lippen zusammen. „Kennen ist zu viel gesagt, ich habe ihn ein paar Mal gesehen.“ Der arrogante Schnösel war sich zu fein, um sich mit ihr abzugeben. Wahrscheinlich hatte er sie nicht einmal bemerkt. Aber das gehörte jetzt nicht hierher. „Hat er was mit dem Arzneimittelgroßhandel Fermesio zu tun?“

Nicole stupste sie mit der Schulter an, halb freundschaftlich, halb investigativ, und zog dabei eine Augenbraue hoch, die ganze Geschichten erzählen konnte. „Du interessierst dich doch nicht etwa für ihn?“

„Wie kommst du darauf?“ Lenas Wangen glühten. In gewisser Weise schon, aber bestimmt nicht so, wie Nicole vermutete.

„Hör mal. Wie du ihn anstarrst. Und dich nach seiner Familie erkundigst.“ Nicole zog die Stirn kraus, als hätte jemand „Ernstmodus“ auf Knopfdruck eingeschaltet – und Lena musste schlucken: das erste Mal an diesem Abend ohne Grinsen.

„Wieso Familie?“

„Dennis’ Onkel gehört Fermesio.“

„Ne, da ... da ist nichts.“ Lena winkte ab und zwang sich zu lächeln. Zumindest nicht das, was du meinst, ergänzte sie in Gedanken.

„Dann ist ja gut.“ Nicole leerte ihr Glas. „Ziemlich hot der Typ.“ Sie stand auf. „Was ist, kommst du?“

„Wohin?“

Sie deutete auf Dennis. „Den Knaben seh ich mir mal genauer an.“

Lena schüttelte den Kopf. Wenn es nur nicht so verdammt schwer wäre, über den eigenen Schatten zu springen. Ihr Zeigefinger strich am Glasrand entlang.

Als wäre es das Normalste der Welt, schloss sich Nicole Dennis’ Clique an. Für sie war’s das wahrscheinlich auch – sie hatte diese Art von Charme und Selbstbewusstsein, bei dem selbst der Türsteher freiwillig Platz machte.

Wie blöd konnte man eigentlich sein? Warum war sie nicht einfach mit Nicole gegangen? In der Chromfläche der Theke verzog sich ihr Spiegelbild zu einer Grimasse, die so perfekt ihr eigenes Selbstmitleid ausdrückte, dass es fast schon Kunst war. Neben Nicole wäre sie unsichtbar gewesen, hätte Dennis quasi nebenbei kennengelernt und ihn gleich noch über seinen Onkel ausquetschen können. Aber nein, stattdessen saß sie hier und wirkte, als hätte sie alle Gelegenheiten freiwillig verpasst.

In einem Zug leerte sie ihr Glas. Jetzt oder nie. Sie rutschte vom Barhocker, wobei sie gegen den Arm ihres Nachbarn stieß. „He, pass doch auf!“, schimpfte er.

Zu spät. Sein Glas schwappte über und die braune Flüssigkeit landete auf ihrer neuen Bluse.

„Verdammt!“ Sie sah an sich hinunter. Selbst bei diesem schummrigen Licht prangte der Fleck wie ein Orden auf ihrer Brust. Da half auch nichts, daran zu reiben. Sie musste ihn auswaschen.

Der Weg zur Toilette führte zwangsläufig an Dennis‘ Clique und Nicole vorbei.

„Lena! Super. Hast du es dir überlegt." Nicole strich eine blonde Strähne hinters Ohr und strahlte sie an.

Auch Dennis schien sie jetzt wahrzunehmen. Aber statt ihr in die Augen zu sehen, sie zu begrüßen, starrte er verächtlich auf den Fleck.

Und dann dieses Grinsen. Ehe sie etwas sagen konnte, fragte er: „Kennen wir uns nicht vom Fitnesscenter? Putzt du hier auch?“

Lenas Gesicht fühlte sich an, als hätte sie hohes Fieber. Diese Überheblichkeit, diese Selbstzufriedenheit, die dieser Lackaffe ausstrahlte, waren nicht zu überbieten. Typen wie der bekamen alles, was sie wollten. Es war kein Klischee, dass Reichtum glücklich und attraktiv machte. Sein dümmliches Grinsen gab ihr den Rest. „Bei der Masse an Scheiße, die du produzierst, wäre das hier dringend nötig", konterte sie und wollte weitergehen.

„Lena, was soll das?“ Nicole packte sie am Arm.

Sie riss sich los. Was das sollte? Ihr wurde übel, sie ertrug diesen Typen keine Sekunde länger, sie musste weg. Mit großen Schritten steuerte sie auf die Toilettentür zu und zog sie auf. Trotz der lauten Musik hallte das Gelächter in ihren Ohren, bis sie endlich hinter ihr zufiel.

Das war ja super gelaufen.

Über das Waschbecken gebeugt, spritzte sie sich Wasser ins Gesicht, immer wieder und wieder. Was war sie für eine dumme Kuh! Wie konnte sie sich nur von diesem Kerl provozieren lassen? Sie hätte einfach lachen sollen.

Die Schminke lief ihre Wangen hinunter. Ihr Spiegelbild warf ihr eine verbissene Grimasse entgegen, forderte sie auf, sich durchs Haar zu fahren. Sie hatte keinen Kamm dabei, die Finger taten es auch, aber die verhakelten sich in einer Strähne.

Sie richtete sich auf, befeuchtete ein Papierhandtuch. Der Seifenspender war leer. Statt den Fleck zu entfernen, hinterließ das grüne Papier hässliche Spuren.

Der Abend war verpfuscht. Jetzt konnte sie auch gehen. Sie holte ihre Jacke und trat ins Freie. Bildete sie es sich ein oder grinsten die beiden Jugendlichen, die vor der Tür rauchten, verächtlich?

Kühler Wind peitschte ihr ins Gesicht, Nieselregen mischte sich mit dem Lärm der Musik, der in ihren Ohren dröhnte. Sie zog die Jacke enger, stapfte auf die Unterführung zu – genau so hatte sie sich den Abend nicht vorgestellt. Dunkel, nass, muffig. Ausgefallene Lichter, sicher nach Pisse riechend. Perfekt.

Kaum hatte sie ein paar Schritte gemacht, schnappte sie die Stimme auf: „Und die sind wirklich in Ordnung?“

Im kalten Licht der Straßenlaterne tauchten Dennis und Nicole in einer dunklen Hofeinfahrt auf. Dennis lehnte lässig an einem weißen Sprinter, eine Pose, die jede Actionfigur vor Neid erblassen ließe, und streckte Nicole etwas entgegen. Nicole nahm es.

Lena presste sich hinter eine Mülltonne, zog die Knie an die Brust und versuchte, unsichtbar zu werden. Perfekt getarnt – zumindest dachte sie das. Der Regen tropfte auf ihre Jacke, mischte sich mit dem Wummern der Musik und dem dumpfen Gefühl, dass sie gerade einen großen Fehler machte.

„Klar, die sind aus dem Lager von meinem Onkel. Mit denen bist du absolut gut drauf. Und nebenbei hast du bestimmt sechs Stunden lang keinen Hunger. Für den Preis bekommst du sie sonst nirgends."

Von seinem Onkel. Super! Da hatte er das Zeug ja vom Richtigen. Genau das hatte sie sich gewünscht. Beweise. Aber doch nicht mit Nicole. Verflucht. Sie hätte sie einweihen sollen.

„Ich weiß nicht." Nicole zögerte.

„Du musst nicht, aber glaub mir, da entgeht dir etwas. Ich habe nur begeisterte Kunden."

Lena ballte ihre Hand zur Faust. Lange hielt sie es in ihrem Versteck nicht mehr aus.

„Und die Dinger sind wirklich harmlos und machen auch nicht süchtig oder so?"

„Quatsch! Ich nehme das Zeug schon eine Weile. Sieh mich an! Aber wenn du mit dir zufrieden bist..."

Das reichte. Die Lippen fest zusammengepresst, sog Lena Luft durch die Nase ein, stand auf und trat aus ihrem Versteck. „Nicole! Bist du irre! Weißt du, was da wirklich drin ist? Der redet doch nur Blech."

Dennis ließ die Pillen sichtlich nervös in der Hosentasche verschwinden. „Nicht die schon wieder“, murmelte er, griff nach Nicoles Handgelenk und zerrte sie wie ein kleines Mädchen hinter sich her. „Dir würden sie jedenfalls nicht schaden.“

„Nicole!“ Lena packte das andere Handgelenk ihrer Freundin. „Warte! Was, wenn es Ecstasy oder sonst so ein Zeug ist?"

Nicole befreite sich ruckartig von beiden. „Seid ihr jetzt völlig verrückt geworden?“

Dennis schob Nicole zur Seite und stellte sich breitbeinig vor Lena, die Arme auf der Brust verschränkt. „Nicole ist alt genug. Sie braucht keinen Babysitter. Also verzieh dich.“

Was bildete der sich überhaupt ein? „Aber du weißt, was gut für sie ist, ja? Als ob es dir um Nicole geht. Dich interessiert nur die Kohle!“ Sie wich keinen Millimeter.

„Komm, die hat doch ’nen Knall.“ Er raunte es Nicole zu, allerdings laut genug, dass es nicht nur für Nicoles Ohren bestimmt sein konnte.

„Geh vor. Ich komme gleich“, sagte Nicole mit einem verliebten Augenaufschlag. Mein Gott, wie sie ihn anhimmelte.

Er zuckte mit den Schultern, ging aber.

Nicole legte den Arm um sie. „Lena, was sollte das? Ich dachte, du interessierst dich nicht für ihn.“

Lena starrte ihre Freundin entgeistert an. Glaubte sie allen Ernstes, es ging ihr um Dennis? „Nicole, bist du verrückt! Den Kerl will ich nicht mal geschenkt haben. Weißt du überhaupt, was das für einer ist?“ Sie befreite sich aus der Umarmung, packte ihre Freundin an den Armen und sah ihr in die Augen. Am liebsten hätte sie sie geschüttelt. „Er und sein Onkel sind Verbrecher.“

Nicole seufzte. „Lena. Du machst dich lächerlich. Ich habe keine Ahnung, wie du darauf kommst, und ich will es auch nicht wissen. Wir sind hergekommen, um Spaß zu haben. Aber das ist für dich ja ein Fremdwort.“ Nicole strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Ich hab die Schnauze voll. Du bist schlimmer als meine Mutter, die denkt, ich bräuchte eine Schutzpolizei gegen das böse, böse Leben.“ Nicole schien keine Antwort oder Rechtfertigung zu erwarten. Aus dem Nieseln war ein handfester Regen geworden. Sie rannte, ohne sich umzudrehen Dennis hinterher.

Lena fand keinen Atem für die Worte, die ihr auf der Zunge brannten. Regen rannte ihr übers Gesicht, als wolle er ihren Ärger mit abwaschen. Sie fragte sich, worüber sie mehr enttäuscht war: über Nicole oder über ihre eigene Unfähigkeit, zur rechten Zeit das Richtige zu sagen. Schwierig -. Wahrscheinlich war es beides.

3. Kapitel

Blaue Fliesen. Der Sockel einer Kloschüssel. Es stank nach Erbrochenem. Dennis versuchte, sich aufzurichten, doch schon die Idee daran ließ seinen Schädel rebellieren.

Langsam zog er sich an der Schüssel hoch und ließ sich auf den Toilettenrand zurücksinken.

Der Raum schwankte, als wäre er noch auf der Tanzfläche. Er schloss die Augen, öffnete sie sofort wieder – alles drehte sich trotzdem. Irgendwann löste sich der Nebel, und er erkannte sein Elend: die Herrentoilette im Seven-Up. An der Wand über ihm prangte ein Satz in krakeliger Handschrift: „Wir leben nicht, wir halten durch!“ Er nickte. Das passt. Die Tür der Kabine war angelehnt. Was zum Teufel war geschehen?

Letzte Erinnerung: Nicole, lautes Lachen, klebrige Tanzfläche. Danach – Funkstille im Oberstübchen.

Am Waschbecken spülte er sich den Mund aus, dann beugte er sich vor, ließ kaltes Wasser über seinen Nacken laufen. Die Erfrischung dauerte ganze drei Sekunden, bevor er dem Typen im Spiegel begegnete: glasige Augen, verwischtes Lächeln, Haar wie nach einem Stromschlag. Nur widerwillig akzeptierte er sein Gegenüber, das ihn verwirrt ansah. Aber noch mehr verwirrte ihn der Blick auf die Uhr. Vier Stunden einfach gelöscht. Nicole irgendwo da draußen – oder auch nicht. Und er? Hauptrolle in einem schlechten Katerdrama mit fragwürdigem Drehbuch.

Er strich sich das Haar aus dem Gesicht und verließ die Toilette. Die Lichter des Clubs blinkten nur noch sporadisch, die Bar schon geputzt, die Musik verstummt. Stühle standen wie kleine Soldaten auf den Tischen, und hinter dem Tresen wischte Jack mit stoischer Gelassenheit die letzten Gläser blank.

„Wir unterhalten uns, wenn du wieder klar bist“, sagte Jack, ohne Dennis’ Zustand zu beachten. Dennis starrte ihn an, die Worte tanzten im Nebel seines Gehirns. Klar sein?

Er taumelte weiter, den Kopf noch in einer Mischung aus Kopfschmerz, Reue und verblassender Erinnerung.

Entgeistert brachte er ein schwaches „Hä?“ hervor. Egal. Im Moment war ihm sowieso nicht nach Reden. Draußen wurde es bereits hell. Er holte sein Handy aus der Tasche. Erst beim dritten Versuch erwischte er die Nummer der Taxizentrale. So sehr hatten seine Hände noch nie gezittert.

Das Brummen wurde immer lauter. Dennis tastete nach der Lärmquelle, um sie zum Schweigen zu bringen. Millimeter für Millimeter stemmte er sich mit den Armen hoch. Er schob die Beine über die Bettkante. Für Sekunden blitzten Erinnerungsfetzen der vergangenen Nacht auf, er glaubte, den Gestank nach Erbrochenem und kaltem Rauch zu riechen. Er ging ins Bad, um ihn loszuwerden.

„Ist dein Auto noch in der Werkstatt?“, rief Wolfgang aus der Küche.

„Ich hole es heute ab." Seine Stimme glich einem heiseren Krächzen.

„Soll ich dich in die Stadt mitnehmen?“

„Ja.“

„Dann musst du dich beeilen!"

Beeilen! Ausgerechnet heute. Er kam in die Küche, noch halb Mensch, halb Kater, und fand Wolfgang über eine braune Lache gebeugt, die früher mal Kaffee gewesen war. Dabei sah er kurz hoch. „Hilf mir, statt dumm herumzustehen." Mit seinen Ende fünfzig stieß er selbst bei dieser einfachen Putzaktion an die Grenze der körperlichen Belastbarkeit. Sein Gesicht ähnelte einer Glühbirne und auf seiner flachen Stirn perlte der Schweiß.

Widerwillig griff Dennis nach einem zweiten Lappen, der nach Zitrone und Weltuntergang roch und kniete dazu. Er begann, die Scherben einzusammeln. „Warum so eilig heute Morgen?"

„Ärger bei Fermesio“, brummte Wolfgang und strich sich eine graue Strähne aus der Stirn.

An jedem anderen Tag hätte Dennis ihn gefragt, was los war, aber heute wollte er einfach nur seine Ruhe. Nichts reden, nicht zuhören.

„Du bist spät nach Hause gekommen.“ Wolfgang wischte sich die Hände ab und nahm sich im Stehen eine Scheibe Brot. „Oder sollte ich besser sagen, heute Morgen. Überhaupt, hast du schon mal in den Spiegel gesehen? Bei den Rändern unter deinen Augen könnte man meinen, du hättest einen Horrortrip hinter dir."

So fühlte sich Dennis in der Tat. Das konnte doch unmöglich an den paar Bier liegen. Oder lag es am Alter, dass er weniger Alkohol vertrug? Er nahm die Zeitung und schlug sie auf. Auch wenn es ihn im Moment nicht interessierte, in welcher Ecke der Welt irgendein Politiker etwas erlebt hatte, war es besser, als sich in der Verfassung mit Wolfgang auf eine Diskussion einzulassen. Nicht heute.

„Hör mal, ich rede mit dir!"

„Lass mich einfach in Ruhe! Nur falls du es vergessen haben solltest: Ich bin siebenundzwanzig.“ Der Ärger bei Fermesio musste gewaltig sein. Die Phasen, in denen sich Wolfgang als Ersatzpapi aufgespielt hatte, gehörten längst der Vergangenheit an. Um Schadensbegrenzung bemüht und um Wolfgangs Blutdruck nicht unnötig ansteigen zu lassen, wechselte er das Thema und legte die Zeitung beiseite. „Im Herbst fange ich mit der Masterarbeit an. Bis dahin habe ich alle Scheine.“

„Wurde aber auch Zeit.“

„Danach ziehe ich aus.“

Wolfgang zuckte mit den Schultern. „Das musst du wissen. Wenn du es dir leisten kannst.“

An Tagen wie diesem hasste Dennis es, bei seinem Onkel zu leben. Schon seit Längerem suchte er nach einer eigenen Wohnung. Bisher scheiterte es am Geld, denn Wolfgang war nicht bereit, die Miete zu bezahlen, solange er bei ihm wohnen konnte. Immerhin finanzierte er ihm das Studium.

„Was treibst du eigentlich in letzter Zeit so oft bei Fermesio?“ Wolfgang zog den Stuhl vor und setzt sich.

Dennis zuckte zusammen. Pure Körperbeherrschung verhinderte, dass er sich verschluckte.

Wolfgang legte den Kopf schräg und schürzte die Lippen. „Du interessiert dich fürs Lager, habe ich mir sagen lassen.“

Daher wehte der Wind. Er musste sich schnell entscheiden: dumm stellen oder Interesse heucheln. Sich bloß keine Unsicherheit anmerken lassen! Warum, zum Teufel, musste Wolfgang ausgerechnet heute damit anfangen?

„Übrigens sind größere Mengen Arzneimittel gestohlen worden.“

Oh, oh. Nur gut, dass er das Zeug heute noch loswurde. Nicht auszudenken, wenn Wolfgang es bei ihm fand.

„Das scheint dich nicht zu wundern." Wolfgang blühte auf. Er genoss dieses verdammte Gespräch. Was wusste er und was vermutete er nur?

Er hätte diese blöden Kartons nicht in seinem Zimmer aufbewahren sollen. Pokerspielen war noch nie seine Stärke gewesen, trotzdem versuchte er sein Bestes. „Was meinst du mit größeren Mengen?“

„Es fehlen fast sechshundert Packungen.“ Wolfgang fixierte ihn. Kein noch so schwaches Zucken würde seinen Argusaugen entgehen.

„So viel?“ Dennis musste seine Überraschung nicht einmal spielen. Für Knolle hatte er nur zweihundertfünfzig Packungen zur Seite geschafft. Konnte es sein, dass er derart den Überblick verloren hatte? „Ich dachte, ihr hättet neue Sicherheitsschleusen, durch die jeder Mitarbeiter muss.“ Zum Glück galt das nicht für ihn. Er gehörte schließlich zur Familie. „Hast du einen Verdacht?"

„Wir sind dran. Allzu viele Möglichkeiten gibt es glücklicherweise nicht.“ Wolfgang sah auf die Uhr, stand auf und räumte den Tisch ab. „Was ist jetzt, soll ich dich mitnehmen?"

Wolfgang ahnte etwas, das war klar. Typisch. Statt direkt mit der Sprache rauszurücken, nährte er den Boden für Spekulationen und verstärkte so das schlechte Gewissen seines Gegenübers. Damit hatte er ihn schon früher zur Weißglut gebracht. Es wurmte Dennis, dass das noch immer funktionierte. „Ich fahre mit dem Bus.“ Nach dem Gespräch war ihm die Lust auf eine gemeinsame Fahrt in die Stadt vergangen.

Dass ihm an diesem beschissenen Morgen auch noch der Bus vor der Nase davonfuhr, wunderte Dennis kaum. Wütend kickte er einen Stein vor sich her. Eigentlich konnte er jetzt gleich blaumachen. Zur Vorlesung schaffte er es ohnehin nicht mehr rechtzeitig.

Das Schicksal wollte es aber anders. Wie ein Geschenk des Himmels hielt der BMW seines Freundes neben ihm. Das Seitenfenster fuhr runter und Frank beugte sich herüber. „Hey. Willst du mit?“

Was für eine Frage? Er öffnete die Beifahrertür, warf seine Tasche auf den Rücksitz und setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Rausch ausgeschlafen?“ Frank strotzte nur so vor Schadenfreude. „Gestern hast du es ja gewaltig übertrieben.“

„Was habe ich übertrieben?“ Er hatte doch wirklich nicht viel getrunken.

„Na hör mal.“ Frank warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Das Zeug hatte es in sich."

„Wieso?"

„Tu nicht so unschuldig. Nicole ist zuerst total ausgeflippt und dann auf der Tanzfläche umgekippt. Das musst du doch mitbekommen haben."

Die vier Stunden. Verdammt. Es lag ihm auf der Zunge zu fragen, ob auch er ausgeflippt ist.

„Sag bloß, du erinnerst dich nicht.“ Franks Stimme übertönte locker das Radio. „Kaum hatte Jack den Notarzt gerufen, standen die Cops mit zwanzig Mann auf der Matte, und du hast dich verdrückt. Nächstes Mal warnst du uns gefälligst. Mensch, war ich froh, dass ich das Zeug noch rechtzeitig wegwerfen konnte."

„Notarzt? Oh, Mann! Ich hatte einen Blackout. Ich bin neben der Toilettenschüssel aufgewacht. Keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin."

Frank lachte. „Das kann ich dir sagen. Jack hat dich im Keller gefunden. Hättest hören sollen, wie der getobt hat. Nachdem die Bullen weg waren, haben wir dich zur Toilette geschleift, wo du dich ausgekotzt hast."

„Die Bullen sind wegen Nicole gekommen? Da ist doch schon öfters eine umgekippt, ohne dass es einen Großeinsatz gegeben hat.“ „Wenn du mich fragst - die haben einen Tipp bekommen und hätten den Laden auch ohne Nicole auf den Kopf gestellt.“

Es schnürte ihm den Hals zu. „Sag mal, kann es sein, dass jemand Nicole und mir was untergemischt hat?“

Frank zuckte mit den Schultern. „Möglich. Du bist nicht der Einzige, der im Seven-up versucht, Geschäfte zu machen.“

Da hatte sich einer einen üblen Scherz mit ihm erlaubt, anders konnte er es sich nicht erklären.

An der Tür zum Hörsaal atmete er durch und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Er suchte einen Platz in der hintersten Reihe. In seinem Kopf herrschte ein einziges Chaos. Da brauchte er nicht auch noch die Fragen und blöden Kommentare seiner Kollegen. Frank setzte sich neben ihn.

Langsam füllte sich der Hörsaal. Die Ereignisse des gestrigen Abends hatten sich bereits herumgesprochen. Die lieben Kommilitonen schienen irgendwie davon auszugehen, dass er einen Dämpfer verdient hatte. Er sollte sich jetzt wohl schuldig fühlen. Aber warum? Weil er Wolfgang betrogen hatte? Dem konnte es doch egal sein. Jeden Monat wurden Hunderte von Arzneimittelpackungen vernichtet, weil das Verfalldatum abgelaufen war.

„Geht`s dir nicht gut?" Frank sah ihn besorgt an.

Übel war ihm nicht mehr. Er lehnte sich zurück. „Wolfgang ist hinter meine Geschäfte gekommen."

„Ach du Scheiße. Waren deshalb die Cops im Seven-up?"

Der Gedanke drängte sich ihm auch auf, aber er wollte es nicht glauben. „Quatsch. Der hetzt mir doch nicht die Bullen auf den Hals.“

„Hi.“ Lars legte seine Tasche auf den Tisch und setzte sich neben Dennis. „Schon gehört, Nicole ist heute Nacht gestorben.“

Dennis packte Lars am Arm. „Was sagst du da?“