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Eine Wette führt Kai Kurzbein Ende der 1990-er Jahre gemeinsam mit Kommilitonin Maren nach Laos. Als angehende Journalisten wollen sie mehr erfahren über das Bergvolk der Hmong und ihr wechselhaftes Schicksal nach Ende des Indochinakrieges. Sie begegnen Travellern, Kriegsveteranen und Schamanen. Und sie lernen eines: Nichts muss so sein wie es aussieht.
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Seitenzahl: 313
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Eine Wette führt Kai Kurzbein Ende der 1990-er Jahre gemeinsam mit Kommilitonin Maren nach Laos. Als angehende Journalisten wollen sie mehr herausfinden über das Bergvolk der Hmong und ihr wechselhaftes Schicksal nach Ende des Indochinakrieges. Sie begegnen Travellern, Kriegsveteranen und Schamanen. Und sie lernen eines: Nichts muss so sein wie es aussieht.
Natürlich ist das alles reine Fiktion. Personen und Begebenheiten sind frei erfunden, manchmal in einer Weise, dass sie auch in die Realität passen würden.
Michael Schultze, Jahrgang 1956, studierte Politikwissenschaften und die Geschichte Südostasiens. Seit 1982 bereist und beschreibt er die Region bevor es ihn letztlich ganz nach Laos verschlug. Bisher verfasste er vor allem Sachbücher und Zeitungsartikel über Land und Leute.
Der Tag war im Arsch. Dicke, graue Regenwolken schienen fast auf dem Boden zu schleifen. Der Regen fiel nicht zur Erde, er war in der Luft, durchtränkte sie wie einen Schwamm, schob sich durch Jacke und Hose bis auf die Haut. Er war einfach da und versaute neben den Klamotten auch noch die Stimmung. Kai war ohnehin schon geladen. Aufstehen um fünf Uhr gehörte ganz gewiss nicht zu seinen bevorzugten Tagesanfängen. Und wenn die vorherige Nacht erst nach zwei Uhr zu Ende gegangen war, umso weniger. Beim Rasieren entzog sich die Klinge seiner Kontrolle, was ihm einen blutenden Schnitt vom rechten Ohr Richtung Kinn eintrug, sodass er einem Neumitglied der schlagenden Burschenschaften verdammt ähnlich sah. Als er sich dann auch noch den frisch aus der Maschine kommenden Kaffee, der eigentlich als Ersatz für ein opulentes Frühstück gedacht war, über die Hose kippte, war der Tag schon gelaufen, bevor er richtig begonnen hatte. Fluchend wechselte Kai sein Beinkleid, kippte die zweite Tasse Kaffee nun aber doch in den Mund und verbrannte sich prompt die Zunge. Beknackte Vorstellung, mit Maren den ganzen Tag verbringen zu wollen. Ausgerechnet mit der. Und das nur wegen einer Laune.
*
Bis vor zwei Monaten hatten sie gemeinsam studiert und auf einer der Partys zum Ausklang des Studentenlebens auch diese schrille Idee ausgeheckt. Furzidee, hatte seine Großmutter so etwas immer genannt. Da lag die alte Dame sicher nicht ganz falsch. Kai stopfte seine Sachen in den Rucksack und versuchte, die Dinge jenes Abends zum Studienabschluss zu erinnern. Im Bad vergewisserte er sich, dass die Blutung gestoppt war und er sich unter Menschen wagen konnte, ohne dass jemand den Notarzt rief. Den teuflischen Rasierer, der ihn eben fast massakriert hatte, so dass die nächste Woche sowieso nicht an eine Neuauflage des Bartschabeaktes zu denken war, verbannte er in die hinterste Ecke des Toilettenschrankes.
Wie so oft hatten sie zusammen gesessen und über Gott und die Welt philosophiert. Meist kamen die Diskussionen zu einem Punkt, an dem sie sich selbst bedauerten. Die Dinge waren fest gefügt in eine starre Ordnung und sie zu ändern eine Herkulesaufgabe. Sie beneideten die Generation der Eltern, die noch alle Chancen gehabt hatten, die Welt zu verändern, sie aber sträflich ungenutzt gelassen hatten. Sie beklagten die Öde der langweiligen Angepasstheit der modernen Zeit, in der das drohende Computerchaos angesichts einer Jahreszahl mit drei Nullen die Medien beherrschte. Die meisten ihrer Kommilitonen schienen schon im Studentenalter mit der einst als stürmisch verschrienen Jugend abgeschlossen und nur die Karriere im Kopf zu haben. Banker, am besten Investmentbanker, war das Traumziel, dass in kurzer Zeit Porsche und Yacht versprach und Endlosurlaub an Palmenstränden.
Im Fernsehen lief eine der unzähligen Meldungen über eines der endlos vielen Gemetzel irgendwo im Busch, die kein Schwein interessierten, weil niemand irgendein Interesse an der Gegend hatte. Also konnten die Leute sich dort lange und ausdauernd gegenseitig abschlachten, ohne dass Eingreiftruppen mobilisiert oder Blauhelmeinsätze beschlossen wurden. Kai hatte sich kurz der Glotze zugewandt, als die Meldung kam, dass es bei den Kämpfen im Nirgendwo mal wieder einen Journalisten erwischt hatte. Das machte den Unterschied, denn von den schwarzen, braunen oder gelben Toten, die erst die Berichterstatter angelockt hatten, war seltener die Rede. Auch Maren hatte die Meldung registriert.
„Der einzige Job, der noch was wert ist”, sagte sie zu Kai. „Da ist doch wenigstens was los. Und irgendwo auf der Welt irgendeine Schweinerei aufzudecken, ist doch obergeil, oder?”
Das ganze Gespräch drehte sich dann in diese Richtung. Was Journalisten doch für tolle Leute sein mussten, ideenreich, umtriebig, unbeugsam. Jeden Tag war die Zeitung voll von Skandalen, die von den rührigen Schreibern ans Tageslicht gebracht wurden. Dinge, die oft vielen einflussreichen Leuten unangenehm waren, die Politiker oder andere Big Shots in Bedrängnis oder aus dem Amt brachten und zuweilen gar Regierungen kippen ließen.
„Alles Mache, alles getürkt”, meinte Holger schließlich. „Die sind genauso mit im Spiel und dürfen nur schreiben, was ihnen andere vorgeben.”
So wurde die Diskussion hitziger. Bis Kai und Maren, nein, es war Maren allein, die auf die Idee kam. Nicht zu leugnen, dass sie schon ein paar Flaschen Rotwein weggemacht hatten. Aber der allein war es mit Sicherheit nicht, der sie sagen ließ: „OK, ich werde es euch zeigen. Bis Jahresende habe ich eine Top-Story, die selbst in Deutschland auf die Titelseiten kommt. Solche Stories findet man überall, wenn man nur gut ist.”
Nun erst kam Kai ins Spiel. In der auf Marens großspurige Ankündigung folgenden Stille angelte er, nun der Aufmerksamkeit aller sicher, wortlos einen Globus vom Schrank und pflanzte ihn auf den Tisch.
„Ich bin dabei”, sagte er. Bis heute kann er sich nicht erklären, welcher Teufel ihn geritten hatte, sich so ins Zeug zu legen. Vielleicht war es der Wein, vielleicht die lockere Stimmung nach vollbrachtem Studium, vielleicht sogar Maren gewesen. Oder Holgers allwissende Häme. Oder von jedem etwas.
So entwickelte Kai gar theatralisches Talent als er fast schon bühnenreif deklamierte: „Bis Jahresende eine Top-Story aus dem Land, das Maren jetzt auswählt.“ Nun hatte er eine Idee, die er einfach umwerfend fand.
„Los, Augen verbinden”, kommandierte er. Sie standen nun auch räumlich im Mittelpunkt, das Interesse aller auf sich gerichtet, hatten selbst das seit einiger Zeit weltvergessen knutschende Pärchen wieder aus Träumen und Polstern geholt. Die Idee kam an und Maren ein Tuch um den Kopf. Kai drehte langsam die Erdkugel.
„Wenn ihr das bringt, zahl ich euch das Ticket.” Holger war schon mit dem goldenen Löffel im Mund geboren und beim Studium zum Ärger der Professoren mit dem Porsche vor den Hörsaal gefahren. Es kam Bewegung in die Runde, denn was eben noch wie ein Scherz aussah, bekam Chancen auf Verwirklichung.
„Wie wär’s mit Vorauszahlung”, entgegnete Kai, der nicht nur im klapprigen Golf kam, sondern auch stets knapp bei Kasse war.
„Deine Villa als Pfand.” Holger hatte nicht nur das Geld sondern auch den Hang zum Geschäftemachen geerbt. Kais Villa war eine Gartenlaube am Stadtrand, die er von seinem Vater vermacht bekommen hatte, bevor der nach Brasilien gegangen war. Nicht eben Wallstreet, aber kein schlechter Deal, selbst für einen Porschefahrer.
„Topp, die Wette gilt!” Der Teufel war noch immer sein Jockey, als Kai den Gottschalk machte. Maren tastete mit der Hand nach dem Globus, brachte die Kugel zum Stehen und tippte bestimmt auf den Pappplaneten.
„Lass mal sehen”, Holger wollte schon ihren Finger anheben, denn der verdeckte das Reiseziel völlig.
„Halt, erst die Augenbinde ab”, protestierte Maren und verschaffte sich wieder optischen Zugang zum Geschehen. Langsam hob sie den Finger aus dem Südosten Asiens. Das Land war fast senkrecht auf dem Globus angeordnet und so schmal, dass auch der Name gedreht worden war. Dabei war der nicht einmal lang.
„Laos”, verkündete Holger, als hätte er wirklich einen Saal voller Wettzeugen vor sich.
Das war dann an jenem Abend auch fast alles, was sie über das Land zusammenbrachten. Außer, dass es da irgendwo zwischen Vietnam, Thailand und China auf dem Globus klemmte, konnte keiner in der Runde etwas Konkreteres beisteuern. So drehten sich die Gespräche dann auch schnell wieder um andere Dinge.
Am nächsten Tag ging Maren die Sache ernsthaft an. Schon am Morgen saß sie gemeinsam mit Kai am Computer der Bibliothek und suchte das Internet nach dem Suchbegriff Laos ab. Schnell stieß sie auf das CIA World Factbook und fand darin auch Laos.
„Kommunistisch”, sagte sie nur.
„Schöne Scheiße”, entgegnete Kai.
„Drittgrößter Opiumproduzent der Welt”, sagte sie weiter.
„Das hört sich schon mal gut an”, meinte Kai, der sofort an einen aufgedeckten Drogendeal dachte. Mafia oder so.
In der folgenden Woche hatten sie weiter Material gesichtet und einiges zusammen getragen. Den Thriller „Air America” aus der Videothek, den Reiseführer von Reise-Know-How aus dem Buchladen und jede Menge Informationen aus dem Web. Sie wussten nun, dass Laos eines der älteren Königreiche auf der indochinesischen Halbinsel war, 1353 von einem Spross der Fürstenfamilie des nördlichen Luang Prabang zum Reich Lane Xang Hom Khao vereint. Sie hatten gelesen, dass die Übersetzung dafür „Land der Million Elefanten und des weißen Schirms” lauten sollte und die Hauptstadt wegen der militärischen Bedrohung durch Burma und der wachsenden wirtschaftlichen Aktivitäten 1560 von Luang Prabang ins südlicher gelegene Vientiane verlegt wurde. Sie waren fast schon Experten in laotischer Geschichte, hatten gelesen und diskutiert und weiter gelesen. Ihnen war klar geworden, dass Lane Xangs beste Zeiten schon ein paar Jahre zurück lagen. Ende des 17. Jahrhunderts hatte es seine goldene Epoche, die im jähen Absturz in die Bedeutungslosigkeit endete. Delikat immerhin, dass dies durch Weibergschichten am Königshof zumindest bevorteilt wurde, denn im Zuge der höfischen Intrigen verlor der Kronprinz sein Leben und die Krone den einzigen anerkannten Erben. Lane Xang zerbrach in drei Teile, die zum Spielball der aufstrebenden Nachbarn Vietnam und Siam wurden.
Frankreich, so wurde ihnen klar, hatte 1893 nur noch einen Rest des einstigen Reiches zu seiner Kolonie machen können. Opium begann unter den Franzosen an Bedeutung zu gewinnen, schließlich gar für die Finanzierung des I. Weltkrieges. Indochina wurde dann in den Strudel des Zweiten Weltkriegs gezogen und erlebte für die nächsten 30 Jahre keinen Frieden mehr. Und so waren sie bei der Generation ihrer Eltern angelangt, die 1968 auf die Straße gegangen waren und Ho-Ho-Ho-Chi-Minh skandiert hatten. Weltverbesserer. Träumer. 1973 hatten die Anhänger des spitzbärtigen Vietnamesen der Weltmacht USA eine Niederlage beigebracht, vor deren Hintergrund alle folgenden militärischen Abenteuer der Amerikaner wie verspätete Rechtfertigungsversuche aussahen.
In Laos hatten die vietnamesischen Kommunisten gleich mit gesiegt und ihre dortigen Verbündeten von der Pathet Lao zur Machtübernahme geschubst. Denn anders lassen sich die stürmischen Tage im Frühjahr 1975 kaum erklären, als am 17. April zuerst Phnom Penh von den sich später als Scheusale entpuppenden Roten Khmer eingenommen und keine zwei Wochen später Saigon von den Viet Cong erobert wurde. In Laos ging es gemächlicher zu. Bis August brauchten die Pathet Lao, um das ganze Land unter Kontrolle zu bekommen. Und im Dezember schafften sie das seit 1353 nahezu ununterbrochen regierende Königshaus ab und nannten das einstige Land der Million Elefanten fortan Demokratische Volksrepublik. So lange hatte der König gezaudert, in seine Abdankung einzuwilligen. Ihn einfach davon zu jagen, hätte dem Charakter des Landes und seines Volkes widersprochen.
Ganz junge Geschichte, kein halbes Menschenleben her, die Kai und Maren dennoch nur aus Büchern erfahren konnten.
*
Kai spülte die Tasse im Abwaschbecken und stülpte sie verkehrt herum auf den Waschtisch. Er sah noch einmal nach, ob der Computer wirklich ausgeschaltet war und hörte sich zum wievielten Male seine Ansage auf dem Anrufbeantworter an.
„Hallo, hier ist Kai. Ich bin für unbestimmte Zeit nicht da. Auch das Hinterlassen einer Nachricht ist zwecklos. Versucht es per E-Mail”, hörte er sich aus dem Lautsprecher. Gewohnheitsmäßig zog er die Gardinen vor und ließ die Rollos herunter. Dabei dachte er an die Worte, mit denen seine Mutter stets ihr Tun erläutert hatte, als müsse sie sich vor sich selbst rechtfertigen.
„Damit die Sonne nicht die Farben so auszehrt.” Er zog die Tür zu und schloss zweimal herum. Dann trug er den prall gefüllten Rucksack und die kaum halbvolle Reisetasche aus dem Haus und packte die Sachen in den Golf. In dreißig Minuten sollte er Maren vom Bahnhof abholen und mit ihr noch irgendwie den Tag totschlagen. Erst kurz vor Mitternacht ging ihr Flieger nach Bangkok. Bis Frankfurt, auf der anderen Seite des Rheins, war es nur knapp eine Stunde, bei sehr dickem Verkehr. Also wirklich üppig Zeit.
Auch auf dem Bahnhof erschien er zu früh. Oder der Zug zu spät, wie es für Züge wohl eher zum Ruf gehört. Er schlenderte durch die Bahnhofshalle, warf einen Blick auf die seltsamen Gestalten im Mcdonald und entschied sich bei deren Anblick gegen ein Pappfrühstück. Im Zeitungskiosk stöberte er länger und fingerte sogar eine Illustrierte aus der Auslage. „Laos” hatte dort auf dem Titelblatt geprangt. Na, wenn das kein Omen war! Wochenlang hatten sie all ihre Recherchekünste aufbieten müssen, um überhaupt etwas in Erfahrung zu bringen. Und am Abflugtag sprang ihn eine Schlagzeile an. Es kam noch besser: „War in Laos” stand dort in fetten Lettern und klang für Kai fast schon wie eine gewonnene Wette. „Soldier of Fortune” nannte sich das Blatt, Glücksritter. „Ein Journal für professionelle Abenteurer” stand im Untertitel. Er zahlte und stieß, als er aus dem Laden kam, fast mit Maren zusammen. Irgendwie hatte sich der Zug in den Bahnhof geschlichen.
„Geht ja gut los”, meinte die Dame spitz und drückte Kai eines ihrer vier Gepäckstücke in die Hand, hängte ihm eine Tasche um den Hals und machte Anstalten zu weiteren Ausführungen. Kais Anblick hielt sie von Vorhaltungen ab und weckte Wissbegierde.
„Bist du in den Rasenmäher gefallen?” fragte sie angesichts der frischen Wunde in Kais Gesicht. „Oder hast Du versucht, mit Messer und Gabel zu frühstücken?”
Kai ließ den Spott über sich ergehen und hielt ihr wortlos die Zeitschrift vors Gesicht.
„Wow”, machte sie, weil jüngere Leute weltweit heute Überraschung nicht mehr anders ausdrücken können. So landeten sie schließlich doch im MäkDoof. Marens Oma im Osten hatte den Namen eingeführt als sie meinte, nur Doofe würden in solch einem Laden essen.
„Patschiges Brötchen mit grausamem Klops”, hatte die praktisch veranlagte Frau nach einem Test in einer der vielen neueröffneten Filialen in Neufünfland geurteilt, nein verurteilt. „Mayonnaise gehört in Kartoffelsalat und Senf anne Boulette.” Fertig. Kai musste lachen, als Maren ihm das vor einiger Zeit erzählt hatte. Es erinnerte ihr irgendwie an die eigene Oma, die auch stets für flotte Sprüche gut war.
Heute bekamen sie gar nicht mit, was sie in sich hineinstopften. Sie hätten ohne weiteres auch das Apfelstrudel genannte Teigteil mit Majo und Ketchup gegessen. Sie waren zu beschäftigt. Sie lasen in den Glücksrittern. Hier erfuhren sie Neues über die Hmong, ein Bergvolk, das in Laos zu Zeiten des amerikanischen Indochinakrieges von den USA finanziert auf deren Seite gegen die Kommunisten gekämpft hatte. Damals nannte man das Volk noch ohne rassistische Gewissensbisse herablassend Meo. Nach dem Abzug der Amerikaner waren die Hmong schutzlos der Rache der Sieger ausgesetzt und von der physischen Vernichtung und völligen Ausrottung bedroht. Über Hunderttausend war die Flucht über Thailand nach Amerika geglückt. Einige Tausend von ihnen lebten auch 20 Jahre nach dem Krieg im Dschungel, ständig auf der Flucht vor dem übermächtigen Gegner, und kämpften einen heroischen aber aussichtslosen Kampf. So jedenfalls stand es in dem Magazin.
„Wow”, machte Maren wieder. „das wär doch der Hammer! Deutsche Journalisten bei Freiheitskämpfern im kommunistischen Dschungel.” Sie formte Daumen und Zeigefinger beider Hände zu einem Viereck und visierte Kai damit an.
„Das Kinn etwas mehr nach vorn”, sagte sie. „Klick! Starreporter Kai Kurzbein interviewt den Führer der Aufständischen. Hey, du verdeckst das Maschinengewehr.” Maren wechselte die Perspektive. „Klick! Nur ein Pseudonym brauchst du noch. Maren Körner, das klingt. Aber Kurzbein...” sie blickte demonstrativ unter den Tisch, „das hört sich blöd an und stimmt nicht.”
Kai war in der Schule schon immer wegen seines Namens angemacht worden. Damals war er schon hoch aufgeschossen gewesen. Es bedurfte nur wenig Phantasie auszumalen, welches Bein dann als das kurze ausgemacht wurde. Sein Spitzname „shortcock” hatte zum Glück den Sprung an die Uni verpasst. Nur die unverfängliche Kurzfassung „Kockie” war ihm überall hin gefolgt. „Kai Kockie”, kam prompt Marens Vorschlag, „Oder Kocker, oder Kockerer.”
„Nun ist gut!” Kai zeigt sich wenig amüsiert. „Sonst hast du keine Sorgen?” Er stopfte die Zeitschrift in eine von Marens Taschen und räumte das Tablett weg. „Überleg dir lieber, wie du deinen ganzen Kram durch den Busch schleppen willst. Träger mieten fällt wohl eher aus.” Kai hatte die schlechte Laune vom Morgen noch nicht ganz abgebaut und Maren hatte sie mit ihrem Gerede neu aufgeladen.
„Schon mal was von Basislager gehört.” So leicht gab sie sich nicht geschlagen. Sie verstauten den Rucksack und dessen kaum weniger füllige Verwandtschaft in Kais Golf und machten sich auf den Weg. Der Regen hatte aufgehört und auch der Grauschleier begann sich ohne Weißen Riesen oder Blaue Megaperlen aufzulösen. Hie und da war gar schon ein Fetzen Blau am Himmel zu sehen. Nach fiesem Start versprach der Tag sein bestes, jedenfalls zum Thema Wetter. Hoffentlich, so dachte Kai, überträgt sich das auch auf die Stimmung. Sonst gibt es Krach, bevor die Tour losgeht.
Kai hatte lange überlegt, wie er die Flachländerin Maren mit den Reizen seiner weiteren neuen Heimat beeindrucken konnte und die Route sorgsam gewählt. Die führte meist entlang an Vater Rhein, dem teutschesten aller Gewässer. Kai stammte gleichfalls aus dem Osten, doch hatten seine Eltern noch kurz vor dem offiziellen Ende der DDR den Gang gen Westen angetreten und sich an Rhein und Mosel niedergelassen. Kaum zu glauben, dass es ausgerechnet die noch tiefere Ostverbundenheit seines Vaters war, die der Familie Ein- und Auskommen sicherte. Kais Vater hatte in Moskau studiert und war dabei zu sehr soliden Russischkenntnissen gelangt. Genau die waren es, die nun auch im Westen auf Nachfrage stießen. So hatte Kai schon die letzten Schuljahre an einem Koblenzer Gymnasium absolviert und genug Gelegenheit gehabt, die Gegend so gut kennenzulernen, dass er jetzt selbst den Fremdenführer geben konnte. Er begann mit einem Blick von oben.
Von der Festung Ehrenbreitstein blickten sie hinab auf das Deutsche Eck mit seinem umstrittenen Reiter und die schon seit Römers Zeiten von den Militärs geliebte Stadt Koblenz. Dann führte die Straße etwas weg vom Ufer und erst südlich von Mainz ging es dann wieder auf Tuchfühlung mit dem Rhein, vorbei an der schönen Lorelei und den anderen malerischen Felsen entlang des Vaterflusses. Von der Höhe blickten sie hinab in das enge Tal, in dem der Fluss, selbst befahren wie eine Autobahn, nur mit Widerwillen auch noch Platz ließ für Straßen, Eisenbahn und an etwas breiteren Stellen sogar Häuser. Kai liebte diesen Blick aus der Vogelperspektive, der die in engen Abständen verkehrenden Züge aussehen ließ wie die der Modelleisenbahn aus Vaters Jugend.
Maren, die es zum ersten Mal an diese schöne Ecke Deutschlands verschlagen hatte, war überwältigt. Der Eindruck machte sie nahezu sprachlos, ein Effekt, der Kai sehr wohl gefiel und ihn leichter über den Tag brachte. Seine Laune besserte sich zusehends, schließlich soweit, dass er Marens Äußeres wahrzunehmen begann. Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln heraus genauer und fand das Ergebnis mehr als akzeptabel. Ob sie sich extra für ihn so zurechtgemacht hatte? Die blonde Mähne offen auf den Schultern, das ärmellose Top so eng, dass er Mühe hatte, nicht vom wohlwollenden Betrachten zum unverschämten Stieren zu wechseln, vor allem, wenn sie die Jeansjacke öffnete oder an besonders sonnigen Plätzen gar auszog. Dazu knallenge Jeans und was Hochhackiges an den Füßen. Also mit Maren konnte man sich sehen lassen. Mit einem eigenartigen Wohlgefallen registrierte er, dass sich viele der Männer, die ihnen begegneten, auffällig oder unauffällig nach seiner Begleiterin umsahen. Gelegenheit dazu gab es oft, denn das letztlich gute Wetter lockte viele Besucher zu den Ausflugsstätten, die Kai der Reihe nach ansteuerte. So kamen sie fast schon wie echte Touristen gut über den Tag.
Es wurde schon dunkel, als sie sich Frankfurt näherten. Kai hatte mit dem Verkehr auf der proppenvollen Autobahn zu tun, doch Maren konnte sich dem Schauspiel der Flugzeuge beim Landeanflug hingeben. Wie auf eine überdimensionale Kette gefädelt hingen die Flieger in der Luft. Fünfzehn Maschinen zählte sie in der Landeschleife. Nun verband sie eine erste Vorstellung mit dem Begriff Großflughafen. Kai fuhr direkt zum Abflugdeck, lud das Gepäck aus und packte es gemeinsam mit Maren auf einen bereitstehenden Trolley. Maren wachte über ihre Habseligkeiten. Kai brachte inzwischen das Auto ins Parkhaus, ließ den Schlüssel stecken und rief seinen Bruder an.
Der Kleine war frischer Inhaber eines Führerscheins und heiß auf die Kutsche. Eine solche Gelegenheit konnte sich ein 18-jähriger Gymnasiast nicht entgehen lassen und so würde er in spätestens zwei Stunden da sein, um dann für die nächsten Wochen vor seinen Klassenkameraden angeben zu können. Was tat Kai nicht alles zur Aufbesserung des Selbstwertgefühls seines Brüderchens.
Maren und Kai wanden sich durch die Zick-Zack-Reihen beim Check-in. Als die Dame am Schalter auf den Tickets das Reiseziel sah, zog sie fragend die Brauen hoch und fragte am Nachbarschalter zurück. Dann verlangte sie, die Visa zu sehen. Die Beiden präsentierten die fahlblauen und roten Stempel in ihren Papieren, die den Eintritt wenn nicht ins Paradies so doch in eine Vorstufe davon gewähren sollten. „Wir können das Gepäck durchchecken, aber sie müssen in Bangkok mit Ihrem Ticket zum Transfer und die Bordkarte für den Weiterflug nach Vieh-entiane ausstellen lassen”, beschied die Schalterdame amtlich. Sie hatte tatsächlich den ersten Teil des Namens der laotischen Hauptstadt ausgesprochen wie „Vieh”. Selbst gelegentlicher Umgang mit einem exotischen Reiseziel hört sich anders an.
Bis auf zwei überschaubare Taschen waren sie ihr Gepäck los und passierten schließlich den trichterförmigen Eingang in Richtung Passkontrolle. Alles lief ohne Probleme und sie hatten noch reichlich eine Stunde totzuschlagen bis zum Boarding. Dann saßen sie in dem gut gefüllten Jumbo von Thai Airways, das Handgepäck über den Köpfen verstaut, als Lektüre die Bangkok Post auf den Knien. Der Flieger hob ab und die Versorgungsroutine begann. Nach dem Essen rollte sich Maren so gut es ging in ihre Decke und schlief auch sofort ein.
Das war also der erste Tag ihres großen Abenteuers. Abgesehen von der Schramme am Morgen ein eher unspektakulärer Start. Kai hangelte über die Sitze und kramte die „Soldier of Fortune” aus den Gepäckfach. Er las den Artikel noch einmal ganz durch und wollte sich die ungewohnten Namen und Orte einprägen. Nebenbei bestellte er ein Bier nach dem anderen, stopfte schließlich die Zeitschrift in seine Jackentasche und widmete sich dem Unterhaltungsprogramm. War der Bierpegel inzwischen hoch genug oder der Film zu langweilig, Mitte des zweiten Films schlief auch er ein.
*
Bangkok empfing sie mit strahlender Sonne. Das grelle Licht der Tropen schien selbst durch die verdunkelten Scheiben des Flughafengebäudes einen Anschlag auf die Netzhaut verüben zu wollen. Von der schwülen Hitze hatten sie nur auf dem kurzen Stück durch den rüsselartigen Übergang vom Flugzeug zum Bangkok International Airport Terminal eine vage Ahnung erhalten. Dann umgab sie die klimatisierte Welt des Riesenbaus. Sie folgten den Hinweisschildern zum Transfer durch endlos lange Gänge und landeten schließlich in der großen Hallenflucht, die einem Shopping-Center ähnlicher war als einer Wartehalle. Verkaufsstände waren auch leichter zu finden als eine Sitzbank. Gesessen, so meinten sie, hatten sie nun auch lange genug.
Ihnen blieben vier Stunden Zeit, sich umzusehen. Babylonisches Sprachgewirr umgab sie, deutsche Brocken klangen selten durch den Sprachsalat. Ganz am Ende der Halle entdeckten sie einen Stand von Burger King. Wenigstens etwas Bekanntes. Angenehm überrascht war Kai allerdings davon, dass er sich hier nicht um das Wegräumen des Tabletts bemühen musste.
Pünktlich zwei Stunden vor Abflug der Maschine von Lao Aviation standen Maren und Kai vor den Transferschaltern. Den Posten mit dem ältlichen Logo der Lao-Fluggesellschaft fanden sie wohl in einer langen Reihe von Schaltern, doch war er unbemannt. Ratlos sahen sie sich um. Eine zierliche Person im dezenten Lila von Thai Airways tat nicht beschäftigt sondern gab mit freundlichstem Lächeln auch ungefragt Auskunft: „Die Kollegen kommen sicher gleich. Keine Sorge.”
Mit sichtlichem Wohlgefallen ließ Kai seinen Blick über die Kleine in Lila gleiten. Langes schwarzes Haar, dunkler Teint, knapper Rock und diese Augen! Mandelaugen stand wohl darüber immer in den Büchern der Asienreisenden. Die Wirklichkeit stand den Werbepostern der Fluggesellschaft nicht einen Zoll nach. Das war die Verheißung: so weich wie Seide. Maren blieb die Macho-Musterung nicht verborgen.
„Weißt du jetzt, warum die Bumsbomber immer voll sind?” fragte sie schnippisch.
„Nee, erklär mal”, gab Kai zurück und griente sein schamlosestes Grinsen.
Nach zehn Minuten wurde der Schalter bemannt. Falsch! Er wurde ebenso charmant wie der Nachbarschalter befraut. Die Haare etwas kürzer, aber genauso schwarz, die Augen genauso mandelig. Kai hatte Mühe, die Damen auseinander zu halten. Da half nur die Uniform, lila bei der einen, blau-weiß bei der anderen Dame. Auf eine Schätzung des Alters wollte er sich gleich gar nicht einlassen. Sie waren, eine wie andere, unglaublich jung, unglaublich schlank und unglaublich verführerisch. Kai war benommen von dem Angriff des asiatischen Liebreizes auf seine Sinne.
Vor dem Exotenbonus hatte Holger ihn gewarnt. Der lasse erst einmal alle fremdartigen Frauen auf unbekannte Art verführerisch aussehen. Holger hatte seine Ferien nie in Europa verbracht. Er musste es also wissen. Kai ging ein kleines Licht auf, was wohl den Vater nach Brasilien gezogen haben mochte. Die Jesusfigur auf dem Zuckerhut wohl weniger. Die seltenen Ausbrüche der Mutter, die dann den entschwundenen Ex einen Schürzenjäger und Tunichtgut nannte, hörte sich nun weniger wie eine Schimpfkanonade einer mit zwei kleinen Bengeln im Stich gelassen Frau an als vielmehr wie eine nachvollziehbare Erklärung des plötzlichen Abgangs vom heimischen Herd in die tropische Sonne. Anlass war damals eine Dienstreise des Mitarbeiters einer Firma für Kältetechnik an den Amazonas gewesen. Zehn lange Jahre ähnlicher Fahrten in die arabische Welt hatten bei Kurzbein senior keine vergleichbare Wirkung gezeigt wie ein einziger Trip zu den Sambaköniginnen. Dabei war er nicht einmal zur Karnevalszeit dort gewesen. Oh Mann, Karneval in Rio! Kai seufzte.
Maren griff ihm an die Stirn, wie um einem Kind die Temperatur zu messen und brachte ihn so wieder von heißen tropischen Stränden in die tiefgekühlte Wartezone des Bangkoker Flughafens Don Muang zurück. Mehr noch, sie gab Kai auch buchstäblich die Richtung, indem sie auf den Leuchttafeln die Nummer ihres Flugsteigs suchte. Zum Weiterflug mussten sie fast bis hinunter in den Keller. Es ging nicht über eine Fluggastbrücke direkt in den Flieger, sondern gemeinsam mit einer Handvoll weiterer Passagiere per Bus weit hinaus an zig bunt bemalten Flugzeugen vorbei über den endlosen Asphalt. Auf dem Weg wurden die Maschinen immer kleiner und kleiner. „Nicht dass wir bei einer Cessna enden”, witzelte Kai. Er sah sich vorsichtig um, als ob er fürchte, dass seine Bemerkung von einem der Mitreisenden verstanden und als Nörgelei aufgefasst werden könnte.
„Ah, Sie sprechen auch deutsch”, wandte sich ein älterer Herr mit schütterem aber dennoch wirrem Haar an ihn. „Freut mich, Landsleute zu treffen. Kommt nicht so oft vor. Was führt Sie nach Laos?”
Kai gab an, sie seien Journalisten auf der Recherche für mehrere Artikel für deutsche Zeitungen.
„Dann sind wir ja quasi Kollegen”, erwiderte der Mann. „Klaus mein Name, Klaus Müntzer.” Er streckte Maren und Kai die Hand entgegen. Sie zitterte ein wenig. Kai stellte sich und Maren artig vor und erwähnte auch, dass sie das erste Mal in der Gegend seien. Als sie schließlich hielten, standen sie vor einem sehr überschaubaren Propellerflugzeug. Kai bestaunte die Fülle von Nieten, die das Flugzeug eher zu perforieren schienen als sie ihm Zusammenhalt gaben. Im Innern glich die Maschine mehr einem nicht mehr ganz neuen Reisebus als einem Flugzeug auf einer internationalen Route.
„Das ist eine Y-7, echt chinesischer Luxus nach russischer Vorlage”, sagte Müntzer, der hinter ihnen die Rohrleiter emporstieg. Er hatte Wai Seven gesagt, nicht etwa Ypsilon Sieben. Deutsch schien nur noch für den Umgangston brauchbar. „Die Taschen lassen Sie besser gleich bei der Stewardess”, fuhr er fort. „Für die Gepäckablage sind sie zu groß.”
Sie taten, wie ihnen geraten wurde. Bereitwillig verstaute die Stewardess ihr Handgepäck irgendwo im Heck der Maschine. Dann gingen sie zu ihren Sitzplätzen. Die Textilbezüge der Sitze waren abgewetzt und von undefinierbarer Farbe. Die Sicherheitsgurte eine Karikatur ihres Namens. Ein korpulenter Herr, der auf der anderen Seite des Ganges gleich zwei Sitze belegte, versuchte sich den Gurt um den Bauch zu schnallen. Selbst bei voller Länge fehlten dem Riemen noch gut zwanzig Zentimeter. Er drehte die Handflächen nach oben und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Sein „Impossibele” verriet den Italiener, der nach einem weiteren, eher der Rechtfertigung, zumindest alles versucht zu haben, geltenden Versuch resigniert aufgab. In China hatten die Flugzeugkonstrukteure offensichtlich ein anderes Menschenbild als Vorlage genommen. Die Wai Seven reihte sich zwischen Boeings und Airbus auf dem Taxiway zum Take-Off wie eine Fledermaus zwischen Flugsauriern. Und – das Ding flog! Kaum dem Beton entronnen, klappten die Radgestelle ein und gaben den Blick auf den entschwindenden Boden frei. Bangkok lag unter einer gewaltigen Dunstglocke. Beim Blick aus dem Bullauge während des beschaulichen Steigflugs des Propellerflugzeugs ließen sich die Ausmaße der Monster-Metropole erahnen.
„Hätten wir nicht lieber hier recherchieren sollen?” fragte Kai seine Begleiterin.
„Klar, in den Barstraßen der Rotlichtviertel”, entgegnete Maren bissig. Sie hatte Kais optische Recherche am Transferschalter noch zu gut in Erinnerung.
„Eifersüchtig?” Kai blieb nichts schuldig. Dann bemühten sich beide, möglichst unverfänglich stur geradeaus zu blicken. Für den Moment war alles gesagt.
Erst als ihr Flugzeug in den Sinkflug überging, wuchs ihr Interesse für die Gegend. Kai hatte Maren den Fensterplatz gelassen und musste sich nun weit über sie beugen, um auch einen Blick auf den Boden zu erhaschen. Dunkelgrün bewachsenes Land wechselte mit in der Sonne glitzernden Wasserflächen und akkurat gezogenen Feldern intensiven Grüns. Ziemlich niedrig flogen sie über ein breites schlammbraunes Band.
„Der Mekong”, verkündete Müntzer zwei Reihen hinter ihnen. „Willkommen in Laos.“ In sechzehn Stunden vom Vater Rhein zur Mutter des Wassers, einmal um die halbe Welt. Oder bis kurz vor das Ende der Welt. Am Ziel der Wünsche oder am Start zum Flop? Wer weiß, was die nächsten Tage und Wochen bringen würden.
Wenige Minuten später radierten die Reifen über verwitterten Vientianer Flugplatzbeton. Der Flieger rollte aus und blieb vor einem funkelnagelneuen Terminal stehen. ‚Wattay International Airport‘ prangte in großen blauen Lettern auf dem metallisch glänzenden Dach. Marens ‚wow‘ ließ nicht lange auf sich warten.
Doch das neue Gebäude war nicht für die Y-7 gemacht. Es war für überhaupt noch kein Flugzeug gemacht. Schon technisch passten Immobilie und Verkehrsmittel nicht zueinander, denn die schwenkbaren Passagierbrücken der modernistischen Stahl-Glas-Aluminium-Konstruktion ragten in ihrer tiefsten Stellung noch deutlich über den Flugzeugrumpf. Doch der tiefere Grund war, dass das Gebäude nur den Anschein eines Flughafenterminals vermittelte. Es sah noch fabrikneu aus, als hätte man eben erst die Verpackung entfernt. Benutzt wurde es offenbar nicht. Vielleicht hob man es für eine besondere Gelegenheit auf wie die Oma die gute Damast Tischdecke so lange im Schrank für den richtigen Anlass geschont hatte, bis sie vergilbte Streifen aufwies.
Beim Verlassen der Kabine erinnerte die Stewardess sie an ihr Gepäck, das sie schon parat hielt. Kai schulterte seine Tasche und hielt Marens in der Hand. So bepackt balancierte er die schmale Metallstiege hinab.
Die Luft über dem Flugfeld war warm, aber nicht unangenehm. Fast im Gänsemarsch folgte die Handvoll Passagiere einer Stewardess quer über den Beton der Parkfläche in ein lindgrünes Gebäude, das seine besten Tage gewiss schon hinter sich hatte. Es stand so pastellfarben im Abendlicht, wie es schon die gerade in Mode gekommenen Memoiren der amerikanischen Indochinakrieger in den 1970-er Jahren beschrieben hatten. Nebenan stand, gleich einem UFO, unnahbar das gesichts- und geschichtslose neue Flughafenterminal in seiner fahlen Blässe aus Aluminium und Glas. Sie traten in das Pastellgebäude, in dem von der Decke hängende Ventilatoren die Luft ein wenig durcheinander quirlten. In einem hölzernen Häuschen mit einer Durchreiche in der Scheibe, einem Starkasten nicht ganz unähnlich, wurden die Visa in ihren Pässen überprüft und schließlich per Stempeleindruck ihre Ankunft in Laos dokumentiert. Die nächste Station der Einreiseprozeduren sah die Wiedererlangung des Gepäcks vor. Das kam auf einem ältlichen Transportband durch ein viereckiges Loch in der Wand. Durch die offenen Tür daneben beobachtete Kai die Arbeiter beim Abladen des Wägelchens und machte ihre Habe aus, bevor sie aufs Band plumpste. Der Zöllner am Tisch in Richtung Ausgang war mehr mit seiner charmanten Kollegin beschäftigt als mit eventueller Schmuggelware und winkte sie einfach durch.
So unkompliziert und unspektakulär hätten sie sich den Einzug in eines der letzten kommunistischen Reiche der Welt nicht gedacht. Peinlich genaue Durchsuchung, hochnotpeinliche Befragung oder doch wenigstens röntgenartige Musterung aus argwöhnischen Augen wäre ihrer Erwartung gerecht geworden, nicht aber diese laxe Art, Abgesandte des kapitalistischen Klassenfeindes in den Regierungsbezirk der Volksmacht zu lassen. Fast waren sie enttäuscht, dass ob ihrer Ankunft nicht mehr Aufhebens gemacht wurde.
Was sie wegen der Beleuchtung im Gebäude nicht bemerkt hatten: es war inzwischen dunkel. Kurz nach sechs. Müntzer, der offenbar abgeholt wurde, kam noch einmal zurück und reichte ihnen ein Stück Karton. Erst als er näher darauf sah, ging Kai auf, worum es sich handelte. Visitenkarten waren unter den Studenten seines Jahrgangs nicht weit verbreitet. „Wenn Sie nicht weiter wissen, melden Sie sich per Telefon”, sagte er und kletterte in das bereit stehende Allradfahrzeug beachtlichen Ausmaßes. Kai sah auf die Karte. „DAZ” konnte er im Dämmerlicht erkennen, und „Senior Advisor”. Weg war er.
„Taxi, Sir?” fragte jemand in blauem Tuch mit einem Aufnäher auf dem Arm. Die Uniformierung glich einer Kreuzung zwischen Schlossergesellen und Sicherheitsdienst. Das Fahrzeug, auf das er den Begriff Taxi bezog, hatte gewiss schon Amerikaner chauffiert, wenn nicht gar Franzosen. Inzwischen ließ es sich nicht mehr eindeutig einer bestimmten Marke zuordnen, zumindest keiner in Europa bekannten. Ein Motorrad nach dem anderen verließ knatternd das Gelände. Langsam wurde es leer hier. Ein Mann kam aus dem Terminal und zog mit einem langen Haken die Rollgitter vor dem Eingangstor herunter. Wurde Zeit, dass auch sie weg kamen, sonst blieben sie noch als Nachtwache zurück. Für fünf Dollar würde sie das Taxi in die Innenstadt bringen. Angesichts der Preisvorstellungen, die in Europa gedruckte Reiseführer verbreiteten, ließ das eine längere Tour erwarten.
Das Lane Xang Hotel war in den Schilderungen der jüngeren laotischen Geschichte oft aufgetaucht. Laut Reiseführer gab es das Haus noch, also wollten sie dort absteigen. Fürs erste jedenfalls. Auf dem Weg zum Hotel versuchten sie einen ersten Eindruck von der laotischen Hauptstadt zu gewinnen. Die Straße war breit mit einem Grünstreifen in der Mitte. Die zwei Fahrspuren in jeder Richtung waren spärlich benutzt und dienten weniger der Aufnahme großer Fahrzeugströme als der Verbesserung der Aussichten, Schlaglöchern auszuweichen. Immerhin gab es eine Straßenbeleuchtung, die auch funktionierte. Auch die meisten Häuser waren hell erleuchtet, einige zusätzlich mit blinkender Weihnachtsbaumbeleuchtung geschmückt. Auch Werbeschilder leuchteten in die beginnende Nacht. „Paradise” lasen sie auf einem, „Blue Star” auf einem anderen, wobei ihnen vorerst verborgen blieb, wofür die Leuchtschriften warben.
Zu ihrer Überraschung dauerte es keine zehn Minuten, bis das klapprige aber erstaunlich rüstige Produkt japanischen Automobilbaus aus einer Zeit, als Europa die kleinen, schlitzäugigen Japaner meist auf Fahr-, bestenfalls Motorrädern vermutete, sich durch eine Baugrube quälte und schließlich vor einem imposanten Bau am Mekongufer hielt. Ein Fünf-Dollar-Schein wechselte den Besitzer und das Gepäck auf den Treppenabsatz vor dem Hotel. Ein Boy rannte herbei und nahm sich aufopferungsvoll ihrer Habseligkeiten an, während Maren und Kai sich unbeschwert der Rezeption zuwandten. War es die Hostess vom Flugplatz in Bangkok? Kai glotzte bestimmt nicht sonderlich intelligent auf die zierliche Person hinter dem wuchtigen Tresen. Maren nahm dies zur Kenntnis und die weiteren Dinge in die Hand. „Sind noch Zimmer frei?” fragte sie in passablem Englisch. „Yes Sir”, antwortete die Dame.
„Madam”, korrigierte Maren. „Solly?” die zierliche Person blickte sehr verwirrt. Auch Maren kam etwas von der Rolle, aber eher, weil die Eigenart der laotischen Sprache, nicht über ein „R“ zu verfügen, auch Auswirkungen auf das Englisch hatte.
„One double loom 30 Dolla, Sir.” Die Rezeptionsdame setzte die professionelle Konversation nach der eingeübten Routine fort. Maren bestand nicht auf der weiblichen Anrede, sondern hatte eher ein Bett zum Ausschlafen im Sinn.
„Zwei Einzelzimmer”, entgegnete sie. Die Hostess blickte noch irritierter. Wortlos schob sie zwei Anmeldeformulare über den Tresen.
Kai hatte sich inzwischen im Foyer umgesehen. Brusthohe Elefanten aus dunklem, edel glänzendem Holz kämpften vergebens gegen den Eindruck vergangener Größe, den der Terrazzoboden und das Mobiliar der Lobby verströmten. Ein Lift zeigte klingelnd seine Ankunft an und spuckte schließlich ein älteres, weißes Ehepaar aus. Man sprach französisch, ließ beiläufig den Zimmerschlüssel über den Tresen der Rezeption rutschen und verschwand draußen in der Nacht. „Dinner” hatte Kai immerhin aus der Unterhaltung der beiden Senioren herausgefischt, oder sein Magen hatte das Verstehen suggeriert. Das Stück Plundergebäck mit Fleischfüllung, dass ihnen Lao Aviation neben einer Mandarine und einem dieser so schwer zu öffnenden Tütchen Ketchup zugestanden hatte, war nicht das, was Kai als Abendbrot gewohnt war.
Maren kam mit zwei Zimmerschlüsseln und der Hotelboy mit einem Gepäckwagen. Auf dem Gang vor den Zimmern sagte sie: „In fünfzehn Minuten in der Lobby und dann zum Abendbrot.” Kai warf seine Sachen ins Zimmer und stellte sich kurz unter die Dusche. Pünktlich stand er nach einer Viertelstunde im frischen T-Shirt im Foyer und wartete auf Maren. Die erschien nach weiteren zehn Minuten.
„Klimaanlage streikt und Fernseher geht nicht”, erklärte sie, als hätte das mit der Verspätung zu tun. Sie gab die Beschwerden mit dem Schlüssel an die Rezeption weiter. Dann zogen beide hinaus in die Dunkelheit.
„Alt werde ich heute nicht mehr”, meinte Maren. „Also was wie MäkDoof und fertig.” Noch war ihnen kein gelb-rotes M oder ähnliches aufgefallen. Sie zogen die in unterschiedlichen Stadien zwischen Abriss und Neubau befindliche Uferstraße am Mekong entlang und konnten auch keine der bekannten Leuchtreklamen entdecken. Dafür sahen sie Leute auf einer großen Terrasse am Mekong sitzen, schwatzen und essen. Sie setzten sich an einen freien Tisch und erhielten unverzüglich eine in Plastik geschweißte Karte. Die war überwiegend in einer nicht entzifferbaren Kringelschrift gehalten, nur die letzten zwei Seiten versuchten sich auch auf Englisch. Hamburger kamen darauf nicht vor.
