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Lina liebt Schmetterlinge. Von ihnen hat sie gelernt, andere zu verwirren und zu täuschen, wenn sie nach ihrer Herkunft gefragt wird. Denn der Name Chavéz fällt auf und ruft eine Familie auf den Plan, mit der sie nichts zu tun haben will. Als eines Nachts ein Unbekannter ihr den Tod der leiblichen Mutter mitteilt und dann auch noch ihr Großvater, ein berühmter Komponist, der seit Jahrzehnten verschollen ist, ins Spiel kommt, beschließt Lina, sich ihrer Familie zu stellen. Anhand der Tagebücher ihrer Mutter und der Aufzeichnungen eines Unbekannten begibt sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, von der Nazizeit über die ersten Nachkriegsjahre bis zur Nacht ihrer Zeugung. Doch je mehr sie erfährt, desto mehr vermischen sich die Spuren und enthüllen Verrat, Flucht und ein Leben mit falscher Identität.
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Seitenzahl: 328
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Intro
1Lina Chavéz, 2015
2Maria Chavéz, 1990
3Lina Chavéz, 2015
4Ramon Chavéz, 1945–1946
5Maria Chavéz, 1990
6Lina Chavéz, 2015
7Ramon Chavéz, 1947–1948
8Lina Chavéz, 2015
9Ramon Chavéz, 1948
10Lina Chavéz, 2015
11Maria Chavéz, 1990
12Lina Chavéz, 2015
13Ramon Chavéz, 2015
14Sergej Napravnik, 2015
15Epilog
Abspann
Für meine Großmutter und jene, die im Kumerower See versanken, als die Stille ihr letzter Ausweg war.
Lina wollte fliegen, aber die Meister der Täuschung maskierten sich schon. Sie verwandelten sich in Vogelkot und welkes Laub und legten sich gut getarnt auf die Lauer.
Langsam erwachten mit dem Tag der Admiral und das Pfauenauge, der Zitronenfalter aber ließ auf sich warten. Dabei wollten sie ihm auflauern und ihn umzingeln. Sie wollten ihn überwältigen und ihn nötigen, sein Geheimnis zu verraten. Denn durch sein Blut floss ein Frostschutzmittel, das sie besitzen wollten, damit die Kälte ihnen nichts anhaben konnte.
Als sie ihn entdeckten, stürzte eine Fledermaus vom Himmel. Sie schnappte den Zitronenfalter und verschlang ihn mit Panzer und Flügeln. Brüllend schoss sie davon.
Lina fuhr aus dem Schlaf. Ihr Herz pochte, und die blonden Locken fielen ihr ins Gesicht. Es dauerte, bis sie verstand, dass nur ihr Telefon schrillte. Schlaftrunken taumelte sie durch den Flur, da verstummte es.
In der Küche schenkte sie sich ein Glas Wasser ein, als das Läuten erneut in den Schaltkreis der Angst eindrang. Wer rief sie nachts um drei an?
Lina hielt den Hörer weit von ihrem Ohr, als müsste sie sich schützen, doch am anderen Ende blieb es still. Sie wollte gerade auflegen, da flüsterte eine männliche Stimme: »Maria Chavéz ist tot.«
Mit einem Schlag wurde es kalt im Raum. Ein Zitronenfalter empfindet keine Kälte, weil der Körper den Gefrierpunkt seiner Flüssigkeiten herabsetzen kann. Als Mensch aber drohte sie gleich zu erfrieren.
Die Stimme des Mannes zitterte. »Du bist doch Lina Chavéz, Tochter von Maria Chavéz?«
In Linas Ohren begann es zu surren, so laut, dass sie befürchtete, er könnte es hören. Als Schmetterling hätte sie ihre Tarnung aufrechterhalten, egal, was geschah. Ihre Flügel hätten in Farben geleuchtet, die den Feind irritierten. Auch Lina konnte verwirren wie ein Falter, nun aber flog sie auf. Der Anrufer ließ keinen Widerspruch zu: »Natürlich bist du mit ihr verwandt! Und mit Ramon Chavéz!«
Glasflügler sahen Hornissen zum Verwechseln ähnlich und erschreckten ihren Feind. Tagpfauenaugen verunsicherten den Gegner mit ihren falschen Augen. Lina täuschte, wenn jemand nach ihrem Namen fragte. Der Name Chavéz fiel auf und brachte Menschen ins Spiel, mit denen sie nichts zu tun haben wollte. Deshalb schwieg sie jetzt lieber, aber der Mann ließ nicht locker: »Wenn du wüsstest, wo sich Ramon Chavéz versteckt, würdest du ihn dann treffen wollen?«
Sie wagte nicht mal den Kopf zu schütteln aus Furcht, er könnte es sehen.
Ihr Wissen über Ramon Chavéz stammte aus weniger als drei Schulstunden. Das war für sie immer der Beweis gewesen, wie unbedeutend und klein er war. Mozart, Beethoven und Bach nahmen das Zehnfache in Anspruch. Sie waren die Gekrönten des Curriculums.
Linas Musiklehrer hatte erzählt, dass Ramon Chavéz seit Jahrzehnten verschollen war, und bis heute war es niemandem gelungen, ihn aufzuspüren.
Der Mann am anderen Ende der Leitung wurde ungeduldig. Sie aber traute sich nicht mal zu atmen. Obwohl der Flur breit genug war, die Tür zum nächsten Zimmer offen, der Raum dahinter geräumig, fühlte sie sich eingeschlossen, auf nur einen Quadratmeter gedrängt, inmitten einer Kältekammer.
Dabei lief ihr Stoffwechsel auf Hochtouren. Gern hätte sie gezittert, damit die Bewegung ihrer Muskeln Wärme erzeugte und das weitere Abkühlen verhinderte, doch die Kälte brachte alles zum Stocken. Schon deshalb musste sie das Gespräch beenden und möglichst unbeteiligt wirken. Aber sie schaffte es nur mit Mühe.
»Ich kenne weder Maria noch Ramon Chavéz. Es tut mir leid, aber ich kann nichts für Sie tun!«
Während sie auflegte, schien es ihr, als hätte ihr Körper seine Energiereserven verbraucht, denn sie spürte die Kälte nicht mehr. Wie hatte das passieren können? Sie war seit vierundzwanzig Jahren auf der Welt, und nie zuvor hatte jemand darauf beharrt, sie mit den Chavéz in Beziehung zu setzen.
Schnell kroch Lina zurück in ihr Bett, zog die Decke eng an ihren Körper und hoffte, dass die Kälte verging. Unwillkürlich dachte sie an das Konzert zurück. Das war nun elf Jahre her, sie war gerade dreizehn geworden, und ihre Pflegeeltern mein ten, es sei nun an der Zeit, sich mit ihrem Namen abzufinden. Deshalb hatten sie sie zu dem Konzert eingeladen. Aber davon ahnte sie nichts, als diese Cellistin die Bühne betrat und ihre Pflegemutter ihr zuflüsterte: »Das ist Maria Chavéz. Sie ist deine leibliche Mutter.«
Ihre leibliche Mutter? Der Schock saß tief, hatte sie doch längst beschlossen, die Existenz dieser Frau zu verleugnen. Wütend war sie, weil sie nicht Klinger hieß wie ihre Pflegeeltern. An jenem Abend aber wuchs der verhasste Name plötzlich über sie hinaus, erschlug sie beinahe mit der Lieblosigkeit einer Frau, die sie gleich nach der Geburt verstoßen hatte. Lina versank in dem federnden Sessel, bis sie das Gesicht ihrer fremden Mutter nicht mehr sehen musste und ihre Augen nur noch dem Bogen des Cellos folgten, der wie ein Florett hin- und herfegte.
Und sie schwor sich, dieser Frau mit dem hageren Gesicht nicht zu ähneln und ihr dünnes, aschbraunes Haar sofort zu färben, sollte sich im Alter herausstellen, dass sie es geerbt hatte. Nichts durfte Lina je an sie erinnern, keiner sollte die Verbindung ziehen, auch das Talent dieser Musikerin wollte sie keinesfalls besitzen. Seit jenem Tag lehnte Lina jedes Musikinstrument ab. Rhythmus und Klang verursachten ihr Schmerzen.
Entschlossen, die Dinge sofort zu regeln, schlich sie noch am Abend des Konzerts in der Pause in die Garderobe ihrer Mutter – und wurde enttäuscht. Ihre Mutter saß vor einem Spiegel und wirkte verspannt. Die Lippen waren zu dünnen Strichen gepresst, die Stirn in Falten gelegt. Wie alt mochte sie damals gewesen sein? So alt, wie Lina niemals werden wollte, und so verkrampft mochte sie keinen Moment lang sein, das stand für sie fest. Doch für einen kurzen Augenblick tat sie ihr leid, und Lina flüsterte: »Ich bin deine Tochter!«
Maria Chavéz drehte sich um, und ihre Miene verschob sich vor Staunen. Lina zählte innerlich bis drei, gab ihr eine letzte Chance, die Mutter zu werden, die sie in ihre Arme schloss und endlich erklärte, warum sie sie nicht hatte bei sich behalten können. Aber Maria hatte sich da bereits wie in Zeitlupe erhoben und ihre Arme vorgestreckt, halb begrüßend, halb abwehrend, als müsste sie erst überlegen, was man tat, wenn man seiner eigenen Tochter gegenüberstand.
Da schleuderte Lina ihr ins Gesicht: »Geben Sie mich zur Adoption frei!«, machte kehrt und rannte hinaus.
Hatte die Mutter verletzt gewirkt? Oder war Lina ihr wirklich vollkommen egal? Jedenfalls brauchten ihre wahren Eltern sie bald nicht mehr zu pflegen, sondern durften sie lieben wie ein eigenes Kind, das sie nicht hatten, aber vermissten. Denn nun würde diese Mutter sie wenigstens zur Adoption freigeben, und Lina könnte endlich diesen fremden Namen ablegen und Klinger heißen, zu guter Letzt dazugehören, zu dem Reihenhäuschen mit einem Garten, so schmal wie ein Handtuch, und zu Eltern, die einem ganz normalen Bürojob nachgingen.
Als Maria Chavéz nach der Pause erneut auf der Bühne erschien, verriet keine noch so kleine Geste, kein irritierter Blick, dass sie soeben zum ersten Mal ihrer leiblichen Tochter begegnet war. Der Applaus war schwach. Gern hätte Lina diesen Umstand schadenfroh genossen, aber sie fühlte sich nur elend.
Ihre Pflegemutter raunte ihr zu: »Und jetzt kommt eine Sonate von deinem Großvater, Ramon Chavéz.«
Lina ignorierte es, so gut sie konnte, dachte an gelbe Tomaten, die ihr besser schmeckten als die dunkelroten.
Dass sie im Leben dieser Leute mit dem fremden Namen keine Rolle spielen würde, war ihr eigentlich schon klar, seit sie Maria Chavéz ihren ersten Brief geschrieben hatte. Damals war sie acht gewesen, kurz nachdem sie erfahren hatte, nicht im Bauch der Pflegemutter gewachsen zu sein. Sie hatte der leiblichen Mutter von ihrer Katze erzählt, dass sie selbst gern Fußball spielte und die Mutter trotz allem lieb hatte.
Maria Chavéz antwortete nicht.
Mit fünfzehn startete Lina einen letzten Versuch. Sie behauptete, ihr alles verzeihen zu können, wenn sie sich ihr endlich erklären würde, und bat darum, von den Pflegeeltern adoptiert werden zu dürfen. Und sie fragte nach ihrem Vater. In ihrer Geburtsurkunde stand an seiner Stelle nämlich »unbekannt«.
Hatte diese Frau den Mann vergessen, an den sich Lina so gern erinnern wollte? Ihn trug sie immer bei sich, den Erzeuger ohne Namen, als Andenken in einer Streichholzschachtel. Sie passte in jede Tasche, auch damals in dem schlecht besuchten Saal, tief vergraben in der Gesäßtasche ihrer Jeans. Liebevoll hatte sie die Box mit Blumen beklebt und mit Gedanken an ihren Vater gefüllt. Zwar blieben sie nur eine Hand voll Luft, aber in Watte gepackt, damit sich die Gedanken nicht stießen.
Maria Chavéz hüllte sich weiter in Schweigen und blieb ihr die Antwort für immer schuldig.
Nur wenige Tage nach dem nächtlichen Anruf erhielt Lina das Schreiben eines Notars, das sie zur Erbin erklärte. Gern hätte sie die Erbschaft ausgeschlagen und die Mutter für immer begraben, aber die Pflegeeltern rieten ihr davon ab. Sie witterten viel Geld und dachten an Tantiemen, weil Ramon Chavéz auf der ganzen Welt gespielt wurde. Nur ihnen zuliebe nahm Lina an, wollte aber das Erbe genauso schnell wieder loswerden und alles, was den Chavéz gehörte, verramschen.
Dennoch beschloss sie, einen Blick auf das zu werfen, was nun ihr gehörte, gerade lange genug, um vielleicht eine Spur ihres unbekannten Vaters zu finden. Und so fuhr sie eines Tages mit dem Bus zur Stadtgrenze, wanderte ein Stück durch den Grunewald und erreichte den Garten. Sie sah das Haus darin kaum, weil das Wildkraut, meterhoch gewachsen, die Sicht versperrte.
An diesem Ort hatte die Mutter also in den Sechziger-, Siebzigerjahren ihre Kindheit verbracht. Dann musste der Sturm das Grundstück an sich gerissen und die Zweige zu Boden gefegt haben. Doch zwischen eingeknickten Stämmen und gebrochenen Ästen blühte eine Pracht. Selten hatte Lina so viel Lavendel und Verbene auf einmal gesehen, Eisenkraut leuchtete neben Margeriten, und Lina bahnte sich den Weg durch das duftende Meer. Zwar kämpfte sie auch gegen die Brennnesseln, die sich vor ihr aufbäumten und sie garstig erwischten, sodass sie sich schon bald über die gerötete Haut rieb, aber trotzdem war sie froh über die penetranten Pflanzen, weil Schmetterlingsraupen sie mit dem größten Genuss fraßen.
Dieser Garten überlebte nach den goldenen Regeln, obwohl er sich selbst überlassen blieb, und verwandelte das Grundstück in ein Schmetterlingsparadies. Hier würde vom Frühjahr bis zum ersten Frost immer etwas blühen und die Insekten mit Nektar versorgen.
Dann lag es vor ihr, das Haus, von Efeu umschlungen wie ein von Algen bedecktes, versunkenes Schiff. Auch wenn sie nichts davon haben wollte, wuchs ihre Neugier auf diesen Ort. Bestimmt war ihr Vater hier Gast gewesen. Sicher spielte auch er kein Instrument und bekam Kopfschmerzen von klassischer Musik. Und mit Sicherheit war er auf Maria Chavéz hereingefallen, und sie hatte ihn dann eiskalt abserviert.
Seit Jahren käute Lina diese Gedanken wieder und wieder, dabei wollte sie sie doch endlich verdauen. Auch die Schachtel wollte sie nicht länger hüten wie damals mit vier, als sie dem Vater Zauberkraft verliehen und ihn mit ihren Träumen ins Kistchen gesperrt hatte.
Lina kramte den Schlüssel, den sie vom Notar erhalten hatte, aus dem Rucksack und schloss die Tür auf. Nichts deutete darauf hin, dass sich jemand hier aufhielt. Trotzdem rief sie vorsichtig »Hallo?« und hörte, wie ihre Stimme in Schichten von Staub erstickte.
Faserförmige Flocken überzogen die Kommoden wie ein Bergpanorama, und mit jedem Schritt hinterließ Lina Spuren auf dem geflochtenen Teppich, als wanderte sie durch Schnee.
Im ersten Raum war der Rollladen zur Hälfte herabgelassen, Licht schimmerte durch die Lamellen und legte sich in hellen Streifen über ein braun gepolstertes Bett, einen Schrank mit olivgrünem Schleiflack und über Tapeten mit zartem Blumenmuster. Das musste das Schlafzimmer des Großvaters gewesen sein.
Das Zimmer der Mutter hingegen wirkte verstrahlt, mit Wänden in grellem Lila, bunt gestreiften Loungesesseln und einer Stehlampe im Paisleymuster. Ihr Bett war noch bezogen mit Wäsche in rosa und weißen Karos.
Das Haus war ein Museum für Mode der Siebzigerjahre, die ihren Höhepunkt im Bad fand: Von den Kacheln bis zum Duschvorleger war alles in ein kräftiges Curry getaucht.
Eigentlich, so hatte es ihr der Notar erklärt, gehörte das Haus ihrem Großvater. Aber nach vierzig Jahren, die er verschollen war und in denen er kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte, konnte ihn Lina ohne großes Verfahren für tot erklären lassen. Obschon diese Idee von ihren Pflegeeltern stammte, war Lina der Vollzug nicht schwergefallen, weil Ramon Chavéz wahrscheinlich ohnehin längst verstorben war. Und selbst wenn er noch irgendwo atmen sollte, musste er die ewige Ruhe, in die sie ihn schickte, wie einen Gnadenstoß empfinden. Warum sonst hatte er sich der Welt entzogen?
Im Wohnzimmer ließ sich das stramm gezogene Rolloband kaum nach oben hieven. Als es sich endlich bewegte, legten sich die Holzlamellen knarzend aufeinander, bis der Tag schwach hereinschimmerte. Durch die von Fliegenkot und Schmutz blinden Glasscheiben drang wenig Licht.
Lina sah den Garten leicht verschwommen, aber entdeckte sofort einen Kohlweißling, der auf einer Sonnenbraut saß, bemerkte ein Tagpfauenauge, das von einer Goldrute zur Silberkerze flatterte, und einen Trauermantel, der vom Nektar der Fetthenne naschte.
Das behauptete Ableben ihres Großvaters machte sie froh, sein amtlich verordneter Tod beruhigte sie. Zwei Tote waren besser als die eine tote Mutter. Ein lediglich Verschollener konnte sich jederzeit in ihren Tagesplan schleichen und für alles kämpfen, was er seit Jahren nicht mehr verteidigt hatte. Und womöglich erhöbe er Anspruch auf das, was sie jetzt berührte. Denn sie war das entsorgte Kind, das er nicht an seine Sachen lassen wollte. Jetzt musste er sich ihrem Willen fügen.
Mitten im Raum stand ein schwarzer Flügel, und auf seinem Holz stapelten sich Notenblätter. Lina klappte den Klavierdeckel auf und hämmerte über die Tasten. Manche Töne klirrten, andere verloren sich im Hall, die meisten schepperten wie metallene Sprungfedern. Es gab keinen Zweifel, dass der Resonanzboden gerissen war, trotzdem hätte sie ihre Diagnose öffentlich nie zugegeben, handelte es sich doch um unnötiges Wissen, mit dem sich nur die Chavéz befassten, sie hingegen hatte damit nichts zu tun. Lieber strich sie über Bücherreihen und fand zu ihrer Überraschung gleich drei Standardwerke über Schmetterlinge. Der Großvater! Natürlich hätte sie darauf kommen können, dass er Schmetterlinge liebte. Schließlich war er noch besser als sie im Tarnen und Täuschen: Er war bis heute nicht aufgeflogen. Lina zog die Enzyklopädie der Schmetterlinge heraus und entdeckte ein Lesezeichen ausgerechnet zwischen zwei Seiten, die sich dem Trauerspanner widmeten. Das rührte sie, denn es schien ihr spontan, als könnte es für Ramon keine bessere Wahl als diesen Falter geben. Auch er stellte sich tot, wenn Gefahr drohte. Gewiss hatte ihr Großvater sich ihn zum Vorbild genommen, und nach dieser Entdeckung rechnete Lina nun erst recht nicht mehr mit ihm.
Mit einem Male war ihr so feierlich zumute, dass sie im Haus umherstolzierte wie eine Schlossherrin. Schwungvoll zog sie die Leinentücher von den Möbeln, legte Sofa und Sessel frei, strich über mehrere Plattenspieler und viele Schallplatten. In jeder Ecke thronte ein Lautsprecher, selbst in der Küche verbargen sich Boxen in den Einbauschränken, als wollte man alles mit Musik fluten, damit es in keinem Raum still bliebe.
Lina rieb ein Glas an ihrem T-Shirt blank und hielt es unter das matt angelaufene Messing. Aus dem Wasserhahn gurgelte es, und ein paar braune Tropfen platschten heraus. Im nächsten Moment aber versiegte die rostige Quelle, kein Laut drang mehr aus dem Rohr. Nun schien es ihr hier sogar stiller zu sein als in ihrer eigenen Wohnung, die sie gerade allein bewohnte, weil ihre Mitbewohnerin im Ausland weilte.
Seit dem nächtlichen Anruf war es ihr, als hätten die Menschen sich von ihr zurückgezogen. Keiner rief mehr an, niemand besuchte sie, als hätte der unbekannte Mann die Verbindung gekappt. Genauso wenig, wie die Öffentlichkeit wusste, wer Ramon Chavéz für tot erklärt hatte, ja, dass es überhaupt eine leibliche Verwandte und Erbin gab, wusste sie, wem jene nächtliche Stimme gehörte. So blieb sie eine Unbekannte, der die Bewunderer nicht verziehen, weil sie Ramon ins Grab gestoßen und damit ihre letzte Hoffnung begraben hatte, ihn noch einmal zu sehen. Nie hätte Lina gedacht, dass seine Fangemeinde noch immer so groß war und so lautstark um ihn trauern würde.
Im Zimmer ihrer Mutter wühlte Lina in den Schränken und entdeckte, in einer Ecke verborgen, lauter kleine Schreibhefte, gefüllt mit Erlebnissen und Eindrücken aus ihrem Leben. Ein unverhoffter Schatz, der sie sofort gefangen nahm. Bestimmt war darin ein Hinweis auf ihren Vater zu finden, sein Name, vielleicht sogar mehr. Eigentlich wollte sie den ersten Eintrag nur überfliegen, dann aber las sie sich fest.
Liebes Tagebuch,
heute war ich mit meinen Eltern im Kino. Ich wollte »Dynamit mit Seide« sehen. Papa kaufte mir Popcorn. Ich wollte Cola trinken, aber Mama erlaubte es nicht.
Der Film war toll. Meine Eltern sahen nicht hin. Sie haben sichnur gestritten.
Jerry Cotton jagte hinter den Ganoven her. Er konnte sie nicht fangen. Es gab so viele Fallen. Keine hat er gesehen. Er fiel dauernd herein.
Ich hatte Angst um ihn. Deshalb hielt ich mir oft die Augen zu. Und einmal habe ich mich so erschrocken, dass ich mein Popcorn umgeworfen habe. Mama und Papa hätten geschimpft. Sie haben nichts gesehen.
Am Ende wurde alles gut. Jerry Cotton konnte sich befreien. Die böse Frau hatte nichts zu lachen. Sie wurde festgenommen. Ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass ich in die Hände geklatscht habe. Ich habe sogar laut gelacht.
Aber da waren meine Eltern nicht mehr da. Ihre Plätze waren leer.
Ich bin aufgestanden und aus dem Kino gerannt. Mama und Papa schrien sich vor dem Marmorhaus an. Mama schlug Papa ins Gesicht.
Dann sahen sie mich. Papa rief mir zu: »Wir gehen sofort nach Hause.«
Sie liefen los und waren so schnell, dass ich kaum hinterherkam.
Da war die Gedächtniskirche. Es ging den Ku’damm entlang. Mama und Papa schauten sich nicht um.
Dabei konnte ich sie nicht einholen. Immer stand jemand im Weg.
Am Kranzler-Eck bin ich mit zwei Kindern zusammengestoßen. Sie haben Eis gegessen. Das Eis schmolz bereits. Es kleckerte überallhin. Ihre Eltern schimpften mit ihnen. Ihre Mutter spuckte auf ein Taschentuch und wischte die Gesichter der Kinder ab. Das war eklig. Fast hätte ich gespuckt.
Ein Auto hielt an, und ein Mann sprang heraus. Er lief auf Mama zu und hat sie geküsst. Mitten auf den Mund. Da ist sie einfach in sein Auto gestiegen, und er ist mit ihr weggefahren.
Papa hat meine Hand fest umklammert. Das tat weh, aber ich habe nichts gesagt und er auch nicht.
Wir sind den ganzen Weg zu Fuß nach Hause gegangen. Papa hat die ganze Zeit geschwiegen.
Als wir ankamen, war Mama schon da. Sie hat Cello geübt. Wenn sie spielt, darf sie keiner stören.
Heute war ein doofer Tag.
Deine Maria
Kurz blätterte Lina auch durch die anderen Hefte. Das letzte endete im August 1990 mit einem Eintrag aus Magallanes in Chile. Sie würde sich viel Zeit nehmen, um in den eng beschriebenen Seiten nach ihrem Vater zu suchen. Vorerst aber verstaute sie die Hefte in ihrem Rucksack, kippte das Fenster zum Garten und lauschte dem Rascheln der Blätter, das sich mit dem Gezwitscher der Vögel mischte und über die Stille des Hauses legte. In der Ferne rauschte der Verkehr.
In all den Jahren war dieses Haus vor der Öffentlichkeit verborgen geblieben, denn Ramon schirmte sich ab. Er hielt sein Waldhaus geheim, und es blieb auch nur sein Wochenendhaus. Unter der Woche lebte er mit seiner Tochter in einer Stadtwohnung, in der Maria auch nach seinem Verschwinden noch lange blieb. Erst als sie Geld brauchte, verkaufte sie das Apartment und bezog eine Mietwohnung. Warum sie das Haus im Wald ignoriert und lieber zur Miete gewohnt hatte, konnte der Notar nicht erklären. Vielleicht war sie ihren Erinnerungen aus dem Weg gegangen oder hatte es im Wald zu einsam gefunden. Nun war es Linas Pflicht, die Mietwohnung der Mutter zu kündigen und auszuräumen. Noch aber spielte sie auf Zeit, weil sie eine Horde Journalisten vermutete, die den Ort belagerte und nur darauf lauerte, sie zu überführen. Auch sie selbst brauchte noch Zeit. Denn in den Alltag einer Fremden einzudringen, konnte Spuren hinterlassen, wie der schwersüßliche Geruch des Todes, der sich in der Nase festsetzte und nicht mehr wich.
Lina stieg eine winkelstufige Betontreppe nach oben. Die Tür zum Dachboden stand offen und gab den Blick auf einen Saal frei, sicher gut hundert Quadratmeter groß. Die Fläche war wie leergefegt, und Lina schritt über knarrende Dielen bis zur Fensterluke. Von hier oben betrachtet schimmerte der Garten wie ein Mosaik aus bunten Farben, und sie entdeckte einen Zitronenfalter, der auf dem Dachgiebel ruhte. Wie viel farbenprächtiger musste die Welt für diesen Falter sein? Und noch während sie darüber nachdachte, wie riesig sein Farbspektrum war, weil er über Hunderte lichtempfindliche Sinneszellen verfügte, unterbrach ein Summen ihre Gedanken, und auf dem Display ihres Handys leuchtete eine Nummer mit französischer Vorwahl. Lina zögerte nur kurz, dann nahm sie das Gespräch an. Sie erkannte den nächtlichen Anrufer sofort.
»Lina, bist du es?«
Lina antwortete nicht. Sie wartete darauf, dass die Temperatur sank. Als nichts dergleichen geschah, fragte sie streng: »Okay, wer sind Sie? Und was wollen Sie schon wieder von mir?«
»Komm sofort nach Paris. Du musst deine Sachen abholen.«
Schmetterlinge verteidigen sich, indem sie geschickt ausweichen und davonfliegen. Auch Linas erster Impuls war, Haken zu schlagen, um dem Leben der Chavéz zu entkommen. Sie war flink, wäre durchaus in der Lage, spurlos zu verschwinden, damit der Mann sie nie wieder fände. Aber ihr Abwehrsystem war gestört, seitdem er sie zum ersten Mal angerufen hatte. Sie musste sich nun anders wehren. Also sagte sie: »Sie verwechseln mich. Ich bin nicht die, die Sie suchen. Rufen Sie mich nie wieder an!«
Der Mann lachte trocken. »Bist du dir wirklich sicher? Du wurdest am 6. Mai 1991 in Berlin geboren, als Tochter von Maria und Enkelin von Ramon Chavéz. Interessiert dich deine Familie denn gar nicht?«
Spätestens jetzt hätte der Polarstrom durch ihre Blutbahnen stürmen müssen, denn wenn sie aufflog, wurde ihr immer kalt. Aber sie fröstelte nicht mal.
»Sind Sie mein Vater?«, fragte sie.
Er antwortete ausweichend: »Dir bleibt nur noch wenig Zeit, um mich zu treffen.«
Bestimmt hörte er sie atmen, aufgeregt und schwer. Erst nach einer halben Ewigkeit fuhr er fort: »Halt dich an die Besuchszeiten! Bis 22 Uhr kannst du kommen.«
Er nannte ihr die Adresse einer psychiatrischen Klinik in der Nähe von Paris, dann legte er auf.
Lina konnte es nicht fassen. Wie war es ihr vierundzwanzig Jahre lang gelungen, kaum aufzufallen, und plötzlich war sie anscheinend für jedermann jederzeit aufspürbar? Dabei hatte sie sich doch einem Nachtfalter gleich ihrer Umgebung angepasst, war, wie durch das Muster im Flügel, mit jedem Ort verschmolzen. Sie ging im Hintergrund auf, kleidete sich sogar in dessen Farben. Und wenn es ihrer Sicherheit diente, ahmte sie auch den Stil mancher Menschen nach. Jetzt aber stand sie wie bloßgestellt da.
In einer halben Stunde begann ihre Insekten-Vorlesung. Sollte sie die geliebte Stunde schwänzen und zum Bahnhof fahren, um in den nächsten Zug nach Paris zu steigen?
Ziellos wanderte sie durch das Haus. Nicht im Traum hätte sie daran gedacht, dass ihr Vater ein Franzose sein könnte, in Paris lebte und seine Enttäuschung so groß war, dass Maria erst sterben musste, bevor er sich seiner Tochter stellte. Und war es nicht auch die Pflicht eines Vaters, seine Tochter über den Tod ihrer Mutter zu informieren?
Nachdem sie die Haustür dreimal verschlossen hatte und sich den Weg zurück zur Pforte bahnte, sah sie einen Mann in ihrem Garten stehen, der offenbar den Flug eines Admirals verfolgte. Sein Kopf bewegte sich mit den Schneisen des Falters, bis der Admiral auf einem Sumpfstorchschnabel landete. Der Mann mochte um die fünfzig sein, in seinem Haar glitzerten bereits graue Strähnen. Lina beschloss, dass keine Gefahr von ihm ausging, immerhin schien er sich für Schmetterlinge und verwilderte Areale zu interessieren. Schon als Kind hatte Lina davon geträumt, für Insektenliebhaber aller Altersklassen einen Schmetterlingspark zu errichten, und hier bot sich das ja geradezu an. Sollte sie den Mann darauf hinweisen, dass er in einem privaten Garten stand, oder unbemerkt davonschleichen?
Lina entschied sich für Letzteres, doch als sie sich auf der Straße noch einmal umdrehte, sah der Mann sie direkt an. Nun winkte er ihr auch noch zu, und sie hörte ihn rufen: »Wie kommen Sie an diesen schönen Garten?«
Dann ging er auf sie zu. Als hätte sie feindliche Pheromone gerochen, verlor er seine Harmlosigkeit sofort. Auch männliche Nachtfalter rochen das Pheromon ihres Feindes mit ihren Antennen, noch bevor sie ihn sahen. Wie sehr hatte Lina sie immer um ihre Geruchswelten beneidet.
Der Mann kam näher, und tatsächlich nahm sie plötzlich ein harziges Aroma wahr. Es schreckte sie ab. Sie flüchtete über die Straße, den Waldrand hinunter, zur Bushaltestelle. Wenn der Bus pünktlich käme, würde sie in einer halben Stunde die U-Bahn erreichen, fünfundvierzig Minuten später den Hauptbahnhof – und gegen zwölf könnte sie schon in einem Zug nach Paris sitzen.
Damit war ihre Entscheidung gefällt: In acht Stunden würde sie Paris erreichen und noch heute erfahren, wer dieses Spiel mit ihr trieb.
Kurz darauf kam auch schon der Bus, und Lina stieg ein. Der Mann war jetzt nur noch wenige Meter entfernt und ruderte mit den Armen, aber der Fahrer bemerkte ihn nicht. Er schloss die Türen und fuhr an. Da winkte der Mann ihr noch einmal zu und rief etwas, das sie nicht verstand, einen Namen vielleicht. Kre-well, so klang es, aber das sagte ihr nichts. Dann verschwand er aus ihrem Blickfeld, und Lina atmete auf.
Dieses Heft hat Eselsohren. In die erste Zeile schrieb ich vor dreizehn Jahren. Da hatte mein Vater mich gerade verlassen, und ich hörte auf, weitere Seiten zu füllen. Damals war ich siebzehn und sehr verliebt. Das Einzige, was mich interessierte, war, wann mich Robert Crewell endlich auch lieben würde.
Crewell galt in unserer Schule als hochbegabt. Er übersah mich, dabei konnte ich alle Suiten von Bach spielen. Aber mit meinem Cello wusste er nichts anzufangen.
Jetzt bin ich dreißig, schlage das Heft wieder auf und schreibe einfach weiter. Ich liebte Crewell schon, als der Kunstlehrer uns eine Aufgabe stellte. Wir sollten ein Bild über das Glück malen. Ich zeichnete eine Familie mit Hund, Crewell gab, statt des Gemäldes, einen Spiegel ab. »Glück ist, sich ein Leben lang ungetrübt in die Augen zu schauen«, war sein Kommentar dazu.
In diesem Moment begann ich auf ihn zu warten.
Aber es sollten noch weitere vier Jahre vergehen, bis er mich wahrnahm. Ich spielte Britten auf einem Schulfest.
Er behauptete: »Klassische Musik ist ein Irrtum.«
Und obwohl ich dadurch erkannte, dass sein genialer Ruf nur ein Bluff war, konnte ich ihn trotzdem nicht vergessen. Ich versuchte es und konzentrierte mich nur noch auf mein Cello. Denn ich mochte, wenn es unter meiner Hand vibrierte. Nichts lebte leidenschaftlicher als sein nussbraunes Holz.
Als er sich nicht mehr von mir beachtet fühlte, kam er täglich zu mir und hörte mir beim Üben zu. Dann blieb er bis zum Abendessen und unterhielt sich mit meinem Vater über ferne Länder. Ein Paar wurden wir aber erst, als mein Vater verschwand.
Damals hockte ich auf einem Baum und beobachtete, wie Crewell durch das Kornfeld streifte. Eigentlich konnte er mich gar nicht sehen, dennoch fragte er in meine Richtung: »Hast du jemals von William Blake gehört? Oder von Meister Eckhart?«
Dann trat er näher. Mir war, als wechselte die Erde in Sekunden ihre Gestalt, ihre Farben und Töne. Und sein Lächeln hatte nie so hell geleuchtet.
»Ich werde niemals das Meer sehen«, sagte er bedauernd.
Ich kannte den Text. Er gehörte ihm nicht. Deshalb antwortete ich mit einer weiteren Liedzeile: »Suchst du die Fuchsbauten, die noch nicht bewohnt sind?«
Und er kletterte zu mir hinauf und küsste mich.
Später stiegen wir auf den Dachboden, den ich seit siebzehn Jahren nicht hatte betreten dürfen. Mein Vater war am Morgen gegangen, und ich ahnte, dass er nicht mehr zurückkommen würde. So gab es keinen, der uns davon abhielt.
Der Dachboden umfasste 100 Quadratmeter, ein Drittel voller Kisten, der Rest war leer und staubig.
»Was öffnen wir zuerst?« Crewell bahnte sich den Weg an Kartons und Boxen vorbei, bis er die letzte Reihe erreichte und eine Truhe anhob. »Wie wäre es damit?«
Ich folgte ihm langsam, blieb immer wieder stehen und pustete den Staub von den Kisten. Seine Truhe aber glänzte, als hätte jemand sie erst vor Kurzem poliert. Ich hob ihren Deckel und zog Zeichnungen und Fotos meiner Mutter heraus. Ich hatte sie nie zuvor gesehen.
Crewell entdeckte ihre Handtasche. Sie lag auf dem Grund und war verschlossen. Er hielt sie dicht an sein Ohr und schüttelte sie.
»Das klingt nach mehr als nur einem Schlüsselbund, einem Lippenstift und einem Portemonnaie!«
Am liebsten wollte er sie sofort öffnen, aber ich erlaubte es ihm nicht. Lieber sah ich ihre Zeichnungen durch. Auf der ersten irrte ein Mann durch ein Labyrinth mit aufgespießten Herzen. Als ich das Blatt wendete, erkannte ich ihre Handschrift und den Titel: ›Schuberts Winterreise, das ausweglose Wandern eines Umhergetriebenen, seiner verlorenen Liebe nachtrauernd.‹
Zu jedem Musikstück hatte sie ein Bild angefertigt, und obwohl ihre Zeichnungen kitschig waren, gaben sie mir einen Halt. Denn mein Vater hatte ihre Spuren verwischt und sie, wie sich an jenem Tag auf dem Dachboden zeigte, in Kisten verbannt. Mit jedem Titel jedoch kamen Erinnerungen zurück.
Crewell kannte kein einziges Stück. Trotzdem spielte er zunächst mit und zog eine Zeichnung nach der anderen aus dem Stapel. Mit einem Sturmgemälde beendete er unser Spiel. »Das ist langweilig und bringt uns kein Stück weiter!«
Aber ich war anderer Meinung. Mich machte die plötzliche Nähe zu meiner Mutter glücklich, und ich nahm ihm die Zeichnung ab. Sie zeigte zwei synchron tanzende Hände auf einem Friedhof, und über den Grabsteinen wirbelten Blätter auf. Wieder durchschaute ich ihre Darstellung sofort: »Das ist der Trauermarsch von Chopin. Im Finale schwatzen die Hände unisono, und über den Gräbern saust der Wind.«
Am liebsten hätte ich den ganzen Abend weitergespielt und mit meiner Mutter um die Wette geraten, denn irgendwie fühlte ich mich von ihr geborgen.
Aber Crewell nahm mir die Zeichnung aus der Hand. »Es gibt Spannenderes als das!« Erneut hielt er ihre Handtasche empor. Also erlaubte ich ihm endlich, die Tasche aufzubrechen.
Neben Lippenstiften, einer Cremedose und ihrem Reisepass fanden wir die Schlüssel meines Vaters. Und wir fanden diesen Brief. Er war an Ramon Chavéz gerichtet, der Absender hieß Karl Krause, er wohnte in einem Dorf in der Mecklenburgischen Schweiz, ddr. Ich hatte diesen Namen noch nie zuvor gehört und mich erstaunte, dass meinen Vater das Schreiben kurz vor seinem Verschwinden erreicht hatte. Was machten seine Schlüssel und dieser Brief in ihrer Tasche?
Ich wollte das Geheimnis lüften, sobald ich alleine war, und stopfte den Brief in meine Jeans. Dort vergaß ich ihn für eine Weile, denn Crewell umarmte mich so heftig, dass er sich noch am Abend in mir verlor. Drei Jahre später warf er mir vor, sich in mir verirrt zu haben.
Heute wohne ich mitten in der Stadt. Und jeden Montag komme ich wieder, für den Fall, dass mein Vater zurückgekehrt ist. Dann leere ich seinen Briefkasten und hoffe auf ein Zeichen von ihm. Seit dreizehn Jahren vermute ich, dass er noch lebt und sich nur vor der Welt versteckt.
Und während ich zum ersten Mal seit Langem wieder in dieses Heft schreibe, pikse ich mit einem Stift in die letzten Seiten und schlage Löcher in das weiße Papier. Sie sehen aus wieEinschusslöcher.
Schon bald umschlingt meine Faust den Stift, als wollte sie ihn würgen. Und ich steche zu. Ich malträtiere das Heft mit meinem Zorn, denn mein Vater quält mich mit seinem Schweigen.
Mit siebzehn glaubte ich, sein Verschwinden brächte mir die Unabhängigkeit. Aber damit lag ich falsch. Denn seine Macht besteht fort. Sie beherrscht mich und wacht über das, was ich denke, was ich fühle.
Damals wehrte ich mich dagegen und behauptete vor meinen Freunden: »Mein Vater ist tot.« Weil ich Gewissheit brauchte. Mit seinem Tod würde ich irgendwann leben können, mit seinem Verschwinden aber kam ich nicht klar.
Das ist der Grund, weshalb ich das Haus am Wald meide. Ich bin nur noch selten dort und wenn, dann schleiche ich durch stille Räume. Bei meinem Vater war es niemals still gewesen. Ständig spielte die Musik, denn mein Vater zog sich die Töne wie Heroin durch die Venen.
Als Kind konnte ich wegen der Musik oft nicht schlafen. Nun war er weg, und ich vermisste die Rhythmen im Haus.
Inzwischen bin ich dreißig und betrachte mein Cello als sein Abbild. Ich nehme seinen Hals und drücke zu. Ich nehme seinen Körper und schüttle ihn, greife hinein, boxe in seine Innereien und zerkratze seine hölzerne Haut. Am Ende verpasse ich ihm einen kräftigen Tritt.
Doch am heutigen Tag, als ich wieder mal nach seiner Post sah, veränderte sich alles: Nach dreizehn langen Jahren lag plötzlich ein Brief im Kasten. Ich öffnete ihn, zog ein Foto aus dem Umschlag und erkannte meinen Vater sofort. Er stand gegen einen Felsen gelehnt, war grau geworden, aber noch immer trug er seine karierte Schiebermütze. Auf einem Zettel stand eine Adresse in Chile, und der Brief war in Druckschrift verfasst:
Sehr geehrte Maria Chavéz,
ich bin nach Magallanes gereist, um in die raueste Region der Welt vorzudringen. Das von Stürmen gepeitschte Land steht niemals still. Es ist immer in Aufruhr, prasselnd, fegend und rauschend.
Ihren Vater entdeckte ich bei einem Spaziergang und zückte meine Kamera. Ich schoss dieses Bild, von ihm unbemerkt.
Als ich ihn ansprach, bestritt er, Ramon Chavéz zu sein, aber wirkte ertappt. Deshalb ließ ich ihn in dem Glauben, mich geirrt zu haben.
Daraufhin schöpfte er Vertrauen und sagte, er sei schon vor Jahrzehnten ausgewandert. Magallanes sei das Land seiner Hoffnung gewesen, denn hier sei es immer laut. Nun aber habe er seinen Trugschluss erkannt. Selbst der ohrenbetäubendste Ort reiche nicht aus, um ihn zu heilen. Er habe nicht mehr lange zu leben und müsse dringend seine Tochter sprechen. So hielt ich es für richtig, Sie zu informieren. Auf dem Zettel steht die Adresse, wo Sie ihn finden.
Hochachtungsvoll, ein Freund Ihrer Familie.
Wie lang hatte ich auf ein Zeichen gewartet – nun war es da.
Doch bevor ich nach Chile aufbrach, wollte ich Crewell einweihen, denn er war der einzige Mensch, dem ich noch vertraute. Obwohl er keine Beziehung mehr wollte, rief er mich immer wieder an und verabredete sich mit mir, meist nur für eine Nacht und dann, wenn er Liebeskummer hatte.
Wenn ich ihn nun lockte, das Geheimnis aufzudecken, brachte es mich ins Spiel. Es wurde unser Spiel, da er sich meinen Vater nicht würde entgehen lassen.
Crewell arbeitet heute für eine große Zeitung. Er ist ein ehrgeiziger Mann geworden. Die Aussicht auf Ruhm konnte mich attraktiv für ihn machen.
Also rief ich seine Kollegin an. Sie verriet mir, dass er auf Usedom weilte, im Urlaub, allein.
Ich traf ihn auf der Strandpromenade. Er war erstaunt, mich zu sehen, aber schickte mich nicht fort. Stattdessen tat er entrüstet: »Maria, wann hörst du endlich auf, mir nachzurennen!«, und fügte augenzwinkernd hinzu: »Na gut, nur für die eine Nacht!«
Fahre ich in den Urlaub, bevorzuge ich das Gebirge. Ich hasse das Meer. Der salzige Geruch, durchmischt von Fisch und Algen, ekelt mich an. Dabei sind die Nächte im August lauwarm und wären perfekt für eine Liebesnacht im Freien, wenn ich die See nicht so verabscheute.
Ich legte mich neben ihn in den Sand und sah ihn an. Warmes Licht machte sein Gesicht ganz weich und die dunkelblonden Locken umschmeichelten seine Züge. Ich musste mich beherrschen, ihn nicht unentwegt anzustarren. Gleichzeitig rebellierte meine Magensäure.
Vielleicht war es meiner Übelkeit geschuldet, dass ich mich plötzlich schwanger fühlte. Ich stellte mir vor, wie unsere Kinder sein würden. Erbten sie seine Züge, wären sie ebenfalls schön. Ich sagte: »Es gibt einiges, was du wissen solltest. Es betrifft meinen Vater.«
Und ich verriet ihm, dass ich einem Geheimnis auf die Schliche gekommen war, das ich nur ihm anvertrauen würde, und erwähnte zunächst nur meine Mutter.
Tatsächlich wollte er mehr von mir wissen. Ich holte ganz weit aus: »Mein Vater hat das Cello immer geliebt, auch schon, als er sie zum ersten Mal traf. Da waren beide gerade zwan zig geworden. Tag für Tag stahl er sich in den Titania-Palast, um ihren Proben zu lauschen! Aber sie wollte erst lange nichts von ihm wissen.«
Crewell lachte auf. Er berührte mich zum ersten Mal seit meiner Ankunft und stupste mich immer wieder an, wie um mich zu necken. Dabei sagte er: »Das ist wohl ein Muster in deiner Familie: zu nerven, bis der andere endlich nachgibt.«
Er hatte recht. Ich konnte nichts dagegen tun. Crewell zog mich an, als umgäbe ihn ein magnetisches Feld, das mich vor Sonnenwinden und kosmischer Strahlung schützte. Es gab mich einfach nicht frei. Doch warum kam auch er immer wieder zu mir zurück? Brauchte er mich doch?
Ich fragte ihn nicht, sondern war einfach froh, dass er noch immer neben mir saß, auch wenn er ungeduldig wurde und mit einer kreisenden Geste signalisierte, ich solle mich auf das Wesentliche beschränken. Doch obgleich er sich beschwerte, witterte er eine gute Geschichte, die er sich nicht entgehen lassen wollte. Also holte ich erst recht weit aus.
»Mein Vater war, bevor er berühmt wurde, arm, nachlässig gekleidet und spindeldürr. Als er meine Mutter und andere Ensemblemitglieder in ein Lokal verfolgte, wurde er Zeuge eines Streits. Der Dirigent ereiferte sich über die Jupiter-Sinfonie, und er pfiff Motive daraus, übertönte jeden, der sich gegen ihn stellte. Aber mein Vater war ein wandelndes Musiklexikon. Er hatte jeden Ton vor Augen. Und damals in dem Lokal mischte er sich ein. Dabei fiel er auf, ein ungepflegter Mann, der es wagte, zu widersprechen. Doch mein Vater bemerkte nicht, wenn ihn jemand ablehnte. Er ruhte in der Musik, sie war sein goldenes Schloss. Und sie schirmte ihn ab. Deshalb stand er auf und hielt eine Rede: ›Mein Herr, Sie irren sich! Mit dem vierten Satz bestei gen Sie den Olymp der Kunst! Die Krönung findet gleich fünffach statt. Fünf musikalische Gedanken lassen sich gleichzeitig feiern und haben neben klassischen Gästen auch barocke Besucher geladen. Was für ein rauschendes Fest vereint die Fuge mit der Sonate und lässt alle Themen gleichzeitig erklingen. Wie ein Wetterleuchten blendet das Licht in einem strahlenden C-Dur-Glanz und verleiht Macht, Würde und erfindet sich immer wieder neu.‹
Der Dirigent machte sich über ihn lustig: ›Auf den unbekannten Musikkritiker!‹
Mein Vater blieb ungerührt: ›Ich bin Komponist.‹
Seine eigenen Versionen, wann er mit der Tonsetzerei begonnen hatte, gingen weit auseinander. Mal behauptete er, nach einem zersplitterten Arm, noch während er im Krankenhaus lag, dann wieder, seine Anfänge lägen im späten Jugendalter. Im Lokal witterte er seine Chance. Er zog ein weißes Blatt Papier aus seiner Tasche und füllte es mit den ersten Takten seines Streichquartetts. ›Sehen Sie hier, die Geigen …‹ Und er sang ihren Part. ›Vielleicht erscheint es Ihnen zunächst wie das Motiv des Sterbens aus Schuberts Tod und das Mädchen.‹ Dann hämmerte er den Rhythmus. ›Der ergreifendste Augenblick und gleichzeitig auch die eigentliche Schlüsselstelle des Liedes ist für mich, wenn das Mädchen fleht: Und rühr mich nicht an
