Familie mit Herz 152 - Jill Steinberg - E-Book

Familie mit Herz 152 E-Book

Jill Steinberg

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Mit verbissener Miene sitzt Timo vor dem Fernseher und schaut sich zum fünften Mal in dieser Woche das Video von Alexander Zverevs erstem Olympiasieg an. Der Junge tut das nicht zum Spaß, sondern es gehört zu seiner Ausbildung. Timo soll nämlich einmal ganz oben auf der Weltrangliste stehen. So hat es sein Vater noch kurz vor dessen Tod beschlossen, und niemand - nicht einmal Timos Mutter - wagt es, an diesem letzten Willen zu rütteln.
So wird das Leben des Kindes außerhalb der Schule ausschließlich von Tennis bestimmt. Es gibt keine Freizeit, kein Spielen, keine Freunde - bloß einen ernsten, einsamen Jungen neben seinem erwachsenen Trainer auf dem Court. Tag für Tag allein ...


Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 90

Veröffentlichungsjahr: 2023

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Tennis statt Kindheit

Vorschau

Impressum

Tennis statt Kindheit

Timo soll den Traum seines verstorbenen Vaters leben

Von Jill Steinberg

Mit verbissener Miene sitzt Timo vor dem Fernseher und schaut sich zum fünften Mal in dieser Woche das Video von Alexander Zverevs erstem Olympiasieg an. Der Junge tut das nicht zum Spaß, sondern es gehört zu seiner Ausbildung. Timo soll nämlich einmal ganz oben auf der Weltrangliste stehen. So hat es sein Vater noch kurz vor dessen Tod beschlossen, und niemand – nicht einmal Timos Mutter – wagt es, an diesem letzten Willen zu rütteln.

So wird das Leben des Kindes außerhalb der Schule ausschließlich von Tennis bestimmt. Es gibt keine Freizeit, kein Spielen, keine Freunde – bloß einen ernsten, einsamen Jungen neben seinem erwachsenen Trainer auf dem Court. Tagein, tagaus. Und dann muss Timo auch noch in die USA ziehen, um im Trainingscamp auf seine Profikarriere vorbereitet zu werden ...

Timo Klinger lehnte im Ledersessel seines Vaters und drückte die Fernbedienung.

Nebenan lärmten seine beiden Zwillingsschwestern Ariane und Viviane, genannt Ari und Vivi.

Timo war dreizehn Jahre alt, seine Schwestern waren kürzlich acht geworden. Sie gingen in die dritte Grundschulklasse und hatten für morgen einen Aufsatz auf mit dem klassischen Thema »Ein Ferienerlebnis«.

Timo beugte sich vor und konzentrierte sich auf das Video: Alexander Zverev beim ersten Olympiasieg.

Er hatte ihn schon ein Dutzend Mal gesehen, zuerst locker und entspannt, dann mit zunehmendem Interesse an den Einzelheiten, und heute ging es ihm speziell um die Slices. Darin war Zverev einmalig.

Timo konnte es beurteilen, denn seit drei Jahren gewann er die sogenannten Tennis-Jüngsten-Turniere mit schöner Regelmäßigkeit, und ab Oktober würde er in Florida mit Maxim Dessauer trainieren, dem Super-As, das ihn eigens ausgewählt und bei der Sportagentur Hillister unter Vertrag gebracht hatte.

Die Tür flog auf. Timo schrak zusammen. Seine Schwestern stürmten herein und schrien ihren Protest hinaus in den Flur.

»Er sitzt hier vor dem Video, Mami! Und wir müssen Aufsätze schreiben!«, rief Ari.

»Das ist nicht fair!«, schrillte Vivi, »Immer kriegt er eine Extra-Wurst!«

»Haut ab«, knirschte Timo, »ich muss mich konzentrieren!«

Die Stimmen verklangen. Die Tür wurde geschlossen.

Endlich herrschte wieder Ruhe in dem großen Zimmer mit den Ledersesseln, den Pokalen auf dem Sims und der großen gerahmten Fotografie von Freddy Klinger an der Wand, dem Tennis-Champion der kleinen niederrheinischen Gemeinde Velenberg.

Freddy Klinger war über die Kreisgrenzen nie hinausgekommen, denn er besaß das Autohaus Klinger & Fell und konnte sich weder dem notwendigen Training genügend widmen, noch hatte er die Zeit gehabt, auswärtige Turniere wahrzunehmen.

Timo, das hatte sich Freddy Klinger geschworen, sollte es besser haben. Nichts sollte ihn ablenken, nichts sollte ihm fehlen.

Timo besaß ein größeres Talent als sein Vater, das zudem früher erkannt und gefördert worden war.

Nichts, so hatte Freddy noch auf dem Sterbebett verfügt, sollte seinen Sohn aufhalten, auf dem Weg nach oben. Unter den besten Fünf der Welt würde sein Platz, und Tennis würde sein Leben sein.

Freddy Klinger im karierten Jackett, strahlend und siegessicher, blickte mit lachenden braunen Augen aus dem schmalen goldenen Rahmen in eine ungewisse Ferne.

Nur vierzig Jahre war er alt gewesen, als sich sein Wagen auf der Probefahrt überschlug, Feuer fing und ihn tödlich verletzte.

Zwei Jahre waren seitdem vergangen. Damals war Timo elf gewesen und die Mädchen erst sechs, aber Freddys Sinnen und Trachten, sein letzter Gedanke und seine letzten Worte vor dem Tod hatten Timo gegolten. Der Junge sollte Tennisprofi werden. Keine Mittel durften gescheut werden, keine Opfer, keine Schwierigkeiten.

Das war Freddy Klingers Vermächtnis.

Timo sah ihm täuschend ähnlich, auch wenn seine Schultern immer noch schmal waren und seinen haselnussbraunen Augen das siegessichere Strahlen fehlte.

Timo war kritischer, als sein Vater es jemals gewesen war, und der Sieg von heute war für ihn keine Garantie für den Sieg von morgen. Man musste an sich arbeiten, man durfte sich nicht gehen lassen.

Und noch etwas wusste Timo bereits mit dreizehn Jahren: Man durfte sich nicht verzetteln, weder an Hobbys noch an Freundschaften noch an die Schule.

Die Leitung der Realschule, die er besuchte, hatte ihm hart zugesetzt, wollte ihm nicht erlauben, dem Unterricht fernzubleiben, um an wichtigen Turnieren teilzunehmen, und schon deshalb war es gut, dass er nach Florida ging.

Obwohl er natürlich seine Familie schwer vermissen würde. Mami besonders, aber auch die Zwillinge, die sein einziger Kontakt waren, zu einer Kinderwelt, die er hinter sich gelassen hatte, ohne sie jemals wirklich erlebt zu haben.

Die Zwillinge sangen im Schulchor, gingen in die Flötenstunde, flatterten alle Augenblicke zu irgendwelchen Kindergeburtstagsfesten und liebten Flohmärkte.

Timo hatte sie nie beneidet. Er spielte Tennis, nichts sonst.

Früher war er mit Papi zu den Plätzen gefahren und zu den Hallen, hatte neben ihm in den teuersten Rängen gesessen, seinen großen Vorbildern zugeschaut und dabei gefachsimpelt.

Mit Papi hatte Timo seinen besten Freund verloren, seinen ständigen Begleiter, seinen zuverlässigsten Berater. Keiner in der Familie vermisste Papi so wie er, dessen war er ganz sicher.

Der neue Trainer, Maxim Dessauer, gefiel ihm ganz gut. Nicht, dass er ihm seinen Vater jemals ersetzen konnte. Aber er würde fast immer bei ihm sein, und natürlich verstand er etwas von Tennis. Das war ja wohl klar.

♥♥♥

»Hört endlich auf, mich zu nerven«, herrschte Judy gereizt und goss Orangenschorle aus der Glaskaraffe in drei Gläser. »Timo sieht sich dieses Video nicht zum Spaß an!«

»Ja, ja, ja«, seufzte Ari gelangweilt, »es gehört zu seiner Ausbildung!«

»Wissen wir doch«, fügte ihre Schwester Vivi missmutig hinzu.

»Na, also. Und warum macht ihr dann so einen Aufstand?«

»Weil er alles darf, was er will«, murmelte Ari.

»Weil er keine Hausaufgaben machen muss!«, rief Vivi.

Judy trank einen Schluck und umfing ihre beiden Töchter mit einem langen Blick. Sie waren nur mittelgroß und zierlich, hellblond, hellhäutig und blauäugig, so wie sie selbst.

»Es lohnt sich nicht mehr für ihn«, entgegnete sie so ruhig wie möglich. »Er geht doch nächsten Monat nach Florida, und in die Schule kehrt er nie mehr zurück. Versteht ihr das denn nicht?«

Doch, sie verstanden es, aber sie akzeptierten es nicht.

»Timo ist so abgehoben«, murmelte Vivi anklagend.

Judy zuckte die Schultern unter dem blassblauen Sommerkleid und dachte bei sich: Das stimmt. Aber ich kann es nicht ändern.

Laut sagte sie: »Statt euch immerzu benachteiligt zu fühlen, hättet ihr ihm ja nacheifern können! Für Tennis war in diesem Haus immer genug Geld und Verständnis vorhanden!«

Sie wusste nicht, dass sie bitter klang.

Aber sie sah es an den bestürzten Gesichtern ihrer Töchter, die zwar regelmäßig quengelten, einen offenen Affront jedoch stets vermieden.

Streit um Kleinigkeiten gab es täglich, aber nie hätten die Kinder irgendetwas ernstlich infrage gestellt, nichts jedenfalls, was Papi angeordnet hatte.

Freddy war und blieb die Autorität in seiner Familie, auch über seinen Tod hinaus. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil er tot war und nichts mehr korrigieren konnte.

Seine letzten Worte waren unabänderlich. Sie hatten mehr Gewicht als alles andere, was er in seinem vorherigen Leben von sich gegeben hatte.

»Ich hab Tennis probiert«, verteidigte sich Ari, »aber Papi hat gesagt, aus mir wird nichts.«

»Ich wollte es gar nicht spielen«, versetzte Vivi trotzig, »und oft tut mir Timo richtig leid. Immer auf dem Platz herumhetzen, immer trainieren. Nö, da geh ich lieber zur Schule und mache meine Aufgaben!«

»Siehst du?«, entgegnete Judy aufatmend. »Das finde ich auch. Jeder sollte irgendetwas tun. Hauptsache, er macht es, so gut er kann. Wie ist das mit den Aufsätzen? Habt ihr sie fertig?«

Ihre Töchter nickten zögernd.

»Noch nicht ganz«, seufzte Ari.

»Ich brauche nur noch einen Schlusssatz«, erklärte Vivi.

»Na, dann holt eure Sachen hierher, lest mir vor, was ihr bis jetzt geschrieben habt, und wir überlegen gemeinsam, was noch fehlt.«

Die Kinder schoben knarrend ihre Stühle über den Fliesenboden der Veranda, flitzten hinein und kamen mit ihren Schultaschen wieder.

Sie waren lebhaft, selbstbewusst und sehr aufgeweckt. Schulprobleme gab es nur insofern gelegentlich, als sie zum Schwätzen und Stören neigten. Aber ihre Leistungen lagen meist über dem Durchschnitt.

♥♥♥

»Wenigstens in diesem Punkt brauche ich mir keine Sorgen zu machen«, sagte Judy etwas später zu Julian Lowitz, einem jungen Naturwissenschaftler, der sich auf seine Promotion vorbereitete.

Die Mädchen waren davongeschwirrt. Ihre Aufsätze ruhten fertig und wohlverwahrt in ihren Schulmappen.

»Machen Sie sich denn welche um Timo?«, fragte Julian, der Timos außerschulische Betreuung seit zwei Jahren übernommen hatte und jetzt nur gekommen war, um sich zu verabschieden.

»Natürlich! Niemand weiß das so gut wie Sie«, erwiderte Judy unwillig.

Julian Lowitz hob den Kopf. Er hatte kurzes, sandfarbenes Haar, graublaue Augen und zwei Grübchen, wenn er lachte.

»Ihr Sohn ist mindestens um eine Klasse zurück, Frau Klinger«, sagte er in seiner beherrschten, korrekten Sprechweise. »Ich habe Sie darüber nie im Unklaren gelassen. Aber ich hatte bisher nicht den Eindruck, dass Sie sich darüber Sorgen machen.«

»Weil ich immer gehofft habe, er würde diesen Rückstand aufholen!«, erwiderte Judy heftig. »Aber jetzt, wo er die Schule verlässt und nach Florida geht, sehe ich diese Hoffnung schwinden.«

Minutenlang blieb es still auf der Veranda.

»Wenn er die erwartete Karriere macht, wird er Leute bezahlen können, die für ihn rechnen ...«, begann Julian Lowitz, aber weiter kam er nicht.

»Die für ihn denken! Das wollten Sie doch sagen, oder?«, unterbrach ihn Judy aufgebracht.

Julian Lowitz schüttelte langsam den Kopf.

»Das wollte ich nicht sagen, Frau Klinger. Denken kann man lernen, ohne schulische Unterweisung. Was ich vielmehr anzweifeln möchte, ist seine Stabilität. Timo ist ein Kind. Glauben Sie, dass er dem harten Leben in einem Trainingscamp fern von daheim gewachsen sein wird?«

»J-ja, und ob«, stammelte Judy, »das glaube ich! Es ist eine Chance für ihn, Herr Lowitz. Diese Tennis-Akademie nimmt durchaus nicht jeden. Timo weiß das. Wir waren doch Ostern zusammen dort und haben uns das Umfeld angesehen, die Unterkünfte – alles vom Feinsten! Und er ist ja auch nicht etwa der einzige Junior dort. Zwei Japaner in seinem Alter trainieren mit, ein Kanadier ...«

»Und wie wird sich Timo verständigen, Frau Klinger? Sein Englisch ist über die Basis nie hinausgekommen. In den letzten zwei Jahren hat Ihr Sohn schulisch so viel versäumt, dass er schon lange aufgegeben hat, es nachzuholen.«

»Sprachkurse nimmt er täglich«, entgegnete Judy rasch. »Das ist mit Herrn Dessauer so vereinbart worden. In einer Umgebung, wo nur Englisch gesprochen wird, sollte es einem Kind außerdem nicht schwerfallen, sich die Sprache anzueignen. Besonders, wenn es tägliche Übungsstunden nimmt.«

»Mag sein«, gab Julian Lowitz zu, »aber Sie sollten einen lebendigen Kontakt zu Timo unterhalten, jedenfalls während der ersten Wochen. Bringen Sie ihn denn hin?«