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Es gibt Familiengeheimnisse, deren Geheimhaltung schwierig ist. Einmal gelüftet, können sie das Leben der Betroffenen völlig durcheinanderbringen. Ob zerbrochenes Vertrauen wieder aufgebaut werden kann, muss sich erst noch zeigen. Mia ist im Glauben aufgewachsen, ausser ihrer Mutter keine Verwandten zu haben. Von ihrem Vater weiss sie nichts. Dann erfährt sie, dass ihr frühes Leben ein anderes war. Weshalb hat ihre Mutter gelogen? Diese Enthüllung verletzt Mia zutiefst. Ihre Gefühle schwanken zwischen Wut, Verzweiflung und der Hoffnung auf ein zufriedenes Leben. Eine Erbschaft liefert erste Hinweise zu ihrer Herkunft und wirft neue Fragen auf. Zweifel entstehen, aber auch Zuversicht. Darf sie sich selber und den Menschen, die sie kennenlernt, vertrauen?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Esther Gerber
Familiengewitter
Herrmann Druck, Langnau i. E.
herrmann-druck.ch | emmentalshop.ch
Printed in Switzerland
ISBN: 978-3-907229-57-6
© 2025
Von der gleichen Autorin erschienen:
Nachtschwarz und Himmelblau, 2023
BoD-Verlag Norderstedt
ISBN 978-3-757805-82-1
Esther Gerber
Familiengewitter
Roman
Über die Autorin
Esther Gerber ist im Emmental geboren, wo sie heute noch lebt. Lange tätig als Pflegefachfrau, studierte sie später Soziale Arbeit in Bern. Vor ihrer Pensionierung arbeitete sie viele Jahre als Sozialarbeiterin bei der Pro Senectute Kanton Bern auf einer freiwilligen Beratungsstelle für Altersfragen.
Die unterschiedlichsten Strategien der Menschen im Umgang mit herausfordernden Lebensereignissen beeindrucken sie immer wieder. Sie ist überzeugt, dass hinter der Akzeptanz eines Schicksals oft ein tiefverwurzeltes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie Freundschaft und Liebe zu nahen Mitmenschen stehen.
Mehr über die Autorin unter
www.esthergerber.ch
Über das Buch
Es gibt Familiengeheimnisse, deren Geheimhaltung schwierig ist. Einmal gelüftet, können sie das Leben der Betroffenen völlig durcheinanderbringen. Ob zerbrochenes Vertrauen wieder aufgebaut werden kann, muss sich erst noch zeigen.
Mia ist im Glauben aufgewachsen, ausser ihrer Mutter keine Verwandten zu haben. Von ihrem Vater weiss sie nichts.
Dann erfährt sie, dass ihr frühes Leben ein anderes war.
Weshalb hat ihre Mutter gelogen?
Diese Enthüllung verletzt Mia zutiefst.
Ihre Gefühle schwanken zwischen Wut, Verzweiflung und der Hoffnung auf ein zufriedenes Leben.
Eine Erbschaft liefert erste Hinweise zu ihrer Herkunft und wirft neue Fragen auf. Zweifel entstehen, aber auch Zuversicht.
Darf sie sich selber und den Menschen, die sie kennenlernt, vertrauen?
Kapitel 1
Mia döste am Strand eines Hotels am Capo Carbonara auf Sardinien. Sie hörte das Rauschen der Wellen und das Lachen der Kinder, die Wasser durch ihren selbstgebauten Sandtunnel laufen liessen. Langsam überkam sie das wohlige Gefühl, in den Schlaf zu gleiten.
«Mia, wach auf!»
Im ersten Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand, doch dann wurde sie unsanft am Fuss gestossen und setzte sich ruckartig auf. «Was ist los? Kannst du mich nicht einfach dösen lassen?», fauchte sie ihre Freundin an, die vor ihr im Sand stand.
«Ja, ein gemütliches Nickerchen hätte mir ebenfalls gut getan. Aber dein Handy lag auf der Kommode und hat ständig geklingelt. Irgendwann hat mich das so genervt, dass ich aufgestanden bin. Hier! Scheint wichtig zu sein», sagte Nadja und reichte Mia das Handy.
«Klaus! Der hat noch nie angerufen. Ob Mam was passiert ist?»
Mia war nicht gerade begeistert von Klaus, dem jetzigen Lebensgefährten ihrer Mutter. In ihren Ohren klang er oft ein wenig belehrend, was sie nicht mochte.
In diesem Moment kam eine Nachricht: «Mia, bitte ruf mich zurück! Mich, nicht deine Mutter. Sofort, wenn’s geht!»
«Oh Gott, das klingt ja schlimm», murmelte Mia und wählte die Nummer. «Klaus, was ist mit Mam?», rief sie Sekunden später viel zu laut ins Telefon und erntete einen genervten Blick ihres Liegestuhlnachbarn.
«Hei Mia. Keine Panik. Anna geht’s gut. Gesundheitlich zumindest. Aber sie hat etwas Eigenartiges getan. Kam mir jedenfalls sonderbar vor.»
«Klaus, bitte! Mach’s nicht so spannend. Was ist denn los?»
«Anna hat deinen Briefkasten geleert. Nur ... Sie hat dir nicht die gesamte Post in die Wohnung gelegt. Auf ihrem Schreibtisch lag nämlich ein eingeschriebener Brief, auf dem dein Name stand.»
«Kann schon sein. Dafür hat sie eine Vollmacht.»
«Ich verstehe. Ich meine nicht, dass sie den Brief abgeholt hat. Auch dass sie ihn nicht gleich zu dir gebracht hat, ist in Ordnung. Du kommst ja erst nächste Woche wieder. Aber ich fand es schon komisch, dass sie ihn geöffnet liegengelassen hat und dann ...»
«Was? Nein! Sie hätte mich vorher gefragt, ob sie ihn öffnen sollte.»
«Genau. Hat sie aber offensichtlich nicht. Ihr Verhalten hat mich irritiert und ...»
«Du hast den Brief ebenfalls gelesen», stellte Mia in anklagendem Ton fest.
«Mia, bitte nicht! Wenigstens kannst du deinen Urlaub unbeschwert geniessen, denn Anna ist bei mir in guten Händen. Das scheint dir nicht genug bewusst zu sein. Aber zurück zum Brief. Zuerst fiel mir der Absender, eine Detektei, auf. Auf den Vornamen der Adressatin habe ich nicht geachtet. Schliesslich heisst ihr beide Baumann. Ja, ich gebe zu, ich habe ihn überflogen. Zum Glück, denn heute wurde er, in tausend Schnipsel zerrissen, der Müllabfuhr übergeben. Eigenartig, oder? Da habe ich mir gedacht, vielleicht willst du wissen, was drin stand?»
Mia hätte am liebsten verneint. Sie war entsetzt, dass ihre Mutter so mit ihrer Vollmacht umging. Und Klaus ging das alles nichts an. Hatte er mit Mam darüber gesprochen ...? «Sag es mir», presste sie heraus.
«Nicht viel. Du sollst dich so schnell wie möglich bei Markus Jaun im gleichnamigen Detektivbüro melden. Neuengasse in Bern. Anna hat nicht gemerkt, dass ich den Brief gelesen habe. Das ist besser so.»
Besser für wen?, wollte Mia gerade fragen, doch bevor sie weitersprechen konnte, brach die Verbindung ab. Verwirrt starrte sie auf ihr Handy. Seltsam! Warum tat Mam so etwas? Bestimmt wollte sie den Brief vor ihr verstecken, sonst hätte sie ihn nicht weggeworfen.
Mit wenigen Worten wiederholte Mia für Nadja, was sie gehört hatte. «Tut mir leid, das ergibt für mich keinen Sinn», fasste sie zusammen. «Ich gehe joggen. In Ordnung?»
Ohne Nadjas Antwort abzuwarten, stand sie auf, ging ins Hotelzimmer, zog sich um und lief los. Aus Erfahrung wusste sie, dass Bewegung ihr oft half, innere Unruhe zu besänftigen.
Kapitel 2
Ein zu schneller Lauf endete mit Seitenstechen und zwang Mia zum Anhalten. Sie krümmte sich, rang nach Luft und setzte sich in den Sand. Das Kinn in die Hände gestützt, beobachtete sie eine Weile die Wellen. Der heftige Wind der letzten Tage hatte sich endlich gelegt. Leise plätschernd brandete das Wasser an den Strand und zog sich wieder zurück. Ein ewiges Hin und Her. Normalerweise beruhigte sie dieser Anblick, doch heute blieb die Wirkung aus. Zu aufgewühlt waren ihre Gedanken.
Was bedeutete das eben Gehörte? Warum erhielt sie ein Einschreiben von einer Detektei? Und welche Rolle spielte ihre Mutter dabei? Wovor hatte sie Angst und versuchte es zu verbergen? Denn ohne triftigen Grund hätte sie den Brief nicht verschwinden lassen, daran zweifelte Mia nicht. Am besten rief sie Mam sofort an. Aber würde sie so die Wahrheit erfahren? Eher nicht!
Und Klaus? Warum hatte er ihre Mutter nicht darauf angesprochen, wenn ihm das alles so seltsam vorkam? Der Brief habe zuerst offen auf Mams Schreibtisch gelegen, hatte er erklärt. Natürlich hätte er ihr gestehen müssen, dass er ihn gelesen hatte. In Mias Augen hatte er mit seinem Tun Mams Vertrauen missbraucht. Eigenartig, dass er annahm, sie würde ihre Mutter nicht fragen, und diese würde sein Schnüffeln somit nicht mitkriegen. Aber das war deren Problem. Das sollten sie selbst regeln. In einem hatte Klaus allerdings recht, seine Fürsorge für Mam entlastete Mia.
Der Vertrauensbruch war es, der Mia erneut zutiefst beschäftigte. Dieses Thema tauchte immer wieder in neuen Facetten und völlig unerwartet auf. Wie vorhin. Wie war es möglich, das Vertrauen seiner Partnerin so zu missbrauchen und gleichzeitig davon auszugehen, dass andere einen nicht hintergehen würden? Für Mia war das unbegreiflich. Zugegeben, sie konnte sogar Klaus’ Bedürfnis verstehen, den Brief zu lesen. Aber dann hätte Schluss sein müssen, wenn er nicht bereit war, seiner Partnerin den Fehltritt zu gestehen. Das stand für Mia ausser Frage. Offene Kommunikation, gegenseitiger Respekt und Vertrauen gehörten für sie zu den Grundpfeilern einer Beziehung. Daran wollte sie festhalten. Sollte sie sich wieder auf einen Mann einlassen, würde sie noch mehr darauf achten, dass auch er diese Werte hochhielt.
Klaus war vor einem Jahr bei Mam eingezogen. Mia konnte nicht verstehen, was ihre Mutter an ihm fand. Sein Verhalten wirkte auf sie zu aufgesetzt. Dadurch wusste sie oft nicht, ob das, was er sagte, seine wirkliche Meinung war. Auf jeden Fall war er nicht ihr Typ. Trotzdem war sie froh, dass es zwischen den beiden zu funktionieren schien. Es erleichterte sie, das stimmte. Ob die Beziehung von Dauer war, würde sich zeigen. Mia hatte ihre Zweifel.
Natürlich hatte sie sich als Kind immer nach den Bedürfnissen und Launen ihrer Mutter richten müssen; oder nach denen ihrer häufig wechselnden Lebensgefährten. Heute würde Mia es kaum schaffen, all deren Namen zu nennen. Aber seit sie erwachsen war, spielte Mams Verschleiss an Männern für sie keine Rolle mehr. Zumindest nach aussen hin nicht. Frau Niklaus, Mams Psychiaterin, hatte ihr einmal erklärt, dass es das Glück, das ihre Mutter immer wieder zu finden hoffte, vielleicht nie geben würde. Das war traurig, aber wohl wahr.
Allen Partnern war es mit der Zeit zu anstrengend geworden, Anna durch die dunklen Abschnitte ihres Lebens zu begleiten. Es lief immer nach dem gleichen Muster ab: Mam lernte in einer ihrer manischen Phasen einen neuen Mann kennen und war Feuer und Flamme. Die Männer verliebten sich in eine Frau, die einen unerschöpflichen Vorrat an Energie zu haben schien und sie in ihren Bann zog. Manchmal dauerten diese Phasen mehrere Monate. Mam sprühte dann vor Lebensfreude und hatte immer neue Ideen, die sie sofort umzusetzen versuchte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Umgebung nicht über die gleichen Energiereserven verfügte. Menschen, die hinter einem solchen Tatendrang keine Krankheit vermuteten, riss Mam einfach mit. Bevor alles kippte, war sie so aufgeputscht, dass sie nicht mehr schlief und ihre Gedanken zunehmend wirr wurden, bis sie zusammenbrach und in ein tiefes Loch der Depression stürzte.
Mam hatte immer wieder Männer gehabt, die während eines solchen Hochs bei ihnen eingezogen waren. Manche hatten Anna zu Beginn der depressiven Phase umsorgt, in der Hoffnung, mit ihr erneut eine hohe Welle zu reiten, um davon zu zehren. Als diese Welle wieder verebbte, waren die Verehrer so schnell verschwunden, wie sie gekommen waren. Manche entschuldigten sich dann bei Mia, als plagte sie ein schlechtes Gewissen, sie wieder allein den Launen ihrer Mutter zu überlassen. Nie hätten sie verstanden, warum Mia die manischen Phasen mehr fürchtete als die depressiven. Solche Dinge konnte sie nur mit Frau Niklaus besprechen. Denn obwohl Mam in tiefster Depression meist nur stundenweise das Bett verliess und oft mehrere Wochen oder gar Monate in der Klinik verbrachte, waren das für Mia die einfacheren Zeiten. Einfacher, weil berechenbarer. Dann durfte sie bei Nadjas Familie wohnen. Bei Thommens war sie immer willkommen. Christine Thommen war viele Jahre lang ihre gesetzliche Beiständin gewesen, mit dem rechtlichen Auftrag, Mam bei der Erziehung zu unterstützen. Christine und ihr Mann Adrian gehörten für Mia zu den wichtigsten Bezugspersonen ihrer Kindheit und Jugend. Sie würden immer einen besonderen Platz in ihrem Herzen behalten.
Inzwischen hatte Mia ihre Laufschuhe ausgezogen und die Füsse im Sand vergraben. Sie musste sich ihren Gedanken stellen. Denn wenn sie ehrlich zu sich war, wusste sie, dass sie die Sehnsucht nach einer erfüllenden Partnerschaft genauso kannte wie ihre Mutter. Nur die Wirkung war bei ihr eine andere. Sobald sie spürte, dass sich ein Mann für sie interessierte, zog sie sich zurück. So war es auch bei Michael gewesen. Doch je rarer sie sich gemacht hatte, desto mehr hatte er sich um sie bemüht. Schliesslich waren sie ein Paar geworden und später sogar zusammengezogen.
Anfangs hatte Mia die Freundschaft genossen und sich Michael gegenüber immer mehr geöffnet. Sie vertraute ihm. Das Zusammenleben war harmonisch und beide hatten nicht den Anspruch, alles miteinander zu teilen. Doch eines Tages erfuhr sie von einer Kollegin, dass Michael die Krankengeschichte ihrer Mutter als Anekdote in seinem Bekanntenkreis verbreitete. Er brüstete sich damit, die arme Mia vor ihrer verrückten Mutter zu beschützen. Sie selbst sei ein Mauerblümchen. Anna habe in guten Phasen tausendmal mehr Energie als ihre Tochter, was er total cool finde.
Mia hatte Michael zur Rede gestellt. Erst stritt er alles ab, dann gab er es mit fadenscheinigen Ausreden zu. Sie hatte sich sofort von ihm getrennt. Inzwischen waren zwei Jahre vergangen. Auf Michaels erneute Kontaktversuche hatte sie nicht mehr reagiert. Die Wut über den Vertrauensbruch hatte den Trennungsschmerz betäubt. Wie hatte sie sich in ihm so täuschen können?
Seit diesem Erlebnis war sie noch vorsichtiger geworden, auf wen sie sich einliess – oder ob sie überhaupt einem Mann die Chance geben wollte, sich ihr zu nähern. Sicher, sie war erst dreiunddreissig und hoffte, eines Tages wieder lieben und vertrauen zu können. Sie wusste, dass das nicht einfach so passieren würde, wenn sie nicht an sich arbeitete. Aber seither hatte sie niemanden getroffen, mit dem sie sich eine engere Beziehung vorstellen konnte. Ausserdem kam sie mit ihrem Singledasein gut zurecht. Das Alleinsein war für sie kein Problem, sie war daran gewöhnt. Sie liebte ihre kleine Dachwohnung in der Berner Altstadt, direkt an der Aare, und ihre Arbeit als Lektorin, Übersetzerin und Texterin erfüllte sie. Daneben ging sie aus, traf sich mit Freunden und genoss das Leben.
Kapitel 3
Das Abendessen verbrachten die beiden Freundinnen schweigend. Mia schüttelte immer wieder nachdenklich den Kopf. Nadja drängte sie nicht, zu reden.
Später sassen sie in Jacken an der Strandbar bei einem Glas Wein. Mia nahm weder die Kühle der Nacht noch das Geplauder und Gelächter der anderen Hotelgäste wahr.
«Was hast du vor?», fragte Nadja schliesslich.
«Wenn ich das nur wüsste! Sag du es mir!» Endlich sah Mia auf.
«Ruf dort an, dann erfährst du es.»
«Das ist die eine Sache, klar. Aber was ist mit Mam? Ich hätte sie sofort anrufen sollen, aber ich habe es aufgeschoben. Ich habe ihr vertraut. Natürlich habe ich das! Der Brief scheint ihr Angst gemacht zu haben. So sehr, dass sie verhindern wollte, dass ich ihn lese. Wenigstens hat sie meine Vollmacht nicht missbraucht, um bei der Detektei nachzufragen. Oder meinst du, sie hat ...?»
«Mach dich jetzt nicht verrückt! Ruf morgen in diesem Büro an.»
«Ja. Du hast recht. Ich werde mich dort melden. Aber es macht mich trotzdem konfus. Ich weiss nicht, was Mam mir da verheimlicht.»
Am Donnerstag rief Mia mit klopfendem Herzen in der Detektei an. Die Mitarbeiterin teilte ihr mit, dass ihre Mutter mit der Vollmacht gekommen sei, um zu erfahren, worum es gehe. Das Geschäft sei aber nicht übertragbar, deshalb habe man ihr keine Informationen gegeben. Mia erhielt einen Termin für den kommenden Mittwoch und kam leider zur bitteren Erkenntnis, dass Mam vor nichts zurückgeschreckt war.
Nach dem Anruf setzte sich Mia am Strand neben Nadja auf den zweiten Liegestuhl.
«Und, hast du erfahren, worum es geht?»
«Leider nicht, nein. Aber Mam war in der Detektei und ist abgeblitzt. Ich verstehe sie nicht. Warum macht sie so etwas? Das ergibt für mich keinen Sinn! Sie muss doch damit rechnen, dass es herauskommt. Die hätten mich bestimmt erneut angeschrieben. Klar, ich hätte nicht gewusst, dass es der zweite Brief ist, aber gleichwohl ...»
«Stimmt. Die hätten sich nochmals gemeldet. Trotzdem bleibt die Frage, was Anna dir verheimlicht.»
«Genau. Das ist der Punkt, der mich so beschäftigt. Wie soll ich ihr begegnen? Normalerweise besuche ich sie, wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme. Diesmal ist das undenkbar.»
«Du könntest zu einer Notlüge greifen und eine dringende Vertretung im Büro vortäuschen.»
«Ach, ich hasse es, dass sie mich zu so etwas zwingt. Aber ja, ich glaube, du hast recht.»
Kapitel 4
Die letzten Tage vor der Heimreise verliefen wider Erwarten angenehm. Mia bemühte sich, ihrer Freundin die Ferien nicht zu verderben, auf die sich beide aus unterschiedlichen Gründen gefreut hatten. Nadja nannte sie Polterferien, weil sie die nächsten Ferien in den Flitterwochen mit Tom verbringen würde, den sie im Herbst heiraten wollte. Und Mia hatte sich vorgenommen, einen endgültigen Schlussstrich unter das Kapitel Michael zu ziehen und das Zusammensein mit Nadja zu geniessen. Nadja hatte vorgegeben, mehr von der Insel sehen zu wollen, aber Mia war klar, dass sie sie vor allem ablenken wollte.
Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit, sich beim Fahren abzuwechseln, fuhr Mia immer selbst. Sie konzentrierte sich auf den Verkehr und ersparte sich so für eine Weile das Grübeln. Zwar war zu dieser Jahreszeit auf den teilweise schmalen Strassen sicher weniger los als in der Hochsaison. Doch wer unterwegs war, fuhr meist wie ein Verrückter. Mia hatte keinen Zweifel mehr daran, warum man den Südländern nachsagte, sie bräuchten nur zwei Fahrstunden, um den Führerschein zu erhalten: In der ersten Stunde lernten sie Gas geben, in der zweiten zu bremsen und zu hupen.
Die kurvenreichen Strassen im Süden der Insel, entlang der Costa Rei und hinauf in die kleinen Bergdörfer, hatten es jedenfalls in sich. Mehr als einmal musste Mia in einer Kurve die Bremse voll durchdrücken, um einen Zusammenstoss mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zu vermeiden.
Die Wanderungen bei mildem Frühlingswetter waren wunderschön. Zwar schien die Sonne von einem azurblauen Himmel, aber mit vierundzwanzig Grad war es nicht zu warm, um die teils felsigen Hänge zu erklimmen. Wie im Reiseführer versprochen, zeigte sich die Insel in ihrer sogenannten gelben Phase. Die Mittagsblumen an den Stränden sahen aus wie kleine Sonnen, der Ginster und die Goldakazien blühten, viele Büsche hatten leuchtend gelbe Blüten und die Hänge waren überall gelb gesprenkelt. Dazu verströmte die für den Mittelmeerraum typische mediterrane Macchia ihren betörenden Duft.
Mia liess sich von Nadjas Begeisterung anstecken. Ihre persönlichen Probleme traten bei diesen Ausflügen in den Hintergrund, denn darüber gab es im Moment nichts zu reden. Bevor die Freundinnen am späten Nachmittag von ihren Wanderungen und Erkundungstouren ins Hotel zurückkehrten, machten sie immer einen Badestopp in einer der Strandbuchten zwischen Villasimius und Cagliari, die von grossen Findlingen malerisch eingerahmt werden. Die weissen Sandstrände und die vielen Blau- und Grüntöne des klaren Wassers wirkten fast karibisch und entzückten Mia immer wieder aufs Neue. Zwar lud das Tyrrhenische Meer mit knapp zwanzig Grad Celsius nicht zum ausgiebigen Baden ein, doch ein kurzer Sprung ins Wasser erfrischte umso mehr.
Kapitel 5
Am Dienstagabend kehrte Mia in ihre Wohnung im Berner Mattequartier zurück. Mam hatte ihr Blumen und eine Willkommenskarte hingelegt. Das tat sie immer, wenn ihre Tochter eine Weile weg war; eine Geste, über die sich Mia normalerweise freute. Doch diesmal löste sie Widerwillen in ihr aus. Sollte sie beides in den Müll werfen? Was wollte Mam damit erreichen? Ihr Gewissen beruhigen? Nichts war in Ordnung! Mia fühlte sich nicht in der Lage, sie anzurufen. Deshalb schrieb sie nur eine Nachricht: «Liebe Mam, ich bin wieder zu Hause. Danke für die Blumen. Ich werde für den Rest der Woche eine Kollegin im Büro vertreten. Melde mich bald, Gruss, Mia.»
Glücklicherweise antwortete ihre Mutter nicht.
Am nächsten Morgen kurz vor zehn Uhr sass Mia im Wartezimmer der Detektei und knetete nervös ihre Finger. Sie hielt es kaum aus, still zu sitzen, stand wieder auf und ging zum Fenster. Sie sah den Menschen zu, wie sie durch ihren Alltag eilten. Ob sie sich selber auch so verhielt? Niemand schien auf die Umgebung zu achten.
«Frau Baumann? Herr Jaun erwartet Sie. Bitte folgen Sie mir», bat die Sekretärin, oder war sie eine Detektivin?
Mia betrat einen hohen, hellen Raum, in dessen Mitte ein riesiger Schreibtisch stand. Herr Jaun, ein älterer Mann mit schütterem Haar, erhob sich, begrüsste sie mit festem Händedruck und bat sie, Platz zu nehmen, bevor er sich wieder setzte. Glücklicherweise verzichtete er auf lästigen Smalltalk und kam sofort zur Sache.
«Frau Baumann, aus Gründen, die ich Ihnen gleich erläutere, haben wir das heutige Thema in unserem Brief an Sie nicht erwähnt. Ich gehe davon aus, dass der Umstand, von einer Detektei Post zu erhalten, für Sie nicht alltäglich ist, und Sie vielleicht irritiert hat?» Herr Jaun betonte den Satz wie eine Frage, doch Mia hatte weder vor, darauf zu antworten, noch zu erwähnen, dass der Brief sie nie erreicht hatte. Deshalb zuckte sie nur leicht mit den Schultern und hob die Augenbrauen.
Der Detektiv sah sie fragend an, fuhr dann aber mit seinen Ausführungen fort. «Frau Klara Kuster hat mich beauftragt, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie diesen Namen heute zum ersten Mal hören. Ist diese Annahme korrekt?»
Mia bestätigte es mit einem Nicken und einem leisen Ja.
«Klara Kuster war ihre Grosstante.»
«Was? Nein! Das muss ein Irrtum sein! Ich habe keine Verwandten ausser meiner Mutter. Möglicherweise gibt es eine zweite Mia Baumann in Bern? Ich bin sicher, Sie haben die Falsche angeschrieben. So etwas kann passieren. Allerdings haben Sie mir einen fürchterlichen Schrecken eingejagt. Aber damit ist die Sache für mich erledigt, da bin ich froh.» Mia stand auf und griff nach ihrer Tasche.
«Bitte warten Sie! Mit dieser Reaktion habe ich gerechnet. Ich versichere Ihnen, Sie sind die richtige Mia Baumann. Leider kann ich Ihnen das Folgende nicht schonend erklären. Möchten Sie vorher eine Pause? Ich lasse Ihnen gern etwas zu Trinken bringen.»
«Nein danke!» Mia klang in ihren eigenen Ohren barsch.
«Gut. Dann bitte ich Sie, sich wieder zu setzen.» Herr Jaun wartete einen Moment und fuhr schliesslich fort: «Klara Kuster war die Schwester Ihrer Grossmutter, Silvia Baumann, die vor gut einem Jahr verstorben ist. Ihre Mutter, Frau Anna Baumann, wurde damals darüber informiert.»
«Was? Das ... Das ist unmöglich, das wüsste ich doch!» Mia wurde von einer Welle der Übelkeit überrollt und hielt sich für einen Moment die Hand vor den Mund. Die Erkenntnis, dass die Version ihrer Lebensgeschichte, wie sie ihre Mutter immer erzählt hatte, womöglich eine Lüge war, erfasste sie eiskalt. Dennoch setzte sie sich kerzengerade auf die Stuhlkante und stotterte: «Ha ...? Haben Sie mich ...?»
«Sie meinen, ob ich Sie gesucht habe? Ja, das war mein erster Auftrag. Sie müssen wissen, dass ich Frau Kuster seit vielen Jahren kenne. Leider war sie die letzten Monate sehr krank und hat mich beauftragt, Sie sofort nach ihrem Tod zu einem Gespräch einzuladen. Ich habe vorletzte Woche vernommen, dass Frau Kuster gestorben ist. Ich soll Sie darauf vorbereiten, dass Ihre Grosstante Sie als Alleinerbin eingesetzt hat. Es war ihr wichtig, dass Sie dies erfahren, bevor das Testament offiziell vom Notar eröffnet wird. Frau Kuster hat mir einen Brief für Sie übergeben, in dem Sie sicher weitere Erklärungen finden werden.»
«Ich soll eine Frau beerben, von deren Existenz ich bisher nichts wusste? Und warum ich und nicht meine Mutter, wenn es doch ihre Tante war? Entschuldigen Sie, aber ich will mir das alles nicht anhören», stiess Mia hervor und machte erneut Anstalten aufzustehen.
«Bitte warten Sie, Frau Baumann! Ich bin leider nicht fertig», versuchte Herr Jaun sie zu beruhigen. Am liebsten hätte Mia sich wie ein Kind die Ohren zugehalten, aber Herr Jaun fuhr unbeirrt fort: «Nach dem Gesetz erhalten Ehepartner und Nachkommen eines Verstorbenen einen Mindestanteil am Erbe, den Pflichtteil. Dieser ist geschützt, das heisst, es besteht ein Rechtsanspruch darauf. Andere Personen wie Geschwister, Nichten und Neffen sind nicht pflichtteilsgeschützt. Klara Kuster war verwitwet und kinderlos und ihre Schwester Silvia ist vor ihr verstorben. Die nächste gesetzliche Erbin ist somit Ihre Mutter, Anna Baumann. Wäre kein Testament vorhanden, würde sie ihre Tante beerben. Als Nichte ist sie aber eben nicht pflichtteilsgeschützt. Das bedeutet, dass Frau Kuster die Möglichkeit hatte, Anna zu übergehen und Ihnen alles zu vererben.»
«Was soll ich mit dem Nachlass einer alten Frau anfangen, die ich nicht einmal kannte? Muss ich etwa noch Steuern für dieses ungewollte Erbe bezahlen?», fragte Mia unwirsch, verzog ärgerlich den Mund und schüttelte den Kopf. «Und heisst das, dass meine Mutter als gesetzliche Erbin, wie Sie es nennen, das Testament ebenfalls erhält, nur um zu erfahren, dass sie leer ausgeht?»
«Ja, genau so ist es. Anna Baumann sowie gegebenenfalls weitere im Testament genannte Personen werden vom Notar angeschrieben.»
Mia zog scharf die Luft ein und hielt sich an den Stuhllehnen fest. Alles in ihr weigerte sich, das eben Gehörte zu akzeptieren. Demnach hatte Mam sie belogen, seit sie sich erinnern konnte. Hatte sie gezwungen, mit ihr eine Lebenslüge zu leben. Und warum tat diese Klara nun so etwas Schreckliches, ihre Grossnichte als Erbin einzusetzen? Wusste sie nicht, dass Mam krank war und was eine solche Nachricht in ihr auslösen konnte? Oder sollte sie, Mia, als ungewolltes Kind eines psychisch kranken Mädchens, wie es Mam bei ihrer Geburt gewesen war, mit diesem Erbe gar bestraft werden? Aber wofür? Dafür, dass sie Mams Geschichten nie angezweifelt und ihr blind vertraut hatte? Taten das nicht alle Kinder?
«Frau Baumann?», hörte Mia Herrn Jaun aus weiter Ferne sagen, «möchten Sie jetzt vielleicht einen Kaffee?»
«Nein, danke. Sicher ist für Sie meine Reaktion schwer nachvollziehbar, das kann ich verstehen. Die meisten Menschen würden sich wohl über die Nachricht eines unerwarteten Erbes freuen, aber ich habe Gründe, dies nicht zu tun. Wenn Sie also fertig sind, möchte ich gerne gehen.» Mit einer fahrigen Bewegung nahm sie das Gummiband vom Handgelenk, strich sich durch die schulterlangen, rotbraunen Haare, und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen. Eine Angewohnheit, die sie oft hatte, wenn sie aufgewühlt war.
«Es dauert nicht mehr lange.» Mit dem letzten Satz zog Herr Jaun eine Schublade seines Schreibtisches auf. «Hier, ich soll Ihnen diese Schlüssel und den bereits erwähnten Brief von Frau Kuster geben. Selbstverständlich können Sie sich jederzeit an mich wenden, wenn Sie weitere Fragen haben. Ich weiss allerdings nicht, ob ich sie beantworten kann. Wir werden sehen.»
Herr Jaun stand auf, übergab Mia die genannten Dinge und begleitete sie zur Tür.
Kapitel 6
Unten in der Gasse setzte Mia wie ferngesteuert einen Schritt vor den anderen. Ihr Kopf war leer – oder so voll, dass die Gedanken sich nicht bewegen konnten. Sie rieben sich aneinander, schwirrten durch ihr Gehirn und schienen sie zu verspotten, weil sie sie nicht fassen konnte.
Plötzlich stand sie am Eingang des Botanischen Gartens. Eigentlich liebte sie diesen Ort mit seiner Pflanzenvielfalt und den, wie es ihr immer schien, tausend Farben und Gerüchen. Doch als sie heute die Wege entlangging, sah sie weder die Farbenpracht, noch nahm sie die verschiedenen Düfte oder das Summen der Insekten wahr. Schliesslich setzte sie sich auf eine Bank und starrte ins Leere. Alles in ihr sträubte sich, das eben Gehörte anzunehmen. Wie eine dunkle Wolke schwebte die Lüge ihrer Mutter über ihr. Aber was sie am meisten aus der Fassung brachte, war, dass sie diesem Detektiv seine unmögliche Geschichte glaubte. Einem Mann, den sie heute zum ersten Mal gesehen hatte. Und vor allem einer Frau, die behauptete, ihre Grosstante gewesen zu sein. Wie war es möglich, dass das Vertrauen, das sie immer in ihre Mutter gehabt hatte, innerhalb einer halben Stunde erschüttert worden war? Wobei: Mia musste sich eingestehen, dass Mam das schon selbst eingeleitet hatte, indem sie den Brief hatte verschwinden lassen. Und jetzt das! Laut Herrn Jaun waren ihre Grossmutter sowie kürzlich ihre Grosstante gestorben. Und sie, Mia, hatte nie die Gelegenheit erhalten, die beiden kennen zu lernen. Über dreissig Jahre. Aber wie auch? Mam hatte es verhindert. Das durfte nicht wahr sein! Was musste da vorgefallen sein? Der Kloss im Hals drohte Mia zu ersticken. Sie zitterte am ganzen Körper. Dann schluchzte sie auf.
Ein älterer Herr blieb stehen und sprach sie an: «Kann ich Ihnen helfen, junge Dame?»
Mit einem heftigen Kopfschütteln verneinte Mia und merkte, dass ihr die Tränen über das Gesicht liefen. Schnell zog sie ein Taschentuch hervor, putzte sich die Nase, trank einen Schluck Wasser aus ihrer Trinkflasche und setzte ihre Sonnenbrille auf. Dennoch war es unmöglich, den Tränenstrom zu stoppen.
«Ja, ja, der Liebeskummer! Aber Sie sind jung. Sie werden bald einen anderen kennenlernen», kommentierte der Mann ungefragt und entfernte sich kopfschüttelnd.
Fast hätte Mia ihm hinterhergerufen, dass es im Leben einer Frau nicht immer nur um die ach so wichtige Spezies Mann ging. Aber wozu? Zumindest hatte der Fremde es geschafft, sie aus ihrem Film zu reissen. Sie öffnete ihre Tasche und starrte auf den Brief und den Schlüsselbund. Die Schlüssel zog sie heraus und betrachtete sie. Ein Ring mit einer kleinen Taschenlampe, einem Hausschlüssel und einem Briefkastenschlüssel. Der dritte, etwas grössere, musste zu einem Schuppen oder Keller gehören. Mia steckte den Ring wieder ein und griff nach ihrem Handy. Nach dem vierten Klingeln meldete sich Nadja.
«Mia! Wie ist es gelaufen? Willst du vorbeikommen?»
«Ja, darf ich?»
«Immer, das weisst du doch!»
Mia stand auf, ging zurück in die Altstadt und nahm den Bus ins Länggassquartier, wo Nadja wohnte. Sie fühlte sich wie ein Roboter, dessen Bewegungen zwar koordiniert, aber nicht fliessend waren.
Kapitel 7
Kurz darauf stieg Mia aus dem Bus, ging das letzte Stück zu Fuss und klingelte an Nadjas Haustür. Ihre Freundin begrüsste sie mit einer langen Umarmung.
Mia trat zurück und sah Nadja fragend an. «Bitte antworte mir ehrlich! Wusstest du, dass ich bis vor kurzem eine Grossmutter und eine Grosstante hatte? Haben deine Eltern das mal erwähnt? Ich muss es wissen! Auch wenn du versprochen haben solltest, es mir nie zu erzählen.» Sie bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, zwang sich, langsam zu sprechen und nicht in Hektik zu verfallen.
«Nein! Was denn? Das höre ich zum ersten Mal. Anna hat nie von ihrem früheren Leben erzählt. Für uns war sie eine alleinerziehende Mutter mit einer kleinen Tochter und ohne weitere Verwandte. Das fand ich immer traurig. Natürlich hat Mama, als deine Beiständin, von Frau Niklaus einiges über Annas Krankheit gehört. Mama hat stets versucht, uns beiden alles altersgerecht zu erklären. Ich erinnere mich an Bilderbücher, die wir zusammen angeschaut haben. Von Krankenhäusern und so. Und dass Mama dich begleitet hat zu den Gesprächen bei Frau Niklaus oder zu den Besuchen bei deiner Mutter in der Klinik. Doch das weisst du alles. Vielleicht hat es Frau Niklaus gewusst? Sie hätte es dir aber sicher nicht sagen dürfen, wenn deine Mam es ihr verboten hatte.»
«Ja! Entschuldige meine Frage. Ich muss wissen, ob es noch weitere Lügen gibt, auf die ich hereingefallen bin. Mams Mutter ist vor nicht allzu langer Zeit gestorben. Zudem hatte sie eine Tante, deren Erbin ich sein soll. Toll, oder?»
«Hm! Im Moment wohl nicht.»
Mia rechnete es ihrer Freundin hoch an, dass sie kein Wort über das Erbe verlor. Die meisten Leute hätten sofort nachgefragt, was es damit auf sich hatte. Als sie sich gesetzt hatten, griff Mia noch einmal in ihre Tasche und legte den Brief und die Schlüssel auf den Tisch.
«Sind das Hausschlüssel? Sollst du etwa einen Hausstand auflösen oder eine Wohnung erben?»
«Keine Ahnung!», sagte Mia und verdrehte die Augen. «Aber ein Erbe kann man schliesslich ausschlagen. Herr Jaun erklärte, dass meine Grosstante, Klara Kuster, wie sie hiess, ihn beauftragt hatte, mich zu suchen. Nach ihrem Tod sollte er sich sofort bei mir melden. Mam und ich würden bald eine Kopie des Testaments erhalten.»
«Ach so, dann erbt Anna also auch?», fragte Nadja und tönte erleichtert.
«Nein, das ist ja das Komische. Mam ist zwar die nächste Verwandte, aber erben wird sie nichts. Der Detektiv hat mir erklärt, dass ihr das Testament trotzdem zugestellt wird. Klara sei es wichtig gewesen, mich darauf vorzubereiten. Aber das alles konnte Mam ja nicht wissen. Wobei ... Sie muss es geahnt haben, sonst hätte sie den Brief des Detektivbüros nicht vernichtet.»
«Ach, Mia. Klar, dass dich das alles aus der Bahn wirft. Ich verstehe nicht, warum Anna dir nichts von ihrer Vergangenheit erzählt hat. Ob etwas davon in dem Brief steht? Willst du dich auf mein Gästebett legen und ihn lesen? Oder möchtest du lieber nicht allein sein?»
Ja, Nadja verstand sie, das spürte Mia. Wieder einmal war sie dankbar für das Glück, eine solche Freundin zu haben. Aber den Brief würde sie alleine lesen.
In Nadjas Gästezimmer setzte sich Mia auf das Bett, auf dem eine bunte Tagesdecke in den Rottönen der Vorhänge lag. Auf einem Regal standen Bücher und daneben Reise- und Familienfotos. Auf vielen war auch Mia abgebildet. Ein warmes Gefühl durchströmte sie. Egal, was geschah, bei Thommens würde sie immer dazugehören, daran gab es keinen Zweifel.
Wieder betrachtete Mia den Brief in ihren Händen. Befühlte ihn und versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, den Inhalt zu kennen. Würde der Schmerz um ihre Mutter nach dem Lesen grösser oder kleiner sein? Sollte sie den Brief zerreissen und ungelesen wegwerfen? Oder sollte Nadja ihn zuerst lesen, damit sie entscheiden konnte, wie wichtig der Inhalt war? Auf dem Kuvert stand nur ein einziges Wort: Mia.
Plötzlich gab sie sich einen Ruck, öffnete den Umschlag mit dem Zeigefinger, zog die in schnörkliger Schrift beschriebenen Blätter heraus und begann zu lesen.
Liebe Mia,
Die Hoffnung, du müsstest diesen Brief nie lesen, hat sich nicht erfüllt. Leider! Ich habe mir von ganzem Herzen gewünscht, dich wiederzusehen. Aber nicht alle Wünsche gehen in Erfüllung. In meinem Alter sollte man das längst gelernt haben. Ich stelle mir vor, wie es für dich sein wird, Post von einer Detektei zu bekommen. Etwas unheimlich, nehme ich an? Schliesslich wirst du Herrn Jaun gegenübersitzen und erfahren, dass du eine Grosstante hattest. Da du dich nie gemeldet hast, muss ich davon ausgehen, dass du es nicht wusstest. Zumindest will ich das annehmen, denn alles andere tut zu sehr weh. Ich fürchte, Anna hat dir ihre Lebensgeschichte verschwiegen oder sie kurzerhand für dich umgeschrieben. Aber dieser Gedanke ist nach so vielen Jahren immer noch eine Wunde in meinem Herzen, die nie verheilt ist.
Der Tag, an dem die zwanzigjährige Anna dich von hier fortbrachte, war der schwärzeste in meinem Leben und in dem deiner Grossmutter Silvia. Du warst erst zwei Jahre alt und hingst an uns beiden. Aber um deinetwillen hielten wir uns zurück. Und Anna zuliebe. Seit deiner Geburt hatte sie Angst, du könntest uns mehr lieben als sie. Sie war von dieser Angst geradezu besessen. Sie hat sie fast aufgefressen. Kein Argument konnte sie beruhigen. Das war wahrscheinlich der Grund, warum sie sich für den Abbruch unserer Beziehung entschied. Uns auszuschliessen bedeutete für sie, dein alleiniger Lebensmittelpunkt zu sein.
Für eure Abreise hatte Anna alles im Geheimen geplant und organisiert. Ob sie dabei Hilfe hatte, wissen wir nicht. Als sie zur Tür hinausging, sagte sie, dass sie dieses Haus nie wieder betreten würde. Wir sollten euch nicht suchen. Sie würde sich immer um dich kümmern, versprach sie. Trotzdem hatten wir Angst um dich, denn wir wussten von Annas Krankheit. Das war bittere Realität. Anna hat Wort gehalten. Sie hat sich nie wieder gemeldet. Das mussten wir respektieren, aber akzeptieren konnten wir es nie.
Die Behörden, die wir kontaktierten, verschanzten sich hinter dem Amtsgeheimnis. Auch die Klinikärzte und der Hausarzt durften uns nicht weiterhelfen – ärztliche Schweigepflicht, wie sie sagten. Immerhin erfuhren wir, dass die Beistandschaft, die für dich nach deiner Geburt errichtet worden war, bis zu deiner Volljährigkeit bestehen bliebe. Am zukünftigen Wohnort würde eine neue Person eingesetzt, die eine enge Betreuung sicherstellen sollte. Das war eine kleine Beruhigung für den Verstand, der Aufruhr in unseren Herzen blieb bestehen.
Es war schier unerträglich, nicht zu wissen, wie es dir geht. Ich redete mir ein, dass ich nur erfahren wollte, wie sich dein neues Leben entwickelte und wo es sich abspielte. Da kam mir die Idee, einen Privatdetektiv auf euch anzusetzen. So lernte ich Herrn Jaun kennen. Er hat den Auftrag nur angenommen, wenn ich darauf verzichtete, dass er mir euren Aufenthaltsort nannte. Er befürchtete, mich sonst der Gefahr auszusetzen, eines Tages etwas Unvorsichtiges zu tun und damit Anna zu einem erneuten Umzug zu bewegen. Das hätte dich wieder aus deinen Strukturen gerissen. So berichtete er mir einmal jährlich, was er über dich herausfand.
Du denkst jetzt vielleicht, wir hätten dich doch kontaktieren können, als du volljährig warst? Ja, das stimmt. Aber dann wärst du womöglich in einen Loyalitätskonflikt zu Anna geraten – oder schlimmer, sie hätte den Kontakt zu dir ebenfalls abgebrochen. Beides wollten wir damals vermeiden.
Deine Grossmutter hat dir jahrelang Briefe geschrieben, ohne sie abzuschicken. Die meisten hat sie eines Tages verbrannt. Was ich retten konnte, habe ich in eine Schachtel gelegt, zusammen mit den wenigen Fotos, die wir von dir hatten. Als Silvia wegen ihrer Demenz nicht mehr schreiben konnte, habe ich alles Brigitte Stettler zur Aufbewahrung gegeben. Sie wohnt auf dem Sonnenbühl, unserem Nachbarhof, und ist die liebste Nachbarin und Freundin, die man sich vorstellen kann. Sie wird dir die Schachtel sicher bald übergeben. Dann kannst du selbst entscheiden, was du behalten oder vernichten willst. Brigitte hat mir unermüdlich geholfen, deine Grossmutter zu betreuen. Wende dich an sie, wenn du Fragen hast. Ich bin sicher, sie wird dir zur Seite stehen.
