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"Was fällt Ihnen ein, mich so auszunutzen?", Lily ist erbost. Sie, eine Studentin mit Depressionen und einem Kellnerjob, liefert Max, dem erfolgreichen Werbefachmann, die Idee für eine Kampagne, die er dann einfach klaut. Trotzdem schreiben sich die beiden E-Mails, erfahren nach und nach viel über den anderen. Während Max auf schnell wechselnde Kurzbeziehungen setzt, sucht Lily ihr Glück auf Dating-Plattformen. Irgendwie finden die beiden dann zueinander. Aber kann das gutgehen? Wie kommen solch unterschiedliche Charaktere mit dem Alltag zurecht, welche Schwierigkeiten müssen sie überwinden? Bleibt die Liebe? Es wird spannend.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2023
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99146-195-1
ISBN e-book: 978-3-99146-196-8
Lektorat: Susanne Schilp
Umschlagfotos: Ivan Zelenin, Casejustin | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Widmung
Für meine Kinder!
Ihr seiddie Besten!
1.
Lily: Danke für die tolle Veranstaltung in Ihrem Hause, Herr Magnum. Sie haben mir Ihre Visitenkarte gegeben, weil ich mich bei Ihnen melden soll. Hier bin ich also.
Max: Vielen Dank, dass Sie mir schreiben. Ich frage mich, ob Sie an einer Mitarbeit in unserer Werbebranche interessiert sind. Herr Dr. Wong und Sie sind beide nass geworden, als Sie die Champagnerflasche umgestoßen haben. Sie sagten daraufhin: „Champagner macht uns alle gleich!“1Das fand ich sehr originell. Wir brauchen kluge Köpfe in der Redaktion. Deshalb mein Angebot für eine Teilzeitarbeit.
Lily: Ich soll bei Ihnen arbeiten? Der Kellnerjob war ein Aushang am Schwarzen Brett der Uni, doch er reicht mir. Ich bin bereits im neunten Semester, und ein Ende ist noch nicht in Sicht. Deswegen haben meine Eltern mir den Geldhahn zugedreht und unterstützen mich nicht mehr. Ich jobbe als Kellnerin und komme über die Runden. Danke. In einer Werbefirma mitzuarbeiten traue ich mir leider nicht zu. Aber danke für Ihr Angebot. Der Ausspruch zum Champagner war ein Zitat von meinem Vater, weil James Stewart das zu Cary Grant in „Die Nacht vor der Hochzeit“ sagt.
Max: Immer wieder gerne. Sie rennen bei mir offene Türen ein. Aber vielleicht sollte ich doch eher Ihren Vater engagieren? Er scheint ja einen guten Filmgeschmack zu haben.
Lily: Oh ja, ich bin mit Filmen aus den 1940ern und mit Western groß geworden. Mundharmonika und Nobody waren meine Freunde. „Nobody war schneller beim Zielen.“2Aber was haben gute Filme mit Werbung zu tun?
Max: Da gibt es viele Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel sind diese Zitate von Ihnen Gold wert. Was studieren Sie denn eigentlich?
Lily: Ich möchte Innenarchitektin werden, Wohnungen einrichten und mich mit schönen Gegenständen umgeben. Zurzeit fehlt es bei mir an Schönheit, denn ich lasse mich ziemlich gehen. Tut mir leid, dass ich Ihnen das hier so frei mitteile, dabei kennen wir uns gar nicht. Ich bin auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, lasse aber mein Studium schleifen, jobbe nur so viel, dass ich Miete und Lebensmittel bezahlen kann, gehe sonst gar nicht außer Haus, habe keine Ausgaben, keine Lust am Leben, und Freunde habe ich auch nur wenige. Und die zwei, die ich habe, haben wenig Zeit für mich, weil sie ein ausgefülltes, tolles Leben führen.
Max: Was ist schon ein ausgefülltes Leben? Das definiert doch jeder selbst für sich. Es gibt sicher viele, die so denken wie Sie. Das ist die Zielgruppe unserer Werbeprodukte.
Lily: Sie haben sicher ein tolles Leben mit schöner Kleidung, gutem Essen und vielen Partys. Sie sehen so durchtrainiert aus, als würden Sie jeden Tag Zeit im Fitnesscenter verbringen.
Max: In der Tat habe ich eigene Geräte in meinem Haus und versuche täglich zu trainieren. Gehen Sie doch mal schwimmen oder laufen oder fahren mit dem Rad. Das wird Ihnen guttun.
Lily: Vielleicht mach ich das wirklich. Darf ich Ihnen morgen wieder schreiben, wie viel ich geschafft habe?
Max: Ja, gerne, der Austausch mit Ihnen ist sehr anregend. Ich hätte glatt Lust, mir alte Filme anzuschauen.
Lily: Oder auch neue. Ich werde Ihnen eine Liste schreiben zur Anregung, als Gegenleistung, weil Sie mich zum Sport motivieren.
Lily: Hier sind meine Vorschläge:
„Ein ganzes halbes Jahr“ mit Emilia Clarke und Sam Claflin. Es geht um Körperbehinderung, Suizid und die Freude am Leben.„Das Beste kommt zum Schluss“ mit Jack Nicholson und Morgan Freeman. Es geht um die letzten Lebensmonate vor dem Tod durch eine Krankheit und um Lebensfreude.„Ziemlich beste Freunde“ mit François Cluzet und Omar Sy. Es geht um Körperbehinderung und den Sinn des Lebens.„Natürlich blond“ mit Reese Witherspoon. Es geht um einen erfolgreichen Job nach dem Umgang mit einer Trennung.„Sex and the City“ mit Sarah Jessica Parker und vielen anderen starken Frauen, die zusammenhalten und eine Trennung gemeinsam bewältigen.Max: Da lese ich aber viel „Körperbehinderung, Trennung und Lebensfreude“. Kein Wunder, dass Sie gerade auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind. Ich hoffe, Sie haben keine Erfahrung mit Körperbehinderung und Trennungen.
Lily: Haben wir nicht alle solche Erfahrungen? Wird nicht jeder von uns mehrfach im Leben verlassen, und ist es nicht gut, alle gleich zu behandeln, auch wenn sie eine Körperbehinderung haben? Champagner macht uns alle gleich, das wissen Sie doch.
Max: Um ebenfalls so frei zu sprechen, wie Sie es mir gegenüber tun, darf ich Ihnen mitteilen, dass ich vor dem Altar stehen gelassen worden bin. Mir ist im Moment nicht nach einer neuen Liebschaft oder sei es auch nur ein Flirt. Was sagen denn Ihre Filme zu einer Trennung?
Lily: Das ist leicht. Fahren Sie in den Urlaub, lenken Sie sich ab, oder stürzen Sie sich in die Arbeit.
Tut mir leid für Sie, dass Sie verlassen worden sind. Und dann auch noch so kurz vor der Hochzeit. Wie ist es denn dazu gekommen? Auf Ihren Bericht freue ich mich, doch teile ich Ihnen noch schnell mit, dass ich heute 12 Minuten geschafft habe. Ich bin 3 Minuten gelaufen, 3 Minuten gegangen, dann wieder 3 Minuten gelaufen und gegangen. Ich bin sehr stolz auf mich.
Max: Wunderbar! Machen Sie weiter so. Und das zwei- bis dreimal die Woche bitte. Mein Erfolg in der Firma sollte gekrönt werden mit der Hochzeit, die als rauschendes Fest gedacht war. Berauscht war allerdings nur die Braut, die mit meinem Redakteur getürmt ist. Sie hat kalte Füße bekommen, und ich war ihr zu viel. Ich sei immer auf Geschäftsreisen, wäre selten zu Hause, und alles würde sich nur um mich und die Firma drehen. Sie müssen wissen, dass meine Ex-Freundin wunderschön ist. Sie tut viel für ihr Äußeres, pflegt und stylt sich makellos und verbringt viel Zeit vor dem Spiegel. Manchmal dachte ich, es würde ihr helfen, wenn der Spiegel ihr wie in dem Märchen von Schneewittchen antworten würde und nicht ich. „Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Es war ohne Zweifel sie. Doch sie wollte jemanden, der für sie in aller Ruhe grillt, der für sie da ist, sie anhimmelt und ihr ständig versichert, dass sich die Welt nur um sie dreht.
Lily: Oh, wie traurig! Aber ganz ehrlich, das hört sich etwas danach an, als ob Sie beide leicht narzisstisch veranlagt sind. Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, doch kennen Sie die Geschichte von Narziss? Ein Jüngling der griechischen Mythologie, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und im See ertrank, während er sich bestaunte?
Da bin ich aber heilfroh, dass meine Lebensfreude nicht davon abhängt, wie sehr mich mein Spiegelbild entzückt. Ich darf Ihnen aber mitteilen, dass ich mir wieder jeden Tag die Beine rasiere und einen BH trage. Das Laufen tut mir sehr gut. Ich war jetzt zwei Wochen lang jeden zweiten Tag jeweils 3 Minuten gelaufen und gegangen im Wechsel. Morgen probiere ich mal 4 Minuten Laufen und Gehen im Wechsel aus. Sie spornen mich richtig an.
Max: Das ist schön! Ich hoffe, Sie kommen ebenfalls mit Ihrem Studium weiter?
Die Geschichte von Narziss hat mich doch tief getroffen. Ich werde mal mein Liebesleben überdenken.
1 in: „Die Nacht vor der Hochzeit“, George Cukor, Metro Goldwyn-Mayer Picture, Warnerbros, 01:00:33
2 in „Mein Name ist Nobody“, Sergio Leone, Paramount Pictures, 1:44:16
2.
Max: Sind Sie noch da?
Lily: Ja, ich habe auf Sie gewartet. Ich wollte Sie nicht beim Nachdenken stören.
Max: Nachdenken? Worüber? Ich hatte eine neue Kampagne, die ich abgeschlossen habe. Sie werden die Plakate sicherlich in der Stadt erkennen.
Lily: Sie wollten über Ihr Liebesleben nachdenken, weil ich Sie und ihre Ex-Freundin mit Narziss verglichen habe.
Max: Dafür hatte ich leider keine Zeit. Ich habe Ihnen doch gesagt, dass mein Liebesleben zurzeit brachliegt. Ich schreibe nur mit Ihnen so gerne, weil es interessant und schön ist und ich neugierig bin, was Sie aus Ihrem Leben machen.
Lily: Alles im grünen Bereich. Und wenn Sie sich selbst nicht mit Narziss vergleichen, hilft es Ihnen vielleicht, dass sich Reese Witherspoon in „Natürlich blond“ wie Sie in Arbeit stürzt und dabei den Mann ihres Lebens kennen und lieben lernt. Wer zuletzt liebt, lebt am besten.
Max: Was soll das denn heißen? Wer sich für die Liebe aufspart, hat das beste Leben? Dann wäre ich das wohl. Wie sieht es denn bei Ihnen mit der Liebe aus?
Lily: Darüber rede ich nicht gerne. Warum wohl schaue ich mir Trennungsfilme an? Ich habe so einiges ausprobiert: Ich war auf Dating-Plattformen unterwegs und habe es mit Sex ohne Liebe versucht, nachdem Liebe ohne Sex nicht erfolgreich war. Hat beides nicht hingehauen. Soll wohl nicht sein.
Max: Warum reden Sie nicht gerne darüber? Sie sind heute so kurz angebunden? Habe ich Ihnen etwas getan?
Lily: Das wissen Sie selbst nur zu gut! In der Stadt wird man ja förmlich erschlagen von den Plakaten für die neue Zigarettenwerbung: „Nobody war schneller beim Zielen.“3Das habe ich Ihnen erzählt! Fehlte nur noch, dass Terence Hill dafür posiert, der lebt nämlich noch. Was fällt Ihnen ein, mich so auszunutzen?
Max: Aber ich habe Ihnen doch ein Jobangebot gemacht, das Sie abgelehnt haben. Es herrscht freie Meinungsäußerung, und ich darf zitieren, wen ich will. Mir gefällt, wie Sie sich aufregen, das ist sehr amüsant.
Lily: Amüsant? Ich dachte, wir wären so etwas wie Freunde! Ich schreibe Ihnen, weil ich wahrscheinlich nicht den Mund aufkriegen würde, wenn ich Ihnen im wahren Leben begegnen würde. Beim letzten Mal habe ich eine Flasche Champagner umgekippt, falls Sie sich erinnern, Herr Magnum.
Max: Ich erinnere mich sehr gut an Sie, Frau Leonhard, oder darf ich Sie Leo nennen?
Lily: Leo und du. Wir schreiben uns mittlerweile seit drei Monaten und wissen so viel voneinander. Schriftlich bin ich Ihnen gewachsen und mutig, da können wir uns auch duzen. Oder darf ich das nicht vorschlagen, Eure Hoheit?
Max: Ich fühle mich geehrt, liebe Leo, dich duzen zu dürfen.
Lily: Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite, lieber Max. Ich bin heute leider nicht so gut drauf. Ich erzähl dir jetzt eine traurige Geschichte. Auf diesen Dating-Plattformen habe ich mehrere nette Männer kennengelernt. Die meisten hatten gerade eine Scheidung hinter sich und haben noch ihren alten Frauen hinterher getrauert. Die Männer waren alle älter als ich, weil sie nach einer Jüngeren gesucht haben.
Max: Da wäre ich ja in guter Gesellschaft gewesen.
Lily: Genau. Ihr könntet einen Männertreff bilden und eure Verflossenen anschmachten. Sehr unschön für mich. Nicht sehr charmant. Dabei war auch ein Koch, und ich gebe zu, dass ich auf Männer stehe, die für mich kochen. Er hat mich geschwängert, ich habe abgetrieben und er hat mich sitzen und allein gelassen, finanziell und emotional. Eine traurige Geschichte.
Max: Mein Beileid. Ich muss leider los. Ich habe ein Meeting und melde mich später.
Lily: Die Anteilnahme ist ja großartig. Bitte mit Spott, Sarkasmus und Selbstironie lesen.
Lily: Und da bin ich wieder, erneut wütend, weil neue Plakate die Stadt zieren. Dieses Mal ist es Weinwerbung, und ein älterer Herr genießt einen alten Wein nebst einer weitaus jüngeren Frau mit dem Slogan: „Wer zuletzt liebt, lebt am besten“.
Was soll das??? Ich bekomme kein Geld, liefere aber all die erfolgreichen Zitate??? Haaaallooooo?
Lily: Haaaallooooo?
Max: Ich war viel beschäftigt, bei mir läuft gerade alles richtig rund. Jeder macht das, was er am besten kann. Wie läuft es in deinem Studium? Was machen das Kellnern und das Joggen?
Lily: Stell dir ein verächtliches Schnauben vor. Ich bin sauer auf dich. Aber ich brauche nur noch ein paar Scheine, dann kann ich meine Bachelorarbeit machen, mit dem Kellnern habe ich genug zu tun, und ich jogge mittlerweile 12 Minuten am Stück ohne Gehen. Das baue ich demnächst aus auf 16 und später 20 Minuten. Für jedes Intervall brauche ich etwa zwei bis drei Wochen dreimal die Woche. Ich habe bereits sage und schreibe sechs Kilo abgenommen! Ich bin soooo stolz auf mich.
Max: Dann wirf dich in ein schickes Kleid und komm mal als Gast zu einer Produktpräsentation.
Lily: Nein, nein, nein, das Selbstvertrauen habe ich nicht. Ich bin eine von denen im kleinen Schwarzen mit der weißen Schürze, die bedienen.
Max: Wie schade! Wir könnten zusammen Champagner trinken, das ist nicht prollig und protzig, sondern für jedermann. Früher sah man das mehr bei Snobs, doch heutzutage gibt es Champagner in jedem Supermarkt.
Lily: Ich glaube, du bist ein richtiger Snob. Jemand, bei dem Arbeit an erster Stelle steht, dem Geld wichtiger ist als Liebe und der sich für etwas Besseres hält als andere.
Max: Du triffst den Nagel auf den Kopf.
Lily: Warum schreibst du mir seit Wochen nicht mehr?
Max: Was soll ich dem denn hinzufügen, da du mich einen narzisstischen Snob schimpfst?
Lily: Aber ich schreibe dir doch so gerne! Und ich schaffe mittlerweile 20 Minuten joggen am Stück ohne zu gehen.
Max: Applaus. Ich muss los. Die Pizza will beworben werden, und ich habe gerade eine Frau kennengelernt, die umworben werden möchte.
Lily: Haaaaalt! Du lernst eine Frau kennen, die nicht ich bin? Warum gibst du mir so einen Korb?
Darüber will ich mehr wissen.
3 in „Mein Name ist Nobody“, Sergio Leone, Paramount Pictures, 1:44:16
3.
Max: Schmollst du noch? Das war doch eine schöne Retourkutsche, dass ich dich mit einer Rivalin ärgern konnte. Es hat sich im Übrigen erledigt. Ich arbeite, treibe Sport und schreibe dir E-Mails. Abends geh ich zwar auf Partys, aber eine Freundin ist mir echt zu anstrengend. Die wollte ständig von mir zum Essen eingeladen werden, mit mir shoppen oder spazieren gehen und hat stets erwartet, dass ich einen weiten Ausflug mit ihr mache, an den Strand, in eine tolle Stadt oder in die Berge. Dabei war sie sich zum Wandern zu schade. Frauen!
Lily: Oh, du armer, gebeutelter Max, wie hast du es schwer! Dein Leben klingt ja geradezu furchtbar. Da berichte ich dir lieber von meinem Erfolg, dass ich zehn Kilo abgenommen habe und es jetzt seit Wochen schaffe, das Gewicht zu halten, obwohl ich mich ungesund ernähre. Ich hatte von Obst mit Joghurt und gedünstetem Gemüse einfach genug und wollte mal wieder richtig über die Stränge schlagen mit Chips und Schokolade und fettigen Soßen. Herrlich ist das, ich sag es dir!
Max: Da rate ich dir aus ernährungswissenschaftlichen Gründen aber von ab. Treib lieber mehr Sport, dann kannst du auch alles in Maßen essen.
Lily: Ja, ja, Schatz. Ich laufe jeden Tag drei Kilometer, das sind knappe 20 Minuten. Keine Sorge, mein Thema für die Bachelorarbeit steht, und ich komme gut zurecht. Du musst dir keine Sorgen machen. Feel free and live long.
Max: Das ist doch wieder eine hilfreiche Aussage. Wofür könnte ich die verwenden? Für Werbung für Deodorant vielleicht?
Lily: Du raubst mir den letzten Nerv. Wirklich. Du nutzt mich so dermaßen aus, das ist unbeschreiblich.
Max: Ach ja? Und wer hat dich zum Sport motiviert und dich mal aus deiner Komfortzone gelockt?
Lily: Damit verdiene ich aber kein Geld, so wie du. Ich möchte nicht wissen, wie viel du an einem Auftrag verdienst. Ich brauche Geld.
Max: Ich hatte dir doch ein Jobangebot unterbreitet. Überleg es dir und nimm es an. Ich bin in den nächsten Tagen auf Geschäftsreise.
Lily: Da hast du doch trotzdem WLAN und kannst schreiben.
Max: Wir werden sehen. Es gibt immer viele Termine, Besichtigungen, Meetings und Essen bei solchen Veranstaltungen.
Lily: Okay, mach’s gut.
Lily: Ich werde die Zeit nutzen und meine Freundin besuchen fahren.
Lily: Anscheinend bist du wirklich bereits losgefahren und nicht mehr erreichbar.
Lily: Es sind ein paar Tage vergangen und ich war bei meiner Freundin. Es war richtig schön, wir haben uns gut unterhalten, Wein, Käse und Schokolade gegessen beziehungsweise getrunken und lange Spaziergänge unternommen. Sie sagt, ich soll mich an einen Arzt wenden, weil ich so niedergeschlagen bin. Es tut mir aber gut, dir zu schreiben. Es ist wie ein Tagebuch, nur dass ich zwischendurch Antworten bekomme. Dafür hat man zwar Freunde, aber die sind nicht jederzeit abkömmlich. Wenn du nicht gerade auf Geschäftsreise bist, dann erhalte ich viel Rückmeldung.
Warum soll ich zum Arzt?
Meine Stimmung ist nicht gut, ich bin antriebslos, komme im Studium nur langsam voran. Meine Bachelorarbeit liegt schon wieder auf Eis. Ich kann mich einfach nicht aufraffen, schlafe lange, liege nachts aber oft wach, habe Konzentrationsprobleme, kann nicht lange ein Buch lesen, Sudoku klappt gar nicht mehr, und ich mache mir viele Gedanken.
Die würde ich gerne mit dir teilen. Warum bist du bloß so lange weg.
Lily: Bist du wieder da?
Lily: Immer noch kein Zeichen von dir. Du fehlst mir. Es sind jetzt schon zehn Tage, 16 Stunden und 45 Minuten, dass ich nichts von dir gehört habe. Ich erzähle dir einfach, was bei mir passiert ist: Mit dem Joggen steh ich etwas auf Kriegsfuß, manchmal höre ich früher auf, ab und zu habe ich gar keine Lust, aber wenn ich unterwegs bin, dann treffe ich fast immer die gleichen Leute, die mit ihren Hunden spazieren gehen. Eine junge Frau fällt mir dabei besonders auf, weil sie wirklich hübsch und sympathisch aussieht. Wir grüßen uns jedes Mal, und heute habe ich ihr zugerufen, dass es stets eine Freude sei, sie zu sehen. Sie hat geantwortet: „Genauso geht es mir!“
