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Plötzlich Star Eigentlich hat sich Amber geschworen, nie wieder auf einer Bühne zu stehen. Doch nachdem ihre Freundin sie heimlich bei der Castingshow "Famous in L.A." angemeldet hat, bleibt der 26-jährigen Sängerin aus South Carolina keine Wahl. Der Konkurrenzkampf ist hart, aber dank ihres Talents sticht Amber aus der Masse der Bewerber hervor. Gleichzeitig entdeckt sie ihre Gefühle für ihren Arbeitskollegen, den Programmierer Chris. Zu spät bemerkt Amber, dass sich ihr neues Leben so gar nicht mit dieser Liebe vereinbaren lässt …
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Seitenzahl: 626
Veröffentlichungsjahr: 2017
Der AutorM. W. Fischer, geboren 1962 in Basel, wuchs in Riehen, dreihundert Meter von der deutschen Grenze entfernt, auf. 2013 hat er sich seinen großen Traum, Autor zu werden, erfüllt und schreibt seitdem Liebesromane. Nach der ersten Novelle veröffentlichte er 2014 Abfahrt in zwei Minuten und 2015 Zeit heilt keine Wunden in der Regina-Reihe, die in der Schweiz und Deutschland spielen. 2016 schrieb er den ersten internationalen Roman, der bei Forever by Ullstein erschienen ist.
Das Buch
Plötzlich StarEigentlich hat sich Amber geschworen, nie wieder auf einer Bühne zu stehen. Doch nachdem ihre Freundin sie heimlich bei der Castingshow „Famous in L.A.“ angemeldet hat, bleibt der 26-jährigen Sängerin aus South Carolina keine Wahl. Der Konkurrenzkampf ist hart, aber dank ihres Talents sticht Amber aus der Masse der Bewerber hervor. Gleichzeitig entdeckt sie ihre Gefühle für ihren Arbeitskollegen, den Programmierer Chris. Zu spät bemerkt Amber, dass sich ihr neues Leben so gar nicht mit dieser Liebe vereinbaren lässt …
M. W. Fischer
Famous in L.A.
Liebe mit Hindernissen
Forever by Ullsteinforever.ullstein.de
Originalausgabe bei Forever Forever ist ein Digitalverlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin Dezember 2017 (1) © Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2017 Umschlaggestaltung: zero-media.net, München Titelabbildung: © FinePic® Autorenfoto: © privat ISBN 978-3-95818-237-0 Hinweis zu Urheberrechten Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Für Noemi
Erin ließ leise Musik laufen, kam zu mir herüber und setzte sich auf einen Barhocker. Sie trank hastig einen Schluck von dem Wasser, was ich ihr eingeschenkt hatte, und sagte mit leuchtenden Augen: »Schau mal, Amber, ich habe etwas für dich.« Sie beugte sich über die Theke und angelte nach einem Flyer. »Die Casting-Show ›Famous in L.A.‹ sucht Nachwuchstalente wie dich. Der oder die Gewinnerin wird ein Star und lebt einen Monat lang in L.A., mit allem Drum und Dran. Bei den Voraussetzungen steht: ›Du bist zwischen achtzehn und achtundzwanzig, du kannst gut singen und performen und bist Single.‹ Du würdest also alle Bedingungen erfüllen.«
Ich ignorierte ihren auffordernden Seitenblick und versteifte mich innerlich.
»Melde dich an! Die Castings finden schon bald statt.«
Ich griff nach dem Flyer und las ihn durch. Dann legte ich ihn auf die Theke zurück und schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nichts für mich. Ich will nie wieder auf einer Bühne stehen und mich zum Affen machen.«
Erin schüttelte den Kopf. »Manchmal kommt es mir so vor, als wolltest du an diesem missglückten Auftritt in der Highschool festhalten. Niemand erinnert sich noch daran, das ist zehn Jahre her, und jetzt bist du sechsundzwanzig. Mit deiner Hammerstimme und deiner bezaubernden Ausstrahlung könntest du sofort nach Hollywood marschieren und eine Gesangskarriere beginnen.«
Bei der Vorstellung, jemals wieder auf einer Bühne zu stehen, überkam es mich wie ein Fieberschub. Ich strich mir durch die Haare und schüttelte den Kopf.
»Überleg doch mal, seit Jahren nimmst du bei mir Gesangsstunden, wir üben Choreos bis zur Auftrittsreife, und doch verweigerst du auch nur den Gedanken an einen Auftritt. Was muss ich noch anstellen, damit du endlich dein Potenzial akzeptierst und einen Schritt nach vorne machst?«
»Ich singe, weil ich es für mich brauche. Auftritte habe ich endgültig abgehakt.«
»Aber es bringt doch niemandem etwas, wenn du nur hier in meinem Studio singst und tanzt. Mach etwas aus deinem Talent, ich bitte dich. Du könntest alles erreichen. Du musst nur versuchen, nicht immer alles unter Kontrolle halten zu wollen.«
Ich sprang von meinem Hocker und marschierte demonstrativ zu meinem Platz zurück. »Nein bleibt nein! Üben wir jetzt Freckles noch mal?«
Erin seufzte und ging zum Laptop. »Schlaf doch mal darüber. Du hast noch ein paar Tage Zeit, um dich anzumelden.«
Ich schaute stur geradeaus und wartete auf meinen Einsatz. Erin Burns, meine Gesangslehrerin, war fünfundvierzig Jahre alt, ein mütterlicher Typ, obwohl sie nie geheiratet und Kinder gehabt hatte. Sie überwachte meine Fortschritte, seit ich als Vierzehnjährige mit dem Singen begonnen hatte. Die wöchentliche Gesangsstunde war meine ganz persönliche Lebensoase. Wenn ich sang, befand ich mich auf einer höheren Ebene, irgendwo zwischen Himmel und Erde. Warum konnte sie nicht akzeptieren, dass es für mich so in Ordnung war und ich keine höheren Ziele hatte?
Erin hob die Hände. »Beginnen wir noch mal mit dem Intro. Ausgangsposition – und Hände dreimal öffnen und schließen. Schneller. Sehr gut. Arme hoch, Schritt links, close, Schritt rechts, close, Arme sinken lassen und drehen. Stopp, das muss eine fließende Bewegung sein, und lächeln!«
Ich ließ meine Schultern hängen und stützte mich auf den Knien ab. »Heute fehlt mir die Konzentration, Erin.«
»Warum das? Bist du etwa verliebt?«
Ich lachte. »Schön wär‘s. Nein, du weißt doch, dass sich niemand für mich interessiert. Ich werde für immer das Mädchen bleiben, das in der Highschool vor allen Zuschauern in gepunkteter Unterwäsche auf der Bühne stand.«
Erin schüttelte den Kopf. Seufzend nahm sie am Laptop ein paar Einstellungen vor. »Wir lassen die Choreo für heute ruhen und widmen uns dem Song.«
Sogleich erklang die Karaokeversion von Kelly Sparks’ Megahit Freckles aus den Boxen. Ich atmete tief durch und stellte mich auf, bereit für meinen Einsatz. Nach den ersten paar Takten erfüllte mich diese konzentrierte Ruhe, die ich beim Singen immer verspürte. Jetzt war ich allein mit der Musik, die durch mich hindurch zu fließen schien. Sie hob mich hoch, trug mich durch die Strophen und ließ mich auf dem Refrain tanzen:
Freckles in my face,
Freckles in my mouth.
Are you jealous? Are you mad?
Freckles, freckles, freckles, freckles aren’t sad
I love my freckles and they are
as fire and ice to me.
Als der letzte Akkord verklungen war, stand ich still und schaute versonnen auf meine Fußspitzen. Wie würde es sich anfühlen, wenn ich diesen Song vor Publikum vortragen müsste? Würde er mich auch schwerelos machen, oder behielten meine Versagensängste die Oberhand?
»Wow, Amber, das war himmlisch. Und das ist noch eine Untertreibung. Du hast ein solches Talent! Was für eine Vergeudung, wenn du nichts daraus machst.«
Ich hob den Kopf und strich mir die Haare aus dem Gesicht. »Nein, Erin, ich würde sterben auf einer Bühne. Ich werde nie wieder auftreten.«
An diesem Abend fiel ich immer wieder aus dem Takt. Ich konnte mich einfach nicht mehr konzentrieren. Was Erin gesagt hatte, ließ mir keine Ruhe, und doch schloss ich kategorisch aus, nochmal aufzutreten.
Als ich mich verabschiedete, drückte Erin mir den Flyer zum Casting in die Hand. »Da, nimm ihn mit. Ich werde jeden Tag nachsehen, ob dein Name auf ihrer Homepage steht.« Sie umarmte mich mit einem Lächeln.
Ich stopfte den Flyer in meine Manteltasche. »Mach dir keine Hoffnungen.« Dann verabschiedete ich mich und verließ die Tanzschule.
Prüfend sah ich zum dunklen Novemberhimmel hinauf. Der Regen schien gerade eine Pause einzulegen. Ein Blick auf die Uhr im Handy trieb mich zur Eile an.
Als ich an einem städtischen Abfalleimer vorbeikam, zerriss ich den Flyer und warf die Papierfetzen weg. Damit wollte ich definitiv nichts zu tun haben. Ich sang für mich allein, und das genügte mir. Wenn mich Erin nächste Woche danach fragen würde, könnte ich immer noch etwas Zeit schinden, bis der Anmeldetermin verstrichen wäre.
Ein feiner Nieselregen setzte ein. Ich spannte meinen Regenschirm auf und schritt zügig aus. Wenn ich Rose in der Chickensandwich-Bar warten ließe, würde sie wütend werden, und dann wäre der Abend gelaufen. Die feuchte Kälte fraß sich durch meinen grauen knielangen Mantel, den ich vor einigen Jahren im Secondhandshop gekauft hatte. Dumm von mir, dass ich am Morgen meinen Schal zu Hause vergessen hatte.
Vor dem Portal eines Hotels stieß ich auf eine Menschenansammlung. Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass in unserer Stadt eine Benefizgala mit Hollywoodstars zugunsten von krebskranken Kindern stattfinden würde. Bis zum Eingang war ein mit Kordeln abgetrennter roter Teppich ausgelegt worden. Jetzt merkte ich auch, dass die Menschenmenge aus Fotografen und Leuten mit Videokameras bestand. Ich wurde richtig aufgeregt. Aus nächster Nähe konnte ich die Paparazzi beobachten und war gespannt, ob ich auch einen Star zu Gesicht bekommen würde.
Eine schwarze Stretchlimousine fuhr heran und hielt genau neben dem roten Teppich. Ich reckte den Hals, um sehen zu können, wer aussteigen würde. Der Beifahrer, dem schwarzen Anzug und dem Ohrstecker nach zu urteilen ein Bodyguard, stieg schwungvoll aus, blickte sich prüfend um und öffnete die hintere Tür. Schwarzen, glänzenden High Heels folgten lange, schön geformte Beine. Dann kamen ein Körper in einem kurzen schwarzen Etuikleid, anmutige Arme mit langgliedrigen Händen, die eine weiße Clutch hielten. Und dann stieg sie aus: Kelly Sparks, mit ihren kupferroten Haaren und dem Gesicht voller Sommersprossen, meine absolute Lieblingssängerin aus L.A., deren Lieder ich alle auswendig kannte. Sie stellte für mich den Inbegriff von Lebensfreude und Erfolg dar. Ich konnte mein Glück gar nicht fassen. Ausgerechnet Kelly Sparks, hier in Spartanburg, einer kleinen Provinzstadt in South Carolina.
Sie blieb vor der Limo stehen, blickte lächelnd in die Runde und winkte mit ihrer freien Hand. Aus der Menge der Paparazzi und Fans erhob sich ein ohrenbetäubendes Gebrüll: »Kelly, sieh hierher!« – »Kelly, ein Autogramm!« – »Kelly … Kelly … Kelly!« Noch nie hatte ich ein solches Blitzlichtgewitter erlebt, wie das, das den Tumult begleitete. Sogar ich hob meine Hand und rief: »Kelly, ich liebe dich! Ich möchte so sein wie du!«
Hinter ihr stieg ein Mann aus, in dem ich ihren Ehemann Luke Halliwell erkannte. Die beiden hatten vor Kurzem erst geheiratet. Ganz anders als auf den Fotos trug er einen dunklen Anzug mit einer Fliege und schwarz glänzende Designerschuhe. Kelly drehte sich zu ihm um. Er legte den Arm um ihre Schultern, und sie küssten sich. Sie machten einen absolut glücklichen Eindruck auf mich. Ich war von Kelly und Luke schon lange fasziniert, aber jetzt festigte sich meine Überzeugung, dass man als Star ein glückliches Leben führen konnte.
Während ich auf und ab hüpfte und winkte, dachte ich darüber nach, wie schön es doch wäre, berühmt zu sein. Dann hätte ich bestimmt auch einen lieben Mann, tolle Freunde und genug Geld, um mir eine größere Wohnung und ein Auto leisten zu können. Bestimmt würde ich auch in der Lage sein, nach Paris, in die Stadt der Liebe, zu reisen, Rom und Florenz zu besuchen und in London den Kensington Palace zu besichtigen.
Ich war so in meine Tagträume versunken, dass ich nicht auf die gedrungene Frau mit Fotokamera und dunkelbrauner Lederjacke achtete, die plötzlich rückwärts aus der Menschenmenge hervorschoss. Sie rempelte mich an, ich trat einen Schritt zurück, stolperte über den Randstein, und fiel der Länge nach in eine Pfütze. Mein schwacher Schrei ging im tosenden Lärm unter.
Aber die Frau, die mein Fuß während des Fallens gestreift hatte, schrie: »Kannst du nicht aufpassen, du Trampel? Hier ist kein Platz für Zuckerpüppchen, die Profis bei der Arbeit behindern!«
Ich hatte mir nicht wehgetan, nur meine Bluejeans und der Mantel waren nass geworden, aber die Demütigung fraß sich in meine Brust. Wieder einmal war jemand grundlos auf mir herumgetrampelt, dabei war ich mir keiner Schuld bewusst.
Ich rappelte mich auf, wischte mir über das Gesicht, und sah gerade noch, wie Kelly und Luke über die Treppe zum Eingang hinaufschwebten und durch die Drehtür verschwanden.
Mist, das Wasser war mir auch in die Halbschuhe gelaufen. Ich machte einen Bogen um die drängelnde Meute und stemmte mich gegen den aufgekommenen eisigen Wind. Jetzt würde ich zuerst zu Hause die Kleider wechseln müssen und käme zu spät zu meiner Verabredung mit Rose.
Während ich nach Hause rannte, schrieb ich Rose eine Nachricht, dass ich mich verspäten würde. Trotz des Ärgers schwelgte ich weiterhin in der Erinnerung an diese unverhoffte Begegnung mit meinem Idol. Heute Abend würde ich auf Instagram einen Kommentar hinterlassen, wie ich es auch schon auf Pinterest getan hatte: »I wanna be her.«
Weshalb hatte ich noch keinen tollen Mann gefunden und mit ihm Kinder bekommen? War ich bisher zu wählerisch gewesen? Natürlich war da Bobby Joe gewesen und Tanner Doyle und ein paar weitere. Aber ich hatte sie alle abblitzen lassen. Der eine war mir zu sehr mit Football beschäftigt gewesen, der andere jagte und zeigte mir immer Fotos von seinen erlegten Tieren, die mir fast das Herz brachen, und der dritte redete pausenlos über Lastwagen. Vielleicht hätte ich doch ein wenig mehr Interesse zeigen sollen.
Ich betrat meine Wohnung, und wechselte rasch meine durchnässten Kleider. Dann schaute ich in den Spiegel und nahm mir vor, den nächsten Mann, der mir Beachtung schenkte, genauer anzuschauen und an mich heranzulassen. Schließlich wollte ich nicht als alte Jungfer sterben.
Rose saß schon an einem Tisch. Ihre schwarzen, schulterlangen Haare glänzten feucht, ihren funkensprühenden dunklen Augen und ihrem verkniffenen Mund nach zu urteilen, stand sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch.
»Hey, sorry, dass ich dich habe warten lassen«, sagte ich und ließ mich ihr gegenüber auf einen Stuhl sinken.
Sie bedachte mich mit einem sauren Blick. »Seit einer halben Stunde drücke ich mir den Hintern platt. Was hast du so lange getrieben?«
Rasch erzählte ich von meiner Begegnung mit Kelly Sparks und dem nachfolgenden Missgeschick. Das heiterte sie ein wenig auf, immerhin war auch sie ein Fan von Kelly Sparks. Doch ihr Musikstil war wilder. Ich liebte Balladen und Pop, sie sang mit ihrer rauen Stimme Rock’n’Roll.
An der Theke bestellten wir unsere Sandwiches und kehrten an unsere Plätze zurück. Schließlich mampften wir genüsslich, während Rose ununterbrochen redete. Zwischendurch fragte ich mich, wie sie es anstellte, zu reden wie ein Wasserfall und dennoch ihr Sandwich schneller gegessen zu haben als ich.
»Gibt es schon Neuigkeiten über deine leiblichen Eltern?«, sagte sie und leckte ihre Fingerspitzen ab.
Ich tupfte mir die Mundwinkel mit der Serviette ab und schüttelte den Kopf. »Die Adoptionsbehörde recherchiert noch. Hoffe ich zumindest. Jeden Tag erwarte ich eine Antwort, denn die Ungewissheit nagt an mir wie ein Biber an einem Baumstamm.«
»Aber du hast doch eine patente Familie. Weshalb machst du dir solch einen Stress? Ist doch egal, wer dich in die Welt gesetzt hat. Also, mich würde das nicht kümmern.«
»Du kannst das nicht verstehen«, sagte ich leise. »Für mich fühlt es sich an, als wäre ich ein Baum in einem fremden Garten. Ich muss einfach herausfinden, wer ich wirklich bin und von wem ich abstamme. Nur so macht die Zukunft für mich Sinn.«
Eine fünfköpfige Gruppe Jugendlicher erhob sich unter so lautem Lachen und Geschepper, dass eine Unterhaltung unmöglich war. Ich sah ihnen zu, wie sie das Lokal verließen und wandte mich dann wieder Rose zu. »Auch wenn mich meine Mom liebt, möchte ich doch meine wirkliche Mutter kennenlernen. Und meinen Vater. Jedes Mädchen möchte die Anerkennung seines Vaters haben.«
Rose fegte die Krümel vom Tisch und knüllte ihre Serviette zusammen. »Du machst dir zu viele Gedanken, Amber. Mein Vater hat meine Mutter und meinen Bruder verprügelt. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Nächte ich voller Angst auf seine Rückkehr gewartet habe, wenn er abends ausgegangen war und spätnachts blau nach Hause kam und randaliert hat.« Ich kannte ihre Geschichte. Als wir uns in der zweiten Klasse zum ersten Mal begegnet waren, war ihr Vater gerade zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Dass er seine Familie geschlagen hatte, war nur eines seiner Vergehen gewesen. Roses Mutter hatte sich von ihm scheiden lassen und war nach Spartanburg umgezogen.
Sie griff in ihre Tasche. »Ich hab da noch was.« Der Flyer von GALENT kam zum Vorschein. »Eine Casting-Show, zu der wir uns anmelden sollten. Der Gewinner lebt einen Monat in L.A. als Star, mit Limousinen, Partys, tonnenweise Designerklamotten und einem persönlichen Mitarbeiterstab.«
Die Tür ging auf und ein junger Mann, fast noch ein Teenager, betrat das Lokal. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich ihn, als er an der Theke ein Sandwich und einen Becher Bier bestellte. Ganz so jung konnte er also doch nicht sein.
Ich blickte Rose an. »Ich weiß, Erin hat es mir heute auch gerade unter die Nase gehalten. Aber meine Antwort ist Nein. Ich trete nie wieder auf. Außer, ich würde mich verlieben.« Dann lachte ich. »Aber man muss ja Single sein. Also, Nein.«
Rose schob mir den Flyer hin. »Denk mal in Ruhe darüber nach. Du hast eine tolle Stimme, du kennst alle Songs von Kelly Sparks und viele weitere. Wir könnten es doch wirklich versuchen. Vielleicht komme ja ich dann weiter, und dann musst du dich nicht mehr auf der Bühne quälen.«
»Du bist verrückt. Ich bekomme schon Schweißausbrüche, wenn ich nur das Wort Bühne in Zusammenhang mit meinem Namen höre.« Ich trank aus und schob den Flyer zu ihr zurück.
»Magst du noch ein Dessert? Vielleicht einen Cupcake und Tee?«, sagte Rose. Sie angelte ihr Portemonnaie aus der Umhängetasche und sah mich fragend an.
»Ja, gerne. Einen mit rosa Zuckerguss und hellblauen Kügelchen. Dazu einen Grüntee.«
»Kommt sogleich«, rief sie, stand auf und drehte sich mit einem übermütigen Schwung herum, direkt auf den jungen Mann zu, den ich zuvor schon beobachtet hatte und der jetzt sein Tablett zielstrebig zu einem freien Platz trug.
»Vorsicht!«, rief er erschrocken aus und versuchte auszuweichen, aber es war schon zu spät. Sie hatte ihm die Schulter ins Tablett gerammt. Das Sandwich flog in Einzelteile zerlegt davon, und das Bier ergoss sich über sie beide.
»Das tut mir schrecklich leid, wirklich«, stammelte Rose. Ihr Gesicht hatte sich ziemlich rot eingefärbt. »Warte, ich hol dir gleich ein paar Servietten und ein neues Sandwich.«
Zuerst war ich starr vor Schreck, dann musste ich mich zusammenreißen, um nicht über die Komik der Situation laut loszulachen. Sie standen da wie zwei begossene Pudel, was den Kern der Sache sogar ziemlich genau traf.
»Setz dich so lange auf meinen Platz. Du hattest ein Chicken-Curry mit gebratenem Speck und Salat, nicht wahr? Und ein dunkles Bier?«
Er setzte sich verdattert und blinzelte Rose an. »Ja, aber das ist doch nicht …«
»Doch, doch, keine Widerrede! Ich trage die volle Verantwortung für das Desaster und mache es wieder gut.« Damit rannte sie zur Theke.
Der Mann mochte in meinem Alter sein. Als er hereingekommen war, hatte er auf mich wie achtzehn oder neunzehn gewirkt. Aus der Nähe betrachtet erkannte ich, dass er eher gegen dreißig ging. Seine dunkelbraunen Haare waren etwas zerzaust. Auf seiner Stupsnase trug er eine runde Nickelbrille, hinter der schokocremige Augen hervor lächelten. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob er einen Dreitagebart trug oder einfach unrasiert war.
Ich strich mir eine lange, blonde Strähne aus dem Gesicht und sagte entschuldigend: »Meine Freundin ist oft etwas stürmisch.«
Er streckte mir seine Hand hin. »Hi, ich bin Chris.«
Ich ergriff seine Finger, und ein leicht erregender Schauer durchrieselte mich. Seine Stimme klang sehr angenehm, nicht zu tief, nicht zu hoch. Und er sprach deutlich und doch flüssig.
»Hi Christopher, ich bin Amber.«
Er zog die Hand mit einem irritierten Blick zurück. Hatte ich sie aus Versehen zu lange gehalten?
»Nur Chris.«
»Ich verabscheue Abkürzungen und Spitznamen.«
»Nun gut, für dich würde ich eine Ausnahme machen, Amber.« Er grinste und in seinen Wangen entstanden zwei absolut süße Grübchen, die mit dem Grübchen in seinem Kinn konkurrierten.
Irgendwie musste ich die Unterhaltung am Laufen halten, damit er noch mehr sprach. »Bist du zum ersten Mal in diesem Laden, Christopher?«
»Ja, ich bin noch ganz neu in dieser Stadt.«
»Spartanburg ist eine tolle Ortschaft. Wir sind stolz auf unser kulturelles Leben.«
»Kultur, hm. Nicht so mein Ding. Was gibt es hier alles?«
»Wir haben Theater, Kunstgalerien, ein Kunstmuseum, Konzerte, literarische Lesezirkel und vieles mehr.«
»Football, Baseball?«
Ich zuckte die Schultern. »Unsere Mannschaften geben sich Mühe, aber damit können wir nicht punkten.«
Er lachte, fröhlich und melodiös. »War nur ein Witz. Sport ist Mord, sage ich immer.«
»Was magst du denn?«
»Gutes Essen, James Blunt, ein Bier mit ein paar Kumpels. Die muss ich mir hier allerdings erst wieder suchen. Aber viel Zeit bleibt mir nicht für solche Aktivitäten. Ich arbeite sehr viel, am liebsten abends.«
»Ach so, ein Workaholic. Was bist du von Beruf?«
Rose kam mit einem neuen Sandwich und einem Bier zurück und stellte es lautstark auf den Tisch. »Es hat leider ein wenig gedauert. Aber ich habe gesehen, dass du dich mit Amber bestens unterhalten hast.« Sie warf mir einen säuerlichen Blick zu. Sofort beschlich mich ein schlechtes Gewissen. Bestimmt hätte sie gerne zuerst mit Christopher gesprochen.
»Christopher, das ist Rose – Rose, Christopher. Du kannst ihn Chris nennen.«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »So viel hast du schon aus ihm herausgequetscht? Also Chris, willst du nach hinten rutschen, dann setze ich mich auch dazu. Oh, jetzt habe ich die Cupcakes vergessen. Ich bin gleich wieder zurück.« Wie ein Gummiband schnellte sie hoch und eilte nochmal zur Theke.
Christopher biss in sein Sandwich und blickte mir immer wieder kurz in die Augen, während er aß. Er schluckte hinunter und sagte: »Wo waren wir stehengeblieben?«
»Was du beruflich machst.«
»Ach, richtig.« Anstatt weiterzusprechen, trank er einen großen Schluck Bier und biss wieder ab. Da bemerkte er, dass er so nicht sprechen konnte, schaute mich entschuldigend an, und drehte mit dem Zeigefinger neben seinem Mund. »Ich bin Informatiker. Es ist mein Hobby und mein Beruf.«
»Oh, tatsächlich? Ich habe auch Informatik studiert.«
»Höre ich da ein aber?«
Ich blickte auf meine Hände. »Ich stecke an einem Helpdesk fest und helfe den Kunden bei der Bedienung von Programmen.«
»Weshalb wechselst du nicht den Job?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich tue mich schwer mit Veränderungen. Und die Stadt zu verlassen kann ich mir nicht vorstellen. Da müsste schon etwas Großartiges geschehen.«
»Was denn?«
»Keine Ahnung. Ich würde sie für eine Gesangskarriere verlassen.«
»Singst du?«
Ich nickte. »Ja.«
Er kniff die Augen zusammen. »Aber nicht etwa Arien und solches Zeug?«
Lachend sagte ich: »Nein, ich mag Balladen und Pop-Songs. Kelly Sparks ist meine Lieblingssängerin, die ich vorhin zufällig getroffen habe, und ich singe alle ihre Lieder.«
»Dann kennst du Freckles?«
»Ja, das ist mein absoluter Lieblingssong.«
Er hatte sein Sandwich aufgegessen, und Rose war noch immer nicht aufgetaucht. Ich reckte den Kopf, konnte sie aber an der Theke nicht erblicken. Vermutlich war sie aufs Klo gegangen, um das Bier von ihrem T-Shirt zu waschen.
Christopher wischte sich den Mund und die Hände an der Serviette ab. »Ich geh dann mal wieder. Hab noch zu tun. War schön, mit dir zu plaudern, Amber.« Er stand auf, und nahm das Tablett. »Mach’s gut.«
»Aber …« Ich wollte ihn noch nicht gehen lassen. Es war so schön, mit ihm zu sprechen. Doch dann siegte die Vernunft über mein Verlangen. »Ja, klar, du musst noch arbeiten. Tschüs.«
Kaum war er weg, kam Rose von der Toilette zurück. »Ich hab das Dessert immer noch nicht, musste zuerst für kleine Mädchen. Wo ist der Typ denn hin?«
»Er hat noch zu tun und musste gehen.«
Sie ließ sich auf ihren Platz fallen. »Das war nicht nett von dir, ihn gleich so in Beschlag zu nehmen.«
»Aber du warst ja gar nicht da.«
»Trotzdem, ich hatte nicht mal die Chance, mit ihm ein paar Takte zu sprechen.«
Ich blickte versonnen zur Seite. »Er war sehr nett«, flüsterte ich. »So würde ich mir den Mann fürs Leben vorstellen.«
»Hast du seine Telefonnummer?«, feixte sie.
Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie ich rot wurde. »Nein, daran habe ich nicht gedacht.«
Sie grinste. »Typisch Amber.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich verpasse jede Gelegenheit. Und hinterher ärgere ich mich wieder, dass ich nichts unternommen habe.«
Rose hatte keine Lust mehr auf Dessert, und mir war sie auch vergangen. Sie heizte mir nochmal ein, mich unbedingt anzumelden, sonst könne sie für nichts mehr garantieren. Mir war klar, dass sie unsere Freundschaft meinte, in der ich recht einseitig von ihr abhängig war.
»Ja, okay, ich …«
»Super! Das ist die richtige Entscheidung.«
»… werde mit meinen Eltern darüber beraten. Mein Dad hat ein sicheres Urteilsvermögen.«
Der nächste Tag begann schon ziemlich ruppig, als mein Telefon auf Leitung 3, der Helpdesk-Nummer, summte. Ich drückte den Knopf und sagte meine Ansage auf: »MegaSolutions, Spartanburg, mein Name ist Amber Ames, wie kann ich Ihnen helfen?«
Eine Stimme der Kategorie »unlustiger Besserwisser« nölte mir aus dem Headset entgegen: »Hi, bin ich da bei MegaSolutions?«
»Ja, kann ich Ihnen bei einem unserer Programme behilflich sein?«
»Ich habe das Buchhaltungsprogramm heruntergeladen und bin entsetzt über die dilettantische Aufbereitung der Bilanz. Weshalb werden die Kontonummern gedruckt? Was geht das die Steuerverwaltung an, welches Konto ich für meine Geschäftsspesen verwende?«
»Sir, haben Sie die Einstellungen überprüft? Sie können die Funktion dort nach Ihren Wünschen einstellen.«
»Die Einstellungen sind ein einziger Misthaufen. Haben Sie schon mal was von Ergonomie und intuitiver Nutzerführung gehört?«
»Danke für Ihre Ratschläge. Kann ich Ihnen sonst noch behilflich sein?«
»Ich habe die Feedbackfunktion aufgerufen. Aber da läuft man in einen internen Serverfehler rein.«
»Können Sie mir das Fehlerprotokoll schicken? Damit könnte ich Ihnen rasch weiterhelfen.«
»Ich soll auch noch für Sie arbeiten und Ihre Fehler dokumentieren? Hören Sie, ich habe dafür keine Zeit. Ich erwarte einfach, DASS DAS PROGRAMM LÄUFT. Ist das klar?«
Ich atmete tief durch und zählte bis vier. Bei einfacheren Anschuldigungen genügte es meist, bis eins oder zwei zu zählen. Dies war ein harter Brocken. Aber einmal hatte mich ein Kerl der Kategorie ›nuschelnder Nichtversteher‹ so auf die Palme gebracht, dass ich bis acht zählen musste, bevor ich ihm eine adäquate Antwort geben konnte. Diesen hier würde ich schon in den Griff bekommen. »Es tut mir leid, wenn Sie mit unserem Buchhaltungsprogramm Unannehmlichkeiten hatten. Wenn Sie mir Ihre Lizenznummer nennen, kann ich eine Rückerstattung veranlassen.«
»Welche Lizenznummer? Ich habe diesen Schrott zum Glück noch nicht gekauft. Es ist mein zweiter Tag des Probemonats.«
»Ach so, dann können Sie das Programm einfach löschen, wenn es Ihnen nicht gefällt. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?« Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob ich ihm noch Zucker ins …, aber so vulgär konnte und wollte ich nicht sein.
Stacy am Schreibtisch gegenüber grinste zu mir herüber und fuchtelte mit der waagrechten Hand vor ihrer Kehle herum. Ihrer Meinung nach hatte ich wieder einmal viel zu lange Geduld mit dem Anrufer gehabt. Aber zeichnet es nicht einen guten Helpdesk aus, dass er jeden Kunden wie einen König behandelt? Erst recht, wenn er noch nicht mal Kunde im engeren Sinn war, aber es vielleicht noch werden könnte?
Mein Wahrscheinlich-nicht-Kunde räusperte sich. »Nein, ich glaube, das wär’s dann gewesen.« Und damit legte er auf. Ich drückte ebenfalls auf die rote Aus-Taste, zog das Headset vom Kopf und rieb mir die heißen Ohren.
Zu spät. Stacy hackte bereits in die Kerbe. »Hey, Dumbo, deine Ohren glühen ja, als hätten sie Fieber.«
Schnell fuhr ich mir durch die Haare, um meine peinlichen Lauscher wieder zu verstecken. Seit ich mich erinnern konnte, war ich deswegen durch alle Schulstufen hindurch gehänselt worden. Das war ein weiterer Grund, weshalb ich die Haare lang trug.
Um zehn Uhr trudelten die ersten Informatiker ein. Die meisten von ihnen arbeiteten lieber abends oder gar von zu Hause aus. Weil das hier möglich war, war MegaSolutions auch ein sehr beliebter Arbeitgeber.
»Hast du gewusst, dass heute ein Neuer anfängt?«, sagte Stacy und steckte sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. Seit sie mit dem Rauchen aufgehört hatte, schien sie süchtig nach diesen Dingern zu sein.
»Nein, wer ist es denn?«
»Irgendein Chris Soundso. Ich konnte mir den Nachnamen nicht merken. Es klang italienisch.«
War das ein Zufall der besonderen Art? Gestern Abend lernte ich einen Programmierer namens Christopher kennen, der neu in der Stadt ist, und heute fing hier ein Chris als Programmierer an?
»Hast du ihn schon gesehen?«
Stacy schüttelte den Kopf. »Aber er sollte jeden Moment auftauchen.«
Leroy Andersen, der Firmeninhaber, den alle Mr Andersen nannten – in Anlehnung an Neo, den Programmierer im Film Matrix – kam herein. »Guten Morgen, ihr Hübschen. Was gibt’s Neues an der Helpdesk-Front?«
»Amber hat gerade einen reizenden Super-DAU (Dümmster anzunehmender User) am Telefon gehabt, der unser kostbares Juwel als Schrott bezeichnet hat«, trällerte Stacy.
Ich warf ihr einen vernichtenden Blick zu, aber sie registrierte ihn nicht einmal.
Grunzend blätterte Mr Andersen das ausgedruckte Protokoll des gestrigen Tages durch und murmelte: »Diese verdammte Schnittstelle. Es wird Zeit, dass wir einen Spezialisten bekommen, der sich der Sache ein für alle Mal annimmt.«
»Ich kann Schnittstellen programmieren.« Huch, ich hatte mich gemeldet. Zwar nicht lautstark, aber immerhin.
Doch er schenkte mir keine Beachtung und richtete sich auf. »Gebt mir Bescheid, wenn der Neue ankommt. Ich will ihn persönlich durch die Firma führen.«
»In Ordnung, Chef. Möchten Sie einen Kaffee?«
Ich hätte Stacy ohrfeigen können. Ständig war sie vorlaut und schleimte sich bei Mr Andersen ein. Es war mir klar, dass wir beide Anwärter auf einen der begehrten Informatikerposten waren. Und sie war mir immer ein wenig voraus.
»Das wäre sehr lieb von dir, Stacy. Solche Mitarbeiter habe ich gern.« Er warf mir einen schrägen Blick zu und verschwand.
»Das war nicht nett von dir, Stacy.«
»Du bist nicht die Einzige, die Schnittstellen programmieren kann«, fauchte sie. »Zudem sitze ich schon länger an diesem blöden Helpdesk als du, weshalb ich zuerst einen anderen Posten bekommen werde.«
Ich schrieb meinen Rapport zu Ende und nahm eine Benutzerliste, um sie mit der Versandliste des neusten Releases abzugleichen.
»Und zudem hast du ja noch gar keine praktische Programmiererfahrung. Die wollen nur erprobte Mitarbeiter.«
»Bring du Mr Andersen jetzt seinen Kaffee. Ich habe zu arbeiten.« Ich beugte den Kopf demonstrativ über meine Listen, um Stacy loszuwerden. Es funktionierte, und endlich zog sie davon.
Als ich allein war, drehte ich mich mit dem Stuhl herum, bis ich zum Fenster hinaussehen konnte. Es regnete schon wieder, Bindfäden diesmal. Es war zum Verzweifeln. Ich schaffte es einfach nicht, vom Chef ernst genommen zu werden. Rose hatte mir erst neulich geraten, um einen Gesprächstermin zu bitten und ihn dann direkt darauf anzusprechen. Vielleicht sollte ich diesem Ratschlag folgen. Sonst säße ich womöglich noch in zehn Jahren hier und müsste mich mit nörgelnden Nuschlern herumschlagen.
Als ich hörte, dass die Tür aufgestoßen wurde, drehte ich mich herum und sah direkt in die warmen Augen von Christopher aus der Chickensandwich-Bar. Ich versuchte, etwas zu sagen, aber vor lauter Überraschung war mein Kopf wie leergefegt.
»Hallo, Amber! Gibt es denn einen solchen Zufall? Ich wusste nicht, dass du hier arbeitest.« Er schob sich mit dem linken Mittelfinger die Brille höher auf die Nase.
»Äh, ja, hallo Christopher.« Schon wieder spürte ich, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. »Dann bist du also der Neue.«
Er nickte lächelnd. »Ja, scheint so zu sein. Bei wem soll ich mich denn melden?«
Endlich fiel die Schockstarre von mir ab und ich wurde wieder lebendig. »Ich soll dich bei Mr Andersen anmelden, wenn du kommst. Möchtest du dich so lange setzen, bis er kommt?«
Er blickte sich um und schüttelte den Kopf. »Nein, ich steh ein bisschen rum.«
Ich setzte das Headset auf und wählte Mr Andersens Nummer. »Hi, Christopher ist hier.«
»Welcher Christopher?«, fragte er abwesend.
»Christopher, wie heißt du noch?«
»Lombardo.«
»Christopher Lombardo, der neue Programmierer. Soll ich ihn zu Ihnen führen?«
»Ja, mach das.«
Ich legte auf und zog das Headset ab. »Ich bringe dich zu ihm. Er will dir den Laden selber zeigen.«
»Und wie muss ich das verstehen?«
»Als große Ehre. Normalerweise schwebt er in höheren Sphären aus Bits und Bytes.«
Christopher lief hinter mir her. Ich musste die Chance ergreifen und Mr Andersen ansprechen. Vielleicht hatte ich ja Glück. Wenn ich es geschickt anstellte, konnte mir Christopher als Türöffner dienen. Es wäre toll, wenn ich über ihn endlich an einen Programmiererjob herankommen würde.
»Wir sind hier«, sagte ich über die Schulter und öffnete die Tür zu Mr Andersens Büro. Es war ein großer, quadratischer Raum, in dessen Mitte ein enormer Schreibtisch stand, auf dem drei Bildschirme thronten. Darüber hinaus war der Raum vollgestopft mit Bücherregalen, die von Akten, Programmierhandbüchern, CDs und DVDs überquollen. Eine antike Art-Deco-Lampe schwebte über den Monitoren und verbreitete ein gemütliches, gelbliches Licht. Mr Andersen hing in einer halb liegenden, schiefen Haltung in seinem ledernen Chefsessel und bewegte nur den Zeigefinger auf der Maus. Seine Augen hatten schon eine fast viereckige Form angenommen und huschten auf dem mittleren Monitor hin und her.
Ich klopfte an den Türrahmen, um auf uns aufmerksam zu machen. Wenn sich Mr Andersen in der Matrix befand, musste man ihn sanft herausholen, sonst wurde man Zeuge eines überschäumenden Vulkans.
Als er aufblickte, trat ich einen Schritt ein und winkte Christopher herein. »Christopher Lombardo ist hier.«
Er rieb sich über die Augen, blinzelte und stand auf. »Komm herein, Chris. Ich bin froh, dass du endlich hier bist. Wir brauchen dringend einen fähigen Mann, der diese Schnittstelle zum Laufen bringt.«
Christopher ging an mir vorbei und gab Mr Andersen die Hand. Beim Vorübergehen streifte er meinen Arm und ich roch sein dezentes Parfüm. Sofort stellten sich alle Härchen an mir auf, und ein Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, das ich schon lange nicht mehr verspürt hatte. Christopher war anders als andere Männer. Er löste in mir Sehnsucht und eine Unternehmungslust aus, die mich zu kühnen Träumen verleiten konnten.
»Was gibt’s noch, Amber?«, sagte Mr Andersen mit einer hochgezogenen Augenbraue.
»Ich wollte … also, ich möchte Sie um eine Gespräch bitten.«
»Worum geht’s?«
Ich warf einen flüchtigen Blick auf Christopher. »Das möchte ich lieber mit Ihnen persönlich besprechen.«
»Hör zu, meine Helpdesk-Amber, ich habe keine Zeit für Gespräche. Sag jetzt, was du von mir willst, oder lass es sein.«
Es war noch viel schlimmer, als ich befürchtet hatte. Trotzdem räusperte ich mich und sagte mit zittriger Stimme: »Ich bin ausgebildete Informatikerin und verstehe mich sowohl auf Schnittstellen als auch auf alle möglichen Kommunikationsprotokolle.«
Mr Andersen runzelte die Stirn und schaute mich ungehalten an. »Hab ich das heute nicht schon einmal gehört?«
Ich nickte und trat von einem Fuß auf den anderen. »Ja, vorhin, als Sie bei uns das Helpdesk-Protokoll durchgesehen haben«, flüsterte ich beinahe. Mein Mut hatte mich vollkommen verlassen und ich wollte nur noch raus hier.
»Du bist noch nicht so lange hier und musst dich erst noch bewähren. Ich erwarte mehr Einsatz. Wann hast du das letzte Mal freiwillig eine Samstagsschicht übernommen?«
»Ich … Stacy und ich wechseln uns regelmäßig ab.«
»Nun denn, ich habe jetzt keine Zeit, weiter darüber zu sprechen. Melde dich in ein paar Monaten wieder bei mir. Dann sehen wir weiter.«
Die ganze Zeit hatte Christopher still daneben gestanden. Jetzt fing ich seinen betroffenen Blick auf. Wenn ich noch länger hierblieb, würde ich weinen müssen. Deshalb drehte ich mich um und verließ rasch das Büro. Was hatte ich mir nur gedacht? Dass er mich mit offenen Armen empfangen und mir einen Programmierplatz anbieten würde? Aber er hätte mich zumindest ernst nehmen können.
Nun drückten sich doch ein paar Tränen aus meinen Augen. Da bog Stacy mit einem Aktenstapel im Arm um die Ecke.
»Was ist los, Amber? Warst du beim Chef drinnen? Ich hab dir doch gesagt …«
Wortlos ließ ich sie stehen und schloss die Tür von unserem Büro hinter mir.
Ich ließ mich auf meinen Stuhl fallen, putzte mir die Nase, wischte die Tränen ab und atmete ein paar Mal tief durch. Dann zählte ich bis zehn, so aufgewühlt war ich, und konnte mich danach wieder meiner Arbeit zuwenden.
Dennoch blieb ein Gemisch aus Wut und Frustration zurück, das ich nicht so schnell los wurde. Immer wieder passierte es, dass ich nicht beachtet wurde. Leute wie Mr Andersen rollten über mich hinweg, als sei ich lediglich eine Schwelle am Boden, oder eine Dreckscholle, die man zur Seite kickte. Ich konnte mir Mühe geben, soviel ich wollte, ich erhielt niemals Anerkennung dafür. Wenn ich für andere da war und für sie einsprang, war das selbstverständlich und man erwartete noch mehr von mir.
Stacy kam mit einem Glas Orangensaft aus der Küche herein. »Hör mal Amber, mein Bruder hat angerufen und gefragt, ob ich nächstes Wochenende auf unsere Mutter aufpassen kann. Du weißt ja, sie ist ziemlich dement und benötigt Beaufsichtigung.«
Ich stöhnte innerlich. »Letztes Wochenende musstest du deinen Wagen zu einem befreundeten Mechaniker zum Service bringen. Und das Wochenende davor – ich hab vergessen, weshalb ich da für dich eingesprungen bin.«
»Bitte, Amber, du hast bei mir wirklich und definitiv was gut. Es ist sehr wichtig, dass ich Mom besuchen kann. Tust du das für mich? Danke! Du bist ein Schatz.« Sie warf mir ein Luftküsschen zu und nippte an ihrem Glas, während sie sich setzte und sich am Computer zu schaffen machte. Wahrscheinlich las sie den neusten Modeklatsch in ihrem Onlineportal für Frauen.
Ich ließ die Schultern fallen. »Okay, Stacy. Dafür legst du das nächste Mal ein gutes Wort bei Mr Andersen für mich ein.«
Sie machte eine gönnerische Handbewegung. »Klar, abgemacht.«
Mir fiel wieder einmal auf, dass ich mich zwar ständig für andere einsetzte, ich aber niemanden hatte, dem ich etwas bedeutete. Ob Christopher dieser Jemand sein könnte? Wie gestern Abend, waren wir auch heute wieder an einer vernünftigen Unterhaltung gehindert worden.
Aber das musste sich doch irgendwie ändern lassen. Irgendwie wollte ich seine Aufmerksamkeit erregen, sodass wir mehr als drei halbpatzige Sätze miteinander reden konnten.
Am Samstag machte ich um vier Feierabend. In der Verwaltung arbeitete an diesem Tag niemand, was man von der Programmierabteilung nicht sagen konnte. Dort traf man ab zehn Uhr morgens bis weit nach Mitternacht immer irgendwelche Freaks an, die auf ihrer persönlichen Arbeitswelle ritten. Am Mittag hatte Christopher den Kopf kurz hereingestreckt und gesagt, er müsse nur rasch einen Stick holen. Ob er noch da war? Ich zog die Jacke an und ging durch die stillen Flure zu den Codern hinüber, wie sie sich selber gerne nannten.
Das Großraumbüro lag schon im Dämmerlicht des anbrechenden Abends. Nur an Christophers Platz war die Tischlampe an und über seinen bläulichen Bildschirm flimmerte ein Bandwurm von Codezeilen. Er hatte die Ärmel seines Sweatshirts bis über die Ellbogen hochgeschoben, hielt einen Bleistift zwischen Oberlippe und Nase fest, kratzte sich mit der linken Hand langsam am Nacken und scrollte mit der rechten durch seine Arbeit.
Ich räusperte mich. »Ähm, Christopher. Soll ich das Licht einschalten?«
Wie aus tiefer Trance blickte er auf und drehte langsam den Kopf in meine Richtung. »Uh, ah, Amber, du bist es.« Dabei fiel ihm der Bleistift von der Lippe herunter. Er bückte sich ächzend danach. »Wie spät ist es? Ich habe meine Uhr vergessen.«
Ich musste lächeln. »Bald Viertel nach vier. Neben der Tür, direkt über mir, hängt übrigens eine riesengroße Bürouhr. Auf deinem Computer unten rechts wird die Zeit ebenfalls angezeigt. Und wenn du nach draußen schautest, würdest du bemerken, dass es dämmert. Es ist Samstagabend, und normale Menschen machen jetzt Feierabend, um zu essen, ins Kino zu gehen oder sich mit Freunden zu treffen.«
Er lehnte sich nach hinten und streckte sich. »Du hast absolut recht. Ich war so vertieft. Muss den vertrackten Fehler suchen, der uns alle in den Wahnsinn treibt. Was hast du heute Abend vor?«
»Ich gehe zu meinen Eltern.«
»Na gut, dann arbeite ich weiter. Zuhause erwartet mich niemand.« Er verzog den Mund zu etwas zwischen einem süßen Lächeln und einem Grinsen.
Er tat mir irgendwie leid. Sollte ich ihn einladen, mitzukommen? Wenn ich neu in einer Stadt wäre und niemanden kennen würde, wäre ich vielleicht auch froh darum. Andererseits hatten wir noch nie mehr als eine Handvoll Sätze miteinander geredet. Da konnte ich ihn unmöglich zu Hause vorstellen. Als was auch?
Er schien mein Zögern bemerkt zu haben. »Geh nur, ich komme schon zurecht.« Dann drehte er sich zu seinem Bildschirm um und versank wieder in seine kausalen Zusammenhänge.
»Okay, schönes Wochenende.«
»Hi, Mom und Dad! Wo seid ihr?«
»In der Küche, Schätzchen!«, ertönte die Stimme meiner Mutter.
»Auf dem Weg nach oben!«, rief mein Vater, während er die Treppe vom Untergeschoss heraufstieg. Er trat aus der Tür, stellte eine Flasche Wein ab und breitete seine Arme einladend aus. Wie schon als Kind ließ ich meine Tasche fallen und stürzte in seine Umarmung.
Er gab mir einen Kuss auf die Wange. »Lass dich anschauen.« Er trat einen Schritt von mir zurück und besah mich von oben bis unten. »Ich hatte schon fast vergessen, wie du aussiehst.«
Lachend gab ich ihm einen Klaps auf den Arm. »Ach Dad, das zieht bei mir nicht mehr.« Ich streifte die Schuhe von den Füßen und hängte die Jacke an die Garderobe.
»Hast du gearbeitet?«
Ich nickte. »Stacy bat mich schon wieder, für sie den Samstag zu übernehmen.«
»Schon wieder?«
»Ja, etwa das dritte oder vierte Mal in Serie.«
»Du musst dich wehren.«
»Wenn ich endlich einen Job als Programmiererin bekommen will, muss ich meinen guten Willen beweisen.«
»Aber Stacy ist doch deine Kollegin? Was sagen die Vorgesetzten dazu?«
»Sie ist Mr Andersens Liebling, hat aber auch noch keine Beförderung bekommen.«
Dad hob die Flasche auf und legte mir den Arm um die Schultern, während er mich zur Küche dirigierte. »Heute Abend wollen wir feiern und fröhlich sein.«
»Ist was Besonderes?« Ich runzelte die Stirn, als ich nachdachte, ob ich einen Jahrestag übersehen haben könnte.
Er lächelte und drückte mich. »Du bist nach Hause gekommen. Ist das kein Grund zum Feiern?« Bei Dad fühlte ich mich immer geborgen. Mit wenigen Gesten drückte er stets aus, wie sehr er mich liebte. Ich merkte plötzlich, wie einsam ich mich in letzter Zeit in meiner Wohnung gefühlt hatte.
»Hey, Amber. Willkommen zu Hause!« Mom nahm die Hände aus dem Waschbecken, in dem sie gerade Salat wusch, trocknete sie sich an ihrer Schürze ab, und umarmte mich ebenfalls. »Isst du auch genug? Mir scheint, du hast seit dem letzten Mal wieder abgenommen. Nimmst du auch die Vitamine, die ich dir gegeben habe?«
Ich wehrte lachend ab. »Mom, erdrück mich nicht gleich. Ich bleibe den ganzen Abend hier, wenn ihr wollt.«
»Na, und ob. Bob, hast du den Wein hochgebracht?«
»Jawohl, Ma’m!« Er stellte ihn grinsend auf die Anrichte. »Sonst noch was, Ma’m?«
»Amber möchte sich vielleicht frisch machen. Ich bin in fünf Minuten mit dem Essen soweit.«
»Wo sind Hayden und Megan?«, fragte ich.
»Hayden ist mit ein paar Kumpels weggefahren und Megan kommt später nach Hause.«
»Oh, schade. Dann geh ich rasch ins Badezimmer hinauf.«
Nach dem Essen fühlte ich mich satt und zufrieden wie ein gestillter Säugling. Ich erledigte mit Mom den Abwasch, während Dad Teewasser aufsetzte. Kurz darauf saßen wir auf dem Sofa, in dessen Kissen ich, wie schon als Kind, versank, und knabberten Teegebäck. Was würde ich tun ohne diese liebevollen Eltern? Auch wenn es mich seit einiger Zeit drängte, meine leiblichen Eltern kennenzulernen, fühlte ich mich nur hier zu Hause und geborgen. Ich sah Dad zu, wie er ein Plätzchen in den Tee tunkte und es dann genüsslich und geräuschvoll verspeiste. Mom warf ihm einen missbilligenden Blick zu, enthielt sich aber eines Kommentars. Soweit ich zurückdenken konnte, liebte er es, seine Plätzchen auf diese Weise zu essen, während Mom ihm immer wieder mal vorhielt, er solle sich doch bitte etwas zivilisierter benehmen. Was er mit einem gutmütigen Grinsen quittierte und ungestört damit weitermachte.
Nachdem Dad das letzte Plätzchen aufgelöst und verputzt hatte, trank er seine Tasse aus und sagte: »So, Amber, nun erzähl uns doch, was dein Herz bedrückt.«
Ich zog die Füße auf die Sitzfläche hoch und kuschelte mich an Moms Schulter. Auch das würde sich wohl nie ändern, dass Dad immer merkte, wenn mich etwas beschäftigte. Mom nahm meine Hand und streichelte sie.
»Wisst ihr noch, als ich damals in der Highschool diesen Auftritt hatte?«
»Ja, klar, wie könnten wir das vergessen?«
»Ich war so gedemütigt. Und das ganze Gerede und Gehänsel hinterher. Wochenlang war ich die Witzfigur der ganzen Schule.«
»Wie kommst du darauf? Sind die alten Wunden wieder aufgebrochen?«, sagte Dad.
»Ja, deswegen.« Ich zog den gefalteten Flyer aus der Hosentasche und gab ihn Mom, die ihn an Dad weiterreichte. »Erin schlug vor, ich solle an der Castingshow teilnehmen. Und Rose machte mir diese Woche auch Stress deswegen. Sie bekniete mich regelrecht, mich mit ihr zusammen anzumelden.«
Dad las den Flyer durch und konnte ein Stirnrunzeln nicht ganz unterdrücken. »Wenn du das nicht willst, musst du es auch nicht tun. In der Praxis hatte ich schon einige Patienten, die in solchen Shows aufgetreten und gescheitert sind und hinterher mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten. Man kann sich gar nicht vorstellen, was das mit einem macht, öffentlich gelobt, kritisiert oder vernichtet zu werden.« Er schenkte sich noch eine Tasse Tee ein und griff auch wieder in die Plätzchenbüchse.
»Aber das Zeug dazu hättest du schon, Schätzchen«, sagte Mom. »Bevor du am Bühnenbild hängengeblieben bist, hast du den ganzen Saal verzaubert mit deiner Stimme und deiner Bühnenpräsenz.«
Ich wischte mit dem Handrücken über meine Stirn. »Es war so schrecklich. Nicht genug, dass das Bühnenbild zusammenstürzte, ich stand auch noch in meiner gepunkteten Unterwäsche vor meinen Klassenkameraden. Als hätte ich am ganzen Körper Sommersprossen oder die Masern. Ab da nannten sie mich lange nur noch Freckles.«
»Dramatisierst du das nicht ein wenig zu sehr? Wenn du dich überwinden könntest, würdest du merken, dass das kalter Kaffee ist und du jetzt Amber Ames bist, eine junge talentierte Frau.«
»Bedräng sie doch nicht, Elaine. Sie muss es selber spüren, ob es für sie das Richtige ist.« Das Tunken und Schlürfen ging wieder los. »Aber die viel wichtigere Frage ist doch, ob es dir nicht fehlt. Ich habe den Eindruck, dass du wie eine Pflanze im Schatten bist, die sich nach Sonne und Licht sehnt. Bist du glücklich?«
Ich zuckte die Schultern. Das hatte ich mich in letzter Zeit auch oft gefragt. Bei Erin im Gesangsunterricht blühte ich auf, wenn ich singen und tanzen konnte. »Bei der Arbeit ist es schwierig. Ich würde gerne meine Fähigkeiten einsetzen, aber ich versauere am Helpdesk. Wenn ich singen kann, blüht meine Seele auf. Dann ist es, als würde ich aus dem Nebel auf eine sonnenbeschienene, unter tiefblauem Himmel liegende Bergspitze steigen.«
Am Hintereingang wurde die Tür mit Gepolter geöffnet. »Hallo, ist jemand zu Hause?«, rief Megan, und man hörte ihr an, dass sie aufgeregt war.
Mom und Dad antworteten gleichzeitig: »Im Wohnzimmer!«
Megan stürzte wie eine Naturgewalt herein. »Amber, das ist ja der Wahnsinn! Ich find das absolut der Hammer!« Sie ließ sich in einen Sessel fallen und angelte sich ein Plätzchen.
Ich sah sie irritiert an. »Megan, wovon sprichst du?«
»Wovon wohl? Ich mach fast den Handstand, weil du dich angemeldet hast!«
Ein mulmiges Gefühl schlich sich in meine Magengrube. Was meinte Megan? »Ich habe mich nirgends angemeldet. Was ist los?«
»Du stehst bei der ›Famous in L.A.‹-Show als Teilnehmerin auf deren Homepage.«
Ich musste sie wohl ziemlich entgeistert angesehen haben. Sie ließ ihre Beine über die Sofalehne baumeln und extrahierte die Haselnüsse aus dem Plätzchen. »Was? Hast du dich nicht angemeldet?«
»Nein!«, rief ich aus. »Soeben haben wir darüber gesprochen, dass ich da nicht mitmachen will, obwohl mich Erin und Rose dazu drängen wollten.« Ich sprang auf. »Mom, wo hast du dein iPad? Ich muss das mit eigenen Augen sehen.«
»In der Kommode, zweite Schublade.«
Ich nahm es heraus und rief die Seite auf. »Ah, hier sind die Teilnehmer.« Ich scrollte nach unten, bis ich an meinem Bild hängen blieb, das mir skeptisch entgegenblickte. »Das gibt’s doch nicht! Davon wusste ich überhaupt nichts. Wer könnte das getan haben?« Natürlich kannte ich die Antwort.
»Sieht verdächtig nach Rose aus«, sagte Megan, während sie eine weitere Nuss aus einem Plätzchen klaubte und dem Depot auf dem Couchtisch hinzufügte.
»Aber das kann sie doch nicht machen!« Meine Kehle begann sich zusammenzuziehen. Die ganzen Ängste, die ich all die Jahre mehr oder weniger erfolgreich verdrängt hatte, drangen wieder auf mich ein.
»Heul doch nicht, nimm’s locker«, sagte Megan. »Eine solche Chance bekommst du nur einmal im Leben. Pack sie und werd berühmt.«
»Meggy, das ist nicht lustig«, schaltete sich Dad jetzt ein. »Wenn sie nicht soweit ist, sollte sie es nicht tun. Die Schäden wären immens, wenn sie nochmal ein solches Trauma erleben würde.«
Ich stand auf. »Ich muss telefonieren. Dad, kann ich ins Büro gehen?«
»Ja, mach nur.«
Noch während ich hinüberging, wählte ich Roses Nummer. Als sie dranging, sagte ich: »Warst du das, Rose?«
Sie lachte vergnügt. »Wenn du dich nicht angemeldet hast, muss es wohl so sein.«
»Aber das kannst du nicht machen! Ich will dort nicht auftreten. Nochmal werde ich mich nicht bis aufs Unterhemd blamieren. Melde mich sofort wieder ab, hörst du?«
»Hey Amber, sei kein Spielverderber. Unser Castingauftritt findet in drei Wochen statt. Bis dahin sind wir mit unseren Songs sattelfest.«
»Rose!« Ich senkte meine Stimme. »Du. Meldest. Mich. Wieder. Ab.«
Sie seufzte. »Jetzt schlaf erst mal darüber. Morgen sieht es schon nicht mehr so schlimm aus. Das schaffst du locker.«
»Hör mir einmal im Leben zu! Ich werde dort nicht auftreten und du meldest mich wieder ab. Mach es rückgängig. Sonst …«
»Sonst? He, das sind ja ganz neue Töne von dir. Was sonst?«
Jetzt hatte sie mich erwischt. Ich wollte ihr drohen, aber ich war es doch, die auf ihr Wohlwollen angewiesen war. Ich konnte ihr nicht drohen. Das käme einem sozialen Selbstmord gleich.
»Ach, nichts. Bitte, mach es einfach rückgängig.«
Bevor sie wieder etwas entgegnen konnte, legte ich auf. Ein paar Sekunden später rief sie wieder an. Aber ich drückte ihren Anruf weg und schaltete das Handy aus.
Ich blieb auf Dads Ledersessel sitzen. Rose hatte mich hintergangen. Ich war schwer enttäuscht. Das konnte sie einfach nicht mit mir machen. Niemals würde ich dort vorsingen und mich zum Affen machen. Wenn sie mich nicht abmeldete, würde ich es eben tun. Es gab keine Anmeldung, die man nicht wieder annullieren konnte. Gleich morgen würde ich mich darum kümmern.
Als ich am Freitagabend das Portal zum Saal Nummer 11 im Spartanburg Marriott Hotel durchquerte, trat ein lächelnder Kellner auf mich zu und hielt mir ein chromglänzendes Tablett mit gekühlten Champagner-Gläsern und Orangensaft entgegen. »Bedienen Sie sich, bitte!«
»Danke«, sagte ich, nahm mir einen Orangensaft und lächelte zurück. »Champagner auf leeren Magen führt zu peinlichen Situationen.«
Christopher war schon hier und stand mit seinen Programmiererkollegen zusammen. Auch Michelle, die einzige weibliche Coderin, war dort und … flirtete mit Christopher. Oder war es etwa gegenseitig? Insgeheim hatte ich gehofft, ihn an diesem Abend besser kennenzulernen. Aber wieso sollte er mich auch beachten? Ich nahm mir vor, mich nicht von Gefühlen leiten zu lassen, und hob die Hand ein wenig zum Gruß, als er mir zuwinkte. Dann suchte ich mir einen Platz am Langweilertisch mit John und Mary aus der Buchhaltung, Patrick, dem Juristen und Rory, der Putzfrau.
Mr Andersen eröffnete das Bankett. »Geschätzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Dieser 11. November ist nicht nur wegen dem Heiligen Sankt Martin ein besonderer Tag, oder weil heute in Deutschland der Karneval beginnt.« Er machte eine Pause und nickte der distinguiert aussehenden Dame neben sich am Tisch zu. »Nein, der heutige Tag stellt einen großartigen Wendepunkt in der Geschichte meines Unternehmens dar. Die Dame zu meiner Rechten ist eine Investorin aus Deutschland, die das Potenzial meiner Firma entdeckt hat und sie auf ein internationales Level heben will. Wir heißen Sie in Spartanburg herzlich willkommen, Frau Irina Jaeger-Tauber!« Er klatschte und wir alle fingen ebenfalls an zu klatschen.
Ms Jaeger schob ihren Stuhl zurück und stand auf. Ihre dunkelblonden Haare trug sie wie die derzeitigen weiblichen Vorbilder aus Wirtschaft und Politik. Ein dezentes Make-up gab ihrem Gesicht ein wenig Kontrast. Darüber hinaus stand sie zu den Fältchen, die ihr das Alter eingeprägt hatte. Sie strich ihren uni pfirsichfarbenen Blazer glatt und schaute uns mit ihren blassblauen Augen stechend an. »Eine große Frau aus Österreich, dem Nachbarland meiner Heimat, Marie von Ebner-Eschenbach, hat den weisen Spruch gesagt: ›Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun‹.«
Plötzlich schoss ihre Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorn und beschrieb einen Halbkreis, der uns alle mit einschloss. »Sie haben gezeigt, dass Sie können, denn Sie haben ein starkes Buchhaltungsprogramm geschaffen, es weiterentwickelt und im Südosten der USA etabliert. Leroy Andersen ist ein genialer Entwickler und Visionär, aber seine Leidenschaft ist nicht die Verwaltung, sondern das Austüfteln neuer Applikationen.« Sie schaute Mr Andersen an und lächelte. Auf mich wirkte es jedoch eher wie das Lächeln eines Haifischs, bevor er den Thunfisch verschluckt. »Darf ich das so sagen, Leroy?« Er nickte lachend. »Hier komme ich ins Spiel. Ich habe das Potenzial Ihrer Firma erkannt. Sie sprüht vor Leben, die Ideen pulsieren wie heißes Blut durch die Adern eines feurigen Araberhengstes vor dem Start eines Rennens. Diesen schlafenden Vulkan werden wir wecken, das Angebot ausbauen und verfeinern, unrentable Zweige abschneiden, zukunftsträchtige Applikationen hinzufügen und Sie zur Nummer Eins in Amerika, Europa und Asien machen!«
Im Saal hörte man nur noch das Keuchen der Klimaanlage, so hatte sie uns alle in ihren Bann gezogen. »Stellen Sie sich auf eine anstrengende Zeit ein. Ich werde Ihnen das Letzte abverlangen. Seien Sie kreativ und arbeiten Sie hart! Überzeugen Sie mich, überraschen Sie mich … begeistern Sie mich!« Wieder machte sie eine Kunstpause, in der nicht der geringste Mucks zu hören war. »Es gibt heute Abend einige hier, die das nächste Jahr nicht überstehen werden. Das macht nichts. Nicht alle sind aus dem harten Holz geschnitzt, das es braucht, um mithalten zu können.« Einige rutschten unbehaglich auf ihren Stühlen herum. »Aber den anderen, den Siegertypen, sage ich: Willkommen im Team! Wir werden der Welt eine Softwarelösung präsentieren, die die Arbeit in den Büros auf den Kopf stellen wird. Das Herzstück wird ein immenser Cloud-Cluster sein, auf dem die Applikation läuft. Die neue Software wird skalierbar sein. Ein Einmanngärtner kann seine Buchhaltung ebenso damit erledigen, wie ein internationaler Pharmakonzern. Maximale Automation, mobile Arbeitsplätze und ein absolut papierloses Büro werden die größten Errungenschaften sein, die wir der Menschheit zur Verfügung stellen werden.« Sie schwieg und sah uns durchdringend an.
Unter ihrem Blick erschauerte ich und fragte mich, was das kommende Jahr für mich bringen würde. Würde ich zu den abgeschnittenen Zweigen gehören? Hätte ich jetzt die Chance, an der Entwicklung des Programms als Coderin mitzuarbeiten? Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als endlich meine Fähigkeiten einsetzen zu können. Ich blickte in Christophers Richtung. Auch er schaute gebannt zu der neuen Investorin, die allem Anschein nach mehr als nur eine Geldgeberin sein würde.
»Sind Sie bereit, alles zu geben und zum Rumpfteam eines aufgehenden Sterns am Softwarehimmel zu gehören?«
Da und dort wurde zaghaft geklatscht.
Sie stemmte die Hände in die Hüften. »Sind Sie bereit?«, rief sie mit aufblitzenden Augen.
»Ja!«, riefen wir, und nun brauste Applaus auf. Auch mich erfasste die euphorische Welle. In diesem Moment glaubte ich, alles erreichen zu können, und freute mich, dazuzugehören.
Ms Jaeger lächelte zufrieden, klopfte Mr Andersen auf die Schulter und setzte sich.
»Danke, Frau Jaeger.«
Mir fiel auf, dass er das deutsche »Frau« benützte, was aus seinem Mund sehr drollig tönte.
»Lassen wir jetzt die Zukunftspläne liegen und widmen wir uns dem Essen! Bitte bedienen Sie sich am Büfett und genießen Sie den Abend. Guten Appetit!«
Ich ließ den anderen den Vortritt und stand hinten an. Der Hunger und die lecker angerichteten Speisen ließen mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
John drehte sich zu mir um und flüsterte schief grinsend: »Mr Andersen muss wohl der deutschen Walküre imponiert haben.«
»Ich bin das erste Mal bei einem Mitarbeiterabend dabei. Was gab es früher?«
»Normalerweise haben wir im Spätsommer ein Barbecue. Aber dieses Jahr waren sie wohl zu beschäftigt, Fehler im Programm auszubügeln, um die Grillparty organisieren zu können.«
Ich nickte unverbindlich. John war ein alleinstehender, etwa vierzigjähriger, untersetzter, glatzköpfiger Mann mit einer Hornbrille, die immer so verschmiert war, dass ich sie ihm am liebsten abgenommen und geputzt hätte. Und im Sommer trug er weiße Polyesterhemden, sodass man noch nach fünf Minuten riechen konnte, wenn er mit einem Stapel Computerausdrucken durch den Flur geschlurft war. Aber ich beurteilte Menschen nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach ihrem Verhalten.
Als ich endlich an der Reihe war, stellte ich erfreut fest, dass es Kürbissuppe gab. Ich nahm eine Schale voll, verzierte die Oberfläche mit Sahne in Form eines Smileys und balancierte damit an meinen Platz zurück.
Da kam mir Christopher mit einem breiten Lächeln entgegen, der seinen ersten Gang schon hinuntergeschlungen hatte. »Hi Amber, vorhin haben wir uns nur von Weitem gesehen.«
Das Blut schoss mir ins Gesicht. »Hallo, Christopher.« In diesem Moment schob Dennis, einer der Techniker, seinen Stuhl mit Schwung zurück, direkt in mich hinein. Ich stolperte, nahm wie in Zeitlupe Christophers erschrockenen Gesichtsausdruck wahr, und verlor meine Suppenschale aus den Händen. Normalerweise war ich übervorsichtig und erkannte Gefahren meilenweit im Voraus. Aber den sattgelben Klecks, der sich von meiner Bluse über den Rock bis hinunter zu meinen Schuhen zog, hatte ich nicht mehr verhindern können.
»Oh, oh, tut mir leid, Amber. Ich hab dich gar nicht gesehen«, sagte Dennis. »Kann ich dir helfen? Natürlich bezahle ich die Reinigung.«
Mir war das Ganze mehr als peinlich. Nun stand ich im Mittelpunkt, was ich doch sonst immer zu vermeiden wusste. »Nein, es geht schon. Ich war tollpatschig.«
Christopher und ich sahen uns an, und prusteten dann los. Er sagte keuchend: »Haben wir da ein Abo abgeschlossen, dass es bei jedem Treffen einen Zusammenstoß gibt?« Dann wandte er sich an Dennis. »Würdest du jemanden vom Personal rufen? Ich begleite Amber zur Toilette.«
Ich kicherte. »Willst du mit mir in die Damentoilette kommen oder soll ich mit dir in die Herrentoilette gehen? Nein, lass nur, kein Problem.«
Plötzlich stand Rory neben mir. »Ich begleite dich, Kleines.«
»Oh, danke.« Ich stellte die Suppenschale beim Büfett auf einen Teller, um das Tischtuch nicht dreckig zu machen, und ging mit Rory zur Toilette. Sie sagte lächelnd: »Schließlich ist das Putzen mein Fachgebiet, wenn ich auch nicht jeden Tag mit Kürbissuppe auf weißen Blusen zu tun habe.«
Nach den Reinigungsbemühungen mit reichlich Wasser war das Resultat nicht wirklich befriedigend. »Hm, hast du eine Jacke, die du darüber anziehen könntest?«
»Nein, das macht mir nichts aus«, sagte ich. »Danke für deine Hilfe.«
Als wir zu unserem Tisch zurückkehrten, gab mir Mary ihr Jäckchen. »Zieh das darüber, ich brauch es gerade nicht.«
»Danke, Mary. Ihr kümmert euch ja rührend um mich. Aber für mich ist es absolut kein Problem.«
»Doch, ich bestehe darauf. Schließlich schaut Christopher ständig zu dir herüber.« Sie zwinkerte mir zu. »Du willst doch nicht, dass er dir wegen dem Klecks ständig auf den Busen starren muss.«
Irritiert schüttelte ich den Kopf. »Nein, aber jetzt habe ich total Kohldampf. Ich wage nochmal einen Versuch am Büfett.« Ich zog das Jäckchen an und schaute zu Christopher.
Er lächelte mir zu und aß weiter, als müsste er ein Wettrennen gewinnen.
Wie Mary es vorhergesehen hatte, stand schon bald Christopher neben mir. »Hey, alles in Butter?«
»Ja, Rory hat ihr Möglichstes getan, aber Kürbissuppe geht nicht so einfach raus.«
»Dennis ist ein Träumer.«
Ich lud Kartoffelsalat, ein gebratenes Rippchen und mit Frischkäse gefüllte Tomätchen auf meinen Teller. »Er kann nichts dafür, ich habe nicht aufgepasst.«
Er belud einen Teller mit seinem dritten Gang: gegrilltes Hähnchen, gegrillte Hühnerbruststreifen, gegrillte gemischte Spießchen und eine Löffelspitze Kartoffelbrei. »Nimmst du immer alle Schuld auf dich?«
Er begleitete mich zu meinem Tisch und setzte sich neben mich auf Johns Platz, der am Tisch bei den Vertriebsleuten mit Cassy, der Grafikerin, quatschte. »Möchtest du Wein? Der Rote hier kommt vom Napa Valley, ein auserlesener Tropfen.«
»Ja, aber nur ganz wenig zum Anstoßen.«
Wir prosteten uns zu, dann stillte ich endlich meinen Hunger. »Mmh, herrlich«, stieß ich zwischen zwei Bissen hervor.
»Gefällt es dir am Helpdesk eigentlich?«
Erst schluckte ich hinunter, dann sagte ich: »Der Job an und für sich ist okay. Aber ich bin Informatikerin und warte auf meine Chance.«
»Oh stimmt, das hast du ja erwähnt. Was sagt Mr Andersen dazu?«
Ich zuckte die Schulter. »Er ignoriert mich.«
