Fang des Tages - Kristan Higgins - E-Book

Fang des Tages E-Book

Kristan Higgins

4,9
6,99 €

Beschreibung

Männer gibt’s wie Sand am Meer - nur die Richtigen scheinen um Maggie einen großen Bogen zu machen. Bis der attraktive Hummerfischer Matthew in ihr Leben tritt … Ein Roman in bester Bridget Jones-Tradition von Kristan Higgins! Maggie ist dreißig, chaotisch und Single. In einer typischen Ostküsten-Kleinstadt wahrlich kein Vergnügen! Das letzte Mal, dass sie den Mann ihrer Träume gefunden zu haben glaubte, hatte sie sich ausgerechnet in den neuen Priester von Gideon’s Cove verguckt - und die halbe Stadt mit ihrer Schwärmerei amüsiert. Die Lage ist ernst und Maggie allmählich verzweifelt. Bis ihr suchender Single-Blick auf Matthew Malone fällt. Augen so blau wie das Meer - der Fang des Tages? Oder angelt Maggie wieder einmal treffsicher nach dem falschen Traumprinzen?

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Seitenzahl: 512

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

Kristan Higgins

Fang des Tages

Roman

Aus dem Amerikanischen von

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Cora Verlag GmbH & Co. KG,

Valentinskamp 24, 20350 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2011 by MIRA Taschenbuch

in der CORA Verlag GmbH & Co. KG

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Catch of the Day

Copyright © 2007 by Kristan Higgins

erschienen bei: MIRA Books, Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Bettina Steinhage

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf;

Thinkstock/Getty Images, München

ISBN (eBook, PDF) 978-3-86278-063-1 ISBN (eBook, EPUB) 978-3-86278-062-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

Dieses Buch ist meinen Schwestern Hilary Murray

und Jacqueline Decker gewidmet.

Ihr seid meine besten Freundinnen,

und ich liebe euch sehr.

PROLOG

Mich in einen katholischen Priester zu verlieben, war nicht gerade meine klügste Idee.

Natürlich ist mir das mit dem Ehelosigkeits- und Keuschheitsgelübde „um des Himmelreichs willen“ sehr wohl bewusst. Ich weiß, dass die Sehnsucht nach einem Priester nicht gerade die Chancen steigert, dem Mann meines Lebens zu begegnen. Und für den Fall, dass ich diese unerhebliche Tatsache einmal vergessen sollte, habe ich eine ganze Stadt, die mich wieder daran erinnert.

Das Problem ist nur: Selbst wenn jemand so offensichtlich nicht der Richtige für dich ist, kann er trotzdem … nun ja, perfekt sein. Und abgesehen von diesem einen massiven Detail verkörpert Pfarrer Tim O’Halloran meinen Traummann. Liebenswürdig, humorvoll, charmant, intelligent, tüchtig. Er mag dieselben Kinofilme wie ich. Er liebt mein Essen. Er macht mir häufig Komplimente und lacht über meine Witze. Die Menschen in meiner Heimatstadt liegen ihm am Herzen, er hört sich ihre Probleme an und gibt freundliche Ratschläge, wenn man ihn darum bittet. Noch dazu stammt er aus Irland, das Tüpfelchen auf dem i, sozusagen, weil ich seit meinem ersten U2-Konzert mit sechzehn für irische Jungs schwärme. Und so stelle ich mir ständig vor, was für ein toller Ehemann Pfarrer Tim wäre – auch wenn er von sich aus nie etwas in dieser Hinsicht gesagt oder getan hat. Ich bin nicht gerade stolz darauf, aber so ist es.

Vor Pfarrer Tim hatte ich bereits andere romantische Verirrungen, obwohl er wahrscheinlich das schillerndste Kapitel der absurden Geschichten darstellt, die mein Liebesleben ausmachen. Zunächst einmal hat man es nicht leicht als alleinstehende Frau in Gideon’s Cove, Maine, Einwohnerzahl 1407. Statistisch gesehen ist das Verhältnis zwischen Männern und Frauen ausgewogen, sodass für jede Frau theoretisch ein Mann zur Verfügung steht. Doch Statistiken können täuschen. Unsere Stadt liegt in Washington County, dem nördlichsten Küstenbezirk unseres wunderbaren Staates. Wir sind zu weit von Bar Harbour entfernt, um Touristen anzuziehen, obwohl wir in der unleugbar schönsten Ecke der Vereinigten Staaten leben. Häuser mit grauen Dachschindeln liegen malerisch um den Hafen, und die frische, klare Luft riecht nach Salz und Kiefern. Wir sind eine relativ altmodische Kleinstadt – die meisten Leute leben entweder von der Fischerei, vom Hummerfang oder von der Blaubeerindustrie. Es ist ein hübscher Ort, aber abgelegen, etwa dreihundert Meilen nördlich von Boston und fünfhundert von New York City. Neue Leute kennenzulernen, gestaltet sich äußerst schwierig.

Doch ich tue mein Bestes. Das habe ich schon immer getan. Natürlich hat es den einen oder anderen Mann in meinem Leben gegeben. Und ich lasse mich auch fröhlich verkuppeln und zu Blind Dates schicken, wenn man sie mir vorschlägt. Wirklich. Ich besitze das einzige Imbisslokal am Ort, Joe’s Diner, sodass ich ständig jede Menge Leute treffe. Und ich arbeite ehrenamtlich – tatsächlich rackere ich mir ehrenamtlich den Allerwertesten ab. Ich bringe Essen zu den Alten und Gebrechlichen. An Dienstagabenden koche ich für die Suppenküche und bringe fast täglich all meine Reste vorbei. Ich liefere das Essen für die monatlichen Treffen der Feuerwehr. Ich organisiere Altkleidersammlungen und Spendenaktionen und biete das Catering für so gut wie jedes wichtige Ereignis zu minimalem Profit an, sofern es einem guten Zweck dient. Ich bin eine wertvolle Stütze der Gesellschaft, und ich will es auch gar nicht anders haben.

Allerdings muss ich zugeben, dass mich auch ein niederes, egoistisches Motiv leitet: Ich hoffe, dass meine guten Taten und fröhliche Gesinnung jemandem auffallen … vielleicht einem wohlhabenden und gut aussehenden Enkel des älteren Herrn, dem ich Essen bringe, oder einem neu zugezogenen freiwilligen Feuerwehrmann, der zufällig auch noch … ach, ich weiß nicht, vielleicht Vorstandsmitglied bei Oxfam ist und hauptberuflich Gehirnchirurg?

Nun ja, der wohltätige Neurochirurg ist bislang ausgeblieben, und so war ich letztes Jahr mit sage und schreibe einunddreißig Jahren noch Single ohne jegliche Aussicht auf Änderung – bis ich Pfarrer Tim begegnete.

Ich war mit dem Fahrrad im Quoddy State Park unterwegs. Wir hatten einen für März erstaunlich warmen Tag, es war windstill, und bei etwa fünf Grad taute der Schnee. Den Großteil des Tages hatte ich eingemummelt in meiner Wohnung verbracht, aber dann schien eine kleine Fahrradtour genau das Richtige. In mehrere Schichten Fleece und Mikrofaser gehüllt, fuhr ich durch die frische Luft in die beginnende Dämmerung. Mit der typisch neuenglischen Unvorhersehbarkeit, zog dann ein stürmischer Eisregen aus dem Westen auf. Ich war noch gute zehn Meilen von der Stadt entfernt, als ich mit dem Fahrrad auf einer Eisplatte ins Rutschen kam. Ich rollte einen Abhang hinunter und landete in einer eiskalten, matschigen Schneekuhle. Ich war nicht nur dreckig, nass und durchgefroren, ich hatte mir außerdem das Knie verletzt und die Hose zerrissen.

Ganz in Selbstmitleid versunken, schob ich mein Fahrrad mühsam den Abhang hinauf, und in diesem Moment kam doch tatsächlich ein Auto vorbei. „Hilfe! Halt!“, schrie ich, aber wer auch immer im Wagen saß, hörte mich nicht. Oder er hörte mich und hatte Angst vor mir, weil ich wie eine entsprungene Irre aussah. Ich beobachtete, wie die Rücklichter des blauen Hondas in der Ferne verschwanden, und stellte erschrocken fest, dass es schon ziemlich dunkel geworden war.

Da ich kaum eine andere Wahl hatte, humpelte ich mit meinem verletzen Knie weiter. Plötzlich hielt ein Pick-up neben mir, und noch ehe ich erkennen konnte, wer es war, packte der Fahrer mein Fahrrad und hob es auf die Ladefläche. Mit zusammengekniffenen Augen meinte ich, Malone auszumachen, den wortkargen, etwas unheimlichen Hummerfischer, dessen Boot im Hafen neben dem meines Bruders lag. Möglicherweise nuschelte er so etwas wie „Einsteigen!“, und ich krabbelte unbeholfen in die Fahrerkabine. Im Geiste hörte ich die Stimme aus dem Off … Maggie Beaumont wurde zuletzt an einem dunklen und stürmischen Nachmittag auf dem Fahrrad gesehen. Ihre Leiche wurde nie gefunden.

Um meine Nervosität zu überspielen, redete ich ununterbrochen, bis wir Joe’s Diner erreichten. Ich wies ausdrücklich darauf hin, dass Jonah mein Bruder sei, erzählte, dass ich eine kleine Fahrradtour gemacht hätte (auch wenn das ziemlich offensichtlich war), dass ich auf den Wetterbericht hätte hören sollen, dass ich gestürzt sei (wiederum offensichtlich), dass es mir leidtue, dass ich sein Auto verschmutzte, und so weiter und so fort.

„Vielen Dank, Malone, das war wirklich nett von Ihnen“, plapperte ich weiter, als er mein Fahrrad von der Ladefläche hob. „Sie sollten mal vorbeikommen und ein Stück Kuchen probieren. Ich habe guten Kuchen. Und auch Kaffee. Das geht dann aufs Haus, okay? Das bin ich Ihnen schuldig. Nochmals vielen Dank. Ganz toll. Danke. Tschüss. “ Malone sprach kein einziges Wort, hob nur die Hand und fuhr davon.

Während ich seinem Truck hinterhersah, sprach ich ein Gebet. „Lieber Gott, ich will mich ja nicht beschweren, aber ich finde, ich habe ziemlich viel Geduld bewiesen. Ich will doch nur einen anständigen Mann, der zu mir hält und unseren Kindern ein guter Vater ist. Was sagst Du dazu?“

An all das kann ich mich so gut erinnern, weil am darauffolgenden Tag – exakt am darauffolgenden Tag –, als ich aus der Küche kam, in der hintersten Sitznische des Lokals der weitaus attraktivste Mann saß, den ich bis dato gesehen hatte. Mittelgroß, hellbraune Haare, grüne Augen, breite Schultern, schöne Hände. Er trug einen hübschen irischen Seemannspullover und Jeans. Als er lächelte, bekam ich beim Anblick seiner strahlend weißen Zähne weiche Knie. Ein hoffnungsvoller Schauer der Lust rann über meinen Körper.

„Hallo, ich bin Maggie“, sagte ich und überprüfte mental kurz mein Aussehen. Neue Jeans, gut. Blauer Pulli, okay. Haare? Gewaschen.

„Tim O’Halloran. Erfreut, Sie kennenzulernen“, erwiderte er, und ich schmolz dahin. Ein irischer Akzent! Wie Liam Neeson! Colin Farrell! Bono!

„Möchten Sie eine Tasse Kaffee?“, erkundigte ich mich, froh, dass meine Stimme noch funktionierte.

„O ja, gern. Wirklich sehr gern!“ Er lächelte mich offen an. Während ich vor Freude errötete, sah ich draußen auf dem Parkplatz den blauen Honda. Du lieber Gott, es war der Mann, der an mir vorbeigefahren war!

„Hören Sie, ich glaube, ich habe Sie gestern Abend gesehen!“, rief ich aufgeregt. „Sind Sie gegen fünf Uhr auf der 1A Richtung Stadt gefahren? Ich war nämlich mit meinem Fahrrad gestürzt und hatte versucht, Sie anzuhalten. “

„Das war tatsächlich ich“, antwortete er und runzelte nachdenklich die Stirn. „Wie konnte ich Sie nur übersehen? Können Sie mir das wohl verzeihen, meine Liebe?“

Schon passiert. „Ach was, machen Sie sich keine Gedanken. “ Er hatte wunderschöne Augen, grün und golden, wie weiches Moos im Sonnenschein. „Wirklich. Das ist … Machen Sie sich keine … Das ist in Ordnung. Also. Was … äh … was möchten Sie frühstücken?“

„Was können Sie denn empfehlen, Maggie?“, fragte er zurück, und es klang so verdammt sexy – dieser Akzent gepaart mit einem hintergründigen Lächeln und flirtenden Augen …

„Ich würde empfehlen, dass Sie öfter herkommen“, entfuhr es mir. „Äh … Die Muffins sind selbst gemacht und kommen gerade aus dem Ofen. Und unsere Pfannkuchen sind die besten der ganzen Stadt. “ Es sind auch die Einzigen in der Stadt, aber egal.

„Dann nehme ich die Pfannkuchen, danke. “ Er lächelte zu mir auf und schien keine Eile zu haben, mich loszuwerden. „Sie arbeiten hier also?“

„Ehrlich gesagt gehört mir das Lokal“, erwiderte ich, glücklich, dieses Detail gleich geklärt zu haben. Ich bin nicht nur eine Bedienung, sondern die Chefin. Die Besitzerin.

„Ach, tatsächlich? Wie schön! Das ist ein alteingesessenes Lokal, nicht wahr?“

„Ja. Es ist ein Familienunternehmen. Mein Großvater, der ‘Joe’ in Joe’s Diner, gründete es im Jahr 1933. “

„Interessant. “

„Und Sie, Tim? Was führt Sie nach Gideon’s Grove?“, fragte ich, bevor mir einfiel, dass er vielleicht Hunger hatte. „Warten Sie, tut mir leid, ich gebe eben schnell Ihre Bestellung auf. Entschuldigung. Bin gleich zurück!“

Ich raste in die Küche, gab die Bestellung an meinen Koch Octavio weiter und schlitterte an Tims Tisch zurück, ohne die drei Gäste zu beachten, die in unterschiedlichen Stadien der Ungeduld an der Theke warteten.

„Tut mir leid. Sie möchten bestimmt etwas essen. “

„Nun ja, es gibt ein paar Dinge, die schöner sind als essen, und mit Ihnen zu reden gehört sicher dazu. “

Lieber Gott, Du bist der Beste! Danke, dass Du mich erhört hast! „Danke. Äh … also, ich hatte Sie gefragt, was Sie in die Stadt geführt hat. Etwas Geschäftliches?“

„So könnte man es sagen, Maggie. Ich bin …“

In diesem Moment geschah das Fatale. Georgie Culpepper, mein Tellerwäscher, kam ins Lokal gestürzt. „Hallo, Maggie!“, rief er. „Wie geht’s dir, Maggie? Es ist schön heute da draußen, oder, Maggie? Ich habe schon Schneeflocken gesehen! Willst du, dass ich jetzt die Teller abwasche, Maggie?“ Dann schlang er seine Arme um mich und drückte mich ganz fest.

Für gewöhnlich sind Georgies Umarmungen sehr angenehm. Seit dem Kindergarten habe ich dieses Vergnügen. Georgie hat Downsyndrom, ist mächtig anhänglich und aufreizend fröhlich, einer der nettesten und glücklichsten Menschen, die ich kenne. Doch just in jenem Moment wollte ich seinen drängenden Kopf nicht an meiner Brust haben. Während ich versuchte, mich zu befreien, und Georgie mir weiterhin von den Wundern des Frühlings erzählte, beantwortete Tim meine Frage. Aber ich hörte ihn nicht.

Endlich konnte ich Georgie abschütteln und klopfte ihm auf die Schulter. „Hallo, Georgie. Tim, das ist Georgie Culpepper, er arbeitet hier. Unser Goldstück, stimmt’s, Kumpel?“ Georgie nickte stolz. „Georgie, das ist Tim. “

Georgie begrüßte auch Tim mit einer Umarmung, die herzlich erwidert wurde. Glücklicher Georgie. „Hallo, Tim! Schön, Sie kennenzulernen, Tim! Wie geht’s Ihnen, Tim?“

„Sehr gut, danke, mein Freund. “

Ich strahlte. Was konnte deutlicher von einem guten Charakter zeugen, als wenn jemand wusste, wie er mit Georgie Culpepper umgehen musste? Sofort erweiterte ich die bereits beeindruckende mentale Liste von Tim O’Hallorans positiven Eigenschaften: gut aussehend, charmant, irischstämmig, hat Arbeit, kommt gut mit Behinderten zurecht.

„Ich wette, Octavio macht dir gleich Rührei“, sagte ich zu Georgie.

„Rührei! Das ist toll. “ Obwohl Georgie jeden Tag Rührei isst, kann er sich jedes Mal aufs Neue dafür begeistern. Er schlurfte in die Küche, und ich blieb neben Tim stehen. „Tja. Also. Das klingt interessant“, sagte ich in der Hoffnung, er würde noch einmal näher erläutern, welchen Job er nun eigentlich genau machte. Doch das tat er nicht. Octavio klingelte, und ich ging, um die Pfannkuchen zu holen.

„Kann ich Ihnen sonst noch etwas bringen?“ Allmählich bekam ich wegen meiner wartenden Stammgäste ein schlechtes Gewissen.

„Nein, nein, herzlichen Dank, Maggie. Es war äußerst nett, mich mit Ihnen zu unterhalten. “

Aus Angst, es könnte das letzte Mal gewesen sein, platzte ich heraus: „Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder?“ Bitte, bitte sag nicht, dass du verheiratet bist!

„Ich fahre heute noch nach Bangor zurück, aber am Samstag werde ich endgültig hierher ziehen. Sie gehören nicht zufällig zur Gemeinde von St. Mary?“

„Doch!“ Jede Verbindung war hilfreich, und sei sie noch so vage …

Dann sehe ich Sie ja am Sonntag.” Er lächelte, aß ein Stück Pfannkuchen und schloss genüsslich die Augen.

„Natürlich. Schön. “ Mit klopfendem Herzen kehrte ich zur Theke zurück und entschuldigte mich bei meinen Stammgästen Rolly und Ben.

Also gut, es erschien mir eigentümlich … fromm, zu erwähnen, welche Kirche er besuchte, aber trotzdem war das ganz in Ordnung, wie ich mir schnell selbst versicherte. Vielleicht waren echte Iren einfach religiöser. Immerhin war ich auch katholisch, offiziell jedenfalls, und ich gehörte tatsächlich zur Gemeinde von St. Mary. Das letzte Mal war ich zwei Jahre zuvor in der Kirche gewesen, als meine Schwester Christy geheiratet hatte, aber das spielte keine Rolle. Tim O’Halloran ging Sonntag zum Gottesdienst, und somit würde ich auch gehen.

Als er nach seinem Frühstück das Lokal verließ, rief ich sofort meine Schwester an. „Ich habe jemanden kennengelernt“, flüsterte ich, während ich mir Kakaobutter in die Hände massierte. Christy quietschte entzückt, und ich erzählte ihr alles über Tim O’Halloran, wie süß er war, wie gut die Schwingungen zwischen uns waren, wie locker wir unterhalten hatten. Ich beschrieb ihr alle äußeren Details, von den funkelnden Augen bis zu den schönen Händen, und wiederholte jedes Wort, das er gesprochen hatte. „Da war wirklich eine tolle Chemie zwischen uns“, seufzte ich abschießend.

„Oh, Maggie, das ist ja so aufregend“, seufzte meine Schwester zurück. „Ich freue mich riesig für dich. “

„Hör zu, sag aber noch niemandem etwas, okay? Außer Will. “

„Natürlich nicht! Auf gar keinen Fall. Aber das ist wirklich aufregend!“

Und es war auch nicht Christy, die es in der ganzen Stadt herumerzählte. Das war ich selbst.

Natürlich geschah das nicht mit Absicht … Es ist nur so, dass ich eine Menge Menschen treffe. Nicht nur die Stammgäste meines Lokals oder die Leute, mit denen ich arbeite.

Mrs. Kandinsky, meine kleine, zierliche Untermieterin, der ich jede Woche die Zehennägel schneide, fragte mich, ob es was Neues gebe. „Na ja, eigentlich nicht. Aber ich habe jemanden kennengelernt“, hörte ich mich antworten.

„Oh, wie wunderbar, meine Liebe!“, zirpte sie.

„Er sieht unheimlich gut aus, Mrs. Kandinsky. Braune Haare, grüne Augen … und er ist Ire. Er spricht mit diesem wunderbaren Akzent. “

„Oh, ich liebe Männer mit Akzent“, erwiderte sie zustimmend.

Und dann erzählte ich es Carol, der besten Freundin meiner Mutter.

„Denkst du, du wirst irgendwann noch mal jemanden kennenlernen?“, fragte sie in ihrer direkten Art, als sie auf einen Kuchen ins Diner kam.

„Vielleicht habe ich das schon“, antwortete ich mit hintergründigem Lächeln. Da sie mich erwartungsvoll ansah, berichtete ich ihr nur allzu gern die Einzelheiten.

Und so lief es weiter.

Am Samstagabend ging ich in Dewey’s Pub, das einzige andere Lokal der Stadt, falls man es überhaupt so nennen kann. Paul Dewey und ich verstehen uns gut, und manchmal bringe ich ihm etwas von meinem Essen, das er dann als Angebot des Tages verkauft, und wir teilen uns den Gewinn. Ansonsten gibt es dort nur Chips in Tüten. Trotzdem ist im Dewey’s immer viel los, da es der einzige Ort ist, an dem Alkohol ausgeschenkt wird (wenn man von der Feuerwehr mal absieht).

Ich war mit einer Freundin verabredet, beziehungsweise einer Frau, mit der ich mich hin und wieder treffe. Chantal ist fast vierzig und ebenfalls Single. Im Gegensatz zu mir ist sie jedoch gern Single und genießt als rothaarige, kurvige Sirene mit Schmollmund ihren Status als Sexsymbol von Gideon’s Cove. Es gefällt ihr, dass jeder Mann unter hundert sie unwiderstehlich findet – anders als bei mir, die ich für jeden eher so etwas wie eine Ersatztochter bin. Obwohl es Chantal nie an männlicher Begleitung mangelt, treffen wir uns gelegentlich, um den Mangel an akzeptablen Männern in der Stadt zu beklagen.

Dass ich nun den ungemein akzeptablen Tim O’Halloran getroffen hatte, musste ich ihr natürlich unbedingt erzählen, vor allem, da ich – ich gebe es zu – meinen Anspruch als Entdeckerin geltend machen wollte. Auf keinen Fall sollte Chantal sich an meinen zukünftigen Ehemann heranmachen. „Chantal, ich habe jemanden kennengelernt“, verkündete ich also, als wir in unserer angestammten Ecknische unser Bier tranken. „Er heißt Tim O’Halloran und ist … O mein Gott, er ist ja so verdammt sexy! Wir haben uns auf Anhieb verstanden. “

Während ich sprach, ließ ich meinen Blick durch die Bar schweifen. Tim hatte gesagt, er werde am Samstag wiederkommen, und nun war es acht Uhr abends, und dies war die einzige Bar im Ort. Mein Bruder Jonah stand mit ein paar Freunden an der Theke: Stevie, Pete und Sam, allesamt in seinem Alter (das mir, ehrlich gesagt, zu jung ist). Außerdem saßen dort noch Mickey Tatum, der Feuerwehrhauptmann, der dafür berühmt ist, Schulkinder mit Geschichten über Selbstverbrennung zu erschrecken (samt Fotos), sowie unser Schlachter Peter Duchamps, ein verheirateter Alkoholiker, der im Verdacht stand, eine Affäre mit der neuen Teilzeitbibliothekarin zu haben.

Ansonsten war nur noch Malone anwesend, mit einem Gesicht so heiter wie ein offenes Grab. Er hatte mich finster angestarrt, als ich hereinkam, als wollte er mich eindringlich davor warnen zu erwähnen, dass er mich tags zuvor nach Hause gebracht hatte. Also erwähnte ich es nicht. Stattdessen hob ich nur schwach die Hand, doch da hatte er mir schon wieder den Rücken zugekehrt. Kein Wunder, dass alle ihn nur den „mürrischen Malone“ nennen.

Tja, das war’s. Gideon’s Coves Angebot für alleinstehende Mädels. Da war es nur verständlich, dass mich meine Begegnung mit Tim über alle Maßen beglückte.

Jonah, der sich keine Gelegenheit entgehen lässt, mit Chantal zu flirten, setzte sich zu uns. „Hallo, Mädels“, sagte er zu Chantals Brüsten, und ihre Besitzerin lächelte. „Was liegt an?“

„Deine Schwester hat mir gerade von diesem heißen Typen erzählt, den sie getroffen hat“, sagte Chantal, tauchte einen Finger in ihr Bier und schob ihn in den Mund. Mein Bruder, damals fünfundzwanzig, starrte sie an wie hypnotisiert. Ich seufzte.

„Welcher Typ?“, brachte er dann heraus.

Also erzählte ich es auch Jonah, obwohl ich solche Dinge normalerweise nicht mit meinem Bruder bespreche.

Wir blieben bis zur Sperrstunde, aber Tim ließ sich nicht blicken. Dennoch war ich optimistisch. Er hatte gesagt, er werde in der Kirche sein, also würde er mich dort sehen.

Am nächsten Morgen brauchte ich eineinhalb Stunden, um mich zurechtzumachen. Da ich meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Schwester allesamt von „diesem tollen Typen“ erzählt hatte, gingen auch sie mit zum Gottesdienst, was wir uns normalerweise für Heiligabend aufsparen (falls wir nicht zu müde sind) oder gelegentlich für Ostern. Mom, Dad, Jonah, Will, die damals schwangere Christy und ich rutschten in eine Bank. Als ich mich umsah, hatte ich den Eindruck, dass die Kirche extrem gut besucht war. War ein besonderer Feiertag? Ich kannte mich damit nicht so aus. Ach ja, ich erinnerte mich, im Diner etwas gehört zu haben … Anscheinend war Pfarrer Morris in den Ruhestand gegangen, und irgendein neuer Priester sollte den Gottesdienst halten. Nun ja, wie auch immer.

Ich versuchte, Tim irgendwo auszumachen, und nutzte jede Gelegenheit, mich umzusehen – um den Riemen meiner Handtasche zurechtzurücken, ein Taschentuch hervorzuziehen, meiner Mutter den Kragen glatt zu streichen … Dann setzte die alte Orgel ein, und ich griff nach meinem Gesangbuch. Da ich immer noch aufmerksam durch alle Bankreihen sah, bekam ich es nicht mit, als der Pfarrer vorbeizog. „Siehst du ihn?“, raunte ich Christy zu.

„Ja“, flüsterte sie zurück und machte ein entsetztes Gesicht.

In diesem Moment verklang die Musik, es wurde mucksmäuschenstill, und ich drehte mich widerstrebend dem Altarraum zu.

„Bevor wir heute mit dem Gottesdienst beginnen“, sprach eine Stimme, deren Klang sich mir bereits ins Hirn eingebrannt hatte, „möchte ich mich Ihnen vorstellen. Ich bin Pfarrer Tim O’Halloran, und ich freue mich sehr auf meine Arbeit in Ihrer wunderbaren Gemeinde. “

Ungefähr fünfundsiebzig Köpfe drehten sich zu mir um. Ich starrte stur geradeaus, und mein Herz klopfte so heftig, dass ich das Blut durch meine Adern rauschen hörte. Auf meinem glühenden Gesicht hätte man sicher problemlos ein Spiegelei braten können. Ich sah niemanden an, starrte unverwandt auf Pfarrer Tim O’Hallorans Brustkorb und gab mich fasziniert und wissend zugleich. Schwierige Kombination.

„Ich stamme aus Irland, wie Sie vielleicht hören können, und bin als jüngstes von sieben Kindern aufgewachsen. Ich freue mich sehr darauf, Sie alle kennenzulernen, und hoffe, nachher beim Kirchenkaffee noch mit Ihnen zusammensitzen zu können. Und nun wollen wir diesen Gottesdienst beginnen, wie wir alles beginnen, im Namen des Vaters und des Sohnes …“

„Herr im Himmel“, hauchte ich.

Vom gesamten Gottesdienst bekam ich kein einziges Wort mit. Ich weiß noch, dass Christy ihre Hand in meine schob und dass meine Mutter meinen Vater mehrmals zum Schweigen brachte. Jonah, der am weitesten von mir weg saß, lachte dieses schreckliche unterdrückte Kirchenlachen voller Grunzer, Schnauber und Quietscher, und hätte er neben mir gesessen, hätte ich womöglich mitgelacht. Oder ihm mit meinem Autoschlüssel die Eingeweide herausgeschnitten. So aber gab ich vor, andächtig zu lauschen, formte mit den Lippen unsinnige Wörter zu Liedern, deren Texte ich nicht lesen konnte, und stand auf, wenn alle aufstanden. Während der Eucharistiefeier blieb ich sitzen.

Als der Gottesdienst endlich vorbei war, verließen wir mit den anderen die Kirche. Christy, meine Schwester, meine beste Freundin, der von mir meistgeliebte Mensch auf Erden, raunte mir ins Ohr: „Ich werde gleich so tun, als würden wir über etwas ganz Interessantes reden, okay? Damit niemand sonst dich anspricht. Also lächle und spiel mit, und dann machen wir, dass wir hier rauskommen. Ist das ein Plan?“

„Christy, ich bin ja so …“ Meine Stimme brach.

„Nein, nein, schon gut, geh einfach weiter. Zu blöd, dass sie den Seiteneingang gerade neu ummauern. Mist, Mist, Mist. Also gut, wir sind gleich da … Kannst du lächeln?“

Ich bekam ein schwaches Lächeln zustande.

„Maggie!“, rief da Pfarrer Tim. „Wie schön, Sie zu sehen. Ich hatte wirklich gehofft, dass Sie kommen. “ Er schüttelte mir mit festem, warmem Griff die Hand. „Und Sie haben eine Zwillingsschwester! Wie schön! Ich bin Pfarrer Tim, nett, Sie kennenzulernen. “

Pfarrer Tim. Es zu hören, war wie Salz in eine offene Wunde gerieben zu bekommen.

„Hallo, ich bin Christy“, sagte meine Schwester. „Es tut mir leid, ich fühle mich nicht gut. Maggie, würdest du mich bitte schnell nach Hause bringen?“

Wir wären beinahe davongekommen, hätte nicht in diesem Moment mein idiotischer Bruder, den ich bis dahin wirklich lieb gehabt hatte, gefragt: „Wieso wusstest du nicht, dass er ein Priester ist?“

Meine Mutter packte seinen Arm. „Jonah, mein Schatz …“

„Worum geht es?“, erkundigte sich Pfarrer Tim und hob die Brauen.

„Warum haben Sie Maggie nicht gesagt, dass Sie Priester sind?“

Pfarrer Tim sah mich verwirrt an. „Aber das habe ich doch. Wir haben uns in ihrem Lokal sehr nett unterhalten. “

„Ja, genau, wir haben uns wirklich nett unterhalten“, platzte ich heraus. „Und natürlich wusste ich es! Sicher! Ja! Ich wusste, dass Sie Priester sind. Natürlich. “

„Aber du hast doch gesagt, du hättest diesen heißen irischen Typen kennengelernt …“

„Das war jemand anders“, knurrte ich und hätte meinen Bruder am liebsten erschlagen. „Nicht Pfarrer Tim. Himmel noch mal! Er ist doch ein Priester, Jonah. Er ist kein … Ich hatte nicht … Er ist …“

Doch es war passiert. Pfarrer Tim machte ein unglückliches Gesicht. „Ach, du meine Güte“, sagte er.

„Maggie? Ich muss jetzt wirklich gehen“, drängte Christy. Sie packte mich am Arm und zog mich weiter, bis wir in ihrem Wagen in Sicherheit waren.

Aber es war zu spät. Pfarrer Tim wusste Bescheid. Alle wussten Bescheid.

Am nächsten Tag kam er in mein Lokal und entschuldigte sich, und ich entschuldigte mich, und wir lachten darüber. Ich fand, dass es keinen Sinn hatte, es zu leugnen. Ich musste einfach zugeben, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ha, ha, ganz schön lustig, oder? Ich kann nicht fassen, wie mir dieses kleine Detail entgehen konnte. Ho, ho! Dann fragte er, ob ich mich ehrenamtlich engagieren würde, und ich war nicht in der Lage, Nein zu sagen.

Im darauffolgenden Jahr kam ich allmählich damit zurecht, dass ich mich zum allgemeinen Gespött der Stadt gemacht hatte. Pfarrer Tim und ich sind gute Freunde geworden. Obwohl ich mich nicht überwinden kann, zum Gottesdienst zu gehen und ihn in Aktion zu sehen, bin ich so ungefähr jeder Gruppe beigetreten, die es in St. Mary gibt – Trauerseelsorge, Altarschmuck, Adventsbazar, Gebäudeerhaltung, Bibelkreis, das ganze Programm.

Ich weiß, dass es falsch ist, für einen Priester zu schwärmen. Ich weiß, ich sollte dieses ganze Kirchenzeug nicht machen, nur um einem katholischen Pfarrer nahe zu sein, der aussieht wir Aidan Quinns jüngerer Bruder. Ich weiß, dass ich nicht jedes Mal Bauchkribbeln bekommen sollte, wenn ich ihn sehe, keinen Adrenalinschub, wenn ich am Telefon seine Stimme höre. Aber ich kann nicht anders. Im Grunde muss ich nur jemand Neues kennenlernen, und diese blödsinnige Sehnsucht wird vergehen. Irgendwann werde ich einen tollen Typen treffen, der genauso nett ist wie Tim O’Halloran, und alles wird gut.

Es gibt Tage, da glaube ich das tatsächlich.

1. KAPITEL

Guten Morgen, Maggie”, sagt Pfarrer Tim und setzt sich in seine übliche Nische. „Schön draußen, nicht?“ Er lächelt, und mir wird warm ums Herz.

„Guten Morgen, Pfarrer Tim. Was kann ich Ihnen heute bringen?“

„Ich glaube, ich probiere die Armen Ritter mit Ahornsirup. Die Mandelsplitter oben drauf sind eine gute Idee!“

Dass er diesen sexy Akzent hat, ist einfach nicht fair. „Danke. Kommt sofort. “ Vergib mir, Vater, denn ich habe mich versündigt. Ich hatte unzüchtige Gedanken – schon wieder. Ich suche verzweifelt nach einem weiteren Thema. „Wie war denn der Gottesdienst heute Morgen?“

Er nickt. „O ja, die Heilige Eucharistie ist immer wieder Nahrung für die Seele“, murmelt er. „Sie sind herzlich eingeladen, das selbst zu erfahren, Maggie. Es würde mich auch sehr interessieren, was Sie zu meiner Predigt sagen. Jederzeit. “

Pfarrer Tim drängt mich oft, zum Gottesdienst zu kommen. Doch irgendetwas hält mich davon ab. Vermutlich Schuldgefühl. Ich mag keine besonders gläubige Katholikin sein, aber selbst ich scheue mich davor, in der Kirche lüsterne Gedanken zu hegen. „Tja. Sicher. Irgendwann. Ganz bestimmt. “

„Durch eine Predigt haben wir die Chance, zur Einsicht zu kommen. Manchmal neigen wir dazu, das wirklich Wichtige im Leben zu übersehen. Wir verlieren den Überblick, wenn Sie verstehen, was ich meine. “

O ja, das tue ich. Den Überblick zu verlieren ist meine Spezialität. Aktuelles Beispiel: Ich bin immer noch in einen katholischen Pfarrer verliebt. Er sieht unverschämt gut aus in Schwarz, obwohl ich zugeben muss, dass der weiße Kragen die Ausstrahlung etwas mindert. Ich verdrehe die Augen über mich selbst und meine blödsinnigen Gedanken, schenke einigen Gästen Kaffee nach und gehe in die Küche. Octavio wendet gerade Pfannkuchen. „Arme Ritter mit Ahornsirup für Pfarrer Tim“, verkünde ich und schnappe mir einen Teller mit Spiegelei auf ungebuttertem Toast. Wieder zurück an der Theke, schiebe ich den Teller Stuart hin, einem meiner Stammgäste. „Sonne scheint aufs Handtuch, keine Sonnencreme“, sage ich sein Essen an, und Stuart nickt anerkennend. Er ist ein großer Fan von Imbiss-Slang.

„Möchten Sie noch etwas, Mrs. Jensen?“, frage ich die siebzigjährige Dame an Tisch eins. Sie runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf, und ich lege ihr die Rechung hin. Mrs. Jensen war im Gottesdienst. Sie geht jede Woche zur Beichte. Sie macht mit bei der Bibelarbeit und beim Altarschmuck. Wie es scheint, bin ich nicht die Einzige, die für Pfarrer Tim schwärmt.

Automatisch sehe ich wieder zu meinem Traummann hinüber. Er liest Zeitung. Wenn ich sein Profil so gegen das Fenster sehe, durchzieht mich ein warmes, kribbeliges Gefühl. Ach, wärst du doch ein ganz normaler Mann …

„Pass auf, sonst merkt er was“, flüstert Rolly mir zu.

„Ist schon in Ordnung“, sage ich. „Immerhin ist es kein Geheimnis. Vergiss bitte nicht, den Stimmzettel auszufüllen. “ Widerstrebend löse ich den Blick vom Objekt meiner Begierde. „Du auch, Stuart. Ich brauche alle Stimmen, die ich kriegen kann. “

„Aber klar. Du hast den besten Kaffee im ganzen Staat“, lobt Rolly.

„Sogar das beste Frühstück. “ Ich klopfe ihm auf die Schulter.

In den letzten zwei Jahren hat Joe’s Diner jeweils den vierten Platz im Wettbewerb um „Maines bestes Frühstück“ belegt, und ich bin fest entschlossen, dieses Jahr den Titel zu gewinnen. Die Zeitschrift, die den Wettbewerb ausrichtet, hat großen Einfluss auf die Tourismusbranche, und wir könnten wirklich mehr Feriengäste gebrauchen. Letztes Jahr machte Blackstone Bed & Breakfast in Calais das Rennen, obwohl die Fertigpfannkuchen aus der Tüte servieren.

„Du wirst gewinnen, Boss“, ruft Octavio durch die Durchreiche zwischen Theke und Küche. „Wir haben eindeutig das beste Frühstück. “

Ich lächle ihm zu. „Das stimmt, aber das am besten gehütete Geheimnis an Maines Küste zu sein bringt uns finanziell überhaupt nichts. “

„Wir kommen schon durch“, entgegnet er, aber er hat gut reden. Er verdient mehr als ich und muss sich nicht jeden Monat mit der Buchhaltung herumschlagen.

„Hey, Maggie, da du gerade stehst … Könntest du mir bitte Kaffee nachschenken?“, bittet Judy, meine Kellnerin. Ich tue es, bringe dann Pfarrer Tim das Frühstück, schiele dabei auf seine glatten, feinen Hände und gehe schnell weiter, um einen Tisch abzuräumen.

Seit acht Jahren führe ich nun schon Joe’s Diner. Ich habe es damals von meinem Großvater Jonah Gray übernommen, nach seinem Herzinfarkt. Mit seinen vier Angestellten gehört das Lokal zu einem der größeren Unternehmen am Ort. Octavio, mein unermüdlicher und tüchtiger Koch, ist unersetzbar. Kellnerin Judy gehörte quasi zum Inventar. Sie ist irgendwo zwischen sechzig und hundertzwanzig und begnadet im Nichtstun, obwohl sie zur Not ein volles Lokal in den Griff bekommen könnte – nicht, dass dazu oft Gelegenheit wäre. Und unser Georgie bekommt in den Sommermonaten Unterstützung, wenn wir einen Schüler oder eine Schülerin als Aushilfe einstellen für den Fall, dass sich doch einmal Touristen so weit in den Norden verirren.

Und dann gibt es natürlich noch mich. Ich koche die täglichen Spezialgerichte, backe alles, bediene, mache die Buchhaltung, kümmere mich um die Vorräte und halte alles sauber. Unser letzter, wenn auch inoffizieller Angestellter ist Colonel. Mein Hund. Mein Kumpel. Mein guter Junge. „Wer ist deine Mommy?“, frage ich ihn. „Hm, Colonel Knutschbacke? Wer liebt dich, mein Hübscher?“ Er klopft zu meinem blödsinnigen Gerede mit dem Schwanz auf den Boden, aber er weiß genau, dass er seinen Platz hinter der Kasse nicht verlassen darf. Ein Golden Retriever nimmt eine Menge Raum ein, doch die meisten Leute sehen ihn nicht einmal. Mit seinen dreizehn Jahren ist er inzwischen noch ruhiger und zurückhaltender geworden. Ich gebe ihm ein Stück Schinken und gehe wieder an die Arbeit.

Pfarrer Tim geht zur Kasse, um zu bezahlen. „Hallo, Gwen, meine Liebe, wie geht es Ihnen heute? Das Gelb steht Ihnen ganz hervorragend“, sagt er zu Mrs. Jensen, die vor Glück dahinschmilzt. Dann lächelt er mich an, und ich bekomme weiche Knie. „Ich sehe Sie beide doch heute Abend, oder?“

„Ja, auf jeden Fall“, sage ich. Ich kann mich zwar nicht überwinden, in den Gottesdienst zu gehen, aber Pfarrer Tim hat mich überredet, bei der Bibelarbeit mitzumachen. Fast muss ich über mich selbst den Kopf schütteln. Bibelarbeit! Mein Unterhaltungsprogramm für die Woche. Na ja, es ist ja nicht gerade so, dass ich Dutzende von Verehrern dafür abwimmeln muss. Traurigerweise kommt Pfarrer Tim seit langer, langer Zeit dem am nächsten, was man als festen Freund bezeichnen könnte.

„Nancy Ringley wollte diesmal etwas zu essen mitbringen, oder?“, erkundigt sich Pfarrer Tim.

„Nein, ich bringe etwas mit“, sage ich lächelnd. „Nancys kleiner Tochter geht es gerade nicht so gut, deshalb hat sie mich angerufen. “

Sein Gesicht hellt auf. „Ah, wunderbar! Also das mit dem Essen, nicht das mit der Tochter, natürlich. Dann sehe ich Sie später, Maggie. “ Er tätschelt mir freundschaftlich die Schulter, und Erregung durchflutet meinen Körper. Während er zur Tür geht, forme ich lautlos Ich liebe dich mit den Lippen. Ich kann nicht anders.

Hat er mich gehört? Ich werde rot vor Scham, als Pfarrer Tim sich umdreht und mir zuzwinkert, ehe er in die Kälte hinaustritt. Beim Überqueren der Straße winkt er mir noch einmal zu, und Mrs. Jensen sieht mich böse an. Ich starre mit blitzenden Augen zurück. Sie kann mir nichts vormachen. Wir leiden an derselben Krankheit – nur dass es bei mir eben mehr auffällt.

Es ist ein frostiger Märztag, der Wind kommt vom Meer und dringt durch die dicksten Mützen und Handschuhe. Nur ein paar Tapfere wagen sich hinaus, und der Tag zieht sich hin. Zum Mittagessen haben wir nur eine Handvoll Gäste. Ich warte, bis Judy ihr Kreuzworträtsel beendet hat, ehe ich sie nach Hause schicke, da sie ohnehin nur zur Dekoration hier herumsitzt. Octavio nimmt die Schürze ab, und ich kratze den Grill sauber.

„Octavio, nimm den restlichen Kuchen mit, ja? Für deine Kinder“, rufe ich. Er hat fünf Kinder.

„Wenn die noch etwas davon abbekommen“, sagt er. „Ich hatte schon zwei Stück. “ Er grinst und entblößt eine bezaubernde Zahnlücke.

Ich grinse zurück. „Hat Judy noch weitere Unterschriften sammeln können?“

„Ja, sie hat eine Menge Stimmzettel verteilt. “

„Toll. “ Letztes Jahr waren wir mit zweihundert Stimmen im Rückstand, deshalb muss jeder dran glauben, der auch nur in die Nähe unseres Lokals kommt. „Einen schönen Nachmittag, Octavio. “

„Gleichfalls, Boss. “

„Hier, nimm die Kekse auch noch mit. “ Mein Koch winkt seinen Dank und geht zur Hintertür hinaus.

Colonel weiß genau, wie spät es ist. Er steht auf und kommt zu mir, um sich ein paar Streicheleinheiten abzuholen. Ich kraule seine weißen Backen. „Du bist ein guter Junge, ja, das bist du. “ Er wedelt zustimmend mit dem Schwanz und kehrt an seinen Platz zurück, da er weiß, dass ich noch eine Weile brauche.

Ich drehe das „Geöffnet“-Schild an der Tür auf „Geschlossen“ und wische den letzten Tisch ab. Dies ist meine liebste Zeit am Tag … drei Uhr. Feierabend. Das Diner öffnet um sechs, auch wenn ich normalerweise nicht vor sieben Uhr herkomme (einer der Vorzüge, wenn man die Besitzerin ist), dafür mache ich diese Zeit nachmittags wett, wenn ich backe. Ich kann mit Stolz behaupten, dass unsere Desserts in der ganzen Gegend berühmt sind, vor allem die Kuchen und Kokosmakronen.

Joe’s Diner entspricht ganz dem klassischen amerikanischen Imbiss-Stil: außen roter und cremefarbener Lack mit viel Chrom, innen mit rotem Vinyl bezogene Sitzbänke und Hocker, cremefarbene Wände und schwarz-weiße Fliesen. An der Theke sind zehn drehbare Hocker im Boden verschraubt. Am ihrem Ende steht die unerlässliche Kuchenvitrine, in der die ausgestellten Kuchen und Desserts unsere Gäste zum Verzehr verführen sollen. Es gibt sieben Sitznischen mit schön hohen Rückenlehnen und weicher Polsterung. Mein Großvater hat irgendwann für jeden Tisch eine kleine Jukebox einbauen lassen, und als Kinder überprüften wir bei jeder Gelegenheit das Repertoire. Durch eine Schwingtür mit Guckloch geht es in die Küche, und es gibt einen kleinen Vorratsraum und eine Toilette für sowohl weibliche als auch männliche Gäste. Im Eckfenster blinkt in Neonschrift unablässig das zeitlose „Iss bei Joe’s“.

In der nächsten halben Stunde addiere ich die Rechnungen, überprüfe die Vorräte, drucke noch ein paar Stimmzettel aus und wische den Boden. Dabei lasse ich die Jukebox laufen und singe mit Aretha und dem Boss. Danach gehe ich in die Küche, backe die Kuchen für morgen und bereite den Imbiss für die Bibelarbeit zu.

Da Pfarrer Tim sich so offensichtlich gefreut hat, als er hörte, dass ich den Imbiss mitbringe, beschließe ich, etwas Besonderes zu machen: Aprikosenschnitten, eine seiner Lieblingsspeisen. Während sie im Ofen sind, fülle ich bereits fertige Törtchenböden mit Blaubeeren.

Colonel fängt wieder an, mit der Rute auf den Boden zu klopfen, dann höre ich, wie er aufsteht. Ich drehe die Temperatur runter und schiebe das Backblech mit den Aprikosenschnitten etwas höher in den Ofen, damit die Böden nicht anbrennen. Ohne nachsehen zu müssen, weiß ich, dass meine Schwester im Anmarsch ist.

Und ich habe recht. Christy schiebt gerade den Kinderwagen vor die Eingangstür. Seit drei Tagen haben wir uns nicht mehr gesehen, was für uns eine lange Zeit ist. „Hallo, Christy. “ Ich halte ihr die Tür auf.

„Hallo, Maggie. “ Sie lächelt mich an, dann reißt sie die Augen auf und stöhnt. „Ach, du meine Güte!“. Sie schiebt den Wagen ganz durch die Tür, ohne dass Violet aufwacht, und zieht sich die Mütze vom Kopf. „Ich auch!“

Mir bleibt vor Staunen der Mund offen stehen. „Christy!“ Wir fangen beide an zu lachen und fassen uns gleichzeitig an den Händen.

Christy und ich sind eineiige Zwillinge und sehen uns seit Violets Geburt vor acht Monaten immer noch sehr ähnlich. Wir haben dasselbe Gewicht, dieselbe BH-Größe, Schuh- und Hosengröße. Beide haben wir ein Muttermal auf der linken Wange und an der rechten Hand einen leicht krummen kleinen Finger. Christy zieht sich vielleicht ein bisschen besser an als ich, aber trotzdem können uns die meisten Leute nicht unterscheiden. Tatsächlich hat nur Will, Christys Ehemann, uns nie verwechselt. Selbst unsere Eltern kommen gelegentlich durcheinander, und auch Jonah, der acht Jahre jünger ist, treibt kein besonderer Ehrgeiz, uns zu unterscheiden.

Oft ruft eine von uns die andere an und hört nur das Besetztzeichen, weil die andere gerade dieselbe Idee hatte. Manchmal schenken wir uns gegenseitig die gleiche Geburtstagskarte oder bestellen den gleichen Pullover aus dem L.-L.-Bean-Versandkatalog. Wenn ich Tulpen für meinen Küchentisch kaufe, kann ich fast darauf wetten, dass Christy dasselbe getan hat.

Hin und wieder jedoch treibt es jede von uns, etwas Individuelles auszuprobieren. Und daher war ich am Montagnachmittag, als das Lokal geschlossen hatte, in Jonesport und habe mir Stufen ins Haar schneiden und ein paar Glanzlichter setzen lassen. Doch offenbar hatte Christy denselben Gedanken. Und schon wieder sind wir nicht zu unterscheiden.

„Wann warst du beim Friseur?“, will ich wissen.

„Gestern. Und du?“ Sie schmunzelt und streicht mir über die neue Frisur.

„Montag, also ist das eigentlich mein Look. “ Ich grinse. Es ist mir egal. Tatsächlich gefällt es mir, mit Christy verwechselt zu werden. „Ich trage aber sowieso meist einen Pferdeschwanz“, füge ich hinzu. „Außerdem bist du besser angezogen. “

„Jedenfalls habe ich weniger Flecken auf meinen Sachen“, entgegnet sie lächelnd und setzt sich an den Tresen. Sie zieht ihre Jacke aus und hängt sie über den nächsten Hocker. Ich gehe zum Kinderwagen, einem dieser komplizierten schwedischen Ungetüme mit allem Drum und Dran, vom Windschutz bis hin zur Kaffeemaschine, und strecke meinen Kopf hinein. „Hallo, mein kleiner Engel“, flüstere ich und bewundere Violets perfekte Haut und lange Wimpern. „Du meine Güte, Christy, sie wird ja jeden Tag hübscher!“

„Ich weiß“, sagt Christy stolz. „Also, was gibt’s Neues?“

„Ach, nicht viel. Pfarrer Tim war hier. Ich glaube, er hat gehört, wie ich sagte, dass ich ihn liebe. “

„Ach, Maggie!“ Christy schüttelt mitfühlend den Kopf. Sie verzichtet zum Glück darauf, dieselben Plattitüden loszulassen wie die meisten anderen. Warum vergeudest du deine Zeit an einen Priester? Kannst du keinen anderen finden? Du solltest wirklich mal jemanden kennenlernen, Maggie. Hast du es schon mit Internet / gemeinnütziger Arbeit / der Kirche / Kontaktanzeigen / Speed-Dating / Single-Clubs / Single-Nächten / Single-Kreuzfahrten / Prostitution versucht? (Letzteres kam von einem Freund meines Bruders, der auf mich steht, seit er zwölf ist.)

Ja, ich habe es mit gemeinnütziger Arbeit versucht. Und die Kirche ist ja nun mal Auslöser allen Übels. Was Single-Nächte und Speed-Dating betrifft … Nun ja, zunächst einmal haben wir im ländlichen Maine nicht viel davon. Die nächste größere Stadt ist Bar Harbour, und die liegt mindestens eineinhalb Autostunden weiter südlich, wenn das Wetter mitspielt. Und Internet? Dem traue ich nicht so recht, denn schließlich kann dort jeder von sich behaupten, was er will. Wie viele Geschichten habe ich schon gehört, in denen jemand über die wahre Identität seiner Internetbekanntschaft zutiefst getäuscht wurde. Vielen mag es zwar auch Glück bringen, aber ich habe es nie versucht.

Christy weiß das alles. Sie leidet so sehr mit mir, wie es einer glücklich verheirateten Frau nur möglich ist. Sie hatte keine Probleme, Will kennenzulernen, ihren tollen, gut aussehenden Ehemann, der noch dazu – jawohl! – Arzt ist. Sie wohnen in einem alten, restaurierten viktorianischen Haus, das von einem Kapitän entworfen wurde, mit wunderbarem Blick aufs Meer. Einmal pro Woche gehen sie in Machias essen, und ich passe auf Violet auf, natürlich umsonst. Und während ich ihr all das Schöne in ihrem Leben von Herzen gönne, finde ich es dennoch ein wenig unfair. Schließlich sind wir genetisch identisch. Sie hat das große Los gezogen – und ich bin in einen Priester verliebt.

„Möchtest du heute Abend zum Essen kommen und sehen, ob wir Will an der Nase herumführen können?“, fragt sie und zwirbelt an ihren neuen gestutzten Haarsträhnen.

„Gern“, sage ich. „Die Kuchen sind gleich fertig. Soll ich einen mitbringen?“

„Nein, ist schon in Ordnung. Wir werden dich bekochen, Süße. Oh, und das hier habe ich für dich eingesteckt, als ich in Machias war. “ Sie holt ein kleines Fläschchen aus ihrer Handtasche. „Die habe ich aus einem kleinen Laden mit allem möglichen tollen Zeug, Ohrringen und Tüchern und kleinen Seifen. Da ist Bienenwachs drin. “

Eine der Begleiterscheinungen meines Lebens als Diner-Chefin an der Nordküste von Maine – wo raues Wetter herrscht und ich meine Hände die meiste Zeit in Wasser und neben heißem Fett habe – ist, dass meine Hände schrecklich zerschunden aussehen. Sie sind meist etwas angeschwollen, haben kurze Nägel, eingerissene Nagelhaut und rote, schorfige Flecken. Ständig hoffe ich auf eine Creme, die ihnen zu besserem Aussehen verhilft, und ich habe schon alles Mögliche ausprobiert, ohne großen Erfolg.

„Danke, Christy. “ Ich reibe meine Hände ein. „Die riecht gut. Ist da Lavendel drin?“ Sofort merke ich, dass die Creme nicht viel ausrichten wird.

„M-hm. Ich hoffe, sie hilft. “

Eine Stunde später sind wir bei Christy. Im Ofen schmort ein Braten, und ich beschäftige Violet, indem ich ein paar Messlöffel vor ihr Gesicht halte. Gurrend und sabbernd greift sie danach, und ich küsse ihr weiches Haar. „Kannst du schon ‘Löffel’ sagen, Violet? ‘Löffel’?“

„Bwöa“, sagt sie.

„Prima!“, rufen Christy und ich einstimmig. Violet lächelt und zeigt ihre zwei süßen Zähnchen.

Da hören wir Wills Wagen in die Garage fahren. „Oh, er kommt“, sagt Christy. „Schnell, gib mir die Kleine. Ich gehe ins Wohnzimmer, und du stellst dich an den Herd. Hier, nimm meine Schürze. “ Kichernd wirft sie mir die Schürze zu, schnappt ihre Tochter und verzieht sich.

Ich stelle mich an den Herd und gönne mir kurz die Vision, dass dies mein Haus ist, mein Ehemann, mein Kind, mein Braten. Dass ein Mann, der mich liebt, herbeieilt, um mich zu küssen, dass das wunderhübsche Baby mich Mommy nennt. Dass ich diese warme, gemütliche Küche eingerichtet habe, den Ort, an dem meine Familie sich am wohlsten fühlt und am meisten lacht.

Will öffnet die Tür, die die Küche mit der Garage verbindet. Ich stehe mit dem Rücken zu ihm. „Hallo, Maggie. Deine Haare sehen aber auch gut aus. “ Lachend küsst er mich auf die Wange. „Wolltet ihr mich reinlegen?“

Christy kommt. Sie strahlt. „Wir mussten es einfach versuchen“, sagt sie. „Hallo, Liebling. “ Sie küssen sich, und Violet streckt ihre kleine Hand aus, um ihren Vater zu streicheln. Lächelnd rühre ich die Soße um. Ich kann meine Schwester beneiden und mich gleichzeitig für sie freuen. Das schließt sich nicht gegenseitig aus.

„Wie war die Arbeit, Herr Doktor?“, frage ich ihn. Will ist einer der zwei Ärzte des Ortes und behandelt fast jeden der Bewohner. Unsere Mutter hat er als Teilzeitsekretärin eingestellt, und sie zementiert seinen Ruf als Heiliger.

„Es war toll“, antwortet er und nimmt seine Tochter auf den Arm. „Daddy hat gerade Leben gerettet, blutende Wunden und geschundene Seelen geheilt, also das Übliche. “

„Heißt das, dass sich heute mal niemand auf dir übergeben hat?“, entgegnet meine Schwester grinsend.

„Was ist mit dir, Maggie?“, erkundigt sich Will. „Irgendwas Neues?“

Oh, wie ich diese Frage hasse! Sie ist fast so schlimm wie Und – hast du einen Freund? „Nein, eigentlich nicht“, sage ich. „Jedenfalls fällt mir gerade nichts ein. Aber es geht mir gut. Wirklich. Danke, Will. “

„Hey, Schatz“, sagt Christy, „du hast doch neulich von diesem Typen im Krankenhaus erzählt. Mit dem du Maggie verkuppeln willst. “

Will öffnet den Kühlschrank und holt drei Dosen Bier heraus. „Ach ja. Genau. Roger Martin. Netter Kerl, Maggie. Er ist Krankenpfleger. Was meinst du? Sollen wir dich verkuppeln?“

„Klar“, sage ich und nehme einen großen Schluck Bier, um meine Verlegenheit zu überspielen. Ich finde es immer noch schrecklich, dass ich auf andere angewiesen bin, um mich mal mit einem Mann zu verabreden. Aber immerhin bin ich schon zweiunddreißig. Die Zeit läuft mir davon. „Aber, ihr wisst schon … Nur, wenn er wirklich interessiert ist. Und wenn er nett ist. Ist er nett?“

„Natürlich ist er nett!“, behauptet Christy, die ihn noch nie gesehen hat. „Du hast doch gesagt, dass er ganz niedlich ist, oder, Will?“

„Ja, ich denke schon Aber ich interessiere mich nicht so für Männer, also kann ich das nicht beurteilen, Mrs. Jones. “ Er verfällt in das Lied, zu dem sie zwei Jahre zuvor bei ihrer Hochzeit getanzt hatten. „Me … and … Mrs. … Mrs. Jo-ones. We’ve got a thing going on …“

„Hör bloß auf, du machst dem Kind ja Angst“, sagt Christy mit vor Freude glühenden Wangen.

Ich liebe meine Schwester von ganzem Herzen. Violet ist mein Sonnenschein und Will einer der besten Menschen, die ich kenne – einer der wenigen, die meine Schwester wirklich verdient haben könnten. Heute Abend jedoch fällt es mir schwer, hier zu sein, so gern sie mich auch bei sich haben. Die Tatsache, dass ich nur Besucherin bin, bleibt bestehen, und ich will, was sie haben. Die Anspielungen, die unterschwelligen Zärtlichkeiten, die Kosenamen.

Christy spürt es. Nach dem Abendessen waschen wir gemeinsam die Teller ab, dann bringt sie mich zur Tür. „Soll ich dich eben fahren?“

„Nein, nein. Es ist … super Wetter da draußen. Ein herrlicher Abend für einen Spaziergang. “ „Herrlich“ ist für einen Märzabend an der Nordküste von Maine etwas übertrieben, aber ein Spaziergang wird mir jetzt wirklich guttun. Ich schlinge meinen Schal um den Hals, ziehe mir die Mütze über die Ohren und rufe Colonel, der genüsslich an dem Knochen nagt, den Will ihm zugesteckt hat.

„Du wirst auch jemanden finden“, flüstert meine Schwester und drückt mich. „Ganz bestimmt. “

„Na klar. Ich weiß. Es ist nur eine Frage der Zeit. Vielleicht könnten wir ja auch Will klonen. “ Ich schmunzle und nehme sie auch fest in den Arm. „Danke für das Essen, Christy. Ich hab dich lieb. “ Während ich die Treppe hinuntergehe, halte ich Colonels Halsband ganz fest, damit er nicht fällt. Er hat leicht arthritische Hüften, und Stufen sind schon ein bisschen gefährlich für ihn.

„Ich hab dich auch lieb“, ruft sie mir nach.

Ich habe gerade genug Zeit, um Colonel bei mir die Treppe hinaufzuhelfen, ihn kurz zu versorgen, zum Lokal zu gehen, die Aprikosenschnitten einzupacken und zum Pfarrhaus zu gehen. Fünf Gäste sind bereits da, alles Frauen, alle halbwegs verliebt in Pfarrer Tim, jedoch nicht mit der Ausprägung oder öffentlichen Aufmerksamkeit wie ich.

„Maggie!“, ruft Pfarrer Tim und kommt zu mir. Ich kann seinen Seifenduft riechen. Unter seinem strahlenden Lächeln beginnen meine Wangen zu brennen. „Da sind Sie ja! Und was haben Sie uns da mitgebracht? Ah, Maggie, Sie könnten ja einen Heiligen in Versuchung bringen. “ Mrs. Plutarski, die Gemeindesekretärin von St. Mary, runzelt die Stirn. Natürlich spricht Pfarrer Tim von meinen Backkünsten, nicht von meinen weiblichen Reizen. Mit schwelgendem Blick stellt er das Tablett auf eine Anrichte. Sein Hintern ist unverschämt knackig. Diese sündigen Gedanken bringen dich nirgendwohin, Maggie, tadele ich mich selbst. Und trotzdem hat er einen knackigen Hintern.

„Nun, meine Damen, ich glaube, wir wollten diese wunderbare Passage aus dem Buch der Weisheit besprechen. Mabel, meine Liebe, warum fangen Sie nicht an und lesen uns aus dem zweiten Kapitel die Verse sechs bis elf vor?“

In der nächsten Stunde beobachte ich Pfarrer Tim, verliere mich in seinen ausdrucksvollen Augen, seinem einfühlsamen, perfekten Lächeln, seinem betörenden Akzent. Meine Gefühle schwanken zwischen Begierde und Selbstverachtung. Könnte ich doch nur jemand anderes kennenlernen! Könnte ich Pfarrer Tim doch nur vergessen. Oder besser: Würde er doch nur der Episkopalkirche angehören! Dann könnten wir heiraten, und ich könnte in diesem schönen Haus zusammen mit unseren hübschen, grünäugigen Kindern leben, Liam, vielleicht, und Colleen. Ein drittes Kind ist unterwegs, wir erwägen Connor, wenn es ein Junge wird, und Fiona für ein Mädchen.

„Maggie, was denken Sie? Würden Sie Louise zustimmen?“, fragt Pfarrer Tim erwartungsvoll.

„Ja! Ja, ich stimme zu. M-hm. Guter Gedanke, Louise. “ Ich habe keine Ahnung, was sie gerade gesagt hat. Ich erinnere mich vage an etwas über Licht … aber nein, da steht nichts dergleichen. Mrs. Plutarski schnaubt.

Pfarrer Tim zwinkert mir zu. Er weiß Bescheid. Ich spüre, wie ich rot werde. Wieder einmal.

Als die Bibelstudien vorbei sind – nicht, dass ich in irgendeiner Weise gebildet, spirituell bereichert oder bewegt worden wäre –, spüre ich wider Erwarten den Drang zu gehen. Die anderen haben sich bereits um die Anrichte versammelt, schenken sich Kaffee ein und fallen über meine Aprikosenschnitten her.

„Ich muss gehen, Leute“, sage ich und winke. „Tut mir leid. Und Guten Appetit!“

„Danke, Maggie“, sagt Pfarrer Tim mit vollem Mund. „Ich bringe das Tablett einfach im Diner vorbei, ja?“

„Das wäre sehr nett. “

Er winkt mir zu und nimmt sich noch eine Schnitte, und ich bin glücklich, ihm einen Gefallen getan zu haben. Dann gehe ich nach Hause und freue mich, dass wenigstens Colonel dort auf mich wartet.

2. KAPITEL

Freitagnachmittag verlasse ich das Lokal nach meinem üblichen Kuchenbackmarathon für den morgigen Samstag mit federnden Schritten. Will, der beste Schwager der Welt, hat alles arrangiert. Ich habe eine Verabredung.

Das letzte Mal ist schon eine Weile her. Eine lange Weile. Ich denke angestrengt nach, um mich an meine letzte Verabredung mit einem Mann zu erinnern, aber mir fällt nichts ein. Auf jeden Fall war es, bevor Pfarrer Tim in die Stadt kam.

Aber das ist jetzt egal. Beruhigend tätschele ich Colonel den Kopf und ziehe meinen Mantel straffer. Heute Abend werde ich ausgehen und mich amüsieren. Ein nettes Essen in netter Gesellschaft, möglicherweise mit Aussicht auf mehr. Ich biege in die Straße zu meinem Haus ab, das ich mir vor einigen Jahren gekauft habe. Im Erdgeschoss wohnt meine Untermieterin Mrs. Kandinsky. Sie ist einundneunzig Jahre alt und eine liebe, zierliche Dame, die mir mit einer erstaunlichen Geschwindigkeit Pullover und Mützen strickt, vor allem wenn man bedenkt, dass ihre Finger vor Arthritis ganz verkrümmt sind.

Ich klopfe an ihre Tür und warte. Manchmal braucht sie eine Weile, um aufzustehen. Schließlich öffnet sie die Tür einen misstrauischen Spaltbreit. Dann sieht sie, dass ich es bin. „Hallo, meine Liebe!“, zwitschert sie.

„Hallo, Mrs. Kandinsky!“, grüße ich freundlich zurück und beuge mich vor, um ihre weiche, runzlige Wange zu küssen. „Ich habe Ihnen etwas Hackbraten mitgebracht. Mit Soße und Gemüse. “

„Oh, Maggie, wie lieb von Ihnen! Gerade hatte ich überlegt, was ich mir zu essen kochen soll. Und nun muss ich überhaupt nicht kochen. Maggie, Sie sind ein Engel! Kommen Sie doch rein. “ Mit ihren Betonungen hört es sich wie ein Singsang an, und nach ein paar Minuten Konversation merke ich meist, dass ich sie unbewusst imitiere.

Obwohl ich erst in ein paar Stunden los muss, möchte ich gern so schnell wie möglich hochgehen und das seltene Gefühl der Vorfreude genießen. Aber Mrs. Kandinsky ist so lieb, und an manchen Tagen bin ich der einzige Mensch, den sie sieht. Ihre erwachsenen Kinder leben nicht in Maine, und die meisten ihrer Freunde sind längst verstorben. Ich bringe ihr fast jeden Tag Essen aus dem Lokal mit, was allerdings nicht ganz uneigennützig ist, denn ich will nicht riskieren, dass sie beim Kochen versehentlich mein Haus in Brand steckt. Also bekommt sie neben Blaubeertörtchen und Muffins immer wieder Hackbraten, Schmorfleisch, Käsenudeln oder was ich sonst als Tagesgericht gekocht habe.

Wir gehen in ihr Wohnzimmer, in dem vollgepackte Schränke und Regale stehen und jede Menge Zeitschriften herumliegen. Sie hat Anschluss an meine Satellitenschüssel, und in ihrem kleinen Fernseher läuft ein Fußballspiel, Italien gegen Russland. Es riecht nach Alter – muffig, medizinisch und seltsam tröstend.

„Ich kann nicht lange bleiben, Mrs. Kandinsky“, sage ich. „Ich habe nämlich heute Abend eine Verabredung. “ Und schon wieder plappere ich all meine Neuigkeiten heraus. Zumindest weiß ich diesmal, dass der Typ kein Priester ist.

„Oh, wie schön, meine Liebe! Ich weiß noch, wie Mr. Kandinsky mich umworben hat. Mein Vater war dagegen, wussten Sie das?“, erzählt sie.

O ja, ich weiß das. Ich habe diese Geschichte schon Dutzende Male gehört. Um sie daran zu erinnern, sage ich: „Genau. Er hat Mr. Kandinsky immer seine Waffensammlung gezeigt, nicht wahr?“

„Mein Vater hat Walter immer seine Waffensammlung gezeigt, während er auf mich wartete. Können Sie sich das vorstellen?“ Ihr runzliges Gesicht wird noch knitteriger, wenn sie lacht: ein helles, kicherndes Lachen.

„Tja, Mr. Kandinsky muss Sie sehr geliebt haben, wenn er das ertragen hat“, sage ich lächelnd.

„Oh, ja. Das hat er. Soll ich Ihnen auch etwas Hackbraten warm machen, Maggie?“

Ich beuge mich hinunter und küsse ihre Wange. „Nein, ich habe gleich eine Verabredung, wissen Sie noch? Aber ich werde ihn für Sie warm machen. “ Ich stelle den Teller in die Mikrowelle und drücke die entsprechenden Tasten. Mrs. Kandinsky vergisst oft, wie man die Mikrowelle benutzt, obwohl ich abends häufig Popcorn rieche. Ich schätze, bei den wirklich wichtigen Sachen erinnert sie sich doch wieder daran. Auf der Küchentheke steht eine Tube Eucerin-Handcreme für besonders trockene Haut. „Dürfte ich wohl einmal Ihre Handcreme ausprobieren, Mrs. Kandinsky?“

„Natürlich! Meine Mutter sagte immer, eine wahre Lady könne man an den Händen erkennen. “

„Oh, das hoffe ich nicht“, murmele ich und reibe intensiv die raue, eingerissene Stelle unter meinem Daumen ein.

Zehn Minuten später gehe ich in meine Wohnung hinauf. Colonel scheint steifer als gewöhnlich, die letzten Stufen muss ich ihn fast tragen. „Gleich geht’s los, mein Großer“, sage ich, während ich sein Fressen vorbereite. Ich drücke Tabletten gegen Arthrose und Entzündungshemmer in einen Löffel mit Erdnussbutter und halte sie ihm hin. „Erdnussbutter-Leckerli!“ Er wedelt freudig mit dem Schwanz und schleckt seine Medizin auf. „Und hier ist dein Fressen, mein Hübscher. “ Da ich seine Hüften schonen will, lasse ich ihn vorher nicht Sitz machen.

Nachdem das erledigt ist, kann ich mich einen Moment in meinen Sessel setzen und entspannen. Meine Wohnung ist klein – Miniküche, Wohnzimmer, kleines Schlafzimmer und ein winziges Bad, in dem kaum Platz genug zum Stehen ist. Aber ich liebe sie. Eine Seemannskiste mit Häkeldeckchen von Mrs. Kandinsky dient mir als Sofatisch. Am Kühlschrank hängen Fotos von Violet, und ihr zu Ehren halte ich ein paar Usambaraveilchen auf der Fensterbank. Eine Sammlung alter Streichholzschachteln sowie eine Reihe Salz- und Pfefferstreuer in Tierform stehen auf einem Regal, das mein Vater und ich vor ein paar Jahren angebracht haben. An den Wänden hängen ein paar alte Blechschilder und sechs oder sieben dekorative Vogelhäuser, die mein Vater ebenso schnell baut, wie Mrs. Kandinsky ihre Zierdecken häkelt. Als Garderobe benutze ich anstelle von Haken alte Türknäufe aus Porzellan oder Glas.

Also gut. Zeit, mich für meine Verabredung fertig zu machen. Ich habe bereits überlegt, was ich anziehe – schwarze Hose, roter Pullover und ein Paar hübsche Wildlederschuhe, die ich aber erst im Restaurant anziehen werde. Der Schneematsch und das Salz auf dem Weg von meinem Haus zum Auto würden sie sonst ruinieren, und so trage ich bis dahin meine alten, treuen Bean Boots. Ich dusche, föhne und schminke mich, und was ich im Spiegel sehe, gefällt mir. Ich trage mein Haar selten offen, aber durch den neuen Schnitt und die Strähnchen sieht es weich und locker aus. Meine grauen Augen wirken geschminkt größer, und durch das Rouge ist meine Haut nicht ganz so blass. Ich binde noch eine Kette um, gebe meinem Hund einen Kaustick und verlasse das Haus.

Roger Martin, der Krankenpfleger, mit dem ich gleich essen gehen werde, hat mich auf Wills Drängen hin vor drei Tagen angerufen. Er klang sehr nett, obwohl wir nicht allzu viel gesprochen haben. Wir verabredeten uns im The Loon, einem netten Restaurant in Machias, das Will und Christy häufig besuchen. Ich finde es ein wenig dubios, dass er verkuppelt werden muss, aber ich muss mich ja auch verkuppeln lassen, also mache ich mir keine weiteren Gedanken.

Ich brauche eine Weile, um zum Restaurant zu gelangen, da die Straßen, die von unserer kleinen Halbinsel aufs Festland führen, schmal und gewunden sind. Aber das ist mir egal; ich summe beim Fahren zur Musik vor mich hin. Um ehrlich zu sein, verlasse ich unsere Stadt nicht gerade oft, und meistens fahre ich mit dem Fahrrad durch die Gegend. Mein Auto, ein Subaru Kombi, ist sehr nützlich, wenn ich Vorräte und Putzmittel für das Diner hole – Fünfliterflaschen Glasreiniger und Bleiche, Müllbeutel, Mehl in Großpackungen – aber für alles andere bevorzuge ich eigentlich die Fortbewegung durch eigene Körperkraft.

In Machias fahre ich am Universitätsgelände vorbei und weiter durch die Stadt. Das Restaurant ist ein hübsches Fachwerkhaus mit Lichterketten in den Büschen davor. Auch drinnen ist es hübsch und gemütlich, mit Kerzen, weißen Tischdecken und einem Klavier in der Ecke. Der Ober bringt mich zu unserem reservierten Tisch, und dort sitzt Roger und studiert die Speisekarte. Ich spüre das ungewohnte, nervöse Prickeln des Neu-Kennenlernens.

„Hallo Maggie, ich bin Roger“, sagt er und steht auf, um mir die Hand zu schütteln. Er sieht durchschnittlich aus – weder besonders gut noch schlecht, mittelgroß, ein wenig rundlich. Er hat blaue Augen und braunes Haar, das sich bereits ein wenig lichtet.

„Hallo. Ich bin Maggie. Wie geht es Ihnen? Das ist ein nettes Lokal, nicht? Sehr hübsch. Meine Schwester sagt, das Essen ist super. “ Ich krümme mich innerlich vor Verlegenheit und werde rot. Meinen Hang zum Plappern sollte ich wirklich mal untersuchen lassen.

Roger lächelt. „Setzen Sie sich doch. “

Ich setze mich hin, stelle meine Tasche auf dem Boden ab und spiele mit dem Besteck. „Also“, beginne ich, „das ist sehr nett. Danke, dass Sie gekommen sind. Ich meine, dass Sie … herrje! Tut mir leid. “ Ich lache nervös. „Ich gehe nicht oft aus, wissen Sie?“ Hör auf zu reden. Hör auf. Zu reden. „Zu Blind Dates, meine ich. Ich schätze, ich bin etwas nervös. Aber Sie scheinen nett zu sein. Und Sie haben einen guten Beruf, nichts Gruseliges, einfach Krankenpfleger. Tja, also … So weit, so gut. “

Himmel, hört mich an! Ich klinge wie ein Schimpanse auf Speed. Roger sieht mich an. „Möchten Sie etwas trinken?“

Da Alkohol meine Tendenz zu schwafeln weiter steigert, sollte ich eigentlich ablehnen. Aber vielleicht hilft es gegen meine Nervosität. „Ich nehme ein Glas Chardonnay“, bestelle ich beim Kellner. Dann presse ich meine Lippen aufeinander und zwinge mich, Roger zuzuhören.

„Will ist mit Ihrer Schwester verheiratet, richtig?“, sagt er.

„Ja. “ Gut gemacht, Maggie!

„Und gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Zwillinge sind?“

„Ja. “