Lieber Linksverkehr als gar kein Sex - Kristan Higgins - E-Book

Lieber Linksverkehr als gar kein Sex E-Book

Kristan Higgins

4,9
8,99 €

Beschreibung

Wenn man an seinem Geburtstag erfährt, dass man jetzt ein Alter erreicht hat, in dem die Qualität der Eizellen rapide abnimmt … Wenn der Mann, mit dem man seit Jahren sporadisch Sex hat, einen sitzen lässt … Und wenn selbst der Yorkshireterrier sich weigert, das Bett mit einem zu teilen … … dann kann das offenbar zu Kurzschlusshandlungen führen! Anders kann sich Honor nicht erklären, warum sie sich spontan bereit erklärt, einen Fremden zu heiraten, damit der die Greencard bekommt. Einen sehr britischen Fremden. Mit Tweedsakko und Cordhose. Der so gar nicht zu ihr passt. Aber vielleicht taugt dieser Alibimann wenigstens dazu, ihren Ex eifersüchtig zu machen? Doch je länger die Zweckbeziehung dauert, desto deutlicher merkt Honor: Abwarten und Tee trinken ist so gar nicht das, was ihr beim Anblick ihres sexy Verlobten in den Sinn kommt …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 586




Kristan Higgins

Lieber Linksverkehr

als gar kein Sex

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Jutta Zniva

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

The Perfect Match

Copyright © 2013 by Kristan Higgins

Erschienen bei: HQN Books, Toronto

Published by arrangement with

Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Daniela Peter

Titelabbildung: Thinkstock/Getty Images, München

Autorenfoto: © Kristan Higgins

ISBN eBook 978-3-95649-407-9

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Dieses Buch ist Maria Carvainis gewidmet,

meiner wunderbaren Freundin und Agentin.

Ich danke dir aus tiefstem Herzen, Madame.

PROLOG

An dem Tag, als Honor Grace Holland 35 wurde, tat sie das, was sie an ihrem Geburtstag immer tat. Sie ging zur Krebsvorsorge.

Klar, Honor war sich durchaus bewusst, dass die Gynäkologie in der Hierarchie der Party-Aktivitäten ziemlich weit unten angesiedelt war. Es fiel ihr bloß leichter, den gefürchteten Termin zu vereinbaren, wenn sie ihn auf ein denkwürdiges Datum legen konnte. Ein rein praktischer Grund also, mehr nicht; und Honor war absolut praktisch veranlagt. Eigentlich hatten ihre Schwestern Faith und Prudence und ihre engste Freundin Dana Hoffman vor, sie zum Geburtstag auszuführen, doch wegen des Schneesturms am letzten Wochenende mussten sie absagen. Und die Familie würde sich dieses Wochenende zum Kuchenessen treffen; es war also keineswegs so, dass der PAP-Abstrich die einzige Würdigung ihres Wiegenfests darstellte.

Sie brachte sich auf dem Untersuchungsstuhl in Position, während der Arzt diskret wegschaute, und übte dieses tiefe Ein- und Ausatmen, das ihr geradezu beängstigend biegsamer Yogalehrer mit derartigem Elan vorgeführt hatte, dass sie und Dana kichern mussten wie zwei kleine Mädchen in der Kirche. Die Atmerei hatte damals nicht funktioniert und funktionierte auch jetzt nicht. Sie starrte auf den Jackson-Pollock-Druck an der Decke und versuchte, an etwas Erfreuliches zu denken. Sie müsste dringend die Website updaten. Und ein Etikett für den neuen Grauburgunder entwerfen, den das Weingut Blue Heron bald auf den Markt bringen würde. Und natürlich die Bestellungen des Monats checken.

Als ihr bewusst wurde, dass mit „positiv denken“ nicht ihre Arbeit gemeint war, versuchte sie, sich auf etwas zu konzentrieren, das nichts mit dem Job zu tun hatte. Zu Hause hatte sie ein paar Trüffelpralinen von Lindt. Das war gut.

„Na, wie geht’s, Honor?“, hörte sie Jeremy zwischen ihren Beinen fragen.

„Ich arbeite viel. Du kennst mich ja.“ Das tat er wirklich. Jeremy war sowohl ein alter Freund der Familie als auch der Exverlobte ihrer Schwester. Außerdem war er schwul, was aber keinen besänftigenden Einfluss auf das Abtasten ihrer Eierstöcke zu haben schien.

Er streifte seine Handschuhe ab und lächelte. „Fertig.“

Honor setzte sich hastig auf, obwohl Jeremy ja wirklich schrecklich nett und berühmt für seine zarten Hände war. Jetzt reichte der liebe Onkel Doktor ihr sogar eine vorgewärmte Decke – so fürsorglich war er. Beim Befühlen der Brüste vermied er jeglichen Augenkontakt, und das Spekulum lag bei ihm immer auf einem Heizkissen. Kein Wunder, dass die Hälfte aller Frauen in Manningsport in ihn verliebt war. Dass er selbst Männer liebte, tat der Verehrung keinen Abbruch.

„Wie geht es Patrick?“ Sie verschränkte die Arme.

„Super“, antwortete Jeremy. „Danke der Nachfrage. Apropos, hast du derzeit einen Freund, Honor?“

Die Frage ließ sie erröten, nicht nur, weil Jeremys berühmte Hände „da unten“ gewesen waren, sondern auch, weil … na ja. Sie war nun mal eher der verschlossene Typ. „Warum fragst du?“ Wollte er sie etwa verkuppeln? Sollte sie Ja sagen? Vielleicht sollte sie das tun. Brogan war nie …

„Ich muss nur ein paar Fragen über dein, äh, über gewisse private Aspekte deines Lebens stellen.“

Honor lächelte. Jeremy war zwar inzwischen ein angesehener Mediziner, aber gleichzeitig immer noch der süße Junge von damals, der auf dem College mit Faith gegangen war und einfach nicht vergessen konnte, dass Honor ein paar Jahre älter war als er. „Wenn es unter die ärztliche Schweigepflicht fällt, dann ist die Antwort …“ Tja, was war denn die Antwort? „Die Antwort ist ja. Irgendwie schon. Und wenn du das irgendjemandem aus meiner Familie erzählst, bringe ich dich um.“

„Nein, nein, natürlich nicht.“ Er erwiderte ihr Lächeln. „Aber es freut mich, das zu hören. Weil, äh …“

Sie setzte sich eine Spur aufrechter hin. „Weil was, Jer?“

Er lächelte verlegen. „Es ist nur so, dass … dass du jetzt 35 bist.“

„Ja, ich weiß. Was hat das damit zu tun, ob … Oh.“ Sie hatte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen – so, als stünde sie in einem rasant nach unten sausenden Fahrstuhl.

„Alles natürlich kein Grund zur Sorge.“ Er errötete jetzt ebenfalls. „Aber die Jahre sind kostbar. Eiertechnisch.“

„Wie bitte? Wovon redest du?“ Sie nahm ihren Haarreifen ab und schob ihn sich dann wieder auf den Kopf. Ein nervöser Tick. „Gibt es ein Problem?“

„Nein, nein. Es ist nur so, dass Frauen, die ab 35 ihr erstes Kind bekommen, als spätgebärend gelten.“

Sie runzelte die Stirn und versuchte sofort, wieder damit aufzuhören. Erst heute Morgen (verflucht sei dieses natürliche Licht!) hatte sich im Spiegel eine bleibende Falte zwischen ihren Augenbrauen gezeigt. Honor hätte schwören können, dass diese Falte vorige Woche noch nicht da gewesen war. „Tatsächlich? So früh schon?“

„Ja, tatsächlich.“ Jeremy lächelte entschuldigend. „Tut mir leid. Aber es ist nun mal so, dass die Qualität deiner Eier ab jetzt abzunehmen beginnt. Medizinisch gesehen ist das beste Alter, ein Kind zu bekommen, so zwischen 22 und 24 Jahren. Das ist der ideale Zeitpunkt.“

„24?“ Das war vor mehr als einem Jahrzehnt. Honor kam sich mit einem Mal wie eine Greisin vor. Sie hatte eine Falte zwischen den Augen, und ihre Eier wurden alt! Sie rutschte unbehaglich auf dem Untersuchungsstuhl hin und her. Ihr Hüftgelenk knackte. Oh Gott, sie war eine Greisin! „Muss ich mir Sorgen machen?“

„Aber nein! Nein. Allerdings wird es vielleicht langsam Zeit, über diese Dinge nachzudenken.“ Jeremy machte eine Pause. „Was ich sagen will, ist … Ich bin mir sicher, dass die Lage im Moment völlig unproblematisch ist. Aber ja, die Risiken von Schwangerschaftskomplikationen und Unfruchtbarkeit fangen ungefähr jetzt an zu steigen. Noch sind sie klein, und Unfruchtbarkeit lässt sich heutzutage ja schon sensationell gut behandeln. Dieser Arzt in New Hampshire hatte gerade Erfolg bei einer 54-jährigen Frau, die …“

„Ich habe nicht vor, mit Mitte 50 ein Kind zu bekommen, Jer!“

Jeremy nahm ihre schlaffe Hand und tätschelte sie. „Ich bin mir sicher, dass es nicht so weit kommt. Als dein Arzt muss ich es dir aber sagen. Genau so, wie ich dir sage, dass du dich gesund ernähren sollst. Dein Blutdruck ist eine Spur zu hoch, aber das ist möglicherweise der Weißkitteleffekt. Vielleicht bist du nur nervös.“

Sie war nicht nervös. Zumindest war sie es nicht gewesen, als sie hergekommen war. Total entspannt! Und jetzt hatte sie also hohen Blutdruck – zusätzlich zu einer Lederhaut und vertrocknenden Eierstöcken.

„Du siehst fantastisch aus“, fuhr Jeremy fort. „Es gibt also wahrscheinlich keinen Grund zur Sorge …“ Wahrscheinlich? Es war nie gut, wenn ein Arzt wahrscheinlich sagte! „… aber wenn du einen Freund hast, wird es möglicherweise langsam Zeit, über die Zukunft nachzudenken. Ich meine, nicht, dass du einen Mann brauchst. Es gibt eine wirklich gute Samenbank …“

Sie zog ihre Hand ruckartig weg. „Okay, Jeremy, du kannst jetzt damit aufhören.“

Er lächelte. „Entschuldige.“

Sie startete einen weiteren Versuch, sich durch tiefes Atmen zu entspannen. „Ich soll also besser schleunigst ans Kinderkriegen denken – ist es das, was du sagen willst?“

„Genau. Und ich bin ganz sicher, dass du keinerlei Anlass hast, dir Sorgen zu machen.“

„Außer über Schwangerschaftsrisiken und Unfruchtbarkeit.“

„Richtig.“ Er lächelte. „Hast du noch irgendwelche Fragen?“

Sie rief Dana von Jeremys Parkplatz aus an. Im warmen Inneren ihres Prius fühlte sie sich sicher. Quasi wie im Mutterleib. Kein Wunder, dass sie plötzlich alles mit Schwangerschaft und Geburt assoziierte.

Dana meldete sich mit dem üblichen „House of Hair“, was Honor jedes Mal innerlich zusammenzucken ließ. Haus der Haare …

„Ich bin’s“, sagte sie.

„Gott sei Dank. Ich bin gerade mit Phyllis Nebbins monatlicher Dauerwelle und der Silbertönung fertig geworden und war schon knapp vor einem Schreikrampf. Will ich wirklich alles über ihre neue Hüfte hören? Aber egal, warum rufst du an?“

„Ich komme gerade von Jeremy. Ich bin alt und muss Kinder kriegen. Schnell.“

„Wirklich?“, fragte Dana. „Ich weiß nicht, ob ich es ertrage, noch eine Freundin ans Muttersein zu verlieren. Das ständige Gerede vom Schreien, von Koliken und den ach so entzückenden kleinen Engeln.“

Honor lachte. Dana wollte partout keine Kinder – sie fand, die seien der Hauptscheidungsgrund – und rief sie oft an, um das schlechte Benehmen der verzogenen Gören, die sie im „House of Hair“ zu sehen bekam, in allen grauenvollen Details zu schildern.

Honor aber liebte Kinder. Sogar Teenager. Nun ja, sie liebte ihre 17-jährige Nichte Abby, und sie liebte ihren Neffen Ned, der noch immer das geistige Alter eines 14-Jährigen hatte, obwohl er jetzt schon 22 war.

„Gibt’s – davon mal abgesehen – sonst was Neues?“, erkundigte sich Dana. „Hast du Lust, heute Abend auszugehen und mit ein paar Drinks darauf anzustoßen, dass du ein altes Weib bist?“

Honor schwieg kurz. Ihr Herz begann zu hämmern. „Ich glaube, angesichts der Neuigkeiten sollte ich vielleicht besser mit Brogan reden.“

„Worüber?“

„Darüber.“

Schweigen. „Im Ernst?“

„Nun ja … ich denke schon.“

Wieder Schweigen. „Klar, ich schätze, ich verstehe deine Logik. Alternde Eierstöcke, eine Gebärmutter, die verschrumpelt …“

„Nur, damit eins klar ist – von einer verschrumpelnden Gebärmutter war nicht die Rede. Aber was hältst du davon?“

„Hm, klar, tu es.“ Dana klang alles andere als begeistert.

Honor rückte ihren Haarreifen zurecht. „Du klingst nicht besonders überzeugt.“

„Bist du es denn, Honor? Ich meine, wenn du mich fragen musst, was ich davon halte, dann bist du es wahrscheinlich nicht. Obwohl du mit dem Typen schon wer weiß wie viele Jahre schläfst.“

„Nicht so laut, okay?“ Es war schließlich nicht so, als gäbe es ein Dutzend Leute in Manningsport (Einwohnerzahl: 715), die Honor hießen, und sie und Dana hatten sehr unterschiedliche Ansichten darüber, worüber man in der Öffentlichkeit reden konnte.

„Wie auch immer. Er ist reich, er ist hinreißend, und du bist ihm verfallen. Außerdem hast du ja schon alles. Warum nicht auch Brogan?“

Der scharfe Unterton in Danas Stimme war ihr durchaus vertraut. Sie wusste, dass ihre Freundin dazu neigte, Honors Leben durch eine sehr rosarote Brille zu sehen, und ja, gewisse Aspekte dieses Lebens waren zugegebenermaßen ziemlich toll. Aber Honor hatte auch so ihre Probleme. Zum Beispiel, nicht verheiratet zu sein. Oder das mit den alternden Eiern.

Sie seufzte. Dann betrachtete sie ihr Gesicht im Rückspiegel. Da war sie wieder, diese Falte. „Ich schätze, ich habe einfach Angst, dass er Nein sagt“, bekannte sie. „Wir sind schon lange befreundet. Das möchte ich nicht aufs Spiel setzen.“

„Dann frag halt nicht.“

Die Jahre sind kostbar, eiertechnisch. Sie würde mit Jeremy mal über seine Art, diese Dinge rüberzubringen, reden müssen. Andererseits, wenn es so etwas wie ein Zeichen Gottes gab, dann waren es vermutlich genau diese Worte. „Wie heißt es doch so schön, wer nicht wagt, der nicht gewinnt, oder?“ Sie hoffte, dass Dana sie bestärken würde.

Dana seufzte, und Honor spürte, dass ihre Freundin mit ihrer Geduld langsam am Ende war. Was man ihr kaum verübeln konnte. „Honor, wenn du ihn fragen willst, dann tu es. Leg einfach die Karten auf den Tisch. Vielleicht sagt er ja: ‚Klar doch, ich heirate dich! Du bist doch die fabelhafte Honor Holland!‘ Und dann kannst du zu Juwelier Harts gehen und dir diesen Stein holen, auf den du schon seit einem Jahr ein Auge geworfen hast.“

Okay. Das war eine nette Vorstellung. „Jetzt mal langsam mit den jungen Pferden“, wiegelte sie ab. Aber ja. Es gab einen Ring im Schaufenster des Juweliers, und Honor hatte gestanden – aber nur Dana gegenüber! –, dass dieser Ring, falls sie sich jemals verloben sollte, genau der Ring wäre, den sie sich wünschte. Nur ein schlichter, atemberaubend schöner Diamant mit Smaragdschliff in Platinfassung. Honor hielt sich eigentlich nicht für den Typ Frau, der auf Schmuck abfuhr (sie trug lediglich die Perlen ihrer Mutter) oder auf Klamotten (graue oder blaue Hosenanzüge von Ann Taylor, dazu eine taillierte weiße Bluse – manchmal rosa, wenn sie sich sentimental fühlte), aber dieser Ring hatte es ihr einfach angetan.

„Ich muss Schluss machen“, sagte Dana. „Laura Boothby hat jetzt ihren Haartönungstermin. Frag ihn einfach, und hör dir an, was er zu sagen hat. Oder lass es bleiben. Aber rede nicht um den heißen Brei herum. Okay? Wir hören uns.“ Sie legte auf.

Honor blieb im Auto sitzen. Sie könnte eine ihrer Schwestern anrufen, aber … nun ja, keine von beiden wusste über Brogan Bescheid. Sie wussten natürlich, dass er und Honor befreundet waren, aber vom amourösen Teil der Beziehung ahnten sie nichts. Dem Sexteil. Prudence, die Älteste der Holland-Geschwister, wäre voll dafür. Sie war nämlich erst kürzlich – vermutlich als seltsame Begleiterscheinung der Menopause – zum Sexkätzchen geworden. Aber Pru hatte keine Hemmungen, bei Familienessen oder im O’Rourke’s, der örtlichen Kneipe, Neuigkeiten einfach so hinauszuposaunen.

Faith, die jüngste der drei Holland-Schwestern … vielleicht. Sie und Honor hatten sich früher oft gezofft, doch das hatte sich etwas gelegt, seit Faith (die einzige Holland seit acht Generationen, die je außerhalb des Staates New York gelebt hatte) aus San Francisco hierher zurückgezogen war. Aber auch sie wäre einfach nur vollauf begeistert, wenn Honor es ihr erzählen würde. Als frisch verheiratete und insgesamt irgendwie rührselige Person liebte sie alles, was mit Liebe und Romantik zu tun hatte.

Und dann war da noch ihr Bruder Jack. Aber der war ein Mann und hasste nichts mehr, als sich Geschichten anhören zu müssen, die seinen Verdacht bestätigten, dass seine Schwestern tatsächlich Frauen waren und – schlimmer noch – ein Sexleben hatten.

Mitgefühl war also nur von Dana zu erwarten. Das war in Ordnung. Es war ohnehin Zeit, sich wieder an die Arbeit zu machen. Honor ließ den Wagen an und fuhr los.

Manningsport war das Juwel der Region um die Finger Lakes im westlichen New York, einer berühmten Weingegend. Der Winter war hier die stille Zeit des Jahres – die Ferien waren vorbei, und die Touristensaison fing erst im April an. Die Weinstöcke waren geschnitten, die Felder schneebedeckt. Der Keuka Lake, der zu tief war, um ganz zuzufrieren, glitzerte in der Ferne.

Das Blue-Heron-Weingut war das älteste in der Gegend, und der Anblick des Logos – ein goldener Reiher vor blauem Hintergrund – erfüllte Honor jedes Mal mit Stolz. Das Land der Hollands war das höchstgelegene Areal in der als „The Hill“ bekannten Gegend und umfasste mehr als 200 Morgen Felder und Wald.

Honor fuhr am Alten Haus vorbei, einem 1781 im Kolonialstil gebauten Saltbox-Gemäuer mit der typisch asymmetrischen Dachschräge, wo ihre Großeltern (fast genauso alt) lebten und stritten. Dann vorbei am Neuen Haus (von 1873), einem großen, weißen Gebäude im Federalstil, wo sie mit dem guten alten Dad und Mrs Johnson, der langjährigen Haushälterin und Alleinherrscherin über die Familie Holland, lebte. Honor bog auf den Parkplatz des Weinguts ein. Nur ein anderes Auto stand dort, es gehörte Ned. Pru, die sich um die Landwirtschaft kümmerte, war entweder in einem der Geräteschuppen oder draußen auf den Feldern; Dad und Jack – und vielleicht auch Pops – inspizierten wahrscheinlich gerade die riesigen Weinstahlfässer oder spielten Poker. Abgesehen von Ned, der einen Teilzeitjob hier hatte, war Honor die Einzige, die jeden Tag im Büro arbeitete.

Was durchaus okay war. Sie war nun mal für die Geschäfte des Weinguts verantwortlich, und der Job gefiel ihr. Außerdem musste sie jetzt nach der kleinen Bombe, die Jeremy gerade hatte platzen lassen, erst mal nachdenken. Sie sehnte sich förmlich danach, Listen zu machen. Es war höchste Zeit, die farbigen Textmarker zu zücken.

Angesichts der Tatsache, dass die Jahre kostbar waren, brauchte sie einen Plan.

Sie betrat das Hauptgebäude, durchquerte den wunderschönen Weinverkostungsraum und ging am Souvenirshop vorbei in den Bürobereich. Neds Tür war offen, aber er war nicht da. Gut so; sie konnte am besten nachdenken, wenn sie allein war.

Sie setzte sich an ihren großen, ordentlich aufgeräumten Schreibtisch und öffnete ein neues Dokument auf ihrem Computer.

Männer waren ein Gebiet, auf dem Honor nicht sehr … versiert war. Klar, sie machte mit Dutzenden Männern Geschäfte, da das Wein-Business immer noch von Kerlen dominiert wurde. Wenn sie mit ihnen über Vertrieb, Marketing oder Ernteprognosen redete, hatte sie kein Problem.

Aber in Sachen Liebe und Beziehungen hatte sie den Dreh nicht wirklich raus. Faith, die eine Figur wie Marilyn Monroe, rote Haare, blaue Augen und etwas Unschuldiges, leicht Bambihaftes an sich hatte, verursachte praktisch schon eine Massenhysterie, wenn sie nur aus dem Auto ausstieg. Pru hatte trotz ihrer burschikosen Art und ihrer Männerklamotten keinerlei Schwierigkeiten gehabt, unter die Haube zu kommen; Carl war ihre Highschool-Liebe gewesen. Die beiden waren immer noch ziemlich (wenn auch viel zu ungeniert) glücklich in ihrer Ehe. Sogar Dana, die extrem wählerisch bei Männern war, hatte immer irgendwo einen Verehrer, der ihr regelmäßig irgendwann auf die Nerven ging.

Aber Honor hatte kein Händchen für diese Dinge. Sie wusste, dass sie nicht schlecht aussah; durchschnittlich groß, durchschnittliche Figur, oben rum vielleicht von Mutter Natur nicht ganz so großzügig bedacht. Braune Augen. Ihre Haare waren lang, glatt und blond und ihrer Meinung nach das einzig wirklich Schöne an ihr. Sie hatte ein nettes Gesicht, mit Grübchen, wie ihre Mom sie hatte. Aber insgesamt … durchschnittlich.

Ganz im Gegensatz zu Brogan Cain, der praktisch die Wiedergeburt eines griechischen Gottes war. Türkisblaue Augen (wirklich). Lockige, kastanienbraune Haare. 1,88, schlank, muskulös und elegant.

Er war seit der vierten Klasse ihr Freund, als sie beide – als einzige – von ihrem Lehrer in den Kurs für die Mathe-Olympiade aufgenommen worden waren. Die anderen Schüler hatten sich damals ein bisschen über sie lustig gemacht („die beiden Klassenstreber“), aber es war auch schön gewesen.

Die ganze Schulzeit über waren sie locker befreundet geblieben. Hatten bei Schulversammlungen nebeneinander gesessen, auf den Gängen zueinander „Hi!“ gesagt und sich bei den Noten einen freundlichen Wettkampf geliefert. An Halloween zogen sie solange zusammen von Haus zu Haus, bis sie zu alt dafür waren; danach hatten sie sich im Neuen Haus gemeinsam Gruselfilme reingezogen.

Beim Highschool-Abschlussball änderte sich dann alles. Brogan fragte sie, ob sie sein Date sein wollte, und sagte, dass sie viel mehr Spaß haben würden als die richtigen Paare, die der ganzen Sache so viel Bedeutung beimaßen. Ein vernünftiger Plan. Aber als sie ihn dann in seinem Smoking da stehen sah, mit dem Ansteckbouquet in der Hand, war etwas mit ihr passiert. Ab diesem Moment fühlte sie sich zittrig und ein bisschen krank und errötete, wenn er sie ansah.

Auf dem Ball tanzten sie einträchtig miteinander, und als der DJ eine langsame Nummer spielte, legte Brogan die Arme um sie. Küsste sie auf die Stirn, lächelte und sagte: „Macht doch Spaß, nicht wahr?“

Und zack – war sie verliebt.

Und dann begann die Liebe zu wachsen – wie ein Virus, dachte Honor manchmal. Denn Brogan empfand nicht das Gleiche.

Oh, er mochte sie sehr. Er liebte sie sogar, irgendwie. Aber nicht auf dieselbe Art und Weise, wie Honor ihn liebte. Nicht, dass er mitgekriegt hätte, was sie empfand … So dumm war sie nicht.

Das erste Mal schliefen sie miteinander, als sie in den Frühlingsferien während des ersten Collegejahrs nach Hause kamen. Es war Brogan, der vorschlug, dass sie gemeinsam ihre Unschuld verlieren sollten. „Weil es mit einem Freund besser ist als mit jemandem, den man liebt.“ So ähnlich wie die Abschlussball-Theorie also, nur, dass diesmal mehr auf dem Spiel stand.

Zugegeben, sie hatte ihm nicht ganz abgenommen, dass er noch unschuldig war, und er war jemand, den sie liebte, aber wenn er sie auf diese Art ins Bett kriegen wollte, sollte es ihr recht ein. Allein die Tatsache, dass er mit ihr schlafen wollte, war schon ein Wunder, wenn man bedachte, dass er sich jede andere hätte aussuchen können. Also zogen sie es durch, und es lief – was den Verlust der Unschuld betraf – ziemlich gut. Ein paar Tage später gingen sie abends ins Kino, und alles war wie immer, nett und lustig. Aber Honor war unsicher. Waren sie jetzt zusammen? Also richtig?

Nein, offensichtlich nicht. Er brachte sie nach Hause, küsste sie auf die Wange, und als sie beide wieder auf ihr jeweiliges College zurückgekehrt waren, schickte er ihr hin und wieder eine Mail.

Das nächste Mal schliefen sie im zweiten Collegejahr miteinander, als sie ihn auf der New York University besuchte. Er umarmte sie und sagte, wie sehr er sie vermisst hatte, und sie schmolz dahin. Pizza, ein paar Bier, ein Spaziergang durch die Stadt, wieder heim zu ihm, Sex. Eingehüllt in eine Wolke aus Liebe und Hoffnung fuhr sie zurück nach Hause … doch als er das nächste Mal anrief, erkundigte er sich nur, was es denn Neues gäbe. Liebe oder Sex waren kein Thema.

Vier Mal auf dem College. Zwei Mal an der Uni. Eindeutig eine Freundschaft mit gewissen Vorzügen. Mit Vorzügen, in deren Genuss man allerdings nur hin und wieder kam.

Die Freundschaft blieb konstant.

Nachdem sie die Geschäfte auf Blue Heron übernommen hatte, rief sie ihn gelegentlich an, wenn sie einen Termin in Manhattan hatte … oder so tat, als hätte sie einen Termin, was manchmal vorkam, obwohl sie bei dieser Lüge immer ein schmerzhaft schlechtes Gewissen hatte. „Hey, ich habe einen späten Lunch in SoHo“, sagte sie dann, weil sie vor lauter Nervosität unfähig war, ehrlich zu sein und zu sagen: Hi, Brogan, ich vermisse dich. Ich muss dich einfach sehen. „Wollen wir was trinken gehen oder zusammen Abend essen?“ Und er schien seinen Terminplan jedes Mal nur allzu gern über den Haufen zu werfen, wenn es irgend ging, um sie zu treffen und vielleicht mit ihr zu schlafen. Oder auch nicht.

Honor rief sich selbst zur Ordnung. Erinnerte sich daran, dass er nicht der einzige Mann auf der Welt war. Dass sie sich andere Chancen verbaute, wenn sie von Brogan nicht loskam. Aber nur wenige Männer konnten es mit Brogan Cain aufnehmen, und die standen für das Privileg, mit ihr auszugehen, nicht unbedingt Schlange.

Er wurde Fotograf bei „Sports Illustrated“, was praktisch der feuchte Traum jedes Amerikaners war, der nicht Profisportler oder Hugh Hefner sein konnte. So war das eben mit Brogan: Er hatte unglaublich viel Glück, war extrem charmant und der Typ Mensch, der auf ein Bier ging, sich mit dem Typen neben ihm an der Bar über Baseball unterhielt, sich mit ihm anfreundete und erst zwei Stunden später merkte, dass er gerade mit Steven Spielberg redete (der ihn später auf eine Party nach L. A. einladen würde). Sportfotograf bei „SI”? Perfekt.

Brogan traf den legendären Baseballspieler Derek Jeter und fotografierte die Manning-Brüder, deren Familie hier in Manningsport ihre Wurzeln hatten (zumindest behauptete das die Stadt). Er ging mit Kobe Bryant und Picabo Street einen heben und besuchte mit den Goldmedaillengewinnerinnen im Kunstturnen die Harry-Potter-Welt in den Universal Studios.

Aber irgendwie stieg ihm das alles nicht zu Kopf, was vermutlich der Grund dafür war, dass er Leute wie Tom Brady und David Beckham zu seinen Freunden zählen konnte. Er flog auf der ganzen Welt herum, war bei den Olympischen Spielen, dem Stanley Cup und dem Super Bowl dabei. Er lud Honor sogar ein – nur sie, keine anderen Freunde –, ins Yankee Stadium mitzukommen, in der Presseloge von „SI“ zu sitzen und sich mit ihm die World Series anzusehen.

Und genau das war es. Brogan Cain war einfach ein schrecklich netter Kerl. Er kam nach Hause, um seine Eltern zu besuchen, ging regelmäßig ins O’Rourke’s und erwarb sein Elternhaus, als seine Mom und sein Dad nach Florida zogen, um dort ihren Ruhestand zu verbringen. Er erkundigte sich nach Honors Familie, und wenn er sie an jenem Abend versetzte, an dem ihre Großeltern ihren 65. Hochzeitstag feierten, weil er es schlicht und einfach vergessen hatte … Tja, so was konnte schon mal passieren.

Jedes Mal, wenn sie ihn sah, errötete sie. Jedes Mal, wenn er sie küsste, hatte sie das Gefühl zu schweben. Jedes Mal, wenn eine E-Mail von ihm kam oder sein Name auf ihrem Handydisplay aufleuchtete, zitterte ihre Gebärmutter. Und erst kürzlich hatte er ihr gesagt, dass er vorhatte, nicht mehr so viel herumzureisen und statt dessen öfter hier sein wollte.

Vielleicht war jetzt wirklich der passende Zeitpunkt. Ihre Eier, seine Pläne, sesshaft zu werden … Heiraten war vielleicht genau das Richtige.

Ja. Sie brauchte eine Liste. Sie klappte ihren Mac auf und begann zu tippen.

Überraschungseffekt ausdenken, damit er dich in einem anderen Licht sieht. (Lass dir was einfallen, was man nicht mehr so schnell vergisst.)

Tu so, als wäre die Ehe eine logische Konsequenz der Freundschaft.

Tu’s bald, damit du nicht kneifen kannst.

Drei Stunden später stieg Honor aus ihrem Auto, zog den Gürtel ihres beigefarbenen Trenchcoats zu, schluckte nervös und ging die Treppe zu Brogans Haus hinauf. Ihr Mund war trocken, ihre Hände waren feucht. Wenn das jetzt nicht klappte …

Die Jahre sind kostbar, eiertechnisch.

Seufz.

Nein. Nicht seufzen. Volle Kraft voraus! Das entsprach der Situation eher. Wir wollen Gesellschaft! hörte sie ihre winzigen, alternden Eier förmlich schreien. In Honors Vorstellung begannen die Dinger um die Taille bereits etwas rundlicher zu werden, trugen Lesebrillen und entdeckten ihre Freude an Doppelkopf. Werdet nicht alt, schärfte sie ihnen ein. Mommy arbeitet daran, dass ihr Gesellschaft bekommt.

Eine kurze Sekunde lang erlaubte sie sich einen verklärten Blick in die Zukunft. Das Neue Haus war wieder voller Kinder (oder wenigstens eins bis zwei). Die Kleinen würden mit ihrem Dad über Felder und Wiesen tobten und den Unterschied zwischen Riesling und Chablis kennen, bevor sie in den Kindergarten kamen. Sie würden Brogans umwerfend schöne Augen und ihre eigenen blonden Haare haben. Oder vielleicht doch besser Brogans dichte kastanienbraune Locken. Oh ja. Seine waren besser.

Mit diesem Bild vor Augen klopfte sie an Brogans Tür. Es roch intensiv nach Zwiebeln, und Honors Magen fing an zu knurren. Zu allem Überfluss war Brogan nämlich auch noch ein guter Koch.

„Hey, On!“

Okay, er hatte eine etwas weniger gute Eigenschaft (seht ihr? Von wegen rosarote Brille …), und das war seine Angewohnheit, ihren zweisilbigen, aus fünf Buchstaben bestehenden Namen abzukürzen. Sie stellte sich immer vor, dass man seine Variante On schrieb, weil Hon die Kurzform von Honey wäre; und so nannte er sie nie.

„Was für eine nette Überraschung!“ Er beugte sich zu ihr hinunter, um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Komm doch rein.“

Sie trat mit klopfendem Herzen ein. Dachte gerade noch rechtzeitig daran, ein Lächeln aufzusetzen. „Wie geht es dir?“, erkundigte sie sich. Ihre Stimme hörte sich sogar in ihren eigenen Ohren gepresst an.

„Super! Lass mich nur schnell umrühren, damit es nicht anbrennt. Ich hoffe, du kannst zum Essen bleiben.“ Er drehte sich zum Herd um.

Jetzt oder nie. Honor machte ihren Gürtel auf, schloss die Augen und ließ den Trenchcoat auf den Boden gleiten. Mist, sie stand hinter dem Tisch, also würde er sie gar nicht sehen. Sie ging um den Tisch herum. Splitterfasernackt. Der Überraschungseffekt … Es war eiskalt hier drin. Sie schluckte und wartete.

Brogans Vater steckte den Kopf in die Küche. „Riecht gut … oh. Hallo, Honor, Liebes.“

Brogans Vater.

Brogans Vater.

Oh, verdammt.

Honor kroch blitzschnell unter den Tisch, warf dabei einen Stuhl um und rutschte auf dem Boden zu dem verfluchten Mantel. Schnappte ihn und hielt ihn sich vor den Körper. Stellte fest, dass der Boden auch mal wieder gewischt werden müsste.

„Liebes? Alles in Ordnung?“, fragte Mr Cain.

„Höre ich dich gerade mit Honor reden? Ist sie denn da?“ Das war Mrs Cain.

Lieber Gott, lass mich im Erdboden versinken, dachte Honor und warf sich den Mantel um die Schultern. „Äh, eine Sekunde“, sagte sie. Ihre Stimme war höher als sonst.

Brogan beugte sich sichtlich verwirrt hinunter. „On? Was machst du denn unter dem … Ach, du lieber Himmel!“

„Hi.“ Sie versuchte, einen Arm in den Ärmel zu stecken.

„Dad, Mom, geht mal kurz raus, okay?“ Er keuchte bereits vor Lachen.

Wo war das verdammte Ärmelloch? Brogan hockte sich neben sie. „Komm da raus.“ Er wischte sich die Lachtränen aus den Augen. „Die Gefahr ist vorbei. Vorerst.“

Sie kroch unter dem Tisch hervor. Dann stand sie auf und wickelte sich in den Mantel. Fest. „Überraschung!“, rief sie. Ihr Gesicht glühte. „Entschuldigung. Ich werde nie wieder versuchen, spontan zu sein.“

Er legte ihr einen Finger unters Kinn, damit sie ihn ansah, und da war es wieder, dieses freche, leicht lüsterne Lächeln. Dazu die funkelnden Augen. Honor spürte, wie sich die Härchen auf ihrer Haut aufstellten und sich Lust mit Scham mischte. „Machst du Witze? Mein Vater wird dich noch lieber mögen, als er es ohnehin schon tut.“

Seine Worte gaben ihr Hoffnung. Sie lächelte – es war nicht ganz leicht, aber sie schaffte es – und rückte ihren Haarreifen zurecht. Hoppla, den hatte sie eigentlich daheim lassen wollen. Haarreifen mit aufgedruckten Scottish Terriern und nackte Haut waren keine gute Kombination. „Dann also: hallo.“

Er lachte, legte einen Arm um sie und drückte sie kurz. Dann wandte er sich Richtung Wohnzimmer und rief: „Ihr könnt jetzt wieder kommen, Eltern! Die Gefahr ist gebannt!“

Und sie kamen wieder rein. Mrs Cain mit missbilligender Miene. Mr Cain grinsend.

Da musst du jetzt durch, Honor. „Tut mir sehr leid“, sagte sie.

„Oh, da gibt es absolut keinen Grund, sich zu entschuldigen“, sagte Mr Cain und japste hörbar nach Luft, als Mrs Cains Ellbogen ihn in die Rippen traf.

„Meine Eltern sind gerade zu Besuch“, verkündige Brogan. Seine Augen blitzten spitzbübisch.

„Das sehe ich“, murmelte Honor. „Wie ist es in Florida?“

„Wunderbar“, antwortete Mr Cain in herzlichem Ton. „Bleib doch zum Essen, Liebes.“

„Oh nein. Du hast … ich kann nicht. Aber danke.“

Brogan drückte sie wieder an sich. „Doch, du kannst. Nur, weil sie dich nackt gesehen haben, braucht dir das doch nicht peinlich zu sein. Stimmt’s, Mom?“

„Wahnsinnig witzig“, murrte Honor.

Mrs Cain machte immer noch ein säuerliches Gesicht. „Ich wusste nicht, dass ihr beide … zusammen seid.“ Sie hatte Honor nie gemocht. Oder irgendein anderes weibliches Wesen, das sich für ihren Sohn interessierte, wie sie sich lebhaft vorstellen konnte.

„Bitte bleib, Honor“, sagte Brogan. „Wenn du gehst, reden wir bloß hinter deinem Rücken über dich.“ Er zwinkerte ihr zu, völlig unbeeindruckt von ihrer kleinen Show.

Dann brachte er ihr eine Jogginghose und ein T-Shirt, und sie zog sich im unteren Badezimmer um. Dabei vermied sie es, ihr Gesicht im Spiegel anzusehen. Okay, ein schneller Blick. Ja, sie sah so richtig gedemütigt aus. Aber wenn sie seine Frau werden wollte, musste sie über dieses kleine Debakel hinwegkommen. Es würde in den Anekdotenschatz der Familie Cain eingehen. Sie würden alle darüber lachen können. Zweifellos so lange, bis sie keine Luft mehr bekamen.

Brogan lockerte die unbehagliche Stimmung beim Abendessen auf, indem er über seinen Job sprach, über die bevorstehende Baseballsaison, das Frühjahrstraining. Er erzählte, wer aufgrund welcher Verletzung nicht spielen konnte, und Honor versuchte zu vergessen, dass Mr Cain sie nackt gesehen hatte.

Brogans Eltern waren – glücklicherweise – nur auf der Durchreise und wollten eigentlich noch nach Buffalo, um Mr Cains Schwester zu besuchen. Vielleicht würde der Abend doch kein kompletter Reinfall.

Endlich brachen sie auf. In der Sekunde, als ihr Auto aus der Garage fuhr, wandte Brogan sich an Honor.

„Das war wahrscheinlich der beste Moment in meinem ganzen Leben“, sagte er.

„Ja. Gern geschehen.“ Sie wurde wieder rot. Gleichzeitig musste sie lächeln, denn da war es wieder, dieses erregende, prickelnde Gefühl. Diese – sie hasste den Ausdruck, aber er traf zu – Dankbarkeit. Brogan Cain, der sexy Sportfotograf, hatte ihr gerade ein Kompliment gemacht.

„Tun wir einfach so, als würde der Abend noch mal von vorn anfangen, okay?“ Er lächelte sie an. „Du gehst wieder raus, ich höre ein leises Klopfen, und wer ist es? Niemand anderer als die schöne Honor Holland!“ Er führte sie zur Tür und schob sie sanft nach draußen, wo sich der leichte Niederschlag mittlerweile in Eisregen verwandelt hatte.

Honor wiederholte ihren Auftritt, und diesmal verlief das Ganze schon eher nach Plan. Abgesehen davon, dass sich auf dem Küchentisch inzwischen das Geschirr stapelte, und sie daher in Brogans Schlafzimmer gingen.

Und als sie fertig waren und Honors Herz wie wild klopfte – nicht nur vor wohliger Erschöpfung, sondern, um bei der Wahrheit zu bleiben, vor Angst – versuchte sie, erst mal tief durchzuatmen. Beruhig dich, sagte sie sich. Er ist dein Freund.

Ja, das war er. Definitiv. Honor setzte sich langsam auf. Brogan schien zu schlafen. Das war in Ordnung, denn so konnte sie ihn einfach nur anschauen. Er sah so wahnsinnig gut aus. Schwarze Wimpern, die jeder Mascara-Werbung zur Ehre gereichen würden, gerade Nase, perfekt geformter Mund. Der Hauch eines Bartschattens verlieh diesem fast schon als schön zu bezeichnenden Gesicht den genau richtigen Touch herber Männlichkeit. Selbst nach all den vielen … Begegnungen fiel es ihr immer noch schwer zu glauben, dass sie mit ihm ins Bett ging.

Sie wusste, dass er hin und wieder Freundinnen gehabt hatte. In diesen Phasen hatten sie natürlich nicht miteinander geschlafen, und wenn Brogan die anderen Frauen erwähnte – was selten vorkam –, bemühte Honor sich, gelassen zu bleiben. Irgendwann machte er sowieso mit ihnen Schluss (ein sehr gutes Zeichen, wie sie fand).

Was andere Männer betraf … Nun ja, es hatte vier andere Beziehungen gegeben, die jeweils zwischen fünf und 23 Tagen gedauert hatten. Geschlafen hatte sie nur mit einem einzigen anderen Mann, und diese Erfahrung war – machen wir uns nichts vor – im Vergleich mit dem hier völlig unerheblich gewesen.

Jetzt oder nie, Honor.

„Schläfst du?“, flüsterte sie.

„Nö. Ich lasse mich nur von dir anschauen.“ Er öffnete die Augen und grinste leicht.

Sie erwiderte sein Lächeln. „Wie aufmerksam von dir. Ich weiß das zu schätzen.“ Sie befeuchtete ihre Lippen. Ihre Knie zitterten vor Aufregung. „Also.“

„Also.“ Er schob ihr eine Haarsträhne hinters Ohr. Mehr Ermunterung brauchte sie gar nicht.

„Weißt du, worüber ich neulich nachgedacht habe?“, fragte sie wie beiläufig, obwohl sie sich vor Peinlichkeit am liebsten gekrümmt hätte.

„Worüber denn?“

„Ich dachte, wir sollten heiraten.“

So. Jetzt war es raus. Plötzlich war es verdammt schwierig, normal zu atmen.

„Ja, genau“, schnaubte Brogan. Dann dehnte und streckte er sich genüsslich und gähnte. „Oh Mann, so langsam holt mich der Jetlag ein.“ Dann sah er sie wieder an. „Oh. Äh, meinst du das ernst?“

Jetzt ganz locker bleiben, ermahnte sie sich. „Ja, eigentlich schon. Immerhin wäre es eine Überlegung wert.“

Er starrte sie an. Dann hob er verwirrt die Brauen. „Echt jetzt?“

Das klang nicht unbedingt so, als hätte er gerade etwas Wunderbares gehört. Er wirkte eher … verblüfft.

„Es ist bloß … weil wir … du weißt schon … gute Freunde sind. Gute, gute Freunde. Wirklich gute Freunde.“ Himmel, hör auf zu reden. Du hörst dich wie ein Idiot an. „Wir sind seit Jahrzehnten befreundet. Das ist eine lange Zeit.“ Ihre Zunge fühlte sich wie ein Stück altes Leder an, und war das nicht eine hübsche Vorstellung? Möchtest du meinen verschrumpelten, trockenen, ledernen Mund küssen, Brogan? Die Jahre sind nämlich kostbar, weißt du? Eiertechnisch.

Sie lachte verlegen, was sie auf der Stelle bereute. „Ich wollte es nur mal ansprechen. Wie lange sind wir jetzt ungefähr zusammen? 17 Jahre?“

„Zusammen?“ Er setzte sich abrupt auf.

„Äh, ja, irgendwie schon. Wir, äh, kommen immer wieder zusammen.“ Sie setzte sich ebenfalls auf und lehnte sich an das ledergepolsterte Kopfende des Betts. In ihren Augen brannten Tränen, denen sie sofort den Befehl gab, sich wieder zu verdrücken. Dann räusperte sie sich. „Ich meine, wir sind so gute Freunde. Und dann ist da … der Sex.“

„Ja! Okay. Klar, wir sind wirklich gute Freunde. Auf jeden Fall. Ich betrachte dich als meine beste Freundin, ehrlich. Aber, öh …“ Brogan holte tief Luft. „Ich habe uns nie wirklich als Paar im engeren Sinn des Wortes gesehen.“ Er schluckte und sah sie an. Immerhin.

Ruhig bleiben, ruhig bleiben. „Nein, du hast recht. Ich dachte nur, wir kommen jetzt beide in ein gewisses Alter, und du hast gesagt, du möchtest nicht mehr so viel reisen.“ Sie machte eine Pause. „Und wir haben beide nie jemanden für eine … feste Beziehung gefunden. Das bedeutet ja möglicherweise etwas.“

Bitte sieh das auch so. Bitte versteh doch, was für eine großartige Idee das ist.

Er gab keine Antwort, aber sein Blick war liebevoll und gütig. Schrecklich gütig sogar, und das war Antwort genug. Honors Herz setzte einen Moment lang aus und fiel dann in sich zusammen wie verbranntes Papier. Sie starrte auf die Stickerei auf der Bettdecke, damit sie ihn nicht ansehen musste. Jetzt, da sie die Zurückweisung hinter sich hatte, sollte sie sich dringend wieder einkriegen. Sie war schließlich ein vernünftiger, gelassener Mensch. Außer, dass sie vermutlich gleich einen Herzinfarkt kriegen würde. Irgendwie hoffte sie sogar darauf.

Brogan schwieg eine Weile. „Du weißt, was du mir bedeutest, On, oder?“ Er drehte sich zu ihr, damit er ihr Gesicht sehen konnte. „Du bist für mich wie ein alter Baseballhandschuh.“

Sie blinzelte verwirrt. Machte er Witze? Ein Vergleich aus der Welt des Sports? Gut, davon hatte er viele auf Lager, aber ausgerechnet jetzt?

Er nickte. „Wie ein alter Freund, an den man sich wendet, wenn man ihn braucht.“

„Ein Baseballhandschuh.“ Konnte sie ihn mit dem Kissen ersticken, oder funktionierte das nur im Film? Wie wär’s mit Strangulieren? Zu dumm, dass sie keine Strumpfhose angehabt hatte.

Er nahm ihre Hand und drückte sie, und Honor ließ sie in seinem Griff liegen wie einen toten Fisch. „Jester hat das mal so ausgedrückt. Vielleicht war es auch Pujols. Genau, der war’s. Das war nämlich damals, als er in Saint Louis gespielt hat. Warte, war es womöglich Joe Maurer? Nein, doch nicht. Egal, wer auch immer es war, er hat erzählt, dass er immer, wenn er vor einem Spiel kein gutes Gefühl hat, seinen alten Handschuh anzieht. Er hat ihn seit Jahren, verstehst du? Und wenn er ihn anzieht, ist es, als ob er einen alten Freund trifft, und er weiß, dass es ihm dann besser geht.“ Er drehte sich zu ihr, hob ihr Kinn an, und sie blinzelte. Ihre Augen fühlten sich wie zwei heiße, trockene Steine an. „Aber man braucht diesen Handschuh nicht jeden Tag.“

Das musste die schlechteste Rede sein, mit der jemals jemand Schluss gemacht hatte.

Er zuckte peinlich berührt zusammen. „Okay, das war der denkbar schlechteste Vergleich“, räumte er ein, und sie musste lachen, weil sie sonst in Tränen ausgebrochen wäre. „Was ich sagen will, ist …“

„Weißt du was?“ Ihre Stimme klang normal, Gott sei Dank. „Vergiss es. Ich weiß nicht, wie ich auf die Idee gekommen bin. Lag vielleicht daran, dass deine Eltern mich nackt gesehen haben.“

Er grinste.

„Aber du hast recht“, sagte sie mit noch ein bisschen festerer Stimme. „Warum sollten wir eine gute Sache kaputt machen?“

„Ganz genau.“ Er nickte. „Das, was wir haben, ist wirklich etwas Gutes. Meinst du nicht?“

„Unbedingt. Nein, nein, das mit dem Heiraten war nur … nur so eine Idee. Vergiss es.“

Er küsste sie, und es zerriss ihr fast das Herz. Ein alter Baseballhandschuh? Du lieber Himmel. Und trotzdem ließ sie sich von ihm küssen, als wäre nichts passiert.

„Fit für die zweite Runde?“, flüsterte er.

Machst du Witze? Du hast mich gerade mit einem alten Baseballhandschuh verglichen. Ich gehe.

„Klar“, sagte sie. Denn es war ja nichts passiert. Nichts hatte sich geändert. Sie war immer noch derselbe alte Baseballhandschuh, der sie immer gewesen war.

Wenn sie jetzt ginge, würde er vielleicht merken, dass es ihr voller Ernst gewesen war. Und wenn er das wusste, blieb ihr überhaupt kein Stolz mehr. Und da man ihr gerade das Herz gebrochen hatte, war Stolz plötzlich etwas sehr Wichtiges.

Eine Stunde später stand sie vor Danas Tür, und in dem Moment, als sie anklopfte, war es endgültig um ihre Fassung geschehen. Honor weinte selten, aber jetzt liefen ihr die Tränen in heißen Strömen übers Gesicht.

Dana machte die Tür auf. Sie warf einen Blick auf Honor, und über ihre Züge huschte ein seltsamer Ausdruck – halb Überraschung, halb etwas anderes. „Tja, ich schätze, ich weiß, wie die Sache ausgegangen ist“, sagte sie nach einem Moment. „Es tut mir leid, Süße.“

Sie holte einen frischen Pyjama, und Honor zog sich um und wusch sich anschließend im tröstlich chaotischen Badezimmer das Gesicht.

„Wenigstens weißt du jetzt, woran du bist“, bemerkte Dana, die am Türrahmen lehnte. „Ich glaube, wir könnten jetzt einen Drink vertragen, meinst du nicht?“

Sie mixte einen sehr starken Martini und reichte Honor eine Packung Kleenex. Im Hintergrund lief „Shark Week“ im Fernsehen. Irgendwie war es die perfekte Kulisse, um sein Herz auszuschütten.

„Ich komme mir wie ein Vollidiot vor“, sagte Honor, nachdem sie alles erzählt hatte, was an diesem entsetzlichen Abend passiert war. „Und weißt du, das Schlimmste ist, dass ich gar nicht wusste, wie sehr ich ihn liebe, bevor ich die Karten auf den Tisch gelegt habe. Ergibt das irgendeinen Sinn?“

„Aber sicher.“ Dana leerte ihr Glas. „Hör mal, ich möchte wirklich nicht unsensibel sein, aber könntest du mir den Teil mit den Eltern noch mal erzählen?“, fragte sie grinsend, und Honor schnaubte, nickte und ließ Dana schwören, dass sie es um jeden Preis für sich behalten würde. Der Schwur war nötig, weil Dana als Friseurin alle Leute kannte und keinerlei Scheu hatte, jedem alles zu erzählen.

„Deine Vagina mit einem alten Baseballhandschuh zu vergleichen ist ein starkes Stück, oder?“

„Er hat nicht meine … Egal. Reden wir über etwas anderes. Oh, guck mal, wie sie diesen Typen da zusammengeflickt haben. Die vielen Nähte. Ich gehe nie wieder schwimmen.“ Sie lehnte sich zurück und spürte ihren Regenmantel auf der Couchlehne hinter sich. Doofer Mantel. Was war nun mit dem Überraschungseffekt, hm? Sie knüllte ihn zusammen und warf ihn auf den Boden.

„Hey, den Mantel trifft keine Schuld. Und das ist ein Burberry.“ Dana hob das missachtete Kleidungsstück auf. „Aber nein, schon klar, ich verstehe, was du meinst. Du hasst ihn jetzt, also werde ich mich opfern und ihn an mich nehmen. Ich verspreche, dass ich ihn nie in deiner Gegenwart tragen werde.“ Sie machte einen Schrank auf, schob den Mantel hinein und knallte die Tür zu.

Dana konnte ziemlich kratzbürstig sein, aber sie hatte ihre einfühlsamen Momente. „Also, was nun?“, erkundigte sie sich, während der Typ im Fernsehen schilderte, wie es war, seinen abgetrennten Arm zwischen den Zähnen eines großen weißen Hais zu sehen.

Honor schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter. „Ich weiß es nicht. Aber ich schätze, ich kann nicht mehr mit ihm schlafen. Einen Rest von Stolz habe ich nämlich sehr wohl – Handschuh hin oder her.“

„Gut. Wird auch höchste Zeit“, sagte Dana. „Und jetzt setz dich hin und schau dir die nächste Hai-Attacke an, und ich mache uns noch einen Drink.“

1. KAPITEL

Für einen Mann, der Maschinenbau an einem viertklassigen College mitten im Nirgendwo unterrichtete, war Tom Barlow ziemlich gefragt.

An der Universität, an der er zuletzt gelehrt hatte, war sein Fach ein richtiger Studiengang gewesen, und die Studenten zeigten ernsthaftes Interesse an der Materie. Aber hier, am winzigen Wickham College, waren vier der ursprünglichen sechs Teilnehmer mehr oder weniger zufällig in seinem Seminar gelandet, weil sie mit ihrer Anmeldung zu spät dran und für Maschinenbau noch Plätze frei gewesen waren. Zwei hatten tatsächlich interessiert gewirkt, aber dann wechselte die eine der beiden nach Carnegie Mellon.

Doch dann, am Ende der zweiten Woche, drängten sich plötzlich 36 Studentinnen im Alter zwischen 18 und geschätzten 55 in seinem kleinen Seminarraum. Eine überraschend große Zahl von Studentinnen hatte offenbar spontan beschlossen, dass Maschinenbau (was auch immer das sein mochte) ihre neue Leidenschaft im Leben war.

Die Klamotten waren ein kleines Problem. Eng, billig, tief ausgeschnitten, geschmacklos. Tom hatte sich angewöhnt, beim Unterrichten die hintere Wand im Kursraum zu fixieren, weil er die sehnsüchtigen Blicke von 78 Prozent seiner Seminarteilnehmer vermeiden wollte.

Er versuchte, keine Zeit für Fragen übrig zu lassen, da die Horde von Barbarinnen, wie er sie insgeheim bezeichnete, sich immer nach total unpassenden Dingen erkundigte. Sind Sie Single? Wie alt sind Sie? Woher kommen Sie? Mögen sie ausländische Filme/Sushi/Mädchen?

Andererseits brauchte er diesen Job. „Irgendwelche Fragen?“, erkundigte er sich. Ein Dutzend Hände schoss nach oben. „Ja, Mr Kearns“, sagte er dankbar zu dem einzigen Studenten, der aus fachlichem Interesse hier war.

Laut seiner Akte war Jacob Kearns wegen Drogendealens vom Massachusetts Institut of Technology geflogen. Wenigstens schien er diesbezüglich inzwischen auf dem rechten Weg zu sein, aber Wickham College war akademisch gesehen natürlich ein enormer Abstieg. Wobei Tom zugeben musste, dass er ebenfalls Spezialist darin war, sich in Sachen Karriere selbst ins Knie zu schießen.

„Dr. Barlow, wegen des Hovercraft-Projekts. Ich frage mich, wie man die Fluchtgeschwindigkeit berechnet.“

„Gute Frage. Die Fluchtgeschwindigkeit ist die Geschwindigkeit, bei der sowohl die kinetische Energie Ihres Objekts als auch dessen potenzielle Energie gleich null sind. Ist das verständlich?“ Die Horde der Barbarinnen (jedenfalls der Teil, der zuhörte) guckte verwirrt.

„Auf jeden Fall“, sagte Jacob. „Danke.“

30 Sekunden bis zum Pausengong. „Alle mal zuhören“, sagte Tom. „Als Hausaufgabe lesen Sie Kapitel sechs und sieben in Ihrem Skriptum und beantworten alle Fragen am Ende beider Kapitel. Außerdem reichen Sie bitte Ihre Vorschläge für Ihr Semesterprojekt ein.“ Hoffentlich konnte er die Horde mit einem geradezu absurd großen Arbeitspensum ausdünnen. „Noch etwas?“

Eine Hand schoss nach oben. Natürlich eine der Barbarinnen. „Ja?“, sagte er knapp.

„Sind Sie Brite?“, erkundigte sie sich. Heftiges Kichern von einem Drittel der Seminarteilnehmer, deren geistiges Alter zwölf zu sein schien.

„Ich habe das in diesem Seminar schon mal beantwortet. Also, gibt es noch Fragen, die sich auf Maschinenbau beziehen? Nein? Großartig. Cheerio.“

„Oh mein Gott, er hat ‚Cheerio‘ gesagt“, japste eine Blondine, die wie eine Cockney-Hure gekleidet war.

Der Gong ertönte, und die Horde der Barbarinnen strömte auf sein Pult zu. „Mr Kearns, bitte bleiben Sie noch einen Moment“, bat Tom.

Sieben Studentinnen kreisten ihn ein. „Was meinen Sie, könnte ich zum Beispiel für einen Architekten arbeiten oder so?“, wollte eine wissen.

„Ich habe keine Ahnung“, antwortete er.

„Ich meine, nach diesem Seminar.“ Sie senkte den Blick und starrte auf seinen Mund. Tom sehnte sich nach einer Dusche.

„Schließen Sie erst mal dieses Seminar ab. Dann können Sie sich bewerben und sehen, wie Ihre Chancen stehen“, erwiderte er.

„Kommen Sie mit in den Pub, Tom?“, rief eine andere aus der Horde. „Ich würde Ihnen gern einen Drink spendieren.“

„Das wäre unangemessen.“

„Ich bin nicht mehr minderjährig.“ Sie grinste anzüglich.

„Wenn Sie keine Fragen zur heutigen Vorlesung haben, gehen Sie jetzt bitte.“ Er lächelte, um seine Worte abzumildern, und die Horde der Barbarinnen zog – schmollend und mit wehenden Haaren – ab.

Tom wartete, bis sie außer Hörweite waren. „Jacob, hätten Sie Interesse, ein Praktikum bei mir zu machen?“

„Sicher! Gern! Ähm, was genau würde ich machen?“

„Ich baue ab und zu Flugzeuge für Kunden. Es würde sich gut in Ihrem CV machen.“

„Was ist ein CV?“

„Ein Curriculum Vitae, ein Lebenlauf.“

„Sicher!“, sagte Jacob wieder. „Das wäre toll.“

„Sie dürfen natürlich keine Drogen nehmen. Ist das ein Problem?“

Der Junge errötete. „Nein. Ich bin in einem Narcotics-Anonymous-Programm. Clean seit 13 Monaten.“ Er steckte die Hände in die Hosentaschen. „Ich muss jeden Monat in einen Becher pinkeln, damit ich hier studieren darf. Das Gesundheitsbüro hat meine Akte.“

„Gut. Ich gebe Ihnen Bescheid, wenn ich Sie brauche.“

„Danke, Dr. Barlow. Vielen Dank.“

Tom nickte. Der Vorstand seines Fachbereichs stand in der Tür und schaute stirnrunzelnd den Korridor hinunter, wo die Knalltüten immer noch herumstanden und laut kicherten. Als Jacob gegangen war, kam er herein und schloss die Tür hinter sich.

Das bedeutete nichts Gutes, dachte Tom. Droog Dragul (keine große Überraschung, dass er Dracula genannt wurde, oder?) hatte das Gesicht eines mittelalterlichen Mönchs – gequält, blass und ernst. Heute sah er sogar noch deprimierter aus als sonst.

„De Kender deser Schule“, sagte Droog in seinem starken Akzent und seufzte. „Se send so …“ Tom zuckte innerlich zusammen. Er befürchtete, dass als Nächstes gut genährt oder eisenhaltig kommen würde. „Se send so unkonzentriert.“ Uff!

„Die meisten jedenfalls“, pflichtete Tom ihm bei. „Ich habe ein, zwei gute Studenten.“

„Ja.“ Sein Vorgesetzter seufzte. „Und du best bei den Damen so beliebt, Tom. Vielleicht kannst du mer einmal bei einem Bier ein paar Tepps geben.“

„Es liegt an meinem Akzent“, erklärte Tom.

„Meiner scheint – aus unerklärlechem Grund – necht den gleichen Effekt zu haben. He he he he he!“

Tom verzog peinlich berührt das Gesicht. Dann lächelte er. Droog war ein netter Kerl. Seltsam, aber in Ordnung. In den paar Monaten, seit Tom hier unterrichtete, waren sie ein Mal essen und zwei Mal auf ein Bier und eine Runde Pool Billard gegangen, und wenn es insgesamt auch etwas merkwürdig gewesen war, so schien Droog doch ein gutes Herz zu haben.

Sein Boss seufzte noch einmal, setzte sich und trommelte mit seinen langen Fingern auf den Schreibtisch. „Tom, ech fürchte, ech habe schlechte Neuigkeiten. Wer werden dein Arbeitsvesum necht erneuern können“

Tom schnappte hörbar nach Luft. Der einzige Grund, warum er diesen Job angenommen hatte, war das Arbeitsvisum gewesen. „Die Erneuerung des Visums war für mich eine Voraussetzung, die Stelle anzunehmen.“

„Dessen ben ech mer bewusst. Aber das Budget … Wer kennen uns de Gerechtskosten necht leisten.“

„Ich dachte, du meintest, das wäre kein Problem.“

„Ech habe mech geerrt. Man hat es sech anders überlegt.“

Tom spürte, dass seine Kiefer blockierten. „Verstehe.“

„Wer schätzen deine pädagogeschen Fähegkeiten und Erfahrung, Tom. Vielleicht fendest du eine andere Möglechkeit, das Vesum zu verlängern. Wer kennen der bes Semesterende geben.“ Er machte eine Pause. „Es tut mer leid. Sehr sogar.“

Tom nickte. „Danke.“ Droog hatte keine Schuld. Trotzdem, Mist.

Dr. Dragul ging. Tom blieb noch eine Weile an seinem Schreibtisch sitzen. Die Chance, im Februar einen anderen Job zu finden, tendierte gegen null. Wickham war das einzige College im westlichen Staat New York gewesen, das einen Maschinenbauprofessor gesucht hatte, und Tom hatte Glück gehabt, den Job so schnell zu bekommen. Es war kein renommiertes College, bei Weitem nicht, aber darum ging es nicht. Zu dem Zeitpunkt ging es nur um die geografische Lage.

Er konnte seinen Job ohne Arbeitsvisum nicht behalten, auch wenn nicht damit zu rechnen war, dass die Einwanderungsbehörde ihm künftig ständig im Nacken sitzen würde. Für die war ein bestallter Professor ein kleineres Problem als die meisten anderen ihrer Fälle. Aber trotzdem, das College würde ihn nicht illegal weiterbeschäftigen.

Wenn er bleiben wollte, brauchte er eine Green Card.

Schnell.

Aber noch schneller würde er sich jetzt erst in das ziemlich schäbige Haus begeben, das er gemietet hatte, und dann in die viel schönere Kneipe unten an der Straße. Er brauchte jetzt definitiv einen Drink.

Ein paar Tage später saß Tom abends in der Küche seiner Großtante Candace und trank Tee. Nur die Briten konnten anständigen Tee machen. Candace lebte zwar schon mindestens sechs Jahrzehnte in den Staaten, aber sie hatte es nicht verlernt.

„Diese Melissa …“, sagte Tante Candace finster. „Sie hat alles durcheinandergebracht, nicht wahr?”

„Naja. Wir wollen nicht schlecht über die Tote reden.“

„Aber ich werde dich vermissen! Und was wird aus Charlie? Wie alt ist er jetzt? Zwölf?“

„14.“ Sein inoffizieller Stiefsohn war zehn gewesen, als Tom ihn kennengelernt hatte. Es war schwer, den gesprächigen, fröhlichen kleinen Jungen von damals mit dem mürrischen Teenager von heute in Verbindung zu bringen, der kaum den Mund aufkriegte.

Tom spürte einen kurzen, scharfen Stich im Herzen. Charlie würde ihn nicht vermissen, davon war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszugehen. Es war eine dieser Situationen, in denen Tom nicht so genau wusste, ob er überhaupt irgendetwas Positives bewirkte oder ob seine Anwesenheit die Dinge nicht noch schlimmer machte. Charlies Mutter Melissa war tot, und obwohl Tom einmal kurz mit ihr verlobt gewesen war, hatte er heute – rechtlich gesehen – keinerlei Funktion im Leben des Jungen. Auch wenn Charlie damals beinahe Toms Stiefsohn geworden wäre.

Wie auch immer – er konnte kaum Einfluss darauf nehmen, ob er in den USA bleiben durfte oder nicht. Er hatte dem Vorstand seiner ehemaligen Fakultät in England eine Mail geschrieben, und der antwortete umgehend, dass sie Tom sofort wieder einstellen würden. Es gab keine anderen Colleges hier in der Gegend, die jemanden mit seinen Qualifikationen suchten. Und das Unterrichten war nun mal seine Berufung (allerdings nur, wenn die Studenten wirklich an der Materie interessiert waren).

Und so hatte Tom beschlossen, nach Pennsylvania zu fahren, um die einzige echte Verwandte, die er in diesem Land hatte, zu besuchen und schon mal mit dem Verabschieden zu beginnen. Er war jetzt seit vier Jahren in den Staaten, und Tante Candace war sehr gut zu ihm gewesen. Als er sie nach seiner letzten Vorlesung angerufen und gefragt hatte, ob sie mittags schon etwas vorhätte, war sie vor Freude außer sich gewesen. Nach dem Essen hatte er sie sogar zum Einkaufszentrum gefahren, damit sie sich einen neuen Mantel zulegen konnte, was wieder mal bewies, wovon Tom ohnehin überzeugt war: Er war ein verdammter Heiliger.

„Hier, iss noch ein Stück Obstkuchen, Schatz.“ Sie schob ihm den Teller zu.

„Danke.“ Tom griff zu.

„Ein entzückendes Städtchen, dieses Manningsport“, sagte sie. „Ich habe als Kind dort ganz in der Nähe gelebt, wusstest du das?“

„Das hast du erzählt, ja“, antwortete Tom. Seine liebe alte Tante konnte göttlich backen, das stand mal fest.

„Am besten, du isst gleich den ganzen Kuchen auf. Ich habe Prädiabetes oder irgend so einen Unsinn. Andererseits bin ich 82 Jahre alt. Ein Leben ohne Nachtisch ist so grauenvoll, dass ich es mir gar nicht vorstellen will. Ich werde einfach eine Überdosis Karamell-Popcorn zu mir nehmen und mit einem Lächeln im Gesicht sterben. Was wollte ich gerade sagen?“

„Du hast früher in der Nähe von Manningsport gelebt.“

„Ja, genau! Nur ein paar Jahre. Meine Mutter war Witwe, weißt du. Nachdem mein Vater an Lungenentzündung gestorben war, hat sie meinen Bruder und mich eingesammelt und ist nach Amerika ausgewandert. Deine Großmutter Elsbeth war bereits verheiratet, also ist sie natürlich mit ihrem Mann in Manchester geblieben. Deinem Großvater. Aber ich kann mich noch an die Überfahrt erinnern und daran, wie ich die Freiheitsstatue gesehen habe. Ich war sieben Jahre alt. Ach, es war schrecklich aufregend!“ Sie lächelte und trank einen Schluck Tee.

„So bist du also ein Yankee geworden“, bemerkte Tom.

Sie nickte. „Wir haben in Corning gelebt, meine Mutter hat meinen Stiefvater kennengelernt, und er hat Peter und mich adoptiert.“

„Das wusste ich gar nicht.“

„Er war ein reizender Mensch. Ein Farmer. Manchmal habe ich ihn begleitet, wenn er Milch ausgeliefert hat.“ Candace lächelte. „Aber wir sind umgezogen, nachdem mein Bruder im Krieg gefallen ist. Damals war ich 15. Aber ich habe immer noch eine Freundin dort. Besser gesagt, eine Brieffreundin. Weißt du, was das ist?“

Tom schmunzelte. „Ja, weiß ich.“

„Zu schade, dass du weg musst. Es ist wunderschön dort.“ Plötzlich sah Candace ihn listig an. „Tom, mein Liebling … Wenn du wirklich in den Staaten bleiben willst, kannst du ja immer noch eine Amerikanerin heiraten.“

„Das ist illegal, Tantchen.“

„Papperlapapp.“

Er lachte. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich so weit gehen würde, um hierbleiben zu können. Es wäre vielleicht anders, wenn … Naja, aber das ist kein Thema.“

Es wäre eventuell eines, wenn Charlie wirklich wollte, dass er blieb. Wenn er ihn brauchte. Wenn Tom für Charlie irgendetwas anderes wäre als nur eine Nervensäge, würde er einen Versuch wagen.

Er hatte noch vage Aussichten auf zwei Jobs bei zwei Fertigungsbetrieben, die allerdings beide Erfahrung voraussetzten, die er nicht hatte. Wenn aus denen nichts wurde (und er war sich dessen fast sicher), musste er zurück ins gute alte England, was gar nicht so übel war. Er würde in der Nähe seines Dads sein. Vielleicht irgendwann ein nettes Mädchen kennenlernen. Charlie würde sich kaum an ihn erinnern.

Der Obstkuchen schmeckte plötzlich wie Asche. Er schob seinen Teller von sich. „Ich sollte jetzt gehen“, sagte er. „Danke, dass du dir Zeit für mich genommen hast.“

Sie stand auf, umarmte ihn und drückte ihre Wange sanft an seine. „Danke, dass du einer alten Dame einen Besuch abgestattet hast“, erwiderte sie. „Ich werde tagelang damit angeben. Mein Großneffe vergöttert mich.“

„Das stimmt auch. Tschüss, Tantchen. Ich rufe dich an und erzähl’ dir, wie sich alles entwickelt.“

„Falls ich ein Mädchen kenne, das unter Umständen interessiert ist, darf ich ihr deine Nummer geben, Schatz?“

„Woran interessiert, Tantchen?“

„Dich zu heiraten.“

Tom lachte. Aber das Gesicht der alten Dame war so voller Hoffnung. „Sicher“, sagte er und küsste sie noch einmal auf die Wange. Lass dem alten Mädchen doch die Freude, sich nützlich zu fühlen, dachte er. Vielleicht würde sie dann nicht so traurig sein, wenn er zurück nach England ging.

Wieder dieser Schmerz in der Brust.

Die Fahrt nach Manningsport dauerte vier Stunden. Vier Stunden lang elender, eisiger Regen und Scheibenwischer, die eher alles verschmierten als irgendwas zu bringen. Als er sich den Finger Lakes näherte, verschlechterte sich das Wetter noch mehr. Vielleicht würde er ja trotzdem nicht allzu spät heimkommen und könnte in der Kneipe, die er langsam schon zu sehr mochte, noch einen Happen (und einen Whisky) zu sich nehmen. Die hübsche Barkeeperin anbaggern und versuchen, nicht an die Zukunft zu denken.

2. KAPITEL

Sechs Wochen nach ihrem missglückten Heiratsantrag bekam Honor langsam Panik.

Die Online-Dating-Seiten, an die sie sich gewandt hatte, schickten ihr ganze vier passende Profile: von ihrem Bruder Jack (kam nicht infrage.); von Carl, ihrem Schwager (er und Pru hatten sich registriert, um zu sehen, ob eCommitment sie für kompatibel hielt; danach wollten sie sich – im steten Bemühen, das Feuer in ihrer Beziehung am Lodern zu halten – treffen und so tun, als wären sie Fremde; Carl kam also logischerweise auch nicht infrage); von Bobby McIntosh, der bei seiner Großmutter im Keller wohnte und seltsame, reptilienartige Augen hatte. Und schließlich das Profil von einem Typen, den sie nicht kannte und der als Hobby „Wiedergeburt“ angab.

Was bedeutete, dass Honor schon wieder ein endlos langes Wochenende vor sich hatte, bei dem Spike, die kleine Mischlingshündin, die sie sich kürzlich zugelegt hatte, ihr einziger sozialer Kontakt wäre. Und obwohl Spike sich als ausgezeichnete Gefährtin entpuppte, hatte Honor doch auf Gesellschaft der menschlichen Art gehofft. Ryan Gosling wäre ihre erste Wahl gewesen, aber der hatte, wie man sich vorstellen konnte, etwas anderes vor. Dana war ebenfalls unabkömmlich, wie überhaupt sehr oft in letzter Zeit, was allmählich ziemlich frustrierend wurde. Man konnte ohnehin kaum was unternehmen, so lange der Winter die Finger Lakes im Griff hatte, und wenn dann auch noch die beste Freundin wegfiel, war sogar noch weniger los.

Faith war damit beschäftigt, frisch verheiratet zu sein. Pru war damit beschäftigt, so zu tun, als sei sie frisch verheiratet. Jack war gelegentlich vorbeigekommen, und sie hatten sich auf Honors tollem neuen Fernseher zusammen diese ekligen medizinischen Dokus angeschaut, die sie beide so mochten. Aber sie hatte dabei immer das Gefühl gehabt, ihn von seinen Freunden fernzuhalten. Abby war sehr beliebt, und Honor konnte sich nicht dazu überwinden, ihre Teenagernichte anzubetteln, mit Tantchen abzuhängen, um sich einen Film anzusehen. Das Gleiche galt für Ned, der bei der Arbeit ohnehin schon genug Zeit mit Honor verbrachte.

Blieben also Goggy und Pops, die sich immer freuten, sie zu sehen, aber ständig stritten. Und Dad, der sich seit Kurzem ein wenig merkwürdig verhielt. Nervös. Geheimnisvoll.

Ob Mrs Johnson Lust hatte, etwas zu unternehmen? Manchmal ging sie mit Honor ins Kino, obwohl sie immer über die unhygienischen Zustände im Saal, das Personal und die Menschen generell meckerte. Hm. Mrs Johnson war wahrscheinlich noch am besten geeignet. Sie könnten Spike und auch Popcorn ins Kino mitnehmen.

In diesen Moment klingelte ihr Telefon, und Honor erschrak dermaßen, dass sie ihren Kaffee verschüttete. Spike bellte in ihrem kleinen Hundekörbchen, versuchte aufgeregt, an Honors Bein hochzuspringen, und zerriss ihr dabei die Strumpfhose. Sie hatte Spike zwar erst eine Woche, aber die Hündin war schon ganz die mutige Beschützerin.

„Ich geh’ ran!“, rief Honor Ned zu, dem Einzigen außer ihr, der um diese Uhrzeit im Büro war.