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David wird aus seinem alten Leben gerissen und landet in einem rätselhaften Camp, das vorgibt, seine verborgenen Talente zu fördern. Dort trifft er Caleb – impulsiv, verschlossen und doch auf seltsame Weise vertraut. Zwischen den beiden wächst eine Freundschaft, die mehr als einmal auf die Probe gestellt wird. Während sie versuchen, sich in einer Welt zurechtzufinden, in der Regeln und Kontrolle über allem stehen, erkennen sie: Sie sind Teil eines Systems, das nicht nur formt, sondern auch täuscht. Wahrheit wird hier gemacht – von jenen, die das Bild der Realität diktieren. Was bleibt, wenn selbst Erinnerungen manipuliert werden können? Wer entscheidet, was richtig und falsch ist? Und was ist Wahrheit in einer Welt, in der jede Geschichte gesteuert scheint?
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Seitenzahl: 424
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Prolog
Kapitel 1 – Erwachen
Kapitel 2 – Wie Brüder
Kapitel 3 – Explosiv
Kapitel 4 – An die Wand
Kapitel 5 – Zuhause
Kapitel 6 – Seelenverwandte
Kapitel 7 – Massiv
Kapitel 8 – Rückkehr
Kapitel 9 – Die Jagd
Kapitel 10 – Das Café
Kapitel 11 – Großer Bruder
Kapitel 12 – Networking
Kapitel 13 – Getrennte Wege
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Cover
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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-583-5
ISBN e-book: 978-3-99130-584-2
Lektorat: Thomas Schwentenwein
Umschlagabbildung: Helmut-Michael Kemmer
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Die Vorstellung, dass auch der Teil der Welt im Wandel ist, den wir nicht bewusst wahrnehmen, übersteigt unsere Sinne. Weder vermag man schon jetzt zu sagen, was der Veränderung zum Opfer fallen, noch was den Zahn der Zeit wohl überdauern wird. Das ungeduldige Ticken der Uhren ist ein Sinnbild für verschwendete Energie. Mit jeder Stunde, jeder Minute und jeder einzelnen Sekunde verwirkt sie nur für einen einzigen Zweck ihr Leben: Sie vermittelt einen plastischen Eindruck von Vergänglichkeit, die ansonsten nur auf lange Dauer begreifbar, aber niemals messbar wäre. Zeit bemessen in einer Größenordnung, mit der sie Einfluss auf das Leben eines Individuums nimmt, ist sie nicht mehr wert als einige verlorene Münzen, die uns verstreut zu Füßen liegen, ohne auch nur einen Funken Absicht zu hegen, gefunden zu werden. Manch einer mag tatsächlich das Glück auf der Straße finden und einen kurzen Moment lang an eine positive Fügung glauben. Andere, die dieses Gefühl vielleicht nie empfinden, können jedoch auf Dauer nicht minder erfolgreich ihren Weg gehen.
Ich selbst glaube gerne an beides: An den kurzen Moment der Freude, wenn auch nur von ganz persönlichem Wert, und an all das bereits bewährte Gute, das von Dauer ist. Doch birgt die Zeit auch viele Tücken. Veränderungen werden nur akzeptiert, solange wir selbst es sind, die sie hervorrufen. Alles, was ohne unser Zutun geschieht, wird kritisiert. Das ständige Bewerten immer neuer Situationen wird ein Teil unseres Lebens, im ständigen Widerspruch zum ununterdrückbaren Wunsch nach Kontrolle und Allwissenheit. Am Ende bleibt nur das unbehagliche Gefühl, das einen überkommt, sobald man nach langer Zeit an einen vermeintlich bekannten Ort zurückkehrt und die Erinnerungen einen erfolglosen Kampf gegen die Realität führen. Die Feuer dieses immerwährenden Krieges brennen sich tief unter unsere Haut und hinterlassen schmerzhafte Narben. Wenn etwas, ob ein Ort oder ein Mensch, nicht mehr so ist, wie unsere Erinnerung uns glauben machen will, versuchen wir im ersten Moment innerlich an der Vergangenheit festzuhalten – doch ohne Erfolg. Langsam, aber sicher überschreiben die neuen Eindrücke das in Wirklichkeit schon lange zuvor verlorene Bild aus einer vergangenen Realität. Schon nach kurzer Zeit ersticken die Flammen in einer Mischung aus unumgänglicher Akzeptanz und Resignation. Hinter dem alten Bild, das nun als Asche vollkommen unkenntlich am Boden liegt, offenbart sich ein neues. Doch unserer Meinung nach ist dies nicht mehr so beeindruckend wie sein Vorgänger. Also beginnen wir von nun an davon zu sprechen, wie viel besser früher alles war. Dabei vermischt sich die Vergangenheit mit Wunschdenken zu einem in Wirklichkeit nie erreichten Idealbild – selbst als die Vergangenheit noch unsere so geliebte Gegenwart war. Wir geben damit nicht nur etwas aus unserer Vergangenheit, sondern auch etwas von uns selbst auf. Und so vernarbt eine weitere Wunde in uns. Wieder und wieder, ohne dass wir etwas daran zu ändern imstande sind. Ja, wir alle sind hässlich im Innern.
Obwohl ich damals erst neun Jahre alt war, wurde mir an jenem Tage vieles bewusst. Vielleicht beeinflusste mich mein aufkeimendes Bewusstsein mehr als die Ereignisse an sich, die mein Leben für immer verändern sollten. Damals nahm ich noch kaum mehr als die blanke Fülle an Veränderungen wahr. Ihre wirkliche Bedeutung sollte mir erst zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet werden. Diese Veränderungen, die zwar wie alles, was uns plötzlich überkommt, eine Folge von Zufällen und Versehen waren, gaben mir die Möglichkeit, einen ganz bestimmten, schon lange gehegten Wunsch zu erfüllen: alles wieder in Ordnung zu bringen. Obwohl, »wieder« trifft es nicht ganz. Trotz allem war es so zu diesem Zeitpunkt einfacher für mich, die Zeit, die mich noch erwarten würde, zu verstehen. Lieber glaubte ich daran, dass ich zu etwas Gutem zurückkehren würde, als daran, dass ich es erst von Grund auf neu erschaffen müsste. Altbewährtes birgt mehr Zuversicht, während Unbekanntes oft Angst erzeugt. Allein die Tatsache, dass sich etwas verändern würde, war schon eines der aufregendsten Ereignisse meines noch jungen Lebens. Vielleicht konnte ich es damals noch nicht so gut in Worte fassen, doch fühlte ich bereits deutlich, dass die mir bevorstehende Aufgabe mein Leben kosten könnte. Zumindest jenes Leben, das in den vergangenen Jahren zu meinem geworden war. Eine quälende Ungewissheit über das, was wohl sein würde, fuhr durch mich hindurch, gepaart mit einem Funken Hoffnung auf das, was sein könnte.
Das Leben zu verlieren muss nichts Schlechtes bedeuten. Und so war ich bereit, jeden nötigen Schritt für etwas Neues zu gehen.
Ich war als Waise auf einem Bauernhof aufgewachsen und musste mir jeden schönen Moment erkämpfen, in dem sich wenigstens für kurze Zeit alles »gut« oder wenigstens »richtig« anfühlte. Doch was wirklich »richtig« war, wurde mir nie gezeigt. So lag es allein an mir, mir ein Weltbild zu erschaffen, das auch etwas Gutes zuließ. Meinen »Eltern« – der Einfachheit halber waren und blieben es immer »Eltern« – konnte es anscheinend nicht schnell genug gehen, mir zu offenbaren, dass sie nicht meine richtigen, leiblichen Eltern waren. Fortwährend betonten sie dies und jedes Mal, wenn ich etwas nicht nach ihrer Vorstellung verrichtete, bot dieser Umstand ihnen sofort Gelegenheit, mich zu verletzen und zu demütigen: »War ja klar, dass deine Eltern so etwas wie dich nicht haben wollten. Sie haben sicher schon geahnt, was für eine riesige Enttäuschung du sein wirst« oder »So was Verkommenes wie dich hätten wir niemals auf die Welt gebracht« und »Du bist nicht unser Fleisch und Blut«. Es hätte deutlich weniger Schmerzen bereitet, wenn sie mich einfach nur verprügelt hätten, als mir immer wieder den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Auch für einen erst neunjährigen Jungen kann der Wunsch zu wissen, wer man ist, oder wenigstens, wer man sein möchte, unglaublich real sein. Die Frage, wer ich war und woher ich kam, wollte mir niemand beantworten. Doch so wollte ich auf keinen Fall den Rest meines Lebens verbringen. Ich lernte früh, dass es nur eine Möglichkeit gab, Einfluss auf die Zukunft zu nehmen: die Kontrolle der Gegenwart. Ich bin kein großer Freund von Spontanität, doch durchaus auch kein Feind der Überraschung – solange sie eingeplant ist. Aber was das Leben noch für mich bereithalten sollte, war für mich kaum absehbar. Voraussicht ist eine Eigenschaft, die einen am Leben hält und vor Veränderungen bewahrt, die einem das Gefühl geben, etwas unwiederbringlich verloren zu haben. Von diesem Moment an kämpfte ich mit der Last, weder meine Gedanken noch meine Zukunft im Griff zu haben. Und so begann meine Geschichte.
Eine mir vorher gänzlich unbekannte Welt zog an der vom Fahrtwind gekühlten Fensterscheibe vorbei, an der ich meinen Kopf anlehnte. Viele Stunden waren wir unterwegs und das, was ich einst zu kennen meinte, verschwamm wie die Außenwelt vor dem von einer dünnen Tauschicht bedeckten Fenster. Die ganze Nacht fuhren wir und Schlaf fand ich nur in den kurzen Pausen, die Luther während unserer nun bereits 24-stündigen Fahrt einlegte. Zu groß war meine Neugier. Während die Straßen merklich schlechter wurden, schien sich zumindest Luthers Stimmung langsam zu bessern. Nicht, dass er schlecht gelaunt gewesen wäre, doch während unserer gesamten Reise strahlte er eine ungeheure Ernsthaftigkeit aus. Über die längste Zeit der Fahrt schien seine Mimik wie erstarrt, doch an seinen Augen konnte man eine aus seinem tiefsten Innern nach außen drängende Zielstrebigkeit ablesen. Oft schaute ich ihn an, mit einer Mischung aus Furcht, Respekt und Bewunderung. Noch nie zuvor hatte ich einen Menschen gesehen, der so wie Luther seine Gedanken und das, was vor ihm lag, zu einem gemeinsamen Ziel vereinte. Noch nie hatte ich jemanden gesehen, der so sehr zu wissen schien, was zu tun war. Manchmal jedoch schien er sich von seiner alles bestimmenden Zielstrebigkeit abzuwenden und sich anderen Dingen zuzuwenden, auch wenn sie ihn in seinem Bestreben nicht voranbrachten. Nun sprach er zum ersten Mal, seit wir unsere Reise begonnen hatten.
»David?« Er versuchte, seine raue Stimme einfühlsam und ruhig klingen zu lassen. Man merkte, dass er sich anstrengte.
»David, bist du wach?«
Einen kurzen Moment lang wusste ich es selbst nicht. Meine Eltern hatten mir gesagt, dass ich für eine Weile verreisen würde. Mein Onkel Luther würde mich mit zu sich nach Rumänien nehmen. Dort würde ich neue Freunde finden und zur Schule gehen.
An dem Tag, an dem ich meinen Onkel kennenlernte, war es auch an der Zeit, meinen Eltern Lebewohl zu sagen. Es war kein sonderlich rührseliger Moment.
»Ja, ich bin wach. Ich kann nicht schlafen. Wo sind wir hier?« Ich quälte mich in eine aufrechte Sitzhaltung.
»Das, mein Junge, ist Rumänien. Man nennt es auch Transsilvanien und weißt du, wer hier gewohnt hat?«
»Transsilvanien? Nein, wer?«
»Was, das weißt du nicht? Graf Dracula natürlich. Der blutsaugende Vampir! In jeder Nacht steigt er in seinem Schloss aus seinem Sarg und trinkt das Blut kleiner, unschuldiger Kinder. Was hast du eigentlich bei Norbert gelernt, sag mal?«
Die Frage traf mich härter, als Luther es beabsichtigt hatte.
»Nicht viel. Ganz besonders nichts über Vampire oder einen Grafen Dracula oder wen auch immer.«
»Wie willst du dich denn dann wehren, wenn dir ein Vampir an den Hals will? Du musst dich doch verteidigen können! Besonders jetzt im Dunkeln, da weiß man nie!« Luthers Art, mit einem neunjährigen Jungen umzugehen, war sicher ungewöhnlich, doch passte sie gut zu seiner rauen Ausstrahlung.
»Also, erst einmal brauchst du unbedingt Knoblauch. Den bindest du dir um den Hals, das hält sie fern. Im schlimmsten Fall, also wenn sie dir auf die Pelle rücken, rammst du ihnen einfach einen Pflock ins Herz. Damit ist das Problem aus der Welt.«
Wir bogen in ausgehender Dunkelheit auf einen verlassenen Rastplatz inmitten der Karpaten ein. Links von uns erstreckte sich eine Felswand, die sich im noch verbleibenden Dunkel der Nacht verlor, rechts ging es weit hinab ins scheinbar Bodenlose. Luther öffnete die Fahrertür und stieg aus. Er schaute zu mir herüber, doch in diesem Moment wäre ich eines ganz sicher nicht: ausgestiegen. Ich hatte wohl die Hoffnung, dass Vampire sich von Autos fernhalten.
»Gut, dann bleib sitzen. Ich vertrete mir nur etwas die Beine, dann fahren wir weiter. Ach ja, halte lieber deinen Hals bedeckt, man weiß ja nie.« Luther grinste teuflisch und biss einige Male die Zähne zusammen, so fest, dass seine Kiefer unter der Last knackten. Er schlug die Tür zu.
Die meisten Kinder hätten sich in jenem Moment wohl sicher mehr Sorgen um einen möglichen Vampirangriff gemacht, doch ich war mit etwas anderem beschäftigt.
»Was habe ich eigentlich gelernt?« Ich meine, nicht, dass Abwehrmethoden gegen Blutsauger eine wichtige Lektion für mein Leben gewesen wären, doch gaben mir selbst diese Horrorgeschichten mehr das Gefühl, jemandem etwas zu bedeuten, als all die Jahre auf dem Hof. Sobald ich etwas auch nur ansatzweise konnte, wurde es Teil meiner alltäglichen Arbeit. Ich wollte schon lange kein Kind mehr sein, doch in diesem Moment fühlte es sich überraschend gut an.
»Hey, steig aus, schau dir das an!« Dumpf drang Luthers Stimme durch die geschlossene Fensterscheibe, gegen die er mit seinen Fingerknöcheln pochte.
»Na los, sonst verpasst du alles. Ich passe schon auf, dass dich niemand beißt! Komm schon, steig aus und schau dir das an!« Ich öffnete die Beifahrertür und stieg aus dem alten Dacia, dessen ursprüngliche Farbe schon lange einem ungesunden Rostrot gewichen war.
»Schau dir das an! Das ist doch mal ein Anblick, oder? Begrüße dein neues Zuhause, David!«
David. Obwohl ich mit meinem Namen Vergangenes verband, klang er aus Luthers Mund viel vertrauter als jemals zuvor, und was dort am Horizont in einem Lichtspiel der Farben aufzugehen schien, war ein neues Leben, dessen Wirkung mir noch lange nicht bewusst war. Nun blickte ich mit jemandem zusammen in die Zukunft. Wir schauten zu, wie die jungen Sonnenstrahlen eines neuen Tages die Welt in ein warmes Licht hüllten. Der Anblick, der sich vor uns auftat, stand sinnbildlich für eine Fülle neuer Erfahrungen und Erlebnisse.
»Komm, wir müssen weiter!« Luther verfiel wieder in die gewohnte Ernsthaftigkeit. Ich blieb noch einen kurzen Moment stehen, während er bereits zum Wagen zurückging und die Hand auf den Türgriff legte.
»Los, wir haben nicht ewig Zeit. David, steig ein!« Und das tat ich auch.
Wieder im Wagen vergingen weitere Stunden des Schweigens. Doch nun fand ich endlich etwas Schlaf oder wurde besser gesagt von meinem Körper dazu gezwungen.
Als das Rütteln des Wagens, das immer stärker zu werden schien, mich aus meinem Schlaf riss, blickte ich aus dem Seitenfenster. Die Häuser waren so anders als jene, die ich in meiner Heimat täglich gesehen hatte. Sie waren viel einfacher und während zu manchen von ihnen gemächlich im Wind baumelnde Leitungen von den hölzernen Masten am Straßenrand führten, schienen andere über gar keinen Anschluss an das Stromnetz zu verfügen. Teilweise waren sie in ungewöhnlichen Farben gestrichen, teilweise hielt das Mauerwerk kaum mehr den Putz. Im Vorbeifahren sah ich eine alte Frau, wie sie vor einem der Häuser in einem Schaukelstuhl saß und den vorbeifahrenden Autos nachsah. Von den Bergen und den berauschenden Lichtspielen war dagegen nichts mehr zu sehen. Die Sonne war längst den Himmel emporgestiegen und eröffnete mir den Blick auf eine völlig fremde Welt. Die von Menschenhand geschaffene Realität hat deutlich weniger prachtvolle Farben.
Wie eine blecherne Schlange schoben sich die Autos durch röhrenartige Orte, dabei sahen manche Wagen so aus, als würden sie kaum mehr das Ende der Ortschaft erreichen. Nach einer Zeit bogen wir auf einen Feldweg ab. Die Straße war unglaublich schlecht. Ein Schlagloch folgte dem nächsten und oft hatte Luther schwer damit zu kämpfen, den Wagen an den unbefahrbar scheinenden Stellen auf dem Weg zu halten – auch wenn die Wildnis, durch die wir fuhren, kaum den Namen Weg verdiente. Ich hielt mich an allem fest, das ich zu greifen bekam. Der Wagen warf mich auf dem Beifahrersitz umher. In der Ferne tauchten einige Gebäude auf, ein größeres zentrales und einige kleinere drumherum. Ihre Form glich der von Kasernen und als wir Schlagloch um Schlagloch näherkamen, konnte ich kleine Fenster erkennen. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn vor ihnen Gitterstäbe gewesen wären, doch dem Anschein nach waren es nur feine Netze, die nicht etwa die Bewohner drinnen, sondern wohl eher Insekten und sonstige Quälgeister draußen halten sollten. Ich war schon lange ein Gefangener meiner eigenen Welt. Nichts von Menschenhand Geschaffenes hätte mich mehr einsperren können als ich selbst.
Wir waren mitten im Nirgendwo. Auch wenn die Gebäude aus der Ferne deutlich weniger heruntergekommen aussahen, wirkte das Gelände viel beängstigender und fremder als all die Orte, die wir auf unserem bisherigen Weg durchfahren hatten. Luther ließ den Motor aufheulen, um aus der Mulde herauszukommen, in die wir mit unserem linken Hinterreifen gerutscht waren. Kurz bevor ich wieder in eine Mischung aus Eindrücken und Gedanken zu fallen schien, sah ich neben unserem Wagen einige Kinder vorbeigehen. Sie schienen ungefähr in meinem Alter zu sein und trugen eine Art Uniform. Eine lange schwarze Hose, ein sehr ordentliches weißes Hemd mit funkelnden Manschetten an den Ärmeln. Auf ihre linke Brusttasche war ein Emblem aufgenäht. Es sah aus wie ein Wappen, doch konnte ich es nicht im Detail erkennen, weil ich so durchgeschüttelt wurde. Erst jetzt verstand ich, wieso mich das Auftauchen der Kinder so erschreckte. Sie sprachen oder tobten nicht wie die anderen Kinder in meinem Alter – zumindest nicht wie die, mit denen ich in den Pausen von der Arbeit auf dem Hof oder in der Schule hin und wieder Kontakt gehabt hatte. Still und diszipliniert waren sie uns entgegengekommen. Doch auch so, ganz ohne Worte oder gewollte Auffälligkeiten, hatten sie eine beklemmende Präsenz. Es sah beinahe so aus, als würden sie schweben. Diese Erhabenheit war furchteinflößend und beeindruckend zugleich. Ihr Auftreten wirkte fast hypnotisch.
Ich hätte sie noch ewig ansehen können, doch unter kräftigen Lenkbewegungen Luthers und dem ohrenbetäubenden Lärm des anscheinend vor Schmerzen schreienden Motors entfernten wir uns rasch von ihnen. Diese Begegnung sollte mir noch zu denken geben.
Endlich machte unser Wagen vor dem Hauptgebäude der weitläufigen Anlage halt. Mir war schlecht. Das Schaukeln und Rütteln hatten meinem Magen gar nicht gutgetan.
»So, David, wir sind da. Pack deine Sachen, wir machen erst einmal alle Papiere fertig. Und bleib an meiner Seite.«
Luthers Tonfall war wieder strenger geworden. Ich folgte seinen Anweisungen und nahm meinen Koffer.
Er war schwer wie Blei und ich konnte ihn kaum tragen. In Anbetracht dessen, dass alles darin war, was ich besaß, war er jedoch wieder leicht. Ich war ganz wackelig auf den Beinen, doch wollte es mir nicht anmerken lassen. Luther öffnete mir die Tür und ich betrat das Gebäude so selbstbewusst, wie ich nur konnte. Luther schien mich ernst zu nehmen. Vielleicht bedeutete ich ihm sogar etwas. Ganz im Gegensatz zu den bisherigen Erfahrungen in meinem Leben schien er mich nicht – von Vorurteilen behaftet – abzuschreiben, und das wollte ich auf keinen Fall kaputtmachen. Welche Ironie, dass ich nun etwas zu bekommen schien, wonach ich mich immerzu gesehnt hatte, dass ich mir aber trotzdem die Frage stellte, warum gerade ich das verdient haben sollte. War es falsch, ein Geschenk infrage zu stellen? War es wirklich ein Geschenk?
Mein erster Eindruck, als ich das Gebäude betrat, war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Zwar offenbarte sich bei einem Blick nach oben, dass es der Decke hier und da an Farbe mangelte, und es schien von außen auch eher so, als ob hier nichts für die Ewigkeit eingerichtet worden sei, doch im Innern wirkte es auf eine gewisse Weise modern. Als viel befremdlicher empfand ich, dass ich während unserer Fahrt zum ersten Mal in meinem Leben einen merklichen Unterschied zwischen verschiedenen menschlichen Lebensarten hatte feststellen können und schon jetzt begann zu vergleichen und in Kategorien wie »besser« und »schlechter« zu denken.
Luther wies mich mit einem Fingerzeig an, mich auf einen der direkt neben der Eingangstür an der Wand aufgereihten weißen Klappstühle zu setzen, während er unter dem Surren einer elektrischen Schlossentriegelung durch eine Tür am anderen Ende des Raumes verschwand. Der Raum selbst hatte mit seinen schneeweißen Wänden den Charme des Wartezimmers einer Arztpraxis. Links neben der Tür war eine etwa ein mal ein Meter große, mit einer dicken Scheibe verglaste Öffnung in der Wand. Durch sie sah man in einen anderen, kleinen Raum, der mit Aktenschränken und Regalen vollgestellt war. Am unteren Ende der Scheibe war eine Metallplatte mit einer Drehscheibe horizontal in das weiß verputzte Mauerwerk eingelassen, etwa auf Bauchhöhe eines erwachsenen Mannes. So etwas hatte ich zuvor nur bei Ticketschaltern in Kinos gesehen, wo man Geld gegen Karten tauscht. Dahinter saß Zeitung lesend ein Mann. Die aufgeschlagene Zeitung verdeckte ihn fast vollständig. Allein seine Arme und Hände waren zu sehen, die links und rechts die Zeitung hielten. Selbst beim Umblättern schaffte er es, so gut wie unsichtbar zu bleiben. Luthers Ankunft schien ihn nicht weiter zu interessieren, zumindest würdigte er ihn keines Blickes – von mir ganz zu schweigen. Vielleicht wurden wir oder er ja erwartet und es war normal, dass Luther mit einem völlig fremden Jungen ankam. Wirklich überzeugend fand ich diese Erklärung jedoch selbst nicht.
Die Stühle waren aus Metall und trotz der angenehmen Temperaturen draußen waren ihre blanken Verstrebungen sehr kalt. Ich wagte es kaum, mich entspannt hinzusetzen, zu abschreckend war dieses eisige Gefühl auf meiner Haut. Doch da wurde meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt, ein rhythmisches Klopfen, das mit leichtem Hall den Raum erfüllte, erzeugt von auf und ab wippenden Stiefeln auf dem gefliesten Boden. Neben mir, auf einem weiteren Stuhl von insgesamt gut zehn, saß ein anderer Junge. Er schien genauso alt zu sein wie ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich ihn ansprechen sollte. Davon abgesehen wusste ich nicht einmal, ob er mich verstehen würde. Aus dem Augenwinkel versuchte ich mir ein Bild von ihm zu machen. Seine Stiefel waren aus abgenutztem schwarzem Leder. Er trug ein ebenfalls schwarzes T-Shirt mit einer Aufschrift, die ich beim Herüberlugen nicht erkennen konnte. Mir fiel seine leicht abgewetzte dunkelblaue Hose auf. War er vielleicht auch erst gerade hier angekommen? Zumindest war er ganz und gar nicht so fein gekleidet wie die Jungen, die ich auf der Hinfahrt gesehen hatte. Seine mittellangen Haare waren pechschwarz und er schaute starr auf den Boden vor sich, die Ellenbogen auf seine Oberschenkel gestützt. Anscheinend bemerkte er nicht, wie ich ihn musterte, zumindest hoffte ich das. Auf eine Art kam er mir bekannt vor, doch war ich mir sicher, ihn vorher noch nie gesehen zu haben. Ich versuchte, sein Gesicht zu erkennen, doch so sehr ich mich bemühte, seine Haarsträhnen verwehrten mir einen Blick.
Plötzlich legte der Mann hinter der Scheibe die Zeitung unter wegen der Scheibe stark gedämpftem Rascheln nieder. Jetzt, da er nicht mehr fast vollständig von aktuellen Nachrichten und dem Wetterbericht verdeckt war, sah ich, wie kräftig er gebaut war, wie kantig sein Gesicht und wie dick seine Ohren waren. Fast wie bei Ringern. Da sah ich es: das Wappen, das mir zuvor auf den Uniformen der Jungen ins Auge gefallen war. Auch er trug es, doch diesmal konnte ich es besser, sogar ganz deutlich erkennen. Im Zentrum eines Kreises befand sich die Zahl 13. Rundherum waren kreisförmig 13 verschiedene Symbole abgebildet. Der Mann lehnte sich nach vorn, drückte auf einen Knopf, der eine Sprechanlage aktivierte, und langte mit der anderen Hand nach einem Mikrofon, das er direkt vor sich hinstellte. Nach einem kurzen Piepen rauschte seine raue Stimme durch den Raum.
»Gheorghe, du kannst rein.« Ein kurzes Knacken und es war wieder ruhig. Langsam erhob sich der Junge neben mir. Gheorghe – nein, jemanden mit diesem Namen kannte ich ganz sicher nicht. Wieder ertönte das Surren des Schlosses und der Junge ging durch die schwere Tür, die sich langsam von selbst schloss. Mein Blick schweifte wieder nach links zu dem Mann, den ich am ehesten als Pförtner bezeichnen würde, doch er war wieder hinter seiner Zeitung verschwunden.
Jetzt traute ich mich schon etwas mehr. Ich schaute mich genauer um. An den Wänden hingen abstrakte Bilder. Geometrische Formen, umrahmt von farbigen Schwingen. Es waren drei an der Zahl. Auf einem war ein Quadrat, auf dem zweiten ein Dreieck und auf dem letzten ein Kreis. Einen tieferen Sinn dahinter konnte ich nicht erahnen und vermutete, dass es auch keinen gäbe. Ich wartete nur darauf, dass endlich mein Name aufgerufen würde oder überhaupt etwas passierte. Zumindest war ich mir sicher, dass irgendetwas passieren musste, doch der Mann hinter der Scheibe rührte sich nicht. Anscheinend war er in einen Artikel vertieft und ihn etwas zu fragen, traute ich mich sowieso nicht.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Luther erschien.
»David, aufstehen! Alles ist so weit erledigt, wir müssen jetzt nur noch ein paar Fotos machen für die Akten. Los, mach schon!« Sein harscher Ton sollte von nun an zur Gewohnheit werden. Eine Gewohnheit, die Strenge und psychische Fesseln bedeuten würde, die etwas Neues, völlig Unbekanntes in mir weckte. Herumkommandiert worden war ich auch schon zu Hause auf dem Hof, doch von Luther akzeptierte ich es. Ich hatte das Gefühl, dass er gute Absichten hegte. Wirklich wissen konnte ich es jedoch nicht.
Ein Blitz. Der Auslöser der Kamera klackte und das Foto war im Kasten. Es war eines von vielen, die an diesem Tag von mir gemacht wurden. Danach ging es zurück ins Wartezimmer. Ich weiß nicht genau, wie viele Stunden ich damit verbrachte, Löcher in die Luft zu starren. Zwischendurch wurde ich von Luther durch die Gänge geschickt, von einem Raum in den nächsten. Einmal wurde ich genau vermessen, ein anderes Mal wurde mir Blut abgenommen. Als ich daraufhin wieder zurückkehrte, lag auf meinem Stuhl eine Uniform. Der Mann hinter der Scheibe senkte die Zeitung so weit, dass ich gerade so seine Augen erkennen konnte. Mit einem Kopfnicken und einem Blick schien er mich anzuweisen, abermals durch die Tür zu gehen. Ich stand auf und kam ins Wanken. Mir war schwindlig. Ich hatte das Gefühl, als ob sich der Raum um mich drehte. Nach all den Stunden zwischen Warterei und Aufregung ergriff langsam Müdigkeit von mir Besitz. Doch ich wollte keine Schwäche zeigen. Ich hob die Uniform auf. Es war die gleiche Uniform, wie sie die Kinder getragen hatten, an denen wir auf unserem Hinweg am Morgen vorbeigekommen waren. Auch auf meiner war das Wappen aufgenäht. Das Türschloss surrte energisch. Es wurde Zeit einzutreten.
Nachdem ich die gesamte Aufnahmeprozedur hinter mir hatte, wurde ich von Luther zu einem Gebäude am anderen Ende des Geländes geführt. Es war kurz vor Sonnenaufgang und der Himmel begann sich langsam in einem der frühen Stunde angemessenen Rotton zu färben. Die Aufnahmeprozedur hatte die ganze Nacht gedauert. Weder Luther noch ich sagten auch nur ein Wort während unseres Fußmarsches durch die klirrende Kälte des frühen Morgens. Er musste mir die extreme Müdigkeit angesehen haben. Noch nie in meinem Leben war mir ein einzelner Tag so lang vorgekommen. Luther öffnete mir die Tür und ich betrat einen sehr provisorisch wirkenden Schlafsaal. In zwei Reihen standen je 13 klapprige Pritschen. Doch egal wie wackelig das Mobiliar nach meinem ersten Eindruck war: Alles, was mir in diesem Moment als Bett dienen konnte, war mir mehr als willkommen.
Als ich mich umsah, entdeckte ich den Jungen, neben dem ich einige Stunden zuvor im Wartezimmer gesessen hatte. Im Gegensatz zu vorher trugen wir nun jedoch beide unsere neuen Uniformen. Er saß auf seiner Pritsche und schrieb etwas in ein kleines Notizbuch. Als wir hereinkamen, klappte er es zu, klemmte den Stift in eine daran befestigte Gummilasche und legte alles zusammen unter sein Kopfkissen.
»Ihr seid die Ersten.« Luther atmete tief durch.
»Legt euch hin und schlaft. Morgen wird ein langer Tag.« Ich legte mich auf die erstbeste Pritsche und schaute zu Luther hinüber. Er stand in der Tür, den Finger auf dem Lichtschalter.
»Enttäuscht mich nicht. Gute Nacht!« Erst als das Licht ausging, merkte ich, wie hell es draußen schon war. Gheorghe lag eine Pritsche weiter. Auch er hatte sich mittlerweile hingelegt und starrte genauso wie ich an die Decke.
»Du heißt Gheorghe, oder? Du warst doch mit mir in diesem Wartezimmer?« Ich war mir hundertprozentig sicher.
»Ich kann mich nicht daran erinnern. Und nenn mich nicht Gheorghe. Niemand nennt mich so.«
»Aber der Pförtner hat doch …«
Er wandte sich mir zu und schaute mich erbost an, sodass ich es nicht wagte, den Satz zu Ende zu bringen.
»Na und? Hab ich mich nicht klar ausgedrückt, David?«
Ich muss ihn in diesem Moment ziemlich schockiert angesehen haben.
»Woher kennst du meinen Namen?«
»Ist doch egal.« Es vergingen einige zähe Sekunden, in denen jedoch alle Müdigkeit wie weggeblasen war. Woher wusste er, wer ich war, und warum machte er so ein Geheimnis daraus? Ich hatte mein ganzes bisheriges Leben im Tal verbracht und kaum ein anderer Junge hatte gewusst, wer ich war. Und wenn sich doch mal jemand an den unscheinbaren David erinnert hatte, dann wollte er nichts mit ihm zu tun haben.
»Ich bin Caleb.« Hätte ich ihm widersprechen und darauf beharren sollen, dass der Pförtner ihn Gheorghe gerufen hatte? Warum wollte er nicht so genannt werden, wie er wirklich hieß? Caleb – wer hieß schon Caleb? Der Junge wurde mir immer merkwürdiger.
»Schlaf jetzt. Du hast Luther gehört. Morgen wird ein langer Tag.« Eigentlich war ich bis dahin immer jemand gewesen, der sich schnell geschlagen gab. Widerworte hatten mir bisher nur Ärger eingebracht. Vielleicht wollte ich einfach von vorne anfangen und nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Wobei, so weit gedacht habe ich damals ganz sicher nicht. Die Neugier machte mich wohl mutiger, als ich in Wirklichkeit war.
»Jetzt ernsthaft: Woher weißt du, wie ich heiße? Sag schon!«
Wieder keine Antwort. Ich ärgerte mich. Er lag seelenruhig da, die Augen geschlossen, und wollte mich tatsächlich für dumm verkaufen.
»Gheorghe!«
Plötzlich sprang er auf, umfasste mit beiden Händen meinen Hals und schnürte mir die Luft ab. Ich röchelte: »Hör auf« und versuchte, ihn von mir wegzudrücken. Sein hasserfüllter Blick machte mir Angst. Ich trat um mich, doch ich konnte mich trotz aller Mühen nicht aus seinem Griff befreien.
»Ich habe dir gesagt: Nenn mich nie wieder so!« Er betonte jedes einzelne Wort mit so immenser Wucht, als wolle er mir die Worte ins Gesicht schlagen.
»Ist ja gut. Hör auf. Caleb, hör auf, bitte!«
Endlich ließ er mich frei. Ich holte einige Male tief Luft, während er sich mit dem Rücken zu mir an den Rand meiner Pritsche setzte und den Kopf in seine Hände legte.
»Ich kenne deinen Namen, weil ihn hier einfach jeder kennt. Das ist nichts Besonderes.« Er hob den Kopf.
»Wie meinst du das, jeder kennt meinen Namen? Warum? Ich meine, warum kennt man mich? Ich habe doch gar nichts gemacht, was es wert machte, mich zu kennen. Wenn etwas nichts Besonderes ist, dann doch wohl ich.«
»Wo du recht hast.« Was sollte das denn jetzt bedeuten?
»Du hast tatsächlich nichts Bemerkenswertes vollbracht, zumindest nicht, dass ich wüsste. Eigentlich reichte es bei dir schon aus, dass du überhaupt geboren wurdest. Ein paar Tests später hatten die Ärzte bereits nachgewiesen, dass dir die Fähigkeiten deiner Eltern mit in die Wiege gelegt worden waren und es nur noch eine Frage der Zeit sein würde, bis du alt genug bist, um die Ausbildung zu beginnen. Und hier bist du. Tolle Leistung. Andere müssen sich abmühen, um überhaupt den Hauch einer Chance zu erhalten, ins Camp aufgenommen zu werden. Und du? Du spazierst hier einfach rein, nur weil irgendwem deine Gene in den Kram passen.«
»Was weißt du von meinen Eltern?« Das war die einzige Frage, die in diesem Moment für mich von Bedeutung war. Auf dem Hof wollte mir niemand von ihnen erzählen, und jetzt war ich an einem völlig fremden Ort und traf auf einen Jungen in meinem Alter, der nicht nur mich zu kennen schien – was schon für sich genommen beängstigend genug war –, sondern auch meine Eltern und damit im Grunde genommen mehr über sie wusste als ich.
»Nicht besonders viel. Soweit ich weiß, war dein Vater Angestellter bei einer staatlichen Einrichtung in Österreich und deine Mutter irgendwie entfernt adlig. Auf jeden Fall musstet ihr euch um Geld nie Sorgen machen, habe ich gehört.« Der Ton seiner Worte war argwöhnisch und von unangebrachtem Neid erfüllt. Wie er mich ansah! Das ganze Gesicht verformte sich zu einer Mischung aus Ekel und Wut. Er musste mich und das, was er für mein Leben hielt, ungeheuer verabscheuen.
Plötzlich wandte er den Blick ab und seine Stimme klang kurz wie von einem tief sitzenden Schmerz erdrückt.
»Also ein richtig schönes Leben.«
Dann traf mich wieder sein Blick und er schmetterte mir gehässig entgegen, was er von mir hielt.
»Ach, warum erzähle ich dir das überhaupt? Du musst es doch am besten wissen. Was willst du von mir hören? Jeder weiß doch, was für ein verwöhntes Kind du bist. Ich kenne ein paar aus den anderen Jahrgängen. Die haben genau das Gleiche über dich gehört. Also wird da wohl was dran sein. Aber du wirst schon noch früh genug erkennen, dass du hier im Camp damit keinen Meter weit kommst. Alle anderen haben schon eine ganze Menge hinter sich gebracht. Alle anderen mussten sich den Platz im Camp hart erkämpfen. Du weißt doch gar nicht, was es bedeutet, zu kämpfen! Du bist doch nur …«
Ich unterbrach ihn. Keine Sekunde länger wollte ich mir das anhören. Er war der festen Überzeugung, er kenne mich. Er dachte, er wüsste über eine Vergangenheit Bescheid, und führte sich auf wie ein Idiot.
»Nein, nein, Gheor…« Ich konnte mich gerade noch bremsen und hoffte, dass er mir nicht schon wieder an die Gurgel ging.
»… ich meine, Caleb. Du verstehst mich falsch. Ich hab meine Eltern nie kennengelernt. Du bist der Erste, der mir etwas über sie erzählen will oder kann. Ich bin bei anderen Leuten aufgewachsen. Bei Leuten, die eigentlich gar nichts mit mir zu tun haben wollten. Für die ich mehr eine Last war als alles andere. Sie haben mir nie etwas über meine Eltern erzählen wollen. Und wenn ich sie dabei belauschte, wie sie über meine wirklichen Eltern sprachen, dann hörte ich sie im gleichen Atemzug über mich schimpfen. Verstehst du, ich hatte nie das tolle, verwöhnte, gut behütete Leben, von dem du gehört hast. Das ist einfach nicht wahr. Ich bin nie verwöhnt worden von irgendwem. Das Leben, von dem du sprichst, kenne ich nicht. Ich weiß nicht, wo du herkommst, und weißt du was? Nach dem Blödsinn, den du mir vorwirfst, ist es mir eigentlich auch egal! Wenn du dir deine Meinung über Menschen nur nach Erzählungen anderer bilden kannst, dann sollst du mir gestohlen bleiben. Ich hab auf jeden Fall schon genug durchmachen müssen. Du kannst nicht verstehen, wie es ist, jeden Morgen früh geweckt und zur Arbeit in den Stall oder aufs Feld gescheucht zu werden. Schon als ich noch viel jünger war, haben sie mich jede Drecksarbeit machen lassen. Ich hatte kaum Freizeit und selbst wenn ich mal etwas hatte, wusste ich meist nichts mit ihr anzufangen, genauso wenig wie sie mit mir als Menschen etwas anfangen konnten. Wie es ist, ein Kind zu sein, habe ich nie kennengelernt. Keine Ahnung, warum sie mich nicht direkt in ein Heim gesteckt haben, wenn ihnen alles mit mir so schwerfiel. Irgendwas ging von dem Moment an schief, an dem ich in die Familie kam. Ich weiß nicht, was sie sich vorgestellt hatten. Jedes Mal, wenn sie versuchten, mir etwas Liebe zu geben, zeigten sie mir kurz darauf die Kehrseite der Medaille. Ich glaube fast, die dachten, das wäre eine gute Art, einen Jungen auf dem Land zu erziehen. Aber sie haben vergessen, dass ich eben nur ein Kind bin. Ich musste mir jedes bisschen Kindheit erkämpfen, Caleb. Aber ich glaube, das kannst du gar nicht verstehen. Vielleicht fangen sie ja wenigstens etwas damit an, jetzt, wo sie mich los sind.«
Ich war ja vorher schon erschöpft gewesen, aber nachdem das alles raus war, war mir auch noch so schwindlig, dass ich froh war, die Pritsche unter meinem Hintern zu haben. Sonst wäre ich wohl wie ein Baum vornübergekippt. Aber es tat auch gut, sich das alles einmal von der Seele zu reden. Ob Caleb jedoch der Richtige dafür war, ist eine Frage, die ich mir noch heute nicht sicher beantworten könnte. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich jedoch nicht, dass auch ich mich wie ein dummer Trampel verhalten hatte.
Calebs Reaktion war im Übrigen, wie ich später noch oft feststellen musste, charakteristisch für ihn. Mit einem Murren wandte er sich ab und legte sich schlafen. Ob er sich schuldig fühlte, mich falsch eingeschätzt zu haben? Wenn ja, dann hätte er wahrscheinlich genauso reagiert. Doch gab ich ihm, wie mir noch klar werden sollte, mit meiner Predigt ebenfalls genug Grund, sauer auf mich zu sein. Doch er war und ist auch heute noch kein Typ für Entschuldigungen. Selbst wenn er sich wirklich aufrichtig schuldig gefühlt hätte, hätte er sich nie die Blöße gegeben, es mir zu sagen oder gar um Verzeihung zu bitten. Caleb? Niemals! Doch in diesem Moment fühlte ich mich verletzt. Es war das erste Mal, dass ich mich in meiner Ehre gekränkt fühlte. In welcher Ehre eigentlich, fragte ich mich. Hatte das wirklich etwas mit Ehre zu tun, dieses verschlossene Leben im Tal? Ich war ein Kind. Was sollte ich bis dahin schon Großes erreicht haben? Vor allem angesichts der Bedingungen, unter denen ich all die Jahre hatte leben müssen. Aber vielleicht hatte gerade das den Respekt anderer verdient. Vielleicht war diese Erfahrung nötig, um mich zu dem Menschen zu machen, der ich bin.
Plötzlich wurde jedweder Gedanke an meine gekränkte Ehre weggedrängt. Calebs Worte wurden mir erst jetzt wirklich bewusst. Was hatte er über meine Eltern gesagt? Mein Vater war beim Staat? Meine Mutter eine Adlige? Konnte das wahr sein oder war das auch nur wieder von einer Person zur anderen weitergetragener Unsinn? Aber wenn sie so vermögend gewesen wären, wie Caleb mir hatte weismachen wollen, warum hatten sie mich dann weggegeben? Warum musste ich auf dem Hof aufwachsen wie ein Stück Vieh? Stimmte etwas mit mir nicht? Caleb hatte von irgendwelchen Fähigkeiten gesprochen, die ich angeblich geerbt hätte. Was für Fähigkeiten? Ich hatte nie das Gefühl gehabt, etwas besonders gut zu können.
Bestimmt war das Ganze auch nicht wahr und ich war weder ein Kind reicher Eltern noch war an mir sonst irgendetwas Besonderes. Vor allem, woher sollte Caleb oder irgendwer anders etwas über meine Eltern oder mich wissen, von hier aus, einem völlig fremden Land, mitten im Nirgendwo, Tausende Kilometer von meiner Heimat entfernt? Ich hatte ihn vorher noch nie im Leben gesehen. Das konnte nur ein Hirngespinst von Caleb sein. Warum auch immer er sich so etwas ausgedacht hatte.
Aber was, wenn es doch wahr war? Wenn er vielleicht sogar noch mehr über sie wusste? Er musste es mir erzählen! Egal, jetzt wäre gewiss endgültig der falsche Zeitpunkt für Fragen gewesen. Der richtige Zeitpunkt würde kommen, da war ich mir sicher. In nicht allzu ferner Zukunft würde ich wissen, warum ich von meinen leiblichen Eltern verstoßen worden war und meine gesamte Kindheit in der Gefangenschaft des Hofs hatte verbringen müssen.
Bestimmt eine volle Stunde verbrachte ich in Gedanken und starrte dabei einfach nur die Decke an. Ich wollte gar nicht damit aufhören. Zu viele Dinge wollte ich in diesem Moment zu einer Einheit bringen, doch den verzwickten Knoten aus Hoffnung, Angst und Ungewissheit würde nur die Zeit lösen können. Sich damit abzufinden, war nicht leicht. Ich nahm an, dass Caleb bereits schlief, und so legte ich den Kampf für diesen Tag ebenfalls bei.
Doch in dem Moment, in dem ich weggedämmert war, dröhnte es: »So, Jungs! Aufstehen! Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen.« Mit hämischem Grinsen stand Luther in der Tür.
Caleb stand auf, als wäre nichts gewesen. Er rieb sich kurz den Schlaf aus den Augen, während ich demonstrativ die Decke über meinen Kopf zog. Das war nicht fair. Ich hatte kaum ein Auge zugetan. In Wirklichkeit war ich mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt geschlafen hatte. Was war nun Traum und was zergrübelte Realität?
»David! Raus aus den Federn! Ihr habt genug geschlafen. Es ist schon acht Uhr. Seid froh, dass ihr überhaupt so eine Vorzugsbehandlung bekommt. Gewöhnt euch schon mal daran, um sechs geweckt zu werden und 15 Minuten später auf dem Appellplatz anzutreten.«
Caleb machte natürlich jetzt schon alles richtig. In voller Montur stand er kerzengerade in der Mitte des Raumes und wartete auf weitere Anweisungen.
»Super, Caleb! So lob ich mir das.«
Jetzt spielte er also gleich den Musterschüler und ich durfte mir an diesem Morgen noch einiges anhören. Eine Gelegenheit, unser Gespräch fortzuführen, fand ich nicht. Jedes Mal, wenn ich ihn darauf ansprach, blockte er ab. Irgendwann sagte er mir, er habe keine Ahnung, wer meine Eltern seien und was sie täten. Er war es leid, sich immer dieselben Fragen von mir anzuhören. Es ist ein Geheimnis, das er mir vielleicht nie offenbaren wird.
In einer der vielen schlaflosen Nächte im Camp erzählte er mir, auch er wisse nichts über seine Eltern. Sie hätten ihn angeblich weggeschmissen. Einfach auf der Straße neben ein paar Müllcontainern ausgesetzt. Doch er wurde gefunden und kam ins Heim. Und nun war er hier, ein Teil der Militia. Der Militia 13, genau wie ich.
In die Dunkelheit – Zwei Jahre später
»Vielleicht bist du doch noch für etwas zu gebrauchen, alter Mann!«
Ich konnte es nicht mehr hören. »Warum sagst du das immer? Du bist doch der Ältere von uns beiden!«
Caleb antwortete nicht. Er hatte wieder diesen Blick aufgesetzt, den jeder kennenlernte, der sich länger als zehn Minuten mit ihm unterhalten hatte. Dieses Grinsen stellte er immer zur Schau, wenn er etwas im Schilde führte – und er führte dauernd etwas im Schilde. Die Durchtriebenheit in seinen vor boshafter Erregung funkelnden Augen, dieses hämische Grinsen, das selbst in jener stockfinsteren Nacht unverkennbar blieb. In meiner Heimat hätten sie ihn bei den so deutlich ins Gesicht geschriebenen finsteren Charakterzügen direkt als Lausbuben abgestempelt. Als einen, der eben immer etwas im Schilde führte.
»Alter Mann« – das Gegenteil war der Fall. Ich fühlte mich in seiner Gegenwart viel jünger, als ich war. Während uns in Wirklichkeit gerade mal ein Jahr trennt, kam es mir damals so vor, als sei ich für ihn der kleine Bruder, den er nie hatte. Zumindest wüsste ich nichts davon, dass er in seiner Kindheit noch Geschwister gehabt hätte. Viel von sich erzählt hat er nie, und wenn, dann hätte er es wohl am ehesten mir gesagt.
Es scheint im Instinkt verankert zu sein, wie man mit kleinen Brüdern umgehen kann oder anscheinend muss, wenn man sich, egal in welcher Situation, durchsetzen will. Denn wie unter echten Brüdern ist der Kleine jenes Geschwisterteil, dem man immer wieder aufs Neue Ärger einbrockt. Wohl aus eigener Dummheit lässt er sich immer wieder die Schuld für alles in die Schuhe schieben.
»He, hör auf zu träumen, David!« Caleb verabreichte mir eine schallende Ohrfeige.
»Au! Was soll das?«
»Konzentriere dich gefälligst, sonst gibt’s gleich Ärger!« Genau das war mir leider schon von vornherein klargewesen. Es war ja nie anders. Und im wahrsten Sinne des Wortes war das Unheil nur einen Tagtraum entfernt.
»Oh, Mann! Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du mich hierzu überredet hast!« Ich wusste genau, es würde enden wie immer.
»Halt die Klappe und pass auf, David!«, zischte er. »Sei ruhig, sonst erwischt uns noch jemand. Schieb das Fliegengitter zur Seite. Mach schon!«
»Wozu brauchst du mich? Das hättest du doch problemlos allein geschafft.«
»Ich hab gesagt, sei ruhig!« Widerwillig tat ich, was er sagte.
Das Gitter ließ sich mühelos zur Seite schieben. Ich krabbelte voran durch die Öffnung und hangelte mich kopfüber zum gut anderthalb Meter tiefer gelegenen steinernen Boden hinab.
»Ist die Luft rein, David?« Ich klopfte mir den Staub von der Uniform, nachdem ich mich wieder auf die Beine gequält hatte.
»Ja, niemand zu sehen. Kannst kommen!« Caleb folgte durch die ziemlich enge Öffnung.
»Und jetzt? Was machen wir hier?«
Caleb ging zielstrebig auf einen großen Aktenschrank zu und begann damit, die Etiketten auf den Schubladen durchzugehen. Sein konzentrierter Blick folgte seinem ausgestreckten Zeigefinger, wie die Kugel dem Lauf eines Gewehrs. Das schummrige Mondlicht schaffte es kaum, den finsteren Raum zu erhellen.
»Du passt auf, dass niemand kommt, David. So, wollen wir doch mal sehen, wer die Neuen sein werden.«
Nervös schaute ich mich um, während Caleb immer noch nach etwas ganz Bestimmtem zu suchen schien.
»Beeil dich!«, sagte ich. »Wir haben nicht ewig Zeit. Wenn die uns schon wieder erwischen, sitzen wir echt in der …«
»Immer mit der Ruhe. Du machst dir viel zu viele Gedanken. Ah, da ist es ja!« Mit einem Ruck zog Caleb eine Lade heraus, die ihm auf einer metallenen Schiene entgegenglitt. Zielstrebig griff er sich eine der vielen Akten. Auf ihrem Rücken stand »Einzugsprogramm 16«.
»Caleb, was ist das?«
Caleb setzte einen hochnäsigen Blick auf, rückte seine nicht vorhandene Brille zurecht und antwortete mit der überheblichen Stimme eines Professors für gehobene Besserwisserei. »Nun, das, was ich hier in den Händen halte, mein Freund, ist unsere Lebensversicherung. Die Feinde sind nicht außerhalb, sondern innerhalb des Camps. Du musst wissen, mit wem du es zu tun hast, sonst überlebst du nicht lange. Was denkst du, warum man dich noch nicht weggeschickt hat? Wenn du wüsstest, wie oft ich dich schon rausgehauen hab. Denk mal drüber nach!«
»Rausgehauen? Um genau zu sein, bist du es doch immer, der mir Ärger einbrockt!«
»Red keinen Quatsch, David. Du kannst froh sein, mich zu haben, sonst hätten die dich schon längst gefressen. Aber wie ich das hier sehe, ist es wie jedes Jahr, nur noch etwas schlimmer. Das gleiche hochbegabte Gesindel. Nur ein Haufen viel zu sehr von sich überzeugter Kinder. Das wird kein Problem werden.« Er schlug die Akte mit einem Knall zu. Ich schrak zusammen.
»Du kriegst es doch selbst mit. Jedes Jahr gehen manche von uns, genauso wie jedes Jahr Neue hinzukommen. Es ist ein ewiger Kreislauf. Unser Jahrgang war bei Weitem der beste. Vor drei Jahren hat man sich nicht nur auf Papas Konto oder die tollen Noten der Sprösslinge verlassen. Da hat man sich noch etwas getraut. Aber das kann uns gerade recht sein.« Ich verstand nur die Hälfte von dem, was er erzählte.
»Woher weißt du das alles? Worum geht es überhaupt?«
»Denkst du wirklich, du wärst der Erste, mit dem ich so was wie das hier durchziehe? Überschätze dich mal nicht, David. Ich bin schon lang genug hier, um zu wissen, wie es läuft. Du musst aufhören, immer nur zu nicken und zu allem ja zu sagen. Streng deinen Kopf an, dann wirst du verstehen, was ich sage.«
Er hielt kurz inne und verstaute die Akte wieder in der Schublade, während ich immer mehr den Faden verlor.
»Es ist Zeit zu gehen. Hilfst du mir mal kurz?« In Gedanken versunken hob ich ihn per Räuberleiter hinauf zum Fenster, sodass er hinauskrabbeln konnte, als ich plötzlich Schritte hörte. Sie kamen näher. Ich spürte förmlich, wie mein Herz beschleunigte. Nicht schon wieder, dachte ich. In einer Mischung aus Flüstern und verzweifeltem Hilfeschrei versuchte ich, Caleb zu rufen.
»Caleb! Caleb! Los, hilf mir raus. Schnell!« Er reckte mir seinen Arm entgegen, ich packte ihn und versuchte zu entkommen. Da öffnete sich die Tür und gleißendes Neonlicht erhellte den Raum. Calebs Hand verschwand mit einem Ruck in der Dunkelheit und ich landete wieder einmal auf dem harten Boden der Tatsachen – mitten vor Luthers Füßen. Noch bevor sich meine Augen an das Licht gewöhnen konnten, riss er mich hoch und drückte mich gegen eine Wand.
»Was machst du hier? Was hast du hier verloren?«, brüllte er. Er war wütend, wie jedes Mal, wenn er mich aufs Neue bei etwas erwischte, woran ich eigentlich, wenn überhaupt, nur zur Hälfte beteiligt war.
»Was fällt dir eigentlich ein, David? Dir ist doch klar, dass das Konsequenzen haben wird?« Er ließ von mir ab, doch zeugte die pulsierende Ader an seiner Schläfe von seiner anhaltenden Wut.
»So, du schleichst also gerne durch die Nacht, ja? Machst wohl einen kleinen Ausflug. Vielleicht war dir ja einfach nur langweilig. Weißt du was, dann hab ich eine perfekte Aufgabe für dich. Oh, mein Junge, du wirst dir wünschen, keinen Fuß aus deinem Bett getan zu haben.« Aus seiner Stimme klang die gewohnte Strenge, doch seine Augen waren voller Sorge. Panik kam in mir hoch. Das Herz schlug mir bis zum Hals. Diesmal waren wir zu weit gegangen, das wusste ich. Ich sah es in Luthers Augen. Dieser verdammte Caleb. Noch ehe ich etwas entgegnen konnte, wurde es dunkel um mich herum.
Die erste lange Nacht
»Wo bin ich?« Meine Stimme zitterte. Langsam erwachten meine Sinne und ich vernahm lautes Rumpeln. Ein tief dröhnender Motor trieb den alten Lkw voran, auf dessen Ladefläche
