Fanrea - A.E. Eiserlo - E-Book
Beschreibung

Emma und Ben sind beste Freunde. Als Ben vom drohenden Verlust seines Augenlichtes erfährt, erhalten die beiden unerwartet Hilfe von der Elfe Amapola. Getrieben von der Hoffnung auf Heilung reisen sie mit ihr durch ein Weltentor nach Fanrea, um ihre Bestimmung in der uralten Prophezeiung als Krieger des Lichts zu erfüllen. Sie tauchen ein in eine Welt voller Abenteuer, mystischer Gestalten und Magie, aber auch Gefahr und Tod. Die zwei schließen Freundschaft mit Elfen, Drachen und Minotauren, die ihr Leben für sie riskieren. Auf ihrer Reise kämpfen Emma und Ben mutig für sich und andere, sie erleben Angst, Entbehrung und Schmerz. Fanrea öffnet den beiden Einblicke in die Tiefen ihrer Seelen und zwingt sie, sich ihren eigenen dunklen Seiten zu stellen. Gelingt es ihnen, die Prophezeiung zu erfüllen und die Finsternis zu besiegen? Ein Buch für junge Leser und junggebliebene Erwachsene!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:675

Sammlungen



A.E. Eiserlo

Fanrea

Die Prophezeiung

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Prophezeiung

Prolog

Ein ganz normaler Tag

Jagdfieber

Eine traurige Nachricht

Amapola

Tante Esthers Geheimnis

Das Zauberbuch

Achterbahn der Gefühle

Die Hüterin der Bücher

Esthers Entscheidung

Das Weltentor

Fanrea

Das Böse naht

Gefangenschaft

Eine andere Welt

Achillikrusse

Glenn und Asran

In letzter Sekunde

Verspätung

Gelbe Augen in finsterer Nacht

Magnus Rydell

John

Die Hexe aus Hydraxia

Im Trainingslager

Begegnung im Baumhaus

Tante Esther kehrt zurück

Abendstimmung im Trainingslager

Ein anstrengender Tag

Abschlussprüfung

Das Attentat

Esther

Die Geburt eines Prinzen

Die gestrandeten Kinder

Fips holt Hilfe

Worak

Die Rettung

Quiana

Komor und Nala

Die dunkle Macht naht

Letzte Vorbereitungen

Am Lagerplatz

Der Überfall

Unter der Erde

John und Melvin

Bosrak

Glenn

Aufbruch

Xarias Ankunft

Kurz vor dem Ziel

Die Kantake

Verbündete

Der Kampf

Magor

Die Befreiung

See der Heilung

Zurück in der Menschenwelt

Epilog

Was wurde aus …?

Charaktere

Begriffserklärungen

Zitate

Danksagung

Bereits erschienen

Impressum neobooks

Die Prophezeiung

Einst wird kommen die Zeit,

da Elfen erstarren in Ewigkeit.

Finsternis droht von vielen Seiten,

es gilt neue Wege zu beschreiten.

Die weise Frau Seiten in Leder verwahrt,

Mysterien nur zögerlich offenbart.

Bringt die Krieger des Lichts zurück,

damit sie erhalten Fanreas Glück.

Zwei Menschenkinder - aus einem Mund -

sollen brechen den Bann, wenn Jaron ist rund.

Das Ende der Kindheit,

ist der Tausch für die Blindheit.

Gewonnen wird mit Kampf und Schwert,

nicht alle überleben unversehrt.

Der Drachenreiter wird erweckt,

Geheimnisse bleiben noch versteckt.

Prolog

In einer selbstgebauten Schwitzhütte in Fanrea saß ein junger Halbblutindianer, ein Schamane namens John Igasho. In der Mitte der provisorischen Hütte stapelten sich erhitzte Steine, über die John immer wieder Wasser goss. Heißer Dampf sowie der Duft von Sweetgras und Salbei füllten den dunklen Raum, in dem der Indianer nun still und versunken auf dem Boden saß. Er wartete auf die Visionen, die sein Krafttier, ein Bär, ihm im Traum prophezeit hatte.

John trug eine Lederhose und Mokassins. Sein glänzend schwarzes Haar lag ausgebreitet auf den Schultern des nackten, muskulösen Oberkörpers. Um den Hals hing ein Lederband mit einem grau gemaserten Flusskiesel von der Größe einer Kastanie. Seine ebenmäßigen Gesichtszüge verliehen ihm ein edles Aussehen, die Haut schimmerte rötlichbraun. Die Augen hielt er geschlossen, und kleine Schweißperlen begannen sich auf seiner Stirn zu bilden.

Lange Zeit ereignete sich nichts, aber John ließ sich nicht beirren und wartete geduldig ab. Plötzlich entstanden Bilder in seinem Kopf: Zwei Teenager, wenig jünger als er selbst, kamen auf ihn zu, ein Junge mit blondem Strubbelhaar und ein Mädchen mit langen, braunen Locken. Die beiden riefen ihn Hilfe suchend bei seinem Namen und hielten sich an John fest. Krallenhände griffen nach den Teenagern, zogen sie in einen undurchsichtigen Spiralnebel. Ein beklemmendes Gefühl des Verlustes ergriff John und legte sich dumpf auf sein Herz, so dass ihm das Atmen schwerfiel.

Ein Drache flackerte in seiner Vision auf und verblasste langsam, vergeblich versuchte John das Bild festzuhalten. Schon sprangen Wölfe mit feurigen Augen durch seine Gedanken und lösten die Vision des Drachen ab.

Bevor John weiter darüber nachdenken konnte, veränderte sich das Geschehen erneut. Eine wunderschöne, schwarzhaarige Frau erschien, deren eiskalte AuraJohn frösteln ließ. Ihre wutglühenden Augen bohrten sich in seine Seele hinein. Hämisch lachend hielt sie ein uraltes, staubiges Buch in ihren Händen, dessen Seiten sich aufblätterten und magische Zeichen offenbarten.

Lodernde Flammen verschlangen das Buch und die Frau. Das Feuer verband sich mit Wasser zu einer sich gegenseitig umschlingenden Säule, Wind und Erde kamen dazu, und alles vereinigte sich zu einem wilden Wirbel der Elemente.

Aus diesem Wirbel trat eine lächelnde Elfe, doch dann erstarrte jäh ihr Gesicht. Ihr Körper veränderte sich, wurde durchsichtig und hart, schillerte wie Kristall. Mit einem lauten Knall zersprang die Elfe in unzählige Stücke und der Schrei ihres Entsetzens hallte in Johns Bewusstsein wieder. Ein brennender Schmerz bohrte sich in seine Wange. Verblüfft fasste er sich ans Gesicht und fühlte frisches Blut an den Händen. Einer der Kristallsplitter hatte ihn verletzt.

Damit endete seine Visionensuche so abrupt, wie sie begonnen hatte. Erschöpft öffnete der Indianer die Augen und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Er bemerkte, dass sich in einer der Handflächen Erde angesammelt hatte und wunderte sich, woher sie kam. Irritiert betrachtete John die braunen Erdkrümmel und ließ sie zu Boden rieseln.

Viele Male schon hatte er Schwitzhüttenrituale abgehalten, doch noch nie eine Wunde davon getragen. Irritiert griff John nach dem Kristallsplitter und steckte ihn in seinen Lederbeutel.

Dann stand er auf und streckte sich, seine Muskeln riefen nach Bewegung, durch das lange Stillsitzen fühlte er sich ganz steif. Er dehnte sich und machte ein paar Liegestütze. Anschließend begoss John sich mit kaltem Wasser, zog sein Lederhemd über und verließ seine Schwitzhütte.

Ein ganz normaler Tag

Es war ein wolkenloser, sonniger Morgen, der schon von den Verlockungen der baldigen Sommerferien flüsterte. Die lilafarbenen Blüten des Lavendels sowie die prachtvollen Rosen verbreiteten ihren unnachahmlichen Duft, und der königliche Rittersporn spiegelte das intensive Blau des Himmels wider. Zahlreiche Bienen summten von Blume zu Blume, und Schmetterlinge flatterten umher.

Das Dorf lag eingebettet in eine malerische Landschaft aus Wäldern, und Wiesen, durch die sich Seen und Bäche zogen. Die Einwohner dieser Gegend lebten im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten, alles ging hier etwas gemächlicher zu. Die Mehrzahl der Häuser war sehr alt und liebevoll gepflegt, die Menschen wohnten schon seit vielen Generationen darin und bildeten eine vertraute Gemeinschaft. Der laute Klang der Kirchenglocke unterbrach die Stille dieses friedlichen Sommermorgens.

Die vierzehnjährige Emma schnippte einen Fusel von ihrer Jeans und band schnell ihre blauen Chucks zu. Tiefe Augenringe verrieten Schlafmangel, denn erneut hatte einer dieser schrecklichen Alpträume sie gequält, welche sie seit einiger Zeit immer häufiger bedrängten. Der Traum der letzten Nacht war besonders beängstigend gewesen:

Orientierungslos lief Emma durch einen düsteren Wald, dessen Bäume sich als unheimliche Scherenschnitte gegen den Vollmond abhoben. Dicke Wurzeln brachten sie zum Stolpern und lange Äste verfingen sich in ihren Locken.

Plötzlich durchbrach ein bedrohliches Heulen die Dunkelheit und die Temperatur sank abrupt. Kälte überlief Emma wie flüssig gewordenes Grauen und sie fühlte, wie ihr Herz vor Angst einen Schlag aussetzte. Unvermittelt waren haarige Bestien da und eröffneten eine Treibjagd auf sie. Wilde Wölfe mit rot glühenden Augen hetzten sie durch die Nacht, sprangen sie schließlich brutal an, und trieben sie mit gefletschten Zähnen vor sich her. Der heiße Atem der Tiere keuchte so dicht an ihrem Gesicht, dass der Aasgeruch nach faulendem Fleisch Emma ekelte und sie würgen ließ.

Schließlich war sie durch ihre eigenen, panischen Schreie schweißgebadet aufgewacht. Sie hatte nicht mehr einschlafen können und grübelnd wach gelegen. Immer wieder musste sie an diesen widerlichen Alptraum denken sowie an ihren Vater, auf den sie so unerträglich wütend war, dass sie den Kontakt zu ihm abgebrochen hatte.

Als der Morgen langsam anbrach, war sie endlich traurig und mit rot geweinten Augen eingeschlafen. Viele Nächte hatte sie jetzt schon so zugebracht.

Emma versuchte, nicht mehr an die letzte Nacht zu denken, sie fühlte sich elend und allein gelassen. Schwer trug sie an der Last der vergangenen Monate: Erst war ihr Vater fortgegangen und hatte seine Familie im Stich gelassen, und dann starb der Großvater. Der Krebs hatte ihn langsam aufgefressen und am Ende seiner Lebensfreude und Würde beraubt. Dieser zweifache Verlust und der damit verbundene Schmerz bohrten tief in ihrer Seele. Immer. Jeden Tag. Tag und Nacht.

Erst als es an der Haustüre klingelte, gelang es ihr, die unerträgliche Trauer und ungezähmte Wut ein wenig zu verdrängen, um in den Alltag zurückzukehren.

Rasch bändigte Emma mit einer Spange ihre langen, dunklen Locken, die ihr sonst ständig ins Gesicht fielen. Alle Mädchen der Klasse beneideten sie um ihre wilde Haarpracht, sie selbst dagegen mochte sie nicht, viel lieber hätte sie glatte, blonde Haare.

Emma fluchte: „Mist, ich habe meine Tasche noch nicht gepackt!“ Hektisch schmiss sie zwei Hefter, Mäppchen und ein Buch in ihren Rucksack, dann eilte sie die Treppe hinunter, stoppte mitten im Lauf, fiel dadurch beinahe die restlichen Stufen nach unten und stürmte noch einmal hoch in ihr Zimmer. Dort griff sie den Turnbeutel und raste zurück.

Emmas Mutter rief aus der Küche: „Deine Pausenbrote liegen noch hier!“ Nervös lief Emma in die Küche, schnappte sich die Brote, warf der Mutter einen Handkuss zu und rannte zur Haustür.

Atemlos öffnete sie die Tür. „Hi, Ben, sorry, dass du warten musstest.“

Wie jeden Morgen, wenn Schule war, begrüßte Ben sie mit einem frechen Grinsen, das sich bis zu seinen strahlend blauen Augen fortsetzte. Seine hellblonden Haare wirkten mal wieder ungekämmt, denn sie wuchsen in so vielen Wirbeln auf seinem Kopf, dass eine richtige Frisur unmöglich war. Kauend nuschelte er: „Hi! Komm, beeil dich, wir sind spät dran.“

„Was kaust du denn schon wieder?“, fragte Emma.

„Zuhause hatte ich keine Zeit, zu essen. Meine Mutter sagt immer, dass ich noch wachse und deshalb viel essen soll.“

Emma grinste: „Ich habe wahrscheinlich wieder mindestens zehn Brote dabei. Willst du noch eins von mir?“

„Na mal sehen, was ist denn drauf? Hoffentlich nicht nur Gurke und Tomate? Von Salat schrumpft der Bizeps*.“

Emma verdrehte die Augen, knuffte ihn in die Seite und reichte ihm ihre Brotdose.

Skeptisch begutachtete Ben den Inhalt: „Ein Biogesundheitsbrot. Natürlich mit Gurke und Tomate. Ein Körnerbrot mit Käse, hm. Ah ja, da kommen wir der Sache näher, Schinkenbrot. Das nehme ich! Sag mal, macht deine Mama die Brote für dich oder für mich?“

„Na ja, die Brote werden immer aufgegessen und sie denkt, ich habe sie weggeputzt.“

„Niemals! Sie macht die Brote für mich, weil sie mich so nett findet.“

Genussvoll biss er in das Brot, und während sie zur Schule eilten, erzählte Emma von ihrem Traum: „Letzte Nacht hatte ich wieder einen dieser ekelhaften Alpträume und dachte, ich komme da nicht mehr raus. Das Heulen der Wölfe war echt. Sie haben gestunken und mich gebissen, es tat richtig weh!“

„Aber es war nur ein Traum, Emma“, versuchte Ben sie zu beruhigen.

Fragend sah Emma ihren Freund an, als ob er eine Antwort darauf wüsste, warum diese schrecklichen Träume sie quälten. Doch in seinen blauen Augen stand nur Ratlosigkeit.

Jedes Mal gruselte es Ben, wenn sie ihm diese entsetzlichen Träume beschrieb. Das Verstörende war, dass sie sich alle ähnelten und für Emma ganz real anfühlten. Einer der letzten Träume war besonders unheimlich gewesen: Gebeugt gehende, blasse Gestalten mit krummen Krallenhänden hatten Emma durch einen düsteren Erdgang vor sich her gestoßen. In einer unbekannten Sprache hatten sie gebrüllt und heftig auf Emma eingeschlagen. Bei dem Gedanken an diese abscheulichen Träume liefen Ben eiskalte Schauer den Rücken hinunter.

Beklommen betrachtete er Emma von der Seite und bemerkte, wie übernächtigt sie aussah. Die beiden kannten sich, seit sie laufen konnten, und gingen zusammen in dieselbe Schulklasse. Eine tiefe Freundschaft verband sie, und Ben sorgte sich wegen ihrer immer wiederkehrenden Alpträume.

Emma war ein schlankes, hübsches Mädchen mit strahlenden, blaugrünen Augen. Sie war die schnellste Läuferin der Klasse und wenn sie im Wasser war, schwamm und tauchte sie wie ein Delfin, denn Wasser war einfach ihr Element.

Ben mochte es, dass Emma so sportlich war, dadurch konnte er viel mit ihr unternehmen. Die meisten Mädchen beschäftigten sich mit Dingen, die Ben nicht interessierten. Emma war da ganz anders. Wenn er ihr vorschlug, klettern zu gehen oder eine Kanutour zu unternehmen, war sie sofort dabei.

„Was hast du gestern noch gemacht?“, startete Ben den Versuch, Emma von ihren Alpträumen abzulenken. Er war beim Karatetraining gewesen und sie beim Ballett, dadurch hatten sie sich nachmittags nicht gesehen.

„Gelesen! Nach den Hausaufgaben habe ich mich aufs Bett gelegt und das Ende von ,Gregor und das Schwert des Kriegers´ gelesen. Hm, hatte leider kein richtiges Happy End. Dann war ich beim Ballett und habe festgestellt, dass ich schon wieder neue Spitzenschuhe brauche. Mist und sie sind so teuer!“

„Wieso? Sind sie zu klein?“

„Nee, weich getanzt. Nach dem Ballett habe ich von Michael Scott ein neues Buch angefangen. Es handelt von auserwählten Zwillingen, die die Welt retten müssen, und Nicolas Flamel ist ihr Mentor. Du weißt schon, der Alchemist. Das Buch ist voll krass, weil darin lauter Gestalten aus Mythen und Sagen vorkommen.“

„Aha!“ Ben freute sich, dass es ihm gelungen war, Emmas Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Gut! Jetzt musste er sie nur noch reden lassen, vielleicht ab und zu eine Bemerkung einwerfen, damit sie dachte, dass er noch zuhörte. Emma war im Redefluss und die schlimme Nacht dadurch verdrängt.

Seine Freundin erzählte weiter, und Ben konnte seinen Gedanken nachhängen. Er kam gut mit Emma klar, weil er sich nichts aus ihren extremen Stimmungsschwankungen machte und seine Freundin nahm, wie sie war: Manchmal introvertiert, mal zickig, dann wieder lustig und ausgelassen. Eines wusste er jedoch ganz sicher: Er konnte sich immer auf sie verlassen!

Ben war ein ganz anderer Typ als Emma, denn mit seiner fröhlichen und unbeschwerten Art verbreitete er meistens gute Laune. Anders als Emma nahm er die Dinge eher leicht und grübelte nicht viel.

Mit Leidenschaft lernte er Koryû Uchinâdi, eine spezielle Form von Karate, und er genoss es, mit seinen Freunden Fußball zu spielen. In der Grundschule hatte Ben seine Begeisterung für Fußball entdeckt, da die Jungen in den Pausen meistens gekickt hatten. Seit Ben und Emma auf das Gymnasium gingen, war die Zeit zwar knapper geworden, aber er liebte Fußball so sehr, dass er auch weiterhin im Verein trainierte.

Der Sport verband ihn mit Gleichaltrigen, denn manchmal fühlte Ben sich wie ein Außenseiter, da er sich mehr für die Natur und Sport interessierte als für Computerspiele, Netzwerke oder Smartphones. Diesem ganzen digitalen Kram konnte er nicht viel abgewinnen.

Ben wollte sich draußen bewegen, den Wind in seinen Haaren spüren, den Geruch von frisch gemähtem Gras riechen und die kalten Regentropfen fühlen, die auf seiner Haut zerplatzten. Er liebte es, beim Joggen seine Muskeln zu spüren und bis an seine Grenzen zu gehen. Sogar den Winter mochte er mit seiner eisigen Pracht und genoss es, morgens durch den Wald zu laufen, wenn sein Atem blasse Wölkchen erzeugte und der Raureif die Bäume zu bizarren Gebilden verzauberte.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, riss ihn Emmas Stimme aus seinen Gedanken.

„Äh, ja! John Dee hat die Toten erweckt, sogar Säbelzahntiger.“

„Da hast du aber gerade noch mal die Kurve gekriegt.“ Sie knuffte Ben in die Seite.

Plötzlich rempelte jemand Emma von hinten an und motzte: „Geh aus dem Weg, du dumme Kuh!“

Es war Paul. Ben murmelte leise: „Ein Choku-Zuki und Paul liegt am Boden! Soll ich?“

„Nein, lass das! Das ist genau das, was er will, er sucht mal wieder Streit. Mir reichen die Wölfe von heute Nacht.“

Ben hörte auf Emma und zügelte sein Temperament. Das gelang ihm jedoch leider nicht immer, denn wenn ihm etwas nicht passte oder ihn jemand ärgerte, neigte er zu cholerischen Wutanfällen. Vergeblich versuchte er nicht immer so hitzköpfig zu reagieren, doch in seinem Bauch loderte dann ein wildes Feuer, das ihn zu verzehren drohte. In der letzten Zeit wurde diese Hitze immer stärker und er fragte sich, wie er diese Wut bändigen sollte. Erleichtert stellte Ben fest, dass er heute einen entspannten Tag hatte und die Zornwelle ausblieb.

Streitlustig wandte Paul sich um zu Ben, doch als die erwartete Reaktion nicht folgte, zog er enttäuscht ab, zischte jedoch noch gehässig: „Feigling!“

„Bleib ruhig!“, flüsterte Emma und Ben blieb tatsächlich gelassen.

Paul, ein unangenehmer Raufbold, war bei allen Kindern unbeliebt. Er war groß für sein Alter, sein Körper jedoch untrainiert und schwammig. Die kleinen Augen in seinem rundlichen, blassen Gesicht suchten ständig nach Streit. Sein Vater betrieb eine gut gehende Schreinerei, die Paul das Gefühl gab, sich alles erlauben zu können, weil er immer genug Geld hatte und sich für etwas Besseres hielt. So, wie sein Vater die Arbeiter in der Schreinerei tyrannisierte, sprang Paul mit den anderen Schülern um. Die meisten gingen Paul aus dem Weg, denn sie fürchteten sich vor ihm.

Schnell liefen Ben und Emma in ihre Klasse und nahmen mit dem Gong der Schulglocke ihre Plätze ein. Die Stunden plätscherten gemächlich dahin, bis endlich der erlösende Gong ertönte, der das Ende des Schultages verkündete.

Als Emma sich mit Ben für den Nachmittag verabreden wollte, lehnte er ab: „Du weißt doch, meine Augen sind so schlecht geworden und ich muss gleich in die Augenklinik zur Kontrolle. Ich hoffe, dass ich demnächst keine dicke Brille tragen muss und alle mich auslachen.“

Emma kicherte: „Das wäre doch süß!“

„Na, prima!“

„Dann siehst du endlich mal etwas intelligenter aus!“

Sich gegenseitig neckend machten sie sich gemeinsam auf den Heimweg.

Als Emma die Küche betrat, blubberte eine Gemüsesuppe auf dem Herd. Es duftete verlockend nach Kartoffeln, Möhren, Sellerie und Lauch, und Emma bemerkte erst jetzt, wie hungrig sie war. Gemüsesuppe! Eines ihrer Lieblingsgerichte!

Sie vernahm das gleichmäßige Brummen eines Motors und sah aus dem Fenster. Ihre Mutter mähte den Rasen, und ihre drei kleineren Geschwister halfen, indem sie Stöckchen und Spielzeug aus dem Weg räumten.

Seit ihr Vater die Familie verlassen hatte, war alles anders. Das ganze Leben hatte sich verändert. Ihre Mutter Marlene hatte noch mehr Arbeit als vorher, denn sie musste den Vater ersetzen - in jedem Bereich - und das war schwer. Immerhin überwies er regelmäßig etwas Geld, auch wenn es vorne und hinten nicht reichte. Deshalb bügelte und nähte Marlene nachts, wenn die Kinder schliefen, für die Leute aus dem Dorf. Wegen der vier Kinder war es ihr nicht mehr möglich, ihren Beruf als Fotografin auszuüben.

Emma seufzte. Sie hatte Wut auf ihren Vater. Unbeschreibliche, grenzenlose Wut, die sich in ihrem Bauch wie ein Eisblock festsetzte und langsam darin ausbreitete. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie müsste an ihrem Zorn ersticken und dann half nur noch eines: Wasser!

Emma erinnerte sich an das letzte Mal: Die Dämmerung hatte den stillen See hinter ihrem Haus in einen mystischen Ort verwandelt. Wie ein Spiegel lag die Wasseroberfläche vor ihr und lud sie ein, in eine andere Wirklichkeit zu tauchen. Mit einem kühnen Kopfsprung durchbrach sie diesen Spiegel. Kaum berührte das kühle Nass ihre Haut, verloren sich Hass und Trauer.

Stattdessen durchfluteten Energiewellen ihren Körper und ihre lästigen Gedanken trieben davon wie Seetang in einem Sturm. Emma durchpflügte das kalte Wasser, als wären Furien hinter ihr her, bis ihre Lunge zu zerspringen drohte. Danach ging es ihr besser und der Eisklumpen war geschmolzen. Mit dem Element Wasser fühlte sie sich eins und wäre am liebsten für immer dort geblieben.

Aber nun befand sich Emma im Hier und Jetzt. Zuhause. Allein mit ihren trüben Gedanken, die genüsslich an ihren Eingeweiden fraßen. Ihr Vater war einfach gegangen, ohne große Erklärungen. Er war weg. Sie wusste nicht viel über das Warum und Wieso der Trennung ihrer Eltern. Ihre Mutter hatte ihr nur erzählt, dass es eine neue Frau in seinem Leben gab und dass er, ohne lange zu zögern, mit ihr nach Südamerika ausgewandert war.

Wo er lebte und wer diese neue Frau an seiner Seite war, wollte Emma gar nicht wissen. Sie sah ihn nicht mehr und wollte nie mehr mit ihm reden. In ihren Augen war er ein Verräter und verdiente nur noch ihre Verachtung.

Einmal, als Emma nachts nicht schlafen konnte, hatte sie sich leise nach unten in die Küche geschlichen, um ein Glas Wasser zu trinken. Ihre Mutter hatte am Küchentisch gesessen, den Kopf in ihre Hände gelegt und lautlose Tränen vergossen. Dieses traurige Bild hatte sich in Emmas Kopf eingebrannt und vergiftete ihre Gedanken.

Gerade als Emma sich etwas Suppe auf ihren Teller schöpfte, kam ihre jüngere Schwester Lara in die Küche.

„Guck mal, was ich gefunden habe!“, rief Lara und zeigte ihr die Hände, auf denen zwei riesige Nacktschnecken ihre schleimige Spur zogen.

„Iiihhh!“, kreischte Emma. „Musst du immer diese ekeligen Viecher mit ins Haus bringen?“

Die beiden stritten oft, weil Lara alle möglichen Tiere ins Haus schleppte, vor denen Emma sich schüttelte. Außerdem wollte ihre Schwester die gleichen Rechte für sich in Anspruch nehmen wie sie und das, obwohl sie so viel jünger war, denn Lara war erst sieben Jahre alt!

Emma streckte ihr die Zunge heraus und Lara plärrte direkt: „Mama, Emma ist gemein zu mir!“

„Blöde Petze!“, zischte Emma.

„Selber!“

„Du bist einfach eine blöde Kuh!“

Ihre Mutter erschien in der Küche und seufzte erschöpft: „Nicht schon wieder streiten, ihr zwei! Hallo, Emma.“

Ihr Bruder, der zehnjährige Max, stürmte in die Küche und schrie: „Ich habe Hunger, Hunger, Hunger!“, und führte so etwas wie einen Indianertanz auf.

Stöhnend verdrehte Emma die Augen, sie fand Max zurzeit ziemlich nervig und sie zankten den ganzen Tag miteinander.

Jakob, der Kleinste, kam ebenfalls in die Küche, und dort, wo er stand, bildete sich eine Pfütze aus Wasser, und jede Menge Sand rieselte von seiner Kleidung sowie den Händen herab.

„Jakob! Raus mit dir! Sofort draußen alles ausziehen!“, ertönte umgehend der Befehl der Mutter.

„Manno, ist doch nur Sand!“

Emma schüttelte den Kopf über ihre Geschwister und wünschte sich zum hundertsten Mal, ein Einzelkind zu sein. Na ja, nicht ganz, Jakob würde sie vielleicht behalten!

Das gemeinsame Essen verlief chaotisch, weil Jakob seinen Orangensaft umwarf und sich mit Suppe bekleckerte, während der Rest der Kinder sich stritt. Emma und Lara gerieten besonders heftig aneinander und stürzten sich in ihren üblichen Zickenkrieg. Schließlich floh Emma aus der Küche, um sich in ihrem Zimmer zu verkriechen.

Nach einer Weile ging die Türe auf und Lara trat ein. „Oh, nein, nicht du schon wieder! Geh mir nicht auf die Nerven!“, schleuderte Emma ihr entgegen.

„Ich wollte doch nur fragen, ob ich deine Buntstifte leihen kann.“

„Nee, du hast eigene, nimm die! Meine verzottelst du nicht.“

Schlecht gelaunt schmiss Emma ihre Schwester aus dem Zimmer, sie wollte jetzt ihre Ruhe haben. Zunächst hatte der Alptraum den Tag schlecht beginnen lassen, dann hatten die Gedanken an ihren Vater sie gequält und den Rest hatten ihre Geschwister geschafft.

Jagdfieber

Hinter einem buschigen, rot blühenden Kintostrauch kauerte eine dunkel gekleidete Gestalt auf dem weichen Waldboden. Düsterkeit und eine heimtückische Aura umgab sie. Gerade hob die Gestalt den Kopf: Ein hageres, männliches Gesicht mit Hakennase und fast kahlem Schädel starrte aus schmal zusammengekniffenen Augen zwei davon schwebenden Elfen hinterher. Die eine Seite des Kopfes war durch Brand- und Säurenarben entstellt.

Worak hieß der kahlköpfige Zauberer, den es nach mehr Macht verlangte, als er derzeit besaß. Dazu benötigte er die Seelen von vielen Elfen und das lange Zeit verschollene Zauberbuch, dessen Spur er nun endlich gefunden hatte.

Die Fratze des Zauberers verzog sich zu einem diabolischen Grinsen, und ein hämisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Voller Vorfreude murmelte er: „Mal sehen, wer heute meine prächtige Sammlung ergänzen wird.“

Die zwei winzigen Elfen liefen leichtfüßig hintereinander her und flatterten dabei aufgeregt mit ihren Flügeln. Sie spielten Fangen im flimmernden Sonnenlicht, huschten über den Waldboden und neckten sich gegenseitig, bis sie sich erschöpft ins dunkelgrüne Moos fallen ließen.

Die beiden verträumten Blumenelfen lebten in Fanrea und waren dort für die Pflanzen zuständig, sie sorgten für deren Wachstum und Gesundheit. Sie waren jedoch viel zu jung und verspielt, um ernsthaft ihren Aufgaben nachzukommen. Immer wieder vergaßen sie, was zu ihren Pflichten gehörte, und überließen sich allzu gerne ihren spontanen Einfällen.

Zufrieden lagen die beiden Elfen im Moos und kicherten miteinander, als ein Schmetterling sich neben ihnen niederließ. Staunend bewunderten sie die bunte Pracht seiner Flügel, die wild gemustert leuchteten. Ihre eigenen Flügel, durchsichtig wie filigrane Libellenflügel, schimmerten in pastelligen Farbtönen. Die blonde Elfe trug ein grünes Blätterkleid, ihre schwarzhaarige Freundin war mit einem weißen Blütengewand bekleidet.

Der Schmetterling wollte mit ihnen spielen, und erfreut flogen die Blumenelfen hinter ihm her. Das Trio bemerkte dabei nicht, welches Unheil über ihnen schwebte.

Über ihre Unbeschwertheit schüttelte der Zauberer den Kopf und murmelte: „So leicht hat es mir noch kein Elfenpack gemacht. Nehmen mir den ganzen Spaß und die Spannung. Einfältige, dumme Dinger.“

Wütend trat er gegen einen Baumstamm. Dadurch brach ein Ast knackend ab und ließ das Trio kurz inne halten.

Blitzschnell duckte Worak sich. „Das war knapp!“, zischte er. „Ich werde sie erst noch ein wenig jagen, ich muss die Angst in ihren Augen sehen und fühlen, wie ihr Herz vor Schreck aussetzt!“ Das Jagdfieber durchströmte seine Adern und voller Vorfreude schlich er sich ein wenig näher an seine Beute heran.

In diesem Augenblick machten die Elfen eine grausige Entdeckung: Eine Blutelfe hatte eine Maus zur Strecke gebracht und trank gierig deren warmes Blut. Blutelfen waren heimtückische Wesen, die sich hauptsächlich von dem roten Lebenssaft ernährten und gerne über Schwächere herfielen.

Die Blutelfe hob den Kopf, und ein Rinnsal aus Blut rann an ihrem Kinn herunter, während sie mit düsteren Augen ihre Umgebung musterte. Sie hatte ein leises Kichern gehört, erspähte mit ihren scharfen Augen die beiden Blumenelfen und überlegte kurz, ob sie diese schnappen sollte. Aber sie unterließ es, denn der Lebenssaft der Maus schmeckte gerade so köstlich und floss genussvoll ihre durstige Kehle hinab.

Starr vor Schreck flatterte das Trio auf der Stelle, erkannte dann erleichtert, dass keine unmittelbare Gefahr bestand, und brachte sich mit raschen Flügelschlägen in Sicherheit.

Ärgerlich beobachtete Worak die Blutelfe, er hasste es, wenn seine Pläne durchkreuzt wurden. Diese Blumenelfen gehörten ihm. Niemand würde sie ihm streitig machen, auch nicht diese Blutelfe!

Allerdings, wenn er es sich recht überlegte, konnte er sich mit einer kleinen Planänderung anfreunden: Er würde nicht nur die Blumenelfen jagen, sondern auch noch diesen kleinen Blutsauger ergreifen. So eine Blutelfe würde seine Sammlung bereichern.

Der Zauberer wurde immer gieriger, Jagdeifer und Machtgelüste durchströmten seinen Körper wie eine magische Welle. Die Atmosphäre um ihn verdichtete sich. Diese starken Impulse wurden von den umstehenden Bäumen wahrgenommen und sie begannen aufgeregt zu wispern.

Mitten in ihrer Bewegung erstarrten die Elfen, auch sie hatten die Veränderung bemerkt. Der Schmetterling flog eilig davon. Die beiden Blumenelfen fassten sich an den Händen und sahen sich besorgt an. Verfolgte die Blutelfe sie jetzt etwa doch?

Kalte Angst kroch ihnen die Wirbelsäule empor. Das Wispern der Bäume verstärkte sich, und die beiden Blumenelfen lauschten den Warnungen.

„Gefahr!“, „Flieht!“, „Zauberer!“, „Worak!“ Alle Bäume flüsterten aufgeregt und wild durcheinander. Erschrocken schauten die Elfen sich um und flogen ein Stück vorwärts, dann seitwärts, wussten nicht, wohin.

„Los, hoch in die Bäume!“, rief die blonde Elfe panisch. Doch bevor sie sich aufschwingen konnten, sahen sie einen Schatten auf sich zu springen und hörten laute Zauberworte. Sie fühlten, wie eine starke Energiewelle auf sie zurollte und waren plötzlich in einer undurchdringlichen, magischen Blase gefangen.

Ihre Herzen wollten ihnen vor Angst zerspringen und die Elfen jammerten über sich und ihre Unachtsamkeit. Was war mit ihnen geschehen?

Eine traurige Nachricht

Am nächsten Morgen holte Ben seine Freundin wie immer ab. Die beiden gingen zur Schule, aber irgendetwas war anders als sonst. Emma bemerkte, wie schweigsam, blass und bedrückt Ben heute war. Aufmerksam betrachtete sie ihn von der Seite und erkundigte sich: „Stimmt was nicht?“

Ben brummte nur unwirsch.

„Hast du Hunger?“

„Nee.“

„Was ist los mit dir? Hast du Stress mit deinen Eltern?“

Da blaffte er sie an: „Nichts! Es ist nichts! Lass mich einfach in Ruhe und stell mir keine blöden Fragen.“

Emma war erstaunt und ein bisschen gekränkt über die barsche Antwort, denn so abweisend verhielt Ben sich ihr gegenüber normalerweise nicht.

Schweigend setzten sie ihren Weg fort und beide hingen ihren Gedanken nach. Emma grübelte: Etwas wirklich Schlimmes bedrückte ihren Freund, andernfalls hätte er nicht so reagiert. Also hatte es keinen Sinn, beleidigt zu sein, Ben brauchte ihre Hilfe. Sie musste ihn zum Reden bringen.

Angestrengt schaute Ben auf den trostlosen Asphalt hinunter, als ob es dort etwas Interessantes zu entdecken gäbe. Es tat ihm leid, dass er Emma angeschnauzt hatte, die Worte waren einfach aus ihm herausgeplatzt. Er wollte nicht, dass sie ihn weinen sah, aber die Tränen ließen sich kaum noch zurückhalten.

Schließlich waren die beiden wortlos an der Schule angekommen. Unvermittelt blieb Emma stehen, versperrte Ben den Weg und packte ihn fest an seiner Jacke: „Jetzt verrate mir, was los ist! Ich gehe hier nicht rein, bevor du mir gesagt hast, warum du so pampig bist. Wir sind Freunde, und Freunden kann man alles sagen!“

Ben nickte, die Tränen der Verzweiflung ließen sich nun kaum noch aufhalten und er flüsterte leise: „Ich, ich … war doch gestern beim Augenarzt. Und … das Ergebnis war nicht gut.“

Emma fühlte, wie die Angst auf sie übersprang und sah die Tränen in Bens Augen. Zögernd fragte sie: „Was, …was meinst du damit? Was bedeutet nicht gut?“

Länger konnte Ben sich nicht mehr beherrschen und es brach aus ihm heraus: „Ich werde blind!“

Entsetzt starrte Emma ihn an: „Du wirst blind?“

Nun flossen Bens Tränen und es war ihm unglaublich peinlich. Leise bestätigte er: „Ja, der Arzt hat festgestellt, dass ich eine unheilbare Augenkrankheit habe. Das bedeutet, dass ich bald nichts mehr sehen werde. Er sagte, es sei ein schleichender Prozess, der sich nicht aufhalten ließe. Ich werde in ein paar Tagen mit meinen Eltern noch zu einem weiteren Spezialisten fahren, um eine zweite Meinung einzuholen. Meine Mutter kennt jede Menge guter Ärzte aus dem Medizinstudium und wir fahren zu einem ihrer alten Bekannten.“

Emma war schockiert. Unglücklich suchte sie nach tröstenden Worten, aber es fielen ihr keine ein. Hilflos schaute sie zu Boden und flüsterte: „Wie schrecklich, Ben.“

Emma fühlte seine Not und konnte nun verstehen, warum er eben verschlossen und mürrisch reagiert hatte. Das Wort Blindheit beinhaltete für Emma so viel Schrecken, dass ihre normalen Alltagsprobleme wie Schnee in der Sonne dahinschmolzen und sich auf ein belangloses Häufchen reduzierten. Die ewige Finsternis war einfach unvorstellbar! Sie war ratlos, wie sie Ben helfen sollte, deshalb nahm sie nur seine Hände und drückte sie ganz fest.

Seine Augen suchten ihre, und Emma sah nur Verzweiflung darin. Wut breitete sich in ihr aus, weil ihr weder eine Lösung noch tröstende Worte einfielen. Bens Gesicht war ihr vertraut, aber diesen resignierten Blick hatte sie noch nie an ihm gesehen.

Schließlich meinte Emma: „Du darfst die Hoffnung nicht verlieren! Vielleicht finden wir einen Ausweg. Du hast mir schon oft von Fußballspielen erzählt, bei denen deine Mannschaft im Rückstand war. Am Ende habt ihr durch euren Willen den Kampf gewonnen. Ihr habt einfach nicht aufgegeben. Und beim Karate war das auch schon oft so!“

Aufgebracht rief Ben: „Aber ein Fußballspiel ist doch etwas ganz anderes! Ich habe riesige Angst. Ich kann nicht mehr richtig denken, mein Kopf ist wie blockiert. Mein ganzes Leben verändert sich, wenn ich nichts mehr sehen kann. Nichts ist dann mehr so wie jetzt! Alles, was mir Spaß macht, werde ich nicht mehr tun können.“

Er spürte die Furcht in seinem Herzen wie eine finstere, bedrohliche Masse, die sich immer weiter ausbreitete, größer wurde und sich seiner bemächtigte.

Trotzig murmelte Emma: „Es muss einen Weg geben, dass es nicht so weit kommt. Außerdem können Ärzte sich auch mal irren. Egal, was passiert, ich helfe dir!“

Die Schulglocke ertönte und die beiden mussten nun in ihre Klasse gehen. Doch genau in diesem Moment rannte Paul um die Ecke und stieß fast mit den zwei Freunden zusammen. Paul sah, dass Ben weinte. Das war natürlich für ihn eine großartige Gelegenheit zu stänkern: „Ach je, der kleine Benny flennt. Ben ist eine Heulsuse, huhuhu...!“

Mit funkelnden Augen fuhr Emma Paul an: „Du widerlicher Idiot! Verschwinde, du schwabbeliger Fettkloß!“

Paul schnappte nach Luft. Gegenwehr war er nicht gewöhnt und erst recht nicht von einem Mädchen!

Besorgt schaute Emma zu Ben und sah, wie sich sein eben noch kummervolles Gesicht veränderte. Einer seiner gefürchteten Wutanfälle kündigte sich an. Sie wollte ihn besänftigen und flüsterte rasch: „Bleib ruhig. Bitte lass dich nicht auf eine Prügelei ein. Du kriegst nachher den Ärger!“

Ben hörte gar nicht hin, er fühlte, wie diese unerklärliche Hitze in ihm aufstieg. Seine Laune war auf dem Nullpunkt und Paul kam ihm gerade recht. All seine aufgestaute Wut und seine quälenden Ängste konnte er jetzt an Paul auslassen.

Hilflos bemerkte Ben, dass ihm immer heißer wurde, in seinem Bauch entwickelte sich das lodernde Feuer. Die Intensität mit der die Flammen emporschossen, war jedoch neu für Ben. Er kannte zwar den Zorn, den er kaum bändigen konnte, aber diese fast schmerzhafte Hitze, die ihn nun von innen her verglühte, war ihm fremd.

Beklommen nahm Emma wahr, was in Ben vor sich ging und wollte ihren Freund zurückhalten, dazu kam sie jedoch nicht mehr.

Bevor Ben sich noch weiter über seine Gefühle wundern konnte, trat er nach vorn und haute Paul mit zwei blitzschnellen Oi-Zukis um. Das geschah so überraschend, dass Paul keine Chance zur Gegenwehr hatte.

Emma war entsetzt über diese unkontrollierte Explosion, Ben lachte nur zynisch: „Heute musste das einfach sein! Dieser Mistkerl hatte es schon lange verdient. Außerdem weiß ich nicht, wie lange ich mich noch prügeln kann.“

Irgendwie hatte Ben Recht, aber Prügeln war keine Lösung für Probleme, fand Emma. Sie schaute sich nach Paul um, der sich langsam aufsetzte und Ben mit wutverzerrtem Gesicht anbrüllte: „Das wirst du noch bereuen! Das bedeutet Rache! Ich werde allen erzählen, was für eine Heulsuse du bist!“

Mit seinen Faustschlägen war Bens Wut verraucht, das Feuer in ihm erloschen. Dieser Kerl widerte die beiden Freunde einfach nur an. Deshalb kümmerten sie sich nicht länger um ihn und hasteten schnell ins Schulgebäude.

In der ersten Stunde hatten sie Religion bei Herrn Rowan. Die Klasse diskutierte über den Satz von Jesus: Der Glaube versetzt Berge. Bedeutungsvoll schauten Ben und Emma sich an, denn Ben brauchte nun den festen Glauben daran, dass es einen Weg gebe, sein Augenlicht zu erhalten.

Trotzdem hörte Ben nur mit halbem Ohr hin, er dachte immerzu an die drohende Blindheit und seinen Gefühlsausbruch. Tränen waren für einen Jungen einfach uncool, egal, warum er weinte.

Außerdem: Was hatte diese unglaubliche Hitze, dieses lodernde Feuer, in ihm zu bedeuten? Gemeinsam mit dem Wutausbruch war alles erloschen, und er fühlte sich erleichtert.

Endlich klingelte es zur Pause, und alle Schüler rannten auf den Schulhof. Ben zögerte. Sollte er jetzt tatsächlich mit seinen Freunden Fußball spielen? Eigentlich hatte er dazu gar keine Lust. Er befürchtete jedoch, nur zu grübeln und im schlimmsten Fall sogar erneut zu weinen. Nein, das ging auf gar keinen Fall! Besser wäre es, sich abzulenken, also folgte er seinen Fußballfreunden nach draußen.

Nach kurzer Zeit war das Spiel in vollem Gange und Ben sprintete mit dem Ball in Richtung Tor. Einer seiner Kumpels spurtete von rechts auf ihn zu und wollte ihm den Ball abnehmen, aber Ben konnte an ihm vorbei dribbeln.

Urplötzlich, als er gerade schießen wollte, sprang ihn jemand mit voller Wucht von hinten an. Ben verlor den Halt und taumelte, stürzte zu Boden und prallte hart mit der Stirn auf. Der Angreifer landete auf Ben. Schmerz durchzuckte ihn und er verzog das Gesicht. Eine Platzwunde auf Bens Stirn blutete heftig und sein ganzer Körper schmerzte. Das Gewicht des Angreifers nahm ihm die Luft zum Atmen und er japste gequält.

Erneut spürte Ben hemmungslose Wut in sich hochsteigen. Für heute hatte er allerdings genug vom Prügeln und wäre der Auseinandersetzung gerne aus dem Weg gegangen. Ben drehte den Kopf und da erkannte er, wer ihn gefoult hatte: Paul, der seine Revanche forderte! Vorhin hatte er Paul mit seinem Überraschungsangriff außer Gefecht gesetzt, jetzt hatte Paul ihn überrumpelt. Nun gab es kein Zurück mehr.

In einer denkbar ungünstigen Position lag Ben auf dem Boden. Durch seinen Kampfsport hatte er gelernt, nicht aufzugeben, sondern nach einem Ausweg zu suchen. Er musste gedanklich stark bleiben! Abrupt brach das Feuer wieder in ihm aus, aber es war dieses Mal nicht wild lodernd, sondern Kraft spendend. Instinktiv konzentrierte Ben sich und sammelte diese Kraft, er spannte alle Muskeln an und warf den Kopf mit voller Wucht nach hinten. Pauls Nase knackte.

Vor Schmerz schrie Paul laut auf und rollte jammernd von Bens Rücken. Sofort rappelte Paul sich wieder hoch und ging wie eine Dampfwalze erneut auf Ben los. Dieser war ebenfalls schon auf den Beinen, trat ein paar Schritte zurück und erwartete Paul mit angespannten Muskeln. Wie in Zeitlupe erlebte Ben diesen Moment und schaltete alles andere um sich herum aus. Er hörte nicht mehr das Geschrei und die Anfeuerungsrufe der Schulkameraden, die einen Kreis um sie gebildet hatten.

Paul versuchte, Ben den gesenkten Kopf gegen die Brust zu rammen und ihm gleichzeitig die Fäuste gegen den Kopf zu dreschen. Ben drehte sich seitwärts und machte einen Ausfallschritt nach hinten. Er blockte mit dem linken Arm Pauls Schläge ab und riss zeitgleich den rechten Arm hoch, mit dem er Pauls Kinn erwischte. Paul taumelte nach hinten.

Ein lauter Pfiff zerschnitt die Luft. Der Religionslehrer, der die Pausenaufsicht führte, trat entschlossen zwischen die beiden Kämpfer und brüllte: „Auseinander!“

Sofort herrschte Totenstille. Die im Kreis um die Kämpfer stehenden Mitschüler schauten betroffen zu Boden oder sahen sich verunsichert an, gaben jedoch keinen Mucks von sich. Jammernd hielt Paul sich den Ärmel seines T-Shirts vor die blutende Nase.

Der erzürnte Lehrer befahl: „Ihr Schaulustigen könnt gehen und ihr beiden Wahnsinnigen kommt mit mir!“ Herr Rowan reichte den beiden jeweils ein Taschentuch und schritt zügig voraus. Die beiden Raufbolde folgten ihm betreten in einen leeren Klassenraum.

Streng baute der Lehrer sich vor den Jungen auf. „Was habt ihr euch dabei gedacht? Wofür soll Prügeln eine Lösung sein? Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder ich melde das dem Direktor und euren Eltern, und ihr werdet für den Mist abgemahnt! Oder ihr helft mir nach den Ferien gemeinsam im Altersheim.“ Er machte eine kleine Pause, um die Antwort abzuwarten.

Betreten schaute Ben auf seine Schuhe, Paul blaffte frech: „Mich schmeißt sowieso keiner von der Schule. Ihr braucht doch für den Pausenhof diese neue Kletterwand und mein Vater...“

Ein herablassender Blick von Herrn Rowan ließ ihn abrupt verstummen: „Wenn du dich da mal nicht irrst, Paul! Du hast mit der Prügelei angefangen und das auf ganz hinterlistige, feige Art! Nun?“

Ben räusperte sich und murmelte verlegen: „Gut, ich komme mit Ihnen.“

„Paul?“, fragte Herr Rowan mit einem gefährlichen Unterton.

Paul zögerte, es ging ihm sehr gegen den Strich, klein beizugeben. Schließlich nuschelte er gequält: „Ich auch.“

„Gut. Dann ist es also abgemacht. Ihr geht jetzt ins Sekretariat, um euch verarzten zu lassen. Und ich will in Zukunft keine Handgreiflichkeiten mehr! Klar?“

Beide nickten reumütig und trollten sich in Richtung Sekretariat.

Die restlichen Schulstunden zogen sich in die Länge wie ein ausgekautes Kaugummi und waren genauso fade im Geschmack. In den Köpfen von Ben und Emma rumorten quälende Gedanken und schmerzten wie bohrende Messerstiche. Die beiden waren froh, als die Schule endlich aus war und sie nach Hause gehen konnten in der Hoffnung, den düsteren Gedanken zu entfliehen.

Nach dem Mittagessen verkroch Emma sich in die Stille ihres Zimmers. Sie sehnte sich nach Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen, und legte sich auf ihr Bett. Emma bemühte sich, tief und ruhig zu atmen und entspannte sich langsam. Die Stille umhüllte sie, nach und nach verstummten ihre zermürbenden Gedanken.

Schließlich griff sie nach dem Foto ihres verstorbenen Opas Karl und betrachtete es lange. Immer wenn es ihr schlecht ging, wenn sie Kummer hatte oder eine Lösung für ein Problem suchte, machte sie das so. Ganz intensiv dachte sie dann an ihn und fühlte, dass er bei ihr war und sie tröstete. Emma empfand tiefe Liebe für ihren Opa. Sie hatten viel Zeit miteinander verbracht, zusammen gelacht, gespielt, gemalt und für die Schule geübt. Beim Tennisspielen, Fahrradfahren und Schwimmen war er ihr Lehrer gewesen.

Emma schaute sich in ihrem Zimmer um, an den hellblauen Wänden hingen mehrere Fotos von ihm. Opa Karl konnte fantastisch zeichnen und fotografieren. Als Emma noch klein war, hatte er auf ihren Wunsch hin eine Wand ihres Zimmers mit einer kleinen Nixe und einem Delfin bemalt. Eigentlich war sie zu alt für diese kindliche Wandmalerei, aber sie liebte sie so sehr, dass sie das Bild nicht überstreichen lassen mochte.

Wenn ihr Opa jetzt noch leben würde, könnte sie ihm von Ben erzählen und ihn um Rat fragen. Manchmal lief im Leben alles verkehrt: Ihr Opa war tot, ihr Vater weg, Ben würde sein Augenlicht verlieren, und sie konnte nichts daran ändern. Hilflosigkeit und Trauer überrollten Emma und von dort war es nicht mehr weit bis zu dem stechenden Herzschmerz, der sie jedes Mal durchdrang, wenn sie daran dachte, dass ihr Opa gestorben war.

Mit dem Tod verband sie seither nichts Friedliches mehr, sondern er bedeutete nichts anderes als Verlust für immer. Emma konnte in der Erlösung, die in manchem Sterben lag, keinen Trost finden. Denn die Erlösung betraf nur den, der ging, nicht den, der zurückblieb.

Die Zimmertür öffnete sich einen Spalt und ihre Mutter fragte vorsichtig: „Darf ich zu dir kommen? Du warst so bedrückt beim Mittagessen, möchtest du mir erzählen, was los ist?“

Emma nickte. Es kam selten vor, dass ihre Mutter Zeit für sie hatte. Aber trotz der vielen Arbeit und des Kummers, der auf Marlene lastete, spürte sie fast immer, wenn es Emma nicht gut ging. Leider forderten die Geschwister ständig die Aufmerksamkeit der Mutter, und oft hatte Emma das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Nun jedoch setzte sich Marlene zu Emma auf das Bett und nahm die Hand ihrer Tochter: „Was bedrückt dich, meine Kleine, was ist los?“

Emma seufzte: „Ach, Mama, ich bin nicht gut drauf und fühle mich hilflos…“ Sie schluchzte und Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Schließlich erzählte sie ihrer Mutter von Bens Augenkrankheit.

Schockiert nahm Marlene ihre Tochter in die Arme und hielt sie ganz fest, um ihr Trost zu spenden. Emma war froh, dass sie ihre Sorgen mit jemandem teilen konnte. Sie redeten eine Weile über Ben und Marlene machte den Vorschlag, sich im Internet über dessen Krankheit zu informieren. Die Idee gefiel Emma und sie nahm sich vor, später zu recherchieren. Außerdem wollte sie ihre Tante Esther zu Bens Krankheit zu befragen, denn sie war im Dorf als Heilerin bekannt, allerdings hatte sie ihre ganz spezielle Art zu heilen.

Zuletzt hatte ihre Mutter noch eine kleine Überraschung für Emma: „Dein Vater hat mir diesen Monat etwas mehr Geld überwiesen. Du kannst dir endlich die Sporttasche kaufen, die du so dringend brauchst. Das ist doch schön, oder?“

„Was ist denn daran schön? Der Blödmann denkt, er könnte sich von seinem schlechten Gewissen frei kaufen!“

„Ach, Emma, sieh doch nicht alles nur negativ, freu dich einfach über deine neue Tasche!“

„Nein!“ Emmas Gesicht verschloss sich vollkommen, es wirkte wie eine Maske. Die Mutter wusste genau, dass sie jetzt nicht mehr vernünftig mit Emma reden konnte, und verließ traurig das Zimmer. Sie hatte ihrer Tochter eine Freude machen wollen, doch das war gründlich misslungen.

In Emma war wieder der Zorn auf ihren Vater hochgekocht wie ein Topf heißer Milch, der überläuft. Mit dem Unterschied, dass man die Milch einfach wegwischen konnte, ihre Wut jedoch nicht. Diese Stinkwut schmeckte bitter wie Artischockensaft und lag klebrig auf ihrer Zunge. Emma kannte kein Mittel, das diesen unangenehmen Geschmack wegspülen konnte.

Vielleicht würde sie sich von dem Geld die neuen Ballettschuhe kaufen, statt einer Sporttasche. Alles blöd. Sie brauchte das Geld und wollte es von ihrem Vater nicht haben. Mist!

Um sich abzulenken, setzte sie sich an ihr Notebook und recherchierte im Internet, fand aber nichts wirklich Hilfreiches für Ben. Am liebsten hätte sie wütend auf die Tastatur eingeschlagen. „Verdammt!“, fluchte sie enttäuscht.

Betrübt rief Emma Ben an und fragte, ob sie sich auf der großen Wiese treffen sollten. Sie selbst brauchte ihren Freund und wollte auch ihn mit seinem Kummer und seiner Verzweiflung nicht alleine lassen. Sie verabredeten sich für später.

Lara schaute bei Emma hinein und hörte noch das Ende des Telefonats. Sie bettelte darum, mitkommen zu dürfen, und Ben sollte seinen kleinen Bruder Mattes mitbringen: „Bitte, nehmt uns mit zur großen Wiese! Bitte! Wir werden euch ganz bestimmt nicht nerven.“ Die beiden jüngeren Geschwister von Ben und Emma waren ebenfalls miteinander befreundet.

Aber Emma lehnte ab, sie wollte mit Ben alleine sein und auf Lara und Mattes hatte sie gerade überhaupt keine Lust.

Die große Wiese wurde von allen Kindern so genannt, obwohl sie genau genommen nicht nur eine Wiese war. Sie war Spielparadies und Treffpunkt aller Kinder und Teenager aus dem Dorf und lag am Rande des Wohngebietes, in dem Ben und Emma wohnten. Die Wiese wurde selten gemäht und erweckte dadurch den Anschein einer naturbelassenen Wildnis. Mittendurch schlängelte sich ein kleiner Bach, und den ganzen Tag waren die kleineren Kinder damit beschäftigt, Flöße aus Ästen zu basteln, Staudämme zu bauen oder Frösche zu fangen. Sie tauchten in ihre eigenen Welten ab, während die Großen oft Fußball oder Volleyball spielten.

Der hintere Teil der Wiese endete an einem ausgedehnten Wald, wo große Bäume zum Klettern einluden. Am Rand des Waldes hatten die Kinder einige Weidenhäuser und mehrere wackelige Baumhäuser aus einfachen Brettern zusammengebaut, die seltsamerweise jedem Sturm trotzten.

Diese Wiese war für Mattes und Lara der schönste Spielplatz der Welt und Lara war enttäuscht und wütend, dass Emma sie nicht mitnehmen wollte.

Nach dem Telefonat ging Ben langsam zurück in sein Zimmer. Sein fünfjähriger Bruder Mathias, kurz Mattes genannt, saß dort verzweifelt auf dem Boden. Gerade war ihm ein Van aus Legosteinen aus der Hand gerutscht und in seine Einzelteile zersprungen. Vor Jahren hatte Ben mit seinem Vater tagelang an diesem Van gebaut. Ben war außer sich und schimpfte über Mattes. Die beiden schrien sich an und Ben schliff seinen Bruder schließlich aus dem Zimmer. Mattes schaffte es immer wieder, ihn rasend zu machen.

„Du hast ab jetzt Zimmerverbot, du Blödmann! Immer machst du mir alles kaputt, du Baby! Ich wünschte, ich hätte einen anderen Bruder.“

Entsetzt schaute Mattes ihn an, begann zu weinen und jammerte immer wieder: „Entschuldigung! Ich wollte das nicht! Ich helfe dir wieder aufbauen, ja? Entschuldigung! Ich habe das unextra gemacht, ich wollte doch nur damit spielen.“

„Das heißt nicht unextra, du Doofkopp! Außerdem ist der Van nicht zum Spielen, sondern nur zum Anschauen und Sammeln!“ Ben war unerbittlich, er platzte fast vor Wut, knallte seine Zimmertür hinter sich zu und schloss von innen ab.

„Du bist nicht mehr mein Freund, ich rede nie mehr mit dir, und du kriegst auch keinen Kuss mehr von mir!“, rief Mattes ihm heulend hinterher.

Ben versuchte, das Gejammer zu überhören, seufzte und sah sich in seinem Zimmer um: An den Wänden hingen Poster von Fußballstars, eine Fahne seines Lieblingsvereins und Eintrittskarten von einem Spiel, das er mit seinem Vater besucht hatte. Außerdem sah es nach Arbeit aus, Ben musste dringend aufräumen, sonst würde es Ärger geben.

Ben liebte es, Gitarre zu spielen und Versuche mit seinem Experimentierkasten durchzuführen. Seine Eltern hatten dann jedoch jedes Mal Angst, er würde das Haus in die Luft sprengen. Feuer übte eine unglaubliche Anziehungskraft auf ihn aus, schon als kleiner Junge war es für ihn immer das Größte gewesen, wenn er ein Streichholz anzünden durfte.

Schlecht gelaunt murmelte Ben: „Erst Chaos beseitigen, dann Emma treffen.“ Ein paar Mal boxte er wütend und verzweifelt gegen seinen Punchingball. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um das eine unerträgliche Thema: Er würde erblinden! Unbeherrscht trat er einen Stapel Bücher um, die das Durcheinander noch vergrößerten. Schließlich begann er stöhnend, Ordnung zu schaffen. Aber was sollte der ganze Blödsinn überhaupt noch, wenn er Chaos oder Ordnung sowieso bald nicht mehr sehen konnte?

Dummerweise musste er gerade heute sein Zimmer besonders gründlich aufräumen, denn seine Mutter war ziemlich sauer auf ihn wegen der Prügelei mit Paul. Ben war mit blutverschmiertem T-Shirt, zerrissenen Jeans und Stirnwunde nach Hause gekommen. Seine Mutter hatte erst entsetzt und voller Mitleid reagiert. Dann allerdings, nachdem er ihr die ganze Geschichte erzählt hatte, war ihr Verständnis sehr zusammengeschmolzen. Nur die Sorge um seine Augen hatte sie schließlich milde gestimmt.

Seine Mutter...! Ja, das war auch so ein schwieriges Thema für ihn. Irgendwie empfand er ihr Verhältnis zueinander in der letzten Zeit noch angespannter als sonst. Vielleicht lag es daran, dass sie oft sehr müde und gestresst von der Arbeit kam. Seine Mutter war Ärztin in der psychiatrischen Abteilung eines großen Krankenhauses. Häufig übernahm sie Nachtschichten, um tagsüber für ihre beiden Jungen da sein zu können. Meistens war sie dann allerdings so übermüdet, dass sie einfach einschlief, egal wo sie saß.

Bens Mutter Nora war eine hervorragende Ärztin und liebte ihren Beruf, im Haushalt dagegen war sie eine absolute Niete. Wenn sie gekocht hatte, war das Essen verbrannt, versalzen oder aus einem anderen Grund ungenießbar. Die Wäsche mischte sie kunterbunt durcheinander und regelmäßig waren Kleidungsstücke verfärbt, eingelaufen oder wurden beim Bügeln versengt. Als Hausfrau war sie schlichtweg eine Katastrophe. Glücklicherweise konnte Bens Vater gut kochen und selbst Ben brachte inzwischen ganz passable Mahlzeiten zustande. Außerdem hatten sie endlich eine Haushaltshilfe eingestellt, die die Familie tatkräftig unterstützte, und seither klappte es besser.

Nora lebte für ihren Beruf und man musste sie nehmen, wie sie war. Leider konnte sie selten abschalten, sie dachte oft zu Hause noch über Patienten nach, wenn ein Problem sie nicht los ließ. Sie war ständig nervös oder gereizt und Ben erschien es, als ob sie nie zur Ruhe käme.

Manchmal erzählte sie von besonders schrägen Patienten. Einmal war ihr der Name eines Patienten entschlüpft: Henk van Vaal. Dieser erzählte immer wieder dieselbe abgedrehte Geschichte von einem schaurigen, düsteren Schloss, geflügelten schwarzen Panthern und einer bösartigen Hexe. Diese hatte ihn gefangen und gequält, doch dann war es ihm gelungen zu fliehen, indem er durch einen Zauberspiegel gesprungen war. Seine Erzählung klang genauso unheimlich und realistisch wie Emmas Albträume.

Henk beschrieb diese Hexe bis ins kleinste Detail und jedes Mal absolut identisch. Als ob er sie wirklich gesehen hätte und sie nicht nur eine Wahnvorstellung wäre. Bens Mutter war manchmal so irritiert, dass sie schon einmal zu ihrer Familie gesagt hatte: „Wenn ich kein realistisch veranlagter Mensch wäre und nicht Psychiaterin, würde ich Henk van Vaal glauben. Ich habe seine Geschichten schon so oft gehört, dass ich diese bildschöne, schwarzhaarige Hexe fast schon vor mir sehe, wie sie sich niederbeugt, um ihm das Blut auszusaugen.“

Den Beruf seiner Mutter fand Ben unheimlich und bedrückend, für ihn war das eine fremde Welt, in der sie sich da bewegte. Einmal hatte er sie besucht, und das reichte ihm. Er konnte nicht verstehen, dass man so einen Beruf freiwillig wählte, denn all diese Gestörten brachten einen doch irgendwann dazu, selbst wahnsinnig zu werden. Deren unkontrollierte Wutausbrüche und hysterischen Schreie hatten ihn tagelang verfolgt.

Wie dem auch sei, er musste jetzt endlich mit seinem Zimmer fertig werden, sonst kam er noch zu spät zu seinem Treffen mit Emma. Er grinste und murmelte: „Geniale Menschen sind selten ordentlich, Ordentliche selten genial*.“

Amapola

Bedrückt saßen Ben und Emma am Rande der großen Wiese auf dem Stamm einer entwurzelten Eiche. Hinter ihnen breitete sich der dichte Wald aus, das Hämmern eines Spechtes hallte durch die Baumkronen, und vielstimmiges Vogelgezwitscher tönte zu ihnen herüber. Es knackte im Unterholz, als wäre jemand auf einen trockenen Ast getreten und ein intensiver Geruch nach Pfefferminze verströmte seinen Duft.

Die friedliche Sommerstimmung passte nicht zu ihrem traurigen Gemütszustand. Die Furcht zu erblinden, schnürte Ben die Kehle zu und er konnte kaum atmen. Die Angst umklammerte ihn mit ihren dunklen Schwingen, so dass Ben nichts mehr richtig wahrnahm und sich wie gelähmt fühlte.

Emma merkte, wie schlecht es ihrem Freund ging. Sie wollte ihm helfen, wenigstens etwas Hoffnung in sein Herz pflanzen, denn sie wusste, Angst war der größte Feind und ein schlechter Wegbegleiter. Vergebens suchte sie jedoch nach tröstenden Worten, während hilfloses Schweigen wie eine trennende Mauer zwischen ihnen stand.

Da erklang plötzlich ein zartes Stimmchen: „Ich will euch helfen!“

Emma fuhr zusammen und starrte Ben an, Ben zuckte mit den Schultern. Die beiden Freunde schauten sich suchend um, konnten jedoch niemanden entdecken.

„Hier unten bin ich, neben Emmas Fuß!“

Die zwei lenkten ihre Blicke ins Gras und trauten ihren Augen nicht. Vor ihnen stand ein winziges, wunderschönes Wesen mit langen, blonden Haaren und einem roten Blütenkleid. Auf dem Rücken bewegten sich zwei durchsichtige Flügel, die im Sonnenlicht schimmerten. Die Freunde erschraken und starrten fassungslos auf dieses Ding, das einer Mischung aus Kolibri und Libelle glich.

Emma zeigte auf dieses kleine Wesen und flüsterte: „Das gibt´s doch nicht! Was ist denn das?“

Ben kniff die Augen zusammen und stammelte: „Das glaub ich jetzt nicht! Hier nimmt uns jemand auf den Arm!“

Schließlich murmelte Emma: „Das ist bestimmt versteckte Kamera. Oder?“

Das zierliche Geschöpf ließ ein glockenklares Lachen erklingen und strahlte die zwei Freunde an: „Mein Name ist Amapola. Ich bin eine Elfe, genauer gesagt, eine Blumenelfe. Mein Volk und ich begleiten und beobachten euch schon seit Jahren, um festzustellen, ob wir euch vertrauen können. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, mich zu zeigen, denn ihr braucht unsere Hilfe und wir eure. Ich weiß …“

Emma unterbrach den Redefluss, indem sie niederkniete und die Elfe anstupste. Überrascht fiel Amapola auf den Rücken und rappelte sich schimpfend wieder auf. „Was fällt dir ein, du unverschämtes Menschenkind!“

Entgeistert rief Emma: „Die ist wirklich echt!“

Ben kniete sich neben Emma, nahm die Elfe in seine Hand und hielt sie dicht vor sein Gesicht. Amapola trat wild um sich und zeterte: „Lass mich sofort runter!“

Vorsichtig setzte Ben die Elfe zurück auf den Boden und murmelte: „Voll krass, die fühlt sich auch echt an!“

Wütend stampfte Amapola mit den Füßen auf und schaute aufgebracht zu Ben: „Natürlich bin ich echt! Hört ihr mir jetzt endlich zu?“

Erstaunen spiegelte sich in den Mienen der Freunde und Ben nuschelte: „Na, gut.“

„Endlich! Wurde aber auch Zeit!“, rief Amapola gereizt. Ihr böser Blick streifte die Freunde, und die Elfe wagte einen weiteren Versuch: „Ich weiß, dass Ben erblinden wird, aber ich kenne einen Weg, das zu verhindern. Wollt ihr wissen, wie?“

Stumm nickten Ben und Emma und die Elfe fuhr fort: „Ich sehe viele Fragen in euren Augen, die ich zur richtigen Zeit beantworten werde. Im Moment haben wir nicht viel Zeit und hier ist es nicht sicher. Emma, du hast eine Tante, die Esther heißt. Stimmt`s?“ Triumphierend schaute Amapola das Mädchen an und wartete auf Antwort.

Diese nickte wieder, war noch verwirrter als zuvor und überlegte mit gerunzelter Stirn: ,Woher kennt dieses kleine Ding da meine Tante Esther?´

Es knackte erneut im Unterholz und die Elfe zuckte erschrocken zusammen und schnupperte. Dann sprach sie nervös weiter: „Kaut ihr Pfefferminzkaugummis? Ach egal, deine Tante Esther besitzt ein Zauberbuch, welches sehr, sehr wichtig für meine Welt ist. Es ist uns vor ewigen Zeiten gestohlen worden und über viele Umwege zu euch ins Menschenreich gelangt. Esther wird es euch aushändigen, sie ist eine sehr weise Frau, die das Buch für uns verwahrt und vor den bösen Mächten versteckt hat.“

Die Elfe hielt inne und sah sich verunsichert um. Emma und Ben folgten ihrem Blick, sahen jedoch niemanden.

Mit gesenkter Stimme erklärte das kleine Wesen: „Das Zauberbuch trägt eine gewaltige Macht in sich und darf auf keinen Fall in falsche Hände geraten. Mit diesem Buch werden wir drei durch das Tor von Zeit und Raum nach Fanrea reisen. Das ist eine Welt, weit weg von der Erde.“

Neugierig fragte Ben: „Andere Welt? Fanrea?“

Unbeirrt fuhr Amapola fort: „In Fanrea angekommen, begeben wir uns direkt in unser Trainingslager und ihr werdet zu Kriegern des Lichts ausgebildet. Ihr müsst sehr viel lernen, um mit uns gemeinsam die gefangenen Elfen aus den Klauen des bösen Zauberers Worak zu befreien. Anschließend werden wir zum See der Heilung gehen, dort wird Ben geheilt. Unsere Reise ist mit großen Gefahren verbunden, und wenn ihr versagt, ist es um die gefangenen Elfen geschehen.“

Bei diesen Worten schien es so, als würde Amapola etwas von ihrem zauberhaften Glanz verlieren, und eine große Traurigkeit umgab sie.

Ungläubig schüttelte Ben den Kopf und schaute zu Emma. Diese sah Ben an und sagte bockig: „Ich kapier gar nichts! Wovon redet die überhaupt? Alles Blödsinn! Sollen wir etwa wochenlang durch dieses Fanrea laufen?“ Das war typisch für Emma, wenn sie sich mit einer Situation überfordert fühlte, blockte sie total ab.

Erneut stampfte Amapola zornig auf: „Hört mir einfach zu, ihr trotzigen Menschenkinder! Ihr habt schon einmal den Weg durch das Tor genommen, von dem ich euch gerade erzählt habe. Ihr kennt das alles, aber ihr erinnert euch leider nicht. Ihr seid etwas ganz Besonderes. Wir brauchen eure Hilfe! Ihr braucht unsere Hilfe! Bitte, glaubt mir. Außerdem läuft die Zeit in Fanrea anders als hier, das, was hier eine Stunde dauert, bedeutet in Fanrea Tage.“

Überfordert fragte Ben: „Was soll das für ein Tor sein? Was ist Fanrea für eine Welt? Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Die Zeit läuft anders? Du plapperst wie ein Wasserfall lauter wirres Zeug! Warum sollen wir dir glauben?“

Amapola runzelte die Stirn und murmelte unwillig: „Ich wusste von Anfang an, dass ich nicht die Richtige für den Auftrag bin. Ich kann Blumen heilen, aber keine Menschenkinder überzeugen. Die anderen waren alle zu beschäftigt und scheuen außerdem die Menschenwelt, aber ich soll das regeln. Ich bin völlig ungeeignet für diesen Job. Ich habe mich geweigert, aber nein, niemand hört auf mich, und nun habe ich alles vermasselt.“

Genervt seufzte sie und versuchte es noch einmal: „Zeit und Raum sind nicht so, wie ihr Menschen denkt. Es existieren viele verschiedene Tore, die zu anderen Welten führen. Zum Beispiel Steinansammlungen, Höhlen oder Feenkreise, die über die ganze Erde verstreut sind. Euer Tor führt durch eine jahrhundertealte Eiche.

Ich könnte euch eine Menge erklären, aber euer Verstand steht euch im Wege. Ihr müsst in euer Herz hinein spüren, denn euer Gefühl ist der wichtigste Ratgeber. Folgt ihm und vertraut auf eure innere Stimme! Nichts geschieht einfach nur so, alles hat seinen Sinn. Das scheinbare Unglück, das uns ereilt, macht uns die größten Geschenke.“ Amapola verstummte und schaute die beiden Freunde ernst und hoffnungsvoll an.

Ben schaute nachdenklich zu Boden und murmelte trotzig und kaum hörbar vor sich hin: „Blind werden als Geschenk?“

Emma wurde ein klein wenig zugänglicher: „Ich möchte dir gern glauben, weil ich Ben helfen will. Kannst du uns diesen Irrsinn irgendwie beweisen?“

Verständnisvoll nickte Amapola: „Mich seht ihr doch auch, vor ein paar Minuten habt ihr euch nicht vorstellen können, dass es Blumenelfen gibt, oder? Also gut, Menschen brauchen immer etwas Handfestes, um zu glauben. Schließt eure Augen.“

Die Freunde folgten ihrer Bitte und warteten gespannt. Erst geschah nichts, doch dann wurden die beiden unvermittelt von Visionen überrollt. Durch ihre Köpfe flackerten Bilder, so real wie in einem Kinofilm.

Ben sah sich rittlings auf einem riesigen Baumstamm sitzen. Er trug ganz andere Kleidung, so ähnlich wie die von Robin Hood. Plötzlich bewegte sich der Baumstamm und der Bildausschnitt vergrößerte sich. Ben stockte der Atem, was er sah, war unglaublich: Er saß nicht auf einem Baum, sondern auf dem Rücken eines gewaltigen Drachen, der sich gemeinsam mit ihm in die Lüfte erhob und davon flog.

Emma erschien eine Szene, in der sie mit Pfeil und Bogen ausgestattet durch einen Wald lief, gefolgt von einem braunen, geflügelten Hirsch. Unvermittelt blieb sie stehen, hob den Bogen und schoss einen Pfeil ab. Ihr Blick folgte seiner Bahn und das Ziel wurde sichtbar: Einer der riesigen, grauen Wölfe aus ihrem Alptraum! Mit gefletschten Zähnen sprang der Wolf auf sie zu, wurde mitten im Flug von ihrem Pfeil durchbohrt und fiel tödlich verletzt zu Boden. Unvermittelt erloschen die Visionen wieder.

„Was war das?“, fragte Ben atemlos. Diese Bilder hatten etwas in ihm zum Klingen gebracht, eine ferne, verschwommene Erinnerung, die er nicht zu fassen bekam.

Ähnlich erging es Emma, überwältigt suchte sie nach Worten: „Das war der Wolf aus meinem Traum! Dieser Hirsch...! Amapola, du hast mir diese Alpträume geschickt! Warum?“

„Nein, ich bin nicht verantwortlich für deine Träume. Das waren Bilder aus einer möglichen Zukunft in Fanrea. Gleichzeitig waren es Teile eurer Vergangenheit, aus einem anderen Leben“, erläuterte Amapola.

Ben stöhnte: „Stopp, Amapola! System overloaded!“

Nachdenklich schwieg Emma.

Lange und eindringlich betrachtete Ben Amapola, schließlich meinte er einlenkend: „Okay, nehmen wir mal an, dass deine Geschichte wahr ist und wir dir glauben können. Was erwartest du von uns, und warum können gerade wir euch helfen?“