Fanrea Band 2 - A.E. Eiserlo - E-Book
Beschreibung

Endlich - die Fortsetzung der Fanrea-Reihe! Emma und Ben treffen ihre Freunde aus Fanrea auf Magors Schloss. Dort geniessen sie zunächst ihren Urlaub, doch dann geraten sie in einen Kampf auf Leben und Tod, der sie in einen Strudel reißt aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, aber auch Mut, Kraft und Selbstvertrauen. Spannung und Humor, spirituelle Weisheiten, Drachen, Magie, Liebe und Freundschaft, ein Mix, der junge Leser und junggebliebene Erwachsene fesseln wird!

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Seitenzahl:706

Sammlungen



A.E. Eiserlo

Fanrea Band 2

Die vier Elemente

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Prophezeiung

Prolog

Henk van Vaal

Schloss d‘Aigle

Eine aufschlussreiche Fahrt

Brennende Steine in Fanrea

Urlaub in Frankreich

Dunkle Mächte

Emma und John

Die vier Elemente

Kleine und große Drachen

Urlaubsstimmung und Training

Henks Befreiung

Ein gefährlicher Ausflug

Gefahr und Gefühle

Veränderungen

Erkenntnisse

Küsse zum Abschied

Fanrea

Annäherung

Aufbruch

Hydraxia

Nijano

Fallen

Versteckspiele

Die Gonorawüste

Paris

Gefangen

Verzweiflung

Wasser…?

Angar, die Felsenstadt

Frankreich

Richard

Kira

Qualen

Endlich Rettung?

Geheimnisse

Befreiung

Magie

Tod und Flirt

Rendezvous mit dem Tod

Rückkehr

Auf und ab der Gefühle

Kummer

Nijano und Soraya

Kampf

Wiedersehen

Endlich

Tattoos

Vergebung

Nahender Abschied

Strandparty

Urlaubsende

Epilog

Was wurde aus …?

Charaktere

Begriffserklärungen

Zitate

Danksagung

Bereits erschienen

Impressum neobooks

Die Prophezeiung

Vom Himmel fallen flammende Sterne,

fallen hernieder aus weiter Ferne

Vier haben Mut - vier sind gut.

Feuer, Wasser, Erde, Luft

wer ist er, der sie ruft.

Äther ist die fünfte Kraft,

sie ist einfach zauberhaft.

Der Drachenreiter wird geweckt,

sein Geheimnis endlich aufgedeckt.

Doch wird es verbunden sein mit Schmerz,

welche Entscheidung trifft das Herz?

Das Buch verleiht zu große Macht,

lasst es nicht der finsteren Nacht.

Dunkelheit das Licht bedroht,

es hinabzieht in den Tod.

Prolog

Lautes Peitschenknallen dröhnte durch die karge Höhle, während Steinsoldaten eine Horde zerlumpter Gestalten durch die Gänge trieben. Eine schwarzgekleidete Frau mit einem Kapuzenumhang trat ihnen entgegen. Mit einer langsamen Bewegung strich sie ihre Kapuze nach hinten und ließ den Umhang zu Boden gleiten. Wie nachtschwarze Seide ergossen sich ihre hüftlangen Haare über die Schultern und gaben den Blick frei auf ein makelloses Gesicht.

Aus pechfarbenen Augen sah die Hexe Xaria ihren Gefangenen entgegen. „Willkommen in meinen Minen. Wie schön, dass so viele Kinder dabei sind, ihr seid es gewohnt, auf Kommandos zu hören. Schuftet fleißig und macht bloß nicht so schnell schlapp!“

Ihr eiskalter Blick traf die Neuankömmlinge, wanderte dann zu einem Skeletthaufen, auf dem er vielsagend hängenblieb. „Sonst ergeht es euch, wie denen da.“

Ein weiteres Mal ließ sie die Peitsche knallen und rollte diese wieder auf. Dann wandte sie sich an die Steinsoldaten und deutete auf eine Ansammlung von Eisenketten.

„Fesselt die Sklaven!“, forderte Xaria.

Die Hexe drehte sich zu ihrem kleinen, entstellten Diener Mazrar um, der unterwürfig neben ihr wartete. „Du bleibst hier und passt auf!“

Mazrar hob den Umhang auf und reichte ihn Xaria. Mit energischen Schritten verließ sie die Minen.

Die Steinsoldaten und Mazrar begannen die Sklaven aneinander zu ketten. Schwer lagen die rostigen Eisenringe auf ihren Körpern und erdrückten die Kinder fast mit ihrem Gewicht. Als Mazrar bei einem hünenhaften Eidechsenmenschen stoppte, stieß dieser ihn weg, trat um sich und boxte ihn in den Bauch.

„He, was soll das? Wachen!“, rief Mazrar. „Wachen!“

Ein Steinsoldat stellte sich dem Eidechsenmenschen in den Weg und warf ihn zu Boden, der rollte sich gekonnt ab und sprang wieder auf die Füße.

„Euch werde ich es nicht leicht machen“, zischte der Eidechsenmann, sah sich angriffslustig um und baute sich drohend auf. „Kommt her, ihr Schwachköpfe!“

Ein rothaariger Junge, der dem kämpfenden Hünen knapp bis zur Brust reichte, kam ihm zu Hilfe und schleuderte einen Stein auf Mazrar. Dieser wurde am Kopf getroffen und taumelte.

Sofort sprang ein schmächtiger Junge hinzu, griff ebenfalls hektisch nach Steinen. „Hier, David, nimm!“

„Danke! Los, Simon, mach mit!“, befahl David und wandte sich brüllend an die restlichen Gefangenen: „Wehrt euch! Kämpft!“

Durch den Mut der drei Aufsässigen angestachelt, sprangen die anderen Sklaven auf und stürzten sich ebenfalls auf die Wachen. Diese schlugen gnadenlos mit ihren Waffen zu oder traten die Aufständischen zu Boden.

Mazrar flüsterte: „Wir brauchen Verstärkung.“

Er hielt sich seinen schmerzenden Kopf und rannte in einen anderen Teil der Minen. Der Gestank von fauligem Fleisch schlug ihm entgegen und er hielt sich seine Nasenlöcher zu. Als er um die Ecke schoss, empfing ihn wütendes Gejaule und Gekreische von mordlustigen Bestien. Donnernd warf sich eine der Kreaturen gegen die Gitterstäbe ihres Eisenkäfigs, der fast unter der Wucht des Aufpralls nachgab.

Zitternd öffnete Mazrar einen der kleineren Käfige, sprang zur Seite und stellte sich Schutz suchend hinter die Gittertür. Das hyänenartige Wesen fletschte die Zähne und knurrte heiser.

„Kopcha kra!“, schrie Mazrar.

Mit einem gewaltigen Satz schnellte die Bestie los, rannte durch die Höhle dem Lärm entgegen, stürzte sich auf einen der Sklaven und schlug die Zähne in dessen Oberschenkel. Geifer und Blut spritzten nach allen Seiten. Der Sklave kreischte vor Schmerz und versuchte, den schnappenden Zähnen zu entkommen.

Die anderen Sklaven duckten sich oder gingen hinter Felsbrocken in Deckung. Der rothaarige Junge schleuderte einen Stein auf die Bestie, die aufjaulte und von ihrer Beute abließ. Die Kreatur sah sich zähnefletschend um und verfolgte ein weiteres Opfer, das schreiend davon lief.

Erneutes Peitschenknallen übertönte den Tumult. „Aufhören, sonst hab ich kein Frischfleisch mehr!“, donnerte eine Stimme durch die Minen.

Xaria war zurückgekehrt und lähmte die Sklaven mit einem Zauberspruch: „Paraliza takata cuerpo karata!“

Mit glitzernden Augen beobachtete die Hexe, wie die Lähmung einsetzte. Danach befahl sie: „Keine Nahrung für drei Tage, dafür jeden Tag drei Stunden mehr arbeiten! Mazrar, du Versager!“

Nun war es ein Leichtes, die Gefangenen in Ketten zu legen. Wehrlos mussten sie dies über sich ergehen lassen. Als die Lähmung nach endlosen Minuten nachließ, kümmerte sich der rothaarige Junge um seinen jüngeren Bruder. „Simon, alles in Ordnung mit dir? Bist du verwundet?“

„Nein. Es geht schon. Hauptsache, du bist da.“

Mit seiner gefesselten Hand strich David seinem Bruder die verknoteten Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich bin für dich da, das weißt du doch.“

Der Eidechsenmensch beobachtete die liebevolle Geste: „Wer seid ihr und woher kommt ihr? Ich heiße Hendot und bin einer der obersten Krieger aus dem Eidechsenland.“

„Ich bin David und das ist mein Bruder Simon. Wir kommen von der Erde und sind aus einem Waisenheim abgehauen. Da haben uns die Fänger dieser Hexe erwischt und hierher geschleppt.“

„Für so einen kleinen Hänfling bist du ganz schön mutig“, lobte Hendot und schlug mit seinem schuppigen Schwanz auf den Boden.

„Das muss ich sein, wenn ich uns beide durchbringen soll. Ich werde jedenfalls nicht hier in den Minen verrecken, sondern mit meinem Bruder fliehen, sobald sich wieder eine Gelegenheit bietet.“

„Ich bin dabei. Leicht wird es aber nicht werden.“ Hendots gespaltene Zunge schnellte heraus und seine Eidechsenaugen fixierten David.

Ein schiefes Grinsen breitete sich in dessen Gesicht aus. „Nichts ist leicht, das ganze Leben ist ein einziger Überlebenskampf. Für uns nichts Neues. Aufgeben gibt’s nicht!“

Hendot und David sahen sich verschwörerisch an.

„Aufgeben gibt’s nicht!“, bestätigte Hendot.

Sanfte Flammen hüllten das Ei von Bernsteinauge ein. Die Feuerelfen von Anijala ummantelten es mit ihrer Wärme und wiegten sich im Flammentanz. Sie flüsterten Geschichten aus vergangenen Tagen und wisperten von Heldentaten.

Im Inneren des Eis ruhte der kleine Drache und lauschte gebannt ihren Worten. Er wunderte sich, warum er nicht mehr die Stimme seiner Mutter vernahm und hätte gerne gefragt, wo sie war. Ihre Stimme hatte nach so viel Zärtlichkeit geklungen und ihre Geschichten waren voller Weisheit gewesen. Er vermisste Bernsteinauge und kam sich verlassen vor, auch wenn die geflüsterten Worte der Feuerelfen sein Herz berührten. Wo war seine Mutter?

Jetzt sangen die Feuerelfen wieder sein Lieblingslied, es handelte von einem Drachenreiter, für den es sich zu sterben lohnte. Die Stimmen der Elfen trösteten den Drachen und er ließ sich von ihnen in den Schlaf wiegen.

Der Drache träumte von seinem Reiter, der groß, stark und muskulös war. Mutig kämpften sie gemeinsam gegen Trolle und Achillikrusse, flogen gewagte Flugmanöver und gingen als siegreiche Helden aus jeder Schlacht hervor. Sein Reiter war ein wilder Kerl mit langen, roten Zottelhaaren und einem ungepflegten Bart, er stank und trank gerne Bier. Und er selbst war der schönste und mächtigste Drache weit und breit, keiner konnte ihn besiegen und alle Drachendamen himmelten ihn an. Im Schlaf zuckten seine Krallen vor Aufregung und sein Schwanz peitschte hin und her. Der Drache konnte es kaum erwarten, zu schlüpfen, um endlich all seine geträumten Abenteuer in die Tat umzusetzen.

Durch die Bewegung bebte das Ei leicht. Erschrocken bemerkten die Feuerelfen die Erschütterung. War es etwa schon so weit? Würde der Drache von Bernsteinauge zu früh schlüpfen und ohne seinen Drachenreiter das Licht der Welt erblicken?

Henk van Vaal

Emma war in Ferienstimmung und überlegte schon den ganzen Tag, was sie für ihren geplanten Urlaub in Frankreich einpacken sollte. Berge von Klamotten türmten sich um sie herum, die sie abwechselnd ein- und wieder auspackte. Es war das totale Chaos.

Zum wiederholten Male öffnete ihre Mutter Marlene die Tür und steckte den Kopf in Emmas Zimmer: „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Nee, Mama. Habe ich dir mindestens schon zehn Mal gesagt.“ Genervt verdrehte Emma die Augen, sie wollte nicht abgelenkt werden, damit sie nichts vergaß. Wann wurde sie schon einmal von einem Magier auf sein Schloss in Frankreich eingeladen? Und dann war da ja auch noch John...

Marlene raschelte mit einer Tüte. „Ich habe dir ein Sommerkleid aus der Stadt mitgebracht.“

„Ein Kleid? Du weißt doch, dass ich keine Kleider anziehe.“

„Na ja, es gefiel mir so gut und ich dachte, es wäre schön für deinen Urlaub.“

Kopfschüttelnd zog Emma das Kleid aus der Tüte: „Ach, Mama, Blümchen und Spaghettiträger. Das geht ja gar nicht!“

„Hm, zieh es doch wenigstens mal an.“

„Och, nee.“

„Nur anprobieren, komm, mir zuliebe“, bat Marlene.

„Später, Mama“, stöhnte Emma.

„Na gut, später. Also, ich geh dann mal wieder.“ Seufzend schloss Marlene die Tür hinter sich.

Emma wollte das Kleid wieder in die Tüte stecken, doch dann zögerte sie und sah es sich noch einmal an. Würde es vielleicht nicht doch schön an ihr aussehen? Ihre Hände strichen über den Stoff des Kleides und ihre Gedanken schweiften ab zu John, der sonst in Fanrea lebte. Sie dachte an all die Momente mit dem Indianer und gestand sich ein, dass sie hauptsächlich nach Frankreich fahren wollte, um ihn wiederzusehen. John in der Menschenwelt! Was würde er wohl anziehen? Würde er sich auf der Erde wohlfühlen? Aufregung breitete sich in ihr aus und sie konnte es kaum noch erwarten, ihn endlich zu treffen.

Genug geträumt, sie musste weiter packen. Ihre Hände griffen nach Shorts, Tops und Chucks und sie warf alles in den Koffer. Dann blieb Emma zögernd vor dem Kleiderschrank stehen und starrte auf die anderen Kleider und Röcke, die ihre Mutter ihr aufgeschwatzt hatte und die sie nie trug.

In Shorts würde John ihre langen Beine sehen, aber vielleicht wäre es nicht so falsch, noch mehr Kleider einzustecken. Irgendwie war das doch weiblich. Oder nicht? Zweifelnd griff sie danach und packte mehrere Kleider und Röcke kopfschüttelnd in den Koffer. Sollte sie das wirklich anziehen?

Den Traumfänger und die Kette mit dem geschnitzten Delfinanhänger aus Jade durfte sie auf keinen Fall vergessen, beides hatte John für sie angefertigt. Ihr Herz schlug einen Takt schneller als sie nach dem Traumfänger griff und ihn ebenfalls in den Koffer steckte.

Auch ihre Digitalkamera landete im Koffer, die würde sie in Frankreich bestimmt brauchen. Ihre Mutter, die leidenschaftlich gern fotografierte, hatte ihr gezeigt, worauf sie achten sollte, um schöne Aufnahmen zu schießen. Seither wusste sie, was Lichtverhältnisse, Blickwinkel, Ausschnitt oder Blende bedeuteten.

Zuletzt nahm sie den magischen Wassertropfen von Sorin sowie den kleinen Flakon der Herrin vom See und steckte beide Kostbarkeiten ein.

Nach dem gefährlichen Abenteuer in Fanrea war Emma urlaubsreif, die Angst und die ständige Begegnung mit dem Tod saßen ihr noch tief in den Knochen. Ein paar entspannte Tage auf Magors Schloss im sonnigen Süden waren nun genau das Richtige.

In zehn Minuten hatte Ben seinen Koffer gepackt und ihn danach zufrieden in seinem Zimmer abgestellt. Jetzt begleitete seine Mutter Nora ihn zu einem Augenarzt, einem zweiten Spezialisten. Dort erfuhren sie, dass Bens Augenkrankheit auf wundersame Weise geheilt worden war. Schmunzelnd nahm Ben es zur Kenntnis, er hatte nichts anderes erwartet.

Der Arzt dagegen war völlig perplex. Immer wieder begann er mit der Untersuchung von vorne, murmelte konfus vor sich hin, schaute in die Unterlagen seines Kollegen und rief diesen schließlich an. Am Ende wollte er Ben zu einem dritten Spezialisten schicken, aber Ben lehnte das ab, er wusste ja mit Sicherheit, dass er geheilt war.

In Gedanken versunken gingen Mutter und Sohn zurück zum Auto. Fassungslos fragte Nora: „Wieso freust du dich denn gar nicht? Du müsstest doch vor Glück zerspringen. Das ist quasi eine Wunderheilung!“

Wie sollte Ben ihr erklären, dass er seine Freude schon in Fanrea, am See der Heilung, ausgelebt hatte?

Kopfschüttelnd betrachtete Nora ihn von der Seite: „Du bist sowieso sehr merkwürdig seit ein paar Tagen.“

„Wieso merkwürdig?“

„Das ist ja das Schlimme: Ich weiß es nicht!“

Nachdenklich schwieg seine Mutter. Ben tat, als würde er es nicht bemerken und begann schnell mit einem anderen Thema: „Wann müssen wir in der Psychiatrie bei Henk van Vaal sein?“

„Um vierzehn Uhr, aber lenk nicht vom Thema ab. Was ist los mit dir? Du verheimlichst mir doch etwas. Du bist so, so, ach, ich weiß auch nicht, verändert, erwachsener irgendwie.“

Langsam wusste Ben nicht mehr, wie er sich aus der Affäre ziehen sollte und starrte grübelnd aus dem Autofenster. Natürlich war er verändert, er war durch ein Weltentor in eine fremde Welt gereist, wo er von Zwergen und Elfen zu einem Krieger des Lichts ausgebildet worden war. Dort hatte er mit seinem Schwert töten müssen, konnte inzwischen ein wenig Magie anwenden und war von seiner Augenkrankheit geheilt worden. Doch wie sollte er das seiner Mutter erklären, die in der Psychiatrie arbeitete? Wenn er ihr die Wahrheit erzählte, würde sie ihn sofort zu ihrem Patienten, Henk van Vaal, einweisen lassen.

Ein Stück weit war Ben tatsächlich erwachsen geworden. Die Begegnung mit dem Tod, grenzenloser Angst, körperlichen Schmerzen, aber auch tiefer Freundschaft und die Bereitschaft, sein Leben für andere zu riskieren, hatten ihn reifen lassen. Auch sein Äußeres hatte sich verändert, sein Gesicht war kantiger geworden, sein Körper muskulöser.

Verlegen schaute er zu seiner Mutter: „Mama, alles ist wie immer, mach dir keine Sorgen. Nimm meine Heilung doch einfach als Geschenk Gottes an und versuch nicht immer alles zu erklären. Es ist, wie es ist.“

Das mit dem Geschenk entsprach nur indirekt der Wahrheit, denn seine Heilung war harte Arbeit gewesen. Die Elfe Osane hatte ihn gelehrt, dass jedes Leben aus Lernaufgaben besteht. Alle gelösten Probleme bringen einen weiter auf dem persönlichen Weg der Entwicklung. Ben fand, er war ein gelehriger Schüler gewesen und am Ende für seine tiefen Einsichten mit der Heilung belohnt worden.

Völlig entgeistert starrte seine Mutter ihn an, erwiderte aber nichts. Fast bekam Ben einen Lachflash, weil die Situation völlig absurd war, verkniff es sich jedoch. Nora und er waren nach dem Arztbesuch nun auf dem Weg in die Psychiatrie. Ben hatte darum gebeten, seine Mutter noch einmal dorthin begleiten zu dürfen, weil er sich angeblich für ihre Arbeit interessierte. Tatsächlich wollte er unbedingt mit Henk van Vaal sprechen.

Es hatte einige Überredungskünste gebraucht, aber schließlich stimmte seine Mutter zu. Ben hatte sich in die Idee verrannt, dass dieser Henk gar nicht verrückt, sondern, wie er selbst, in einer anderen Welt gelandet war. Seine irren Geschichten waren keine Hirngespinste, sondern Wirklichkeit. Henks Beschreibung der eiskalten, aber wunderschönen Hexe konnte nur auf eine passen: Xaria!

„Wie ist Henk denn drauf zur Zeit?“, bemühte sich Ben, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.

„Es läuft langsam besser mit ihm, wir konnten die Medikamente reduzieren und er ist viel ruhiger geworden. Vergangene Woche hatte ich ein längeres Gespräch mit ihm, in dem er mich bat, ihm weniger Pillen zu geben, weil er nicht daran kaputt gehen wollte. Und weißt du was? Ich habe mich tatsächlich darauf eingelassen und seither wirkt er auf mich fast normal. Nur deshalb konnte ich deiner Bitte nachkommen und dich zu ihm lassen, was grundsätzlich verboten ist. Damit du Bescheid weißt: Ich habe gesagt, dass du ein Referat für die Schule schreibst und eventuell bei uns ein Praktikum machen möchtest.“

Entsetzt verdrehte Ben die Augen und meuterte: „Das werde ich ganz bestimmt niemals machen. Den ganzen Tag mit irgendwelchen Bekloppten.“

„Ben!“, stieß seine Mutter entsetzt hervor. „Das sind keine Bekloppten! Ich verbiete dir diese Ausdrucksweise.“

„Entschuldige, tut mir leid“, nuschelte ihr Sohn. Seine Bezeichnung war tatsächlich mies gewesen, aber es war ihm einfach so herausgerutscht.

Nach der Ankunft in der Klinik musste Ben die übliche Prozedur an der Pforte über sich ergehen lassen. Seine Mutter hatte ihn inständig gebeten, Henk nicht nach seinen Wahnvorstellungen zu fragen, aber genau das war der Grund, weshalb Ben mit ihm sprechen musste.

Ein langer, trostloser Gang erwartete sie, Ben hörte irgendwann auf, die Zimmertüren zu zählen, an denen sie vorbei kamen. Aus einigen Zimmern drangen Schreie, Stöhnen oder unartikulierte Laute und Ben schüttelte sich. Der sterile Geruch nach Desinfektionsmitteln war so intensiv, dass Ben durch den Mund atmete.

Schließlich standen sie vor Henks Zimmertür, automatisch schaute Nora durch das kleine, runde Fenster und murmelte: „Ach, er sitzt am Fenster.“

Nora klopfte an, öffnete die Tür und trat ein. Angespannt folgte Ben ihr und atmete tief ein und aus, um seine Anspannung zu lösen. Während seine Mutter Henk begrüßte, betrachtete Ben das karge Zimmer. Er war auf einiges gefasst gewesen, doch das hier war noch trostloser als in seiner Vorstellung: Ein Krankenhausstahlbett, ein Stuhl mit einem kleinen Tisch, ein Schrank, das war`s.

Verschreckt musterte Henk die Neuankömmlinge und wagte dann ein zögerliches Lächeln als er Nora erkannte, die nur kurz bei ihnen blieb, da sie zu einem anderen Patienten gerufen wurde. Endlich war Ben mit Henk van Vaal allein.

„Deine Mutter ist die Einzige, der ich hier halbwegs vertraue“, murmelte Henk.

„Ich denke, ich würde in dieser Anstalt auch niemandem vertrauen. Aber meine Mutter ist schon okay“, antwortete Ben vorsichtig. Wie sollte er ihm nur klar machen, warum er eigentlich hier war?

„Warum wolltest du mit mir sprechen?“, fragte Henk ganz unverblümt. Verunsichert überlegte Ben, ob er einfach mit der Wahrheit herausplatzen durfte oder ob er damit eine monatelange Therapie kaputt machte.

„Komm, sag schon. Weshalb bist du hier? Ich bin nicht so verrückt, wie alle meinen. Du kannst ganz offen mit mir reden. Oder ist das nur ein verdeckter Test deiner Mutter, ob ich wirklich geheilt bin?“

Ben fühlte sich immer unwohler, es war dumm gewesen, ohne Plan hierhin zu kommen und er wünschte, Emma wäre bei ihm. Er entschloss sich, bei der Wahrheit zu bleiben und sein Anliegen offen vorzutragen.

Mit gemischten Gefühlen betrachtete Ben sein Gegenüber und sah diesen Mann im mittleren Alter vor sich, dessen Leben von einer durchtriebenen Hexe zerstört worden war. Henk hatte ein nettes Gesicht mit lieben Augen, in denen aber auch tiefer Schmerz eingegraben war und Ben wollte ihm gern helfen. Er gab sich einen Ruck: „Henk, ich weiß nicht, ob es gut ist, dass ich mit diesem Thema anfange und meine Mutter würde ausrasten, wenn sie wüsste, worüber ich mit Ihnen rede, aber ich muss es einfach tun. Ich glaube Ihnen ihre Geschichte.“

In grenzenloser Panik weiteten sich Henks Augen, er knetete nervös seine Hände und Schweiß trat auf seine Stirn. Gequält stöhnte er: „Nein, bitte nicht darüber reden. Ich möchte das abschließen, wieder ein normales Leben führen, ich will mein Leben zurück.“ Seine Stimme erstarb, seine Hände verkrampften sich ineinander und er wiegte den Oberkörper vor und zurück.

Schließlich schluchzte er: „Ich muss hier raus, ich ertrage diese nächtelangen Schreie nicht mehr, die Zwangsjacken und Gummizellen*, die vielen Pillen und die Gewaltanwendung. Ich kann nicht mehr, sonst werde ich wirklich irgendwann wahnsinnig.“ Mit glasigem Blick starrte er geradeaus und schwieg.

Ben war völlig überfordert und bereute, dass er hierhin gekommen war. Er hatte alles vermasselt.

Plötzlich packte Henk wütend Bens Hand und drückte schmerzhaft zu: „Wer bist du und was willst du von mir? Lüg nicht herum! Der Leiter hat dich mir auf den Hals gehetzt oder diese Hexe! Was will sie von mir?“ Sein Griff verstärkte sich.

Zunächst saß Ben wie erstarrt da, aber dann wurde er wütend. Hitze schoss in seinen Bauch und flutete von dort aus seinen gesamten Körper, er schüttelte die Hand ab, sprang auf und rief energisch: „Sie tun mir weh!“

Erschrocken ließ Henk von ihm ab und begann zu zittern. „Bitte tu mir nichts, ich will keine Medikamente und ich will keine Angst mehr haben.“ Er schluchzte und Tränen strömten seine Wangen entlang.

Ben verzweifelte, alles lief falsch. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und ein muskelbepackter Wärter mit Gummiknüppel kam herein. Aus eiskalten Augen musterte er Henk und spielte nervös mit seinem Schlagstock:

„Na, Henk, wieder einer deiner Tobsuchtsanfälle? Gummizelle oder Spritze?“, spottete er und lächelte bösartig.

Pures Entsetzen stieg in Ben hoch und er wandte sich an den Wärter: „Nichts davon. Es ist alles in Ordnung. Sie können wieder gehen.“

Der Wärter stutzte und räusperte sich verunsichert, er war es nicht gewohnt, dass Jugendliche so mit ihm sprachen. Da erhob Ben sich und sah dem Wärter direkt in die Augen, es war ein Kräftemessen der besonderen Art. Die Brutalität des Wächters prallte auf Bens Magie, die Luft knisterte und die Situation drohte zu eskalieren. Schließlich zwang etwas in Bens Blick diesen Typen, wegzuschauen und das Zimmer zu verlassen. Ben war erleichtert, das war äußerst knapp gewesen. Vor seinem Aufenthalt in Fanrea wäre es ihm nicht gelungen, einen so gewalttätigen Kerl nur mit seinem Blick zu bezwingen.

Leise weinte Henk vor sich hin, er ertrank fast in seiner Angst. Ben fühlte mit ihm, aber so kamen sie nicht weiter. Ungeduldig wandte er sich um und sprach den wimmernden Mann energisch an: „Henk, hören Sie auf zu weinen. Das hilft Ihnen auch nicht. Wenn Sie sich jetzt zusammenreißen, kann ich Ihnen vielleicht helfen. Bitte!“

Henk rieb sich die Tränen weg, straffte den Rücken und flüsterte verstört: „Ich bin nur noch ein menschliches Wrack. Und ich schäme mich, so ein Jammerlappen zu sein. Die haben mir meine Würde genommen und meine Selbstachtung. Erst diese Hexe mit ihrer Folter und ihren Demütigungen und dann das hier. Ich wünschte, ich wäre tot.“

Der Mann tat Ben unendlich leid und eine Welle von Mitgefühl überflutete ihn. „Ich hole sie hier raus, das verspreche ich Ihnen. Aber Sie müssen mir die Wahrheit sagen.“

Mühsam beherrschte sich Henk: „In Ordnung. Was möchtest du wissen?“

„Kennen Sie jemanden, der Xaria heißt?“

Das blanke Entsetzen spiegelte sich in Henks Augen und er konnte nur nicken.

„Sind Sie auf Hydraxia gewesen?“

Erneutes Nicken.

„Okay, ich dachte es mir. Wissen Sie, ich war auch in einer anderen Welt, die heißt Fanrea, aber ich war freiwillig dort, weil ich eine Mission zu erfüllen hatte. Dort bin ich auf die Hexe Xaria gestoßen und bin ihr nur knapp entkommen.“

Misstrauisch unterbrach Henk ihn: „Bitte, sei ehrlich, ist das eine Falle deiner Mutter, um meinen Geisteszustand zu prüfen?“

Seufzend beruhigte Ben: „Ich weiß nicht, wie ich Sie dazu bringen soll, mir zu vertrauen. Sie müssen es einfach tun. Nein, das ist keine Falle und meine Mutter weiß natürlich nicht, dass ich in einer anderen Welt war. Sie würde mir ja doch nicht glauben, sondern mich hier einliefern lassen.“

Ein schiefes Grinsen breitete sich in Bens Gesicht aus: „Niemand glaubt einem solche Geschichten. Ich bin aus zweierlei Gründen hier: Einerseits möchte ich Ihnen helfen und andererseits hoffe ich, von Ihnen Informationen über Hydraxia zu erhalten. Diese Xaria hat uns etwas sehr Kostbares gestohlen, das wir unter allen Umständen wieder haben müssen und ich denke, Ihre Informationen können uns helfen.“

Die ganze Zeit hatte Henk ihn fassungslos angestarrt und plötzlich schien dieser gebrochene Mann einen kleinen Funken seines alten Selbst wiederzufinden. Seine Augen wirkten lebendiger, fast hoffnungsvoll und seine Körperhaltung veränderte sich.

„Ja, ich werde dir alles erzählen, aber dazu wird die Zeit nicht ausreichen. Deine Mutter wird dich gleich abholen und uns unterbrechen. Wie willst du mich denn hier rausholen?“

„Ehrlich gesagt, weiß ich das jetzt noch nicht, aber ich werde einen Weg finden. Ganz sicher, das verspreche ich Ihnen. Zur Not muss uns Magie helfen.“

Verschwörerisch kniff Ben ein Auge zu und Henk nickte aufgeregt. „Aber wo soll ich hin? Ich habe kein Zuhause mehr und niemand vermisst mich da draußen, ich kann nirgendwohin. Meine Familie hat sich von mir abgewandt und den Kontakt zu mir abgebrochen.“

„Vielleicht gehen Sie ja nach Fanrea, da ist es schön, nur manchmal ein bisschen gefährlicher als in unserer Welt. Denken Sie darüber nach.“

„Ich kenne dieses Fanrea doch überhaupt nicht.“

„Dann verstecke ich Sie erst einmal bei Esther, der Tante meiner Freundin, und wir überlegen später, wo sie bleiben. Aber nun erzählen Sie so viel, wie Sie schaffen, bis meine Mutter kommt. Und verhalten Sie sich anschließend so normal, wie irgendwie möglich. Spielen Sie allen vor, dass Sie geheilt sind, bis ich Sie befreien kann. Einverstanden?“

„Einverstanden! Also ich fange mitten in der Geschichte an, weil das für dich wohl der wichtige Teil ist, oder? Xaria hielt mich in einer Art Kerker gefangen, sie gab mir genau so viel Essen und Wasser, dass ich nicht sterben konnte. Die meiste Zeit hingen meine Arme in Ketten, mein ganzer Körper bestand nur noch aus Qual. Jeden Tag kam Xaria mit einem Skalpell und schnitt mich damit an einer beliebigen Stelle. Manchmal hielt sie einen Becher darunter, um mein Blut aufzufangen oder sie saugte es direkt aus der Wunde. Ihr diabolisches Grinsen verfolgt mich bis heute in meine Träume.“

Henk schloss die Augen und musste eine kurze Pause machen, weil die schreckliche Erinnerung ihn überwältigte. Ben wurde fast übel und hätte gern auf die weitere Geschichte verzichtet.

Heiser fuhr Henk fort: „In meinem Kerker befanden sich weitere Gefangene, nicht nur Menschen, sondern auch andere Wesen: Elfen, ein halbtoter Zwerg, ein gewaltiger Tiger und ein Horbut. Wir wurden allesamt gefoltert und waren sehr schwach, daher unterhielten wir uns nicht viel. Jeder war zu sehr damit beschäftigt, am Leben zu bleiben. Dennoch stärkte uns die Gemeinschaft, so mussten wir dieses elende Schicksal nicht alleine ertragen. Wenn zu der Qual noch die Einsamkeit gekommen wäre, dann hätte ich nicht überlebt. Aber uns ging es noch gut, im Vergleich zu den Sklaven, die in den Diamantenminen schuften mussten.“

„Was für Diamantenminen? Wo sind die?“

Verzweifelt bedeckte Henk seine Augen mit den Händen und schüttelte den Kopf, um die furchtbaren Bilder loszuwerden. Seufzend fuhr er dann fort: „Sie besitzt riesige Diamantenminen, in denen hauptsächlich Kinder und Eidechsenmenschen unter erbärmlichen Bedingungen schuften. Ich überspringe nun meine Leidensgeschichte, weil sie dir nicht weiterhilft. Du möchtest wahrscheinlich Informationen über Xarias Schloss haben. Nun, es ist riesengroß, doch die Hexe verbrachte die meiste Zeit im Nordtrakt, und dorthin wurden wir manchmal gebracht, um ihr beim Essen zuzusehen. Begleitet wurde ich von Steinsoldaten, die mir keine Chance zur Flucht ließen. In ihrem privaten Bereich, der sich über mehrere Etagen erstreckte, befanden sich unter anderem Esszimmer, Schlafzimmer, eine riesige Bibliothek, ein großer Waffenraum und eine Schatzkammer. In ihrem Schlafzimmer befand sich ein Setzkasten mit klein gezauberten, bewegungsunfähigen Wesen, die sie ab und zu herausnahm, um sie zu quälen oder mit ihnen zu spielen.“

Angewidert schüttelte Ben den Kopf und murmelte: „Ekelhaft.“

„Ja, ekelhaft. Ab und zu spielte sie mit mir Schach und auch dafür benutzte sie irgendwelche verzauberten Wesen. Wenn ich brav mit ihr spielte, bekam ich eine Belohnung in Form von einem richtigen Essen, einem Bad oder zwei Tage ohne Ketten. Je besser ich spielte, umso reichhaltiger fiel die Belohnung aus.“

Nervös tigerte Henk von einer Ecke des kleinen Zimmers in die andere und wieder zurück. Er räusperte sich und fuhr mit belegter Stimme fort: „An manchen Tagen schien Xaria besonders schlechte Laune zu haben und peitschte uns alle aus. Erst wenn unsere Haut aufplatzte und das Blut an uns herunterfloss, besserte sich ihre Stimmung. Manchmal kam ein Diener und hat unsere Wunden notdürftig versorgt, an guten Tagen heilte Xaria uns mit Magie. Manchmal starb einer an seinen Verletzungen. Aber ich verliere mich schon wieder in Details.“

Henk unterbrach sich, massierte mit seinen Fingern kurz seine Schläfen, so als ob er sich dadurch besser konzentrieren könnte. Gequält schaute er Ben mit einem langen, schmerzerfüllten Blick an und eine einzelne Träne stahl sich aus seinem Auge.

In einer beruhigenden Geste legte Ben eine Hand auf Henks Schulter. „Sie werden Ihren Frieden wiederfinden und die Bilder in Ihrem Kopf verblassen irgendwann. Ich kenne jemanden, der ihnen dabei helfen wird.“ Er dachte an die Elfe Osane und ihre Fähigkeiten, Körper, Geist und Seele zu heilen.

Dankbar sah Henk ihn an und redete schließlich leise weiter: „Du musst wissen, wie ich geflohen bin. In Xarias Schlafzimmer befand sich ein großer Spiegel, der in andere Welten führt und durch ihn konnte ich fliehen. Überall in ihrem Schloss waren Wächter und steinerne Monster, die die Hexe beschützten und auf die Gefangenen aufpassten. Es gab Fallgruben und versteckte Waffen, die einen plötzlich attackierten, Giftspeier und andere Widerlichkeiten. Deshalb war es äußerst schwierig, von dort fortzukommen. Und ins Schloss einzudringen wird genauso schwer werden.“

Mit einer müden Geste strich Henk sich die Haare aus der Stirn und trat zu dem vergitterten Fenster, um hinauszusehen. Seufzend erzählte er: „Die meisten Gefangenen befanden sich damals im Südturm und ich wünschte, ich hätte sie befreien können. Aber meine Flucht ergab sich durch einen Zufall, als ich mich in ihrem Schlafzimmer befand, um eine Partie Schach zu spielen. Ich glaube, es hat mir das Leben gerettet, dass ich als Einziger Schach spielen konnte und auch ein ernst zu nehmender Gegner war, denn sie hasste nichts mehr als Langeweile.“

Mit einem Mal wurde die Tür geöffnet und die beiden wurden mitten in ihrem Gespräch unterbrochen. Bens Mutter betrat das Zimmer und sah erschöpft aus. Innerlich fluchte Ben, er hatte auf mehr Zeit mit Henk gehofft.

„Na, ihr zwei! Alles okay? Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte sie gespielt heiter.

„Sie haben einen äußerst netten Sohn, Frau Doktor. Er hat mir von der Schule erzählt und ich ihm einiges vom Klinikalltag. Ich hoffe, ich habe ihn nicht gelangweilt“, antwortete Henk. Dann stand er auf und sagte höflich: „Ich danke Ihnen für den Besuch Ihres Sohnes, er hat mir etwas Freude und Hoffnung in mein Leben gebracht und mich daran erinnert, wer ich wieder sein will.“

Zu Ben gewandt fügte er hinzu: „Danke für das, was du mir geschenkt hast. Du hast mir den Glauben an eine Zukunft wiedergegeben.“

Verwirrt schaute Bens Mutter zwischen den beiden hin und her. Ihr Sohn ergriff Henks Hand, schüttelte sie zum Abschied und meinte: „Verlieren Sie die Hoffnung nicht wieder und vertrauen Sie mir. Die Hoffnung stirbt zuletzt*.“

Die zwei lächelten sich verschwörerisch an, dann verließ Ben mit Nora das Zimmer. Vor der Klinik standen Mutter und Sohn sich etwas unsicher gegenüber, bis sie vorschlug: „Ich habe meinen Dienst getauscht, ich finde, heute ist ein ganz besonderer Tag, wir sollten deine Wunderheilung feiern. Was meinst du?“

Ben versuchte, fröhlich auszusehen, aber das fiel ihm sehr schwer, weil er dauernd an den armen Henk und das ihm gegebene Versprechen denken musste. „Das finde ich toll“, brachte er wenigstens zustande und sie machten sich auf den Weg zurück zum Auto.

Als sie auf dem Heimweg waren, konnte Ben sich nicht länger zusammen reißen und platzte heraus: „Mama, ich finde, du solltest deinen Beruf wechseln! In diesem Beklopptenheim wird jeder auf Dauer selbst verrückt, der dort zu lange arbeitet. Du bist immer müde und siehst total ausgelaugt aus. Du lachst kaum noch.“

Er erwartete Widerspruch und Zurechtweisungen, doch seine Mutter schwieg und starrte nur stur geradeaus. Nach endlosen Sekunden meinte sie dann zaghaft: „Ich denke seit Längerem über einen Ausstieg nach, aber ich habe mich nie getraut, darüber zu sprechen.“

Plötzlich trat sie auf die Bremse, setzte verspätet den Blinker und fuhr schnell rechts in eine Haltebucht. Tränen liefen ihre blassen Wangen hinunter und sie schluchzte laut auf: „Ich kann so nicht mehr weitermachen. Ich bin überrascht, dass du damit angefangen hast, aber alles, was du gesagt hast, stimmt. Die Patienten werden nicht gut behandelt und ich habe das Gefühl, selber durchzudrehen.“

Mit dieser Reaktion hatte Ben überhaupt nicht gerechnet, dieser Tag war echt anstrengend. Verlegen kramte er nach einem Taschentuch und reichte es seiner Mutter, die es dankbar annahm.

Sie schnäuzte sich die Nase und wischte ihre Tränen weg. „So, jetzt ist es heraus und das ist auch gut so. Ich habe schon einen Plan, ich mache meine eigene Praxis auf. Was hältst du davon?“

Erleichtert stimmte Ben ihr zu: „Alles ist besser, als dieser Irrsinn da. Wenn du noch lange so weitermachst, dann wirst du selber krank werden. Du kannst nicht gegen deine Überzeugungen leben, dein Körper zwingt dich sonst in die Knie.“

„Wie kommst du denn zu solchen Gedanken? Du hörst dich fast wie Esther an.“

Ben grinste verhalten: „Mag sein, aber es ist doch tatsächlich so. Unter allen Leidenschaften der Seele bringt die Traurigkeit am meisten Schaden für die Seele.*

Stirnrunzelnd musterte Nora ihren Sohn, dann wurde ihr Gesichtsausdruck ganz weich: „Weißt du, dass ich das erste Mal seit langer Zeit das Gefühl habe, dass wir uns wirklich nah sind? Danke für deine ehrlichen Worte und dass du überhaupt bemerkt hast, dass es mir nicht gut geht. Schön, dass du dir Gedanken über mich machst.“

Tief berührt ergriff Ben die Hand seiner Mutter und drückte sie. „Mama, ich hab dich lieb“, flüsterte er, obwohl ihm das ein bisschen schwerfiel, aber er spürte, dass genau jetzt der richtige Moment dafür war.

Gerührt schaute sie ihn an: „Ich dich auch.“

Schloss d‘Aigle

In Frankreich, auf Magors Schloss, befand sich hinter einer Hochsicherheitstür aus Titan ein großer Raum, der mit technischen Geräten vollgestopft war. Überall blinkte und piepte es, immer wieder legte ein Drucker los und auf einer überdimensionalen Weltkarte leuchteten verschiedenfarbige Lichtpunkte. Drei Personen saßen dicht beieinander an einem Schreibtisch und schauten hochkonzentriert auf einen Bildschirm.

Mit seiner pfotenähnlichen Hand rollte Ronaldo, der Fuchsmann mit dem orangen Fell, eine Computermaus hin und her und erklärte mit heiserer Stimme: „Das ist der Sicherheitscode, um an die Informationen der Satelliten zu gelangen. Damit können wir dann überall auf der Welt sehen, was los ist und bei Bedarf eingreifen.“

Die beiden anderen waren die Fanreaner Nala und John, die seit ein paar Tagen von Ronaldo, dem Computerspezialisten, Nachhilfeunterricht erhielten, was moderne Technik, Internet, Tablets und vieles mehr betraf. Ronaldo war ein echter Nerd* und hatte die Gabe, sein Wissen leicht nachvollziehbar zu vermitteln.

Gegen Mittag stöhnte Nala: „Ich kann nicht mehr, mir raucht der Kopf. Ich muss mal an die frische Luft und auch etwas essen.“

„Ich habe etwas Leckeres für euch“, bot Ronaldo an und griff hinter sich in einen Karton. Es raschelte, dann hielt er etwas in der Hand. „Mäusespeck und Schaumküsse, probiert mal.“

Zögernd griffen die beiden Freunde zu und bissen jeder in einen Mohrenkopf. Angeekelt verzogen Nala und John das Gesicht.

„Bäh, wie süß ist das denn?“, fragte Nala und spuckte den Mohrenkopf in den Mülleimer. Mühsam würgte John seinen Bissen hinunter.

„Das ist doch lecker. Ich mag den Geschmack, testet mal den Mäusespeck.“ Verständnislos schüttelte Ronaldo den Kopf.

„Wir teilen uns eine Maus“, schlug Nala vor und steckte John ein Stück in den Mund.

Der kostete und schüttelte den Kopf. „Das schmeckt doch nur nach Chemie. Mein Ding ist es nicht.“

„Meines auch nicht“, bestätigte Nala.

Ronaldo zuckte mit den Schultern. „Ihr habt einfach keine Ahnung, was gut ist. Ich könnte mich den ganzen Tag damit vollstopfen.“

John zog eine Grimasse: „Also, ich muss jetzt aus dem Bunker hier raus. Nala, was hältst du von einer Runde Kampfsport? Oder sollen wir zusammen mit Komor noch mit den Armbrustpistolen trainieren?“

„Nee, nicht schießen, ich muss mich richtig bewegen. Erst Sport, dann essen und danach tüfteln wir hier unten weiter. Ronaldo, kommst du gleich auch hoch zum Essen?“

„Äh, nein. Ich muss da …“

„ … noch ein Problem lösen“, ergänzte Nala. „Das kennen wir schon. Mensch, komm doch mal nach oben und iss mit uns zusammen.“

„Vielleicht ….“

„ … morgen“, unterbrach dieses Mal John und grinste.

Seufzend zuckte Ronaldo mit den Schultern: „Ich lasse mir was von Migune bringen.“

Nala zog eine Schnute und stöhnte: „Du bist ein eigenbrötlerischer Computerfreak - wie ein Maulwurf. Schrecklich mit dir.“

„Ach Nala, ich kann nicht im Garten sitzen und fröhlich sein, wenn so viele Probleme in meinem Kopf herumschwirren und die Lösungen ganz nah sind. Ich wäre sowieso nicht kommunikativ.“

„Hoffnungslos“, murmelte Nala.

„Sei mir bitte nicht böse“, bat Ronaldo.

„Bin ich nicht, aber du verschwendest dein Leben und schenkst es irgendwelchen Maschinen. Das finde ich schlimm.“

„Ich nicht.“

Jetzt mischte John sich ein: „Nala, lass ihn doch. Es ist sein Leben und seine Entscheidung. Ist schon in Ordnung, Ronaldo, bist trotzdem ein feiner Kerl. Danke, dass du uns hilfst.“

Ein zögerliches Lächeln huschte über das Gesicht des Fuchsmannes. „Vielleicht morgen“, versuchte er es noch einmal.

„Schon gut, Kumpel“, beruhigte ihn Nala. „John, ab an die Luft.“

Der Fuchsmann begleitete sie durch die Sicherheitsschleuse und kehrte zufrieden ins Technikzentrum zurück. Mit den Gedanken war er schon wieder in seine eigene Welt eingetaucht.

Draußen erwartete die beiden Fanreaner strahlender Sonnenschein und sie atmeten tief durch.

„Endlich frische Luft. Wie kann der Fuchs es da unten nur so lange aushalten?“, wunderte sich Nala.

„Keine Ahnung, ich könnte das nicht. Ich würde es auch nicht in einer Stadt aushalten, aber wir sind eben alle verschieden. Fangen wir mit Karate an?“

„Okay.“

Die zwei begannen mit Dehnübungen und starteten dann ihr Trainingsprogramm im Schatten alter Olivenbäume. Als sie schließlich schweißüberströmt waren, duschten sie sich schnell ab und sprangen in den Pool. Nach einer Weile entschlossen sich die beiden, einen kleinen Mittagssnack einzunehmen. Nala und John stürmten in die Küche und trafen dort auf die Köchin, eine menschengroße Maus.

„Dürfen wir uns einen Smoothie und etwas zu essen machen?“, fragte Nala.

„Aber klar doch. Ich habe verschiedene Melonen, Granatäpfel, Ananas, Feigen, Bananen und frisch gepressten Apfelsaft.“

„Mmhh, lecker, komm John, du schälst, ich schneide klein“, ordnete Nala an und drückte John verschiedene Messer in die Hand.

Die Köchin reichte ihnen die Früchte: „Das meiste Obst und Gemüse kommt von unserem Gut und wird natürlich nicht mit Pestiziden verseucht. Unsere Blumenelfen organisieren sofort einen Aufstand, wenn wir auch nur ein Gramm Gift versprühen. Na dann legt mal los, ich muss mich noch um meine Bouillabaisse* kümmern.“

Während die beiden Freunde gemeinsam schnitten und schnippelten, unterhielten sie sich. Nala überlegte laut: „Weißt du, wem es hier gefallen würde und wer sich blendend mit dem Fuchsmann verstanden hätte? Nijano! Der Fuchsfreak wäre sein Ding gewesen. Denkst du noch viel an Nijano?“

Über Johns Gesichtszüge glitt ein Hauch von Schmerz: „Ja, oft, der Katzenjunge fehlt mir sehr. Er war für mich der Bruder, den ich nie hatte. In meinem Kopf redet oder schimpft er manchmal mit mir.“

„Er schimpft mit dir?“

John grinste: „Ja, wenn ich wieder zu zögerlich, ernst und verantwortungsbewusst bin.“

„Bist du ja auch.“

Schulterzuckend nahm John ein Stück Wassermelone und steckte es Nala in den Mund. „Ja, warum wohl? Ich hatte immer die Mitverantwortung für all die Kleinen im Lager und musste täglich die hungrigen Mäuler füllen. Da kann ich doch nicht rumalbern und verrückt sein.“

„Nijano war es trotzdem“, konterte Nala.

„Stimmt. Dann bin ich eben einfach langweilig von meiner Grundstruktur her.“ Schmunzelnd zuckte John mit den Schultern.

„Ach John, du bist unglaublich, du bist alles andere als langweilig. Dein ganzes Leben hat dich zu dem gemacht, der du bist, und so bist du genau richtig.“

Während John die Früchte in den Mixer steckte, den Apfelsaft draufschüttete und dann die Maschine anwarf, bereitete Nala einen großen Teller Tomaten mit Mozarella zu.

„Gib mir mal Basilikum und grobes Meersalz“, bat sie John und roch an einer Tomate. „Hm, die riecht intensiv. Weißt du, was mir an der Menschenwelt gefällt?“

Erwartungsvoll schaute John zu ihr: „Nein, aber du wirst es mir bestimmt verraten.“

„Dass ich nicht alles selber herstellen muss, sondern in einem Geschäft kaufen kann.“

Die Köchin reichte Nala Olivenöl und Baguette, dann mischte sie sich ein: „Na ja, so stimmt es auch nicht. Auf Magors Schloss wird jede Menge angebaut. Das Öl ist aus unseren Oliven gemacht und schmeckt köstlich, das Mehl für das Baguette ist aus unserem Getreide hergestellt, die Tomaten und Kräuter sind aus dem Schlossgarten.“

Grinsend zwinkerte John der Köchin zu: „Das war wohl nichts, Nala.“

„Aber zum Beispiel die Anziehsachen, die Migune uns besorgt hat, die sind gekauft, und ich finde sie richtig cool. Mal ehrlich, so ein schönes Sommerkleid steht mir gut und du siehst auch toll mit deinen Shorts aus.“ Nala drehte sich im Kreis.

„Stimmt, du siehst süß damit aus.“

„Oh, ein Kompliment von John. Du übst wohl schon für Emma“, zog Nala ihn auf.

„Wer weiß? Vielleicht?“

Als ihr kleines Picknick fertig zubereitet war, gesellten Nala und John sich mit ihren Leckereien zu den Fanreanern Agatha und Komor, die hier ebenfalls Urlaub machten und träge am Pool im Schatten lagen.

„Möchtet ihr auch etwas zu essen?“, fragte Nala die beiden.

„Nein danke, wir hatten gerade eben einen Riesenbecher Eis, wir sind satt“, wehrte Agatha ab und band sich ihre langen, braunen Haare zu einem Zopf zusammen.

„Wir haben Hunger“, seufzte Nala. „Diese Denkarbeit mit Ronaldo schlaucht ganz schön. Das ist alles neu für uns und wir müssen uns anstrengen, das zu kapieren. Ich will es aber unbedingt verstehen.“

„Ich finde, du hast es schon echt gut drauf, du verstehst es schneller als ich. Mir schwirrt der Kopf“, stöhnte John und trank genussvoll einen Schluck von seinem Smoothie.

Komor grinste und um seine dunklen Augen bildeten sich Lachfältchen. „Ich habe meine Lektionen mit Ronaldo schon hinter mir, der Freak ist echt gut. Vor allen Dingen erklärt er es so, dass ich es nachvollziehen kann.“

Hungrig spießten Nala und John die Tomaten und den Mozarella auf. Nach dem Essen fragte Nala schläfrig: „John, Muckibude oder weiter abhängen?“

Die Luft war erfüllt vom Duft des Lavendels und die Sonne machte alle träge. Verlockendes Nichtstun, Stille genießen, Augen schließen.

„Hm“, brummte John unschlüssig.

„Macht einfach Pause. Komm her, meine Kleine“, mischte Komor sich ein, zog Nala zu sich heran und bettete ihren Kopf auf einem seiner Arme.

Wie oft hatten sie schon so dagelegen? Wenn Komor bei ihr war, fühlte Nala sich beschützt und konnte entspannen. Komor war ihr Vaterersatz, genauso schokoladenbraun wie sie, kampferfahren, groß und muskelbepackt auf der einen Seite, sanft und gutmütig auf der anderen Seite.

„Also abhängen“, stellte John lakonisch fest.

Agatha murmelte: „John, sei nicht immer so ein Getriebener. Du musst mal nichts tun. Keine Fische fangen oder Hütten bauen, nicht an deinem Kanu schnitzen, keine Kinder retten, nicht in der Schwitzhütte schmoren. Sei mal locker!“

Seufzend streckte John sich aus, legte seine Arme unter den Kopf und betrachtete den stahlblauen, wolkenlosen Himmel. Einfach nur abhängen, ohne Griff am Messer oder angespannte Muskeln. Die Gedanken schweifen lassen, träumen. An Emma denken. Ob sie sich genauso auf ihn freute, wie er sich auf sie?

Am Nachmittag gingen Nala und John zurück zum Fuchsmann. Migune hatte ihm einen Teller mit belegtem Baguette gebracht, das noch unberührt dort stand.

„Ronaldo, du bist unglaublich. Du hast ja gar nichts gegessen.“, tadelte Nala.

Versunken stand der Fuchsmann vor der riesigen Weltkarte und starrte auf die blinkenden Lichter. Als Ronaldo das Baguette anvisierte, schien er erstaunt zu sein. Für ihn war ein belegtes Brot irritierender als die ganze Technik.

„Äh, stimmt. Obwohl...“ Kurz hielt Ronaldo inne. „Moment mal, ich habe was gegessen, der Mäusespeck ist leer.“

„Das gilt nicht. Komm schon, iss das Baguette“, befahl Nala.

John schmunzelte: „Mach lieber, Ronaldo, sie ist ganz schön rabiat.“

Folgsam aß der Fuchsmann sein Baguette, wahrscheinlich schmeckte er noch nicht einmal, dass es mit Serranoschinken, Tomaten und Salat belegt war.

„Was sind das für Lichtpunkte auf der Karte?“, fragte John interessiert.

Kauend nuschelte Ronaldo: „Aktuelle Brennpunkte, Kriegsschauplätze, bekannte und geheime Militärstützpunkte. Dann ehemalige sowie noch vorhandene Weltentore, Atommülllager und vieles mehr.“

Nala und John bestaunten die gigantische Karte und Ronaldo kam in Fahrt. Er erklärte ihnen deren Geheimnisse, bis die Köpfe der Fanreaner erneut rauchten.

„Ronaldo, du hörst doch gerne Musik. Bring mich mal auf den aktuellen Stand“, bat John.

„Kommt, ich zeige euch mein momentanes Lieblingsvideo. Es ist von Ed Sheeran, Thinking out loud. Ich suche es euch raus.“ Ronaldo tippte etwas in seinen Laptop ein und das Musikvideo begann. Der romantische Song füllte den Computerraum, während die beiden Fanreaner wie gebannt vor dem Bildschirm saßen. Ed Sheeran wirbelte seine Tanzpartnerin in einem riesigen Ballsaal herum und die Bewegungen der Tänzerin waren betörend und anmutig.

„Ist das schön“, flüsterte Nala und John stimmte ihr zu. Seine Gedanken waren bei Emma und dass sie ebenfalls Ballett und Modern Dance tanzte. Ob sie sich auch so elegant bewegen konnte?

„Du kriegst ja ganz glänzende Augen, siehst du schon, wie deine Emma sich um dich herumschlängelt?“, zog Nala John auf. Der wurde rot und schwieg ertappt.

„Volltreffer“, kicherte Nala. „Braucht dir doch nicht peinlich zu sein. Ich verrate es keinem.“

„Hast ja recht, könnte ich mir gut mit Emma vorstellen“, grinste John. „Komm, Ronaldo, was hast du noch in deiner Zauberkiste?“

Mithilfe des Fuchsmannes durchforsteten sie Youtube und die dortigen Musikvideos, doch nach einer Weile wurde Ronaldo unruhig, er hatte noch Wichtiges zu erledigen. Nala und John dagegen konnten keine Computer mehr sehen, für sie war diese virtuelle Welt auf Dauer sehr anstrengend. Zusammen flüchteten sie in die Muckibude und trafen dort auf Magor, der gerade Gewichte stemmte.

„Ein Zauberer, der die Hanteln schwingt“, flüsterte Nala.

Die Worte schien Magor gehört zu haben und er grinste verhalten: „Magie ist nicht alles. Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit und wenn etwas im Ungleichgewicht ist, hat das negative Folgen. Das gilt auch für einen Zauberer. Doch das ist nichts Neues für euch, oder?“

John schüttelte den Kopf: „Nein, ist es nicht. Ich versuche, danach zu leben. Mens sana in corpore sano* würde unser schlauer Melvin jetzt sagen.“

Nala grinste: „Wenn er nicht da ist, vermisst man die Nervensäge mit den coolen Sprüchen richtig, oder? Ich freue mich schon darauf, wenn unsere Truppe wieder vereint ist.“

Schmunzelnd nickte Magor: „Ich weiß. Gefällt es euch hier?“

Nala stellte fest: „Ich könnte mich daran gewöhnen. Ist toll hier!“

„Ich käme mir auf die Dauer ein wenig nutzlos vor. Definitiv zu wenig Fische fangen, Hütten bauen und Kanus schnitzen“, witzelte John.

Eine aufschlussreiche Fahrt

Esther freute sich unglaublich auf den Urlaub in Frankreich mit ihrer Nichte Emma und deren Freund Ben, und war ganz aufgekratzt. Endlich konnte sie Zeit mit ihrer Freundin Agatha verbringen und musste sich dennoch nicht auf Kämpfe und Entbehrungen einstellen. Das Abenteuer in Fanrea hatte ungewollt dazu geführt, dass sie etliche Kilos weniger wog, was ihr richtig gut stand, dadurch sah sie deutlich jünger aus.

Energiegeladen packte sie ihren Koffer und stand vor dem Kleiderschrank, aber irgendwie passte ihr alles nicht mehr richtig und es gefiel ihr auch nichts. Es ging in den Süden und ihr war nach den Strapazen nach mehr Farbe und Fröhlichkeit.

All die Jahre hatte Esther in ihrem Haus alleine und halbwegs glücklich gelebt, aber seit Fanrea fühlte sie sich einsam und wollte nun viel mehr Zeit in dieser anderen Welt verbringen. Dort wurde sie gebraucht und musste sich nicht verstellen.

In ihrem Übermut fuhr sie mit ihrem alten Auto, einem Volvo Kombi, in die nächst größere Stadt, kaufte sich bunte Sommerkleider und ein paar Leinenhosen. Sogar zum Friseur ging sie. Das Tollste daran war, sie fühlte sich großartig dabei. Ganz knapp war sie einem schrecklichen Tod entronnen, mit Grauen dachte sie an dieses Spinnenvieh, als deren Futter sie hatte herhalten sollen. Esther hatte sich vorgenommen, ihr Leben nun in vollen Zügen zu genießen und endlich die Schatten, die schwer auf ihr lasteten, zu vertreiben.

Nach außen hin hatte sie stets Fröhlichkeit verbreitet, aber in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt war es oft dunkel gewesen, weil sie unbeschreiblich traurig über den Verlust ihres Mannes und ihrer Tochter Leni war. Nun wollte sie endgültig diese alte Trauer abschließen, denn das Leben war schön und wertvoll. Gestern hatte Esther fast den ganzen Abend geweint, sich die alten Fotos angeschaut und dann den zermürbenden Schmerz in einer Zeremonie verabschiedet. Es hatte gut getan, die Tränen laufen zu lassen, doch nun begann ein neuer Abschnitt.

Dieses Mal nahm sie Fips, ihren treuen Mischlingshund, direkt mit. Jidell und Quidell durften sie ebenfalls begleiten, denn die beiden Ratten waren mächtig sauer gewesen, dass Esther sie in der Menschenwelt zurückgelassen hatte, statt sie mit nach Fanrea zu nehmen.

In ihren Koffer packte Esther vor allem die neue Kleidung und freute sich darauf, sie anzuziehen. Natürlich konnte sie es nicht lassen, auch ein paar Kräutercremes, verschiedene Tees und Heilerde mitzunehmen, ohne ihre eigene Hausapotheke fühlte sie sich nicht wohl.

Endlich war es soweit. Der Koffer war im Auto, ihre tierischen Begleiter Fips, Jidell und Quidell sprangen in den Wagen und die Ratten versteckten sich in einer Korbtasche. Schon fuhr Esther los, um Emma und Ben abzuholen.

Voller Ungeduld und Vorfreude wartete Emma auf ihre Tante Esther. Marlene ließ ihre Tochter gar nicht gerne gehen. Nachdem Marlenes Mann sich vor nicht allzu langer Zeit auf und davon gemacht hatte, war sie froh, wenn alle beisammen waren und sie sich um niemanden sorgen musste.

Um sich von Amapola zu verabschieden, rannte Emma in den Garten. Nach kurzer Suche entdeckte sie die Blumenelfe: „Hi, du. Was treibst du?“

„Mich um meine Pflanzen kümmern. Gestern haben mehrere Bauern ihre Felder gegüllt und der Mist ist ins Grundwasser gesickert. Jetzt kann ich schauen, wie ich alles wieder ins Lot bringe!“, ereiferte sich Amapola.

Grinsend hockte Emma sich hin: „Ganz wie immer, meine zornige, kleine Amapola. Du bist ein echter Schimpfbold.“

„Du hast gut reden …“

„Ich habe nicht so viel Zeit, wir fahren gleich los nach Frankreich.“

„Ist es schon soweit?“ Eindringlich musterte Amapola Emma: „Du strahlst so. Freust du dich sehr?“

„Ja, sehr.“

„Gibt es einen besonderen Grund?“

„Hm, äh, ja.“

„Wenn Menschen so herumdrucksen, ist meistens Liebe im Spiel.“

„Na ja.“

„Wer ist es denn? Lass mich raten.“ Die Elfe dachte angestrengt nach und auf einmal überzog ein Lächeln Amapolas Gesicht: „Etwa dieser Indianer?“

Aufgeregt nickte Emma: „Aber niemandem verraten, das ist unser Geheimnis.“

„Ich werde schweigen. Außer Lara, der darf ich es erzählen, oder?“

„Nein! Der auf gar keinen Fall.“ Energisch stupste Emma die Elfe an und diese fiel zeternd um.

„Das war ein Witz, du dummes Menschenkind.“

Lachend half Emma Amapola auf.

„Bist du echt verknallt?“, fragte Amapola spitzbübisch.

Emma wurde rot und stand verlegen auf.

„Au weia“, stöhnte Amapola. „Dich hat es ja schwer erwischt.“

Ein durchdringendes Hupen erklang und erleichtert verabschiedete sich Emma: „Also dann, pass gut auf alle hier auf. Mitkommen möchtest du nicht?“

„Nein, auf keinen Fall! Ich kann doch nicht meine Blumen hier alleine lassen.“

„Schon gut. War nur eine rhetorische Frage. Bis bald.“

„Viel Spaß.“ Verschwörerisch zwinkerte Amapola Emma zu.

Bosrak, der Gestaltwandler, hatte viel Zeit in Fanrea mit der Suche nach Yarkona verbracht, doch noch immer hatte er die Hexe nicht aufgespürt. Ein Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit durchdrang ihn, zudem musste er immer wieder an das Mädchen denken, diese Emma, die Gedanken an sie quälten ihn geradezu. Oft war ein schmerzhaftes Ziehen in seinem Herzen, das er verfluchte.

Deshalb war er zur Erde zurückgekehrt und saß zum wiederholten Male auf dem Komposthaufen in Emmas Garten. In seiner Lieblingsgestalt als Ratte beobachtete er das Gespräch zwischen Amapola und Emma. Dabei hörte er einige interessante Neuigkeiten über Emma.

Am liebsten hätte er sie angesprochen, als sie sich von Amapola verabschiedete, unterließ es jedoch aus Angst, sie zu erschrecken. Was hätte er sagen sollen? Was erwartete er von Emma? Ein Leuchten in ihren Augen, weil er sie verfolgte? Eher würde sie hysterisch kreischen und ihn wegjagen.

Immer wieder erinnerte sich Bosrak an die Begegnung mit ihr, unten im Verlies der Achillikrusse. Er sehnte sich nach der sanften Berührung ihrer Hände, vor denen er sich trotzdem ekelte. Seinen Namen hatte sie genannt. Bitte gesagt. Gemeinsam hatten sie das Schloss geöffnet.

Der Zwiespalt in ihm fraß sich in Bosraks Kopf hinein und machte ihn zornig. Besser war es, Wut und Hass zu empfinden, diese Gefühle waren ihm vertraut. Sehnsucht und andere Regungen des Herzens taten ihm weh, bohrten in ihm und hinterließen blutende Wunden, die er mit Zorn und weiterem Hass verschließen musste.

Wie dumm er war, an ihre Berührungen auch nur zu denken? Verzweifelt verließ er den Komposthaufen und rannte zurück zum Weltentor, auf der Flucht vor sich selbst und seinen Sehnsüchten. Die Suche nach Yarkona musste fortgesetzt werden, sie war seine Herrin und zu ihr gehörte er. Zunächst würde er in das Hexenhaus zurückkehren und dort eine Weile auf sie warten. Danach könnte er den Radius erweitern und bis in die Bergwelt Fanreas vordringen. Für ihn als Gestaltwandler war das kein Problem und als Sarkan läge ihm die Welt zu Füßen und er war in der Lage, riesige Entfernungen zurückzulegen.

Gerade umarmte Esther ihre Schwester Marlene zur Begrüßung und steckte ihr heimlich eine größere Summe Geld in ihre Jackentasche. Esther wusste, wie knapp die Familie bei Kasse war und ihr selbst ging es durch Jamies Erbe ziemlich gut. Wenn Marlene die Scheine bemerkte, wäre diese peinlich berührt und würde das Geld ablehnen, doch das war Esther egal. Hauptsache, sie konnte ihrer Schwester helfen.

Die Umarmung ihrer drei Geschwister zum Abschied ließ Emma geduldig über sich ergehen. Vor ihrem Abenteuer in Fanrea wäre das undenkbar gewesen, aber nun war Emma viel netter zu ihnen. Letztens hatte sie sogar mit Lara „UNO“ gespielt ohne zu streiten und das war echt sensationell.

Jakob quäkte: „Du sollst nicht gehen, bleib hier.“

Max dagegen stellte Emma ein Beinchen, sodass sie stolperte. Rüpelig boxte sie Max in den Bauch, aber bevor eine richtige Prügelei in Gang kam, trat Lara dazwischen: „Mann, seid ihr doof! Gleich ist Emma weg und dann vermissen wir sie. Vertragt euch.“

„Nee“, brummte Max.

„Bis dann, Blödi“, erwiderte Emma.

Zuletzt verabschiedete Emma sich von ihrer Mutter und brachte sogar ein „Ich hab dich lieb.“ zustande, während sie sich drücken ließ. Vor Rührung bekam Marlene feuchte Augen und wollte Emma noch etwas Urlaubsgeld zustecken, aber Esther verhinderte das, indem sie sagte: „Nee, nee, Schwesterherz. Das ist mein Patenkind und ich übernehme das mit dem Geld, sonst bin ich beleidigt. Endlich kann ich mal etwas Zeit mit meinem Schätzchen verbringen und nicht nur vor mich hin schrullen.“

Zu Emmas Geschwistern gewandt, versprach Esther: „Das nächste Mal seid ihr Kleinen dran mit Urlaub.“

„Bringt mir Lego mit oder Playmobil Piraten“, quengelte Jakob.

Endlich startete Esther den Motor und rollte mit Emma die paar Meter zu Ben hinüber, während Jakob unerlaubterweise neben dem Auto herrannte. Dort gab es eine erneute Abschiedsszene. Mattes weinte sogar und wollte seinen großen Bruder Ben überhaupt nicht gehen lassen. Die Eltern betrachteten ihren Sohn mit gemischten Gefühlen und fanden es befremdlich, dass er jetzt das erste Mal ohne sie in Urlaub fuhr.

Liebevoll umarmte Ben seine Mutter und flüsterte ihr noch schnell ins Ohr: „Mama, mach das mit deiner eigenen Praxis, du schaffst das. Erzähl Papa davon und hör auf, in dieser blöden Klapse zu arbeiten.“

Seine Mutter drohte kurz mit dem Finger: „Du sollst doch nicht Klapse sagen.“

Statt einer Antwort zog Ben eine Grimasse. Jetzt zog Tim seinen Sohn in die Arme, drückte ihn ganz fest und versicherte ihm: „Am liebsten würde ich mitkommen. In der Nähe von diesem Schloss kann man Rafting machen und angeln, da hätte ich auch Spaß dran. Vielleicht können wir im Herbst zusammen hinfahren?“

„Klar, mit dir immer gerne, Papa. Pass mir gut auf meinen Lieblingsbruder auf.“

Mattes stutzte: „So ein Quatsch! Du hast doch nur mich als Bruder.“

Ben prustete los und stieg zu Emma nach hinten ins Auto. Esther gab Gas und würgte erst einmal den Motor ab. „Oha, bin wohl etwas aus der Übung. Na ja, bis Frankreich hab ich mich warm gefahren.“

Ben schmetterte direkt los: „Dieser Weg wird kein leichter sein. Dieser Weg wird steinig und schwer!*“

„Also ich finde, Xavier singt deutlich besser als du“, konterte Esther und fuhr endlich los.

Ben grinste: „He, Esther, jetzt bin ich aber baff, du kennst Xavier? Wo ist eigentlich dein Navi?“

„Ich habe keins“, lachte Esther. „Ihr wisst doch, ich bin total altmodisch.“

„Also ich würde es eher voll verpeilt nennen. Du bist ja so was von out, Esther“, frotzelte Ben.

Kaum waren sie um die Ecke gekurvt, da hörten sie aus dem Kofferraum schimpfende Stimmen. Verwirrt schauten Ben und Emma sich an, als Esther fröhlich rief: „Jidell und Quidell, die Luft ist rein. Ihr könnt rauskommen.“

„Wer sind denn Jidell und Quidell?“, erkundigte sich Emma irritiert.

Esther schmunzelte: „Wartet es ab, aber erschreckt euch nicht.“

Die beiden Freunde drehten ihre Köpfe neugierig in Richtung Kofferraum. Plötzlich öffnete sich der Deckel einer beigen Korbtasche und heraus schauten zwei ziemlich große Rattenköpfe. Die kleinen Knopfnasen schnüffelten hungrig hin und her und einer der zwei maulte: „Esther, ich habe Hunger. Mein Bauch grummelt erdbebenmäßig.“

Wie hypnotisiert starrte Emma die Ratten an und fing fast an zu kreischen, doch sie beherrschte sich.

Ben dagegen staunte: „Sprechende Ratten. Esther, echt krass, deine Begleiter! Ich habe dir ja eine Menge zugetraut, aber so was nicht. Wo hast du die denn aufgegabelt?“

„Tja, die beiden Rattenbrüder sind Mitbringsel aus Fanrea von damals. Sie wohnen schon ewig bei mir im Haus und streiten den ganzen Tag.“

Wie zur Bestätigung ging es direkt los. Jidell blaffte: „Aber ich bekomme zuerst etwas zu essen, ich bin der Ältere!“

„Auf was du dir etwas einbildest. Drei Minuten bist du vielleicht älter, das ist ja wohl gar nichts. Außerdem bin ich der Schlauere, wie du vielleicht weißt und deshalb bin ich zuerst dran!“

„Pah, wie kommst du denn darauf, du und schlau. Da lachen ja die Hühner.“

Esther unterbrach die Zankhähne: „Schluss jetzt! Wollt ihr euch nicht mal vorstellen? Was ist das für ein schlechtes Benehmen.“

Sofort wandten die Ratten sich den Freunden zu und Jidell äffte Esther nach: „Oh, entschuldigt das schlechte Benehmen von meinem Bruder, er denkt immer nur ans Essen. Also ich bin Jidell. Ich bin der Äl….“

„Und ich bin Quidell. Ich heiße euch willkommen. Übrigens bin ich der Schlauere.“

„Nein, der bist du nicht …“

„Stopp!“, stöhnte Esther. Sie reichte zwei Äpfel nach hinten, auf die sich die Rattenbrüder gierig stürzten und Ruhe gaben. Laut schmatzend wurden die Äpfel vertilgt, Jidell grunzte zufrieden und Quidell flüsterte: „Lecker.“

Für Fips hatte Esther einen Kauknochen eingesteckt, den sie ihm zuwarf. Schwanzwedelnd machte sich Fips an ihm zu schaffen.

Schließlich wagte Emma die Frage, über die sie seit Fanrea nachdachte: „Was war eigentlich genau mit Leni und deinem Mann in Fanrea?“

Esther schluckte und antwortete dann mit belegter Stimme: „Mit dieser Frage habe ich gerechnet und ich werde euch nun endlich die Wahrheit erzählen. Ich bin es satt, immer mit diesen Lügen zu leben und wenigstens ihr sollt wissen, wie es wirklich war.

Mein Mann Jamie kam aus sehr reichem Hause, in dem er sich nie wohl fühlte. Erzogen wurde er in Texas für das Big Business des Öls, interessierte sich aber kein bisschen dafür. Er war das schwarze Schaf der Familie und auf der spirituellen Suche nach einem Sinn für sein Leben. Zwei Jahre lang reiste er durch die ganze Welt, bis wir uns in Amerika begegneten.“

Ein tiefer Seufzer ließ Esther innehalten und sie räusperte sich umständlich. „Ich hatte einen Schamanen, namens Telling Bear aufgetan, von dem ich lernen wollte, zu heilen. Ich wartete auf ihn in dessen Hütte. Irgendwann ging plötzlich die Tür auf und statt des Schamanen trat Jamie ein. So standen wir uns in der Einöde von South Dakota gegenüber und es war um uns geschehen.