Fantasio - Marion Stoll - E-Book

Fantasio E-Book

Marion Stoll

0,0
3,99 €

Beschreibung

Carl ist 16 und stark an Rockmusik und Mädchen interessiert. Er geht mit Gaby, der hübschesten Braut von der Schule. Partys mit seinen Freunden, Musik und Joints bestimmen sein Leben. Beim Besuch eines Musikclubs wird er von der um einige Jahre älteren Elfi verzaubert, der er hoffnungslos verfällt. Kann er zwei Mädchen gleichzeitig lieben? Die Clique, Gaby, Elfi, das alles wächst ihm über den Kopf. Er muss dringend die richtige Entscheidung treffen. Wird sich erfüllen, was er sich innerlich erhofft? Fantasio ist die Geschichte einer träumerischen, idealistischen Generation. Sie sind friedliebend, künstlerisch und anders, wollen auffallen und provozieren, sonst nichts. Der Roman schildert das Lebensgefühl Ende der Sechziger und zeigt, wie nicht nur die Hauptfigur, sondern auch der Rock ’n’ Roll seine Unschuld verliert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 394

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Marion Stoll, Gerd Stoll

Fantasio

Eine Lovestory in psychedelischen Farben

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Eine Stadt im Ruhrgebiet

Im Fantasio

Der erste Joint hinterlässt einen faden Beigeschmack

Ein bester Freund ist ein Geschenk des Himmels

Die Verlockung des schwarzen Vinyls

Ein Idol stirbt und eine Welt zerbricht

Und dann kam der Sommer

Herzbeben vor dem ersten Rendezvous

Sie waren nicht auf Woodstock

Mrs. Robinson lässt grüßen

Auf Buddy ist Verlass

Die letzten unbeschwerten Tage

Unschuldig und verführerisch

So sieht man sich wieder

Prickelnde Momente

Sie war keine Eintagsfliege

Gaby oder Elfi

Eine ganze Stadt im Ausnahmezustand

Buddy ist kein Spießer

Es war ihm schnurzpiepegal

Es roch ganz stark nach Verhör

Ein dreckiger Drogendeal

Die verdammte Kifferei

Love, Peace & Happiness

Morgens einen Joint und der Tag ist dein Freund

Vom Antiheld zum Superheld

Der Fantasio

Zimtmädchen

Sie duftete nach Lavendel

Abwarten und Tee trinken

Frohe Weihnachten

Wir sind quitt

Zwischen den Jahren

Ein Hauptgewinn

Hilfe, der Flokati brennt

Das Turnen lag ihm nicht

Kleinere Unfälle

England hatte er sich anders vorgestellt

Der Tänzer auf dem Seil

Endlich Telefon

Sport ist Mord

Cold Turkey

Wie eine Königin

Der Rock ’n’ Roll hat seine Unschuld verloren

Ein berauschender Kinobesuch

Warum sterben alle mit 27?

Eine Liebe geht zu Ende

Der absolute Traumberuf

Die Stimmung war A-Moll

Auflösungserscheinungen

Susanne

Aus dem blonden Engel wird ein schwarzer Teufel

Elf Songs gaben ihm Kraft

Leben wie die Indianer

Lysergsäurediethylamid

Verflixt, verflixt, verflixt

Armleuchter

Ihre letzte Reise

Quellennachweis:

Impressum neobooks

Prolog

Er war für seinen Freund Buddy eingesprungen, dem es seit einigen Tagen nicht gut ging. In einer viertel Stunde würde er es hinter sich gebracht haben, schätzte Carl und zog einen Stapel Zeitungen aus der Packtasche seines Fahrrads. Danach zur Schule, um acht, das war machbar.

Träge kroch die Sonne hinter den Dächern des Altstadtviertels hervor. Es war ein klarer Frühlingsmorgen. Das Licht veränderte sich, wechselte von Ultramarin und Violett nach Zinnober. Die ersten chromgelben Strahlen der aufgehenden Sonne überzogen die Stadt mit einem glänzenden Schimmer. Die Welt hatte ihre scharfen Konturen verloren und erhielt einen warmen Anstrich.

Begleitet vom Gezwitscher rivalisierender Spatzen und Elstern, verrichtete Carl seine Arbeit. Das Klappern der Briefkastenabdeckungen und das gelegentliche Einrasten des Fahrradständers waren die einzigen, von Menschenhand verursachten Geräusche.

Eine staubige Schmutzschicht hatte sich über Nacht auf den von der Sonne erwärmten Blechen der an den Parkstreifen schlummernden Autos abgelegt. Der feine schwarze Staub kam aus den Schornsteinen der naheliegenden Stahlwerke, war allgegenwärtig.

Gelbgoldene Forsythien hatten sich in den Beeten unter den Fenstern der Wohnhäuser ausgebreitet, und an den Straßen blühten die Kastanienbäume, boten einen angenehmen Kontrast zur grauen Tristesse der Häuser aus der Gründerzeit. Bald würde die Stadt erwachen und die Bewohner ihren Beschäftigungen nachgehen.

Viel zu früh wurde die morgendliche Großstadtidylle von einem alles durchdringenden Geräusch zerstört. Vier Streifenwagen jagten mit eingeschaltetem Martinshorn durch die engen Häuserschluchten wie in einem französischem Krimi Noir. Aus allen Himmelsrichtungen schossen sie heran und legten vor dem Eingang eines mehrstöckigen Wohnhauses eine Vollbremsung hin. Kreuz und quer kamen sie mit quietschenden Reifen zum Stehen und blockierten mit eingeschaltetem Blaulicht die Straße.

Die Vögel waren still, und Carl hatte seine Arbeit unterbrochen.

Der übernächtigte Einsatzleiter Peter Kramer blickte durch die Frontscheibe seines Einsatzwagens und fuhr sich mit der Hand über sein unrasiertes Kinn. Die Kontrolllampe des Funkgerätes blinkte grün, die Stimme aus dem Lautsprecher von einer Störfrequenz überlagert.

Während sein Kollege auf dem Beifahrersitz die oberen Etagen des Wohnhauses mit den Augen absuchte, nahm Kramer den Hörer vom Armaturenbrett. „Regulär wär ich längst in der Kutsche. Scheiß Nachtdienst“, beklagte er sich, schaltete auf Senden und gab den finalen Befehl. „Wir gehen da jetzt rein! Seid ihr bereit?“

„Vorsicht ... Person ist bewaffnet ... Ende!“ Die Information kam aus der Zentrale über Lautsprecher herein und wurde von einem Rauschen und Frequenzbrummen begleitet.

„Dann wollen wir mal“, sagte Kramer zu seinem Kollegen und öffnete die Fahrertür.

Mehrere Polizeibeamte mit kugelsicheren Westen sprangen gleichzeitig aus den Streifenwagen. Auf Kramers Handzeichen entsicherten sie ihre Schusswaffen und rannten zum Hauseingang. Vorbei an überquellenden Briefkästen bewegten sich die Polizisten geschmeidig hinauf in die zweite Etage. Kramer deutete auf eine Wohnungstür, die zwei seiner Kollegen rechts und links mit im Anschlag gehaltenen Pistolen absicherten. Der gezielte Fußtritt eines weiteren Beamten ließ die Tür krachend auffliegen.

Mit erhobenen Waffen durchkämmten die Männer Zimmer für Zimmer. Überall stapelten sich Berge von Hausmüll, schmutzige Wäsche auf dem Boden verstreut.

Und mittendrin, eingehüllt in einer fleckigen Decke, die gesuchte Person, dösend in einem Sessel, vor dem rauschenden Testbild des Fernsehers. Ein kleiner Ganove aus dem Rotlichtmilieu; ungepflegt und unbedeutend, so wie er es die ganzen 36 Jahre seines Lebens immer gewesen war.

„Irgendwie ist hier keiner richtig auf Sendung“, bemerkte Kramer. „Durchsucht jeden Winkel in diesem Rattenloch!“ Dann wendete er sich der Person zu. „Herr Schneider?! Herr Wolfgang Schneider?!“

„Heiliger Bimbam. Wie bei Hempels unterm Sofa“, kam eine Stimme aus dem Nebenraum.

„Was gibts? Was wollt ihr?“, lallte der Hausherr und versuchte sich zu orientieren.

„Sie sind vorläufig festgenommen“, sagte Kramer emotionslos.

Einer der Beamten zeigte Kramer triumphierend eine Tüte mit weißem Inhalt und eine Pistole.

Kramer nickte sachlich. „Weiter so! Sucht jede Ritze ab!“, ordnete er an und widmete sich wieder der Zielperson. „Und jetzt zu ihnen, Herr Schneider. Ihnen werden folgende Vergehen vorgeworfen: Unerlaubter Waffenbesitz, Zuhälterei, Drogenbesitz und schwere Körperverletzung in drei Fällen. Ich glaube das genügt. Abführen!“

Wolfgang befand sich immer noch im Tiefenrausch, und deshalb konnte ihn das nicht erschüttern. „Ist denn schon O… Ostern?“, fragte er, als hätte er eine wichtige Verabredung verpasst.

„Der Osterhase kommt erst in vier Tagen“, sagte Kramer. „Heute ist Dienstag, der erste April neunzehnhundertneunundsechzig.“

Eine Stadt im Ruhrgebiet

„Die Proletarier aller Länder werden sich zum Klassenkampf vereinigen. Die Arbeiterklasse wird die Diktatur des Kapitals durch eine Diktatur des Proletariats ersetzen, das Kapital stürzen und eine klassenlose Gesellschaft einführen. Nieder mit der Bourgeoisie. Es lebe die Revolution, es lebe die Arbeit – auf dass die Sonne ohne Unterlass scheine ...“

„Das reicht, Gonzo.“ Udo hatte genug gehört, probierte einen strengen Gesichtsausdruck. Seine 17 Jahre kaufte ihm trotzdem keiner ab, war körperlich irgendwo zwischen 11 und 13 stehen geblieben. Urplötzlich verbogen sich seine mädchenhaften Gesichtszüge zu einem schelmischen Grinsen. „So ein Quatsch. Du willst die eine Diktatur aufheben, nur um sie gegen eine andere Form der Alleinherrschaft zu tauschen? Und an diesen Blödsinn glaubst du? Wie soll das funktionieren?“

Gonzo zuckte mit den Achseln, ließ die Mundwinkel nach unten fallen. Er war gerade 17 geworden, hatte bereits eine klare Vorstellung von der eigenen Zukunft. Der kantige Gonzo. Er hieß Uwe Gonszcorek. Zu kompliziert, meinte sein Pauker, hatte ihn kurzerhand Gonzo genannt. Dabei blieb es. Ein unaussprechlicher Name, reduziert auf fünf Buchstaben. Konnte es etwas Perfekteres geben? Gonzo träumte von einer kommunistischen Staatsform, ließ keine Gelegenheit aus, seine Mitmenschen von seiner Gesinnung zu überzeugen.

Udo war noch längst nicht fertig. „Nee, mein Lieber, da ist der nächste und der übernächste Klassenkampf praktisch vorprogrammiert. Und das steht alles in diesen Büchern?“

„Logo. Marx, Engels, Trotzki, Mao Tse-tung, alles Experten auf diesem Gebiet“, gab Gonzo eifrig zurück.

„Und Rudi Dutschke“, ergänzte Carl lethargisch. Carl war ein typisches Kind des Kohlenpotts. Aufgewachsen im Zentrum der Arbeit, unter Stahlkochern und Bergleuten, befürwortete er ebenfalls einen Machtwechsel, allerdings eher einen sozialdemokratischen.

Bevor sie den Burgwall überquerten, stärkten sie sich an einem belebten Imbisswagen am Ende der Brückstraße mit Pommes Rot-Weiß.

Udo legte seine Pommesschale auf dem Stehtisch ab und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger und angewinkeltem Daumen eine Schusswaffe an. „Dutschke war für unsere verlogene und korrumpierbare Gesellschaft zu unbequem und musste schnellstens von der Bildfläche verschwinden, wenn ich mich nicht irre. Bumm! Problem gelöst. So und nicht anders werden die Dinge in unserem System geregelt.“

„Der lebt doch noch, soviel ich weiß“, meinte Carl.

„Der kommt nicht mehr zurück“, sagte Udo. „ Achte drauf!“

Gonzo schüttelte verächtlich den Kopf, hob verständnisringend die Hände in die Luft, und dann brach es aus ihm heraus: „Mein Gott, müssen denn immer nur die Guten dran glauben? John F. Kennedy, Che Guevara, Martin Luther King ...“

Die Lichtspielhäuser spuckten ihre Besucher aus, und für kurze Zeit herrschte Hochbetrieb, als wäre Sommerschlussverkauf. Das Publikum entschwand in alle Winde, und plötzlich war es wieder still. Wortlos hatten sie ihre Portionen aufgegessen. Die Zigarette danach rauchten sie unterwegs.

Es gibt immer ein erstes Mal: der erste Kuss, der erste Sex, die erste Zigarette oder der erste Kontakt mit Drogen. Und um Letzteres drehte sich ihre heutige Mission. Sie waren mit Buddy im Fantasio verabredet. Wie oft hatte ihnen der Angeber von seinen Verbindungen zur Unterwelt erzählt und wie leicht es sei, an vernünftiges Haschisch zu kommen.

Bald tauchten sie in den berüchtigten Bereich der Nordstadt ein. Ganz in der Nähe, nur ein paar Häuserecken weiter, befand sich das Rotlichtviertel. Nüchtern, funktionell und unaufgeregt.

Bunter und viel lauter hatte Carl sich die Gegend vorgestellt. Mit Scharen von vergnügungssüchtigen Menschen, wie auf einem Jahrmarkt. Wenn er hierher kam, war er stets enttäuscht. Wenigstens ein paar grelle Leuchtreklamen hätten sie hie und da anbringen können. Er hatte mal wieder das Gefühl, sie bewegten sich in der verbotenen Zone eines Militärsperrbezirkes. Alkoholisierte Gestalten kreuzten ihren Weg. Strichmädchen in kurzen schwarzen Lederröckchen mit roten oder gelben Lackstiefeln, Bettler, die sie nach ’ner Mark anhauten, Drogendealer, die ihnen ihren Stoff anboten. Und Freier, die eine Hauswand anpissten. Wo sie hinsahen, Sumpf, nichts als Sumpf. Sie waren zu dritt und fühlten sich einigermaßen sicher in ihrer Haut.

„Da vorn ist es“, sagte Gonzo endlich und zeigte grinsend seine freiliegenden Zahnreihen.

Gott, dieser jämmerliche Anblick. Gonzos Schneidezähne, zu dünnen Stiften abgeschliffen, ragten wie Stalaktiten aus seinem Oberkiefer. Bei einem Sturz mit seiner NSU-Quickly war er über den Lenker gegangen, hatte sich beim Aufprall auf dem Asphalt die Zähne abgeschlagen, praktisch halbiert. Überall erzählte Gonzo die Version von einer wüsten Kirmesschlägerei mit den Stollenpark-Boys. „Guckt euch das an, Leute! Genau hier“, machte den Dracula, „genau hier haben mich die feigen Schweine mit der Fahrradkette erwischt.“

Gonzo genoss die Bewunderung, die er jedes Mal nach seinem schauspielerischen Vortrag erntete. Noch. Bald würden zwei nagelneue Jacketkronen die Verunstaltung kaschieren.

Gonzo stoppte abrupt ab, zerrte an der Klinke einer verrosteten Stahltür. Der Eingang zur Diskothek – FANTASIO.

Im Fantasio

Ein schwerer Vorhang aus Loden gab den Weg in einen katakombenähnlichen Gang frei. Dichtes Menschengedränge, rauchgeschwängerte Luft, ein lauter Schwall Orgelmusik und eine Überdosis Patchouli schnürten Carl die Kehle zu. Er fühlte sich erdrückt. Schleieraugen, fettige Haare, Rauschebärte, rote Kussmäuler und torkelnde Gestalten huschten beängstigend nah durch sein Blickfeld. Wer sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, saß zusammengekauert auf dem Fußboden. Unter den Schuhsohlen das Gefühl von zertretenem Glas und klebrigem Allerlei, in der Nase der süßlich beißende Geruch von Verwesung.

Unsicher auf den Beinen, hielt sich Carl dicht hinter seinen Kameraden. Körperkontakt halten, den Anschluss nicht verlieren, sein einziger Gedanke.

Sie stießen in eine gewölbeähnliche Halle vor. Zu diesem Zeitpunkt hatte er den Überblick längst verloren, sein Peilsender die Funktion eingestellt, funkte nur noch S.O.S. Ein einziges Labyrinth, vollgestopft mit Menschen und Dreck, das Fantasio, ein in sich geschlossener Mikrokosmos. Du öffnest diese Stahltür und befindest dich in einer anderen Welt, mit ihren eigenen Regeln und Gesetzen.

Die Chance, in diesem Getrissel auf Buddy zu treffen, schätzte Carl nicht sehr hoch ein. Er musste innerlich schmunzeln. Jetzt dachte er schon dieses verdammte Wort, das Horst ständig benutzte. Getrissel. War es seine Eigenkreation oder gab es das Wort tatsächlich? Er wusste es nicht.

Stroboskoplicht. Carl blinzelte mit den Augen, hielt sich die Hand schützend darüber. Personen und Inneneinrichtung waren durch die Lichtreflexe und den an die Wände projizierten Spezialeffekte nur schemenhaft zu erkennen. Raumschiff an Erde. Raumschiff an Erde. Erbitte um Landeerlaubnis! Carl verlor erneut die Orientierung, heftete seinen Blick auf einen bestimmten Punkt des Raumes und war augenblicklich fasziniert. Farbbläschen an der Wand, die aussahen, als betrachte man Meeresquallen durch ein Mikroskop. Die verschiedenfarbigen Flüssigkeiten waren ständig in Bewegung, veränderten laufend ihre Formen, ja, es schien beinahe, als passten sie sich dem Rhythmus der Musik von Livin’ Blues an, in perfektem Einklang, ein übernatürlicher Groove.

Eine Hand legte sich auf Carls Schulter. Der sofort einsetzende Adrenalinschub ließ ihn blitzartig herumschnellen. Er blickte in Buddys bübisch grinsendes Gesicht. Seine Anspannung verflog, die innere Verteidigungsbereitschaft baute ab.

Buddy war schon 19, strotzte vor Kraft. Seine Falsettstimme ging in dem Getöse fast unter, wirkte dennoch ungemein beruhigend. „Hi, Leute, pünktlich wie die Maurer. Na, wie gefällt euch der Schuppen?“

Carl fing an, die Atmosphäre zu genießen. Die laute Musik, das flirrende Licht, die bedrückende Enge. Er nickte anerkennend, klatschte Buddys Hand ab. „Intergalaktisch.“

Gonzo grinste schlitzohrig. „Ey, Charly, guck mal auf deinen Druckanzeiger. Hier ist genauso wenig Sauerstoff wie in einem Tiefseeaquarium.“

Udo nickte beipflichtend. „Die hydroponische Anlage muss kaputt sein. Und die Lichtverteiler funktionieren auch nicht.“

Als alle anfingen zu lachen, verstand Buddy nur Bahnhof. Und dann fiel Carl etwas auf. Stand da etwa ein Klavier in der Ecke, ganz hinten, am anderen Ende der Tanzfläche? Ja, doch, ein Klavier, jetzt sah er es deutlich.

Die Musik wechselte, das dahintreibende Winds of Change von Eric Burdon & The Animals beruhigte das aufgeheizte Publikum. Irgendetwas schien sich hinter dem Piano zu bewegen. Carl stieß Gonzo an, deutete mit dem Zeigefinger in die Richtung. Die rhythmischen Lichtblitze ließen jeweils nur für eine hundertstel Sekunde erahnen, was da hinten vor sich ging. Zwei ineinander liegende Beinpaare erzählten Bände.

Buddy schüttelte Zigaretten aus seiner Schachtel und bot sie gönnerhaft an.

„’ne echte Aktive“, sagte Gonzo anerkennend und beschnupperte genüsslich sein Geschenk.

„Habt ihr die Kohle?“, fragte Buddy, sah sich immer wieder nach allen Seiten um.

Gonzo kramte in seinen Taschen und drückte Buddy einen Haufen verknüllter Geldscheine in die Hand.

Buddy ließ das Papiergeld, ohne es eines Blickes zu würdigen, in die Tasche seiner Kampfjacke verschwinden. „Wie viel ist es?“

„Dreißig Mäuse“, sagte Gonzo mit todernster Mine. „War doch so abgesprochen, oder?“

„Bin in einer viertel Stunde zurück, ihr wartet besser hier.“ Buddy hatte es eilig und sah, dass Carl gerne mitgehen würde. „Ist noch was?“

„Nee. Ist schon gut, Buddy. Alles lässig.“ Carl verfolgte Buddy mit seinen Augen, sah wie er einige Treppenstufen erklomm und eine zweite Ebene betrat. Buddy drängte sich vorbei an dem langen Tresen aus dunklem Holz. Gut ein Dutzend Männer lehnten daran, beobachteten aus erhöhter Position das Geschehen wie Aufseher im Zoo. Um die 30 Jahre alt mochten sie im Schnitt sein, schätzte Carl, und verwegen sahen sie aus. Klar, Rocker! Das waren Rocker, keine Halbstarken. Sie waren angetrunken, soffen Bier aus Flaschen. Und das war auffallend, weil sonst niemand etwas trank. Kein Eintritt! Kein Umsatz! Was war hier los?

Udo interessierten die Details, kontrollierte die Tragfähigkeit der Bühnenkonstruktion, beäugte die Bretterbude, die darauf aufgebaut war. Er kam ins Gespräch, redete mit Leuten, die sich auskannten und erfuhr, dass dieser Kasten den Musikern als Backstage-Bereich diente, in dem sie sich nach den Auftritten zurückziehen konnten. Bei ausverkauften Konzerten kletterten hin und wieder Zuschauer oben drauf. Die Kabine hielt. „Solide Arbeit“, befand Udo und wandte sich wieder seinen Begleitern zu. „Hallo ihr Saubermänner, nun habt auch ihr Dreck am Stecken, wenn ich mich nicht irre. Ha, Ha, Ha! Wie fühlt sich das an? Na?“ Er kicherte in sich hinein. „Dreck am Stecken.“ Udo stupste Carl in die Seite. „Das Schönste am Hunger ist, dass er einen Appetit macht.“

Das war für Carl jetzt zu hoch. „Wie?“

„Nietzsche, das ist von Nietzsche“, klärte Udo seinen Freund auf.

Carl nickte zustimmend, so als sei er im Bilde.

Gonzo befummelte das Atomgegnerzeichen auf dem Ärmel von Carls Parka. „Hey, das ist stark. Alter, einfach irre.“

Sie setzten sich auf den Rand der Bühne, vertrieben sich die Zeit mit Zigarettenrauchen. Carl genoss das Slide-Gitarren-Intro von Johnny Winter, während das gemächliche Treiben der Club-Besucher wie ein Film im Zeitlupentempo vor seinen Augen ablief. Diese Platte von Johnny Winter, die musste er haben, unter allen Umständen. I love everybody. Total abgefahren.

Buddy kehrte vor Ablauf der Zeit zurück, hatte sein typisches Alles-paletti-Grinsen aufgesetzt, so wie er es immer machte, das Lächeln eines Siegers, und in diesem Fall schwang ein wenig die Vorfreude mit. „Alles klar Jungs, lasst uns von hier verschwinden“, sagte er und kniff Gonzo ein Auge zu.

„Rücksturz zur Erde“, warf Udo ein und gab Carl einen Klaps auf die Schulter.

„Whisky?“, fragte Gonzo.

Buddy nickte, führte seine Kumpel durch den Irrgarten in Richtung Ausgang. Neue Besucher pressten sich ihnen entgegen, ein nicht enden wollender Strom von jungen Menschen. In dem langen Gang war es viel zu eng, unweigerlich kam es zum Stau. Etwa fünf Meter von Carl entfernt begrüßte Buddy ein Mädchen, der übliche Small Talk.

„Hi, Buddy, wollt ihr etwa schon gehen?“, fragte sie.

„Hi, Elfi, ja leider. Müssen noch woanders hin“, gab er zurück.

Es wurde gedrückt und Buddy weiter Richtung Ausgang getragen. Und dann standen sie sich gegenüber, Kopf an Kopf. Carl spürte ihren warmen Atem, von dem eine gewisse Frische ausging. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Einen Atemzug lang sahen sie sich wie elektrisiert an, und das genügte, um ihn aus der Umlaufbahn zu schleudern. Er erhielt einen kleinen Schubs von hinten, das brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Haltsuchend klammerte er sich an sie, sein Gesicht vergrub sich in ihren blonden Haaren, seine Hände berührten zufällig ihren Busen, und ihr Kichern brachte ihn um den Verstand, beförderte ihn in den interstellaren Raum.

„Nicht so stürmisch, du kleiner Draufgänger!“, sagte sie.

„Tschuldigung“, meinte er, „war nicht extra. Fühlt sich aber echt klasse an.“

Elfi fühlte sich geschmeichelt, und dieser junge Mann schien ihr zu gefallen. „Hey, du! Ganz schön frech bist du.“

Sie wurden in verschiedene Richtungen weitergeschoben wie auf automatischen Rollbändern.

„Bist du öfters hier?“, rief Carl gegen den Lärm an.

„Was? Ich versteh nichts.“

„Kommst du morgen wieder hier hin?“, versuchte es Carl erneut.

Elfi zuckte mit den Schultern, deutete an, ihn nicht verstanden zu haben. Sie verloren sich aus den Augen, Carl blickte noch einmal zurück, da war sie bereits in der Menge untergetaucht, verdeckt von unzähligen Köpfen. Und am liebsten wäre er auf der Stelle umgedreht, hätte gerne mit ihr geredet oder sich für den nächsten Tag verabredet, an einem anderen Ort, nicht in diesem Drallkasten. Doch an diesem Abend gab es kein Zurück für ihn, das sah er ein.

Es tat gut, wieder Frischluft einzuatmen. Carl trat als Letzter auf den Gehsteig. Gonzo blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zwei Prostituierten hinterher.

„Wer war das, Buddy?“, wollte Carl wissen, hatte seine Frage bis jetzt aufschieben müssen.

Buddy deutete auf die beiden Frauen, denen Gonzo immer noch hinterher sah. „Was die? Darauf fährst du ab? Echt jetzt?“

„Jetzt tu nicht so blöd. Du weißt genau, wen ich meine. Wer sie ist, will ich wissen.“

Buddy schaute zu Gonzo und Udo, die ein Schnick-Schnack-Schnuck-Spiel angefangen hatten. „Betriebsgeheimnis“, sagte er kurz und bündig.

Carl nickte kühl, fühlte sich verschaukelt. „Verarsch mich nicht. Hör auf mit diesem Scheiß. Sag mir einfach, wer sie ist! Verstanden, Buddy!“

„Schlag sie dir aus dem Kopf, Charly!“

Carl stieß Udo an. „Ey, sag mal! Wer war das Teil?“

„Was denn für ’n Teil?“, sagte Udo beiläufig, ganz auf sein Spielchen mit Gonzo konzentriert.

„Sie ist nicht deine Kragenweite, Charly“, winkte Buddy verächtlich ab.

Gonzo und Udo eröffneten eine neue Spielrunde. „Schnick. Schnack. Schnuck“, sagten sie zeitgleich.

Carl stand kurz davor, den Geduldsfaden zu verlieren. „Buddy!“, fauchte er.

„Brunnen“, hörte Carl Udos zarte Stimme.

„Schon gut. Schon gut“, gab Buddy nach. „Sie heißt Elfi. Aber vergiss sie schnell wieder! Lass deine Finger davon!“

„Deckel“, sagte Gonzo und hielt Udo die flache Handfläche über die zu einem angedeuteten Brunnen geformte Hand.

Carl forderte Buddy mit wilden Handbewegungen auf. „Und? Weiter? Wie heißt sie mit vollem Namen?“

„Papier, du Dussel! Das heißt Papier, Gonzo“, sagte Udo belehrend.

„Mein Gott, Charly, du kannst einen vielleicht löchern. Das ist Elfi und damit basta. Wenn du dich absolut lächerlich machen willst, lauf ihr doch hinterher. Ja, los, geh schon!“

„Du kannst mich mal“, murmelte Carl in sich hinein und wollte sich abwenden. Doch dann: „Und weißt du was?“

„Nee“, gab Buddy prompt zurück.

„Bring sie beim nächsten Mal mit. Verstehst du? Du wirst sie einfach mitbringen!“

„Mann, Mann. Du hast vielleicht Nerven. Kannst du abhaken, Charly!“, sagte Buddy und schüttelte grinsend den Kopf. „Du alter Draufgänger.“

Carl spürte, dass Buddy weitaus mehr über Elfi wusste, als er preisgegeben hatte. Details würde er aus ihm heute nicht herausbekommen.

Während sie sich von der Straßenbahn zurück in ihren Vorort schaukeln ließen, brachte allein der Gedanke an das kleine Tütchen in Buddys Jackentasche ein Gefühl in Carl hervor, als seien sie Schwerverbrecher oder so was Ähnliches. Die Jungs wirkten angespannt, redeten während der ganzen Fahrt kein einziges Wort. Erst beim Verlassen der Bahn löste sich bei Carl die innere Verkrampfung, die mit jedem Schritt in der kühlen Nachtluft etwas mehr nachließ. Er dachte jetzt nur noch an das blonde Wesen aus dem Fantasio, das er hoffentlich bald wiedersehen würde.

Der erste Joint hinterlässt einen faden Beigeschmack

War Whisky ein echter Hippie? Natürlich. Oh, ja. In Carls Augen war er das. Mit Haut und Haaren. Whisky brachte alle Voraussetzungen mit, die einen wahren Hippie auszeichneten, in seiner Erscheinung unkonventionell, lehnte die Lebensweise der Gesellschaft ab. Stattdessen setzte er auf immaterielle Werte wie Frieden, Glück, Liebe und Toleranz. Ganz nebenbei verkörperte er das Ruhrgebiet mehr als alle miteinander. Den Kohlenpott-Slang beherrschte er bis zur Perfektion. Wenn er sie zum Beispiel mit seiner unverkennbaren Reibeisenstimme aufforderte: „Dann lass uns mal einen verkasematucken!“, so hieß das nichts anderes, als die mit billigem Korn gefüllten Wassergläser in die Hand zu nehmen und den Inhalt in einem Zug hinunterzustürzen.

Whisky hatte sich in einem zum Abbruch freigegebenen Gebäude häuslich niedergelassen. Eine Genehmigung besaß er nicht. Miete zahlte er ebenfalls nicht. Es war nur eine alte Baracke, heruntergekommenes Fachwerk, nichts Historisches oder so. Durch die Fenster zog es wie Hechtsuppe, bei Sturm konnte es einem die Kerzen auf dem Couchtisch ausblasen. Der alte Kohleofen vom Klüngelkerl war ein wahrer Glücksgriff für Whisky. Der reinste Allesbrenner, altes Bauholz, eine Kiepe voll Eierkohlen oder ein Bündel Briketts ließen sich überall leicht auftreiben. Und was das für eine mollige Wärme erzeugte ...

Irgendwann würden die Behörden den Laden dichtmachen. Solange dies nicht geschah, hatten sie eine wichtige zentrale Anlaufstelle und Whisky eine Bleibe mit einem festen Dach über dem Kopf.

Whisky lebte von Stütze, und das ganz gut, für Bier, Tabak und Schallplatten langte es. Wie er das allerdings mit seinem VW-Bus deichselte, blieb sein Geheimnis. Was hatten sie nicht alles damit erlebt. Zum Baden an die Möhnetalsperre waren sie gefahren, zum Altbiertrinken nach Düsseldorf, zum Angeln an die Ruhr oder sie gondelten ziellos in der Gegend herum.

Carl war vernarrt in diesen Wagen. Hinten war der komplett mit Schaumgummimatratzen ausgelegt, und die Neugierigen wurden durch blickdichte Vorhänge mit Blümchenmuster ausgesperrt. Die mit dem Autoradio verbundenen Lautsprecherboxen im Heck verrichteten problemlos ihre Arbeit und vermittelten das Gefühl einer bis dahin nicht gekannten Freiheit – Musikvergnügen ohne Lautstärkebegrenzung. Auf den Seitentüren prangten riesige Atomgegner-Zeichen, aufgemalt mit schwarzer Farbe. Aus den kreisrunden Symbolen liefen die überschüssigen Farbreste senkrecht nach unten, und niemand hatte es für nötig befunden, sie rechtzeitig abzuwischen. Jetzt hafteten sie auf dem schlüpferblauen Lack des Wagens wie ein Kunstwerk von Picasso oder so.

Es kam ihnen manchmal vor wie eine Karussellfahrt, wie eine Achterbahnfahrt oder wie in einer Kirmesraupe, wenn sie hinten im Bus auf den Matratzen Platz genommen hatten. Durch die Zentrifugalkräfte kollerten sie hin und her wie die Metallkügelchen in einem dieser handflächengroßen Irrgartenspielchen, während Whisky vorne ordentlich aufs Gas drückte, mit Schmackes durch die Kurven driftete und an irgendeinem stillen Plätzchen mitten im Schwerter Wald stoppte. Warum machte Whisky das alles, fragte sich Carl. Er war erwachsen und mindestens zehn Jahre älter.

Carl fühlte sich auf eine ganz besondere Art und Weise zu ihm hingezogen. Von diesem Kerl ging nicht der geringste Funke von Gewalt aus, obwohl er nach seinem Äußeren mühelos als Komparse in einem Wikingerfilm hätte mitwirken können. Whisky behandelte seine jungen Freunde wie gleichberechtigte Erwachsene, und das war das Entscheidende. Niemand wusste seinen bürgerlichen Namen. Keiner fragte danach, es war nicht lebenswichtig. Sie spürten, dass es passte, und nur das zählte. Carl fragte sich allerdings, wie sein eigenes Leben in zehn Jahren aussehen möge. Er bewunderte diesen Typen. Echt. Doch hätte er im Ernst mit ihm tauschen wollen, sein Leben gegen das seinige? Eher nicht. War er am Ende gar ein Spießer?

„Habt euch hoffentlich nicht irgend so ein gestrecktes Zeugs andrehen lassen. Zeigt her den Stoff.“ Whisky rieb sich verschlafen die Augen, seine Stimme rau, als hätte er sich die Stimmbänder mit Sägemehl eingerieben.

„Der Stoff ist sauber, Whisky“, behauptete Buddy, zog ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und schnaufte sich kräftig die Nase. „Hab nur astreine Quellen.“

„Ja, ja. Werden wir gleich sehen.“ Whisky betrachtete das Päckchen und drehte das Piece vorsichtig aus dem Stanniolpapier. Er hielt eine Ecke des etwa fünf Zentimeter durchmessenden olivgrünen Bröckchens unter die Flamme seines Feuerzeugs, bis es leicht zu qualmen begann. Whisky schnupperte, anfangs etwas misstrauisch, doch flugs hellte sich sein Gesicht auf wie ein Sonnenaufgang über der Bucht von Saint-Tropez.

Alle warteten gebannt auf sein fachmännisches Urteil.

„Hmm ... Grüner Türke, scheint in Ordnung zu sein, Jungs. Dann lasst uns mal ’ne Kostprobe nehmen. Oder? “ Ohne zu fackeln begann Whisky mit den Vorbereitungen für den Bau eines Joints.

Carl wunderte sich über die unzähligen Gläser mit eingelegten Gurken, die sich in der Wohnung stapelten wie in einem unaufgeräumten Tante-Emma-Laden. Auf Fensterbänken, zwischen Büchern, auf Tischen und auf dem Fußboden. Udo und Gonzo hatten auf dem verschossenen Skaisofa Platz genommen, an der Wand darüber ein Che-Guevara-Poster, dass von einer einzigen Heftzwecke und einem Streifen Tesafilm gehalten wurde.

Zum unzähligsten Male kauten sie das Thema „Bed-in“ durch.

„Was sollte der ganze Mist“, ereiferte sich Gonzo, „da liegt der Kerl sieben Tage mit dieser japanischen Ische in einem holländischen Bett und demonstriert für den Frieden, und das Ganze wird in der Tagesschau gesendet. Und jetzt? Spricht noch irgendeine Sau darüber?“

Whisky nahm Buddy zur Seite. „Ich weiß jetzt schon, was als Nächstes kommt“, sagte er hinter vorgehaltener Hand.

Buddy grinste und nickte wissend, zog eine Grimasse und versuchte wie Gonzo zu klingen. „Wisst ihr was Lennon gesagt hat? Dies ist ein Werbespot für den Frieden.“

Und jetzt legte Gonzo seine Platte auf, fing bei null an. „Wisst ihr was Lennon gesagt hat? Dies ist ein Werbespot für den Frieden. Da lachen doch die Hühner. Hätte sie besser ordentlich flachlegen sollen.“

Whisky verdrehte gelangweilt die Augen, während er ein Stückchen Pappe aus einer leeren Zigarettenschachtel herausriss und daraus einen provisorischen Filter bastelte.

„Die Alte wickelt den guten John um den Finger, so wie sie ihn haben will“, sagte Udo jetzt. „Ich weiß gar nicht, was der an dieser Yoko Ono findet, ich meine, die sieht doch echt scheiße aus? Oder?“

„Es geht so“, meinte Carl. „Sieht nur 10 Jahre älter aus als der gute John.“

„Hat jemand Blättchen?“ fragte Whisky in die Runde. „Und könnt ihr bitte über etwas anderes reden?“ Er war genervt, offenbar ging es ihm nicht flink genug.

Udo kramte aus seiner Armeetasche ein Päckchen Zigarettenpapier und reichte es über den Tisch.

„Die benutzt ihn nur“, schaltete Buddy sich ein und strich sich mit den Fingerspitzen durch sein dichtes krauses Haar. „Der Frau geht es doch nur um die eigene Karriere. Wenn das man nicht der Anfang vom Ende ist.“

„Was meinst du damit?“, fragte Gonzo.

„Na ... das Ende für die Beatles.“

Whisky befeuchtete die Gummierung eines von zwei Blättchen mit seiner Zunge und klebte sie leicht diagonal aneinander, ein drittes setzte er quer dagegen. „Jetzt will ich euch was erzählen“, sagte er und legte den von Hand gerollten Filter in das überdimensionale Zigarettenpapier. „Die Beatles, die machen nie Schluss, die spielen noch zusammen, wenn sie im Altersheim sitzen, verlasst euch drauf.“

Kein Kommentar.

Whisky füllte die freie Papierfläche mit Tabak aus und erwärmte das Piece erneut mit dem Feuerzeug. Sobald es weich genug war, bröselte er etwas von der zähen Masse in das vorbereitete Tabakbett. Fingerfertig drehte Whisky eine, wie er es nannte, Tüte aus den Zutaten, am Ende des Filters dünn und nach oben hin immer breiter werdend. Das überstehende Papier am oberen Ende zwirbelte er zusammen und formte einen kleinen Papierdocht daraus. Fertig.

„Wer will?“ fragte Whisky und präsentierte den Joint als hätte er eine Miniaturbombe zusammengesetzt.

„Mach du selbst“, stammelte Gonzo, „hab so ’n Ding noch nie zwischen den Fingern gehabt.“

Nachdem Whisky die Spitze des Joints mit seinem Feuerzeug angebrannt hatte, klemmte er das Filterstück zwischen Zeige- und Mittelfinger, schloss die Hand zu einer Faust und nahm einen tiefen Zug durch die Öffnung zwischen Daumen und Zeigefinger. Er schloss seine Augen und spannte Kopf und Oberkörper leicht nach hinten. Auf diese Weise schluckte er den Rauch förmlich in sich hinein. Nach einer kleinen Ewigkeit stieß er den Qualm mit einem schnaubenden Geräusch durch die Nasenlöcher wieder heraus. Einen tiefen Zug später reichte er den Joint an Carl weiter.

Vor diesem Augenblick hatte sich Carl lange genug gefürchtet. Aussteigen ging nicht mehr. Und außerdem war er neugierig. Echt neugierig. Er machte alles richtig, genauso wie Whisky es vorgemacht hatte. Die erhoffte Wirkung indes blieb aus. Dafür bekam er einen Hustenanfall, und ihm wurde etwas übel, sonst nichts. Von Bewusstseinserweiterung und Trancezustand keine Spur.

Während der Joint in der Runde von einem zum anderen kreiste, achteten sie auf Whiskys Anweisungen.

„Verliert unterwegs bloß keine Asche! Die muss, solange es geht, dranbleiben. Die kostbaren Inhaltsstoffe sind da noch drin, müsst ihr wissen.“

Also wurde die rauchende Tüte nur ganz vorsichtig und mit äußerster Sorgfalt weitergereicht, wie eine Stange mit hochexplosivem Sprengstoff.

Udo verhielt sich professionell. Während er die Augen zusammenkniff und die Zähne aufeinander biss, inhalierte er so tief wie möglich. Dann lehnte er sich entspannt zurück und entließ den Rauch langsam aus der Nase.

Dagegen benahm sich Gonzo recht albern. Nach dem ersten Zug fing er an zu kichern und verdrehte die Augen, als wolle er in der nächsten Sekunde gen Himmel schweben.

Carl bezweifelte, dass der Stoff eine derartige Wirkung entfalten konnte, Gonzo spielte ihnen etwas vor, das war mehr als offensichtlich, und sie spielten sein Spielchen mit. Darum ging es letztendlich. Sie wollten sich irgendwie ausklinken, über den Wolken schweben, so richtig ausflippen, egal wie. Ein bisschen Schau ... Na wenn schon, war doch nichts dabei.

Buddy hatte einige Erfahrungen mit Drogen, prahlte ständig damit herum, was er alles so ausprobiert hatte. Er unterbrach sein Gespräch mitten im Satz für einen tiefen Zug aus der Tüte und redete sofort weiter. Den Rauch behielt er in der Lunge und schickte ihn mit jedem gesprochenen Wort stoßweise wie eine Dampflokomotive wieder hinaus. Gott, sah das vielleicht aus.

Der Joint zirkulierte. Sein beißender Geschmack hatte Carl durstig gemacht. Er öffnete eine Flasche Bier mit dem Feuerzeug und trank sie in zwei oder drei Zügen leer. Die Stimmen um ihn herum wurden gedämpfter, verflüchtigten sich in die Tiefe des Raumes, bis nur noch ein leises Murmeln zu hören war.

Musik dringt immer deutlicher an sein Ohr, wird lauter und lauter, es ist Street Fighting Man von den Rolling Stones. Er wiegt seinen Körper im Takt des Songs. Die Membranen in den Boxen wölben sich auf und ab, dem Platzen nahe. Licht. Blendendes Licht. Der Aschenbecher steht in hellem Flammenschein. Ein Knall. Scherben fliegen über den Tisch. Gurken kullern auf den Boden, und in dem Saft aus Essig schwimmt ein Tabaksbeutel wie ein gekentertes Schiff. Gekicher. Carl will sich eine Zigarette drehen und greift ins Leere, der Tabak ist weg, fortgespült. Im Schein der Flammen verschwimmt das Spiegelbild von Che Guevara in der Flüssigkeit. Che brennt, es lebe die Revolution. Von weit weg beängstigendes Geschrei. Er hört seinen Namen, und er will antworten, formt seine Lippen zu klanglosen Worten. Seine Stimme versagt. Die Musik wird leiser. Das Karussell hält an. Er blickt in grinsende Gesichter. Er hört Stimmen. Er hört Factory Girl von den Stones. Er hält etwas in der Hand.

„Hey, Charly, gehts wieder?“ Es war Buddy, der kräftig seinen Oberarm schüttelte.

Für den Zeitraum einer weiteren Umdrehung versuchte Carl, den Überblick zurückzugewinnen, strich seine schwarze Haarmähne aus dem Gesicht. Und plötzlich war alles wieder klar.

Sie saßen gemeinsam in Whiskys Wohnung und rauchten einen Joint. Zuerst blickte er in Whiskys grinsendes Gesicht und dann auf das Plattencover, dass er immer noch fest in der Hand hielt: Rolling Stones, Beggars Banquet. Und das Klo auf dem Klappcover erinnerte ihn an die Zustände im Fantasio. Dann grinste er wie ein Honigkuchenpferd oder so.

„Alles klar, Leute. Mit mir ist alles in Ordnung, hatte nur einen kleinen Durchhänger“, sagte er so ruhig wie möglich. „Hab alles unter Kontrolle. Wirklich. Mir war bloß ein bisschen schwindelig, sonst nichts. Aber der Stoff ist echt spitze, Leute.“

Ein bester Freund ist ein Geschenk des Himmels

Regen, Regen, Regen. Monoton gurgelte das Wasser aus den Dachrinnen durch die Abfallrohre. Ohne Unterbrechung. Meine Güte, konnte denn niemand diesen gottverdammten Regen abstellen? So ein trüber Nachmittag war die reinste Qual, zumal Carl seine Platten in- und auswendig kannte. Er musste raus, auch wenn es draußen weiter wie aus Kübeln schüttete.

Was er dringend brauchte: einen Leidensgenossen zum Reden. Warum konnte er sie nicht aus ihren Löchern hervorlocken? Mit Rauchzeichen oder Buschtrommeln. Wer besaß schon ein Telefon? Udos Mutter, aber sonst …

„Hallo Scharrlie, Udo ist nicht zu Hause, der besucht seinen Opa“, erfuhr er an der Haustür seines Kumpels. Und dann fragte er sich, warum Udo das nicht bereits morgens in der Schule sagen konnte. Natürlich wollte Udo seinen Opa anzapfen, ganz klar. Carl musste schmunzeln. Warum nur hatte ihn Frau Meyer so seltsam angesehen? Und dies vertraute Charly … Alle Erwachsenen nannten ihn Carl, so wie es in seinem Ausweis stand.

Die arme Frau. Als Udos Vater vor zwei Jahren bei einem Arbeitsunfall ums Leben kam, hatte sie einen Nervenzusammenbruch gekriegt, war völlig am Ende. Udo hat in dieser Zeit oft die Schule geschwänzt. Frau Meyer hatte ihr Leben wieder in den Griff bekommen, arbeitete seit kurzem halbe Tage in der Miederwarenabteilung bei Hertie, kümmerte sich um Udos jüngere Schwester Manuela und schmiss nebenher den ganzen Haushalt; bis auf den Garten des schicken Einfamilienhauses, dessen Pflege Udo übernehmen musste.

Allmächtiger, wie sie ihn angeglotzt hatte, und mit welcher Betonung sie seinen Namen ausgesprochen hatte? Scharrlie.

Er warf einen bewundernden Blick auf ihren Alfa Romeo, als sich der Himmel einen Spalt breit öffnete und die Sonne für die Festbeleuchtung sorgte. Roter Autolack, perlende Regentropfen und das tiefstehende Gegenlicht, eine perfekte Inszenierung, dem Zufall entsprungen.

Die feuchte Siedlungsbegrünung glitzerte samtig in der Sonne, in der Ferne ein alles überspannender gigantischer Regenbogen. Und wieder schlug das Wetter Kapriolen, Carl musste sich beeilen, neue Regenwolken verdunkelten den Himmel.

Bei Horst hatte er an diesem Tag mehr Glück. Frau Nadolny öffnete die Tür, und der Duft von gebratenen Kartoffeln erinnerte ihn daran, dass er seit dem frühen Morgen nichts wieder gegessen hatte.

Carl begrüßte Horsts Vater, mit dem er gerne über die alten Fußballzeiten und so Sachen quatschte. Oft genug hatte der alte Herr seine Fotoalben hervorgekramt und stolz die vergilbten Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Zeit gezeigt, als er die Liga bei Westfalia gerockt hatte.

Während Udo, Gonzo und Carl auf so eine verfluchte Realschule gingen, besuchte Horst verdammt noch mal das Gymnasium. Bildungstechnisch trennten sie ganze Welten. Klamottentechnisch waren sie auf demselben Level, und was die anderen Dinge des Lebens betraf, sowieso.

In Horsts Zimmer bogen sich die Regale unter der Last von mehreren hundert Büchern. Carl zog wahllos eines heraus und drehte es in seiner Hand. A.S. Neill, Summerhill – Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung.

„Antiautorität. Wie das klingt.“, sagte Carl nachdenklich. „Ist so ’ne Art Modewort, oder? Antiautorität in der Ehe, in der Schule, in der Familie, auf der Arbeit, Antiautorität allerorten.

„Das Buch kannst du von mir aus mitnehmen“, meinte Horst. „Alle Welt redet darüber, jeder hat es, niemand hat es zu Ende gelesen.“

„Nein, danke“, sagte Carl und starrte in die türkisblaue Skalenbeleuchtung des Marantz-Receivers, um den er Horst beneidete. Das obligatorische Poster von Che Guevara fehlte in Horsts Zimmer ebenso wenig wie der kackende Frank Zappa, der vom Donnerbalken auf sie herabblickte.

Die Musik von Otis Redding passte sich der Weltuntergangsstimmung an. Der peitschende Regen, der mit unvermittelter Wucht gegen die Fensterscheiben prasselte, verstärkte das Meeresrauschen bei Sittin‘on the dock of the bay um ein Vielfaches. Man hätte glauben mögen, die wilde See brach sich direkt vor Horsts Haustür.

Erst sprachen sie über Drogen. Später über Mädchen.

Sie erinnerten sich an diese Fete im Jugendheim, bei der Carl sich bis auf die Knochen blamiert hatte. Es waren die allerbesten Voraussetzungen: heruntergeregelte Notbeleuchtung wie in einem U-Boot auf Schleichfahrt und ein langsames Stück von den Walker Brothers.

Carl tanzte mit Karin den Klammerblues. Erst ein kleines Vorspiel, Knutschen mit Zungenschlag und so, und dann glaubte er, den passenden Moment erwischt zu haben. Mit seinen Händen tastete er genau die Teile ihres Körpers ab, die letztendlich den gravierenden Unterschied zwischen Männlein und Weiblein ausmachen. Die Sache lief irgendwie aus dem Ruder. Wie einen Killerhai hatte sie ihn angeglotzt, ihn lauthals aufgefordert, seine dreckigen Finger bei sich zu behalten. Ihre Brüllerei war bis in den letzten Winkel des Saales zu hören. Und als Kalle am Plattenteller die Scheinwerfer auf die beiden Tänzer gerichtet hatte, rannte sie heulend zu ihren Freundinnen.

Er hatte den Durchblick nicht behalten. Nur weil die Röcke der Mädchen von Tag zu Tag kürzer wurden, war das lange keine Aufforderung, sich von jedem dahergelaufenen Deppen befummeln zu lassen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Sie quatschten bis in den Abend hinein. Irgendwann hatte der Regengott ein Einsehen und legte eine Pause ein. Carl nutzte die Gelegenheit und machte sich wieder auf den Heimweg.

Die Verlockung des schwarzen Vinyls

„Kann ich mal in die Neue von Jefferson Airplane reinhören?”, bat Carl, und der Verkäufer zog ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.

„Das ist jetzt schon die fünfte Platte, wollt ihr euch nur bei mir aufwärmen oder auch was kaufen?”, beschwerte sich der Mann und reichte die schwarze Vinylscheibe über den Ladentisch.

Der Laden nannte sich nach dem Produkt, das er verkaufte: Die Schallplatte. Verkaufen, nicht kostenlos hören. Ab einem bestimmten Zeitpunkt, und der war im Voraus schwer abzuschätzen, hatte die Geduld des verständigsten Verkäufers ein Ende.

„Ich kann mich heute nicht entscheiden“, entschuldigte sich Carl und eilte zum nächsten freien Plattenspieler.

Horst stand Carl direkt gegenüber, zwischen ihnen lag verlockende Musik, gepresst und für die Ewigkeit konserviert auf Vinyl, Buchstabe K wie Kinks bis Buchstabe S wie Small Faces.

Carls bester Freund war ebenfalls 16. Er wirkte ständig gehetzt, so als sei er vor irgendetwas auf der Flucht. Ein Eindruck, der durch sein großes Körpermaß und den zerzausten Haaren verstärkt wurde. Mit diesen dickgepolsterten Kopfhörern auf dem Kopf sah Horst aus wie Charlie Watts im Tonstudio.

Horst spielte meist die progressiven Sachen: Cream, Doors, Fairport Convention und so Zeugs, permanent auf der Suche nach neuen Klängen.

„Ey, Alter, das gibts doch nicht, das Album musst du dir unbedingt reinziehen”, rief Horst verzückt, und zwar in einer Lautstärke, als sei Carl taub. Dabei wippte sein Kopf weiter im Takt der Musik auf und ab wie die Bohrpumpe eines Förderturmes. „Ich sag dir, das macht dich fertig“, setzte er nach.

Ein Dutzend Köpfe drehten sich gleichzeitig und vorwurfsvoll in Horsts Richtung. Grinsend zeigte ihnen Carl die zum V gespreizten Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand, das Zeichen für Victory. Der Hippiegruß, der symbolisch für Love & Peace stand, hatte sich inzwischen bei ihnen eingebürgert. Unter Gleichgesinnten gehörte er zum gängigen Begrüßungsritual, und wenn ihnen danach war, beglückten sie auch Spießer mit diesem Gruß.

Carl gab Horst zu verstehen, die Kopfhörer abzunehmen, mit diesen Dingern auf dem Kopf spricht keiner in Normallautstärke. Das hätten die Heinis, die verständnislos ihre Köpfe schüttelten wie diese dämlichen Wackeldackel, wissen müssen.

Die weibliche Angestellte hinter der Ladentheke lächelte Carl verschmitzt an. Süß, die Kleine, mit frechem Pagenkopf. Carl warf ihr einen Handkuss rüber und sie antwortete mit einem vergnügten Augenzwinkern.

Was Horst so in Verzückung versetzte? Eine Platte von Iron Butterfley: In-a-gadda-da-vida. Das Album enthielt auf der zweiten Seite nur ein einziges Musikstück von über siebzehn Minuten Länge. Das war vollkommen neu. Bislang betrug die Spieldauer der Titel in der Regel nicht mehr als drei bis vier Minuten. Neu war auch dieses blitzsaubere und bis dahin in seiner Länge ebenfalls ungewöhnliche Schlagzeugsolo im Mittelteil der Komposition. Es rief bei Carl eine Gänsehaut hervor. Die Nackenhaare stellten sich auf. Ganze drei Minuten flattern die Beats durch den Stereoraum. Mitten durch deinen Leib.

Carl kaufte das Album nicht. Warum? Weil die andere Plattenseite aus lauter musikalischem Füllmaterial bestand. Zwanzig Eier für eine halbe Platte? Und dieser lächerliche Text ... In-a-gadda-da-vida hieß nichts anderes als: Im Garten des Lebens. Vielleicht konnte es auch noch anders übersetzt werden. Im Garten Eden, das war auch eine Möglichkeit.

Es nutzte recht wenig, dass der Plattenverkäufer nachhaltig beteuerte, es handele sich um rare Importware aus Amerika, in Deutschland praktisch nicht erhältlich. Und außerdem sei das Stück in den Staaten zum Diskothekenhit Nummer Eins avanciert. Drogenrock nenne sich diese neue psychedelisch angehauchte Musikrichtung.

Carl hatte seine Entscheidung längst für sich gefällt, anstelle von Iron Butterfley wanderte an diesem Tag Ssssh. von Ten Years After in sein privates Plattenregal.

Horst hatte sich für Cream entschieden.

Ein Idol stirbt und eine Welt zerbricht

Immer seltener tauchte Elfi in Carls Gedanken auf. Ein paar Mal hatte er sich bei Buddy nach ihr erkundigt. Doch der hatte sie seit ihrer ersten Begegnung im Fantasio auch nicht wiedergesehen. Aus den Augen, aus dem Sinn? Nein! Sie war lediglich in den Hintergrund getreten. Es gibt einfach Dinge, die vergisst du niemals in deinem Leben. Auch nicht das, was dann geschah.

Es traf sie mit der ganzen brutalen Wucht, so wie es diese unfassbaren Schreckensnachrichten über Naturkatastrophen oder so taten, und sie wollten es erst gar nicht so recht glauben, dachten an eine Falschmeldung. Aber es war keine Zeitungsente, sämtliche Erklärungen und Artikel, die über dieses Ereignis berichteten, waren unzweifelhaft echt. Diesmal hatte es einen von ganz weit oben getroffen, einen von den ganz Großen. Sie brachten es als Sensation in den Abendnachrichten.

Brian Jones, Mitbegründer und Gitarrist der Rolling Stones, wurde tot in seinem eigenen Swimmingpool aufgefunden. Er starb mit 27 und hatte den Großteil seines Erwachsenenlebens im Rampenlicht gestanden. Und jetzt ... elendig abgesoffen? Offizielle Todesursache laut Obduktionsbefund: Leberversagen.

Einen Ersatzgitarristen hatten sie bereits am Start. Mick Taylor wechselte von John Mayall’s Bluesbreakers zu den Steinen.

Sie hatten sich für den Abend im Masterpiece verabredet, einer kleinen Vorstadtkneipe mit Stil und guter Musik. Den Bernie kannten sie persönlich. Der war auf derselben Schule gewesen, zwei Jahrgänge über ihnen. Den Laden hatte er direkt nach seinem verkorksten Schulabschluss übernommen und seitdem nichts anderes mehr gemacht. Der Rote. So nannten sie ihn wegen seiner feuerroten Haare.

Gonzo konnte endlich wieder normal zubeißen, hatte seine Zähne überkront bekommen. Und einen kleinen Spitzbart hatte er sich wachsen lassen, wirkte insgesamt verwegener. „Scheiße, er war mein Lieblingsgitarrist“, jammerte er, sah plötzlich hilflos aus und fing an zu flennen.

„Das klingt nicht plausibel, Leute“, meinte Whisky. „Es sei denn, der gute Brian konnte nicht schwimmen. Na ja, werden nie die ganze Wahrheit erfahren.“ Er tippte nachdenklich auf sein leeres Bierglas. „Und was sagt uns das?“

„Noch ’n lecker Pils?“, fragte der Rote.

„Was meinst du, Whisky?“, fragte Carl und stürzte seinen Korn hinunter, der in diesem Fall aufs Haus ging.

„Ja, mach mal, Berni!“ Whisky stutzte. „Sag mal, hast du was mit deinen Haaren gemacht?“, fragte er den Roten.

Alle sahen den armen Bernie an, der aussah, als wäre er direkt an einer 220-Volt-Leitung angeschlossen. Seine Haare standen spiralförmig von der Kopfhaut ab, wie statisch aufgeladen.

„Hab mir ’n neues Shampoo zugelegt“, sagte der Rote. „Sind nur natürliche Zutaten drin.“

„Da siehst du, was dieser Öko-Kram bringt“, meinte Whisky und wendete sich wieder den Jungs zu. „Wo waren wir gleich stehengeblieben?“

„Was sagt uns das?“, half ihm Carl.

„Ach so, ja … Sie sind keine Götter, wollte ich sagen. Sie sind genauso sterblich wie unsereins und jeder andere.“

In den folgenden Wochen drehte sich nur eine einzige Platte auf dem Teller seines Telefunken: After-Math, sein erstes Album von den Rolling Stones. Und jedes Mal bei Lady Jane dachte Carl an Brian. Vielleicht war er das Opfer seines Ruhmes geworden und starb durch Drogen oder fremde Einwirkung. Ein Leben in Berühmtheit und Erfüllung. Dafür kurz. Sehr kurz. War es das wert?

Und dann kam der Sommer

Inzwischen landeten Menschen auf dem Mond, schafften es, sich über zehntausende Kilometer per Funk zu unterhalten, aber sein Zuhause war immer noch ohne Telefon. Und deshalb musste er auf halbem Weg zu Udo wieder umdrehen. Er hatte seinen Wohnungsschlüssel auf dem Flurtisch vergessen. Ein kurzer Anruf hätte alles klären können. Schlüssel unter die Fußmatte und fertig.

Abgehetzt erreichte er sein Ziel. Er hatte sich verspätet. Udos Gartenparty war bereits in vollem Gange. Von weitem hörte er Musik, die aus dem Garten des Einfamilienhauses herüberwehte. Ein Plattenweg führte ihn entlang der Hauswand zur Terrasse der Meyers. Carl öffnete zwei weitere Knöpfe seines bunt gestreiften Oberhemdes. Schweißgebadet war er. Und gespannt, wer alles gekommen war.

Nach diesem heißen Tag hatte es sich nicht merklich abgekühlt, selbst am Abend herrschten immer noch Temperaturen wie in einem Backofen.

Er warf einen letzten Kontrollblick auf die Beinausschnitte seiner Bluejeans. Die Schuhspitzen waren nicht mehr zu sehen, so war es in Ordnung. Er hatte die Stoßkanten der Hosenbeine in Heimarbeit abgeschnitten, den Jeansstoff ausgefranst wie bei einem Perserteppich.

Eine ganze Woche hatte es gedauert, bis ihn sein alter Herr mit der neuen Kreation erwischt hatte. Mann, hatte der vielleicht getobt!

Klar, eine original Levis kostete fast einen ganzen Wochenlohn. Alternativen gab es nicht. Äußerstenfalls, und nur im Notfall, eine Wrangler. Doch das war eher eine Glaubensfrage zwischen der Levis- und der Wrangler-Fraktion. Carl hatte immer das Gefühl, in einer Wrangler wie eine eingepresste Wurst auszusehen und hielt seiner Levis die Treue.

Er zupfte seinen Hemdkragen gerade und dehnte seine Nackenmuskeln nach rechts und nach links. Vorbereitungen, als empfange er in wenigen Sekunden einen wichtigen Filmpreis oder so was. Dann folgte er entschlossen dem zunehmend stärker werdenden Geräuschpegel.

Eine Kette aus bunten Lampions baumelte unter der Pergola aus Lärchenholz. Lichtreflexe hüpften über den Terrassenboden aus unregelmäßigen Bruchsteinen. Udo hatte seine Stereoanlage draußen aufgebaut. Carl stellte seine Schallplatten zu den übrigen unter den Gartentisch. Niemand beachtete ihn, als hätte er sich mit einer Tarnkappe unsichtbar gemacht.

Überall hatten sich Grüppchen gebildet, waren Mädchen und Jungs in Gesprächen verwickelt. Auf dem Plattenteller drehte sich eine Platte von den Doors. Die Anlage, bis zum Anschlag aufgedreht, spielte nicht rund. Eine einzige Brumm- und Kratzorgie. Carl regelte Lautstärke und Bassfundament einen kleinen Tick zurück. Der Ton wurde klarer und differenzierter. Keiner hats gemerkt.

Sogar Whisky war gekommen. Inmitten einer Traube aus weiblichen Verehrerinnen entdeckte Carl ihn und wunderte sich über die Anziehungskraft, die der verdammte Casanova auf die Mädchen der Parallelklasse ausübte. Die Szenerie wirkte, als habe er seinen kompletten Hofstaat um sich versammelt. Dabei sah er mit der Prinz-Eisenherz-Frisur und seinem Fu-Manchu-Bärtchen eher aus wie ein Minnesänger, dem seine Laute abhandengekommen war.