Fantastische Reise - Henning Hallwachs - E-Book

Fantastische Reise E-Book

Henning Hallwachs

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Beschreibung

Die „Fantastische Reise“ liefert den Rahmen für sechs märchenhafte Geschichten und einige kleinere Episoden. Die Geschichten werden den Kindern Stephanie und Stephan von einer Wasserpfeife, verzauberten Kegeln und dem Zauberer Primus Primissimus in Gestalt einer Kegelkugel erzählt. Sie spielen in verschiedenen Ländern, zum Beispiel Tibet, Frankreich, Bayern. Der Hohe Rat der Zauberer hatte sich zu seiner Unterhaltung als Meisterstück ein originelles Spiel von Primus gewünscht. Jedes Teil des Spiels sollte eine interessante Geschichte erzählen können. Primus kommt auf die Idee, dem Hohen Rat ein Kegelspiel mit höchst individuellen Kegeln, zum Beispiel einer verzauberten namenlosen Prinzessin, einem verzauberter Maulwurf, einer verzauberten Viola, zu präsentieren. Für sieben Kegel wählt er die Farben des Regenbogens, und flankiert sie mit einem schwarzen und einem weißen Kegel. Die Kegel verflucht ein erboster Kollege von Primus zu ewigem Kegeldasein. Primus kann den Fluch gerade noch auf einen unbestimmten Zeitraum abmildern. Die Kinder machen die „Fantastische Reise“, finden die Kegel in den verschiedenen Ländern und ...

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Seitenzahl: 132

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für

Mela - Melinchen

Inhalt

Das Schloss des Zauberers

Der Wandergeselle

Stephanie und Stephan

Die Schöne aus Mascharia

McDonald‘s

Das schrumpfende Herz

Im Britischen Museum

Philipps Wanderschaft

Vom Untergang eines Reiches

Maulwurfsoldaten

In der Moskauer Metro

Schlappelino

Bei den Bouquinisten in Paris

Florie – Florence

Auf der Suche nach dem Schwarzen

Die Geschichte der verzauberten Kegel

Lehrjahre

Kegeleien

Am Ende des Regenbogens

Primus wird verhaftet

Der Hohe Rat

Im Kegelkeller

Primus erwacht

Alle Neune

Die Kegel

Rotder Reisebegleiter, der Goldtopfam Ende des RegenbogensOrangeder Hochstapler mit der „Schönen von Mascharia“Gelb„Das schrumpfende Herz“Grün„Phillips Wanderschaft“Hellblau„Maulwurfsoldat“Indigo„Schlappelino“Violett„Florie – Florence“Weißder stumme KönigSchwarzdas schwarze Schaf, das gelegentlich stört, Unsinn macht

Das Schloss des Zauberers

Vor langer Zeit saß ein Zauberer in seinem baufälligen Waldschloss und langweilte sich. Er langweilte sich ohne Ende, denn die Menschen brauchten ihn nicht mehr. Sie glaubten nicht mehr an Zauberei, sie sprachen verächtlich von „faulem Zauber“, machten sich über den Zauberer lustig, verspotteten ihn. Um den Zauberer war es still geworden. Keiner kam mehr, um ihn zu bitten, dies oder das zu zaubern; einen guten Menschen mit einem Sack voll Gold, wenn es das war, was er sich wünschte, zu belohnen, einen bösen zu bestrafen, ihn – wenn es sein musste – in ein Wildschwein oder Känguru zu verwandeln.

Die endlose Langeweile stimmte den Zauberer traurig, lag gewichtig auf seinen Schultern als habe er einen Sack voll nassen Mehls zu schleppen, sie malte ihm Furchen in die Stirn, Ringe unter die Augen, trübte seinen Blick, zerrte an seinen Mundwinkeln, dass sie herunterhingen wie die Enden eines Schals. Morgens mochte er nicht mehr aufstehen. Wenn überhaupt, tauschte er erst mittags, nachmittags, abends den fadenscheinigen Morgenmantel gegen den mit verblassten Sternen verzierten Zaubermantel aus ehemals azurblauer Seide.

„Das Leben macht keinen Spaß mehr“, murmelte er vor sich hin und half dem Fuchs, der seit Urzeiten bei ihm wohnte, auf seinen Schoß. „Das wärmt! Tut den Knochen wohl, ich danke Dir, lieber Freund!“ Seine unzähligen Zaubersprüche gegen seinen Rheumatismus, das Ziehen und Stechen in Beinen und Armen und Fingern, hatten nichts geholfen. Anderen hätte er Schmerzen lindern, Wunden heilen, die Pest oder AIDS1 anzaubern können. Nur sich, sich konnte er nicht helfen – Zaubererschicksal.

Er litt und wurde von Tag zu Tag verzagter, sein früher einmal schwarzer Bart war ergraut, wurde weiß. Fast so fein wie Spinnennetzfäden wurden die Haare. Er hungerte, ohne es zu merken, wurde dünn und dünner, klein und kleiner. Der Zaubermantel umflatterte ihn wie eine Zeltplane, begrub ihn fast. Und eines Tages war er nicht mehr da, hatte er sich in Luft aufgelöst, war vielleicht sogar gestorben – wenn Zauberer sterben können. Sein Fuchs hielt einsam Wache bis ihn der Hunger in die Wälder zur Jagd trieb und ward – wie es in alten Märchen heißt – nie mehr gesehen.

Der Wandergeselle

Das Schloss zerfiel und die Ruine im wilden Wald geriet in Vergessenheit. Nur ab und zu suchten Wanderer oder Landstreicher oder Räuber2, wüste Burschen, in ihrem Gemäuer Schutz vor Gewittern und Unwettern oder nächtigten dort. Einer von ihnen, ein Geselle auf Wanderschaft, erinnerte sich vage an Geschichten, Gerüchte von einem Zauberer, der hier in der Gegend in einem Schloss gewohnt haben soll. Weil er nichts anderes zu tun hatte, schaute er sich in der Ruine etwas um, kraxelte auf Mauern und Turmreste und fand, fast schon vom Waldboden verschluckt, hinter einem Gebüsch eine morsche Türe, die sich nach einigen vergeblichen Versuchen mit Kraft spaltbreit öffnen ließ.

Ein Moder-, Gruft-, Kellermief, eine üble nasskalte Luft strömte ihm aus dem Verlies entgegen. Trotzdem quetschte er sich durch den Türspalt. Dunkelheit empfing ihn so stockduster, dass er sich fluchtartig zurück nach draußen quälte. Eine Fackel wäre gut, dachte er, und da lag sie, direkt vor seinen Füßen, ein knorriger, harziger Knüppel von Unterarmlänge, trocken wie Zunder, obwohl ringsum das Laub am Boden ziemlich feucht war. Unheimlich, dachte er, ob das wohl mit rechten Dingen zugeht? Kaum hatte er Feuer an den Knüppel gehalten, entzündete er sich. Eine helle, ruhige Flamme leuchtete ihm den Weg. Hinter der Türe führte eine Steintreppe – nass und glitschig – in die Tiefe.

Schon bald hatte sich der Geselle an die dicke Luft gewöhnt, fast ebenso schnell hatte er sein mulmig ängstliches, beklemmendes Gefühl vergessen. Zwar noch längst nicht frohgemut aber beherzt stieg er hinab. Was sollte ihm schon geschehen? Wer glaubt denn noch an Geister, Kobolde, Hexen? Er nicht, nicht unbedingt aber – konnte er es wirklich wissen?

Nach wenigen Stufen stand er in einem schmalen, wie es bei dem begrenzten Schein seiner Fackel schien, langem Kellerraum oder Flur. Am Ende dieses Gelasses fand er aufrecht stehend einen roten Kegel und daneben eine Kegelkugel. Warum nicht, dachte er, hob die Kugel auf und wunderte sich kurz über deren Gewicht. Sie schien ihm schwerer, viel schwerer als übliche Kegelkugeln. Er ging zurück, erklärte den schmalen, länglichen Raum zur Kegelbahn, und warf die Kugel Richtung Kegel. Die Kugel pflügte sich geradezu durch den fingerdicken Staub auf der Bahn, rollte langsam aber stetig auf ihr Ziel zu und der Geselle dachte: Hier ist es kalt und dunkel wie in einem Grab. Ach, wäre ich doch in der warmen Sonne! In dem Augenblick erreichte die Kugel den roten Kegel: „Klick…“, hörte er noch, dann war er weg, aus dem Kellerloch verschwunden. Das „-e di klack“ erreichte ihn nicht mehr3.

Stephanie und Stephan

Wiederum Jahrzehnte später lud Stephanie ihren Freund Stephan zu einem Picknick ein. Sie fuhren mit Stephanies Eltern in der nicht mehr ganz neuen, eigentlich schon ziemlich klapperigen Familienkutsche, einem Peugeotkombi der älteren Bauart, die kurze Strecke zum Wald hinaus, zum so genannten Zauberwald. Dem war mit den Jahren die Stadt mit ihren gefräßigen Vorstädten ziemlich nah auf den Pelz gerückt. Das war ihm nicht gut bekommen. Wege und Picknickplätze hatten sich in ihm breit gemacht. Im nördlichen Teil hatten die Menschen ihm sogar ein Stück Autobahn zugemutet.

Aus einem Urwald war größtenteils ein langweiliger Nutzwald geworden. Nur in der Nähe des Picknickplatzes, den Stephanies Eltern ansteuerten, war ein Rest vom Wald unberührt geblieben, eine Urwaldoase. Darin soll es, wurde gemunkelt, spuken. Den Kindern drohte man mit bösen Hexen und Waldschraten, Kobolden und Trollen, die dort hausen sollten. Eigentlich wollte man sie nur davon abhalten, den Wald zu betreten, sie könnten sich in dem Dschungel zu leicht verlaufen. Stephanie und Stephan kümmerte das wenig. Einerseits waren sie für solche Gruselmärchen schon zu alt, andererseits fühlten sie sich zusammen stark, so richtig stark wie zwei von den drei Musketieren. Wer hätte ihnen schon was anhaben können?

Stephanie und Stephan waren ein Herz und eine Seele und das nicht nur ihrer Namen wegen. Als sie noch in einem Alter waren, in dem sie nicht nur mit dem Nintendo sondern auch noch „Heiraten“ gespielt hatten, hatten sie es „Liebe“ genannt. Solche Inszenierungen hatten sie vorher geplant, ihre jeweiligen Rollen abgesprochen und sich Fantasienamen gegeben: „Lieben Sie mich, Fräulein Henriette?“ hatte Stephan als Herr von Hofmeister gefragt, und Stephanie hatte Henriette gemäß geantwortet, mit schüchtern abgewandten Gesicht und leicht zur Seite geneigtem Kopf gehaucht: „Ja, Herr von Hofmeister!“ „Stephanie, mal im Ernst, liebst du mich?“ „Ja, doch!“, Fräulein Henriette leicht verärgert. „Du liebst mich wirklich, Stephanie?“ „Ja, nun lass uns endlich heiraten!“ Der aus seiner Rolle gefallene Stephan erschrak, fand nicht zurück zu Herrn von Hofmeister. Stephanie begriff, lachte schallend und erzählte die Geschichte brühwarm ihrer Mutter. Das hätte die Freundschaft der beiden beinahe kaputt gemacht, wie ein Eisregen im Frühjahr Kirschblüten erstarren lässt.

Inzwischen machten die beiden keinen Hehl mehr aus ihrer Freundschaft auch wenn weder sie noch er bereit gewesen wäre, von Liebe zu sprechen. Wenn jemand auf der Straße oder dem Schulhof meinte, über ihre Zweisamkeit lästern zu dürfen, bekam er umgehend von Stephan eins auf die Nase, was Stephanie heimlich stolz genoss. Und wenn der Lästerer stärker war, tröstete sie Stephan hingebungsvoll und dachte einmal mehr, dass Krankenschwester ein feiner Beruf für sie sein könnte.

Stephan träumte manchmal von Stephanie, manchmal nachts, manchmal mit offenen Augen wo er ging oder stand oder saß oder lag. In einem seiner Lieblingsträume war er Kapitän und rettete sie mal an der morschen Reling, mal nach dramatischer Rettungsbootfahrt aus dem schäumenden Kielwasser, mal von einem Floß mitten im Atlantik, mal von einer tropischen Insel. Dann war er ihr Held, der allerdings nie etwas von Dankbarkeit hören wollte, der bescheiden und selbstlos von Selbstverständlichkeit sprach. Da endeten dann gewöhnlich diese Träume – mitunter liebäugelte er allerdings mit einem Kuss – einem freundschaftlichen, versteht sich.

Stephan und Stephanie als Tarzan und Jane hatten es ihm ebenfalls angetan. Diese Geschichten im Urwald mit Verfolgungsjagden durch die Baumkronen, an Lianen durch die Lüfte schwebend, Jane beschützend und Freund aller guten, Feind aller Bösen Tiere sein, das fand er aufregend und spannend bis Tarzan und Jane jeweils wohlbehalten oder mit ein paar Schrammen in ihr Baumhaus zurückkamen. Das war es dann – von dem Kuss einmal abgesehen – dem freundschaftlichen.

Während die Eltern das Picknick vorbereiteten, lotste Stephan seine Jane in die Dschungeloase. Kaum hatten sie die Lichtung verlassen, waren sie wie abgeschnitten von der Welt. Dämmriges Licht, ein dicker, ein wenig modrig riechender Laubteppich, der jeden Tritt schluckte, ein Gewirr von Stämmen, Zweigen und Blättern. Mühselig kämpften sie sich durch das Gestrüpp und plötzlich war Stephan nicht mehr zu sehen als habe ihn der Boden verschluckt. Und das hatte er tatsächlich.

Stephanie hörte ihn dumpf aus einem Loch: „Hilf mir!“ „Wo bist du?“ „Hier, hier unten!“ „Hast du dich verletzt?“ „Nein, ich glaube nicht. Ich bin nicht tief gefallen!“ Stephanie legte sich auf den Bauch und robbte vorsichtig zum Loch. Sie konnte Stephan in der Düsternis kaum sehen. „Hier sind Stufen!“ „Kannst du was erkennen?“ „Ist zu dunkel!“ Stephanie schaltete die Taschenlampe ihres Handys an und reichte es ihm hinunter. „Es sind nur ein paar Stufen, ich sehe mal nach! Bah, ist das rutschig!“ „Pass bloß auf!“ Stephan war unten angelangt und verschwand mit der Taschenlampe aus Stephanies Sicht. Als er wieder auftauchte, winkte er ihr zu, ihm zu folgen. „Hast du was entdeckt?“ fragte sie vor Aufregung fast flüsternd. „Komm schon!“

Sie fanden – wen wundert’s – am Ende des langen, schmalen Kellers den roten Kegel und die Kegelkugel. Stephan stieß spielerisch absichtslos mit dem Fuß leicht an die Kugel, setzte sie in Richtung des roten Kegels in Bewegung und – Klicke di Klack – fanden sich Stephan und Stephanie mit Kegel und Kugel in einem Trödelladen wieder. Antiquariat zu sagen, wäre bei dem Plunder, der da herumstand und -lag, wohl übertrieben gewesen.

Zum Wundern blieb ihnen keine Zeit. Ein orangener Kegel, hinter einer orientalisch anmutenden Wasserpfeife halb verborgen, raunzte sie an: „Das wurde langsam Zeit! Wo seid ihr denn so lange gewesen? Es ist ja unerhört, wie ihr mich habt warten lassen!“ „Pardon, Herr Kollege, früher ging’s beim besten Willen nicht. Du kennst ja die Geschichte, da kommen wir nicht so schnell wieder raus!“, versuchte der Rote den Orangenen zu vertrösten. „Dummes Geschwätz!“ „Bitte, pff, keine groben Wörter“, mischte sich die Wasserpfeife ein, „nicht in meiner Gegenwart!“ Der Orangene, gequält: „Die nun wieder, die Schöne aus Mascharia…“

1 Wer mehr wissen will: https://www.gib-aids-keine-chance.de/

2 Die Zeiten, in denen man die wilden Kerle noch in freier Wildbahn antraf, sind längst vorbei. Heutigen Tags sitzen sie verkleidet als Herren mit Schlips und Kragen vorzugsweise in Banken.

3 Sein Wunsch war in Erfüllung gegangen. Wie er wieder zu sich kam, lag er am Strand von Capri und ließ sich die Mittagssonne auf den Bauch scheinen.

Die Schöne aus Mascharia

„Mir wird schlecht!“, stöhnte ein blechernes Feuerzeug. „Mit Ihnen, pff, mit Ihnen rede ich doch gar nicht!“ „Arrogante Ziege!“ „Was erlauben Sie sich? Pff! Pff! Pff! Sie Vagabund, Sie! Sie Rumtreiber! Es wäre angenehm, wenn Sie sich jeglichen Kommentars enthielten.“ „Süße, das heißt: Halt die Klappe!“ Die Wasserpfeife schüttelte schockiert ihre Schläuche: „Sie Nichtsnutz!“ „Hört, hört! Immerhin kann ich Feuer geben! Immerhin sind Sie von mir oder unsereinem abhängig. Ohne Feuer raucht es sich nicht gut!“ „Ach was, pffffff, von einem billigen Ding, was nicht einmal zehn Schilling gekostet hat, kann man eben kein gutes Benehmen erwarten! Nein, pff, ich muss schon sagen: Ihnen fehlt es an allem, Sie sind unerzogen, haben keine Kultur, sehen aus wie eine Blechbüchse, stinken nach Benzin und sind nichts wert, pffffff. Ich hingegen…“, wandte sie sich vom Feuerzeug ab und Stephan zu. Vielleicht dachte sie, er sei ein Prinz? „Ich bin da aus ganz anderem Material, ich stelle was dar, bin von Noblesse und Grazie, königlichen Geblüts könnte man sagen, wenn Blut in meinen Adern, meinem Bauch flösse. Mich hat der Obertöpfermeister des Kalifen von Mascharia aus edelster, altchinesischer Porzellanmasse geformt, moduliert und gebrannt, pff. Die zarten, perlmuttweißen Hände der Lieblingstochter des Kalifen, der knospenden Rose des Morgenlandes, haben mich mit den teuersten Naturfarben bemalt. Der General der Pfeifenputzer hat sich höchst selbst um meine Schläuche gekümmert. Mit dem Wasser des rauschenden Goldbaches im Haremsgarten des Kalifen wurde ich getauft4 und gefüllt, pff, pffffff. Nur der Obereunuch durfte mich anfassen und gelegentlich, pff, mit einem Tuch von reinster Seide abstauben.“

Die Klingel an der Ladentüre schepperte. Ein Mann, vermutlich ein Kunde, kam herein. Von irgendwo erschien eine Frau, vermutlich die Besitzerin des Trödels. Sie ging direkt an Stephanie vorbei, ohne Notiz von ihr zu nehmen. „Sie sieht uns nicht, wir sind nicht sichtbar für sie“, erklärte der Rote: „ Sie hört uns auch nicht. Du“, wandte er sich an die Schöne von Mascharia, „kannst ruhig fortfahren mit deiner fantastischen Geschichte!“

„Pff, pff, ich werde nicht gern unterbrochen. Das schickt sich nicht. Aber gut, sei‘s drum: Der Oberschatzmeister im Rang eines Wesirs schätzte mich auf zweitausend Golddrachmen, pff, pff, und eine Golddrachme ist tausendmal wertvoller als ein Schilling! Natürlich wurde ich nicht verkauft, pffffff. Es ist nicht üblich, dass Wasserpfeifen aus des Kalifen Werkstatt verkauft werden, pff! Unsereins ist unverkäuflich! Wir leben bei Hofe und genießen Immunität!

Um es kurz zu machen, pff, mein Unglück begann, als der Kalif mich zum schönsten, in Farbe und Form unübertrefflich gelungenen Kunstwerk, einem einzigartigen Exemplar meiner Gattung kürte, pffffff. Er beschloss, mich als Botschafterin des guten Geschmacks einem befreundeten Staatsoberhaupt zu schenken, ein Geschenk, jedes Kaisers wert!

Er ließ seinen Generalfeldmarschall kommen und ließ ihn schwören: ‚Schwöre bei Allah und seinen Propheten, dass Du dies Kleinod sicher ins Abendland begleiten wirst. Du haftest mir mit deinem und deiner Kinder Leben für diese, meine kostbarste Wasserpfeife aus meiner fürstlichen Werkstatt.‘ Und der Generalfeldmarschall warf sich zu Füßen des Kalifen, küsste den Fußboden und gelobte hoch und heilig: ‚Ich schwöre, großmütigster Kalif, ruhmreicher Herrscher, Beschützer der Armen und Herr über Mascharia, dessen Ruhm nicht seines gleichen hat, ich schwöre so zu tun, wie Ihr es befohlen habt!‘ Pffffffffffff.

Auf einem weißen Schiff mit fünf Masten, dem kein anderes Schiff nahe kommen durfte, brachte mich der Generalfeldmarschall des Kalifen von Mascharia über den Ozean bis ins Abendland. Mit einer goldenen Kutsche, eskortiert von dreizehn Reitern in glänzenden, blitzenden Uniformen, pffffff, ging es dann bis hierher, nach Wien.

Der Gesandte bei Hofe überreichte mich in einem Staatsakt dem Kaiser, pffffff, und der – ein Unglück ohne Maßen, eine Katastrohe – war Nichtraucher! Weil er nichts mit mir anzufangen wusste und meine Schönheit nicht würdigen konnte – Wasserpfeifen waren zu der Zeit im Abendland noch weitgehend unbekannt – pffffff, verschenkte mich der Kaiser, wahrlich – ich kann es nicht anders sagen – ein Ignorant, an den Präsidenten seines Kabinetts. Mir versagt die Stimme, wenn ich daran denke!“