7,99 €
Der König ist tot, es lebe die Königin. Doch während Fara noch mit dem Verlust ihres Vaters ringt, strecken bereits andere ihre Hände nach dem Thron Austrasiens aus, allen voran ihr Cousin Berengar. Im Mahlstrom der Ereignisse mitgerissen muss Fara nicht nur um ihr Überleben kämpfen und weiter reisen als jemals zuvor in ihrem Leben. Sie muss auch herausfinden, wer sie eigentlich ist.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Title Page
Impressum
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Der Autor
Toni A. Ihme
Faras Reise
FantasyRoman
IMPRESSUM
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wären rein zufällig.
Erste Auflage im September 2025
Copyright © 2025 dieser Ausgabe by
Ashera Verlag, Hochwaldstr. 38, 51580 Reichshof
www.asheraverlag.net
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder andere Verwertungen – auch auszugsweise – nur mit Genehmigung des Verlags.
Covergrafik: Pixabay
Kapiteltrenner: Pixabay
Innengrafiken: Pixabay
Coverlayout: Atelier Bonzai
Redaktion: Alisha Bionda
Lektorat & Satz: TTT
Vermittelt über die Agentur Ashera
(www.agenturashera.net)
Der Sommer hatte den Tag niedergedrückt, keine Brise hatte seinen sengenden Griff mildern können. Doch jetzt sah es so aus, als hätte der Tag genug. Von der Küste im Norden her rollte eine Woge schwarzer Wolken heran und begann das Licht des späten Nachmittags auszusperren. Berengar stand am Fenster und wartete auf den Donner, der den erlösenden Sturm ankündigen würde. Fast mochte man glauben, den Wagen Donars heranbrausen zu sehen.
Leise kicherte er in sich hinein und schüttelte den Kopf. Jetzt war wohl kaum die Zeit, poetisch zu werden. Der Wagen Donars? Was für ein Schwachsinn.
Berengar war nichts weniger als ein Dichter.
Dichter und Sänger schufen sich ihre eigene Welt, voll von Göttern, Helden und Bösewichten. Berengar wiederum glaubte weder an die einen noch an die anderen. Wie würden die Lügen der Sänger ausfallen, wenn er erfolgreich wäre? Oder wenn er scheiterte? Als Sieger würden sie seinen Mut, seine Entschlossenheit und seine Größe preisen. Als Verlierer würden sie seine Heimtücke und Treulosigkeit schmähen. Ein und dieselbe Person – zwei völlig verschiedene Lieder.
„Und es gilt als sicher, dass er stirbt?“
Er verzog das Gesicht. Die Stimme seiner Mutter trug ein wenig zu viel Eifer in sich. „Du klingst, als sehntest du seinen Tod herbei“, zischte sein Vater. Gundahar war nichts, wenn nicht loyal zu seinem Bruder und König.
Die Wolken hatten die Burg erreicht. Erste, schwere Tropfen stürzten herab. Bevor seine Mutter antworten konnte, wandte sich Berengar seinen streitenden Eltern zu.
„Niemand sehnt den Tod des Königs herbei, Vater.“
Das war nur die halbe Wahrheit. Für ihn persönlich war seines Onkels Tod nichts weiter als ein Schritt auf dem Weg. Der Tod kam zu ihnen allen, oder nicht? Warum etwas herbeisehnen, das grundsätzlich absehbar war? Was Diedlind anging, so erinnerte Berengar der Anblick seiner Mutter an einen Jagdhund, der gerade Witterung aufgenommen hatte. Nicht zum ersten Mal fragte sich der junge Franke, was den Ehrgeiz seiner Mutter befeuerte. Vielleicht vereinte sich in ihr die ehrgeizige Unrast zweier Menschen, weil sie ihren Mann heimlich verachtete?
Als gäbe es nichts Interessanteres, schlenderte er durch den Raum, goss sich einen Becher Wein ein und nahm einen tiefen Schluck. Der Tropfen verbreitete ein holziges Aroma auf seiner Zunge.
„Aber“, fuhr er schließlich fort, „wir alle bangen, ihn gehen zu sehen, nur damit meine Cousine …“
„Der Wille des Königs ist eindeutig“, unterbrach ihn sein Vater. „Fara wird die Königin von Austrasien und wen immer sie zum Gemahl nimmt, der wird ihr König sein.“
„Unser König, Vater.“ Berengar ließ diese Worte einen Moment wirken. „Als ihr Cousin bin ich zu eng mit ihr verwandt. Bischof Ansgar hat das sehr deutlich gemacht“, überlegte er laut. „Das bedeutet, Ihr schließt Eure eigene Familie von der Macht aus, Vater, nur, um jeden dahergelaufenen Abenteurer oder Grafen über sie zu stellen.“
Ihm war klar, dass es im Augenblick sinnlos war, diesen Punkt anzusprechen. Später mochte … würde sich das ändern lassen.
„Meines Bruders Wille ist mein Wille. Und wenn es eine Machteinbuße bedeutet – was nicht sicher ist, so ich Kanzler bleibe – so sei es so.“
Einzig ein kurzes Flackern seiner Augen verriet, dass Gundahar seinem möglichen Fall nicht so gelassen entgegensah, wie er vorgab.
Insbesondere dann nicht, wenn dieser Fall an der Laune eines jungen Mädchens hing. Hier würde er später ansetzen müssen, wenn er seinen Vater überzeugen wollte. Sobald alle Figuren auf dem Brett waren.
Einen weiteren Schluck Wein lang überlegte Berengar, ob er auf das Gesagte eingehen sollte. Nun, warum nicht?
„Was glaubt Ihr denn, was geschehen wird, wenn ein junges Mädchen auf dem Thron sitzt? Glaubt Ihr wirklich, in Neustrien wird sich Theuderich diese Gelegenheit entgehen lassen? Was ist mit den Sachsen im Osten? Den Friesen? Was hat denn all die Jahre unsere Grenzen geschützt, wenn nicht der Ruf des Königs? Schon jetzt werden Jüten, Angeln und Gauten an unserer Küste gesichtet.“
Berengar schwenkte seinen Becher. Das dunkle Rot ließ ihn an gerinnendes Blut denken. Es war ihm wie ein Vorbote einer düsteren Zukunft. Mit einem Mal schmeckte der Wein bitter.
Gundahar stieß ein trotziges Lachen aus. „Wenn wir zusammenstehen, mag Theuderich es nur versuchen. Ich habe meinen Teil im Krieg getan und ich werde unsere Königin verteidigen, wenn es so weit kommt. Und ich habe meinen Sohn wohl nicht zu einem Schwächling erzogen, oder?“
Berengar war beinahe zum Lachen zumute. Gundahar appellierte tatsächlich an seinen Stolz. Stolz war ein Luxus, den sich ein wirklicher Führer nicht leisten konnte. Was der alte Mann nicht verstand, war, dass Berengar die ganze Zeit versuchte, Austrasiens Zukunft zu verteidigen. Ehe er antworten konnte, erschütterte ein Donnerschlag die Pfalz. Einige Herzschläge lang herrschte erschreckte Stille, dann begann der Regen in Strömen zu fallen. Berengar stellte seinen Becher ab. „Vater, Mutter, bitte entschuldigt mich ...“
Es gab etwas zu erledigen.
Über allem in Tarvenna thronte das Münster. Sturzbäche flossen an ihm herunter und das scheinbar pausenlose Aufflackern der Blitze warf seinen Schatten über den Platz davor, der nun im Unwetter wie leergefegt war. Niemand sah Berengar durch das Portal in das Gotteshaus treten. Als ein erneuter Donnerschlag wie in einer Glocke im Längsschiff widerhallte, kam ihm noch einmal in den Sinn, dass seine Vorväter hierin das Wirken Donars erkannt hätten, der mit seinem Hammer Blitz und Donner aus den Wolken schlug. Er lächelte dünn. Wenn er sich recht entsann, hatte Donar nichts mit Mördern zu tun. Allerdings waren die alten Götter auch ziemlich beweglich, was ihre Bewertung von richtig und falsch anging. Anders als Jesus, der dies seinen Gläubigen überließ und sich nicht selbst die Hände schmutzig machte.
Zielstrebig fand er seinen Weg zum Altar im Seitenschiff. Er fand es leer vor.
„Sie ist nicht hier.“
Eine Stimme zu seiner Linken ließ ihn herumfahren. Unwillkürlich zuckte seine Hand zu seiner Hüfte, doch er hielt in der Bewegung inne. Selbstverständlich hatte er kein Schwert in die Kirche gebracht.
Flankiert von zwei Priestern trat Bischof Ansgar aus dem Schatten. Sein hartes Gesicht trug dieselbe kalte, unbarmherzige Geduld zur Schau wie einige der Heiligen, die man in seinem Gebetshaus in Stein verewigt hatte. Mit den Händen in den Ärmeln der einfachen Kutte, die er immer trug, sofern ihn kein Zeremoniell zu anderer Kleidung zwang, schritt er langsam auf Berengar zu. Dieses Gesicht und die ruhige Würde, die von ihm ausging, ließen den jungen Mann einen Moment lang stocken. Dieser Geistliche hatte ihn getauft. Hatte ihn das Schreiben gelehrt. Dieser Mann war einer der wenigen Menschen, die Berengar respektierte.
Ansgar strich sich über seine Bartstoppeln, während er ihn musterte, als säßen sie zur Beichte beisammen. „Sie ist nicht hier“, wiederholte er.
Er hatte nicht vor, ihrer beider Verstand damit zu beleidigen, indem er fragte, wen der Bischof meinte. Stattdessen trat Berengar auf den Altar zu, als wolle er davor niederknien. In seinen Augenwinkeln nahm er wahr, dass sich die Priester am Ausgang des Seitenschiffs positionierten und ihm den Weg abschnitten.
„Ich habe Euch beobachtet, Berengar. Ihr habt Euch erkundigt, was die Dame Fara tut. Ihr habt erfahren, dass sie täglich um die Genesung ihres Vaters betet.“ Ein Donnerhall übertönte Ansgars letzte Worte, doch Berengar wusste, was er sagte. „Warum also seid Ihr hier, Berengar?“
„Wisst Ihr, was mir zuerst an Euch aufgefallen ist, Bischof Ansgar?“
Falls Ansgar von seiner Frage überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Neben Berengar vor den Altar tretend, bekreuzigte er sich.
„Ich war noch ein Junge, als Ihr zum Bischof ernannt wurdet. Ich erinnere mich, dass ich Euch fragte, ob Ihr ein so schönes Gewand tragen würdet wie der vorherige Bischof. Ihr habt darauf nicht geantwortet, sondern nur gelächelt. In der Tat trugt Ihr dieses Gewand nur, wenn die … Rituale es erforderten.“
Ein Lichtblitz tauchte den Seitenaltar in fahles Licht, und ein weiterer Donnerschlag hallte in den Hallen wider. Ansgars Hände fuhren über die Ärmel seiner Kutte.
Berengar bemerkte die Geste. „Ja, Ihr habt immer eine einfache Kutte vorgezogen. Ich habe Euch auch nie Wein trinken sehen. Und Eure Gemächer sind …“ Er lächelte. „Worauf ich hinauswill, ist, dass Ihr – anders als die meisten Menschen – wahrhaftig seid. Selbst als ich noch ein Kind war, war es das, was mir als Erstes an Euch auffiel.“
Ansgar betrachtete ihn mit nachdenklicher Miene, sagte aber nichts.
„Viele Menschen, die so wahrhaftig sind wie Ihr, sind auch Narren. Ihr aber seid gleichzeitig auch ein Realist. Euer Hiersein beweist das. Ihr habt mich beobachtet.“
Die dunklen Augen des Bischofs verengten sich. Verschiedene Gefühle spiegelten sich auf dem strengen Gesicht. „Ihr habt nicht erwartet, die Dame Fara hier anzutreffen.“ Er legte eine Hand auf Berengars Unterarm. „Ihr wisst, dass ich Euren Anspruch auf den Thron nicht unterstützen werde. Ich bitte Euch vielmehr, von Eurem Ehrgeiz abzusehen und ihr zu helfen. Eure Dienste wären von unschätzbarem Wert.“
Ansgar machte Anstalten, auf ein Knie niederzugehen, um seine Bitte zu unterstreichen, doch Berengar hielt ihn auf. „Bitte, Bischof, das ist nicht nötig.“
Die Augen des alten Mannes glommen auf. Realist oder nicht, nichts bewahrte ihn vor der Hoffnung. Das half Berengar, das zu tun, was notwendig war.
„Berengar, ich …“
„Es ist nicht nötig, weil ich gekommen bin, um Euch zu töten.“
Der Aufschrei des Bischofs ging in einem weiteren Donnerschlag unter. In einer schnellen Bewegung ergriff Berengar das Kreuz vom Altar und schmetterte es auf das Haupt des alten Mannes. Das Licht des letzten Blitzes war kaum verloschen, da lag Ansgar tot auf dem Steinboden. Schwarzes Blut rann, den Fugen folgend, aus seinem zerschmetterten Schädel.
„Ich wollte nicht, dass Ihr auf Euren Knien sterbt, Bischof Ansgar.“
Berengar wandte sich den Priestern zu, die ihm den Weg aus dem Seitenaltar verwehrten. Sie hatten sich keinen Schritt bewegt. „Gebt meinem Bruder Bescheid und überbringt dem neuen Bischof meine Glückwünsche.“
Fara seufzte, senkte die gefalteten Hände und blickte mit einem Gefühl tiefer Hilflosigkeit zu dem Kreuz empor, das das Gemach ihres Vaters schmückte. Bischof Ansgar hatte sie gebeten, heute nicht in das Münster zu gehen. Warum er das wünschte, hatte er nicht gesagt. Sie hatte keine Erwiderung auf seine Feststellung gefunden, dass Gott sie überall hören könne und dass bei ihrem Vater zu sein derzeit ihre vornehmste Pflicht wäre. Also hatte sie seinem Wunsch entsprochen. Doch die Ruhe des Gebets hatte sich nicht einstellen wollen. Warum? Wenn sie ehrlich zu sich war, so war es ihr bei ihren Gängen zur Kirche darum gegangen, vom Krankenbett ihres Vaters zu fliehen.
Allein im Münster, auf dem kalten Steinboden kniend, war sie vor dem Anblick ihres Vaters geflohen, wie er krank, sterbend auf seinem Bett lag.
Childerich wurde seit Jahren von Krankheit und Verfall geplagt. Fara hatte zugesehen, wie aus dem großen, kräftigen Mann, der ihr Vater gewesen war, langsam eine zusammengeschrumpfte Hülle wurde. Tiefe Linien gruben sich in sein Gesicht, seine einst kräftigen Hände verdorrten und das Licht seines linken Auges verschwand in milchigem Nebel. Der immer schlimmer werdende Husten, der jedes Mal seine Brust zu zerreißen schien, hallte inzwischen in ihren Träumen wider.
Eines Nachts war sie davon wach geworden. In der Pfalz, in der sie damals gerastet hatten, hatte ihr Gemach neben dem seinen gelegen. Und so hatte sie gehört, wie er wieder einen besonders schweren Hustenanfall durchlitten hatte. Diener waren durch den Gang geeilt, jemand hatte Oreibasios, den byzantinischen Arzt, herbeigeholt. Sie hatte im Dunkeln gelegen, ihre Augen geschlossen und sich die Hände auf die Ohren gepresst, um es nicht mehr hören zu müssen.
Es war ein unverzeihlicher Moment der Schwäche gewesen. War ihr Zögern, dem Wunsch des Bischofs nachzukommen und stattdessen an der Seite ihres Vaters zu bleiben, anstatt sich in die Kirche zu flüchten, denn etwas anderes? Wohl kaum. Nicht zum ersten Mal fragte sich das Mädchen, wie es wäre, wenn ihre Mutter und ihre Brüder noch am Leben wären.
Ein krächzendes Husten übertönte das Rauschen des Regens vor dem Fenster und ließ sie überrascht zusammenfahren. In einem Herzschlag war sie an der Seite ihres Vaters. Seinem Blick zum Schemel neben seinem Bett folgend, griff sie nach dem Krug, füllte einen Becher mit Wasser und führte ihn an seine Lippen. Während er, immer wieder durch seinen Husten unterbrochen, trank, ruhte der Blick seines guten Auges auf ihr. Nachdem er getrunken hatte, strich er sich über den Bart und starrte sie weiter an.
„Du hast geweint.“
Es war ein Vorwurf.
Fara blinzelte; ihre tastenden Finger fanden die Spuren von Tränen.
„Ich …“
Mit einem kräftigen Griff, der die Dürre seiner Hände Lügen strafte, packte er ihren Unterarm.
„Du bist meine Tochter!“ Seine Stimme rasselte. „Die Tochter des Childerich und der Sigrada. Gedenke dessen und verhalte dich entsprechend.“
Sein nächster Satz ging in einem erneuten Hustenanfall unter, doch er ließ ihren Arm nicht los. Als sie das erste Mal so sehr am Zustand ihres Vaters verzweifelt war, dass sie offen vor ihm weinte, hatte er sie geohrfeigt. Die Erinnerung ließ ihre Wange glühen.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, fuhr er fort.
„Da draußen kreisen schon die Raben und die Wölfe sammeln sich. Wenn du Schwäche zeigst, werden sie dich zerfleischen!“
„Aber du hast … wir haben Freunde, Lehnsleute. Was ist mit Bischof Ansgar?“
Sein Griff um ihren Arm verfestigte sich. Es schmerzte, aber sie gab keinen Laut von sich.
„Freunde, Verbündete, Lehnsleute …“ Er stieß jedes dieser Worte mit einem Keuchen hervor und richtete sich mühsam auf. „Sie müssen sich auf dich verlassen können. Sie müssen an dich glauben. Und wenn sie nicht an dich glauben, dann müssen sie dich fürchten.“
„Aber ich bin deine Tochter“, flüsterte sie.
Childerich schüttelte ungeduldig den Kopf.
„Das ist nicht genug“, antwortete er, ihren Einwurf missverstehend. „Wenn du schwach erscheinst, dann werden andere für dich entscheiden. Du wirst keine Königin sein, sondern eine Puppe.“
Sie hatte nie eine Königin sein wollen. Ihre Brüder hätten das Reich erben sollen.
„Aber ich weiß doch nicht einmal, was ich tun soll.“
Mit einem erschöpften Aufseufzen sank er wieder zurück, doch sein eisblaues Auge hielt sie nach wie vor in seinem Bann. „Das habe ich auch nie.“ Ein schwacher Abglanz eines Lächelns umspielte seine Lippen und zum ersten Mal seit langer Zeit schimmerte die Erinnerung an ihren Vater durch sein von Krankheit gezeichnetes Äußeres. „Solange du entschieden handelst und dir nichts anmerken lässt … halte dich an Ansgar. Er wird wissen, was zu tun ist. Hör auf seinen Rat, bevor du deine Entscheidung triffst. Du wirst es lernen.“
Ein Kloß in ihrer Kehle hinderte sie am Sprechen und so nickte sie nur.
Sein Griff um ihren Arm löste sich. Mit ihr zu sprechen, hatte ihn sichtlich erschöpft. Seine Bewegungen waren langsam und unbeholfen, als er sich mühsam einen Ring von seinem Finger zog und ihn Fara reichte. Diesen Ring hatte ihr Vater nie abgenommen. Es war die edelste Goldschmiedearbeit, die die Prinzessin je gesehen hatte. Auf der glatten Oberfläche des zierlichen Goldrings erahnte sie haarfeine Gravuren, mehr, als sie sie sah.
„Dieser Ring begleitet unsere Familie seit Generationen. Wenn die Legenden wahr sind, ist er ein Geschenk der Götter.“
Fara ließ den Ring beinahe fallen.
„Du meinst, dass …“ Sie verbiss sich ihre Bemerkung. Es war mit Sicherheit ein wunderschöner Ring, aber … „Vater, das ist heidnischer Humbug“, entschlüpfte es ihr schließlich doch.
Er zuckte schwach mit den Schultern. „Wo auch immer er herkommt, er gehört jetzt dir.“ Seine Stimme wurde immer leiser. „Und jetzt bring mir bitte noch eine Decke.“
So leise wie möglich schloss Fara die Tür hinter sich. Ihr Vater war wieder eingeschlafen, und sie hatte ihn der Fürsorge einer Magd anvertraut. Ada, ihre eigene Magd, wartete im Gang auf sie.
„Bring mir meinen Mantel.“
Die junge Frau blickte sie erstaunt an. „Aber Herrin, Ihr wollt doch nicht etwa bei diesem Unwetter raus?“
„Doch. Ich brauche etwas frische Luft.“ Bevor Ada weitere Zweifel anmelden konnte, fügte sie hinzu: „Ich warte beim Ausgang zum Hof auf dich.“
Als die Magd davontrottete, warf Fara einen prüfenden Blick auf den Ring an ihrem Finger. Entschlossenes Handeln, sagte sie sich. Einen Schritt nach dem anderen.
Ihr Weg führte im Säulengang an der großen Halle vorbei, in der zu dieser fortgeschrittenen Stunde zahlreiche Gefolgsleute auf Bänken schliefen. Auch viele der Bediensteten hatten sich zur Ruhe begeben und so war es, abgesehen vom Wüten des Sturms und dem Knistern der Flammen in den Kaminen, still.
Umso lauter erschienen ihr die flüsternden Stimmen, die plötzlich erklangen.
„Gundahars Treue ist außer Zweifel, aber was seine Söhne angeht …“
Was war das mit den Söhnen ihres Onkels? Fara verhielt im Schritt und spähte aus dem Schatten einer Säule in den Saal. An einem der Kamine, etwas abseits von den Gefolgsleuten, die auf den Bänken vor sich hin schnarchten, standen vier Männer.
Den jüngsten von ihnen, einen groß gewachsenen, blonden Jüngling, dessen Tunika sich über seiner breiten Brust spannte, erkannte Fara als Alcuin. Er war seinem Vater als Graf der östlichen Marken nachgefolgt, nachdem dieser in einem Scharmützel gegen die Sachsen gefallen war. Doch schon vorher hatte sich der junge Mann einen Namen im Kampf gegen die Sachsen gemacht. Ihre Magd Ada war ein Geschenk Alcuins gewesen. Ada hatte gesagt, er hätte eine Vorliebe für sächsische Mägde. Warum er das haben sollte, war Fara unverständlich. Ada tat ihre Arbeit weder besser noch schlechter als alle anderen Mägde, die sie kannte.
Er lehnte in lässiger Gebärde am Kamin. „Die Frage ist doch, wer wäre auf Berengars und Berards Seite? Also, das heißt, falls sie so dämlich sein sollten und sie die legitime Nachfolge in Zweifel ziehen?“, brummte er.
Der Mann zu Alcuins Linker verhalf sich zu einem Becher Wein. Die Narben in seinem Gesicht legten beredt Zeugnis ab von einem Leben voller Kämpfe, doch nur einige wenige graue Strähnen in seinem dunklen Haar wiesen auf sein Alter hin. Das war Graf Richomer; Fara glaubte sich zu erinnern, dass seine Lande im Norden an der Grenze zu den Friesen lagen. Er nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei er den dritten Mann im Bunde nicht aus den Augen ließ.
„Nun, Hlodwig …“ Richomers Stimme glich dem Kratzen einer Dolchklinge über einen Schleifstein. „Seit Ihr hier seid, habe ich Euch mehr als einmal mit Berard sprechen sehen. Ich hätte Euch nicht für die Art Mann gehalten, die so sehr nach geistlichem Beistand verlangen.“
Graf Hlodwig, ein alter Mann, zu dessen Erscheinung, Stimme und Auftreten Fara nur das Wort dünn einfiel, betrachtete Richomer mit sichtbarem Widerwillen. Seine klauenartige Hand verkrampfte sich um den Griff seines Schwertes und er zischte: „Nicht, dass ein halber Heide, wie Ihr, so etwas verstünde. Ist Eure Friesin überhaupt getauft?“
Fara hielt vor Schreck die Luft an. Den Gerüchten zufolge hatte Richomer, nachdem er lange Jahre Witwer gewesen war, eine junge Frau niederer Geburt zur Gemahlin genommen. Ada hatte ihr erzählt, dass er einen Waffenknecht erschlagen hatte, weil dieser von der Frau als Friesin gesprochen hatte.
Der Weinbecher zerschellte auf dem Boden, und Richomer hatte sein Schwert zur Hälfte aus der Scheide gezogen, ehe der vierte Mann eingriff. Graf Hildimar, ein enger Freund ihres Vaters, trat zwischen die beiden Männer und legte seine Hand auf den Schwertarm Richomers.
„Edle Herren.“ Er hob seine Stimme nur unmerklich. „Wir sind nicht hier, um Beleidigungen auszutauschen. Ich bin sicher, Hlodwig hat nur so dahergeredet. Der Wein. Nicht wahr, Graf?“
Hlodwig gab mit einem nachlässigen Winken sein Einverständnis. Richomers Kiefer arbeitete, im Widerschein des Kaminfeuers schienen seine Augen zu glühen. Doch nach einigen Herzschlägen stieß er sein Schwert in die Scheide und trat einen Schritt zurück. Alcuin hatte sich nicht von seinem Platz am Kamin fortbewegt und betrachtete die Szene mit einem amüsierten Ausdruck.
Hildimar trat neben ihn, sodass er die drei Edelmänner alle ansprechen konnte. „Bedenkt, Richomer, Hlodwig ist Frau Diedlinds Oheim.“
„Genau darauf wollte ich hinaus“, murmelte Richomer mit düsterer Miene.
Als hätte er diesen Einwurf nicht gehört, fuhr Hildimar fort. „So ist es wohl nicht verwunderlich, dass er mit ihren Söhnen spricht.“ Er ließ diese Feststellung einen kurzen Moment wirken. „Wenn wir uns schon über bloße Gespräche und Gerüchte entzweien, wie sollen wir dann den Thron schützen?“
Richomer schnaufte. „Ich schütze keinen Stuhl, auf dem sich ein königlicher Hintern ausruhen kann. Ich will, dass jemand darauf sitzt, dem ich vertraue.“
Alcuin streckte sich und ließ seine Knöchel knacken. „Was uns zu der Frage bringt, was wir tun, sobald der König stirbt.“
Fara ballte die Fäuste. Die Gelassenheit, mit der er vom Tod ihres Vaters sprach, war unerträglich.
„Gundahar wird die Prinzessin schützen und Bischof Ansgar wird sie krönen“, antwortete Hlodwig und rieb sich gähnend die Stirn. „Deswegen ist der König nach Tarvenna gekommen. Er wollte sicherstellen, dass der Bischof sie unterstützt.“
„So wie wir es tun sollten“, gab Alcuin unbeirrt zurück. „Soweit ich das sehe, haben wir zwei Möglichkeiten. Die Prinzessin könnte einen der Söhne Theuderichs heiraten …“ Der Gedanke, die Tochter Childerichs mit einem der Söhne seines größten Rivalen zu verheiraten, löste bloßes Kopfschütteln aus. „… und da keiner von uns ihm das Reich in die Hände geben will, bleibt nur, hier einen geeigneten Mann für sie zu finden.“
Die Worte ihres Vaters hallten in ihr wider. Du wirst keine Königin sein, sondern eine Puppe. „Und was für ein geeigneter Mann soll das sein?“, grollte Richomer.
Alcuin zuckte mit den Schultern und lächelte unbekümmert. „Ich bin immerhin noch unverheiratet.“ Er sprach es leicht daher, aber Fara durchfuhr dennoch ein Schauder. „Ich bin wohlhabend und nicht zu vergessen …“
„Was ist mit Eurem Sohn, Graf Hildimar?“, schnitt Richomer seine Rede ab. „Viele würden diese Verbindung unterstützen.“
Die Augen aller richteten sich auf den Grafen, doch dieser wich den Blicken aus, ergriff einen Schürhaken und stocherte damit im Feuer herum. Auf Fara machte er in diesem Moment einen unbeholfenen Eindruck.
„Wir müssen in Erfahrung bringen, wie der Bruder des Königs und der Bischof dazu stehen“, antwortete er schließlich. „Was …“
In dem Moment wurde das Eingangsportal aufgestoßen. Begleitet von einem Donnerschlag wehte ein Schwall nasser Kälte hinein und trieb einen Bediensteten vor sich her. Die Tunika und der dünne Mantel des Mannes waren völlig durchnässt.
„Ihr Herren!“ Er verbeugte sich vor den Edelmännern. „Herr Gundahar schickt mich. Ein Unglück ist geschehen! Der Bischof ist tot.“
Wie ein Mann fuhren die vier Edelleute auf. Fara spürte, wie die Wärme aus ihren Gliedern wich. Sie stützte sich an der Säule ab, hinter der sie sich verborgen hatte.
„Was ist passiert?“, rief Hildimar.
„Ein Priester fand ihn im Münster. Er ist wohl gestürzt und hat sich den Kopf an einem Altar aufgeschlagen.“
Durch den kalten Luftzug und den Ruf des Bediensteten begannen die Männer in den entlegenen Teilen der Halle zu erwachen; schnell verbreitete sich die Nachricht und ein Summen wie in einem Bienenkorb begann die Halle zu füllen. Fara atmete schwer, stieß sich von der Säule ab und begann, zurückzuwanken. Sie achtete nicht darauf, ob sie jemand sah. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Wenn der Bischof sie nicht heute Abend … wenn sie bei ihm gewesen wäre, hätte sie ihm vielleicht helfen können?
Sie spürte nicht mehr, wie sie zu Boden fiel.
„Man hat sie bewusstlos im Gang neben der Halle gefunden. Ich weiß nicht, ob sie uns belauscht hat, aber ich denke, sie war dabei, als der Diener mit der Nachricht deines Vaters zu uns kam.“
Berengar, der nur mit halbem Ohr zugehört hatte, gab ein unbestimmtes Brummen von sich. Er hatte die ganze Nacht wach gelegen und brütete nun über seiner schlechten Laune. Es war kein schlechtes Gewissen, das ihn plagte. Es war Ärger. Wie es schien, waren nicht alle Morde gleich. Einen Mann wie Ansgar zu töten, mochte eine Gefahr beseitigt haben, mit Sicherheit war es eine Notwendigkeit gewesen, aber es bedeutete auch eine enorme Verschwendung.
„Hörst du mir zu?“
Alcuins Frage zwang ihn schließlich aus dem Käfig seiner im Kreis laufenden Gedanken. Berengar nickte und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg vor ihnen. Das Unwetter der letzten Nacht hatte Schmutz und Staub aus der Luft gewaschen, und Tarvenna erstrahlte jetzt wieder im Glanz des Sonnenlichts. Sie hatten beschlossen, sich in der Stadt zu treffen, abseits von wachsamen Beobachtern in der Pfalz. Er versuchte, sich zu erinnern, was sein Freund ihm soeben berichtet hatte.
„Ob sie euch belauscht hat oder nicht, ist unbedeutend.“ Er hielt inne. Irgendetwas in der Erzählung störte ihn; wie ein Schatten, der verschwand, sobald man den Kopf in seine Richtung drehte. „Und Hildimar hat nichts gesagt? Auch nicht, als du dich vorgeschlagen hast? Oder als Richomer ihn darauf ansprach?“
„Nein.“ Alcuin zuckte mit den Schultern. „Er war ziemlich still. Vielleicht ahnt er ja schon, woher der Wind weht, hm?“
„Das will ich nicht hoffen.“ Was er allerdings gehofft hatte, war, dass Hildimar auf Alcuins Herausforderung antworten und seine eigenen Ambitionen offenbaren würde. „Komm.“ Er nickte in Richtung des Münsters. „Meine Eltern müssten inzwischen auf dem Weg sein.“
Alcuin hatte die Idee, sich in aller Öffentlichkeit mit Berengar und Gundahar zu treffen, widerstrebt. Jedoch hatte Berengar mit Recht darauf hingewiesen, dass sie als gute Christenmenschen ja nun einmal die Kirche aufsuchen mussten. Zudem war insbesondere der wachsame Richomer ein bestenfalls nachlässiger Christ. Und von Hlodwig hatte man seit gestern Nacht nichts mehr gehört. Der plötzliche Tod Bischof Ansgars war wie ein Blitz eingeschlagen und hatte entsprechende Spuren hinterlassen. In dem Strom der Gläubigen erkannte er unzählige verstörte, trauernde Mienen. Es erfüllte ihn mit einer grimmigen Genugtuung, dass die Menschen den Tod Ansgars fühlten. Dieser Mann verdiente jede Ehrung und Erinnerung.
Sie betraten das Münster getrennt; für den Fall, dass doch aufmerksame Beobachter zugegen waren. Berengar grüßte seine Eltern und gesellte sich zu ihnen. Berard leitete die Messe, doch Berengars Aufmerksamkeit galt in erster Linie Gundahar. Das Gesicht seines Vaters war eine steinerne Maske. Wie hatte er die Ereignisse aufgenommen? Und wie würde er auf Berengars Vorschlag reagieren? Was sollte getan werden, wenn er sich weigerte? Einen Mann Gottes zu ermorden war eine Sache, den eigenen Vater eine andere. Seine Gedanken überraschten ihn. War er schon so weit gekommen, dass Mord für ihn zur Lösung aller Probleme wurde?
Die Predigt und die Kommunion zogen an ihm vorbei und er fand sich in jenem Seitenschiff wieder, in dem er gestern Abend gestanden hatte. Das schwere goldene Kreuz war selbstverständlich noch vor dem Fund der Leiche gereinigt worden. Inzwischen hatte man auch das Blut vom Boden beseitigt. Ein einfacher Kranz aus Kornblumen lag dort, wo gestern der alte Mann gelegen hatte; ein kümmerlicher Tribut.
„Wo warst du gestern Abend?“
Gundahars Frage traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Diedlind starrte ihren Mann ungläubig an.
„Was?“, entfuhr es ihnen beinahe gleichzeitig.
„Du hast mich gehört, mein Sohn.“
„Bei meinem Bruder.“ Er hatte mit der Frage gerechnet, wenn auch nicht von seinem Vater. „Wir diskutierten das Leben des Arius. Oder vielmehr erläuterte Berard mir dessen Philosophie und Häresie.“
Gundahar atmete auf; seine Schultern sanken herab. Er holte Luft, um etwas zu sagen – höchstwahrscheinlich eine Entschuldigung – doch Berengar kam ihm zuvor. Den Stachel, seinen Sohn verdächtigt zu haben, wollte er vorerst in Gundahars Fleisch stecken lassen. „Vater, ich habe Euch hierhergebeten, weil ich nicht weiß, wer in der Pfalz nicht vielleicht noch zuhört.“ Diese Eröffnung hatte die beabsichtigte Wirkung. Er hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Vaters. „Graf Alcuin hat darum gebeten, mit uns zu sprechen.“
Er wies auf den Eingang zum Seitenschiff, wo Alcuin bereits auf sein Stichwort wartete.
„Herr Gundahar, Frau Diedlind.“ Er begrüßte sie mit einer ehrerbietigen Verbeugung. „Ich teilte mich bereits Herrn Berengar mit und er schlug vor, dass wir uns besprechen.“
Sein Vater lächelte, aber Berengar erkannte den wachsamen Ausdruck in seinen Augen. Nuancen dieser Wachsamkeit schlichen sich auch in seine Stimme, als er antwortete: „Graf Alcuin, Bischof Ansgar ist noch nicht einmal begraben. Unser König liegt auf dem Krankenbett. Was könnte so wichtig sein, dass wir es jetzt besprechen müssen?“
„Das Königreich“, antwortete Alcuin, ohne zu zögern. „Nicht weniger steht auf dem Spiel.“
Wenn Alcuin gehofft hatte, durch diese Ankündigung Gundahar zu einer Reaktion zu bringen, so wurde er enttäuscht. Ein kurzer Moment unangenehmer Stille schloss sich an, denn Gundahars Antwort war Schweigen. Berengar sah, wie seine Mutter, hinter seinem Vater stehend, zu einer Erwiderung ansetzte, doch er brachte sie mit einem Blick zum Schweigen. Glücklicherweise verstand Alcuin das Gebot des Moments und fuhr fort.
„Ich war bei einer Unterredung zugegen, bei der darüber gesprochen wurde, dass viele die Hochzeit zwischen Graf Hildimars Sohn und der Prinzessin guthießen. Insbesondere Graf Richomer hat sich entsprechend geäußert. Auch sprach er davon, dass …“ Alcuin räusperte sich. „Nun, dass er nicht den Thron zu schützen gedachte, sondern jemanden Zuverlässiges darauf zu setzen beabsichtigte.“
„Bei Wein zum Abend dahergeredetes Geschwätz ist wohl kaum ein Grund, Alarm zu schlagen, mein junger Freund“, antwortete Gundahar mit einem nachsichtigen Lächeln.
„Vater“, warf Berengar ein, „sollten wir nicht trotzdem mit Richomer sprechen? Um das aufzuklären. Oder vielleicht könnten wir Hlodwig befragen, der auch anwesend war.“
Die Antwort Gundahars fiel genauso aus, wie er sie erwartet hatte.
„Nein.“
„Aber Vater …“
„Nein.“ Er wandte sich Alcuin zu. „Ich weiß Eure Sorge zu schätzen, aber Graf Richomer zu beschämen oder zu beleidigen, indem ich seine Loyalität infrage stelle, ist das Letzte, was ich zu irgendeinem Zeitpunkt täte. Geschweige denn jetzt, wo es wirklich darauf ankommt, Einigkeit zu demonstrieren.“
Alcuins Kopf ruckte hoch. „Ihr zweifelt mein Wort an?“
Er zog es also vor, Graf Alcuin zu beleidigen, anstatt Graf Richomer zu befragen? So viel steckte in Alcuins Frage. Berengar unterdrückte ein Grinsen und trat demonstrativ zwischen die beiden Männer.
„Graf Alcuin, mein Vater wollte natürlich nicht Euer Wort anzweifeln.“ An seinen Vater gewandt, fügte er hinzu: „Wie wäre es mit einem Kompromiss? Lasst Mutter mit ihrem Oheim Hlodwig sprechen. Diskret. Es müssen ja keine Namen genannt werden und wir können uns über die Umstände dieses Gesprächs Gewissheit verschaffen.“
Gundahar zögerte, erkannte dann aber die Zwickmühle, in die ihn seine Worte gebracht hatten, und gab mit einem Nicken sein Einverständnis. „Wenn uns das hilft, diese Angelegenheit aus der Welt zu schaffen, dann bin ich einverstanden. Ich danke Euch für Eure Wachsamkeit, Graf Alcuin.“
Als seine Eltern fortgingen, murmelte Alcuin: „Das hat nicht funktioniert.“
Berengar lächelte angesichts der offenkundigen Frustration, die dem Grafen mit diesem Stoßseufzer entwich.
„Ganz im Gegenteil, mein Lieber, ganz im Gegenteil.“
Der blonde Hüne verschränkte die Arme.
„Habe ich etwas verpasst? Dein Vater nannte mich einen Grünschnabel und hat mir nicht geglaubt. Und ich bin mir ziemlich sicher: Er hat auch dir nicht geglaubt.“
„Ja, er zweifelt an mir“, gab Berengar zu, „aber er wird das hier Gesagte nicht vergessen. Wir haben eine Saat gesät und müssen ihr nun Zeit geben, aufzugehen. Meine Mutter wird mit Hlodwig sprechen und nur das hören, was sie hören will und uns nützt. Und Hlodwig wiederum wird – ganz ohne unser Zutun – jede Gelegenheit nutzen, Richomer anzuschwärzen.“
Alcuin stieß ein skeptisches Brummen aus. „Wir werden sehen.“
„Das werden wir. Mein Vater wird nichts tun; noch nicht einmal Childerich Bescheid geben. Der König ist noch am Leben, aber sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Und diesen Faden wird er nicht riskieren. Alldieweil werden Zweifel an ihm nagen.“ Und schließlich, wenn Childerich im Himmel war und die Grafen einander bei der Gurgel hatten, würde er sich der Notwendigkeit beugen. Vielleicht, im allerbesten Fall, würden sie seine Cousine dann auch völlig aus dem Bild nehmen können. Irgendein hübsches Kloster, in das man sie abschieben konnte, würde sich doch finden lassen? Und wenn nicht … er warf einen Blick auf den Altar; er hatte schließlich schon wertvollere Leben ausgelöscht.
Kapitel II
Seit der Nacht von Bischof Ansgars Tod und ihrem Zusammenbruch waren einige Tage vergangen. Am Morgen danach war sie in ihrem Bett wachgeworden, Oreibasios an ihrer Seite. Sie hatte den Arzt darum gebeten, sich wieder um ihren Vater zu kümmern. Wie sie erfuhr, hatte sich Childerichs Zustand nach der Nachricht von Ansgars Tod erheblich verschlechtert. Daher war Fara – entgegen Oreibasios’ und Adas Anraten – sofort aufgestanden, um das Münster zu besuchen und für die Gesundung ihres Vaters und die Seele des Bischofs zu beten.
Bei der Beerdigung des Bischofs hatten sie und ihr Onkel das Königshaus vertreten. Die Zeremonie, wie auch alle anderen ihrer Verrichtungen – ihre Gebete, die Teilnahme an der Zeremonie, ihre Mahlzeiten – ebenso wie die Gesichter derer, die sie zu sprechen wünschten, lagen für sie wie hinter einem Nebel. Es war, als bewegte sie sich durch einen Alptraum und versuchte, zu erwachen.
Jetzt war sie auf dem Weg zum Gemach ihres Vaters, an ihrer Seite ein Krieger, der sich ihr als Sigeric vorgestellt hatte. Zu hören, dass es ihrem Vater wieder so weit besser ging, dass er nach ihr verlangen konnte, hatte Faras Lebensgeister im Handumdrehen wieder erweckt. Im Stillen dankte sie Gott, während sie den langen Schritten des düsteren Mannes nacheilte und Ada weiter hinter ihnen zurückblieb.
Als sie in den Raum trat, konnte Fara einen erschreckten Aufschrei nicht unterdrücken. Draußen strahlte die sommerliche Nachmittagssonne, doch Childerichs Gemach war durch schwere Vorhänge davon abgeschnitten und in Dunkelheit gehüllt. Nur einige Kerzen bildeten kleine Inseln aus Licht. Aus einer bronzenen Schale stieg der Duft verbrannter Kräuter auf, doch kam er nicht gegen den Dunst von Krankheit und Verfall an, der sich hier niedergelassen hatte. Bei ihrem letzten Besuch war dies die Stube eines schwer kranken Mannes gewesen; jetzt war es ein Totenzimmer. Hinter ihnen verschloss Sigeric die Tür. Im Halbdunkel erkannte Fara einen weiteren Mann am Bett ihres Vaters.
„Diethard?“
Ein junger Mann, um dessen schlanke Gestalt ein einfaches, etwas zu weites Priestergewand hing, verließ seinen Platz, um sie zu begrüßen. Aus seinem ebenmäßigen Gesicht blickten ihr schmale, helle Augen freundlich entgegen.
„Prinzessin. Bischof Ansgar hat mich trotz meiner früheren … Verfehlungen gegenüber dem König empfohlen“, sagte er in einem beinahe entschuldigenden Tonfall. „Und durch seinen Tod …“
Fara nickte knapp. „Ich verstehe.“ Es gab keinen Grund, ausgerechnet jetzt auf die Vergangenheit zu beharren. Nicht, wenn sie nicht einmal wusste, ob ihr Vater den Abend noch erleben würde. Sie bemerkte eine Bewegung auf dem Bett. Auf ihre stumme Frage hin schüttelte Diethard kaum merklich den Kopf.
„Oreibasios ist der Meinung, dass es nicht mehr lange dauern wird“, sagte er leise.
„Ich habe dich nicht rufen lassen, damit du mit dem Priester flüsterst.“ Ein Hustenanfall schüttelte Childerich. „Komm her.“
Er bedeutete ihr durch eine kraftlose Handbewegung, an seine Rechte zu kommen. So musste er sich nicht umdrehen, um sie mit seinem guten Auge anzusehen. „Der Arzt sagt mir nicht, was los ist, aber er geht und schickt den Priester.“ Ein Keuchen, das ein Lachen hätte sein sollen, entrang sich seiner Brust. Dieser Ton traf Fara wie ein Schlag, aber sie beherrschte sich. „Meine Glieder sind verdorrt, nicht mein Kopf.“
Ihre Hände krallten sich in die Decke; sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, ehe sie sprach. „Ihr habt mich rufen lassen, Vater?“
„Ja, ich will dir noch zwei Dinge mitgeben, ehe ich mich deiner Mutter und deinen Brüdern anschließe.“
Mit zusammengekrampftem Herzen nickte Fara einfach nur, da sie nicht zu sprechen wagte.
Ihr Vater winkte Diethard heran, der ihnen eine lederne Mappe präsentierte. Der junge Priester klappte sie auf. Fara erblickte einen in Latein verfassten Text, der mit den Siegeln des Königs und Bischof Ansgars versehen war. „Hier ist mein Testament. Du wirst in Austrasien herrschen. Derjenige, mit dem du dich vermählst, wird dein König werden. Mein Bruder kennt meine Wünsche. Jetzt, da Ansgar tot ist, halte dich an ihn.“
Warum hatte er ihr ihren Oheim nicht schon das letzte Mal empfohlen? Diethard verschloss die Mappe sorgfältig wieder und übergab sie in ihre Hände. Sie war schwerer, als sie aussah; das Leder fühlte sich rau an, es verströmte einen bitteren Geruch.
„Außerdem gebe ich dir Sigeric.“ Er wies in die Richtung der Tür, wo sich der große Mann aufgebaut hatte. „Ein Herrscher sollte nie das Schwert aus der Hand legen. Deines heißt jetzt Sigeric.“
Der Mann schien völlig unbewegt von den Worten des Königs. Sie konnte sich erinnern, ihn hin und wieder gesehen zu haben. Soweit sie sich erinnerte, hatte er nie auf einem Ehrenplatz gesessen oder einen Platz an der Tafel des Königs gehabt. Wer war er?
Ihre Frage musste sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben.
„Lass dich nicht täuschen. Das …“ Was Childerich als Nächstes sagen wollte, ging in einem Hustenanfall unter, doch sein gutes Auge blieb auf sie gerichtet. Nach einigen Augenblicken fuhr er fort. „Die Dinge sind … nicht immer … was sie scheinen.“
Mit jedem Wort wurde seine Stimme schwächer. Das Licht in seinem Auge verblasste. Es war ihr, als schrumpfte er vor ihren Augen zusammen.
„Vater?“
Quälend langsam wandte der König den Kopf zur Tür und gab Sigeric ein Zeichen. Der Mann trat zu Fara und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Bitte begleitet mich, Prinzessin.“
Fara ließ sich ohne Widerstand aus dem Raum führen. Sie bemerkte nicht, wohin sie geführt wurde, bis sie sich schließlich in ihren Gemächern wiederfand. Sigeric murmelte etwas und die Tür schloss sich hinter ihr.
Fara war allein. Ihr Unterkiefer schmerzte, so sehr hatte sie ihre Zähne aufeinandergepresst. Ihre Eingeweide waren so verkrampft, als wären sie zur Faust geballt. Ihr Vater starb und sie war nicht bei ihm. Warum wollte er sie in diesem Moment nicht an ihrer Seite haben?
Sie zwang ihre Kiefer auseinander. Die Mappe mit dem Testament fiel aus ihren kraftlosen Händen. Der Knoten in ihrem Leib löste sich, sie fiel auf die Knie. Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper.
Tränen benetzten das Leder.
Berengar war sechzehn Jahre alt gewesen, als er das erste Mal im Kampf gestanden hatte. Zu Gast bei Alcuins Vater hatte er an einem Gefecht gegen eine Horde sächsischer Plünderer teilgenommen. Sie hatten sie in einem Hohlweg überrascht und eingekesselt, aber dennoch hatten die Sachsen zäh gekämpft. Am Ende hatte der Kampfplatz ausgesehen wie das Schlachthaus eines wahnsinnigen Metzgers. Es war ein Bild, das er nie vergessen hatte.
Genauso wenig, wie er jemals vergessen würde, was er hier und jetzt sah.
