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Das Leben von Evan und Jonas scheint perfekt, bis ein Autounfall alles verändert. Sie verlieren ihre Eltern und ihre Wurzeln. Zwar bemühen sich Elia und Amy sie zu trösten und für ihre beiden Männer da zu sein, doch nichts scheint zu helfen - bis Evan ein Wunsch und Traum wieder einfällt. Sie verschwinden im Nirgendwo und ahnen nichts von den Veränderungen, die sich in ihrer Heimat zutragen. Zwar besteht anfangs noch die Möglichkeit, sich bei ihren Liebsten zu melden, aber mit dem Aufbruch ins Nichts, bleiben die zurückgelassenen Verwandten und Freunde im Dunkeln und können sich nur mit dem Gedanken trösten, dass sie bald ihre Geliebten Evan und Jonas wiederbekommen. Die nahende Geburt von Evans und Elias Kind hält zuhause alle in Atem und lässt auf eine schnelle Rückkehr hoffen. Jonas, dem es schon immer leichter fiel, die Probleme hinter sich zu lassen, kommt diesem Wunsch bald nach, muss jedoch erkennen, dass Evan noch lange nicht soweit ist und muss ihn allein zurücklassen. Bis zu Evans Rückkehr geht noch einige Zeit ins Land. Am Flughafen wird er dann von Elias Geheimnis, welches sie ihm erst während seines Schottlandsaufenthaltes beichtet, begrüßt - sein Sohn...
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für Anni
Evan
Jonas
Partnerschaften
Elia – Evans Partnerin
Amy – Jonas’ Partnerin
Althea – Evans beste Freundin
Familien
Alexander – Evans Vater
Brenda – Evans Mutter
Klaus – Elias Vater
Andrea – Elias Mutter
Andreas – Jonas’ Vater
Ingrid – Jonas’ Mutter
Nico – Evans Bruder
Robert – Jonas’ Bruder
weitere wichtige Personen
Shona
Irvine – Shonas Ehemann
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Danksagung
Die erste Frage, die sich viele Menschen stellen, wenn sie die erste Seite eines Buches aufschlagen, ist, ob das Folgende auf wahren Geschehnissen beruht. Ich vermag es nicht, diese Frage in Gänze zu beantworten.
Die hier erzählte Geschichte basiert auf Erlebnissen eines Traums.
Was ist nun aber ein Traum? Zählen Träume in eine andere Welt, sodass sie Hirngespinste unserer Phantasie sind? Haben sie keinerlei Funken Wahrheit in sich? Ich möchte es Ihnen überlassen, was Sie in Träumen sehen, was Sie damit verbinden und wie Sie diese für Ihr Leben nutzen.
Es ist mir allerdings ein Anliegen, Ihnen vor Augen zu führen, dass ein Traum einen gewissen Teil einer jeden einzigartigen Person widerspiegelt.
Können wir bei Träumen deshalb gleich von Hirngespinsten sprechen? Sind sie nicht genauso Teil unserer Persönlichkeit? Können wir unsere Träume von uns abgrenzen? Ich bin der Meinung, dass das nicht möglich ist.
Wir verarbeiten in unseren Träumen jene Sachen, die uns am meisten beschäftigen. Wir befassen uns in Träumen in erster Linie aber mit unserer eigenen Geschichte.
In der folgenden Geschichte wird es um eine Gruppe von Menschen gehen, die sich nicht immer an ein und demselben Ort befindet, aber auf eine gewisse Weise stetig miteinander verbunden ist und somit eine große gemeinsame Geschichte und viele kleinere Geschichten teilen.
Auch wenn diese Menschen nur Teil eines Traumes waren, so waren sie doch verbunden und Verbindungen zwischen Menschen sind ohne jeden Zweifel Realität.
Haben Sie Ihren Eltern früher nicht auch voller Begeisterung erzählt, was Sie in der Nacht zuvor geträumt haben? Oder springt Sie am Sonntagmorgen nicht sogar Ihr eigenes Kind an, das Ihnen voller Begeisterung von den geträumten Geschehnissen berichten will? Und haben Sie damals von Ihren Eltern nicht selbst den Satz gehört oder bereits Ihren eigenen Kindern ins Ohr geflüstert: „Träume können in Erfüllung gehen.“ Wir nehmen unser Leben also mit in die Träume und unsere Träume wieder mit hinaus.
Um diese Geschichte in allen Facetten und in ihrer gesamten Tiefe verstehen zu können, ist Musik von enormer Bedeutung, denn ähnlich wie Träume sind Lieder Ausdrücke der Gefühlswelt eines Menschen. Es gibt also gewisse Lieder oder bestimmte Songtexte, die die Protagonisten dieser Geschichte mit wichtigen Ereignissen oder Stationen ihres Lebens verbinden. Auch der Titel des Buches ist von einem Songtext inspiriert worden. Lange Zeit hatte das Buch keinen Titel bis ich im Auto das Lied „Colorblind“ von Counting Crows gehört habe. Vielleicht erschließt es sich nicht sofort, warum das Buch diesen Titel trägt. Am Ende des Buches und mit der Hilfe von ein wenig Phantasie ergibt sich, dass dieser Titel das Buch widerspiegelt.
In manchen Belangen wünsche ich mir, dass die folgende Geschichte noch wahr werden möge, aber ebenso wünsche ich mir, dass ich dies niemals geträumt hätte.
Evan und Jonas sind jahrelang durch dick und dünn gegangen. Ihre Freundschaft ging so sehr in die Tiefe, wie es sich jeder von seinem besten Freund oder seiner besten Freundin wünschen würde. Sie konnten sich alles anvertrauen, sie hatten in großen Teilen die gleichen Interessen und sie waren immer für den anderen da, wenn man ihn gebraucht hat. Beide sind gerade 27 Jahre alt geworden und hatten ihre Ausbildungen abgeschlossen. Sie waren also bereit, den nächsten Schritt in ihrem Leben zu wagen und durchzustarten. Alles schien einen geregelten Lauf zu nehmen, vor allem, weil beide ihre Liebe des Lebens bereits gefunden hatten. Evan befand sich seit 9 Jahren in einer wunderbaren Beziehung mit der 25-jährigen Elia, die an derselben Universität wie Evan studierte. Jonas hingegen war bereits mit Amy verheiratet, die Krankenschwestern und Krankenpfleger im örtlichen Krankenhaus ausbildete. Zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens läuft alles in geregelten Bahnen und man kann durchaus sagen, dass es schon Züge von einem Idyll hatte, wie es sich alle Familien für ihre Kinder wünschen. Das Schöne an der ganzen Sache war, dass sich alle untereinander gut verstanden. Gelegentlich waren die Frauen dem jeweils besten Freund des anderen nicht so wohl gesonnen, weil die Jungs ab und zu einen über den Durst tranken. Die beiden Frauen sind davon keineswegs ausgenommen, aber bei ihnen wird das natürlich niemals so an die große Glocke gehängt wie bei den Männern. Man merkt, dass sich beide Pärchen in ziemlich normalen und harmonischen Beziehungen befanden.
Auch die Eltern dieser Paare verstanden sich untereinander recht gut. Das hatte verschiedenste Gründe. Alexander war ein sehr sarkastischer und ironischer Mensch, was er wohl Evan vererbt hatte und annähernd vom selben Schlag war auch Andrea, die immer einen guten Spruch auf den Lippen hatte. Klaus und Brenda waren eher ruhigere Gemüter. Dass sich Alexander und Brenda auch gut mit Andreas und Ingrid verstanden, hatte mit der jahrelangen Aktivität der Männer im örtlichen Fußballverein zu tun. Solche gemeinsamen Geschichten gehen natürlich nicht ungeachtet an einem vorbei und diese Begeisterung für den Fußballsport hatten die beiden Herren ebenfalls ihren Söhnen vererbt. Jonas und Evan waren jetzt zwar nicht so talentiert, dass sie eine professionelle Karriere hätten starten können, aber darum ging es ihnen auch nicht, sondern um die gemeinsame Liebe zum Spiel.
Genau diese Liebe zum Fußballspiel war der Grund dafür, dass sich die Elternpaare von Evan und Jonas mit dem Auto auf den Weg machten, um ein Spiel der ehemaligen Altherrenmannschaft anzuschauen. Dies hatten sie schon lange nicht mehr getan. Deshalb waren die beiden „alten Herren“ auch etwas aufgeregt vor diesem Spiel, in welchem es immerhin um den Kreispokal ging. Auf der Hinfahrt war es eigentlich wie immer, wenn die beiden älteren Generationen der Familien etwas gemeinsam unternahmen. Ingrid und Brenda redeten über den neusten Klatsch und Tratsch auf der Rückbank, während sich Alexander und Andreas vorne schon darüber Gedanken machten, wen sie alles wiedersehen würden und erzählten sich die üblichen Geschichten ihrer ruhmreichen fußballerischen Vergangenheit.
Als sie dann auf dem Fußballplatz ankamen, trafen sie die üblichen Verdächtigen, die „geballte Fachkompetenz“ der örtlichen Fußballszene, also ihre ehemaligen, nun auch schon um die 60 Jahre alten Mitstreiter. Es geschah das Übliche, wenn solche Events anstanden. Die Männer gaben sich dem Bier, den Zigaretten und alten Geschichten hin, während die Frauen sich auf der anderen Seite des Feldes über ihre eigenen Männer und diejenigen, die sich als Fußballer auf dem Feld versuchten, amüsierten. Natürlich blieb das ein oder andere Missgeschick der alternden Fußballer auf dem Feld nicht aus und wurde sowohl von den Männern als auch von den Frauen lautstark kommentiert. Es war also ein Tag, wie er im Bilderbuch stand. Es gab viel zu lachen, viel zu erzählen und ein glückliches Ende gab es auch, denn die Altherrenmannschaft von Andreas und Alexander hatte knapp mit 1:0 gewonnen und konnte somit den Pokal in die Vitrine stellen. Natürlich wurden Alexander und Andreas noch zu der Feier eingeladen, die naturgemäß nach einem solchen Sieg folgen musste. Brenda und Ingrid wussten aber, wohin das führen würde und sie hatten keine Lust ihre betrunkenen Männer dann irgendwie nach Hause zu kriegen. Vor allem hätten sie die nächsten Stunden auf ihre Männer aufpassen und auf dem Sportplatz bleiben müssen, was beiden natürlich überhaupt nicht genehm war. Es geschah das, was Männer vor ihren Freunden niemals erleben wollen. Beide Frauen stellten sich mit den Händen an die Hüfte gestützt hin und schauten ihre Männer mit einem Blick an, dessen Bedeutung allen Männern bekannt ist: „Wenn du jetzt hier bleibst, dann kannst du die Nacht auf der Couch schlafen!“ Thorsten, der seit vielen Jahren der Kapitän der Altherrenmannschaft war, versuchte die beiden Frauen doch noch zum Bleiben zu überreden, aber er hatte so oder so keine Chance zu ihnen durchzudringen.
Sie kennen die zahlreichen Geschichten, die ihre Männer mit ihm erlebt hatten, als diese noch aktiv waren. Als Thorsten sagte, dass das heute doch ein besonderer Tag sei und somit nur eine Ausnahme, entgegnete Brenda nur, dass es also genau so eine Ausnahme wird wie jedes Wochenende, als ihr Mann noch gespielt hatte. Daraufhin hat sich Thorsten ziemlich schnell verabschiedet. Immerhin hatte er ja andere Dinge im Kopf, als sich jetzt mit zickigen Frauen zu beschäftigen. Auch die Überredungsversuche von Alexander und Andreas scheiterten kläglich. Die Frauen waren müde und das kühlregnerische Wetter trug sein Übriges bei. Während die Männer nur an die Siegesfeier dachten, wollten sich die Frauen in ihre Decken des jeweiligen Heimes auf der Couch einkuscheln und im Fernsehen einen schönen Film ansehen.
Vielleicht hätten sie lieber auf Thorsten und ihre Männer hören sollen…
Nach diesem, für alle Beteiligten, außer für die gegnerische Altherrenmannschaft, gelungenen Tag, machten sich die beiden Pärchen auf den Heimweg. Sie gingen zum Auto, das sie auf dem nahe gelegenen Parkplatz abgestellt hatten. Obwohl die Männer schon etwas enttäuscht waren, dass sie den Pokalerfolg nicht mit ihren alten Weggefährten feiern konnten, waren sie nun eigentlich auch glücklich sich auf dem Heimweg zu befinden, denn auch sie waren ja nicht mehr die Jüngsten, sodass die Folgen von ein paar Bier mittlerweile schneller zu merken waren, als zu ihren besten Zeiten. Dementsprechend waren auch sie schon etwas schlapp geworden und somit auch froh, wenn sie sich zu Hause in ihren Sesseln niederlassen können, um den Tag ruhig ausklingen zu lassen.
Da ja sowohl Alexander als auch Andreas das ein oder andere Bierchen getrunken hatten, hatte Ingrid sich bereit erklärt, die ungefähr fünf Kilometer lange Strecke zu ihren Häusern zu fahren. Die beiden Pärchen hatten sich, bevor sie zum Sportplatz aufgebrochen waren, noch zum Kaffee bei Brenda und Alexander verabredet. Da beide Häuser nicht weit voneinander entfernt waren, hatte Alexander vorgeschlagen, den Weg zu Fuß zurückzulegen. Somit mussten sie ja mit dem Auto von Alexander und Brenda zu Fußballplatz fahren. Auf dem Hinweg ist Alexander ja auch noch gefahren, aber Brenda kam als Fahrerin für den Rückweg nicht in Frage, weil sie nie einen Führerschein gemacht hatte. Somit musste also Ingrid fahren, obwohl sie vom Autofahren wenig begeistert war. Bisher hatte sie es bei jeder Gelegenheit vermieden, selbst zu fahren. Sie fühlte sich hinter dem Lenkrad absolut unsicher. Sie wusste auch nicht genau, woran das lag. Vielleicht glaubte sie, dass sie nicht die Fähigkeiten zum Fahren besaß oder möglicherweise kam sie auch nicht mit der Verantwortung zurecht, wenn andere mit in ihrem Auto saßen, denn immerhin ist sie ja dann für das Leben ihrer Mitfahrer verantwortlich. Da sie aber nun die Einzige war, die sowohl fahrtüchtig als auch fahrberechtigt war, musste sie diese Bürde auf sich nehmen. Dass es dann auch noch ein Auto war, das sie nie zuvor gefahren hatte, beruhigte sie natürlich überhaupt nicht. Auch wenn sie nur für diesen kurzen Weg für die Menschen verantwortlich war, die sie mit am Meisten liebte, könnte sie es sich niemals verzeihen, wenn sie dafür verantwortlich wäre, dass ihnen etwas zustoße. Sie war am Anfang des Tages auch noch der festen Überzeugung, dass Alexander auch zurückfahren würde, aber als die Frauen ihn glücklich in der Menge seiner Freunde sahen, konnten sie es ihm einfach nicht abschlagen, dass er mit ihnen ein paar Bier trinken darf. Im Gegenzug hatte Ingrid sich, gutmütig wie sie ist, bereit erklärt, ihre Lieben nach Hause zu fahren.
Wann hat man denn schon einmal die Gelegenheit, sich um seine Liebsten im besonderen Maße verdient zu machen?
Als die Fahrt begann, war Ingrid sogar noch sehr zuversichtlich, denn sie konnte das Auto in Bewegung setzen, ohne dass auch nur ein Problem auftrat. Plötzlich verspürte sie ein starkes Ruckeln am vorderen rechten Rad. Alle Insassen im Auto schauten sich um, aber es war nichts Auffälliges durch die Seitenscheiben zu erkennen. Auch die Pedale funktionierten ganz normal und die Anzeigen leuchteten auch nicht auf, was bedeutete, dass mit dem Luftdruck ebenfalls alles in Ordnung sein musste. Alle beschlossen also, dass man sich das zu Hause noch einmal genauer anschauen würde. Da alles scheinbar reibungslos funktionierte, machte sich niemand Sorgen und außerdem waren es ja nur die besagten fünf Kilometer bis nach Hause. Während der ersten drei Kilometer hat sich das Auto auch ganz normal verhalten. Es machte keine besonderen Geräusche und Ingrid gewann etwas Sicherheit am Steuer. Sie hatte sogar etwas Spaß daran, weil die Männer im Auto den einen oder anderen Witz erzählten, die sie genau so lustig fand wie die Herren. Von der Straße ließ sie sich allerdings nicht ablenken. Dafür war sie zu verantwortungsbewusst.
Kurz bevor sie in das Stadtviertel gelangten, in welchem ihre Häuser lagen, führte die Strecke allerdings noch über eine Brücke, die vor kurzem erst ausgebaut und erneuert worden war. Seitdem die Bundesregierung beschlossen hatte, die LKW-Maut einzuführen, wurde die Stadtbrücke gerne genutzt, um die eine oder andere Mautstelle zu umgehen. Dadurch gab es in diesem Bereich ein erhöhtes Vorkommen von Lastwagen. Genau so war es auch an diesem Abend. Kurz vor der Brücke gibt es eine Zufahrt, die von einer nahe gelegenen Autobahn zu der besagten Brücke führte. Auf der gerade zulaufenden Straße fuhr Ingrid auf die linke Fahrbahnseite zu. Allerdings verharrte die Ampel dieser Straße noch auf Rot. Die Ampel von der Zufahrtsstraße war gerade auf Gelb gesprungen. Da die Ampel eine sehr lange Rotphase hatte, sah sich ein LKW-Fahrer trotzdem noch veranlasst über die Ampel zu fahren, um seinen Zeitplan einzuhalten. So zwang der LKW-Fahrer sein mit zwei Anhängern versehenes Arbeitsgerät noch um die Kurve. Im gleichen Moment erhielt die Ampel, an der Ingrid wartete, grün. Da hinter Ingrid schon die anderen Fahrer hupten, obwohl die Grünphase gerade einmal zwei Sekunden dauerte, wollte sie nicht an der Ampel warten, bis der LKW sicher um die Kurve gefahren war. Außerdem war die linke Fahrbahnseite ja trotzdem frei, sodass sie das Auto schnell beschleunigte. Sie holte mit dem Auto natürlich schnell auf den LKW auf und befand sich in der Mitte der Brücke auf Höhe seines Hinterrades auf der anderen Fahrbahnseite. Plötzlich blinkte der LKW nach links. Weil der Fahrer des Fahrzeugs, noch durch das Gehetze über die gelbe Ampel irritiert war, vergaß er in den Rückspiegel zu schauen.
Ingrid war durch diese Tat des LKW-Fahrers so sehr erschreckt worden, dass sie mit aller Kraft auf das Bremspedal drückte. Brenda, die neben Ingrid auf dem Beifahrersitz saß, schrie als hätte man ihr ein Messer in den Rücken gerammt, denn sie sah sich schon unter dem riesigen LKW-Reifen begraben und von den Männern hinten war nur ein „Oh mein Gott“ zu hören. Zunächst bremste das Auto auch noch, sodass sie am Mittelpunkt der Brücke, die wie ein kleiner Hügel gebaut worden war, zum Stehen kamen, aber diese Notbremsung war begleitet von einem lauten Krachen am rechten Vorderrad. Im ersten Moment dachten alle im Auto, dass sie mit dem Schrecken davon gekommen seien, als sie sahen, wie der LKW vor ihnen auf die linke Fahrbahnseite wechselte.
Im selben Moment prallte eines der Autos, welches hinter Ingrid an der Ampel gewartet hatte, in den hinteren Teil des Fahrzeugs. Alle Insassen wurden mit einem gewaltigen Schwung nach vorne geworfen. Wenn nicht alle angeschnallt gewesen wären, dann hätten sich alle mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Genick gebrochen.
Für den Bruchteil einer Sekunde dachten die beiden Elternpaare, dass sie es nun überstanden hätten, denn hinter ihnen war alles zum Stehen gekommen. Allerdings rollte das Auto, durch den gewaltigen Stoß des anderen Autos, über den Mittelpunkt der Brücke hinaus und kam durch die abfallende Neigung zusätzlich ins Rollen. Ingrid trat auf die Bremse, aber diese funktionierte nicht mehr richtig. Immer wenn sie auf das Bremspedal trat, bremste das Auto nur auf der linken Seite ab, sodass das Fahrzeug immer in Schieflage gerat, wenn sie auf das Bremspedal trat. Ingrid versuchte es in ihrem Schockzustand mit Intervallbremsungen, in der Hoffnung langsamer zu werden, aber sich dabei nicht zu überschlagen. Allerdings wurde das Auto nicht langsamer, sondern immer schneller, weil die Intervallbremsungen nicht ausreichten und das Gefälle der Brücke zu stark war, als dass das Gewicht des Fahrzeugs samt seiner Insassen hätte gebremst werden können. Zu allem Überfluss verlief die Straße nun direkt auf die nächste Ampel zu, welche in diesem Moment ebenfalls ihre Rotphase hatte. Alexander und Andreas flehten ihre Frauen an, dass sie doch die Sicherheitsgurte lösen sollten, damit sie aus dem Auto springen könnten, denn so schnell war das Auto noch nicht. Aber sowohl Ingrid, die immer noch versuchte das Auto irgendwie zu kontrollieren, als auch Brenda, die, seitdem sie dachte, dass sie unter dem LKW-Reifen begraben wird, total regungslos auf dem Beifahrersitz saß, konnten die beiden Männer nicht mehr erreichen und sie hatten auch nicht den Mut alleine aus dem fahrenden Auto zu springen. Die Frauen waren wie in ihrer eigenen Welt gefangen und absolut nicht mehr ansprechbar. Sie rollten also unaufhaltsam auf die Kreuzung zu und sahen wie die anderen Autos einer Nebenstraße auf ihre Fahrbahn fuhren. Alexander und Andreas schrien unter Tränen immer noch ihre Frauen an, dass sie doch endlich aus dem Auto springen sollten, um ihre Haut zu retten. In Brendas Augen sah man bereits, dass sie mit ihrem Leben abgerechnet hatte, denn sie schaute inhaltslos auf die Frontscheibe, als wenn man ihr die Seele schon aus dem Leib genommen hätte und Ingrid war als Fahrerin in Raserei verfallen, weil ihre schlimmste Befürchtung nun tatsächlich Realität wurde. Sie schlug verzweifelnd auf das Lenkrad, als wenn sie dadurch das Fahrzeug zum Stehen bringen würde.
Auf einen Schlag blieb allen der Atem weg und ihre Häupter wandten sich nach links, denn die Autos von der Nebenstraße fuhren immer noch auf die Hauptstraße. Die Vier befanden sich nun mitten auf dem Schneideweg, wo sich die Autos der Nebenstraße in die Hauptstraße eingliederten, weil Ingrid die rote Ampel überfahren musste, um sich nicht zu überschlagen. Plötzlich gab es einen lauten Knall, nach welchem sich alle nahe stehenden Menschen umschauten. So sehr sich Ingrid angestrengt hatte, konnte sie das Unausweichliche nicht verhindern. Ein größerer Transporter hatte das Auto auf der linken Seite so stark getroffen, dass es sich zweimal überschlagen hatte. Schließlich nahmen die beiden Überschläge ein trauriges Ende, als sich das Auto samt Insassen an dem Stamm eines an der Straßenseite eingepflanzten Baumes wiederfand. Der Fahrer des Transporters war absolut geschockt, als sich vor ihm Alexanders Auto auftauchte, denn er konnte ja nicht damit rechnen, dass während seiner Grünphase irgendjemand von dort auf die Straße kommen würde. Ein vorbildlicher Außenstehender informierte sofort den Rettungswagen und die Polizei. Dem Fahrer des Transporters war außer einer kleinen Platzwunde am Kopf nicht viel passiert. Die Umstehenden waren allerdings nicht in der Lage, trotz ihrer lobenden Zivilcourage, die Insassen zu befreien. Diese waren einfach zu sehr durch den Aufprall, die Überschläge und dem Einschlag in den Baum in die Wrackteile des Autos eingedrückt worden. Das Schlimmste war, dass niemand in diesem Fahrzeug auch nur einen Laut von sich gab. Die um das Auto stehenden Menschen konnten nur sehen, wie Ingrid stark blutete und ihr jede Menge Blut den Arm herunter lief. Die Verletzungen der anderen Insassen konnte man durch die verbeulte Karosserie nur schwer erahnen. So heftig waren die Auswirkungen des Unfalls.
Als die Krankenwagen nach zehn Minuten endlich an der Unfallstelle ankamen, kam jede Hilfe für die Insassen zu spät. Bei allen konnte schließlich nur der Tod festgestellt werden. Alle starben entweder an zu starken Blutungen oder weil sich Teile der Karosserie in ihre Körper gebohrt hatten. Es war ein schauderhafter Anblick, diese vier Menschen so sehen zu müssen, sogar für einen gestandenen Arzt oder Rettungshelfer.
Eine halbe Stunde nach dem Unfall wurden die engsten Verwandten von Alexander, Brenda, Andreas und Ingrid über die Geschehnisse informiert. Unter diesen Nahestehenden befanden sich natürlich auch Evan und Jonas. Als beide diese Nachricht über das Telefon erhielten, fielen sie in einen Schockzustand. Sie wollten es nicht wahrhaben, dass so etwas Entsetzliches passieren kann. Evan fiel der Hörer aus der Hand und er sank in seinen Schaukelstuhl zusammen. Jonas hingegen hatte das alles so sehr mitgenommen, dass ihm und Evan beide Elternteile genommen wurden, dass er im Wohnzimmer seiner Wohnung in Ohnmacht gefallen ist. Wenn Amy seinen Sturz nicht zumindest ein wenig abgefedert hätte, wäre er wohl mit seinem Kopf gegen den Wohnzimmerschrank geschlagen. Gott sei Dank weiß Amy ja, was in solchen Momenten zu tun ist und so hatte sie Jonas binnen weniger Minuten wieder bei sich. Beide Männer waren für die nächsten Stunden überhaupt nicht ansprechbar. Die ebenfalls sehr betroffenen Elia und Amy versuchten bei ihren Männern das Beste, um sie auch nur ein wenig wieder in diese Welt zurückzuholen, aber das war aussichtslos. Beide konnten den Unglücklichen bei all ihren tröstenden Worten und Umarmungen nicht ein Wort entlocken. Daraufhin telefonierte Elia zunächst mit Amy und fragte nach, wie Jonas diese Hiobsbotschaft aufgenommen hatte. Dass Jonas in Ohnmacht gefallen war, erschreckte sowohl Elia als auch Evan, der durch das Mithören dieses Telefonats wieder etwas in dieses Leben zurückgekommen schien. Niemand mag sich vorstellen, was Evan getan hätte, wenn er innerhalb einer Stunde Vater, Mutter und auch seinen besten Freund verloren hätte. Im Innersten hoffte Elia natürlich, dass ihn dieses Telefonat irgendwie wieder in diese Welt holen würde, denn sie kannte ihren Liebsten wohl besser als er sich selbst und so wusste sie auch, dass ihn wohl nur die Nachricht, wie es seinem gleichermaßen betroffenen Freund ergeht, ein Stück zu ihr zurückholen könnte.
Schließlich war es Amy, die sich traute, das anzusprechen, was allen Beteiligten auf der Seele lag, denn immerhin war es die Pflicht von Evan und Jonas ins Krankenhaus zu gehen, um ihre Eltern vielleicht das letzte Mal zu erblicken. Amy bot Elia dann am Telefon an, dass man sich in zwei Stunden, um 20 Uhr, vor dem Eingang des Krankenhauses treffen könne, denn sie glaubte, dass beide gemeinsam diese Last besser ertragen könnten. Immerhin teilten beide schon über Jahre hinweg ihre Lasten stets gemeinsam, wie es sich für gute Freunde gehörte. In diesen zwei Stunden taten Evan und Jonas wohl das Einzige, was ihnen in dieser Situation richtig erschien. Beide hatten, ohne miteinander gesprochen zu haben, im beinahe selben Moment die gleiche Idee. Jonas und Evan nahmen ihre Autoschlüssel und wollten mit ihren Frauen zu den Häusern ihrer Eltern fahren. Das Hereinkommen würde beiden keine Probleme bereiten, denn immerhin hatten sie für Notfälle die Haustürschlüssel ihrer Elternhäuser behalten. Für die beiden Freunde war das kein Umweg, denn die Elternhäuser befanden sich auf dem Weg zum Krankenhaus. Als sich Evan und Elia von ihrer gemeinsamen Wohnung aus auf den Weg zu Evans Elternhaus machten, fragte Elia lieber noch einmal bei ihm nach, ob er das gerade jetzt machen will bzw. machen kann. „Wäre es nicht besser damit bis morgen zu warten?“ Evan antwortete kurz: „Nein.“ Elia nickte nur, weil sie sah, wie wichtig es für Evan zu sein schien, obwohl sie immer noch der Meinung war, dass es genug wäre, wenn er heute Abend noch seine toten Eltern sehen würde. In ihrem Hinterkopf war immer noch die Nachricht von Jonas und seinem Ohnmachtsanfall eingebrannt. Amy machte sich ähnliche Sorgen, denn immerhin war Jonas vor kurzem erst aus der Ohnmacht wieder erwacht. Aber sie konnte jetzt nicht den Mut aufbringen, um irgendetwas dagegen zu sagen, denn sie wollte Jonas nicht noch weiter aufregen. Er war ohnehin immer noch ein Häufchen Elend, aber immerhin hatte seine Vernunft ihn nicht verlassen, denn er ließ Amy fahren.
Als Evan mit Elia bei seinem Elternhaus ankam, rollte ihm dann doch eine einsame Träne über die Wange. Auf der einen Seite berührte ihn das natürlich in einem besonderen Maße, weil ihm dadurch das Bild seiner toten Eltern nun noch viel näher kam. Auf der anderen Seite war er nach langer Zeit einmal wieder „nach Hause“ gekommen, denn in den letzten Monaten hatte er sich doch sehr stark in seine Arbeit vergraben. Er sah den alten Garten und die Terrasse wieder, auf welcher er oftmals in den Sommermonaten mit seinen Eltern zu Mittag gegessen hatte. Als sie in das Haus hineingingen, bot sich ihnen ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat, wie sie es schon lange nicht mehr gefühlt hatten. Sie wagten sich nur langsam und in kleinen Schritten in das Haus, damit sie auch nicht den kleinsten Fetzen dieses frischen Gefühls versäumten, welches das Haus ausstrahlte und irgendwie wirkte es so, als wenn Evans Eltern noch gar nicht weggewesen wären. Irgendwie hatten beide das Gefühl, dass die Eltern gleich von irgendwoher aus dem Haus kommen würden, um sie willkommen zu heißen. Dies würde nie wieder passieren.
In diesem Moment wurde beiden bewusst, dass sie mehr und mehr in ihrem Leben alleine gelassen werden, denn nun waren nur noch Elias Eltern, Klaus und Andrea, da. Vor allem wurde Evan vor Augen geführt, dass er fast den Letzten seines Familienzweiges darstellte, denn außer seinem älteren Bruder Nico war niemand mehr übrig geblieben. Als Evan so durch das Obergeschoss des Hauses schlenderte und sein altes Kinderzimmer wieder betrachten konnte, schloss er die Augen und vor seinem geistigen Auge liefen einige kleine Filme seiner Jugend ab, die schöne und unschöne Momente beinhalteten. Dennoch war er der Meinung, dass die schlimmeren Dinge dringend zum Leben dazu gehören, denn die Überwindung jener Dinge ist es zumeist erst, wodurch eine Verbindung, sei es die familiäre, die freundschaftliche oder die einer Beziehung, in die nötige Tiefe gehen lässt.
Jonas hingegen fühlte sich nicht direkt geborgen, als er „zu Hause“ ankam. Ihn überkam eher ein Gefühl der Demut, denn er machte sich den Vorwurf, dass er sich in den letzten Monaten und insbesondere in den letzten Wochen viel zu wenig um seine Eltern gekümmert hatte, denn ihm wurde nun richtig bewusst, was es bedeutete, etwas erst richtig zu schätzen, wenn man es verloren hatte. Jonas machte beim Eintreten in die Wohnung keine Anstalten irgendetwas Besonderes zu fühlen oder in ganz besonderen Sachen zu schwelgen. Er wusste von sich selbst, dass er die Kraft für so etwas gerade nicht aufbringen könnte, aber es war ihm wichtig noch einmal an dem Ort zu sein, wo seine Eltern jahrelang gelebt hatten. Aus diesem Grund setzte er sich auch auf die Couch im Wohnzimmer, wo er die meiste gemeinsame Zeit mit seinen Eltern verbracht hatte, einmal abgesehen von der Zeit, die er gemeinsam mit seinem Vater auf dem Sportplatz hatte. Er wünschte sich also in einem gewissen Maße noch einmal so etwas wie die Aura seiner Eltern zu spüren. Jonas war keineswegs religiös oder abergläubisch, aber in solchen Situationen hatte er einen gewissen Drang dazu, sich solchen Dingen hinzugeben. Es war ihm egal, ob er sich nur einbildete, seine Eltern oder das, was die Zeit der Eltern hier hinterlassen hatte, spüren zu können oder nicht. Er hatte in diesen Minuten wohl noch ein letztes Mal die Möglichkeit, sich seinen Eltern richtig nahe zu fühlen, denn nachher im Krankenhaus würde er nicht mehr seine Eltern vor sich sehen können, sondern nur noch die Hüllen, die sie einst enthielten. In diesen Minuten war es Amy das erste Mal möglich, mit ihrem Geliebten seit dem Anruf aus dem Krankenhaus wieder ein paar Worte bezüglich des Todesfalls zu wechseln. Sie wusste genau, welche Worte sie in solchen Momenten zu verwenden hatte, denn sie kannte alle Kanten und Ecken ihres Mannes und somit auch die richtigen Momente, um bestimmte Themen anzusprechen. Sie wusste aber auch, dass sie sich bei ihm ein paar anderer Herangehensweisen als in ihrem Beruf bedienen musste, denn Jonas sind die Künste seiner Frau nicht unbekannt und deshalb wäre es auch möglich gewesen, dass er sie schlicht abweisen würde. Im Moment konnte er Trost und ein offenes Ohr jedoch mehr gebrauchen, als dass er sich noch mit seiner Ehefrau streiten würde.
Mittlerweile war es aber schon 19:30 Uhr und Jonas und Amy brauchten bis zum Krankenhaus ungefähr zwanzig Minuten mit dem Auto. Deshalb beschlossen sie diese Eindrücke des Hausbesuchs zwar für sich mitzunehmen, aber in gewisser Weise für sich auch wegzuschließen, denn beide waren sehr emotionale Menschen und brauchten einfach ihre Zeit, um mit bestimmten Geschehnissen zurecht zu kommen. Während sich Amy und Jonas schon auf dem Weg zum Treffpunkt mit Evan und Elia befanden, waren diese noch immer in Evans Elternhaus. Dieses befand sich nur ungefähr fünf Minuten Fußmarsch vom Krankenhaus entfernt. Aus diesem Grund beschlossen beide gemeinsam noch den Eltern von Elia einen Besuch abzustatten, welche direkt nebenan wohnten. Andrea und Klaus hatten sich ohnehin schon gewundert, warum denn das Auto ihres vermeintlich zukünftigen Schwiegersohnes und ihrer Tochter vor dem Haus von Evans Eltern stand, welches man von ihrem Wohnzimmerfenster aus gut sehen konnte. Sie dachten aber nicht daran, hinüber zu gehen, denn wenn da irgendetwas gewesen sein sollte und die beiden vorhätten es ihnen zu erzählen, dann würden sie schon von alleine rüberkommen. Dies taten sie auch und Evan war das in dieser Situation auch ganz genehm, denn so hätte er diesen Gang schon einmal hinter sich gebracht und sie könnten ja auch nicht lange bleiben, um irgendwelche unangenehmen Fragen zu beantworten.
Elia klingelte, weil sie ihren alten Haustürschlüssel zu Hause vergessen hatte. Als Andrea die Tür öffnete, schrie sie gleich freudestrahlend und laut in den Flur hinein: „Klaus, schau doch mal, wer uns besuchen kommt!“ Dass Evan und ihre Tochter ihr bald die gute Laune nehmen würden, konnte sie in diesem Moment nur leicht erahnen, denn sie kannte den Blick ihrer Tochter, wenn schlechte Nachrichten ins Haus standen. Als sich alle im Wohnzimmer zu einer Tasse Tee oder Kaffee niedergelassen hatten, war es dann schließlich Evan, der die schlechte Botschaft überbrachte. Blankes Entsetzen war in den Augen von Andrea und Klaus zu sehen. Man hatte das Gefühl, dass Klaus oder Andrea gleich fragen, ob das nur ein schlechter Witz sei, aber das haben sie sich nicht getraut. Als der Groschen bei den beiden dann gefallen war, dass es sich bei dieser Nachricht um die blanke Wahrheit gehandelt hatte, war zu dem Entsetzen auch noch Entrüstung dazu gekommen, denn obwohl Evan die Umstände des Todes und des damit in Verbindung stehenden Unfalls noch nicht offenbart worden waren, war allen Anwesenden klar, dass diese Art des Dahinscheidens zu den undankbarsten überhaupt gehörte.
Evans Plan, unangenehmen Fragen auszuweichen, war aufgegangen, denn nun war es an der Zeit, um zum Krankenhaus aufzubrechen. Er hatte es gerade so geschafft, seinen Kaffee auszutrinken, bevor sie wieder los mussten und ein starker Kaffee war von Evan wirklich schnell weg getrunken.
Elia und Evan machten sich also auf den kurzen Fußmarsch zum Krankenhaus auf. Dafür brauchten sie nur einen kleinen Landweg entlang gehen und schon standen sie auf dem großen Parkplatz des Krankenhauses. Als das Pärchen auf dem Weg zum Vordereingang waren, wo sie sich mit Amy und Jonas verabredet hatten, kamen diese gerade mit dem Auto auf dem Parkplatz an und Jonas hielt es einfach nicht mehr auf dem Sitz, bis Amy einen Parkplatz gefunden hätte. Sie hielt an, damit Jonas aussteigen konnte und seine erste Reaktion war es, sich vor Evan hinzustellen und ihm genau ins Gesicht zu schauen. Aus langjähriger Freundschaft heraus wusste Jonas genau, wann in Evan eine Krise tobte und er musste vorher einfach wissen, ob es ihn genau so sehr mitgenommen hatte wie ihn und bei dem Blick in Evans Augen gab es für ihn keinen Zweifel mehr daran, dass in ihm genau so ein Gefühl der Leere vorhanden war wie in ihm selbst. Daraufhin geschah etwas, was wohl schon seit acht Jahren nicht mehr geschehen war. Jonas fiel in Evans Arme. Dort weinte er bestimmt fünf Minuten lang, während Evan sich die Tränen noch hartnäckig verkniff. Er trauerte auf eine andere, eine sehr viel gefährlichere Weise. Anstatt alles heraus zu lassen, trug er in schlimmen Situationen immer einen Kampf mit sich selbst aus. Elia, Amy und Jonas wussten das und deshalb waren sie über Evans Schweigsamkeit auch nicht überrascht. Sie mussten nur aufpassen, dass dieser innere Kampf nicht zu große Ausmaße annahm, aber Elia spürte diese Situationen immer ganz genau auf und war wohl als Einzige dann noch in der Lage, ihn aus dieser fast schon tiefdepressiven Lage zu befreien; eine Leistung, auf die sie ohne jeden Zweifel stolz sein durfte.
Nun mussten aber alle diesen schweren Gang ins Krankenhaus antreten. Amy ging voran, denn sie arbeitete ja schließlich in dieser Klinik und wusste ganz genau, wo sich was befand. Sie stiegen alle in den Fahrstuhl und fuhren in das Untergeschoss des Krankenhauses. Dort wartete schon ein Kollege von Amy auf die Vier, der ihnen Einlass zu einem Raum gewährte, wo sie sich noch kurz aufhalten sollten. In der Zeit würden dann die Leichname für sie ordentlich in einem separaten Raum aufgebahrt werden, damit sie in aller Ruhe das erste Mal von ihnen Abschied nehmen könnten. Als sie dann ein weiterer Mitarbeiter in das Nebenzimmer führte, blieben die beiden Frauen etwas im Hintergrund. Als Erstes schritten Evan und Jonas in das Zimmer, aber es kam in diesem Moment nicht zu den erwarteten großen Gefühlsausbrüchen. Der Schock und die Fassungslosigkeit überwiegten doch in diesen Minuten. Jonas fühlte sich ohnehin in der Nähe seines besten Freundes etwas stärker und das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit. Beide Pärchen standen nun also Hand in Hand vor vier Liegen, auf denen die sterblichen Überreste der Eltern lagen. Dies war für alle Beteiligten ein Bild, das sie wohl in ihrem ganzen restlichen Leben nicht mehr vergessen würden. Niemand sagte in diesen Minuten etwas. Es war absolute Stille im ganzen Korridor. Es wäre wohl auch der falsche Moment für irgendwelche Worte gewesen. Für Worte und Geschichten wird es noch die richtige Zeit geben, dachte sich Evan, der in Gedanken schon irgendwie dabei war, den nächsten Schritt zu planen. Wenn ihm seine Eltern eines gelehrt haben, dann dass es immer irgendwie weiter geht und auch aus Liebe zu seinen Mitmenschen weiter gehen musste. Bei Jonas war einfach nur Schweigen eingetreten. Er war in Gedanken versunken, aber das wollte ihm in diesem Augenblick niemand übel nehmen. Vielleicht war er gedanklich auch schon bei seinem Bruder Robert, der morgen oder übermorgen bei ihm zu Hause vor der Tür stehen würde und überlegte, was er ihm in diesem Moment sagen sollte. Letztendlich war es wieder Amy, die das Schweigen brach. Sie meinte nur, dass es Zeit wäre zu gehen. Alle bis auf Jonas nickten. Amy wusste schon, warum sie dies tat, denn jede weitere Minute in diesem Raum hätte Jonas nur noch weiter weg von den anderen Anwesenden geführt. Als sie dann gegen 20:30 Uhr das Hospital wieder verlassen hatten, wusste niemand, was er dem anderen so richtig sagen sollte. Beileidsbekundungen hatte es schon zur Genüge gegeben und sich gegenseitig zu bemitleiden, war ohnehin nicht der Stil der beiden Männer. Schließlich umarmten sich die Pärchen noch einmal ordnungsgemäß, wie es bei Verabschiedungen so üblich war und alle gingen dann ihrer Wege, in dem sicheren Gewissen morgen wieder voneinander zu hören. Amy und Jonas fuhren wieder zu ihrer Wohnung, während Elia und Evan entschlossen hatten, auf jeden Fall diese Nacht dann bei ihren Elternhäusern zu verbringen. Das Paar ging erst einmal wieder zu Klaus und Andrea. In einer ruhigen Minute sprach Elia dann Evan an, ob er denn hier übernachten möchte oder lieber diese Nacht zu Hause verbringen wollte. Er antwortete, dass er diese Nacht in seinem alten „zu Hause“ ausharren würde. Schlafen würde er diese Nacht ohnehin nicht können und er wollte nicht, dass sie nur wegen ihm auch die ganze Nacht wach bliebe. Also antwortete er auf die Frage, ob sie denn mitkommen solle, dass sie doch lieber heute bei ihrer Familie bleiben möge, denn auch sie habe die ihre seit mindestens zwei Monaten nicht mehr gesehen und nun spürte er ja ganz genau, dass man seine Familie niemals vernachlässigen sollte. Elia war zwar nicht begeistert von dieser Idee, weil sie sich auf der einen Seite nicht wohlfühlte, wenn er in der Nacht nicht neben ihr im Bett lag und auf der anderen Seite war es ihr unangenehm, ihren Mann in einer solch schweren Zeit nicht zur Seite stehen zu können. Sie wusste aber, dass ihr Liebling nichts Dummes anstellen würde, denn dafür wäre er einfach viel zu vernünftig.
Evan zog sich also im Flur seine Schuhe an und wollte gerade die Tür aufmachen, da umarmte ihn von hinten plötzlich nochmals Elia und sagte, dass er das nicht machen müsse, denn da drüben wäre er ganz alleine mit sich selbst und obwohl Elia wusste, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, überkam sie doch ein mulmiges Gefühl ihn ein paar Meter weiter ganz alleine zu wissen. Evan war in diesem Moment allerdings absolut nicht nach Reden zu Mute und küsste Elia zum Abschied. Das war der erste Kuss, den Elia seit der Schreckensnachricht von ihrem Mann erhalten hatte, aber sie dachte sich, dass es lieber ein Kuss dieser Art sei als gar keiner. Evan wollte damit nicht mangelnde Zuneigung ausdrücken. Im Gegenteil, er fühlte sich durch diesen Vorfall nur noch mehr zu Elia hingezogen und wollte sie um jeden Preis stetig in Sicherheit wissen, weil sie ja nun eigentlich das Einzige war, was er auf Erden noch hatte.
Als Evan die Haustür seines Elternhauses nun ein zweites Mal an diesem Tag öffnete, war ihm natürlich ganz anders zumute, denn nun war er ganz allein mit dieser Situation konfrontiert und vor allem alleine mit seinen Gedanken. Evan tat das, was seine Eltern auch immer an einem kühlen Herbsttag gemacht hatten. Er holte größere und kleinere getrocknete Holzstücke aus dem Schuppen und schürte ein Feuer im großen Kamin des Hauses. Danach setzte er sich in den alten Schaukelstuhl seines Vaters vor den Kamin, in welchem er schon zu Jugendzeiten immer viel Zeit verbracht hatte, wenn es draußen einfach zu kalt war, um etwas zu unternehmen. Schließlich war es ja auch dieser alte Schaukelstuhl, der ihn dazu veranlasst hatte, sich selbst einen zuzulegen. Wie es für ihn üblich war, machte er sich nun noch einen Kaffee und einen Drink mit weißem Rum in der Küche, den seine Mutter immer im Haus hatte, falls ihr Sohn einmal zu Besuch kam, um danach wieder in dem Schaukelstuhl zu versinken und stundenlang ins Feuer zu starren. Wie erwartet, fand er die ganze Nacht keine innere Ruhe, die ihm das schlafen erlaubt hätte. Er litt ohnehin unter Schlafstörungen, die er oftmals nur noch mit starken Schlaftabletten bekämpfen konnte, sodass er nur auf wenige Stunden Schlaf in der Nacht kam. Oftmals verbrachte er dann die Zeit, die er im Bett neben Elia wach lag, damit, jene zu beobachten. Für ihn gab es wohl nichts Schöneres, als sie beim Schlafen zu beobachten und zu sehen, wie sie selbst nachts und dadurch unbewusst versuchte, ihm nahe zu sein, denn Evan schlief immer auf der Seite des Bettes, die zur Wand gerichtet war und Elia rückte dann immer gerne so sehr an ihn heran, dass er schon regelrecht an die Wand gepresst wurde. Das machte ihm aber nichts aus und mit der Zeit fing er an, dies lieben zu lernen. Evan war kein Freund von Beziehungen, in denen gegenseitig geklammert wurde und so eine Beziehung war das auch nicht, aber er verzichtete lieber auf Bequemlichkeit und Freiheit, als dass er zulassen würde, dass sich Elia zu weit von ihm entfernte.
Dieses Gefühl von Nähe konnte er diese Nacht nicht haben und auf diese Weise bereute er es ein wenig, nicht bei Elia und ihren Eltern geblieben zu sein, aber er hatte für sich beschlossen, diese Nacht im Haus seiner Eltern zu bleiben…
Elia fand indes auch keine Ruhe. Wie auch. Sie stand Evans Eltern auch sehr nahe. Sie saß lange mit ihren Eltern im Wohnzimmer und sprach mit ihnen über diese Situation. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie sie sich fühlen würde, ihre beiden Elternteile gleich auf einen Schlag zu verlieren. Sie freute sich aber schon darauf, ihren Mann am folgenden Tag wieder in die Arme nehmen zu können. Vielleicht würde er ja neben ihr im Bett liegen, wenn sie morgen früh aufwachte, denn auch ihr war bewusst, dass er nicht viel schlafen würde und möglicherweise käme er ja nachts rüber und legte sich dann doch noch neben sie ins Bett. Als sie aus ihrem alten Kinder- und Jugendzimmer zu Evans Elternhaus hinausblickte, sah sie nur, dass ein schwaches Licht durch die milchigen Fenster der Eingangstür drang. Sie konnte also erahnen, dass er immer noch vor dem Kamin saß und sich heute von dort nicht wegbewegen würde. Sie versuchte nun selbst etwas Ruhe zu finden, denn auch sie musste die neue Situation verarbeiten und darüber nachdenken, wie sie ihren Mann aufgebaut bekäme. Wahrscheinlich würde er einfach nur Zeit und Geborgenheit brauchen, um darüber hinweg zu kommen.
Dass sie damit in einem gewissen Sinne Recht haben würde, konnte sie nicht ahnen…
Nachdem dann auch Amy und Jonas zu Hause angekommen waren, ergab sich nicht direkt ein gleiches, aber ein ähnliches Bild wie bei Elia und Evan, mit dem Unterschied, dass sie diese Nacht gemeinsam in ihrer Wohnung und im Ehebett verbringen würden. Jonas hatte an diesem Abend aber keinerlei Blicke oder Gedanken mehr für seine Frau übrig. Seine einzigen Gedanken drehten sich allein um das alte Fotoalbum der Familie, das er ganz hinten im Wohnzimmerschrank verstaut hatte und seinem Bierkasten, den er immer auf dem Balkon des Hauses abstellte. Amy dachte nur, dass sie heute und in den nächsten Tagen lieber nichts gegen seinen verstärkten Alkoholkonsum sagen sollte, denn sie wüsste auch nicht, wie sie sich jetzt verhalten würde und ihm jetzt Vorschriften zu machen, wäre wohl genau das falsche Zeichen gewesen. Sie ließ ihn diesen Abend einfach gewähren. Sie setzte sich einfach zu ihm auf die Wohnzimmercouch und hörte sich an, wie er von den Erlebnissen mit seinen Eltern erzählte, die die Fotos festgehalten hatten. Sie war der Meinung, dass Schweigen und Anteilnahme in diesen Momenten das Leid verringern könnte, weil sie es, so gut es möglich war, mit ihm teilen konnte. Jonas hatte das sichtlich gut getan und als er nach zwei Stunden mit dem Durchschauen des Albums fertig war, schickte er Amy mehr oder weniger ins Bett, weil sie seiner Meinung nach sehr geschafft von diesem Tag aussah. Er bedankte sich bei ihr, diese Stunden mit ihm durchgestanden zu haben, weil er der Typ Mensch wäre, der das bräuchte. Amy stand auf und ging in Richtung Schlafzimmer, als sie sich noch einmal umdrehte und sagte: „Ich weiß.“ Dann verschwand sie schmunzelnd.
Danach hatte Jonas mal wieder das Gefühl, seine Frau gar nicht verdient zu haben; ein kribbelndes Gefühl, wie er es ganz zum Anfang ihrer Beziehung oftmals gefühlt hatte und beinahe hätte er für einen Bruchteil einer Sekunde das Geschehene zu vergessen. Irgendwie hatte Amy es doch geschafft, ihn wieder in ihren Bann zu ziehen, was natürlich heute eine äußerst schwere Aufgabe darstellte.
Jonas blieb noch eine Stunde für sich allein im Wohnzimmer, aber er fühlte sich keineswegs allein gelassen. Auf der einen Seite wusste er, dass Amy im Bett nur auf ihn wartete und auf der anderen Seite wusste er, dass es jemanden gab, der sich genauso niedergeschlagen fühlte wie er. Jonas hatte sein Handy auf dem Tisch neben der Couch liegen und er spielte die ganze Zeit mit dem Gedanken, Evan anzurufen oder ihm eine Nachricht zu schreiben, aber er hatte nicht den Mut aufbringen können, das jetzt zu tun. Sie hatten sich ja darauf verständigt am nächsten Tag ohnehin miteinander zu telefonieren, sodass das alles auch bis morgen warten konnte.
Dieser Gedanke, etwas auf morgen zu verschieben, war ihm angesichts der Todesfälle etwas suspekt, weil er nun wusste, wie kostbar jeder Moment doch war, aber trotzdem erschien es ihm in diesem Moment als richtig.
Er beschloss ins Bad zu gehen, sich die Zähne zu putzen und sich dann zu Amy ins Bett zu legen. Nachdem er im Wohnzimmer alle Lichter ausgemacht hatte und im Bad gewesen war, versuchte er im Bett noch etwas Platz für sich zu finden, aber Amy hatte sich wie üblich quer aufs Bett gelegt, sodass Jonas sie wieder behutsam etwas zur Seite drehen musste, um seine Seite des Bettes zu befreien. Als er das geschafft hatte und sich bis zum Hals unter seiner Decke vergraben hatte, versuchte er zwanghaft irgendwie einzuschlafen, aber gelungen ist ihm das nicht. Seine Gedanken kreisten von seinen Eltern, zu seinem Bruder und auch hin zu Evan. Viele seiner Jugenderinnerungen waren mit Evan verbunden. Dadurch, dass ihre Interessen ziemlich gleich waren, hatten beide auch so ziemlich die gleichen Reiseziele. Als sie damals zu Schulzeiten eine Studienreise nach Rom machten, hatten sie festgelegt, wo sie in ihrem Leben noch überall hinreisen wollten.
Sie wollten, wie es Brauch war, wenn man ein paar Cent in den Trevi-Brunnen warf, noch einmal nach Rom fahren. Außerdem war Jonas ein großer Australien- und Neuseelandfan, weshalb beide irgendwann auch noch mal diese Länder besuchen wollten. Neben Rom hatte es Evan noch eine weitere historisch bedeutende Stadt sehr angetan und zwar Jerusalem. Ihn interessierten vor allem die alten religiösen Bauten wie das Heilige Grab, die Klagemauer oder den Felsendom; einfach jene Bauwerke, die die Menschen in aller Welt bewegten. Das hing wohl mit Evans besonderem Interesse für die Kreuzzüge des Mittelalters zusammen. Ein letztes gemeinsames Ziel, das beide verfolgten, war eine ausgedehnte Tour durch Schottland und Irland. Diese beiden Länder hatten es ihnen wegen ihrer traumhaften Landschaft besonders angetan. Die Schottischen Highlands mit ihren wunderschönen versteckten Seen, in deren Wasser sich die Sonne so stark spiegelte, dass man sich bereits ein Platz im Paradies gesichert habe; mit ihren riesigen Wäldern, in denen es nicht schwer fallen dürfte, jeden negativen Gedanken zu verdrängen und das weite irische Grün – unendliche Weiten mit zahlreichen Felsenklippen, an denen sich Wellen des Atlantischen Ozeans brachen. Nicht vergessen werden darf der ewig frische Wind, der über die irischen Felder und Weiden weht. Er gibt einem das Gefühl, dass man jeden Widerstand überwinden kann, denn trotz seiner Stärke lässt er es zu, dass man sein gesetztes Tagesziel trotzdem erreicht. Plötzlich trat bei Jonas etwas ein, das er heute für unmöglich gehalten hatte. Im Bett rannte ihm eine Träne die Wange herunter, dessen Ursache nicht darin lag, dass seine Eltern der Tod ereilt hatte. Es war mehr eine kleine Freudenträne, weil er sich an einen schönen Ort versetzt hatte, obwohl er von diesen Gefilden bisher nur Bilder kannte. Wahrscheinlich waren es aber genau diese Bilder, die es geschafft haben, dass Jonas nun eingeschlafen war.
Das, was Jonas in dieser Nacht noch gelungen war, blieb Evan leider verwehrt. Er hatte sich gegen 6 Uhr morgens aus seinem Schaukelstuhl erhoben, aber nicht, um sich woanders niederzulassen, sondern nur um den Schaukelstuhl umzustellen. Er stellte diesen in der Auffahrt auf, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Er wickelte sich in seine Decke ein und setzte das, was er vor dem Kaminfeuer begonnen hatte, mit dem Aufgehen der Sonne fort. Es war ein unvergesslicher Augenblick, den er dort erlebte. Die Sonne kämpfte sich durch die milchigen Wolken und den noch vorhandenen Nebel hindurch und schien somit nicht so stark, dass man sie nicht ansehen konnte, sondern tief orange-rot. Evan interpretierte diesen schönen Augenblick aber noch in eine andere Richtung und zwar erinnerte er sich an eine Szene aus einem seiner Lieblingsfilme und da heißt es, dass unnötig Blut vergossen wurde am vorigen Tag und er dachte nur ironisch, dass das ja einmal wieder ein sehr treffender Augenblick sei.
So langsam erwachte dann auch Elia aus ihrem Schlaf. Sie streckte sich wie jeden Morgen erst einmal ordentlich durch und warf einen Blick aus dem Fenster. Da erblickte sie Evan, wie er in seinem Schaukelstuhl hin und her wippte. Sie machte das Fenster auf und winkte ihm zu, in der Hoffnung, dass er sie wahrnehmen würde, was er dann auch tat. Sie zog sich schnell etwas an und ging zu ihm rüber, setzte sich bei ihm auf den Schoß und kuschelte sich ebenfalls in die Decke mit ein, um mit ihm den Sonnenaufgang zu genießen. Etwa halb acht hatte Evan sich dann auf den Weg gemacht, um Brötchen zu holen und Elia ist zurück zu ihrem Elternhaus gegangen, um dort schon einmal den Tisch zu decken, damit alle gemeinsam frühstücken konnten, wenn ihre Eltern wach waren. Pünktlich, als Evan mit den Brötchen zurückkam, standen Elias Eltern auf. Sie rochen genauso gut wie Evan, wenn frischer Kaffee gebrüht wurde und sie waren auch sehr dankbar dafür, dass sie sich heute nicht um ihr Frühstück kümmern mussten. Am Esstisch sah man Evan allerdings an, dass er nicht ausgeruht, geschweige denn nüchtern war. Für den kommenden Tag war er also nur schwer gerüstet. Er war es zwar gewohnt, wenig zu schlafen, aber ohne Schlaf war für ihn der Tag auch nur schwer zu ertragen. Auch wenn es allen Anwesenden nicht leicht fiel, aber bestimmte Themen mussten ja nun angesprochen werden.
Nachdem Evan seinen zweiten Kaffee getrunken hatte und somit wieder halbwegs ansprechbar aussah, fragte ihn Andrea, wie denn nun die nächsten Schritte aussehen würden. Evan antwortete darauf das, was er sich in dieser Nacht so überlegt hatte. Er würde heute noch mit Jonas telefonieren und alles genauer absprechen, aber er glaubte, dass Jonas mit dem, was er sich so vorgestellt hatte, einverstanden sein würde. Evan hatte geplant, heute noch bei der Zeitung anzurufen und eine gemeinsame Traueranzeige aufzugeben. Da alle Vier ein gemeinsames Ende gefunden hatten, dachte er, dass es angemessen sei, wenn sie ihren letzten Weg auch gemeinsam gehen könnten. Nur über die Bestattungsweise von Jonas’ Eltern war er sich noch unsicher, aber von seinen wusste er, dass sie beide eingeäschert werden wollten und die Asche dann auf einer Streuwiese verteilt werden sollte und diesen Wunsch wollte er natürlich respektieren. Zuvor sollte es für alle Todesopfer aber noch eine gemeinsame Trauerfeier geben.
Nachdem das Frühstück beendet war und Elia und Evan den Tisch wieder abgeräumt hatten, machte sich Evan wieder auf den Weg zu dem Haus, das er nun zu seinem Eigentum zählen konnte, auch wenn er darauf gut hätte verzichten können, denn mit diesem Haus waren einige Verpflichtungen und auch offene Fragen verbunden. Sollte er es behalten? Wie regelte er das finanziell? Sollte er es vermieten? Wie kann er das alles mit Elia unter einen Hut bringen? Es schwirrten ihm in diesem Moment sehr viele existenzielle Fragen durch den Kopf, aber diese mussten erst einmal warten, denn nun galt es erst einmal mit Jonas zu telefonieren.
Bei dem Wählen von Jonas‘ Nummer auf seinem Handy kam sich Evan schon etwas seltsam vor, weil er wusste, was er gleich mit ihm besprechen würde, aber es war unausweichlich und je früher er diese Themen mit ihm besprach, desto eher konnte er sich wieder seinen privaten Problemen widmen. Als Jonas auf dem Display Evans Namen gelesen hatte, wusste auch er, dass die Stunde nun gekommen war, um die Angelegenheiten seiner Eltern zu klären. Das Telefonat lief, wie beide es erwartet hatten, doch sehr bedrückt ab, denn keiner wusste ja so richtig, wie sein Gegenüber das Bisherige verdaut hatte und deshalb hielten sich beide nach der Begrüßung etwas zurück. Evan fragte Jonas: „Du sag mal; was würdest du davon halten, wenn wir für unsere Eltern eine gemeinsame Trauerfeier geben? Ich würde es gut finden. Sie fanden ihren Tod gemeinsam und vielleicht hätten sie es unter diesen Umständen ja auch so gewollt.“, und Jonas antwortete: „Ich denke, dass das keine schlechte Idee ist. Wir teilen uns wieder die Last, so wie früher.“ Daraufhin erwiderte dann Evan:
