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Niederschlesien. Der sechsjährige Paul von Diewitz und seine Eltern entstammen altem Landadel. Sie führen ein herrschaftliches Leben mit Angestellten, wertvollen Dingen und hohen Räumen. Das Geschehen im Schloss Schönenberg nimmt jedoch eine entscheidende Wendung. Nicht nur das Schloss verändert sich, sondern mit dem beginnenden Zweiten Weltkrieg auch die Lage der Bewohner und deren Lebenswege. Ein Buch, das vom Ankommen erzählt und in knappen szenischen Bildern das Aufwachsen in bewegten Zeiten beschreibt.
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Seitenzahl: 61
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Niederschlesien 1939. Der sechsjährige Paul von Diewitz und seine Eltern entstammen altem Landadel. Sie führen ein edles Leben mit Angestellten, wertvollen Dingen und hohen Räumen. Das Geschehen im Schloss Schönenberg nimmt jedoch eine entscheidende Wendung. Nicht nur das Schloss verändert sich, sondern mit dem beginnenden Zweiten Weltkrieg auch Lage und Lebenswege der Bewohner.
Ein Buch, das vom Ankommen erzählt und in knappen szenischen Bildern das Aufwachsen in bewegten Zeiten beschreibt.
Tom Weichelt, geboren 2000, ist seit 2018 als freischaffender Künstler tätig. 2019 begann er sein Studium an der Freien Kunstakademie Nürtingen. Tom Weichelt lebt und arbeitet in Nürtingen.
Für meine Großmutter
Schönenberg
28. Juni 1939
30. Juni 1939
4. August 1939
5. August 1939
Dresden
7. August 1939
12. Mai 1940
14. Mai 1940
Schönenberg
14. Mai 1940
2. April 1941
8. März 1942
10. September 1943
13. September 1943
14. September 1943
17. September 1943
2. November 1944
9. Dezember 1944
24. Januar 1945
25. Januar 1945
27. Januar 1945
2. Februar 1945
3. Februar 1945
4. Februar 1945
5. Februar 1945
6. Februar 1945
Bei Weißwasser
25. Februar 1945
Hof
12. März 1945
22. März 1945
31. März 1945
20. August 1945
Nürtingen
27. Oktober 1945
28. Oktober 1945
29. Oktober 1945
30. Oktober 1945
4. November 1945
6. Oktober 1946
2. September 1947
7. September 1947
8. September 1947
10. September 1947
8. Juni 1948
21. Juli 1948
4. Oktober 1949
26. Mai 1950
27. Mai 1950
3. Juni 1950
4. Juni 1950
19. Dezember 1951
11. Januar 1952
26. Februar 1953
29. Februar 1953
27. März 1953
1. April 1953
10. April 1953
13. April 1953
5. Mai 1953
12. Juni 1953
8. Juli 1953
23. Juli 1953
Farbenschachtel
4. August 1953
12. Juni 1974
»Sie warfen Kohlen auf fremde Dächer«
Anmerkungen
Sommerabends verkroch ich mich mit Vaters Büchlein in die Ofennische. Ich legte es in meinen Schoß und mein Zeigefinger fühlte das Relief des Einbands. Auf der anderen Seite des Fensters schwärmten Mücken im Licht. Ich öffnete das Büchlein, setzte meinen Finger in der Nähe des ersten Buchstabens auf das Papier und entzifferte. Friedrich Hugo Albert von Diewitz – Aufzeichnungen. Vaters Schrift besaß einen starken Willen und ich spürte, wie seine Hand über das Papier gerannt war.
Ich blätterte zur Seite vom 12. Mai 1933, meinem Geburtstag, und versuchte zu lesen. Doch die Wörterflut erdrückte mich.
Ich klappte das Buch zu und löste mich aus der Nische. In den Räumen lag ein warmer Dampf und es war ungewöhnlich still. Mutter und Vater waren einige Stunden zuvor zu einem Ausritt aufgebrochen.
Im Treppenhaus mischten sich Zwiebelgerüche in die feste Luft; die Tür zu den Wirtschaftsräumen im Erdgeschoss war angelehnt. Durch den Spalt beobachtete ich das geschäftige Treiben unserer Wirtschafterin Frau Schwanke und des Küchenmädchens Herta. Eine Weile stand ich, betrachtete Vaters Büchlein in meiner Hand und dann wieder die beiden Frauen. In den Pfannen auf der Kochmaschine brutzelte bereits Fett – Dampf füllte den Raum.
»Herta?«, flüsterte ich vorsichtig.
»Herta?« Sie kam.
»Kannst du mir das vorlesen?«, fragte ich und blätterte zu meiner Seite.
»Mit dem Gesang der Amseln verschwand das Licht hinter den Erlen und tauchte die Welt zwischen Park, Schloss und Dorf in eine samtige Melancholie. Langsam legte sich über das weite Land die Dämmerung. Fenster leuchteten auf und in den Scheiben spiegelten sich die Geburten der vorigen Generationen«, las Herta. Sie senkte das Buch. Ihre grünen Augen blickten andächtig. Tschitscherinegriene, dachte ich und in meinen Gedanken erschienen Mutters Lachfalten. Es war eines der Wörter, das ihre kindliche Seite weckte.
»Nochmal, bitte.«
»Herta! Die Kartoffeln!«, rief Frau Schwanke und Herta verschwand wieder im Türschlitz. Jaja, dachte ich, mein Geburtstag. Tante Elsi hatte in ihrem Glückwunschschreiben damals von einem Frühlingskind gesprochen und davon, dass durch meine Geburt ihre Lebensfreude zurückgekehrt sei. In Gedanken wiederholte ich Vaters Sätze. Mit den Amseln verschwand das Licht hinter den Erlen. Langsam legte sich die Dämmerung über das weite Land. Fenster leuchteten auf und in den Scheiben spiegelten sich die Geburten der vorigen Generationen.
Sommers aßen wir im Blauen Salon zu Abend. Der Tisch war bereits gedeckt, alle Fenster des Eckraums geöffnet. Gute Lüftchen drangen herein und erhellten die Gemüter. Ich ging mit weichen Schritten von Fenster zu Fenster und beugte mich hinaus in die Parkluft. Frau Schwanke und Herta betraten den Raum und servierten Kartoffeln mit Pökelfleisch. Unter Mutters mahnenden Blicken drückte ich die mürben Salzkartoffeln mit dem Gabelrücken zu Brei und mischte Soße darunter.
Vater besaß ein morgendliches Ritual, das er wiederum von seinem Vater übernommen hatte. Nach Rasur und Ankleiden sah er sich jeden Raum des Hauses kurz an. Zuerst die Kammern oben links, dann Bibliothek, Arbeitszimmer, den großen Saal und schließlich das Blaue Zimmer und den Gartensalon. War der Zustand der Räume zufriedenstellend, ging er mit wohlwollendem Gesicht in die Küchenräume und begrüßte Frau Schwanke und Herta. Beide verbeugten sich kurz, Vater fragte nach dem Abendessen, antwortete meistens mit einem warmen »sehr schön« und ging durch einen der Hinterausgänge in den Park. Er faltete die Hände und saugte kräftig an der Morgenluft. Nach dem kurzen Innehalten reckte er sich und ging weiter zum Vorplatz. Er drehte sich um und betrachtete sein Schloss. Zuletzt begrüßte er Kutscher und Pferde, besprach den Ablauf des kommenden Tages, empfahl sich und ging durch den Haupteingang wieder ins Schloss. Dann war es neun Uhr und im Gartensalon stand das Frühstück bereit. Noch am Tisch sitzend stopfte er die erste Pfeife des Tages und erhob sich mit einer langsamen Bewegung aus dem Stuhl.
In seinem Arbeitszimmer endete das Ritual. Er setzte sich an den Sekretär und nahm die Briefe der vergangenen Tage in die Hand. Mit ruhigen Fingern strich er über ein leeres Papier, griff nach der Füllfeder und setzte sie auf. Die frischen Tintenhügel sanken langsam in die Papierfasern. Er stand auf, ging zum Fenster, nahm die Pfeife aus dem Mund und sah im Wiesenschatten letzte Tautropfen.
Den späten Nachmittag verbrachten Mutter und ich im Gartensalon. Ich saß an dem halbrunden Wandtisch über Schularbeiten – sie las ein französisches Buch.
Grillenzirpen verebbte in der ankommenden Dunkelheit. Das Petroleum ging zur Neige und der Stundenschlag der Standuhr im Herrensalon durchbrach die Stille. Grün löste sich aus dem Blattwerk der Erlen und schwamm in den samtigen Abend. Das Kauzwort durchdrang die Luft – ihr Buch lag geschlossen. Mutter stand am Fenster und beobachtete das Land hinter dem Dorf. Wetterleuchten pulsierte kalt, Regen setzte ein und trieb die Wolken über Wald und Park zum Schloss. Unsere Hände spürten das Zittern des Fenstersimses. Blitze zogen in schneller Folge über das Dach. Ich dachte an den Schlossturm, der wie eine trockene Krone auf dem Dach hockte und das Umland überragte. Mit einem Knall breitete sich warmes Knistern aus.
