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In Karlsruhe fährt der Künstler Erik die junge Straßenmusikerin Mika an und während er den entstandenen Schaden wieder gut macht, kommen sich die beiden näher. Doch Erik möchte keine Beziehung zu der deutlich jüngeren Frau. Als er schließlich seinen Gefühlen nachgibt, bricht Mika prompt sein Vertrauen. Oder hat er sie nur falsch eingeschätzt und alles ist ganz anders?
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Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Farbkleckse und Lovesongs
Eine Geschichte über
Musik, Malerei und die Liebe
in Karlsruhe
Elsa Kern
Texte: © Copyright by Elsa Kern, [email protected]
Umschlaggestaltung: © Copyright by www.schenker-design.de
verwendete Fotos: Alexander Belyaev (Pixabay), schenker-design.de
Malereien Innenseiten: © Copyright by E. Schenker
Impressum: E. Schenker, Zimmerstr. 8, 76327 Pfinztal
Vertrieb: epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck in jeglicher Form, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Dies ist ein fiktives Werk. Personen und Handlungen sind frei erfunden, jegliche Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Die Orte in Karlsruhe sind der Geschichte mehr oder weniger angepasst. So findet man beispielsweise auf dem Turmberg durchaus eine Aussichtsterrasse – den Hochspannungsmast mit der versteckten Strickleiter hingegen sucht man vergeblich (und er sollte auch keinesfalls andernorts imitiert werden). Auch kann man die Kunstmesse besuchen, was sehr empfehlenswert ist – darf aber nicht davon ausgehen, dass sie so organisiert wird, wie das im Roman „notwendig“ war. Dasselbe gilt für alle anderen beschriebenen Orte.
Zwanzig Musiktitel führen durch die Liebesgeschichte Mikas mit dem deutlich älteren Maler Erik, dessen Kunstwerke bunte Farbkleckse in die Geschichte malen. Wer Lust hat, kann sich zu den einzelnen Kapiteln auf YouTube Mikas Covers anhören:
https://www.youtube.com/playlist?list=PLM8F9t8asgpf9PAeagWhxpBcnc67CuzRU
In Karlsruhe fährt der Künstler Erik die junge Straßenmusikerin Mika an und während er den entstandenen Schaden wieder gut macht, kommen sich die beiden näher. Doch Erik möchte keine Beziehung zu der deutlich jüngeren Frau. Als er schließlich seinen Gefühlen nachgibt, bricht Mika prompt sein Vertrauen. Oder hat er sie nur falsch eingeschätzt und alles ist ganz anders?
Elsa Kern wohnt im wirklichen Leben bei Karlsruhe und ist selbständige Grafik-Designerin. In ihrem Berufsleben hat sie schon so viele Texte gesetzt, korrigiert und schließlich auch verfasst, dass sie während der Zwangspause ab 2020 ihre freigewordene Zeit mit Roman-Schreiben gefüllt hat. Das hat so viel Spaß gemacht, dass die Ideen nicht mehr aufhören zu sprudeln.
Privat ist sie außerdem Ehefrau und Mutter, Christin, hunde- und pferdevernarrt, Musikerin, Handwerkerin und Träumerin.
1 It’s Too Late
2 Monsters
3 Easy
4 Another Love
5 Complicated
6 Why Can’t I Change
7 Photograph
8 You Are So Beautiful
9 She’s Always A Woman
10 Wonderful Tonight
11 Bonfire Heart
12 More Than Words
13 Say You Won’t Let Go
14 Come On Get Higher
15 Lost Without You
16 Here Without You
17 Just Another Love Song
18 You Are The Reason
19 Where Peaceful Waters Flow
Epilog I Don’t Wanna Miss A Thing
Für Lena.
Und für alle Frauen, die gern mal eben wegträumen.
Sixty seconds of reverie is sixty seconds of living rest for body and mind..(Prentice Mulford)
It's too late, baby, now it's too late
Something inside has died
And I can't hide and I just can't fake it
(Carole King)
https://www.youtube.com/playlist?list=PLM8F9t8asgpf9PAeagWhxpBcnc67CuzRU
„Nadine, ich will, dass du meine Wohnung bis heute Abend verlassen hast. Endgültig.“ Erik saß Nadine gegenüber im Biergarten ihres Lieblingscafés auf dem Ludwigsplatz.
Hier trifft sich alles, was in Karlsruhe Rang und Namen und genügend Kleingeld hat. Selbst die alten Bäume, in deren Schatten es sich heute gut aushalten ließ, konnten Eriks Ärger nicht beruhigen, denn die blonde Schönheit ihm gegenüber hielt seinen Pulsschlag auf konstanten Hundertachtzig. Seine übernächtigten Augen lagen tief in den Augenhöhlen. Als er zu ihr aufsah, blitzten sie zwischen ein paar Strähnen seines zerzausten, schwarzen Haars zornig auf. Wer an ihrem Tisch vorbeilief, mochte auf den ersten Blick ein Paar wie aus dem Bilderbuch vermuten: er mit Ende dreißig wohl nur wenig älter als sie. Beide gutaussehend, sportlich und im besten Alter zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen oder alternativ ihre Freizeit an weißen Stränden und deren Cocktailbars zu verbringen.
Gegenüber dem Café spielte eine rothaarige, junge Frau auf ihrer Gitarre einen alten Lovesong, den sie mit ihrer Altstimme traurig schön interpretierte.
Erik fühlte sich durch die Musik in einen sepiafarbenen Filmstreifen aus den Sechzigern hineinversetzt. Es fehlte nur noch der einsetzende Sommerregen oder ein paar Tränen.
„Oh, Erik. Bitte gib nicht mir die Schuld daran. Du bist so oft unterwegs und diese jungen Künstler sind extrem – aufdringlich. Ich weiß auch nicht, wie das jedes Mal passiert.“ Nadine blinzelte eine kleine Träne hervor, die einen dramatischen Canyon durch ihr perfekt geschminktes Gesicht zog. Doch sie hatte das ungute Gefühl, das alles würde ihn diesmal nicht mehr umstimmen.
Erik lehnte sich genervt zurück und sah sie lange an. Okay, die Tränen passten wunderbar zur Hintergrundmusik, aber das Ganze machte ihn nur noch wütender. Jedes Mal war er derjenige, der verzieh und jedes Mal hatte sie seine Geduld umgehend wieder mit Füßen getreten. Das musste ein Ende haben.
Er setzte sich auf und sprach mit leiser Stimme: „Wie oft schon, Nadine? Reichen deine Finger dafür aus? Ich komme mir so gedemütigt vor. Das waren jedes Mal geplante Dates. Und selbst wenn ihr zufällig im Bett gelandet wärt. Ich falle auch nicht über jeden Rock her, der vor meiner Nase herumweht. Wenn du auf wechselnde Männerbekanntschaften abfährst, gut. Ich habe jedenfalls andere Vorstellungen. Das Ganze passiert ab jetzt nicht mehr in meiner Wohnung und ganz ohne abenteuerliche Heimlichtuerei. Unsere Beziehung ist beendet und du kannst tun und lassen, was du willst. Und weißt du was? Fang doch jetzt gleich mit deiner Selbständigkeit an und bezahle das erste Mal, seit wir zusammen sind, deinen Kaffee selbst.“
Nadines Augen hatten sich zu zwei aggressiven Schlitzen verengt, während Erik redete. Das war nicht sein Ernst. Sie hatte so viel Zeit und Energie in ihre Beziehung gesteckt und jetzt wollte er Schluss machen?
„Du hast nicht alle Tassen im Schrank, Erik. So jemanden wie mich findest du nie mehr. Weißt du, wie alt du bist? Du wirst als grauer Einsiedler sterben, wenn du das hier jetzt durchziehst. Du wirst richtig Geld bezahlen müssen, wenn du nochmal so jemanden wie mich ins Bett kriegen willst. Und wenn du glaubst, dass ich auf dich warte, hast du dich geschnitten!“
Nadines Stimme war immer lauter geworden und jetzt sprang sie auf, stierte Erik zornig an und knallte ihre Handfläche auf den Tisch, dass die Tassen wackelten.
Einige Gäste schauten irritiert zu ihnen herüber, als die blonde Furie in einer dramatischen Bewegung ihr Haar nach hinten warf, sich bedrohlich über den Tisch beugte und mit ihrem perfekt manikürten Finger den ruhig dasitzenden Mann gleich aufzuspießen schien.
Leise zischte Nadine: „Du brauchst mich, das weißt du genau. Du wirst auf Knien angekrochen kommen und mich anflehen, dir das hier zu verzeihen.“
Nadine drehte sich abrupt um und ihre High Heels klapperten hysterisch aus dem Café.
Erik wäre fast aufgesprungen, um ihr hinterher zu schreien, aber er hatte sich schon genügend lächerlich gemacht. Also atmete er tief durch und klammerte sich an seiner Tasse fest, als sei sie sein Rettungsanker.
Was für ein Theater. Selbst jetzt war sich dieses blonde Gift keiner Schuld bewusst und ließ ihn wie einen Idioten dasitzen. Dabei war sie es, die es sich am vorangegangenen Abend einmal mehr mit einem seiner jungen Geschäftspartner in Eriks Bett gemütlich gemacht hatte, obwohl sie genau wusste, dass er früher oder später nachhause kommen würde.
Mit Nadines Abgang war auch die Musik verklungen. Erik bezahlte verärgert und lief zügig über den angrenzenden Stephansplatz in die Amalienstraße, in der er einen der raren Parkplätze in der Innenstadt ergattert hatte. Irgendwie musste er seine Wut loswerden. In seine Wohnung konnte er erst am Abend wieder, wenn Nadine hoffentlich ausgezogen war. Also kam er erst mal nicht an seine Sportsachen, obwohl ihm eine Runde Laufen jetzt wirklich gutgetan hätte. Erik setzte sich in seinen anthrazitfarbenen Sportwagen, den ihm diese blonde Exzentrikerin aufgeschwatzt hatte und wollte die Tür donnernd zuknallen. Bei den teuren Autos war der Effekt nur leider gleich null und seine Wut überstieg den Siedepunkt.
Nadine hatte sein halbes Leben durchgestylt. Das Auto, die Klamotten, seinen Terminkalender. Ihm war das anfangs nicht wichtig gewesen. Wenn es sie glücklich machte, sollte sie sich an ihm selbstverwirklichen. Nur hatte er in den letzten Monaten mehr und mehr vermisst, dass sie seine inneren Bedürfnisse wahrnahm. Stattdessen flirtete sie hemmungslos direkt vor Eriks Nase. Nun, damit war jetzt endgültig Schluss. Die nächste Zeit würde anstrengend werden, da die beiden beruflich miteinander zu tun hatten. Aber Erik war guter Dinge, dass sie das in den Griff kriegen würden. Immerhin waren sie erwachsene Menschen. Nur jetzt brauchte er dringend irgendein Ventil, um seine aufgestaute Wut abzulassen.
Grob ließ er den Wagen an und stieß den Kupplungshebel in den Rückwärtsgang, um mit jaulendem Motor aus seiner Parklücke herauszurasen. Doch direkt, nachdem der Wagen mit einem Satz auf die Straße geschossen war, ließ ihn ein metallisches Kratzen und ein spitzer Schrei auf die Bremse treten. Verdammt. Er hatte nicht richtig zurückgeschaut! Im Seitenspiegel sah er den Reifen eines Fahrrads, der traurig durch die Luft eierte.
Erik sprang aus dem Wagen und lief zum Heck, hinter dem sich eine junge, rothaarige Frau gerade verwirrt aufsetzte. Die abgewetzte Gitarrentasche neben ihr auf dem Boden war zur Seite abgeknickt und sie presste mit schmerzverzerrtem Gesicht ihre Hand an die Brust. Aus ein paar breiten Striemen auf ihrer Schläfe sickerte etwas Blut.
Erik rief: „Oh, verdammt! Es tut mir leid, ich war so abgelenkt, dass ich nicht geschaut habe. Du hast dich verletzt. Ich rufe gleich einen Krankenwagen.“
Er hatte sich neben die Frau gekniet und ihre Verfassung geprüft. Ihr langes Haar umrahmte zerzaust das schmale Gesicht, aus dem ein grünes Augenpaar ihm tränenwässrig entgegenblinzelte. Erik schätzte sie auf maximal Anfang zwanzig. Vielleicht eine Studentin, von denen die Stadt überquoll. Sie trug eine bunte Sommerbluse und abgeschnittene Shorts, die ihre schlanken, langen Beine betonten. Eines ihrer Knie war aufgeschrammt. Ansonsten konnte Erik keine weiteren Verletzungen sehen und das Mädchen hatte sich gleich aufgesetzt, war also kreislaufmäßig stabil.
Er fingerte mit zittrigen Händen sein Smartphone aus der Tasche und wollte gerade den Notruf wählen, als die Verletzte große Augen machte. Erik sah sie erschrocken an und befürchtete, dass sie gleich in Ohnmacht fallen könnte. Stattdessen richtete sie sich hektisch auf und begann, rückwärts von ihm davonzulaufen.
Leise nuschelte sie: „Nein, das ist echt nicht nötig, ist gar nichts passiert. Alles okay …“
Erik schaute die Verletzte irritiert an. Diese drehte sich tatsächlich um und begann die Straße hinunterzurennen. Was war nur in sie gefahren? Vielleicht hatte sie einen Schock. Wenn er sie jetzt laufen ließ und einfach davonfuhr, würde mit Sicherheit bald die Polizei vor seiner Haustür stehen. Fahrerflucht war eine ernste Angelegenheit und das Risiko, dass das Mädchen in irgendeiner einsamen Ecke kollabierte, wollte Erik erst recht nicht eingehen. Er steckte sein Handy weg und machte sich an die Verfolgung. Die Rothaarige war ganz schön schnell. Erst eine Seitenstraße weiter bekam er sie an ihrem Arm zu packen. Sie war so schnell gerannt, dass Eriks Eingreifen sie gegen eine Hauswand prallen ließ.
Er keuchte: „Hey, was soll das denn? Warum rennst du weg? Das geht doch nicht!“
Beide waren von dem Sprint ordentlich aus der Puste und die Augen der Verletzten verrutschten kurz nach oben, sodass Erik schon Angst bekam, sie würde die Besinnung verlieren. Er hielt sie an den Oberarmen fest und ließ sie langsam an der Wand nach unten sinken.
Als sie auf dem Boden saß und er vor ihr kniete, versuchte er es nochmal: „Ganz ruhig! Du brauchst einen Arzt. Ich war eindeutig schuld an dem Unfall. Warum also rennst du weg?“
Die junge Frau versuchte etwas von Erik wegzurutschen und fauchte ihn misstrauisch von unten an: „Es geht mir gut, Alter. Du musst hier nicht solche Wellen machen. Lass mich einfach meine Sachen einsammeln und verschwinden, okay?“
Ein leichter Akzent lag in ihrer Stimme und Erik glaubte, zu verstehen. „Lass mich raten! Du machst hier schon etwas zu lange Urlaub und hast kein gültiges Visum mehr. Willst du deshalb ums Verrecken in keinen Krankenwagen steigen?“
Jetzt schauten ihre grünen Augen trotzig an Erik vorbei auf den gegenüberliegenden Spielplatz, der im Moment menschenleer war. „Und wenn’s so wäre? Freu’ dich doch einfach darüber. Ich hau’ ab und du kannst weiter rasen. Alles easy für dich.“
Das konnte Erik nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Er hatte dem Mädchen gesundheitlichen Schaden zugefügt, ihre Gitarre und ihr Fahrrad demoliert und sie wollte einfach, dass er verschwindet.
Also versuchte er es erst einmal mit etwas Smalltalk: „Ich bin Erik. Erik Underbar. Und du?“
„Mika Geht-dich-nichts-an.“
Erik stutzte kurz, ignorierte dann aber Mikas Seitenhieb. „Okay, Mika. Pass auf! Wir packen erst mal dein Zeug von der Straße. Ich habe einen Freund, der sich deine Hand bestimmt ohne die üblichen Formalitäten anschaut. Wäre das ein Deal? Ich kann dich nicht einfach so losziehen lassen. Wenn du umkippst, dann habe ich grob fahrlässig gehandelt und komme am Ende noch ins Gefängnis.“
Erik hielt ihr seine Hand hin und wartete. Unschlüssig schaute Mika ihn an. Dann packte sie mit ihrer gesunden Hand überraschend fest zu und ließ sich von ihm hochziehen. Ihre Blicke trafen sich und kurz huschte ein unsicheres Lächeln über ihr Gesicht, das feine Grübchen in die sonnengebräunten, von Sommersprossen getupften Wangen zeichnete.
Schnell wurde sie wieder ernst und sagte: „Wenn dein Freund ein Arsch ist, bin ich weg. Herr Sonderbar“
Erik hob seine Augenbraue. Dass man mit seinem Nachnamen herumwitzelte, war er gewohnt. Aber es fiel ihm jedes Mal schwer, Kraftausdrücke, die aus den jüngeren Leuten permanent heraussprudelten, richtig einzuordnen. Anscheinend war davon heute nichts mehr wirklich böse gemeint. Wenn Erik jemanden so nannte, dann höchstens, wenn es keiner hörte. Und selbst dann nur sehr leise, allein schon, um sich Ärger zu ersparen.
Sie liefen gemeinsam zum Unfallort zurück und Erik stellte Mikas Fahrrad auf, das er unschlüssig ansah. Ins Cabrio konnte er das verbogene Teil auf keinen Fall packen, dazu war der Roadster zu klein. Mika hatte derweil ihre Gitarrentasche an sich genommen. Sie öffnete den Reißverschluss ein kleines Stück und schaute traurig auf den gebrochenen Gitarrenhals.
„Rest in Peace“, murmelte sie.
Dann legte sie die Tasche vorsichtig hinter die Sitze. Inzwischen hatte Erik das Fahrrad an einen der Bäume zwischen den Parkplätzen geschoben.
Er fragte: „Hast du ein Fahrradschloss? Dann können wir das Rad hier anschließen und es später holen.“
Erik jammerte innerlich, als er seine Worte hörte. Er hatte im Moment genügend andere Sorgen, als sich um die Sachen einer Work and Travel-Abiturientin zu kümmern oder was auch immer das Mädchen hierhergeführt hatte. Das zumindest war das Naheliegendste: dass sie sich, wie so viele junge Leute, ein Jahr von ihren Eltern sponsern ließ, um die Welt zu sehen, bevor es ans Studieren ging. Erik hatte gleich nach seinem Abitur mit dem Studium begonnen und parallel dazu seine Karriere als Künstler gestartet. Beides gegen den Willen seiner Eltern und deshalb umso zielstrebiger und glücklicherweise erfolgreich. Heute betreute er einige Galerien und gab sein Wissen, seine Erfahrung und in letzter Zeit bedauernswerterweise auch seine Freundin an junge Künstler weiter. Na ja, nun war Nadine seine Ex-Freundin.
Erik atmete tief durch. Eins nach dem anderen. Er hatte den Karren hier in den Dreck gefahren, jetzt musste er sehen, wie er ihn wieder rausbekam.
Ein weiteres Mal fragte er: „Mika? Fahrradschloss?“
Mika stand an der Beifahrertür und antwortete beiläufig: „Hab keines. Stell es halt irgendwie ab. Mit dem kaputten Reifen kann eh keiner wegfahren.“
Sie öffnete die Beifahrertür und beäugte die cremefarbenen Ledersitze des Wagens.
„Ich saue dir den ganzen Wagen ein. Das Blut kriegst du nie wieder aus dem hellen Leder raus.“
Mika sah fragend zu Erik herüber, der seinerseits die Fahrertür geöffnet hatte und jetzt prüfend Mikas Bein ansah.
„Es wird schon gehen. Kannst ja ein bisschen aufpassen.“ Erik wollte nicht als Spießer dastehen und stieg schnell ein, bevor Mika seinen Gesichtsausdruck deuten konnte.
Doch seine Sorge war unbegründet. Sie schlängelte ihr verletztes Knie vorsichtig an den hellen lederbezogenen Armaturen vorbei und setzte sich steif in den Wagen. Wahrscheinlich hatte sie noch nie in ihrem Leben in einem Ledersitz gesessen.
Erik sagte: „Anschnallen, bitte. Nicht, dass du mir noch aus dem Wagen segelst. Bei unserem Glück heute.“
Er startete den Wagen und fuhr langsam und umsichtig auf die Straße. Immerhin hatte der Vorfall dazu geführt, dass seine Wut verflogen war.
Erik lenkte den Wagen zu seinem alten Freund Samuel, der eine Hausarztpraxis in der Nordweststadt betrieb. Unterwegs telefonierte er mit ihm und meldete einen Kurzbesuch an. Als sie vor der Praxis ankamen, verabschiedete ein blonder hochgewachsener Mann in Eriks Alter gerade zwei Frauen, die das typische Arzthelferinnen-Outfit trugen. Erik atmete auf. Sie hatten es genau in Samuels Mittagspause geschafft. Hervorragend!
Erik wartete kurz, bis die zwei Arzthelferinnen um die Ecke verschwunden waren, winkte Samuel zu und rief: „Hey, altes Haus, wie geht’s dir!“
Dieser hob lächelnd die Hand. Als er die fremde Rothaarige mit den Striemen an der Schläfe neben Erik entdeckte, erfror sein Lächeln.
„Du hast mir Arbeit mitgebracht, oder? Das hättest du auch gleich am Telefon sagen können, dann hätte ich meine Damen gebeten, noch kurz hierzubleiben.“
Samuel öffnete Mika die Beifahrertür und half ihr beim Aussteigen. Sofort bemerkte er, dass sie ihre rechte Hand schonte.
Er fragte: „Was ist passiert?“
Bevor Erik antworten konnte, plapperte Mika schon los: „Ich gehe nur mit rein, wenn du keine Papiere oder sowas von mir brauchst. Der Herr Wunderlich wollte unbedingt, dass ich mit herkomme, aber ich bin hier ganz schnell wieder weg, wenn das ein Problem wird.“
Samuel sah grinsend über Mika hinweg zu Erik, der sich durch seine chaotische Frisur fuhr und den Boden anstarrte. Er hatte die Nacht im Auto verbracht und sah entsprechend derangiert aus.
Samuel sagte: „Also, kommt erst mal rein und dann will ich eure Geschichte hören. Herr Wunderlich, du siehst scheiße aus. Die Version deines Namens habe ich schon lange nicht mehr gehört.“
Samuel wendete sich Mika zu und begleitete sie zum Praxiseingang. Erik schlurfte müde hinterher. Langsam forderten der fehlende Schlaf und die sich überschlagenden Geschehnisse ihren Tribut.
In der Praxis bat Samuel Mika, sich auf eine Behandlungsliege zu setzen und säuberte die Wunden an Knie und Schläfe. Währenddessen forderte er Erik auf, zu erklären, was passiert war. Der ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen und begann zu reden, was er erst zögernd und dann dankbar tat.
„Nadine hatte gestern wieder Herrenbesuch in meiner Wohnung. Sie wusste genau, dass ich über die beiden stolpern würde. Das ist jetzt schon so oft passiert, dass ich es nicht mehr zählen kann, Samuel. Ich habe die Nacht im Auto verbracht und sie heute Vormittag im ‚Ludwigs‘ getroffen, um sie aus meinem Leben und meiner Wohnung zu schmeißen. Wenn ich Glück habe, ist sie heute Abend weg. Es ist alles so zum Kotzen, glaub mir!“
Erik stützte seine Ellbogen auf die Knie und wischte sich mit beiden Händen übers Gesicht. „Und dann hab ich in meiner Wut nicht richtig geschaut und das Mädchen hier angefahren.“
Samuel antwortete: „Soso. Und warum habt ihr keinen Rettungswagen gerufen? Hast du Restalkohol?“
Samuel nahm sich jetzt Mikas Hand vor, die sie ihm nur widerwillig hinstreckte. Vorsichtig betastete er das Handgelenk und drehte langsam Finger für Finger und dann das Handgelenk. Mika presste die Lippen zusammen, um nicht aufzustöhnen.
Samuel nickte: „Das müssen wir röntgen. Also wie war das mit der Versichertenkarte und dem Rettungswagen?“
Samuel hob die Augenbrauen und sah von der Hand auf, in Mikas grüne Augen.
Mika antwortete reserviert: „Ich bin schon ’ne Weile unterwegs und nie wollte jemand den Wisch sehen. Jetzt ist mein Visum abgelaufen, Mann. Wie gesagt, wenn das nicht ohne geht, dann lassen wir’s halt. Wird auch so wieder werden.“
Mika machte Anstalten, aufzustehen, aber Samuel fasste sie an den Schultern und drückte sie zurück auf die Liege.
„Hast du Kopfschmerzen? So wie du dauernd die Augen zusammenkneifst, schätze ich mal schon. Ich tippe auf eine Gehirnerschütterung. Und die Hand wird geröntgt. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir, da wirst du dir irgendwann in den Hintern beißen, wenn die nicht wieder wird, weil wir nicht richtig danach geschaut haben. Also los, komm mit. Erik, du wartest hier. Brauchst du irgendwas für die Nerven?“
Erik winkte ab. Samuel zuckte mit den Schultern und führte Mika in einen Nebenraum, um alles fürs Röntgen vorzubereiten. Mika kam kurze Zeit später in das Behandlungszimmer zurück, während Samuel noch mit den Röntgenbildern zugange war.
„Zum Glück bin ich nicht schwanger, sonst hätte er sich doch noch aufgeregt. Netten Freund hast du, Erik, echt!“
Mika hatte sich auf die Liege gelegt und den gesunden Arm gemütlich hinter ihrem Kopf verschränkt.
Entspannt redete sie weiter: „So hatte der Unfall ja auch was Gutes.“
Mika konnte ein breites Grinsen nicht verkneifen, und zog jedoch sogleich ihre Stirn in Falten. Anscheinend mochten ihre Kopfschmerzen es nicht so sehr, wenn sie sich amüsierte. Erik lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah sie mit schiefem Kopf fragend an.
„Na ja, du hättest doch nur dein schönes Lederpolster im Auto vollgeheult, oder? Ich frag’ mich, warum die dich hintergangen hat. Ich meine, du bist doch voll der Lottogewinn, Herr Wunderbar.“
Erik zog die Stirn in Falten. „Jetzt hast du dann alle Verballhornungen meines Nachnamens durch, oder? Und nur, weil ich einen teuren Wagen fahre, heißt das mal noch gar nichts. Du bist ziemlich oberflächlich drauf.“
Mika verdrehte die Augen. Sie erklärte sachlich: „’nen 911er Turbo kann sich doch heute jeder Vollpfosten leasen. Autos als Statussymbol kannst du vergessen.“
„Oh, okay.“ Erik rieb sich über die müden Augen.
Das Mädchen war mit Ausnahme von heute Mittag nicht auf den Kopf gefallen und auf den Mund auch nicht.
Mika redete weiter, während sie die Einbauleuchten an der Decke zu zählen schien. „Nein, echt jetzt. Es geht doch in ’ner Beziehung nicht um die Kohle. Ich meine, du bist ehrlich, treu, sportlich, gerechtigkeitsliebend …“ Mika überlegte. „Kinderlieb?“
Jetzt musste Erik doch schmunzeln und Mika freute sich sichtlich, dass sie ihn aufgemuntert hatte.
Er lehnte sich an die Wand zurück und meinte: „Du könntest mir eine Kontaktanzeige schreiben, wenn ich denn eine haben wollte. Es geht dich zwar überhaupt nichts an, aber ich will einfach meine Ruhe haben. Mal wieder ich selbst sein. Überlegen, was ich eigentlich vom Leben will. Ich war lange genug der Trottel, der sich herumschicken hat lassen.“
Erik bemerkte, dass er gerade dabei war, einem wildfremden jungen Menschen sein Herz auszuschütten.
Seine Augen wurden schmal. „Sag mal, wie machst du das? Wie ziehst du einem erwachsenen Mann einfach so seine Geschichte aus der Nase?“
Mika sah jetzt unbekümmert zu Erik herüber und zuckte leicht mit den Schultern. „Ich kann zuhören. Weißt du, viele Leute brauchen andere nur, um keine Selbstgespräche führen zu müssen. Aber ich kenne mein Gossip schon. Ich finde es interessanter, was andere zu erzählen haben. Das inspiriert mein kindliches Gemüt.“
Erik schenkte Mika einen langen Blick. Dann stand er seufzend auf und lief ans Fenster. „Du redest wie ein Teenager und sagst gleichzeitig Dinge, als wärst du erwachsen. Wie alt bist du, Mika? Achtzehn? Zwanzig?“
Mika schaute wieder an die Decke. „Warum ist das für dich wichtig? Vielleicht bin ich auch sechzehn und von zu Hause abgehauen.“
„Komm, sag schon. Wie alt bist du?“
Erik ließ nicht locker. Er wollte sie etwas einschätzen können. Ihre Aussprache war tatsächlich näher an den Sechzehn dran, aber der Inhalt ihrer Worte schlug in Erik eine Saite an, die er nicht recht einordnen konnte.
Hinter ihm antwortete Mika: „Einundzwanzig. Danke für das Kompliment. In manchen Ländern gelte ich durchaus als erwachsen, weißt du?“
Mika hatte sich langsam aufgesetzt und bewegte vorsichtig ihre Hand. „Ist gar nicht mehr so schlimm. Wir können auch einfach gehen. Vielleicht ist dein Freund in der Dunkelkammer eingeschlafen oder zum Mittagessen abgehauen.“
„Nein, ist er nicht, meine Liebe.“ Samuel hatte genau den richtigen Augenblick erwischt, um mit den Röntgenaufnahmen hereinzuwehen.
Mit geübten Handgriffen hatte er die Bilder vor einen Leuchtkasten an der Wand geklemmt und das Licht eingeschaltet.
„Schau mal, Frau Frankenstein, das sind deine Knochen.“ Mika war zu Samuel herangetreten und sah interessiert auf die vielen filigranen Knöchelchen ihrer durchscheinenden Hand.
Auch Erik war vom Fenster herübergekommen und hatte sich hinter Mika gestellt. Es faszinierte ihn immer wieder, verschiedene bildgebende Verfahren zu entdecken. Jedes stellte die Wirklichkeit ganz anders dar, als das menschliche Auge sie erfassen konnte.
Die Knochen der monochromen Gespensterhand sahen für Erik ganz ordentlich aufgeräumt aus. „Sind noch alle an ihrem Platz, oder?“
Samuel nickte. „Du hast Glück gehabt, junge Dame. Leichte Verstauchung, mehr nicht. Wir stellen die Hand einige Tage ruhig und anschließend spürst du genau in dich hinein, was sie alles wieder tun kann, und was du besser noch lassen solltest. Okay?“
Mika nickte und Samuel schob sie nochmal auf die Behandlungsliege, um das Gelenk zu verbinden.
Dabei wendete er sich wieder an Erik, als wäre Mika nicht im Raum. „Was hast du jetzt vor mit Nadine? Ich meine, du wirst sie weiterhin beruflich sehen, oder? Gerade jetzt, wo ihr auch noch die Messe vorbereitet. Wechselst du? Karlsruhe ist klein. Wäre schade, wenn du deshalb wegziehen würdest.“
Erik hatte sich ebenfalls gesetzt, lehnte seinen Kopf an die Wand und schaute an die Decke. „Hab ich mir noch nicht überlegt. Ich werd’s einfach versuchen. Entweder sie reißt sich am Riemen oder ich bin weg. Sag mal, läufst du noch samstags? Ich hätte jetzt wieder Kapazitäten.“
Samuel grinste, während er Mika mit zwei Klebestreifen den Verband fixierte. „Klar, immer noch um neun Uhr. Dana läuft inzwischen ab und zu mit mir. Ich sage ihr, dass du wieder einsteigen willst. Sie hat sicher nichts dagegen, wenn du nicht gleich wie ein Idiot losrennst. So, junge Dame. Jetzt stehst du mal auf und machst deine Augen zu.“
Erik sah Samuel zu, wie er mit Mika einige Tests zu Gleichgewichtssinn und Koordinationsvermögen durchführte. Es war so weit alles in Ordnung mit ihr und Samuel nickte zufrieden. Erik war insgeheim froh. Andernfalls hätten die beiden Männer die junge Frau in einer Zwangsjacke ins Krankenhaus tragen müssen. Freiwillig wäre sie sicher nicht mitgekommen.
Samuel sah Mika durchdringend an: „Alles gut. Trotzdem will ich, dass dich heute Nacht jemand ein bis zweimal aufweckt und deine Pupillen anschaut. Derjenige soll mit einer Taschenlampe reinleuchten und wenn die Pupillen nicht sichtbar kleiner werden, dann gehst du sofort ins Krankenhaus. Und wenn du nicht mehr weißt, wie du heißt und wie alt du bist, dann auch. Hörst du, nimm das nicht auf die leichte Schulter! Du hast nur einen Kopf und wenn der nicht mehr funktioniert, dann kannst du deinen Urlaub vergessen. Und das womöglich im wahrsten Sinne des Wortes.“
Mika nickte genervt. „Jaja, kein Thema. Ich wohne bei einer Freundin. Die macht das schon. Danke, Mann. Du bist echt voll in Ordnung!“
Mika hielt Samuel reflexartig ihre rechte Hand hin und grinste dann schief, um ihm mit der linken freundschaftlich in die Schulter zu boxen. Samuel brachte die beiden an die Tür. Erik umarmte seinen Freund ganz nach Männerart robust, aber herzlich.
Er sagte zu Samuel: „Sag mir am Samstag, was ich dir schulde, okay?“
Samuel klopfte Erik auf die Schulter und meinte nur: „Ich sag’ dir die Summe, die du an ‚Ärzte ohne Grenzen‘ überweisen kannst. Nächstes Mal Augen auf im Straßenverkehr, okay? Und Erik: pass auf dich auf!“
Damit nickte er vielsagend zu Mika, die schon dabei war, ins Auto zu steigen. Erik verdrehte die Augen und winkte ab. Was hatte Samuel nur für Fantasien.
Als Erik den Motor startete, fragte er Mika, wo ihre Freundin wohnte und sie wies ihm den Weg in einen Stadtteil im Westen Karlsruhes. Sie fuhren an riesigen Wohnsilos vorbei und ein paar heruntergekommene Gestalten musterten interessiert Eriks Wagen.
Dieser murmelte: „Wer den Tod nicht scheut, zieht nach Oberreut.“
Mika sah ihn verständnislos an, sagte aber nichts. An einem alten Häuserblock mit einigen bunten Graffitis ließ Mika Erik anhalten und nahm ihre Gitarrentasche aus dem Fond. Unterwegs hatten sie sich entspannt über Musikgeschmack und die Vorzüge Karlsruhes gegenüber den großen deutschen Städten unterhalten und sie genossen beide die angenehme Atmosphäre des gegenseitigen Kennenlernens. Jetzt stieg Mika langsam aus dem Wagen.
Sie sagte reflexartig: „Okay, danke fürs Fahren und so.“
Dann legte sie ihre Stirn in Falten und meinte mit einem schiefen Grinsen: „Nee, eigentlich muss ich mich nicht dafür bedanken, dass du mich umgefahren hast, oder?“
Erik sah sie lächelnd an. Ihre Unbekümmertheit über den nicht ungefährlichen Unfall erleichterte ihn.
Er zwinkerte ihr zu und sagte: „Sicher nicht. Ich sollte mich bei dir bedanken. Morgen Vormittag ersetze ich dir auf jeden Fall die Gitarre. Dann fehlt nur noch das Fahrrad, und dein Urlaub kann weitergehen. Wann sollen wir los?“
Mika überlegte kurz und nannte Erik eine Uhrzeit, die genügend Raum zum Ausschlafen ließ. Dann winkte sie kurz und Erik fuhr los. Netter Kerl, schoss es ihr durch den Kopf. Deutlich sympathischer als die Typen in ihrem Alter, die vor lauter Hormonen und Brustgetrommel nicht geradeaus denken konnten.
Mika schulterte die lädierte Gitarre und lief in den Mietbunker. Als sie in die kleine Wohnung kam, in der ihr ein noch kleineres Zimmer untervermietet wurde, stolperte sie über ihren Reiserucksack, der in der schmalen Diele auf dem Boden lag. Was sollte das nun wieder bedeuten? Mika warf ihre Gitarrentasche dazu, stieg darüber und lief in die kleine, bunte Hippie-Wohnküche am Ende des Flurs. Dort saß ihre Freundin Sani, die Mika vor gut einem Monat auf einer Party im Jugendgarten kennengelernt hatte, als sie gerade frisch in der Stadt angekommen war. Sani eroberte Mikas Freundschaft an diesem Abend durch ihre gemütliche süddeutsche Art und lud sie auch gleich ein, in ihre WG zu ziehen.
Jetzt fläzte ihr gegenüber der fettige Olaf an dem kleinen Küchentischchen, der so ziemlich alles anbaggerte, was nicht bei drei auf dem Baum war. Seine langen, dünnen Haare klebten in Strähnen an den Schläfen und Mika war sich sicher, dass er zum selben Friseur ging wie Severus Snape.
Sani sagte wie immer ohne Umschweife: „Hey Mika, dein Zimmer ist weitervermietet. Du wolltest ja eh weiter und Olaf braucht was übergangsmäßig. Er hat mir den Monat im Voraus gezahlt und die zwei Mieterhöhungen, die du mir noch schuldest, hat er auch ausgelegt. Ich hab’s selbst nicht dicke. Da kann ich nicht ewig auf deine Kohle warten.“
Sani hatte die ganze Zeit mit ihren rotgeränderten Augen in ihren verklebten Kaffeebecher gestarrt. Auch jetzt sah sie nicht auf, sondern wartete einfach, dass Mika verschwand. Olaf grinste blöde und herausfordernd. Offensichtlich freute er sich auf einen unterhaltsamen Zickenkrieg. Aber da konnte er lange warten.
Mika atmete kurz durch und sagte: „Okay. Es tut mir leid, Sani. Ich dachte, das sei hier einfacher mit der Straßenmusik. Aber Karlsruhe ist in der Beziehung ein Dorf und fast schon schwäbisch. Wir sehen uns dann.“
Mika sah zu Olaf, der gerade überlegte, ob Mika sie mit dem Vergleich beleidigt hatte. Schnell redete sie weiter: „Danke, Olaf, du Großzügiger, dass du meine Schulden beglichen hast. Du bist echt ein besonderer Mensch.“
Dann drehte sich Mika um, schnappte ihren Rucksack und die Gitarrentasche und lief aus der Wohnung. Sie war sich sicher, dass Olaf gedanklich immer noch bei den sparsamen Schwaben war und das Dankeschön für die geschenkte Miete erst realisieren würde, wenn sie schon weit weg war. Er hatte wohl damit gerechnet, die Miete wieder von ihr zurückzubekommen. Aber solche Dinge macht man vorher miteinander aus. Es war sein Risiko gewesen und schließlich saß sie nun seinetwegen auf der Straße.
Mika lief durch den Wald, der sich direkt hinter den letzten Häuserreihen erstreckte, bis sie an den Bahndamm kam. Eine ganze Weile lief sie den Gleisen entlang durch den Wald. Fast ein Jahr war sie jetzt unterwegs. Mit dem Zug oder per Anhalter quer durch Europa. Sie tat sich schwer, die letzte Etappe ihrer Auszeit anzutreten, denn irgendwie war sie noch nicht an dem Punkt, wieder in ihr Leben zu Hause zurückzukehren. Hier fühlte sich alles so frei an und so unbekümmert. Sie hatte es sogar geschafft, den lästigen Papierkram zu vergessen und erst heute war ihr das abgelaufene Visum siedend heiß eingefallen, als der coole, schwarzhaarige Typ mit den wunderschönen Augen sein Smartphone aus der Tasche gezogen hatte. Wie dumm von ihr, sich anfahren zu lassen. Andererseits war es Glück, dass Erik so verständig reagiert hatte. Und ganz ehrlich, so einen Typen wie ihn hatte sie auf ihrer gesamten Tour nicht getroffen. Wer wohl das W in seinem Nachnamen vergessen hatte?
Mika überlegte, was sie nun tun sollte. Mit der zerbrochenen Gitarre und ihrer lädierten Hand konnte sie erst mal kein Geld verdienen, zumal die Leute in dieser Stadt Straßenmusikern gegenüber recht knausrig waren. Sie könnte es wieder wie zu Beginn ihrer Reise allein mit ihrer Stimme versuchen. Besser als hier herumzuhängen. Andererseits war sie tatsächlich ein wenig erschöpft. Ihr Schädel dröhnte und ein leichter Schwindel klopfte immer wieder hinter ihren Ohren an. Mika hatte inzwischen den Baggersee erreicht, der mit seinem hellen Sandstrand Erinnerungen an Meer und Salzwasser weckte. Sie suchte sich eine unbeobachtete Ecke, von der aus sie einen schönen Blick auf die in der Abendsonne spiegelnde Wasserfläche hatte und nickte ein.
In the dark we stand apart
We never see that the things we need are staring right at us
(Katie Sky)
https://www.youtube.com/playlist?list=PLM8F9t8asgpf9PAeagWhxpBcnc67CuzRU
Erik hatte den Nachmittag in seinem Atelier verbracht und seine Wut und Enttäuschung, die inzwischen doch wieder hochgekocht war, in giftigen Grün- und Orangetönen auf eine Leinwand geworfen. Irgendwie war er auch wütend auf sich selbst. Er war so blind gewesen und viel zu gutmütig. Jetzt waren all seine Gefühle der Frau gegenüber, die er einmal geliebt hatte, in Zorn und Verachtung umgeschlagen.
Erik legte die Leinwand auf den Boden und goss schwungvoll schwarze Farbe darüber, die sich unter seinem Spachtel zu langen unförmigen Armen und knotigen Fingern verwandelte, die nach dem Betrachter zu greifen schienen. Im Moment saß nur Erik über dem Bild und er kämpfte mit den Monstern in sich genauso, wie mit denen, die er auf der Leinwand erschuf.
Als es draußen dämmerte, wusch er erschöpft und innerlich leer die Malwerkzeuge aus. Es war an der Zeit, nach Hause zu fahren und zu hoffen, dass Nadine wirklich gegangen war. Er hatte keine Kraft mehr, mit ihr zu diskutieren und er wollte ihr gegenüber auf keinen Fall ausfällig werden. Sosehr er sich tief im Innersten wünschte, ein einziges Mal all seine Verzweiflung jemandem entgegenzuschreien, er würde das nicht tun. Das hatte ihm keiner jemals vorgelebt und so war es auch nicht in seinen Gefühlsmalkasten gewandert. Er hatte glücklicherweise andere Wege gefunden. Zum Beispiel die Kunst. Wenn er die Malerei nicht hätte, würde sich alles in ihm anstauen und irgendwann könnte er nicht mehr funktionieren – wie ein alter eingetrockneter Pinsel.
Die Fahrt vom Atelier zu seiner Wohnung führte ihn durch ganz Karlsruhe bis nach Durlach zum Turmberg. Die Einwohner nannten ihren Stadtteil liebevoll die Mutter Karlsruhes. Denn Durlach bestand schon lange bevor der gute Karl Wilhelm im Hardtwald von Sonnenstrahlen aus seinem Traum geweckt wurde, die ihn zu Karlsruhes Grundriss inspirierten.
Am Geigersberg, einer gehobenen Wohngegend Durlachs, parkte Erik den Wagen in die Tiefgarage und fuhr mit dem Lift hinauf ins oberste Stockwerk des modernen Gebäudes, das sich an den Hang schmiegte. Eine solche Wohnung war Eriks Kindheitstraum, den er sich vor wenigen Jahren tatsächlich erfüllen konnte und er liebte den Ausblick über die Stadt und die Rheinebene bis hinüber zu den Pfälzer Bergen.
Leise betrat er die Wohnung und stellte seine Tasche im offenen Wohnbereich ab. Es war still. Als Erik seinen Blick über den Wohnzimmertisch schweifen ließ, erwartete ihn das übliche Bild, seit Nadine bei ihm eingezogen war. Chipstüten, zwei leere Rotweingläser, Frauenmagazine. Das Chaos zog sich bis zum Regal, auf dem seine Skulpturensammlung stand. Erik stutze. Er lief das Regal ab und bemerkte zwei leere Stellen. Nadine hatte es nicht für nötig gesehen, aufzuräumen, dafür hatte sie abgeräumt. Erik zog ärgerlich die Stirn kraus. Eigentlich hätte er sie sofort anrufen müssen und zur Rede stellen, aber wahrscheinlich hoffte sie genau darauf. Er schüttelte den Kopf und ging in die Küche, um sich eine Cola aus dem Kühlschrank zu holen.
Der Kühlschrank war auch leer. Jetzt packte ihn doch der Zorn. Er knallte die Tür zu, die im Gegensatz zum Porsche ihren Auftrag lautstark erfüllte. Erik lief zur Bar und goss sich eines der schweren Gläser mit seinem Lieblingswhisky ein. Bevor Erik auf die Terrasse ging, um sich dem Sundowner zu widmen, schob er vorsichtig die Schlafzimmertür auf. Zwischen den zerknüllten Laken hatte Nadine gut sichtbar einen ihrer schwarzen Spitzenschlüpfer drapiert. Das hätte ein wunderbares, nach Sehnsucht schreiendes Stillleben abgegeben, wäre da nicht der Kleiderschrank gewesen. Die Schranktüren standen offen und die leeren Fächer gähnten Erik vorwurfsvoll entgegen. Er verließ das Schlafzimmer und trat hinaus auf die Dachterrasse. Dort nahm er einen Schluck des goldschimmernden Getränks, in dem sich die untergehende Sonne farblich passend spiegelte und schloss die Augen. Er war allein.
Am nächsten Morgen wachte Erik auf der Couch auf. Er musste gestern Abend völlig erschöpft hier eingeschlafen sein. In das von Nadine und dem Künstler verrammelte Bett hatte er sowieso nicht liegen wollen. Das würde er zuerst frisch beziehen, um den Geruch ihres Parfums nicht mehr in der Nase haben zu müssen. Nach einer Dusche ging er kurz einkaufen und frühstückte. Ein Blick auf die Uhr erinnerte ihn siedend heiß an das rothaarige Mädchen und seine Verpflichtungen ihr gegenüber. Wenn er gleich losfuhr, konnte er noch pünktlich sein.
Der Häuserblock war schnell wiedergefunden und Erik stellte seinen Sportwagen mit gemischten Gefühlen davor ab. In dieser Gegend sollte man ein solches Auto eigentlich nicht an der Straße herumstehen lassen, aber um diese Zeit war noch wenig los. Also lief er eilig zum Eingang und blieb dann vor drei Klingelreihen stehen. Sani stand natürlich auf keinem Schild und Mika hatte ihm keinen Nachnamen genannt. Erik wollte hier keine Wurzeln schlagen. Er hatte vorgehabt, kurz mit diesem Mädchen in ein Gitarrengeschäft zu fahren, das Instrument zu ersetzen und sich dann in seine Arbeit zu stürzen. Arbeit war für ihn die beste Therapie und er hatte dringend eine nötig. Also begann er systematisch die Klingeln zu bearbeiten, bis endlich jemand durch den Hausflur schrie.
„Heah, Klingelpaadie oder was? Wenne runnakomm, kriegsch awwa was uffs Maul, du Hahnewaggl.“
Erik rief so höflich er konnte: „Ich suche eine Sani, finde aber ihre Klingel nicht.“
Aus einem anderen Stockwerk klang eine müde Frauenstimme: „Ich komm’ schon, keine Panik, Mann.“
Dann hörte er schlurfende Schritte durch das offene Treppenhaus hallen. Gefühlte Ewigkeiten später stand ein Mädchen vor ihm, das nach den rot umrandeten, wässrigen Augen zu urteilen ein paar bunte Träume hinter sich haben musste.
„Was willst du? Ich hab alles bezahlt, soweit ich mich erinnern kann.“ Sanis Stirn legte sich in Falten.
Anscheinend hatte sie noch Probleme, ihre Gedanken zu sortieren.
Erik sagte: „Ich suche Mika. Sie wohnt bei dir. Ist sie okay?“
Er hatte große Bedenken, dass dieses Mädchen heute Nacht in der Lage gewesen war, die Folgen einer Gehirnerschütterung einzuschätzen. Wahrscheinlich hätte sie in ihrem Zustand ihren eigenen Namen nicht zusammen bekommen.
Sani antwortete phlegmatisch: „Mika hab ich gestern rausgeschmissen. Hat ihr Zimmer nicht rechtzeitig bezahlt. Ich hatte ’ne Mieterhöhung. Mit der ist sie nicht klargekommen.“
Sie kratzte sich in den zerzausten Haaren und schaute Erik etwas genauer an.
„Wer bist ’n du?“
Ihr Blick wanderte an dem perfekt geschnittenen Sakko hinunter zu seinen Lederschuhen. Erik sah genervt an der bunten Fassade des Häuserblocks hinauf. Das ging ja gerade so weiter, wie es gestern aufgehört hatte.
