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Eine Familie kommt aus ihrem alten Land nach Deutschland. Dort passiert Unvorstellbares und Unverständliches – zumindest für die Tochter der Einwanderer. Sie, die Ich-Erzählerin, wächst auf im neuen Land, doch die Geschichten über das alte lassen sie nicht los. Sie wird erwachsen in dem Gefühl, immer eine Fremde zu bleiben, niemals dazuzugehören. Später wird aus ihr eine Theaterautorin; erfolglos, arbeitslos, aber voller Hoffnung. In diesen atmosphärisch feinen Erzählungen, die zusammen einen kleinen, dichten Roman der Fremdheit und der Sehnsucht ergeben, begegnet die Erzählerin dem neuen Leben, der neuen Sprache, den neuen Menschen: Martha, die vielleicht töten muss, um zu besitzen. Marcel, den alle Mädchen küssen wollen. Samiha und Olcay aus dem türkischen Viertel, die eine unerklärliche Todesangst vor dem Fahrstuhl in ihrem Hochhaus haben. Sie trifft den Chef ihrer Mutter, der mehr will als nur eine gute Angestellte, den sadistischen Mann vom Arbeitsamt und Frank, das Männermodel, das seine Haare hochtoupiert trägt. Als Kind schämt sie sich noch für ihre Eltern und dafür, dass man bereits am »Hallo« ihres Vaters erkennt, dass er kein Deutscher ist. Später, als junge Frau, bringt ihr die Sprache ihres alten Landes, im falschen Moment und vor den falschen Leuten gesprochen, geprellte Rippen und eine aufgeplatzte Lippe ein. Denn neben der neuen, rätselhaften Freundlichkeit, bleiernen Höflichkeit und warmen Distanziertheit, mit der das fremde Mädchen, das später eine fremde Frau ist, sich kon- frontiert sieht, muss sie auch immer wieder Schläge einstecken – aus bekannten Mündern und von unbekannten Fäusten. Doch sie schlägt zurück: nicht nur mit ihren Lügen, sondern auch mit ihren Träumen. Anna Prizkau erzählt in Fast ein neues Leben vom neuen Land, das Deutschland ist, von den Fremden und den Verlorenen, auch denen, die hier geboren wurden.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Erzählungen
Ich erwache in der Wiege –schwarze Sonne strahlt mich an.
Ossip Mandelstam, Tristia
Thanky Panky
Kleine verlorene Alla
Dramatikerin
Der Mann im Fahrstuhl
Drei Mütter
Der Fackelläufer
Der Sommer ohne Raffaello
Fast ein neues Leben
Wir tanzten Macarena
Mädchen mit Heftklammern
Die Versteckten
Boss
Meistens verkaufte Antoni seinen Körper für zwei Wochen. An Frauen, nicht an Männer. Auch seine Freunde machten das. Sie saßen an der Bar des All-inclusive-Riesen. Am Morgen tranken sie Kaffee und kauten auf dem Zuckerrohr, das die Barfrau auf jede Untertasse legte. Am Abend hatten sie Mojitos, Piña coladas oder Rum mit Cola. Sie tranken immer das, was ihre Frauen tranken.
Am ersten Tag der Alles-inklusive-Tage wusste ich noch nicht, was seine Arbeit war. Ich saß am Tisch rechts von der Theke auf einem der Sessel aus grauweißem falschen Leder. Ich zählte seine Tattoos, das Schwarz auf seiner schwarzen Haut. Ich zählte sechs, dann kam mein Vater, setzte sich und rauchte eine Zigarette, stand auf und ging zur Bar, kam wieder mit einem Cappuccino. Er nahm das Zuckerrohr von seiner Untertasse, warf es ins blaue Glas des Aschenbechers, sein Kinn lag jetzt in Falten. Er mochte nichts, was er nicht kannte. Das wusste ich.
Ich war zu alt für einen Urlaub mit meinem Vater. Die Reise hatte er mir geschenkt, deshalb sagte ich zu.
»Zum Strand?«, sagte mein Vater. Ich nickte. Er las ein Buch. Ich schlief. Abwechselnd gingen wir ins Wasser. Der Ozean war viel zu warm. Als ich am Nachmittag im Zimmer den Sand von meinen Füßen wusch, überlegte ich, worüber ich mit meinem Vater sprechen sollte. Wir redeten seit Jahren nicht, redeten nicht richtig. Seit diesem Sommertag, an dem meine Mutter zum Frühstück zwei Packungen Schlaftabletten schluckte und danach immer wieder in der Klinik war. Es gab keine Gespräche mehr. Es gab ein »Wie geht es ihr?« – »Es geht schon, mach dir keine Sorgen« und ein »Was gab’s bei euch zu essen? – »Dies und das«. Sie lebten immer noch zusammen, obwohl sie sich nicht liebten. Nicht mehr. Sie kochte, er achtete darauf, dass sie ihre Medikamente nahm.
»Hast du sie angerufen?«, sagte ich im Restaurant an unserem ersten Abend.
»Ja.«
»Und?«
»Nichts und. Alles okay.«
Das Gesicht meines Vaters war gebräunt. Die Haare hatte er gewaschen, sie waren dicht und dunkel, aber die eine dicke Strähne, die ihm wie immer in die Stirn fiel, war grau und milchig. Ich wusste nicht, ob er ein schöner Mann war. Ich wusste nur, dass meine Freundinnen das immer sagten. Im Restaurant waren vielleicht zweihundert Menschen. Sie redeten über Quebec, Toronto, Montreal. Die meisten kamen aus Kanada. Wie Shelly. Sie setzte sich am dritten Abend in der Hotelbar zu uns, es war der letzte freie Sessel. Shelly war klein und breit, und die Querstreifen ihres Jerseykleides machten sie noch kleiner, breiter, beinah rund. Sie hatte große graue Augen und einen schönen Schwung der Nasenspitze – alles in ihrem Gesicht war regelmäßig und symmetrisch. Auch die drei, vier senkrechten Falten auf der Stirn, die ihren Blick verfärbten. Selbst wenn sie lachte, sah sie ernst aus. So wie jetzt. Sie lachte, weil sie vom Schnee in Kanada erzählte. Mein Vater lächelte sie an, sprach schönes Englisch. Ich wusste nicht, dass er überhaupt Englisch sprechen konnte, und starrte auf sein Lächeln. Er sah es, sagte: »Holst du uns was zu trinken.«
An der Bartheke war die Schlange lang, die Menschen waren laut, betrunken, obwohl es erst acht Uhr am Abend war. Ich sah den Mann mit den Tattoos und lächelte. Er sah an mir vorbei, schaute drei Frauen an, die sich Mojitos holten. Drei Polinnen, voluminös und rot. Als mir die Barfrau meine Gläser gab, lehnte ich mich über den Tresen, berührte wie zufällig seinen Arm. Er legte seine dunkle, warme Hand auf meine und sah mir in die Augen, sagte »Salute« und ließ los.
Als ich mit den Getränken zurück zu unserem Tisch kam, streichelten Shellys Hände die Knie meines Vaters. Sie hatte dunkelblaue falsche Nägel und zwinkerte mir zu. Ich stellte die zwei hohen, schmalen Gläser auf den Holztisch, rauchte noch eine Zigarette und ging aufs Zimmer. Ich stand schon an der Treppe, drehte mich um und sah, wie Shelly jetzt meinem Vater gegenübersaß, wie ihre Arme auf seinen Schultern lagen – und ihre Hände strichen dabei über seinen Hinterkopf, über die Haare meines Vaters. Ich erkannte ihn kaum wieder.
Das Zimmer roch nach Chlor. Die Wände waren einmal gelb und glatt, jetzt trugen sie Verfärbungen, Risse, schwarze Flecken. Im Bad fehlten sieben Kacheln. Der Fernseher sprach nur auf Spanisch. Und der Balkon zeigte zum Pool und zu acht rot gebrannten Menschen mit Badehosen, Bikinis und mit Bier. Sie tanzten. Ich schaute Fernsehen, ohne etwas zu verstehen, bis ich einschlief.
Nachts hörte ich im Flur zwei Stimmen. Die eine war vielleicht von Shelly, die andere war vielleicht von meinem Vater. Die Frauenstimme sagte, dass sie viel Spaß hatte, und dann: »Warum bist du so nass?«
Die Stimmen lachten. Mein Mund verzog sich und mein Bauch. Die Männerstimme war wirklich die von meinem Vater, denn er hatte das Zimmer neben mir. Ich drückte mir fest Kopfhörer in die Ohren, hörte Musik, so laut, dass mich das iPhone davor warnte. Nach einer Stunde tat der Kopf weh und in den Schläfen blitzte es. Ich machte die Musik aus und konnte nicht mehr schlafen. Die Uhr zeigte auf drei. Ich zog das Nachthemd aus und ein Kleid an, wollte zum Strand. Auf dem Weg lag die All-inclusive-Disco, ein altes Sommerlied lief laut aus ihrer Tür, und an der Ecke stand der Mann mit den Tattoos. Er trug in dieser Nacht das rote Cap nicht, das er am Morgen immer trug. In seinem Gesicht lagen jetzt Locken: Dreads. Sein Nacken und seine Schläfen waren ausrasiert. Ich lächelte. Er auch.
»Ich heiße Antoni. Wie ist dein Name? Woher kommst du?«, sagte er auf Englisch.
Ich sagte: »Deutschland.«
»Und wie alt bist du?«, sagte er und strich mit Daumen und Zeigefinger über seine Oberlippe. Seine Bartstoppeln waren durchs weiße Licht am Eingang vor der Disko erst jetzt enttarnt: Es waren Kinderbartstoppeln.
Ich sagte: »22. Und du?«
»Auch 22.« Er lächelte noch mal, hob einen Arm, um sich mit seiner Hand über den Nacken zu fahren. Wenn er den Arm so beugte, sahen seine Muskeln größer aus. Das wusste er. Wir redeten über Musik, über Versace-Sonnenbrillen, über Raúl Castro, und Antoni nahm meine Hand.
»Was ist in Deutschland deine Arbeit?«
»Ich studiere.«
»Du gehst zur Schule?« Er ließ auf einmal meine Hand los.
»Nein, zur Universität.«
»Aber du arbeitest nicht?«
»Noch nicht.« Ich sah, dass Antoni die Antwort nicht gefiel. Er holte ein Smartphone aus der Tasche und schaute auf das Display.
»Und du arbeitest im Hotel?«
»Ja.«
Er drehte sich jetzt weg, ohne die Augen vom Display zu lösen, und machte mit der Hand eine Auf-Wiedersehen-Bewegung.
Am Morgen saß er wieder an der Bar. Daneben eine der drei Polinnen. Ich trug einen roten Lippenstift, ein rotes Kleid und ging zum Tresen, bestellte einen Kaffee, beugte mich zu ihm, berührte wieder seinen Arm und ließ es wieder wie einen Zufall aussehen. Antoni aber schaute mich nicht an. Ich setzte mich beleidigt in das falsche Leder. Mein Vater kam etwas später, schaute mir in die Augen und machte sich jetzt Sorgen. Das sah ich. Nach drei Tassen Kaffee und vielen Zigaretten sagte er, dass wir spazieren sollten. Zum anderen Ort. Am Strand entlang. Wir gingen. Die All-inclusive-Liegen lagen nach einer Stunde hinter uns. Vor uns nur Ozean, Sand, Palmen. Und aus dem Nichts heraus tauchte ein Café auf. Es sah geschlossen aus, doch als wir näher kamen, sahen wir, dass es geöffnet war. Wir tranken süße Limonade und redeten. Nicht über Antoni. Nicht über Shelly. Über die letzten Jahre. Seit sieben Jahren hatte mein Vater keinen Urlaub mehr gehabt. Er hatte zwar frei, doch war zu Hause. Immer. Er konnte meine Mutter nicht alleine lassen.
Dann redeten wir über andere Jahre, die Jahre vor diesem einen Sommertag. Mein Vater liebte sie: Er war ein junger Mann mit seiner jungen Frau in einem neuen Land mit neuer Arbeit. Er, der seine Frau gezwungen hatte, das alte Land zurückzulassen, war damals glücklich. Und alles fiel ihm leichter als seiner Frau, als meiner Mutter: Menschen kennenlernen, die Sprache lernen, arbeiten, reisen. Leben. Ich hörte, wie er von diesen Jahren sprach, und wurde traurig. Ich wollte, dass er aufhört, in der Vergangenheit zu leben. Ich wollte meinen Vater fragen, was das mit Shelly war. Ich wollte, dass es etwas war. Aber ich sagte nichts.
Mein Vater nahm mein Kinn in seine rechte Hand. »Hör auf, so unglücklich zu schauen«, sagte er.
Ich musste weinen. Wegen meiner Mutter, wegen meines Vaters, vielleicht auch wegen Antoni. Die Kehle wurde eng, ich hustete.
»Sieh dich mal um!«, sagte mein Vater und streckte seinen Arm zum Ozean, »Wir haben keine Zeit für Unglück.«
Ich dachte daran, dass er sein Unglück vielleicht selbst wollte, dass er abhängig war vom Unglück, vom Leben mit meiner Mutter. Und dachte dann, dass es vielleicht bald enden würde. Vielleicht sogar mit Shelly. Mit ihr könnte er glücklich werden, und meine Mutter ohne meinen Vater vielleicht auch. Ich hörte auf zu weinen. Ins leere Strandcafé kamen jetzt Menschen, aber es waren keine Gäste, es war eine Band. Sie spielten Hasta siempre, comandante. Mein Vater lächelte.
Am Abend lächelte er auch. Shelly saß wieder mit uns an der Bar. Sie war der Grund, warum er lächelte, das dachte ich und mochte sie. Die Tage waren sich sehr ähnlich. Am Morgen Antoni anschauen in der Bar, von ihm keinen Blick bekommen. Dann Frühstück, Gespräche mit meinem Vater, sein Lächeln, am Abend Zigaretten mit Shelly und mit ihm. Immer, wenn sie mich, meine Blicke nicht bemerkten, berührten sie sich wie Verliebte. An einem Abend schob mein Vater seinen Arm unter das Oberteil von Shelly und streichelte ihren Rücken. Ich tat, als ob ich es nicht sah, und tat auch so, als ob ich ihre Stimmen in der Nacht vor seiner Tür nicht hörte. Spielte dagegen immer lautere Musik. Ich wusste da noch nicht, was Shelly mit meinem Vater machen würde. Er traute ihr da noch. Wie ich.
An einem Nachmittag, an dem ich mit meinem Vater und mit Shelly zum Mittagessen schon Piña coladas gehabt hatte, gingen sie zum Strand. Ich hatte einen Kopf aus Watte – das war der viele Rum –, ich wollte spazieren. Ich lief vorbei am Lärm der Restaurants und Menschen, die Hauptstraße hinunter. Dann sah ich Antoni. Er stieg in einen Bus ein. Ich hielt ein Taxi an, sagte zum Fahrer, dass er geradeaus fahren sollte wie der Bus. Er sagte: »Deutsche?«, und ich nickte. Der Mann am Steuer erzählte etwas über Häuser, er zeigte auf die Häuser, ich hörte ihm nicht zu. Nach einer halben Stunde wurde die Straße breiter, brüchiger. Der Bus vor uns, links Ozean, rechts alte und kaputte Häuser, die aussahen wie nach einem wilden Sturm. Der Bus hielt an und Antoni stieg aus. Der Taxifahrer musste auch anhalten. »Auf Wiedersehen«, sagte er freundlich, fast auf Hochdeutsch. Die Tür öffnete ich erst, als Antoni in eine kleine Straße abbog. Ich lief ihm hinterher.
Alles sah anders aus als in der Stadt. Wesen, die nur noch Knochen waren und früher einmal Hunde, liefen in Rudeln durch die Straßen. Und jedes vierte, fünfte kaputte, kleine Haus wechselte sich mit einem hohen, breiten Müllberg ab. Fünf Häuser, Müllkippe, fünf Häuser, Müllkippe, fünf Häuser. Auf einem Abfallberg spielten zwei Mädchen mit Plastikflaschen, vielleicht spielten sie nicht, vielleicht suchten sie etwas. Antoni bog wieder ab. Ich auch. Er ging in ein dunkel verfärbtes Haus, das früher mal türkis, jetzt aber graublau war, mit schwarzen Rissen überzogen. Ich lief zum Eingang eines anderen Hauses an der Ecke, machte ein Foto von der Gegend. Nach zehn Minuten kam ein Auto und Antoni kam wieder raus, stieg ein, fuhr weg.
Ich stellte mich vor das verfärbte Haus, um es genauer anzuschauen. Auf der Veranda lag ein Skelett mit Fell. Es lebte noch. Ich rief es rüber. Es spitzte seine Ohren, stand in einem Ruck auf und lief zu mir, so schnell, dass ich erschrak. Ich fiel. Meine Ellbogen wurden heiß. Es lag am Blut, das roch ich. Das Hundeskelett bellte. Auf einmal hörte ich Geschrei, der Hund verstummte. Er lief weg. Vor mir stand eine schöne große, schwarze Frau in Jogginghose – aus Samt, eng, rosa – und einem gelben T-Shirt mit vielen kleinen Glitzersteinen. Sie sagte etwas Spanisches. Ich schob die Schultern hoch und runter. Sie half mir aufzustehen und zog mich an der Hand ins Haus.
»Silvana, ich heiße Silvana«, sagte sie auf Englisch, während sie meine Ellbogen anschaute. Im Zimmer, das Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Flur auf einmal war, saß auf der Couch ein Mädchen. Es kämmte Haare, nicht ihre eigenen. Eine Perücke kämmte es. Die Wände waren rot. Ich sollte mich an den Tisch setzen, zeigten die Finger von Silvana. Auf dem Tisch lag eine weiße Wachstuchdecke, ein rotes Schulbuch und in der Mitte stand ein Bilderrahmen mit einer »LOVE«-Aufschrift. Das Foto war in das O gefasst. Darauf lächelten das Mädchen, Silvana und ein Mann. Es war nicht Antoni.
Silvana holte Watte und aus dem Kühlschrank eine Flasche, goss aus der Flasche etwas auf die Watte und drückte sie gegen die Wunden. Es brannte. Sie fragte, warum ich in ihrem Dorf war. Ich log. Ich sagte, ich hatte mich verirrt. Sie glaubte mir. Das Mädchen stellte Fanta auf den Tisch, und Gläser. Silvana fragte mich dann alles über Deutschland. Und ich sie danach über ihr Dorf, über ihr Leben. Das Mädchen war Silvanas Tochter, ihr Mann war arbeiten. Er war ein Taxifahrer. Sie hatte früher als Lehrerin gearbeitet, verkaufte jetzt Strohhüte in der Stadt. Ich schaute auf das Klappbett, das links vom Esstisch stand. Silvana sah es, sagte, dass es das Bett ihres Cousins war, er lebte auch noch hier, aber er ginge bald ins Ausland.
»Und fährt er auch Taxi?« Ich log noch einmal.
»Nein, nein. Er ist ein sanky panky. Weißt du?«, sagte Silvana und machte eine Handbewegung, als ob sie Fliegen verscheuchen wollte.
Ich schob wieder die Schultern hoch und runter. Silvana sagte, dass ihr Cousin Frauen mit Geld Gesellschaft leistete. Touristinnen. Meistens zwei Wochen lang und manchmal länger. Sie sagte dreimal »fun«, danach »Du weißt!« und dann: »Mein Gott, du bist zu jung, ums zu verstehen!« Ich lachte, und es war wieder eine Lüge.
Silvana stellte Teller auf den Tisch und einen Topf auf einen Untersetzer. Es gab Fischsuppe mit Tomaten. Das Radio spielte Musik. Ich wollte weg, um Antoni nicht zu begegnen, deshalb aß ich so schnell, ich konnte. Dann hörte ich das Türschloss. Und eine Männerstimme. Es war nicht Antoni. Es war Silvanas Mann. Er küsste seine Frau und drückte dabei ihren Hintern. Sie sagte ihm, dass er mich zurück in die Stadt fahren soll. Silvanas Mann wollte kein Geld. Als ich aus seinem Auto stieg, kam Antoni aus dem Hotel. Er sah mich nicht, aber er sah Silvanas Mann und zeigte ihm das Siegeszeichen.
In der Hotellobby saß Shelly mit meinem Vater und ihre Hand lag wieder auf seinem Knie. Er kaute auf dem Zuckerrohr. Als ich mich setzte, sah er sofort, dass ich nicht glücklich war. Er sagte Shelly, dass sie gehen sollte. Shelly stand auf, schaute jetzt ernster, als sie sowieso schon schaute, und die senkrechten Streifen auf ihrer Stirn waren ganz groß und dunkel.
»Was auch immer«, sagte sie und ging.
»Wollen wir ausgehen? Tanzen?«, sagte mein Vater, als sie weg war, »Nur du und ich? Und Salsa!«
Ich wusste nicht, dass er es konnte. Wir gingen. In einer kleinen Bar auf der Hauptstraße sang eine alte Frau einen alten Salsa-Song. Mein Vater bestellte zwei Mojitos, wir tranken sie so schnell wie Wasser und gingen zu den Tanzenden. Das Vorwärts und das Rückwärts konnte er. Ich auch. Doch unsere Drehungen waren falsch. Ich lachte und er lachte.
