Fast Girls - Elise Hooper - E-Book
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Fast Girls E-Book

Elise Hooper

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Beschreibung

Drei Heldinnen der Geschichte und ihr Traum vom Laufen als Weg zur Freiheit  

1936 – trotz aller Vorbehalte gegen die Teilnahme von Frauen gelingt es drei jungen Amerikanerinnen, mit dem Olympischen Team nach Berlin zu reisen: Betty Robinson muss sich nach einem schweren Unfall an die Spitze zurückkämpfen. Die burschikose Außenseiterin Helen Stephens träumt davon, sich als Sprinterin zu beweisen. Und die Schwarze Louise Stokes sieht im Laufen ihre Chance, trotz ihrer Hautfarbe endlich Anerkennung zu finden. Doch als die drei in der hochbrisanten Atmosphäre Berlins um den Titel der schnellsten Frau der Welt laufen wollen, müssen sie erfahren, dass Leistung nicht das Einzige ist, was zählt ...  

Die unglaubliche Geschichte dreier Frauen, die antraten, um die Welt zu verändern.

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Seitenzahl: 550

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Die junge Betty Robinson wird Mitglied der ersten Leichtathletik-Frauenmannschaft. Aber dann lässt ein dramatischer Unfall ihre Hoffnung auf eine Karriere auf der Laufbahn in weite Ferne rücken. Auch die burschikose Außenseiterin Helen Stephens kämpft darum, ihr einzigartiges Talent als Sprinterin zu entfalten. Doch zunächst muss sie herausfinden, wer sie wirklich ist. Währenddessen erkennt die Schwarze Louise Stokes im Sport ihre Chance, die Grenzen einer Welt voller Vorurteile hinter sich zu lassen. Für die Teilnahme an den Olympischen Spielen riskiert sie alles. Es ist ihr gemeinsamer Traum vom Laufen als Weg zur Freiheit, der die drei Frauen 1936 in der hitzigen Atmosphäre Berlins zusammenführt – hier müssen sie nicht nur um ihren Platz in der 4x100-m-Staffel kämpfen, sondern auch den Vorstellungen trotzen, was Frauen alles nicht können und nicht sollten.

Über Elise Hooper

Elise Hooper schrieb mehrere Jahre fürs Fernsehen, bevor sie an die Uni zurückging, um zu studieren und Literatur und Geschichte zu unterrichten. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Seattle. Ihre Romane drehen sich um jene historischen Frauenfiguren, die von der Geschichtsschreibung oft übersehen werden. Im Ringen dieser Frauen um Anerkennung erkennt Elise Hooper vieles, was uns helfen könnte, auch unsere eigene Zeit besser zu verstehen.  

Annette Hahn studierte Englische Literaturwissenschaft und Literarische Übersetzung in München und lebt heute in Münster. Sie übertrug unter anderem Graeme Simsion, Anne Fortier und Jesse Q. Sutanto ins Deutsche.  

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Elise Hooper

Fast Girls

Berlin 1936 - Drei Frauen auf dem Weg, Geschichte zu schreiben

Roman

Aus dem Amerikanischen von Annette Hahn

Übersicht

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

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Teil 1 — Juli 1928–Januar 1929

Kapitel 1 — Juli 1928 New York City, NY

Kapitel 2

Wenige Monate zuvor

Kapitel 3 — Juli 1928 Fulton, Missouri

Kapitel 4 — Juli 1928 Malden, Massachusetts

Kapitel 5 — Juli 1928 Fulton, Missouri

Kapitel 6 — August 1928 Amsterdam

Kapitel 7 — September 1928 Malden, Massachusetts

Kapitel 8 — Oktober 1928 Fulton, Missouri

Kapitel 9 — September 1928 Riverdale, Illinois

Kapitel 10 — Oktober 1928 Malden, Massachusetts

Kapitel 11 — Oktober 1928 Fulton, Missouri

Teil 2 — Juli 1931–August 1932

Kapitel 12 — August 1931 Fulton, Missouri

Kapitel 13 — September 1931 Malden, Massachusetts

Kapitel 14 — September 1931 Evanston, Illinois

Kapitel 15 — Januar 1932 Fulton, Missouri

Kapitel 16 — Februar 1932 Malden, Massachusetts

Kapitel 17 — Februar 1932 Fulton, Missouri

Kapitel 18 — Februar 1932 Evanston, Illinois

Kapitel 19 — Frühjahr 1932 Malden, Massachusetts

Kapitel 20 — Mai 1932 Fulton, Missouri

Kapitel 21 — Juni 1932 Chicago, Illinois

Kapitel 22 — Juli 1932 Evanston, Illinois

Kapitel 23 — Juli 1932 Auf dem Weg nach Los Angeles, Kalifornien

Kapitel 24 — Juli 1932 Oak Forest Hospital, Station III

Kapitel 25 — Juli 1932 Los Angeles, Kalifornien

Kapitel 26 — August 1932 Chicago, Illinois

Kapitel 27 — August 1932 Los Angeles

Kapitel 28 — November 1932 Chicago, Illinois

Teil 3 — April 1933–Juni 1936

Kapitel 29 — April 1933 Fulton, Missouri

Kapitel 30 — Mai 1933 Chicago, Illinois

Kapitel 31

Kapitel 32 — Februar 1934 Fulton, Missouri

Kapitel 33 — Mai 1934 Riverdale, Illinois

Kapitel 34 — März 1935 Fulton, Missouri

Kapitel 35

Kapitel 36 — Mai 1935 Chicago, Illinois

Kapitel 37 — Mai 1935 Fulton, Missouri

Kapitel 38 — Mai 1935 Malden, Massachusetts

Kapitel 39 — Mai 1936 Chicago, Illinois

Kapitel 40 — Juni 1936 Malden, Massachusetts

Teil 4 — Juli 1936–August 1936

Kapitel 41 — 6. Juli 1936 New York City, New York

Kapitel 42 — 6. Juli 1936 New York City, New York

Kapitel 43 — 6. Juli 1936 New York City, New York

Kapitel 44 — 13. Juli 1936 New York City, New York

Kapitel 45 — 17. Juli 1936 An Bord der SS Manhattan

Kapitel 46 — 19. Juli 1936 An Bord der SS Manhattan

Kapitel 47 — 21. Juli 1936 An Bord der SS Manhattan

Kapitel 48 — 24. Juli 1936 Berlin, Deutschland

Kapitel 49 — 26. Juli 1936 Berlin

Kapitel 50 — 31. Juli 1939 Berlin

Kapitel 51 — 4. August 1936 Berlin

Kapitel 52 — 4. August 1936 Berlin

Kapitel 53 — 5. August 1936 Berlin

Kapitel 54 — 5. August 1936 Berlin

Kapitel 55 — 7. August 1936 Berlin

Kapitel 56 — 9. August 1936 Berlin

Kapitel 57 — 9. August 1936 Berlin

Nachwort

Gespräch mit Elise Hooper

Anmerkung zu Textquellen

Impressum

Wer von diesem Roman begeistert ist, liest auch ...

Teil 1

Juli 1928–Januar 1929

Kapitel 1

Juli 1928 New York City, NY

Noch ehe sie das Zimmer im Prince George Hotel verließen, warnte Mrs. Robinson ihre Tochter, an Bord des Dampfschiffes ja vorsichtig zu sein und sich vor den Mädchen aus Kalifornien in Acht zu nehmen. Bestimmt sei das ein leichtsinniger Haufen, was vermutlich an der dort ganzjährigen Sonne und den milden Temperaturen liege, denn das zersetze die Moral. Bis zu diesem Moment hatte Betty nur mit halbem Ohr zugehört, doch jetzt horchte sie auf. Teamkolleginnen aus so spektakulär klingenden Orten wie Santa Monica oder Santa Barbara kennenzulernen – das wäre doch großartig. Energisch klappte sie ihren Reisekoffer zu und trat in den Hotelkorridor. Mit etwas Glück würde sie sich ihre Kabine auf der SS President Roosevelt mit einigen dieser »fragwürdigen« Mädchen aus Kalifornien teilen.

Wenige Minuten später saß Betty Robinson mit ihrer Mutter auf der Rückbank eines Taxis, das sie zum Pier 86 bringen sollte. Schon seit einer Woche herrschte in New York eine drückende Hitze, und Betty fächelte sich Luft zu, während ihre Mutter mit dem Taxifahrer über die beste Route stritt. Dichter Verkehr verstopfte die Straßen, und gewitzte Zeitungsjungen flitzten zwischen den stehenden Autos umher und boten die neuesten Ausgaben an. Der Taxifahrer kaufte ein Exemplar und legte es aufs Lenkrad, um die Schlagzeilen zu lesen.

»Sind Sie sicher, dass Sie den schnellsten Weg gewählt haben?«, fragte Mrs. Robinson mit zweifelndem Unterton.

»Gäbe es einen schnelleren, würden wir den nehmen, Ma’am. Beten Sie lieber zur Heiligen Mutter Gottes, dass mein Motor nicht überhitzt.« Er bekreuzigte sich.

Wie aufs Stichwort begann das Fahrzeug in diesem Moment zu röcheln, und Bettys Mutter seufzte.

»Beten Sie, so viel Sie wollen, aber meine Tochter darf auf keinen Fall zu spät kommen. Sie gehört zu den Leichtathletinnen, die heute Mittag mit dem Schiff zu den Olympischen Spielen nach Amsterdam starten.«

»Tatsächlich?« Er wandte sich um und musterte Betty eingehend.

»Richten Sie Ihre Augen bitte auf die Straße, Sir«, mahnte ihre Mutter.

»Aber wir fahren doch gar nicht.«

Mrs. Robinson verschränkte die Arme. »Das merke ich.«

»Mir war nicht bekannt, dass bei den Spielen jetzt auch Frauen an Leichtathletikwettkämpfen teilnehmen.«

»Es ist das erste Mal, dass Frauen in Laufdisziplinen antreten dürfen«, erklärte Mrs. Robinson, und obwohl sie sich immer noch über den Mann ärgerte, war der Stolz in ihrer Stimme nicht zu überhören. Betty setzte sich aufrecht hin.

»Laufen scheint mir aber nicht besonders geeignet für eine junge Frau. Machen Sie sich keine Sorgen, dass Ihre Tochter zu maskulin wird?«, fragte der Fahrer und kniff unter seiner Hutkrempe die Augen zusammen. »Ich würde ja eher zum Rudern raten. Strafft das nicht die … äh, den Brustkorb?« Er grinste.

»Was für eine unsinnige Bemerkung! Außerdem läuft meine Tochter keinen Marathon. Sie ist Sprinterin.«

»Wenn Sie meinen.« Der Fahrer knackte mit den Fingerknöcheln. Offenkundig machte es ihm Spaß, ihre Mutter aufzuziehen, und Betty drehte schnell den Kopf, um ihr belustigtes Gesicht zu verbergen. Auf dem Gehweg flimmerte die Luft.

»Da wären wir«, sagte der Fahrer nach einiger Zeit und reihte sein Taxi in die Warteschlange am Pier ein. Aus der Ferne erklang Musik. Vor dem Aussteigen blieb Betty einen Moment lang auf dem Trittbrett stehen und spähte über die Köpfe der Passanten zur SS President Roosevelt hinüber.

Rot-weiß-blaue Fähnchen schmückten die Decks, und die blank polierte Messingreling blitzte in der Sonne. Im Vergleich zu den majestätischen Dampfern an den benachbarten Piers wirkte das Schiff allerdings klein und schien eher für Hafenrundfahrten geeignet als für die verantwortungsvolle Aufgabe, das olympische Team der Vereinigten Staaten über den Atlantik zu bringen.

Instinktiv griff Betty nach ihrem Teilnehmerausweis, der ihr an einem Band um den Hals hing, und befühlte die tröstlich feste Pappe. Das alles war kein Traum. Erst vor wenigen Monaten hatte sie der Schultrainer des Leichtathletikteams der Jungen zum Zug sprinten sehen, und nun war sie in New York City und als eine der ersten Leichtathletinnen auf dem Weg zu den Olympischen Sommerspielen in Amsterdam. Ihr Körper kribbelte vor Aufregung.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erlebe, an dem Frauen bei einer Olympiade um die Wette laufen«, murmelte der Fahrer kopfschüttelnd, während er Bettys Gepäck aus dem Kofferraum holte. Dann sah er sich suchend um. »Und wo ist ein Träger, der die Sachen zum Schiff bringt?«

Betty griff selbst nach ihrem Koffer, doch der Mann trat ihr in den Weg. »Nein, Miss, dafür sind Sie viel zu zierlich. Lassen Sie uns einen Träger suchen.«

»Ich kann das selbst.«

»Ganz schön störrisch, wie?« Er zuckte die Achseln und stellte ihr die Tasche vor die Füße.

Betty lehnte sich in den Fond des Fahrzeugs. »Jetzt ist es so weit, Mutter. Leb wohl. Ich werde euch schreiben, versprochen.« Sie umarmten einander. Als Betty sich wieder aufrichtete, spürte sie, wie ihr der dünne Blusenstoff am feuchten Rücken klebte.

»Mach uns stolz, mein Schatz.«

»Ganz bestimmt. Ihr müsst nur in der Zeitung nach mir Ausschau halten.«

Die Mutter schüttelte vor so viel Übermut zwar tadelnd den Kopf, aber Betty nahm auch ihr nachsichtiges Schmunzeln wahr. Obwohl sie bisher stets der Ansicht gewesen war, der Name einer Frau solle nur bei Heirat und Tod in der Zeitung erscheinen, schien Mrs. Robinson ihre Meinung seit Bettys sportlichen Erfolgen allmählich zu ändern.

Betty blickte wieder Richtung Hafen, hob Koffer und Tasche an und verkniff sich ein Stöhnen. Die Sachen waren schwerer als erwartet, aber sie würde auf keinen Fall um Hilfe bitten. Mit zusammengebissenen Zähnen ging sie um den Fahrer herum.

»Viel Glück, Miss«, sagte der.

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaube, davon brauchen Sie mehr als ich. Immerhin sind Sie derjenige, der jetzt mit meiner Mutter weiterfahren muss.«

°

Die Menschenmenge riss Betty mit sich Richtung Gangway, wo sie ihren Koffer einem Steward übergab. Mit einem letzten Blick über die Schulter dachte sie an alles, was sie nun zurückließ: ihr Land, ihre Familie, all das, was ihr vertraut war. Doch der Moment währte nur kurz, denn ebenso fieberte sie dem neuen Abenteuer entgegen.

Am Ende der Gangway stand General MacArthur und begrüßte jedes Mitglied des Olympischen Kaders. Beim gestrigen Empfang der Athleten und ihrer Familien im Ballsaal des Hotels war er Betty steif und unnahbar vorgekommen, aber nun lächelte er freundlich. »Miss Robinson, das schnellste Mädchen im Mittleren Westen. Bereit, Ihrem Land Ehre zu machen?«

Seine Wandlung vom furchtlosen General zu einer Art wohlwollendem Onkel sorgte dafür, dass sie sich unwohl fühlte, so wie einem allzu intime Einblicke unangenehm waren – etwa, jemanden auf der Toilette zu hören oder die dunkle Brustbehaarung eines Mannes durch den Hemdstoff schimmern zu sehen.

Sie zwang sich zu lächeln.

»Schön, schön. Ihre Betreuerin wartet dort hinten und wird Sie zu Ihrer Kabine bringen. Sie sind mit zwei Mädchen ganz aus Ihrer Nähe untergebracht, aus Chicago und St. Louis. Sie werden sich also wie zu Hause fühlen.«

St. Louis? Und was war mit den Kalifornierinnen? Betty verbarg ihre Enttäuschung, indem sie sich artig bedankte und weiterging. Staunend beobachtete sie den Tumult aus Matrosen und Lastenträgern, die durch die Menge manövrierten und Kommandos brüllten, und fröhlich lachenden Athleten, die sich an der Reling drängten, den Menschen im Hafen zuwinkten und ihnen Abschiedsworte zuriefen. Noch nie im Leben hatte sie solch ein Spektakel erlebt.

»Hallo, bist du Betty?« Mrs. Allen, die Betreuerin der minderjährigen Athletinnen, bahnte sich keuchend einen Weg durch die Menge und fächelte sich mit einem Blatt Papier Luft zu. »Hast du deine Kabinennummer?«

»Ja.« Betty hielt ihren Ausweis in die Höhe. »Wie schafft General MacArthur es nur, sich die Kabinenaufteilung aller Teilnehmer zu merken?«

»Mir nach«, rief Mrs. Allen, während sie sich durch die Menge schob. »Der gute General MacArthur! Ich glaube, die jungen Athletinnen liegen ihm besonders am Herzen. Wie alt bist du noch mal?«

»Sechzehn.«

»Sechzehn, ist das zu fassen? Damit bist du aber noch nicht einmal die Jüngste. Ein paar der Leichtathletinnen gehen noch zur Highschool, ebenso einige Schwimmerinnen und Turmspringerinnen. Ich glaube, Eleanor Holm ist erst vierzehn, und Olive Hasenfus kann auch nicht viel älter sein. Gütiger Gott, die Hitze ist doch schrecklich, oder? Die New York Post meldet, dass gestern sechs Leute gestorben sind, die Ärmsten! Ich hoffe, auf offener See wird es besser.«

In Anbetracht ihrer Seidenstrümpfe und des eng anliegenden Kostüms aus dickem Baumwollstoff war leicht nachvollziehbar, warum die Frau so schwitzte. Vor einer der Kabinentüren blieb sie stehen und blickte prüfend auf ihre Liste. »Wollen wir mal sehen … hier ist es. Das ist deine Kabine. Es wird ein bisschen eng werden. Eigentlich hätten wir mit einem anderen Schiff fahren sollen, aber dort gab es vor Kurzem einen Brand. Und jetzt wurden wir alle hierhin verlegt – alle dreihundertfünfzig … O Gott, o Gott!«

»Es wird schon gut gehen.«

»Nun ja … ihr werdet aufpassen müssen. Wir sind zusammengepfercht wie die Sardinen. Wenn uns auf Deck C die Turner mit ihren Salti nicht umwerfen, dann erstechen oder erschlagen uns die Fechter und Boxer auf dem Sonnendeck. Vielleicht werden wir auch auf dem hinteren Deck beim Training der Fünfkämpfer erschossen – oder von den Pferden getreten, die auf Deck D in ihren Laufrädern galoppieren. Meine Liebe, das klingt jetzt ungeheuer gefährlich, aber wenn du auf der Hut bist, wird dir schon nichts passieren. Warte auf jeden Fall bis morgen, um die Laufstrecke auf dem Promenadendeck zu testen … Den Speer- und Diskuswerfern haben wir verboten, auf See zu trainieren, das ist einfach zu riskant, und die Fahrradfahrer dürfen nur zu bestimmten Zeiten fahren – ich fürchte jedoch, dass sie trotzdem ständig um uns herumkurven werden.« Sie beugte sich zu Betty vor und flüsterte verschwörerisch: »Die benehmen sich ziemlich rücksichtslos und manchmal auch ein bisschen arrogant, aber wenn du mich fragst, sehen sie auf ihren kleinen Drahtgestellen doch recht lächerlich aus. Und warte nur ab, bis das Schiff mal schlingert, während sie herumsausen. Das wird sie bestimmt von ihrem hohen Ross herunterholen – im wahrsten Sinne des Wortes.« Sie kicherte. »Sobald wir abgelegt haben, wird General MacArthur ein Treffen auf dem Promenadendeck abhalten und den Gruppen ihre Trainingszeiten zuweisen. Folge einfach seinen Anweisungen, dann wird sicher alles reibungslos verlaufen.«

In Bettys Kopf drehte sich alles. Erstochen? Erschossen? Vom Pferd getreten? Worauf hatte sie sich da nur eingelassen? Erneut musterte sie die matronenhafte Mrs. Allen in ihrem verschwitzten Kaufhauskostüm mit den kunstvoll aufgetürmten Haaren. Sie schien nicht der Typ, der übermäßig gefährlich leben wollte.

Mrs. Allen räusperte sich. »Ich sehe, dass du ein braves Mädchen bist. Man war den Athletinnen und insbesondere den Läuferinnen gegenüber ja sehr skeptisch. Bestimmt hast du das Gerede gehört, dass es moralisch verwerflich sei … Nun, ich finde das lächerlich. Was ist denn mit den Mädchen, die schwimmen und turmspringen? Wenn überhaupt, dann sind sie diejenigen, die man im Auge behalten sollte. Mal ganz unter uns: Ich glaube, dass sie das andauernde Herumstolzieren in diesen knappen Badeanzügen auf dumme Ideen bringt. Die warten doch nur darauf, dass sie aus Hollywood einen Filmvertrag angeboten bekommen. Und bis dahin sind sie überzeugt, sie könnten sich alles erlauben. Du liebe Zeit, mit deren Betreuerin möchte ich nicht tauschen …« Sie schnalzte bedauernd mit der Zunge. In diesem Moment heulte die Schiffssirene auf, und sie fuhr erschrocken zusammen. »Ich muss zurück zur Gangway, um auch den anderen Mädchen ihre Kabinen zu zeigen.« Sie sah Betty prüfend an. »Du scheinst eher der ruhige Typ zu sein, aber könntest du dich den anderen in deiner Kabine allein vorstellen? Schaffst du das?«

Betty lachte. »Das bekomme ich hin.«

»Alles Gute«, rief Mrs. Allen ihr noch zu, während sie davoneilte.

Betty atmete einmal tief durch und klopfte zaghaft an die Tür, bevor sie eintrat. Zwei junge Frauen lagen in den Kojen, eine von ihnen hinter der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Photoplay versteckt. Die dritte Koje oberhalb der beiden war leer – aufgrund der Höhe offensichtlich die unattraktivste der drei.

»Tut mir leid, Kleine, hier bist du falsch. Der Kindergarten ist woanders«, sagte die aus der Mittelkoje, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und streckte ihre langen Beine auf der dünnen Wolldecke aus.

Betty sah zwischen den beiden Frauen hin und her. Ihre Schwester war bereits Ende zwanzig, weshalb sie zu Hause immer die Rolle des »Babys« eingenommen hatte. Aber damit sollte nun Schluss sein. Mit lautem Rumms stellte sie ihren Koffer ab. »Ich bin Betty Robinson, eure Teamkollegin.«

Die Frau, die unten lag, legte ihre Zeitschrift zur Seite, richtete sich auf und streckte Betty eine Hand entgegen. »Kümmere dich nicht um Dee. Sie hält sich für besonders witzig. Kenne ich dich nicht von irgendwo? Du bist doch auch aus Chicago, stimmt’s?«

Betty musterte die junge Frau. Ihre Freundlichkeit wirkte natürlich, ihr Lächeln aufrichtig.

»Ja, ich trainiere beim Illinois Women’s Athletic Club.«

»Ah! Ich wohne ganz im Süden der Stadt, und zum IWAC zu kommen ist furchtbar umständlich. Deshalb trainiert mich mein Freund. Ich bin Caroline Hale, und das …«, sie deutete nach oben, »ist Dee Boeckmann. Du bist auch Sprinterin?«

»Ja, ich laufe die 100 Meter.«

»Dann wollt ihr es wohl mit den schnellsten Frauen der Welt aufnehmen?«, fragte Dee mit einem Anflug Skepsis. »Wie ich gehört habe, rennt Elta Cartwright wie der Blitz. War sie nicht Erste bei den olympischen Vorentscheidungen? Dann wären da die Kanadierinnen … Wie nennen sie die noch gleich? Die unbesiegbaren sechs? Ihr habt ganz schön Konkurrenz.«

Caroline verdrehte die Augen. »Du meine Güte, Dee! Nun hör schon auf, so rumzustänkern, und entspann dich. Das Ganze soll doch Spaß machen, oder?« Sie nahm einen Lippenstift und malte sich die Lippen nach, bevor sie ein zerknittertes Päckchen Lucky Strikes aus ihrer Handtasche fischte. »Willst du eine?«

Betty hatte noch nie geraucht, aber war das hier nicht das Abenteuer ihres Lebens? Warum also nicht? Sie zog eine Zigarette aus dem Päckchen und beugte sich vor, damit Caroline sie anzünden konnte. Der Rauch brannte ihr beim Inhalieren in der Kehle, und sie musste husten, aber es fühlte sich vornehm an, eine Zigarette zu halten. Sie nahm einen weiteren Zug, der zum Glück schon nicht mehr so sehr brannte.

Dee verzog das Gesicht. »Könntet ihr das bitte draußen machen? Ich fühle mich ein bisschen seekrank.«

»Jetzt schon? Wir haben doch noch nicht mal abgelegt. Nun sei bloß keine Spielverderberin!« Caroline schwang die Füße auf den Boden und balancierte beim Aufstehen die Zigarette zwischen den langen Fingern. Sie grinste. »Aber das ist gar keine so schlechte Idee. Was meinst du, Betty? Sollen wir mal an Deck gehen und schauen, was wir anstellen können? Wenn wir Glück haben, läuft irgendwo Johnny Weissmüller in seiner Badehose herum. Hast du das Schwimmbecken gesehen? Kaum größer als ein Nachttopf!«

»Es gibt einen Swimmingpool?«, fragte Betty erstaunt.

»Na klar! Was hast du denn gedacht, wie die Schwimmer auf der Überfahrt trainieren sollen – im Meer?« Caroline lachte.

»Wieso interessierst du dich eigentlich für Johnny Weissmüller? Ich dachte, du hast einen Freund?«, wollte Dee wissen.

»Aber das heißt doch nicht, dass ich andere nicht angucken darf. Noch habe ich keinen Ring am Finger.« Sie zwinkerte Betty zu, blies eine lange Rauchfahne in die Luft und hielt die Tür auf. »Komm, Betty, stell deine Tasche ab, und wir ziehen los und erkunden das Schiff. Wenn wir Glück haben, trainieren die Jungs jetzt schon ohne Oberteile. Wir sollten uns ein wenig amüsieren – das haben wir uns wirklich verdient. Habt ihr eine Ahnung, was ich gemacht habe, um mir mein Taschengeld für diese Reise zu verdienen?«

»Was denn?«, fragte Betty.

»Ich bin aus einem Flugzeug gesprungen.«

»Absichtlich?«

»Jawohl: Ich habe fünfundzwanzig Dollar dafür bekommen, dass ich mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springe.«

Dee schnaubte. »So ein Leichtsinn! Was hast du dir bloß dabei gedacht?«

Caroline verdrehte die Augen. »Ich habe einzig und allein gedacht, dass das leicht verdiente fünfundzwanzig Dollar sind. Ich brauchte das Geld. Ich bin die Jüngste von elf Kindern, da konnte ich meine Eltern schlecht um Unterstützung bitten. Die sind immer knapp bei Kasse.«

»Und was hat dein Freund gedacht?«, wollte Betty wissen.

»Der hat mich für verrückt erklärt, aber er weiß auch, dass es keinen Sinn hat, mir etwas auszureden, weil ich es dann erst recht machen will. Also hat er nichts weiter gesagt.«

Betty lachte.

Caroline fuhr sich mit den Fingern durch den wuscheligen, dunklen Bob. Mit ihr konnte man bestimmt viel Spaß haben, auch wenn sie nicht aus Kalifornien war. Betty kniff sich ein wenig Farbe in die Wangen und ging zur Tür. Das Auspacken konnte sie sicher auf später verschieben. »Was ist mit dir, Dee? Willst du hierbleiben, um den olympischen Eid auswendig zu lernen?«

Caroline kicherte.

»Nein, ich komme mit«, rief Dee und sprang von ihrem Bett. »Die frische Luft wird mir mit Sicherheit guttun.«

Kapitel 2

Wenige Monate zuvor

Thornton Township Highschool

15 001 S. Broadway

Harvey, Illinois 60426

27. Februar 1928

Mr. und Mrs. Harold Robinson

3 East 138th Street

Riverdale, IL 60827

Sehr geehrte Mr. und Mrs. Harold Robinson,

dieser Brief soll ein Missverständnis aufklären. Coach Price ist der Meinung, Ihre Tochter verfüge über ein außergewöhnliches sportliches Talent. Er hat am Bahnhof zufällig mitbekommen, wie schnell Betty zu ihrem Zug lief, und war so beeindruckt, dass er sie zu einem Training mit dem Leichtathletikteam der Jungen einlud.

Obwohl ich seine Begeisterung und Initiative im Allgemeinen sehr begrüße, muss ich dennoch auf unsere Schulregeln verweisen: Betty kann nicht mit dem Jungenteam trainieren. Der Leichtathletikverband von Illinois verbietet Mädchen die Teilnahme an schulischen Wettkämpfen, und das aus gutem Grund, denn erwiesenermaßen können Frauen nicht denselben geistigen und körperlichen Anstrengungen ausgesetzt werden wie Männer.

Wie aus Bettys Schulakte hervorgeht, schreibt sie außergewöhnlich gute Noten und wird von allen Lehrern über die Maßen gelobt, so dass ohne den übertriebenen sportlichen Ehrgeiz eine gewiss gesündere und tugendhaftere Zukunft vor ihr liegt. Die Thornton Township Highschool bietet viele hervorragende Möglichkeiten, um den Intellekt und auch die außerschulischen Begabungen ihrer weiblichen Schüler zu fördern.

»Mit Bildung beginnt der Gentleman, doch Lesen, gute Gesellschaft und Selbstreflexion runden ihn ab«, sagte schon John Locke. Wir sind hier gewiss nicht so engstirnig zu glauben, dieser Befund gelte nur für Männer – er kann mit Sicherheit auch auf Frauen angewandt werden. Bei Betty ist ein guter Anfang gemacht. Sie ist eine fleißige Schülerin und befindet sich in guter Gesellschaft, aber sie sollte auch ausreichend Zeit für Selbstreflexion erhalten, um sich auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau, Mutter und verantwortungsvolle Staatsbürgerin vorzubereiten. Gerade in dieser Hinsicht ist es von großer Bedeutung, das noch junge weibliche Gemüt nicht durch sportliche Übungen und Wettkämpfe abzulenken und über Gebühr zu belasten.

Mit freundlichen Grüßen,Rektor Umbaugh

Kanzlei Lee, Maginnis & Finnell

AKTENNOTIZ

5. März 1928

Sehr geehrter Mr. Harold Robinson,

nachdem Sie bei Ihrem gestrigen Treffen mit Rektor Umbaugh darauf bestanden, dem Wunsch Ihrer Tochter Elizabeth »Betty« Robinson zu entsprechen und sie mit dem Leichtathletikteam der Jungen trainieren zu lassen, setzen wir Sie hiermit in Kenntnis, dass die Schulbehörde von Thornton keinerlei Verantwortung für Aktivitäten und deren etwaige Folgen übernimmt, die für weibliche Schülerinnen nicht angemessen sind. Bitte bestätigen Sie in der beigefügten Erklärung, dass Elizabeth ihre sportlichen Übungen außerhalb des schulischen Rahmens und auf eigenes Risiko betreibt.

Mit freundlichen Grüßen,Mr. V. L. Maginnis, Rechtsanwalt

The Chicago Evening Standard

3. Juni 1928

Sportnachrichten

Soldier Field – In ihrem erst zweiten offiziellen Wettlauf errang Elizabeth »Betty« Robinson aus Riverdale beim Hallenturnier des Leichtathletikverbands der Amateure im 100-Meter-Sprint vor Rekordhalterin Helen Filkey den ersten Platz in nur 12 Sekunden – eine neue, wenn auch inoffizielle Weltbestzeit, da sie aufgrund zu starken Rückenwinds nicht offiziell anerkannt werden konnte. Dennoch verschafft dieser Sieg der aufstrebenden Starläuferin die kostenfreie Einladung zu den Ausscheidungswettkämpfen im nächsten Monat in Newark, New Jersey. Zum ersten Mal in der Geschichte werden zu einigen der Leichtathletikdisziplinen der kommenden Neunten Olympischen Sommerspiele in Amsterdam auch Frauen zugelassen. Wir wünschen der jungen Betty alles Glück der Welt bei ihrem Vorhaben, für die Vereinigten Staaten von Amerika eine Medaille zu erringen.

Western Union Telegraph Company

erhalten in Newark, NJ

am 6. Juli 1928; 13:26 Uhr

HERZLICHEN GLUECKWUNSCH ZUR QUALIFIKATION FUER OLYMPIA. DEINE FREUNDE AN DER THORNTON HIGH GLAUBEN FEST AN DICH. VIEL GLUECK IN AMSTERDAM! REKTOR UMBAUGH

Kapitel 3

Juli 1928 Fulton, Missouri

Helen klimperte ein paar Töne auf dem Klavier. Der bestickte Wollbezug des Klavierschemels kratzte sie an den Oberschenkeln. Eigentlich sollte sie sich auf Chopin konzentrieren, doch viel lieber sah sie aus dem Fenster ins Freie. Sie seufzte. Nun denn: Je eher sie mit dem Üben fertig wäre, desto eher könnte sie zum Spielen wieder nach draußen. Sie legte ihre Finger auf die vergilbte Tastatur, schlug ein C an und lauschte seinem Widerhall von den farblosen Wohnzimmerwänden. Wenn sie doch nur eine dramatisch anschwellende Melodie spielen könnte, die die stickige Luft und alles hier ein wenig aufwirbelte – wäre das nicht grandios?

Sie versuchte es mit einem Akkord. Nichts änderte sich. Wenn überhaupt, fühlte sich beim Klang des verstimmten Pianinos alles nur noch trüber, noch bedrückender an.

Jede Minute, die Ma sie vor dem Klavier sitzen ließ, bekräftigte nur die Sinnlosigkeit, von einer musikalischen Karriere zu träumen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einmal Klaviervirtuosin werden würde, erschien ihr so gering wie die, einen Elefanten als Haustier zu bekommen.

Helen unterbrach ihr Spiel und lauschte angestrengt nach Geräuschen aus der Küche. Nichts. Die einzigen Laute kamen von draußen, wo Doogies Krallen über den Holzboden der Veranda schurrten. Helen ging zur Verandatür und spähte nach draußen. Tatsächlich: Die Hündin lag auf ihrem üblichen Platz neben dem Schaukelstuhl und ruderte beim Träumen mit den Pfoten. Helen öffnete die Tür und schlich auf Zehenspitzen über die Veranda. Doogies Lider flatterten, und ohne den Kopf zu heben, beobachtete sie Helen aus halb geöffneten Augen.

Auf der Suche nach etwas Interessantem, einer Möglichkeit zum Spiel, zur Bewegung, ließ Helen ihren Blick schweifen. Neben der Treppe lag eine einzelne Holzschindel. Ohne weiter nachzudenken, denn dazu war es zu heiß, nahm sie sie auf und schob sie sich zwischen die Zähne. Und obwohl sie ihre Zunge von den splittrigen Fasern fernhielt, hatte sie sofort den Geschmack von Staub und trockenem Holz im Mund. Sie schüttelte den Kopf und knurrte, um Doogies Aufmerksamkeit zu erringen.

Nichts.

Das Tier legte nur verdutzt die haarige Stirn in Falten. Erst als Helen sich vorbeugte, in die Hände klatschte und mit den Füßen stampfte, begann die Hündin, mit dem Schwanz zu wedeln. Dann erhob sie sich und streckte nacheinander beide Hinterläufe. Je länger sie Helen beobachtete, desto heftiger wedelte sie mit dem Schwanz.

Abrupt drehte Helen sich um und lief die Stufen hinunter in der Hoffnung, die Hündin würde ihr folgen. Mit jedem Schritt schwitzte sie noch mehr, aber sie musste rennen, musste den Luftzug um sich spüren, egal, wie heiß es war. Sie brauchte Bewegung, um sich von der Eintönigkeit und Langeweile zu befreien.

Entschlossen steuerte sie das vordere Gartentor an. Sie rannte, so schnell sie konnte, drehte den Kopf und sah, dass Doogie neben ihr herjagte. Und in genau diesem Moment stolperte sie über irgendetwas. Vielleicht war es einer von Bobbie Lees Spielzeuglastern oder eine von Mamas Gartenschaufeln, vielleicht stolperte sie auch nur über ihre eigenen großen Füße – sie würde es nie herausfinden.

Doch sie stürzte.

Sie segelte über den flachen Untergrund und staunte über die plötzliche Stille. Den braunen, staubigen Gartenweg. Die Felder hinter dem Zaun. Die einsame Scheune. Und dann landete sie mit einem harten RUMMS auf dem Boden!

Ein heftiger Schmerz fuhr ihr durch das Kinn, die Lippen, den Hals. Alles brannte. Reglos und mit tränenden Augen lag sie auf dem staubigen Boden und rang nach Luft. Doogie stupste ihr mit der Schnauze an die Wange, und sie spürte ihren heißen Atem im Gesicht. Helen gab einen gurgelnden Laut von sich, und sie schmeckte Blut. Sie wollte husten, doch irgendetwas schien ihren Hals zu blockieren. Auf einmal sah es aus, als trüge sie über der blassgelben Baumwollbluse einen roten Latz. Helen versuchte, die Holzschindel aus dem Mund zu ziehen, aber es tat zu sehr weh, und so ließ sie die Hände wieder zu Boden sinken.

Hinter ihr klappte die Verandatür. Ma schrie. Bobbie Lee wimmerte. Fußgetrappel. Sie sah die Spitzen von Pas abgewetzten Arbeitsstiefeln und spürte ein Handtuch im Nacken. Stimmen erklangen, mal laut, mal leise, aber was sagten sie? Helen versuchte nicht mehr, sie zu verstehen. Ihr Hals brannte wie Feuer. Sie schloss die Augen und blendete die Umgebung aus.

Doogie bellte aus immer weiterer Ferne.

°

Weiße Laken, weiße Wände. Helen fühlte sich von unnatürlich steriler Leere umgeben. Sie konnte zwar die Augen öffnen, den Kopf jedoch nicht bewegen.

»Helen«, hörte sie Mas Stimme von irgendwo neben sich. »Wir sind im Krankenhaus. Du hattest einen Unfall. Bitte versuche nicht, zu sprechen.«

Sie wollte schlucken, aber es war, als müsste sie einen Felsbrocken verschlingen. Sie würgte und bekam keine Luft. Ihre Augen tränten.

»Schon gut, schon gut«, murmelte Ma, ohne dass Helen sie sehen konnte. Sie wollte sich bewegen, wollte gegen diese überwältigende Starre ankämpfen, aber es ging nicht. Auch umsehen konnte sie sich nicht. Jetzt tränten ihr die Augen nicht nur vor Schmerz, sondern auch vor Verzweiflung.

»Bertie, ist sie bei Bewusstsein?«

»Ja«, antwortete Ma.

»Da ist sie wieder«, hörte Helen eine tiefe und beruhigende Männerstimme, dann tauchte ein runder Kopf mit Brille und grauen Haaren über ihr auf. Dr. McCubbin. »Meine liebe Helen, wir sollten langsam aufhören, uns auf diese Weise zu treffen.« Sie spürte kühle Hände um ihre Wangen, Finger, die ihre Lider hochzogen, ihren Brustkorb befühlten. »Dein gebrochenes Handgelenk ist damals schnell verheilt. Ich fürchte, dieses Mal wird es länger dauern, aber du musst durchhalten. Ich habe einen kleinen Eingriff vorgenommen, und du wirst dich eine ganze Weile müde fühlen. Tatsächlich wird das ein sehr ruhiger Sommer für dich. Du brauchst viel Ruhe und darfst nicht sprechen. Dein Hals ist in einem sehr kritischen Bereich verletzt und braucht viel Zeit, um zu heilen.«

Der Arzt verschwand aus Helens Sichtfeld. Stattdessen sah sie wieder die weiße Zimmerdecke. Sie schloss die Augen. Die Stimme ihrer Mutter zog an ihr vorbei, ebenso die des Arztes. Sie hielt die Augen geschlossen und driftete in tiefen, traumlosen Schlaf.

Kapitel 4

Juli 1928 Malden, Massachusetts

Louise spürte ihr Herz rasen. Der Untergrund flog an ihr vorbei, und Kies spritzte gegen ihre Schienbeine, aber sie ließ nicht nach.

Als ihre Basketballkolleginnen sie zur Bahnstrecke mitgenommen und auf die lange Gerade gezeigt hatten, hatte sie ihnen fast nicht glauben wollen. Hier trainierte die Leichtathletikmannschaft? Solange sie denken konnte, war sie diese Strecke gelaufen, kannte jeden Kiesel in- und auswendig. Achselzuckend hatte sie angefangen, neben ihnen herzutraben. Sie gehörte zu den Jüngsten – im Herbst würde sie fünfzehn werden und zur Highschool gehen. Sie wollte die anderen Mädchen erst einmal kennenlernen, bevor sie mit ihrem Talent angab. Erst als sie mit dem Aufwärmen fertig waren und Coach Quaine ihnen den heutigen Trainingsablauf erklärt hatte, erlaubte sie sich längere Schritte und erreichte schnell die Spitze. Sobald sie lief, verstummten ihre Gedanken, dann spürte sie nur noch das Feuer der Anstrengung. Es tat weh, doch genau das faszinierte sie am Laufen: diese feine Linie zwischen Schmerz, Loslassen und Nachgeben, eine willkommene Pause vom übermäßigen Nachdenken und Erinnern.

Als sie die Bahnschwelle mit der roten Farbmarkierung erreichte, verlangsamte sie, drehte um und rannte zu Coach Quaine zurück, der sie mit Stoppuhr in der Hand erwartete. Die anderen Mädchen liefen mit roten und vor Anstrengung verzerrten Gesichtern hinter ihr her.

Louise war schnell.

Solange sie denken konnte, war sie überallhin immer nur gelaufen.

Wenn andere gingen, dann rannte sie.

Doch dann hatte ihre Schwester den Unfall gehabt, und das Laufen hatte sich verändert. Es ging weniger darum, Spaß zu haben, sondern vielmehr darum, sich zu beweisen. Sie musste schnell sein. Sie hatte Erinnerungen, sehr schmerzhafte Erinnerungen, die ihr immer wieder ins Gedächtnis riefen, dass sie niemals schnell genug sein würde, um das zu retten, was ihr lieb und teuer war.

Als ihre Basketballkameradinnen sie gedrängt hatten, sich einmal bei Coach Quaine vom Onteora Leichtathletikverein vorzustellen, war sie nicht sicher gewesen, ob sie für das Training dort schnell genug wäre. Aber die Neugier hatte sie nicht mehr losgelassen. Würde eine Stoppuhr bestätigen, was sie längst schon wusste?

Plötzlich begann die Erde zu beben: Der Fünfuhrzug aus der Stadt donnerte vorbei. Louise blinzelte, damit ihr nicht schwindelig wurde. Blasse Gesichter leuchteten hell hinter den Fensterscheiben, ein paar von ihnen grinsten, dazu winkten ein paar Hände. Erst als der Zug um die nächste Kurve verschwunden war, wurde Louise sich der Bedeutung bewusst.

Fünf Uhr.

Sie musste nach Hause. Mit der Aufsicht der jüngeren Geschwister konnte sie Emily nicht zu lange allein lassen. Louise nahm noch einmal alle Kraft zusammen und sprintete an Coach Quaine vorbei.

Er stieß einen Pfiff aus und überprüfte die Zeit. »Alle Achtung! Du bist das schnellste Mädchen, das mir je untergekommen ist.«

Louise spürte Stolz in sich aufsteigen.

»Du siehst nicht einmal erschöpft aus«, staunte er und musterte sie anerkennend.

In Wahrheit spürte sie sehr wohl Erschöpfung, wollte sich aber auf keinen Fall etwas anmerken lassen. Nun kamen auch die anderen Mädchen angelaufen, mit vor Anstrengung aufgerissenen Augen und schweißverklebten Haaren. Ihre unbedeckten Arme und Beine wirkten unter der prallen Sonne blass, lichtempfindlich und fleckig, doch Louises dunkle Haut verbarg jegliche hitzebedingte Rötung. In einer Stadt voll hellhäutiger Iren gehörte Louises Familie zu den wenigen Schwarzen, aber Coach Quaine schien ihre Hautfarbe nicht weiter zu kümmern.

»Ich hoffe sehr, du trittst unserem Leichtathletikteam bei. Stell dir mal vor, wie schnell du bei deinem Talent mit etwas mehr Training und der richtigen Technik werden könntest. Was meinst du?«

»Vielen Dank, Sir, aber das muss ich mit meinen Eltern besprechen.«

»Tu das. Wir sind morgen wieder hier. Dieselbe Zeit, derselbe Ort. Du bist noch sehr jung, so dass ich dich frühestens im nächsten Jahr zu größeren Wettkämpfen schicken würde, wobei ein paar Wettläufe gegen Ende dieses Sommers sicher nützlich wären. Ein gutes Training für jemanden mit deinem Potenzial.« Er hielt den Boston Globe in die Höhe. »Wusstest du, dass bei den Olympischen Spielen in diesem Jahr auch Frauen laufen dürfen? Drüben in Europa. Wer weiß? Vielleicht bist du ja eines Tages auch dabei.«

Louise nickte und trabte davon, obwohl sie keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Frauen, die in Europa bei Wettkämpfen liefen? Davon hatte sie noch nie gehört. Sie verließ den Weg parallel der Eisenbahnstrecke und lief an den einfachen Ziegelhäusern ihres Stadtviertels vorbei. Durch die Fenster sah sie Menschen, die ihrer abendlichen Routine nachgingen. Geschirr klapperte. Kochdüfte zogen durch die Luft. Geröstete Zwiebeln, gebratenes Huhn, frisch gebackenes Brot. Wie auf Kommando knurrte ihr der Magen. Als sie das dunkle Schindelhaus ihrer Familie erreichte, rannte sie quer über den Rasen, nahm zwei Stufen der Verandatreppe auf einmal und stieß die Haustür auf.

»Bist du das, Louise?«, hörte sie Emily rufen.

Louise eilte durch den Flur in die Küche, in der ihre drei Schwestern Emily, Julia und Agnes und ihr Bruder Junior am Tisch saßen. Emily und Julia hielten beide ein Buch in der Hand, Juniors Hose war voller Grasflecken.

»Bin schon da, bin schon da. Tut mir leid, es hat länger gedauert, als ich dachte. Ich will mich eben kurz waschen, dann mache ich Essen. Junior, geh und zieh dir was Sauberes an. Mädchen, deckt schon mal den Tisch, bitte.«

»Hast du es ins Team geschafft?«, wollte Junior wissen und sah sie aus seinen großen dunklen Augen erwartungsvoll an.

»Ja.« Sie blieb in der Tür zum Waschraum stehen. »Aber ihr dürft Mama noch nichts sagen. Verstanden?«

»Wann fragst du sie?«, erkundigte sich Julia.

»Ich weiß nicht.« Ihr schlechtes Gewissen trübte den Triumph, den sie auf dem Heimweg gespürt hatte. Wie sollte sie neben all ihren Pflichten auch noch das Lauftraining schaffen?

Bald darauf häufte sie die Reste des gestrigen Hühnerbratens aus dem Kühlschrank auf eine Platte und rührte den frischen Kartoffelsalat noch einmal um. Als sie die Haustür aufschwingen hörten, drehten alle Kinder ihre Köpfe Richtung Flur. Mama und Papa waren zu Hause.

»Wie geht es euch, ihr Lieben?«, fragte Mama, ging einmal um den Tisch und gab jedem ihrer Kinder einen Kuss auf den Scheitel. Louise atmete den Duft von Waschseife ein. Heute war Dienstag und damit Waschtag bei Mrs. Grandaway, wo ihre Mutter als Haushaltshilfe arbeitete. Da war sie abends immer besonders müde, weil sie den ganzen Vor- und Nachmittag per Hand die Wasch- und Wringmaschinen bedient hatte.

Nachdem Mama und Papa sich in ihrem Zimmer ein wenig frisch gemacht hatten, wurden die Hausaufgaben beiseitegelegt, und Julia deckte den Tisch für das Abendessen. Dann setzten sich alle hin, falteten die Hände und senkten den Kopf.

»Danke, Herr, für dieses gute Mahl und dass wir einen weiteren Tag unter deiner Gnade verbringen durften.« Papa sah auf. »Möchte jemand etwas hinzufügen?«

»Vielen Dank, o Herr, dass du mich zum besten Pitcher in Malden gemacht hast.« Die Augen mit den langen Wimpern schelmisch zusammengekniffen – Wimpern, die an einen Jungen eigentlich verschwendet waren, wie Mama immer sagte –, grinste Junior verschmitzt in die Runde. »Den Jungen im Park hab ich heute gezeigt, was ’ne Harke ist.«

»O Herr, schenke unserem Junior bitte mehr Bescheidenheit«, seufzte Mama, auch wenn sich um ihre Augen kleine Lachfältchen zeigten.

»Ich hab heute an Baby Grace gedacht, und ich hoffe, dass Gott ein paar liebe Engel für sie gefunden hat, die auf sie aufpassen und mit ihr spielen, damit sie sich nicht langweilt und quengelt«, sagte Agnes, und durch ihr Lispeln dauerte es ein wenig, bis allen die Ernsthaftigkeit ihrer Aussage bewusst wurde.

Mama sog scharf die Luft ein.

»Im Himmel muss sich niemand langweilen und quengeln«, berichtigte Emily. »Da ist es perfekt.«

»Aber trotzdem hoffe ich, dass die Engel nett zu ihr sind und ihr von den Pfefferminzbonbons geben, die sie so gerne mochte«, beharrte Agnes und schob schmollend ihr kleines spitzes Kinn vor.

Die Zeit in der Küche schien für einen Moment stillzustehen. Wenn Louise an Grace dachte, schoss ihr ein scharfer Schmerz direkt durchs Herz. Wie hatte sie heute nur so leichtsinnig sein können, ihren Bruder und ihre Schwestern für ein paar Stunden allein zu lassen? Wie hatte sie riskieren können, dass das, was Grace passiert war, in ähnlicher Weise wieder passierte? Hier und jetzt entschied sie, nie wieder zum Training des Onteora Leichtathletikvereins zu gehen. Weder morgen noch an irgendeinem anderen Tag. Sie hatte schon einmal versagt, ihre Geschwister gewissenhaft zu beaufsichtigen, und diesen Fehler würde sie nicht noch einmal begehen.

Papa räusperte sich. »Ich hoffe, er hält die kleine Gracie fest in seiner Hand und gibt ihr alles, was sie möchte, mein Schatz. Und jetzt lasst uns diese wunderbaren Sachen essen, die Louise für uns zubereitet hat.«

Ohne einander anzusehen, nahmen sie das Besteck auf und begannen zu essen – bis auf Louise. Obwohl die Anspannung im Raum ein wenig nachgelassen hatte, war ihr der Appetit vergangen. Neben tiefer Trauer lastete schwer und erdrückend auch das Gefühl von Versagen auf ihrem Herzen.

°

Nach dem Essen wusch Louise das Geschirr ab, während Mama die Geschwister ins Bett brachte. Es wurde still im Haus, und als Papa die Tür öffnete, um wie jeden Abend auf der hinteren Veranda noch eine Zigarette zu rauchen, drang das Zirpen der Grillen in die Küche. Louise nahm am Tisch Platz und wartete auf die Zuteilung der abendlichen Flickarbeit. Mama brachte den Nähkorb, reichte ihr eins von Juniors Hemden und deutete auf einen fehlenden Knopf, bevor sie selbst sich über Papas Gärtneruniform beugte. Kurz darauf kehrte Papa ins Haus zurück, legte Mama eine Hand auf die Schulter und sah Louise an.

»Als Dr. Conway heute Abend nach Hause kam, meinte er, er habe dich gesehen. Du seist den Eisenbahnweg entlanggelaufen, als würde dich ein Bär verfolgen.«

Louise erstarrte, die Nähnadel in der Luft. Das letzte Mal, dass sie Dr. Conway gesehen hatte, war vor sieben Jahren gewesen, als sie zu seinem Haus gerannt war, um Papa zu finden. Dr. Conway war in seinem Büro gewesen, und nach Louises atemlos gestammeltem Unglücksbericht hatte er darauf bestanden, dass sie alle gemeinsam in seinem Auto zum Haus der Stokes fuhren, aber trotzdem waren sie nicht schnell genug dort gewesen, um Grace zu retten. Noch vier Tage hatte ihr kleiner verbrannter Körper bewusstlos im Krankenzimmer gelegen, ehe sie an ihren Verletzungen verstorben war.

Blitzschnell konnte Louise in jenen Moment zurückkatapultiert werden, als sie die Küche betreten und die kleine Grace in ihrer hübschen, blau gestreiften Spielschürze in Flammen stehend vorgefunden hatte. Dieser furchtbare Geruch von brennendem Stoff, brennendem Haar und brennender Haut konnte jederzeit unerwartet zurückkehren – wenn sie morgens ihr Haar bürstete; wenn sie im Englischunterricht über einer Aufgabe brütete; wenn sie den Tisch für das Abendessen deckte. Jedes Mal konnte der Schmerz sie mit einer derartigen Heftigkeit überwältigen, dass ihr selbst sieben Jahre später noch schwindelig wurde.

Jede Nacht vor dem Einschlafen spulte ihre Erinnerung die Bilder ab, wie sie ihre Schwester gefunden hatte, um sie herum die Streichhölzer und überall Feuerzungen, die wie verunglückte Sternschnuppen über den Boden leckten. Sie konnte es nicht verhindern. Jenen Nachmittag immer und immer wieder zu erleben war Teil ihres schaurigen Einschlafrituals geworden. Wenn sie jeden Moment Schritt für Schritt erneut durchlebte, schlief sie im Anschluss tief und traumlos; versuchte sie jedoch, die Erinnerungen wegzuschieben, blieben sie lauernd im Hintergrund und setzten mit ausgefahrenen Krallen immer dann zum Sprung an, wenn sie in erlösenden Schlaf sinken wollte. Jedes Mal verharrte sie bei genau jenem Augenblick, in dem sie starr vor Schreck mit ansehen musste, wie ihre brennende Schwester schrie. Nur mit unendlich langsamen Bewegungen war es ihr gelungen, das Tischtuch herunterzureißen und auf Grace zu werfen, um die Flammen zu ersticken, und noch langsamer war ihr Bemühen ausgefallen, Hilfe zu holen. Auf dem Weg zu Dr. Conways Haus hatten sich ihre Beine schwammig und ihre Füße ungelenk angefühlt. In ihrer Panik hatte sie keine Luft mehr bekommen und heftige Übelkeit verspürt. Warum war sie so langsam gelaufen? Wäre sie schneller gerannt, würde Grace dann noch leben?

Louise starrte auf die runzlige rosafarbene Brandnarbe an der linken Hand – eine sichtbare Erinnerung an alles, was an jenem schrecklichen Nachmittag schiefgegangen war. Mit ausdrucksloser Stimme sagte sie: »Ich war eingeladen, mit den Läuferinnen des Onteora Leichtathletikvereins zu trainieren. Dabei muss Dr. Conway mich gesehen haben.«

Mama sah von ihrer Näharbeit auf.

Der Vater setzte sich zu ihnen an den Tisch. »Und hast du es in ihr Team geschafft?«

»Das ist völlig egal, denn ich werde nicht wieder hingehen. Es gibt hier zu viel zu tun.«

»Das stimmt, du hast deine Pflichten zu erfüllen, aber du bist immer gern gelaufen. Möchtest du mit ihnen trainieren?«, fragte Mama.

»Nein, Ma’am.«

Mama legte die Nähsachen auf den Tisch und wechselte einen Blick mit Papa. »Ich merke, dass deine Schwestern und dein Bruder allmählich alt genug sind, um auch mal eine Weile allein zurechtzukommen.« Sie brach ab. Nur das Ticken der Küchenuhr war zu hören. »Hör zu, Louise. Was damals mit Grace passiert ist, war ein Unfall. Die Last dafür zu tragen ist für ein so junges Mädchen wie dich viel zu schwer.«

»Sie ist für jeden zu schwer«, sagte Papa leise.

Mama senkte für einen Moment den Kopf. Als sie ihn wieder anhob, glänzten ihre Augen verdächtig feucht, und sie griff nach Louises Hand.

»Dr. Conway meinte, es sei ein sensationeller Anblick gewesen, dich laufen zu sehen. Du hast ein von Gott geschenktes Talent, ja, das hast du«, sagte Papa mit unverkennbarem Stolz.

Louise spürte, wie Mamas trockene, schwielige Hand sich fest um ihre schloss. »Solange du weiterhin fleißig deine Hausaufgaben machst, hast du unseren Segen, das mit dem Laufen auszuprobieren. Im Herbst kommst du auf die Highschool. Das scheint mir ein guter Zeitpunkt für deine Geschwister, mehr Verantwortung zu übernehmen.«

»Aber sie …«

»Ich kümmere mich darum. Wir werden es schon schaffen.«

Louise erinnerte sich an das Gefühl, wie sie vor allen anderen an Coach Quaine vorbeigesprintet war. In diesen wenigen Minuten hatten sich ihre Trauer und Schuld gelichtet. Alle Bedenken um ihre dunkle Hautfarbe waren in den Hintergrund getreten. Sie war zur Ruhe gekommen, hatte sich nur auf die Bewegung ihres Körpers konzentriert, kraftvoll und frei. Genau so wollte sie sich wieder fühlen.

Sie nickte. »Ich will es versuchen.«

The Chicago Evening Standard

30. Juli 1928

Bericht von den 9. Olympischen Spielen: Was ist nur mit den Amerikanern los?

Amsterdam – In der Vergangenheit sind amerikanische Athleten dem Rest der Welt ja gern davongelaufen, doch in einem in der Geschichte der Olympischen Spiele bemerkenswerten Rückschlag erleben die Vereinigten Staaten gerade eine Niederlage nach der anderen. Vor der Abreise aus New York tönte Major Gen. MacArthur großspurig, dem amerikanischen Team seien neun Goldmedaillen »bereits sicher«, doch seine Prognose lässt sich nur mehr schwer erfüllen, da drei jener neun Wettkämpfe bereits von anderen Ländern gewonnen wurden. Sollte das so weitergehen, wird die amerikanische Flagge kein einziges Mal neben dem Siegerpodium gehisst werden können. Die Teamleiter und Trainer betonen allerdings, dass Amsterdam die Unterkünfte noch immer nicht fertiggestellt hat und der amerikanische Kader daher weiterhin an Bord der SS President Roosevelt verbleiben muss. Mit einem undichten Schwimmbecken, Tennisplätzen in unterschiedlichen Größen sowie matschigen Laufbahnen sind die niederländischen Konstrukteure zudem noch schwer damit beschäftigt, ordnungsgemäße Kampfstätten einzurichten.

Als das niederländische Organisationskomitee das Team der Schwimmerinnen und Turmspringerinnen anwies, im Amsterdamer Hafen zu trainieren, brachen die Frauen zu einer Einkaufstour nach Paris auf. »Wenn die denken, dass ich auch nur einen Zeh in dieses stinkige Wasser tauche, haben die sich geschnitten«, verkündete kess die erst vierzehnjährige Schwimmerin Eleanor Holm aus Kalifornien.

Auch das schlechte Wetter muss als Ausrede herhalten. Sicher ist es für Höchstleistungen nicht ideal, aber alle Nationen trainieren unter demselben Himmel, und die Regenwolken hängen mitnichten nur über den amerikanischen Sportlern.

Einige der Teamleiter beschweren sich über die fehlende Erholungszeit für ihre Athleten. »Da die Ausscheidungswettkämpfe nur wenige Tage vor dem Reisestart nach Europa stattfanden, mussten unsere Athleten bis dahin hart an sich arbeiten und sind jetzt einigermaßen abgekämpft«, erklärt ein Trainer. Und das betrifft nicht nur die Männer. Uncle Sams schnellste Sprinterin, Miss Elta Cartwright aus Kalifornien, ist erkrankt und überlässt so einer der flinken kanadischen Läuferinnen die Chance auf Gold.

Von unfertigen Unterkünften, schlechtem Wetter und Krankheiten einmal abgesehen, kursieren außerdem Gerüchte, das Hauptproblem der amerikanischen Athleten sei ihre ausgiebige Zeit am Buffet der SS President Roosevelt. Wie es scheint, leiden unsere Olympioniken unter der irrigen Annahme, Kuchenessen gehöre seit Neustem zu den olympischen Disziplinen. Tatsächlich waren die Schiffsvorräte an Eiscreme bereits mitten auf dem Atlantik versiegt. Wie uns das Trainerteam auf unsere Anfrage hin bestätigte, zählt das Essen von Süßspeisen jedoch nach wie vor nicht als Training.

Auf die Frage, ob er seine Vorhersage zum Erfolg des amerikanischen Kaders revidieren wolle, erwiderte Major Gen. MacArthur: »Wir sind nicht dreitausend Meilen gereist, um in Würde zu verlieren, sondern um zu gewinnen, und zwar mit Abstand. Warten Sie nur ab.«

Nun, wir warten.

Kapitel 5

Juli 1928 Fulton, Missouri

Mit der Verordnung eines ruhigen Sommers hatte Dr. McCubbin es durchaus ernst gemeint. Helen hatte mittlerweile das Gefühl, schon eine ganze Ewigkeit im Bett zu liegen. Während die langen Tage des Juli träge dahinkrochen, las sie das Buch Die Kinder im Güterwagen. Sie las es so oft, dass sie irgendwann eigene Geschichten von Henry, Jessie, Violet und Benny im Kopf hatte, doch dann ließ Mama eines Morgens eine Tageszeitung an ihrem Bett liegen, und vor lauter Langeweile begann sie darin zu blättern. Der Missouri Telegraph war zwar schon einige Wochen alt, aber mal etwas anderes.

Helen überflog die einzelnen Sparten, bis ihr eine Überschrift ins Auge sprang: »Chicagos Tochter Betty Robinson segelt zu Olympia«. Im dazugehörigen Artikel las sie von einem sechzehnjährigen Mädchen aus Chicago, das so schnell rennen konnte, dass es nach Amsterdam geschickt wurde, um gegen andere Läuferinnen aus allen möglichen Ländern der Welt anzutreten: Argentinien, Estland, Ägypten, Indien, Japan, Neuseeland, Rhodesien, Südafrika – ja, wie es schien, aus allen Ländern.

Helen griff nach ihrem heiß geliebten Globus auf der Kommode. Am Abend ließ Mama sich von ihr oft verschiedene Länder und Städte zeigen, und im vorigen Jahr hatte Helen einen Schulwettbewerb in Erdkunde gewonnen. Sie drehte die Kugel, so dass sie auf die Vereinigten Staaten blickte, und suchte Chicago, dessen Buchstaben quer über den blauen Michigansee gedruckt waren. Dann drehte sie den Globus langsam weiter und ließ dabei ihren Zeigefinger über den Kontinent und den weiten Atlantik wandern, bis er die europäische Küste erreichte. Nördlich des grünen Flecks, der Frankreich darstellte, lagen als kleiner gelber Punkt Belgien und darüber in Rosa die Niederlande. Das war ja eine gehörige Strecke zwischen Chicago und Amsterdam! Wie es wohl wäre, ein Schiff zu besteigen und so weit zu reisen?

Helen legte den Globus neben sich auf der Bettdecke ab und nahm erneut die Zeitung zur Hand. Der Artikel beschrieb weiter, in welchen Sportarten die Athleten aus aller Welt ihre Wettkämpfe bestritten. All ihre Geschichten zu den Kindern im Güterwagen verblassten neben diesen aufregenden Schilderungen. Es gab Boxer, Radfahrer, Bodenturner, Reiter, Fußballer und Hockeyspieler. Die meisten Athleten waren Männer, aber eine kleine Gruppe von Frauen war auch dabei, einschließlich Betty. Es war das erste Mal, dass Frauen in Disziplinen der Leichtathletik teilnehmen durften.

Ein grobkörniges Foto zeigte das Mädchen aus Chicago mit einem Mann an seiner Seite. Zwar war es nur schwarz-weiß und etwas unscharf, doch man konnte deutlich erkennen, dass er seinen Arm fest um die Schultern des Mädchens geschlungen hatte und breit in die Kamera lächelte. Dem Artikel nach war er Bettys Vater: »Betty ist die jüngste meiner beiden Töchter, und ohne Söhne hätte ich nie damit gerechnet, dass eines Tages eines meiner Mädchen Sportwettkämpfe bestreiten würde. Ich bin unglaublich stolz auf sie.«

Immer wieder las Helen dieses Zitat. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr eigener, finster dreinblickender Vater etwas Ähnliches sagen würde. Frank Stephens verschwendete keine Zeit mit Komplimenten. In seinem Leben zählte nur eines: seine Farm. Er betrieb das 35 Hektar große Anwesen auf die althergebrachte Art, mit Zähigkeit und Kraft. Diese neumodischen Maschinen von John Deere waren nichts für ihn. Doch schon mit ihren zehn Jahren verstand Helen, dass die Ablehnung des Vaters gegenüber Traktoren und Dreschmaschinen auch darauf beruhte, dass er sie nicht bezahlen konnte. Er bestellte sein Land mit Pferd und Pflug und verzichtete darauf, sein Brot »auf die leichte Art« zu verdienen.

Helen betrachtete wieder das Foto. Betty Robinson trug kurze, dunkelblonde Locken und lächelte, als müsste sie sich um nichts auf der Welt Sorgen machen. Helen lächelte zurück. Sie versuchte, den Storchenbiss auf ihrer Stirn, das wilde Haar, die großen Füße und ungelenken Extremitäten zu vergessen, aber als sie an die Gehässigkeiten ihrer Klassenkameraden dachte, die sie »Helen Ungeheuer« und »Gülle-Helen« nannten, versiegte ihr Lächeln.

Seufzend faltete sie die Zeitung zusammen, so dass Betty nicht mehr zu sehen war. Helen konnte ebenfalls schnell rennen – keiner der Jungen in der Schule würde das bestreiten –, aber dass sie mal so wie Betty Robinson würde, fühlte sich ungefähr so realistisch an, wie Königin von England zu werden. Und dennoch schlug sie die Zeitung erneut auf und studierte den Artikel ein weiteres Mal.

Könnte diese Betty tatsächlich eine Medaille gewinnen?

Helen riss die Seite heraus und schob sie unter ihr Bett. Sie schwor sich, Ausschau nach weiteren Berichten zu halten, denn sie musste unbedingt wissen, wie es mit diesem Mädchen weiterging.

Kapitel 6

August 1928 Amsterdam

An Bord der Fähre zum Amsterdamer Hauptbahnhof trommelte Betty mit den Fingern gegen die Scheibe. Die Wolken hingen tief, und der Regenguss vom Morgen hatte der Luft nichts von ihrer feuchten Schwüle nehmen können. Heute fand das Finale im 100-Meter-Lauf der Frauen statt, und Betty war die einzige Amerikanerin, die es in den Schlusswettkampf geschafft hatte. Sie schlang die Arme um den Bauch, um das aufgeregte Kribbeln zu bändigen. Tief durchzuatmen würde sicher helfen, aber wer wollte schon den fauligen Geruch des Hafenwassers in seine Lungen saugen?

Im Stadion angekommen, stiegen Betty und ihre Kameradinnen aus dem Bus und beobachteten staunend die Zuschauermassen, die an ihnen vorbeiströmten.

Caroline streckte die Hand vor und drückte Bettys Arm. »Viel Glück. Hals- und Beinbruch!«

Auch die anderen kamen und klopften ihr aufmunternd auf den Rücken. Mrs. Allen strich ihr die Locken aus der Stirn. »Geh dich umziehen, und ich komme gleich zu dir, wenn ich für die anderen ein paar Sitzplätze organisiert habe.«

Betty sah ihren Kolleginnen nach und rollte den Kragen ihrer Bluse zwischen den Fingern. Dann straffte sie die Schultern und betrat den langen Flur zu den Umkleideräumen. Das Klackern ihrer Absätze hallte bei jedem Schritt von den Wänden wider. Der metallische Geruch von frisch gegossenem Zement vermischt mit Regenwasser schlug ihr entgegen.

Sie betrat die Umkleide und sah vor der ersten Reihe von Spinden drei Kanadierinnen, die sich lachend unterhielten. In der nächsten Reihe saßen zwei Deutsche mit ernsten Gesichtern auf der Bank und kratzten den Schmutz von ihren Spike-Schuhen. Betty ging an ihnen vorbei, fand eine leere Reihe, stellte ihre Tasche auf die Bank und setzte sich daneben. Sie knabberte an der Nagelhaut ihres Zeigefingers.

Noch nie hatte sie sich so allein gefühlt.

Wenn doch nur Caroline oder Elta bei ihr wären. Selbst nach Dees Gesellschaft sehnte sie sich jetzt. Sie federte mit den Fersen auf und ab, zwang sich nach einer Weile jedoch, damit aufzuhören. Ich darf nicht nervös sein. Ich habe eine Aufgabe. Sie wiederholte diese zwei Sätze immer wieder. Mit jedem Mal fiel ein Stück der Aufregung von ihr ab. Sie stand auf, schüttelte die Beine aus und hüpfte ein paarmal auf und ab. Ihre Schultern wurden lockerer, das Flattern im Magen ließ nach. Sie schloss die Augen, hob die Hände über den Kopf und stellte sich vor, wie sie sich über die Ziellinie warf. Hurra! Dann öffnete sie die Augen wieder, lächelte, beugte sich über ihre Tasche und zog nacheinander das weiße Trikot, die kurze weiße Hose, den marineblauen Trainingsanzug und ihre Laufschuhe heraus. Als sie die Kleidung gewechselt hatte, setzte sie sich wieder hin, um die Schuhe anzuziehen. Sie schob den linken Fuß in den linken Schuh und lauschte beim Zubinden den kehligen Klängen der Deutschen.

Dann wollte sie ihren rechten Fuß in den anderen Schuh schieben, blieb jedoch stecken.

Verdutzt betrachtete sie den Schuh genauer. Ihr stockte der Atem.

Es war ein zweiter linker Schuh.

Zwei linke Schuhe! Wie hatte das passieren können? Panik stieg in ihr auf. Sie drehte sich zu ihrer Tasche und durchwühlte sie auf der Suche nach einem rechten Schuh. Nichts. Sie blinzelte. Konnte sie barfuß laufen? Selbst wenn die Kampfrichter es erlaubten, was sie bezweifelte, würde sie sich an den spitzen Steinchen auf der Laufstrecke die Füße verletzen. Sie presste den Schuh gegen die Brust und rannte etwas eiernd auf einem Schuh in Richtung Stadiontür. Mit jedem Schritt wurde der Lärm der Zuschauer lauter und lauter. Als sie die Hand nach der Klinke ausstreckte, kam ihr die Tür entgegen. Mrs. Allen betrat den Flur zu den Umkleideräumen und kniff die Augen zusammen, um sich an das schummrige Licht zu gewöhnen.

»Du meine Güte, Betty, hast du mich erschreckt!« Sie hob eine Hand an die Brust. »Bist du startklar, Liebes?«

»Ich habe zwei linke Schuhe. Ich …«, stammelte Betty. »Ich habe zwei Paar Laufschuhe, und irgendwie habe ich heute Morgen nur die beiden linken eingesteckt.« Indem sie es laut aussprach, wurde das Desaster real, und sie kämpfte mit den Tränen. »Was soll ich jetzt machen?«

»Schon gut, schon gut, keine Panik. Bleib hier. Ich gehe zu Coach Sheppard und frage ihn, was er dazu sagt. Geh du zurück in die Umkleide und setz dich hin.«

»Aber was ist mit dem Wettlauf? Fängt der nicht gleich an?«

Mrs. Allen sah auf ihre Armbanduhr. »Ja, Liebes, das tut er. Aber setz dich hin, ich bin gleich wieder da.«

Betty ließ die Arme sinken und kehrte zu ihrer Bank zurück. Sie setzte sich hin und stützte den Kopf in die Hände. Die Kanadierinnen musterten sie neugierig, als sie an ihr vorbei ins Stadion gingen. Ihr Gesicht brannte. Irgendwo tropfte ein Wasserhahn, und jedes Plopp hallte durch den ansonsten stillen Raum. Betty schnürte es die Kehle zu. Tränen brannten ihr in den Augenwinkeln, doch sie blinzelte sie fort. Sie durfte auf keinen Fall zusammenbrechen.

Irgendwo knallte eine Tür. Schritte kamen näher, wurden lauter und lauter. »Betty? Betty, wo bist du?« Caroline bog um die Ecke und blieb keuchend vor ihr stehen. »Puh, das war knapp. Hier ist dein rechter Schuh, aber du hast jetzt keine Zeit zum Anziehen. Die Kampfrichter überprüfen gerade die Teilnehmerliste. Komm!« Sie drückte Betty den rechten Schuh in die Hand und zog sie mit sich.

Betty presste den Schuh gegen die Brust und rannte Caroline hinterher. »Wie, um alles in der Welt, hast du den so schnell hergekriegt?«

»Das ist der Moment, in dem du Dee ihr nächtelanges Schnarchen vergeben solltest. Du weißt doch, dass sie eine Fähre später nehmen wollte?« Caroline trat durch die Tür ins Freie und deutete zur Laufstrecke. »Wie es aussieht, machen die Kampfrichter noch eine kurze Pause – du kannst also schnell den Schuh anziehen, aber beeil dich. Also, bevor sie unsere Kabine verlassen wollte, fielen ihr die zwei rechten Schuhe neben der Tür auf, und sie war so geistesgegenwärtig, einen davon einzustecken. Im Stadion hat sie sofort nach uns Ausschau gehalten und mir den Schuh gegeben. Was für ein Glück, nicht wahr?«

Betty kauerte am Boden und band sich den Schuh zu. Um sie herum wehten Fahnen in allen Farben, Zigarettenrauch schwebte über den Tribünen, die Leute sangen und feuerten die Athleten in ihr unbekannten Sprachen an. Der Lärm war ohrenbetäubend. Betty versuchte, an den Menschen vor ihr vorbeizusehen und die Sprintstrecke auszumachen. Gleich würde sie laufen, und wenig später würden die Kampfrichter das Ergebnis bekannt geben. Sie musste nur noch an den Start gehen.

»Komm schon«, drängte Caroline und sah Betty an. Doch die fühlte sich seltsam ruhig. »Ich bin bereit.«

°

Betty ging an ihren Startplatz, kniete sich hin und grub mit ihrer Schaufel zwei kleine Löcher in die Asche, genau so, wie Coach Price es ihr gezeigt hatte. So hatten ihre Füße Halt, wenn sie in der Startposition kauerte. Als sie fertig war, richtete sie sich auf, um ihr Werk zu begutachten; der Abstand zwischen den Löchern schien ihr passend. Sie legte die Schaufel weg und musterte ihre Gegnerinnen. Die zwei Deutschen sprangen auf der Stelle, um sich warm zu halten. Die drei Kanadierinnen dehnten ihre Oberschenkel. Alle Frauen blickten ernst, fast finster drein.

Neben ihr ging die Kanadierin Bobbie Rosenfeld in den Ausfallschritt. Betty machte es ihr nach und konzentrierte sich auf die Dehnung der hinteren Oberschenkelmuskeln und der Hüfte. Sie blickte in die Zuschauerränge, aber alles um sie herum verschwamm. Alles, was sie wahrnahm, war das Klopfen ihres Herzens. Das gleichmäßige Geräusch ihres Atems. Die Dehnung ihrer Beine, erst auf der einen, dann auf der anderen Seite. Sie hatte es geschafft. Sie nahm an den Olympischen Spielen teil.