Fast ne Geschichte - Vincent Camuzzi - E-Book

Fast ne Geschichte E-Book

Vincent Camuzzi

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Beschreibung

Thomas Kleinobst und Janik Räzznaton, die beiden Freunde aus dem Roman von Vincent Camuzzi Das Boot lernen sich kennen. Eine Jugendfreundschaft in den Achtzigern, zwei ungleiche Protagonisten und ein Roman über das Leben an sich. Ein Werk das Fragen stellt und zum Nachdenken anregt. Sind es nicht wir, die wir selbst unsere Realität erschaffen? Bei Zitaten von Sokrates, Ralf Bihlmaier, Konfuzius, Ugi Müller, Baruch Rabinowitz, Neville Goddard und vielen anderen, lohnt es sich die Zeilen immer mal wieder weg zu legen und über das Geschriebene zu sinnieren.

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EPUB
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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Bisher vom Autor erschienen:

Das Boot, 2017 im Telegonos Verlag

sowie die Kurzgeschichten

Das Seifenkistenrennen in die Katze Molly Telegonons Verlag 2018

Das Matschlager in Ungewisse Zukunft / Wagnis des Morgens Novivitalis Verlag 2019

Für

Nora

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Kapitel 1: Das Bekanntwerden

Kapitel 2: Der Traum

Kapitel 3: Melanie

Kapitel 4: die Clique

Kapitel 5: Bell

Kapitel 6: Das Spiel des Lebens: Einfach sein

Kapitel 7: Tom beim Bund

Kapitel 8: Luisanne

Kapitel 9: Vertreibung aus dem scheinbaren Paradies

Kapitel 10: Janik im Luxushotel

Kapitel 11: Wie alles immer ins Leben kommt

Kapitel 12: Fast ne Geschichte

Kapitel 13: Die Waldmade schließt

Kapitel 14: Bell und Thomas

Kapitel 15: Paul

Kapitel 16: Andrea

Kapitel 17: Alles im Fluss – Pandarai

Kapitel 18: Die Realität

Kapitel 19: Was will ich wirklich und warum

Kapitel 20: Verwirrung und Verwandlung

Kapitel 21: Wie das Leben so spielt

Kapitel 22: Menschsein

Kapitel 23: Der letzte Waldmadenabend

Kapitel 24: Freundschaft

Kapitel 25: Café Ole

Kapitel 26: Auflösungserscheinungen bei der Clique

Kapitel 27: Die Hochzeit

Kapitel 28: Der Alltag

Kapitel 29: Der Lauf der Dinge

Kapitel 30: Wie alles ins Leben kommt

Nachrede Epilog

Vorwort

Als mich Vincent Camuzzi gegen Ende 2019 fragte, ob ich ein Vorwort zu seinem neuen Roman – oder besser gesagt Coachingroman – schreiben könnte, war meine Neugier geweckt. Ein Coachingroman? Als Coach habe ich natürlich unzählige Coachingbücher gelesen, aber Romane waren da keine dabei. Theorie, Übungen und Erfahrungsberichte, ja, aber keine Erzählungen, keine Köpfe, in die ich einsteigen konnte. Von dem her war ich gespannt. Gespannt, wie dieses Unterfangen wohl aussehen würde und ob es überhaupt gelingen kann? Ist es möglich, die so persönlichen, ja geradezu intimen Aha-Erlebnisse und Schlüsseleinsichten eines Coachings in freier Romanform zu verpacken? Und das auf eine Weise, sodass selber ein Aha-Effekt in der Leserin angeregt werden kann? Mit Freude darf ich an dieser Stelle schreiben: ja! Vincent hat das alles möglich gemacht und zwar auf eine unglaublich erfrischende, menschliche und fesselnde Weise. „Fast ne Geschichte“ lässt uns teilhaben und nicht selten verschmelzen mit liebevoll herausgearbeiteten Charakteren, die wir nur zu gut aus unserem eigenen Denken kennen und die uns dennoch immer wieder ein Rätsel sind. Zu keinem Zeitpunkt wirken Janik und Co. fremd oder gekünstelt, sondern ungemein nah, echt und persönlich. Schonungslos ehrlich werden ihre Gefühle und Gedanken zugänglich gemacht, so, als würden wir selbst da gerade denken und fühlen. Dadurch wird die Geschichte von Melanie, Thomas und Janik mit jedem Buchstaben auch zu meiner. Es ist dieses ungreifbare Erzählelement, das einen Coachingroman vielleicht wirkungsvoller macht als zehn vollgekritzelte Coaching-Ratgeber inklusive farbigen Klebenotizen an den

Rändern. Ein Roman gewährt Einblicke und Einblicke gewähren Einsichten. Und genau das meistert Vincent Camuzzi auf vorzüglich unterhaltsame, aber doch tiefgründige Art und Weise. Mit urfrischen, treffsicheren Metaphern und komplett unerwarteten Wendungen liest sich „Fast ne Geschichte“ wie das Leben selbst. Kein Skript, keine gekünstelten Klischees, sondern das spontane Leben in all seinen Facetten. Mit all seinen emotionalen Hochs und Tiefs. Selbst wenn es zentral auch um die Lehren der Realitätsgestaltung oder des „Law of Attraction“ geht, wie es seit einigen Jahrzehnten in der Selbsthilfe-Szene bekannt ist, so wird dabei von Vincent eben NICHT vergessen, was dabei so oft vergessen wird: die Spontanität und Lebendigkeit des unerwarteten Lebens. Wir Menschen wollen ja gar nicht sämtliche Ereignisse unseres Lebens kontrollieren. Man stelle sich das nur einmal vor: wer würde sich denn im Kino einen Film anschauen, bei dem jemand 90 Minuten lang immer alles kriegt, was er will? Niemand, der wirklich ehrlich mit sich selber ist. Was wir Menschen wirklich wollen, ist nicht ein bestimmtes Leben, sondern Lebensgefühl. Ein Gefühl für das Leben, die Lebendigkeit, die Neugier, das Staunen, die Begegnung, die Liebe, das Vertrauen. Klar, auch unsere Ziele und Pläne sind uns wichtig, aber unendlich mal wichtiger ist uns das Gefühl, die Haltung, die Seinsweise, aus der heraus wir unsere Ziele verfolgen, unsere Handlungen ausführen, unserem Sog folgen. Und genau dieser Schlüsselaspekt zieht sich durch jede Seite und jeden Dialog dieses Buches. Es ist für mich der rote Faden, der die Höhepunkte und die Krisen der Charaktere zusammenhält, erlebbar und dadurch eben fast ne Geschichte daraus macht. Warum eigentlich „fast“ ne Geschichte? Meine persönliche Antwort nach der Lektüre dieses Buches: weil das Leben selbst eben keine Geschichte ist ... Natürlich erzählt das Leben auch Geschichten. Aber es ist immer gleichzeitig jenseits seiner eigenen Geschichten. Genauso wie das Leben am Filmset ein anderes ist, als die Geschichte, die im fertigen Film erzählt wird. Und doch gehört beides zusammen. Eine Geschichte, in die kein Leben und kein Lebensgefühl geflossen ist, ist eben nur eine Geschichte. „Fast ne Geschichte“ ist da anders. Es ist eben nicht nur eine Geschichte ...

Und damit übergebe ich dich, lieber Leser/liebe Leserin, dieser einzigartigen Erzählung. Möge sie auch dein Lebensgefühl im Kern berühren!

Ugi Müller, 31.01.2020

Gibt es so etwas wie Schicksal? Zufälle geschehen ohne Absicht? Sind wir nicht vielmehr Schöpferinnen und Schöpfer unserer eigenen Realität? Was ist darüber hinaus Wirklichkeit? Die vorliegende Erzählung, ist als „Fast ne Geschichte“ wünschenswerter Weise unterhaltsam, als lesenswert zu goutieren. Doch die Intention dahinter, erzählt über Freundschaft, Liebe, das Leben eben und wie wir dies alles in unsere Realität ziehen. Wie nehmen wir als GestalterInnen Einfluss auf alles? Kreieren wir tatsächlich? Schauen Sie, amüsieren Sie sich, staunen Sie über Eigenartigkeiten, welche gleich zu Beginn auftauchen. Und was hat das mit den Emotionen der Protagonisten zu tun? Gefühle sind der Schlüssel.

Als Roman zu lesen, als Coachingbuch zu verstehen.

Was hat das mit mir zu tun?

Prolog

Nichts ist wie es scheint.

Wo war er; wo er war nebelte es bedeutend. Zudem: Die Luft dünn. Die Zegs fort, vernichtet. Doch die Snyringedliz verfolgten ihn. In böser Absicht, wie es schien. Der Einäugige hatte die Wolke gesattelt. Wahrlich, er sprach es zuvor zu dem kleinen einsamen Haufen: Gebt Raum meinem Schritt - die drei glänzenden Kugeln rollten. Nah war er dran. Doch als er sich trennte von der traurigen Schar, stand er auf verlorenem Posten. Wem kam er nah …. sich selbst und doch so hoffnungsfrei fern. Muss ich denn sterben um zu leben! Haltsuchend irrte der Gefangene schier schwerelos in der Zeit umher…

Warum als Coachingbuch zu verstehen?

Worum geht es? Im Leben, im Roman? Es geht doch immer um uns – oder? Sind wir alle eins, ist alles mit allem verbunden?

Thomas und Janik, Freunde wie Pech und Schwefel. Kann es sein, dass wir mehr Einfluss auf unser Leben haben, als wir gemeinhin denken? Wir sind die GestalterInnen, die SchöpferInnen! Lassen Sie uns Zeugen sein. Zeugen einer wunderbaren, beginnenden Freundschaft. Eine Clique formiert sich und junge Leute, heranwachsend in den achtziger Jahren leben eine unbeschwerte Zeit, verbunden mit einer großen Freude am Sein.

Und im Hier und Jetzt gestalten wir. Ob bewusst oder unbewusst.

Der geniale Mentaltrainer Kurt Tepperwein sagt:

„Ihr Schicksal ist der genaue Ausdruck Ihres Soseins.“

Wirken die Worte oder gibt es keinen Nachhall?

Einfach mal das Buch weglegen und spüren. Loslassen, das Ego verlassen und im Bewusstsein verweilen, wie fühlt sich das an?

So, weiter im Text:

In jungen, dann oft auch unbeschwerten Jahren ist kaum ein Coach nötig. Je älter wir Menschen werden, desto mehr Erfahrungen prägen uns. Dazu kommen nicht verarbeitete Erlebnisse aus tiefster Kindheit.

Schauen wir doch mal bei unseren Protagonisten auf die Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß.“

Sokrates

Kapitel 1 Das Bekanntwerden

„Wenn du einen Menschen richtig kennenlernen und etwas

über sein Innerstes Wesen in Erfahrung bringen willst, so mach

dir nicht erst die Mühe zu analysieren, wie er spricht, schweigt,

weint oder von hehren Gedanken ergriffen wird. Du brauchst

ihn bloß beim Lachen zu beobachten. Hat er ein gutes Lachen,

ist er ein guter Mensch.“

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

Sonnenschein draußen. Drinnen könnte die Sonne im Herzen sein, doch Thomas Kleinobst, einfach Tom genannt, ist müde. Erinnerungen schwimmen heran, die Weite der Gedankenkraft reicht jedoch häufig nicht bis in diese täuschende Unendlichkeit.

Von der Geburt bis zum dritten, vierten bei manchen gar dem fünften, sechsten Lebensjahr wirkt hier ein undurchdringlicher Dunst. Auch bei Thomas. Badezimmer in schöner Grünromantik anno 1960. Fliesen ohne Arglist. Bidet nachträglich eingebaut dem Stil, stillvoll angepasst. So die Bilder im Kopf. Dann die Tiefe der Rückschau, Wehmut im Nachklang.

Da sah er sich. Eine erste bewusste prägungsrelevante Impression, liegend auf dem Bett. Da lag er, »unser Junge«, wie ihn Mutter gerne nannte.

Er wollte nicht aufstehen. Magenschmerzen.

Klopfen, erst zaghaft dann bestimmt. Keine Äußerung von ihm, sodann wird die robuste Türklinge resolut heruntergedrückt und die Mutter kommt herein.

„Liebes!“

Zuckersüß die Worte.

„Heute ist doch dein großer Tag.“

„Mama, ich kann nicht …“

„Mein Junge, was ist denn los?“

Fragend blickte sie besorgt auf Ihren Sohn.

„Ich bin krank.“

Was wirklich los war konnte er jedoch nicht äußern. Angst wogte in ihm, eine grausame, stark zupackende Ungewissheit. Fühlte wohl so ein Delinquent kurz vom Erschießungskommando?

Seine Hemmungen zu schildern nicht im Stande. Zudem eine Sehnsucht, eine tiefe Wollust einfach nicht zu sein.

„Quatsch, Indianer kennen keinen Schmerz, das würde dir so passen, los raus aus den Federn!“

Die Frau Mama, dem Ereignis entsprechend die Kleidung dezent, jedoch würdevoll ausgewählt, stand in einem Kleid ausgehfertig an der Bettkante des Leidenden.

Die neuen Leiden des jungen W. ebenso der Urtext, der Mutter gänzlich unbekannt, dem Sohn noch nicht zugänglich, könnte eine passende Metapher für den Weltschmerz, die Not des wie einem Dahinsiechenden angemessen erscheinen.

Der Satz der Mutter beendete die leise Hoffnung auf Schonung.

Dagegen gab es keine Möglichkeit und obschon Thomas so gerne im Bett geblieben, beeilte sich nun, der Aufforderung zügig nachzukommen.

Endlich waren sie an der Schule. Hand in Hand. Der kleine Tom, peinlich berührt. Beide betraten den großen Hof. Er wollte seine Mutter nicht kränken und hielt fest. Trotz der Bloßstellung tat es gut. Die Hand gab Kraft. Der Vater war nicht zugegen, wie so oft hatte dieser keine Zeit. Durch die Arbeit reiste er viel und der Handfesthalter wusste gar nicht genau was sein Erzeuger beruflich trieb. »Montage« eines von vielen Wörtern, welche der kleine Tom nicht zuordnen konnte. Jedenfalls weilte der Vater dort und der Junge dachte es wäre eine andere Stadt, beziehungsweise ein Berg. Denn es hieß, der Vater sei »auf« Montage.

Im Nachgang der Erinnerung fühlte er Schwermut. Das große Gebäude verstärkte seine Angst. Düster, grob, den bröckelnden Putz aktuell vor Augen. Wie bei einer Nahaufnahme sah er die Mauern; innen wie außen bröckelte es. Ein Bild, bildhaft für die Bildung, wie sie stückchenweise von einem Schulsystem wegbricht. Bei dem der erste Teil der Bezeichnung wohl gar nicht mehr zu passen vermochte. Das Schlusswort umso mehr. Mit System rieselte die Bildung dahin wie der bröckelnde Putz.

Innen wie außen.

Allein unter Fremden war er dann im Klassenzimmer. Für ihn ein Graus. Die Lehrerin sagte Dinge, die er nicht verstand mit einem Vokabular, einem Duktus, dem er nicht folgen konnte. Die Gefühle wühlten. Gedanken verselbstständigten sich. Er wollte raus. Nicht drinnen sein, kein Gefangener. Rennen, raufen, spielen wollte er. Endlich: Die Glocke. Der Ton so klangschön, süße Erlösung. Alle stürmten hinaus. Wenig Beständiges dieser Tage. Doch an den ersten Schultag konnte er sich immer wieder gnadenlos erinnern. Und das im Wortsinne. Was für eine Qual für ihn. Genauso kam er sich just in dem Moment vor.

Es war aber nicht nur schlecht. Im Grunde ein Schicksalstag, denn er lernte Janik kennen. Janik, mittlerweile sein bester Freund. Bei aller Schwere, welche er öfter dem Leben gegenüber empfand, war die Wahrnehmung gegenteilig, wenn er an seinen Freund dachte.

Eben lag er müßig in der Badewanne. Den Kopf bis zum Mund im Wasser, die Augen geschlossen. Der Mensch schier vom Schaum bedeckt. Vielleicht bade ich deshalb so gerne, da mein Unterbewusstsein Ähnlichkeiten des Mutterleibes registriert? Dachte er gerade.

Der erste Schultag kam ihm endlosartig in den Sinn. Das trostlose wie auch schmucklose Klassenzimmer. Warum, früge ihn eine Person, so könnte er nicht antworten, einfach so. Aus den Weiten des Unbewussten nun wieder einmal bewusst geworden. Vielleicht wegen Janik.

Ja Janik, mit ihm wollte er sich heute noch verabreden. Gemeinsam ausgehen, was erleben. Mit ihm war es immer aufregend und spaßig. Daher taugte der erste Schultag doch zu etwas – ein bester Freund entstand. Sein bester Freund. Der anders, eben gleichwohl anstrengend ihm vorkam. Egal, nie wollte er diese Freundschaft missen.

Mit diesen Gedanken seifte er sich ein. Allmählich sollte er sich beeilen. Er beendete die Waschung und trocknete sich notdürftig ab. Noch ein wenig feucht vom Bad rannte er nackt durch die kleine Wohnung. Vom Badezimmer direkt in die Küche, die groß genug war um mit Freunden gemütlich ein Bier zu trinken, weiter in den kleinen Raum, in dem er nächtigte. Mehr Platz gab es nicht. Dafür seine eigene Wohnung. Mit Badewanne, dies ihm besonders wichtig. Seit er die Lehre erfolgreich abgeschlossen und vom Hab & Gut Konzern unbefristet eingestellt wurde, leistete er sich die kleine Wohnung. Er hastete zum Telefon, den Finger in der Wählscheibe, drehte in der logischen Reihenfolge um alsdann mit dem Freund verbunden zu sein.

Rasch zog er sich an. Schon wieder kam ihm der erste Schultag in den Sinn.

So selbstsicher, saß da der Junge, in diesem öden Raum. In diesem erbärmlichen Klassenzimmer. Kahl und leer wirkte der Saal mit den hohen Wänden. Was ihn, den Ängstlichen, maßgeblich beeinflusste. »Tom«, so nannten sie ihn damals, sprach den Selbstbewussten an und es kostete ihn kaum Überwindung. Es gab eine positive Schwingung zwischen den beiden. Wieder und wieder erlebte er diese erste Begegnung in seiner Vorstellung und er war schon stolz auf sich einen Menschen wie Janik Räzznaton in sein Leben gezogen zu haben.

„Wie heißt du denn?“

Die ersten Worte von ihm an Janik gerichtet, an die er sich sehr gut erinnern konnte.

„JR“ kam es wie aus der Pistole geschossen mit amerikanischer Betonung.

„Das ist doch kein Name.“ erwiderte Thomas irritiert.

„Janik Räzznaton, nenn mich einfach JR.“

Lange bevor diese Abkürzung ins Umgangssprachliche aufgrund einer Fernsehserie wandern sollte, reklamierte Herr Räzznaton feierlich diese zwei Buchstaben für sich.

Ja, Janik war schon Avantgarde!

Zu Janiks Missfallen setzte sich diese Bezeichnung für ihn nie durch. Jahre später, die Serie in aller Munde, da war er froh, damit nicht identifiziert worden zu sein. Gelegentlich verwendete er selbst diese Bezeichnung, doch nur so – just for fun. Wie er schmunzelnd bei Befragungen antwortete, weshalb diese zwei Buchstaben als Synonym für ihn standen. Dabei mochte Janik Räzznaton doch keine Anglizismen.

Einfach unergründlich dieser Mensch, dachte Thomas ehrfurchtsvoll.

Thomas lud ihn zu sich, zum Spielen ein. Begeistert war er von seinem Freund seinen Sprüchen, welche dieser schon als Dreikäsehoch von sich gab:

„Wer begehrt, doch nicht handelt, brütet die Pest aus. Wilhelm Blake.“

Schleuderte ihm damals der Selbstbewusste entgegen, als beide sich über das weibliche Geschlecht unterhielten und Thomas seine Schüchternheit und seine Sehnsüchte in spärliche Worte kleidete. Das war wohl in der fünften Klasse.

Vor den Gegenbesuchen freute er sich riesig. Die Unmenge an Spielsachen, die sein Kamerad zu bieten hatte, überstieg das bisher bekannte Maß. Dann noch dieses riesige Haus, indem die Familie damals residierte. Ewig konnte Verstecken gespielt werden.

Ein bisschen schämte er sich, da er nur eine kleine Mietswohnung sein zu Hause nennen konnte.

Und Janik beeindruckte ihn täglich. Hätte Thomas damals schon die Bezeichnung »Dandy« gekannt, er hätte diese passend für seinen Freund empfunden.

Bereits während der ersten Klasse hatte er Kontakte aus der Nachbarschaft. Ihm, dem Ängstlichen, gab es Geborgenheit. Die Clique formierte sich.

Nach dieser kurzen, für den zukünftigen Versicherungssachbearbeiter, einprägsamen Szene, waren Sie Freunde. Pech und Schwefel. Diese Bezeichnung für eine Beziehung die trägt. Ja – sensationell. Und er war ein Teil davon. Sogar fünfzig Prozent. Das gab Kraft, seinen Gedanken Raum. Und schwelgen konnte er mit JR vortrefflich. Gerade wohl auch deshalb, da beide als Einzelkinder aufwuchsen. Die Aussprüche – wie Schwüre von beiden:

„So jemanden wie dich als Bruder, so jemanden habe ich mir immer gewünscht.“,

bestätigten die Freundschaft jeweils aufs Neue. Aussagekräftige Ausdrücke der Lebensfreude, mit einem Menschen das Leben zu teilen, dieser Wunderbare, welcher zwar so andersartig lebte, doch gleichwohl ähnliche Gedanken hegte. Winnetou und Old

Schatterhand – Blutsbrüderschaft im Geiste.

„Freundschaft ist ein großes Wort.“, sprach einst sein Bruder im Geiste zu ihm. Dabei die Augen tief in die seinen versunken.

„Weißt du, du hast Freunde, doch ich bin ein Freundfreund.“

Solche Gefühle und Gedanken immer noch im Kopf, als er schon fertig angezogen auf der Straße in Richtung Waldmade eilte.

Der kleine Janik

Sein Vater spielte in der ersten Management Liga. Stets ließ dieser Räzznaton Junior spüren, was er von ihm hielt: Rein gar nichts. Für seine literarischen ersten Gehversuche erntete er vom Vater Spott. Der Junge wurde immer trauriger. Doch wollte er dem Vater gefallen. Alles was er tat taugte nicht. Jedenfalls nicht für den Alten. In dessen Augen war er ein Weichling, kein richtiger Mann. Mit seiner Mutter, einer angepassten Hausfrau, stritt der Vater oft, da ihm die Erziehung des Knaben viel zu sanft vorkam. Grundsätzlich jedoch hielt er sich da raus. In seiner Welt gab es Wichtigeres zu tun.

Janik lebte seine Andersartigkeit. Hänseln ließ er sich nicht. Ihn umgab eine Aura der Unangreifbarkeit. Leider galt dies nicht für Herrn Räzznaton Senior.

Ständig weilte dieser auf Geschäftsreise. Ab und an durfte die Familie mit. Eines Tages ging es geschäftlich an den schönen Tegernsee. Das Hotel eine Wucht. Selten sah Janik so viel Luxus.

Nach einem opulenten Mahl schickten ihn die Eltern, viel zu früh wie es ihm schien, auf das Zimmer. Janik machte es sich im Bett gemütlich. Er las Gespenstergeschichten. Unheimliche, krude Storys und am Ende der Slogan:

„Seltsam, aber so steht es geschrieben.“

Als Kind nahm er es für bare Münze. Jahre später verdrängte er erfolgreich, so etwas jemals gelesen zu haben. Weltliteratur nun sein Metier.

Unruhig schlief er am Abend ein. Plötzlich stand er in dem langen Hotelflur.

Wie bin ich dahin gekommen? Seltsam, der Flur kam ihm irgendwie verändert vor. Auch endete er nicht. Der kleine Janik ging einfach weiter in die lichtlose Endlosigkeit.

Kapitel 2 Der Traum

„Eines Tages wird man offiziell zugeben müssen, dass das, was

wir Wirklichkeit getauft haben, eine noch größere Illusion ist als

die Welt des Traumes.“

Salvador Dali

So wie er erwachte, schien er nicht bei Bewusstsein. Die Welt, wie er sie kannte, eine andere. Alle Dinge fremd, phantastisch.

Als betrachte er ein Gemälde von Dali. Surreale Farben verschwommen wahrnehmend hörte er Geräusche. Er schläft, schläft er?

Schnarchen:

Rrrrsch, rrrsch, rrrsch, rrr sch, sch, rsch

JR schläft tief und fest.

Tief und fest ist sein Schlaf. Doch er war im Flur. Nun ging er weiter den nicht enden wollenden dunkeln Gang entlang. Gefangen im Klartraum. Blitzartiges Erwachen und doch nicht wach. Wie in einem Science Fiction die Umgebung.

Es ist ein Flur, nein mein Flur. Oder…?

Es ist nicht der Hotelflur. Warum ist das Licht so grell? Janik sieht sich selbst. Hell im gleißenden Licht. Die Wände wackelten. Die Farben wechseln und verschwimmen. Er geht diesen langen Gang. Dunkelheit. Taub und Stumm ist er.

Bin ich? Wo bin ich? Janik Träumt. Oder ist er wach? Die Augen können sich nicht öffnen. Er geht mit tastenden Händen voraus und sieht doch mit dem geistigen Blick. Ein schemenhaftes Wesen erscheint einfach aus dem Nichts. Das Nichts ummantelt ihn. Wo war er. Dieses Wesen ohne Augen, mit einer schleimigen Gestalt. Unförmig, aber nicht hässlich. Eine gewisse Eleganz strömt davon aus.

„JR, JR“, hörte er eine fast wimmernde Stimme. Dabei sah er sich selbst.

Ich bin doch wach, dämmerte es ihm.

„Ich bin ein Snyringedliz.“ Hörte er die Kreatur sprechen. Janik versucht die Umgebung wahrzunehmen. Eine kraterförmige Landschaft bietet sich seinem inneren Blick. Spontan spürt er einen panischen Schmerz. Das Wesen schien zufrieden.

„Ihr nennt das Strom.“

JR krümmt sich vor Schmerzen.

„Energie, alles Energie“,

vernimmt er des Wesens Stimme. Gleich äthergefiltert dringen diese Laute zu ihm. Janik muss sich langsam zu Boden begeben.

Er setzt sich. Ängstlich, faszinierende Gebandheit. Der Boden steinhart.

„Nun da Du aufnahmefähig bist, höre!“

Irritationen.

Janik blickt, ohne zu verstehen.

„Ist es der Philosoph, der träumt und denkt er sei ein Schmetterling oder der Schmetterling, der träumt und denkt er sei ein Philosoph?“

„Woher soll der Schmetterling wissen, was ein Philosoph ist?“, wundert, kaum ausgesprochen, sich der Bub über die Worte, darüber den Dialog einfach aufgenommen zu haben.

„Gute Frage. Warum nicht?“

„Woher weißt Du was ein Schmetterling denkt. Woher weißt Du, dass Du bist.“

„Ich…“ holt Janik aus, als das Wesen ihm in die Parade fiel:

„Das war keine Frage, woher, weißt Du, dass Du bist.“

Du denkst Du bist Du, gerade schläfst Du.“

„Aber ich bin doch hier – wach.“

„Was weißt Du sicher?“, fragt das Wesen scharf. Die Sicherheit, die noch übriggeblieben, schmolz wie ein Schneemann in der afrikanischen Savanne.

Dunkler, harter Boden, gefühlte Realität, dabei diese Erscheinung. Gruselig wurde ihm. Halluzinierte er? - Nun wusste er es gewiss: Er schlief. Tief und fest. Sodann befahl er sich selbst aufzuwachen. Die Kreatur lachte, ein schauderhaftes Lachen.

Durchdringend, kehlig, den Mund weit aufgerissen, sah er, wie dem Wesen alle Zähne ausfielen und es lachte weiter. Schauderhaft und der Blick konnte nicht abgewandt werden.

Was ist das?

„Du bist hier und Du bleibst hier.“

Janik schaffte es nicht aufzuwachen. Seine Augen blieben geschlossen und doch sahen seine Sinne. Nun nahm er die Erscheinung wahr, wie sie sich ohne Ton, artikulierte. Keine Laute drangen aus dem nunmehr zahnlosen Maul.

Er registrierte Worte.

„Gast, bist Du unser Gast. Du bist unser Gast.“

Direkt manifestierte sich dies in seinem Gehirn. Er wurde bewusstlos.

Als er aufwachte lag er in seinem Bett. Glücksgefühle ummantelten ihn. Doch im Raum schwebten Gegenstände. Er war in seinem Traum aufgewacht. Das gibt es doch nicht! Janik konzentrierte sich und wollte aufwachen – es gelang nicht. Er drehte sich auf die Seite, schloss die Augen, Schlaf, »Todes Bruder« war weit. Nicht dran zu denken, kann ich denn nie mehr aufwachen, kam ihm in den Sinn.

„Doch. Du erfüllst Deine Mission und wirst erwachen.“, schien jemand seine Gedanken zu erraten.

„Was für eine Mission?“,

fragte der Schlafende, der sprechen konnte.

„Mit Dir wird sich die Prophezeiung erfüllen.“

Die Gestalt schien im Raum zu schweben.

Janik verstand kein Wort.

„Ruh Dich aus.“, hörte er die Stimme in seinem Kopf, die Gestalt verschwand.

Der Gefangene im Traum gewöhnte sich mit der Zeit an die skurrile Situation. Immer wieder versuchte er aufzuwachen, es gelang ihm nicht. Angst machten ihm die Andeutungen der ungewöhnlichen Bewohner. Er sei hier, um eine Mission zu erfüllen. Einmal wurde zu ihm geäußert er müsse sterben, um zu leben. Damals verstand er nicht, was damit gemeint war.

Seit seiner ungewollten Ankunft im Traum, vergingen die Tage zäh. Unergründbar für ihn wo genau er sich befand. Jahrzehnte, Jahrhunderte in der Zukunft; gar in einem anderen Universum. Ihm fehlte die Gewissheit. Scheinbar kannten diese fremdartigen Wesen ihn ganz genau.

Mittlerweile fügte er sich in sein Schicksal und machte gute Miene zu einem bösartigen, grausamen Spiel. Er versuchte zwar immer noch aufzuwachen, doch nicht mehr mit einer solch hohen Anstrengung als zu Beginn seiner Ankunft. Diese Welt wirkte so anders und doch konnte er Parallelen zu seinem Leben und den Menschen feststellen, die er kannte. Natürlich gab es auch Gefühle auf diesem unwirklichen Planeten oder was immer das war wo er sich befand. Diese ähnelten durchaus denen, die er aus seiner Welt kannte.

Was er bisher ergründen konnte: Die Snyringedliz bei denen er sich befand, waren eine von zwei Gruppen, welche massive Kriege überstanden und sich nun im Endkampf mit den Zegs befanden. Es ging scheinbar darum, dass es nur eine Gruppe geben durfte.

Er war so etwas wie ein Heilsbringer für die Snyringedliz.

Mit seinen fünfzehn Jahren immer noch ein Kind. Diese Erfahrung ließ ihn neben dem Schauder, den er empfand auch reifen.

Die Wesen bewegten sich schwerelos in Zeit und Raum. Er konnte dies nicht. Was ihn immer wieder hämische Blicke und Lacher einbrachte. Vor allem von der »Polizei». Die Bekanntschaft mit dieser seltsamen Art kam rasch. Als er das erste Mal alleine die Gegend erkunden wollte, kam ihm eine Gruppe kleiner Wesen in schrill bunten Phantasieuniformen entgegengeschwebt.

Das Gelächter hörte er schon von Weitem. Bei ihm angekommen zingelten sie ihn ein, lachten, stupsten ihn, zogen weiter nicht ohne, dass er schmerzhafte Erfahrungen mit einer Art Knüppel machen konnte.

Bei seinem Snyringedliz Wirt, der ihn bei sich aufgenommen hatte, beschwerte er sich und meinte, dies müsse der Polizei, von der alle nur mit Ehrfurcht sprachen, angezeigt werden. Janik erntete erneutes Lachen.

„Das ist »die Polizei«“, nahm der die Worte in seinem Kopf wahr. Von da an war er vorsichtig bei diesen Burschen.

Eine fremdartige Welt. Das Lachen, welches lustig wirkte, davor galt es sich in Acht zu nehmen. Bei hoher Heiterkeit, fielen diesen Kreaturen stets die Zähne aus um alsdann unregelmäßig nachzuwachsen.

Die Kinder hatten, dort wo er war, die Macht. Bis zum sechzehnten Lebensjahr bestimmten sie und wählten sich selbst in den hohen Rat. Dieser wiederrum wählte den Führer. Ein Kind gab also stets den Ton an. Janik wurde zum Kindswärter bestimmt.

Eine anstrengende Tätigkeit, da die Kinder das Sagen hatten und es ging nur mittels Geschick und zuweilen List, sie zu etwas zu veranlassen. Die Kinder führten also, hatten die gesamte Verantwortung und mit siebzehn Jahren endete dieser Status. Das Wesen hatte sich unterzuordnen und mit zunehmendem Alter immer weniger zu sagen.

JR brauchte einige Zeit um diese Kultur zu verstehen: Kinder führten, bekamen früh Verantwortung. Ein Kind kam Gottgleich auf die Welt und mit zunehmendem Alter verlor es seinen Zauber –wurde »normal« und schließlich als Arbeitstier gehalten.

Nur die Kaste der Denker stand ihnen vor. Hatte hierbei jedoch keine Macht.

Weitere Jahre vergingen und er fand sich damit ab. Hin und wieder versuchte er eine Selbsttötung. Doch der Überlebenstrieb immer wieder stärker. Außerdem empfand er eine große Angst, diese Prophezeiung könnte nicht stimmen. So zog er ein Leben, wenn auch trist, traurig und unwirklich seiner möglichen Erlösung vor.

Die Traumjahre vergingen. Janik erfuhr mittlerweile, dass ein Aufwachen tatsächlich nur durch den Tod im Traum vollzogen werden könnte. Er blieb ein Gefangener dieser seltsamen Art.

Eines Tages jedoch entfernte er sich von seinem kleinen, bekannten Radius. Was die Snyringedliz streng verboten hatten. Als er das merkwürdige Zentrum verließ und in dieser mondartigen Landschaft wanderte, spürte er keine Angst, nein vielmehr Freude und die Gewissheit seinen Despoten entkommen zu sein.

Umgegeben von einer undurchdringlichen Dunkelheit, erschien ihm ein Wesen. Ganz in weiß, selbst die Haare und der lange Bart.

Sofort wurde ihm klar: ein Vertreter der Zegs war vor ihm. Wie in Stein gemeißelt stand er nun da, konnte sich nicht rühren, obschon er fliehen wollte.

„Brauchst Du erst einen brennenden Dornbusch, um die Wahrheit zu erkennen?“

»Eugnid«, der Zegs. Janik sollte den Namen später erfahren, erläutere ihm die Prophezeiung und dass er die Mission erfüllen müsse. Es gab einen Fürsten der Dunkelheit oder des Lichtes. Er lebte von den Gefühlen der Bewohner. So speiste er sich. Alles Dunkle, Schwarze, Grausame in den Snyringedliz und den Zegs, führte dazu, dass die Macht des Fürsten der Dunkelheit wachsen ließ. Alles Schöne, Gute und liebenswerte in den Wesen trug dazu bei, die Macht der Hüterin des Lichtes zu verstärken. Eugnid schilderte Janik weiter, dass viele Kriege die Kulturen nachhaltig zerstörten. Die Zeit lief und irgendwann würde die Macht über Wohl oder Weh entscheiden. In der Sage ward stets von einem »Einäugigen« die Rede. Ein Wesen, welches Wolken sattelte, darauf ritt und mit Planeten spielte. Beim letzten Spiel würde er alle drei noch verbliebenen Kugeln so arrangieren, dass es entweder zu einer großen Katastrophe käme, oder alles wunderschön sich gestaltete. Und genau dafür solle ein Mensch aus seiner Zeit fallen und ihnen bei der Bewusstwerdung helfen.

Weiterhin beschrieb er die Snyringedliz als barbarisch und grausam.

„Ihr beschreibt mir euch gegenseitig als barbarisch und grausam, ich jedoch habe keine Gruppe von euch so erlebt.“ Antwortete Janik immer noch angstvoll.

„Die Kinder prägen ihre Eltern und Kinder sind böse und gemein.

Bei denen haben die Kleinen das Sagen. Das Volk der Snyringedliz ist dem Untergang geweiht, höre auf mich, die Prophezeiung wird wahr: Der Einäugige auf der gesattelten Wolke kommt. Dann stößt er die drei glänzenden Kugeln. Du musst sterben um zu leben!“

Janik wurde von Eugnid mitgenommen. Zunächst gegen seinen Willen. Dann gab es jedoch überwiegend gute Zeiten bei den Zegs. Es war eine ganz andere Welt.

Die künstlerischen Fähigkeiten bildeten den Schwerpunkt das Leben der Zegs. Diese gewisse Düsternis und Schwere, welche er bei den Snyringedliz als unfreiwilliger Gast stets empfand, konnte er bei seinen neuen Gastgebern nicht verorten.

Jedem aus der Gruppe der Zegs, sollte es möglich sein, das eigene Talent zu entdecken. Bei den Snyringedliz fand er noch Parallelen zu der Welt, die er kannte. Hier gestaltet sich alles anders.

Nach vergangener dreißigjähriger Traumzeit, wachte er auf.

Wie leblos lag er leichengleich. Benommen waberte eine Idee der anderen Wirklichkeit. Der Junge öffnete die Augen. Ein Hotelzimmer. Das Hotelzimmer. Er schlief im Beibett, der Vater schnarchte laut, ansonsten alles ruhig. Das luxuriöse Zimmer mit dieser eleganten Geräumigkeit wirkte beruhigend jedoch auch verstörend auf ihn. Bilder an den Wänden. Die aufwendige Raumdekoration, sah er verschwommen. Sich die Augen reibend und nicht ganz bei sich richtete er sich halb auf. Freude leicht spürend. Terrormäßig eingeschüchtert schlich er zur Zimmertür. Mutter und Vater schliefen im Bett, es wird schon nichts passieren. Zittrig öffnete er die hohe Hoteltür. Die Ecke, die im Traum unendlich schien, sah er nun als kleinen Flur. Vorrübergehende Realität gab ihm Halt. Erschöpft lehnte er am Türrahmen. Kein Schmetterling mehr, welcher als Philosoph sich fühlte. Doch schon auch leichte Übelkeit ausdehnend, so schwang Janik sich wieder ins Bett, jedoch nicht an Schlaf denkend. Befangenheit mit grausamen Schaudern fühlend lag er wach auf der Hut davor wieder und wieder und wieder gefangen zu sein. Doch der Traum griff nicht mehr nach ihm, dem kleinen viel Wissenden, nur geliebt sein wollenden, Jungen. Allein lag er im Bett. Die Eltern im gleichen Zimmer, Lichtjahre schienen sie ihm entfernt. Wer verstand ihn? Mit wem konnte er reden? Dies lebensprägende Ereignis beschloss er nun in aller Stille, sollte für immer sein Geheimnis sein. Hüter, Bewahrer dieses eigenartig schaurigen Vorkommnisses. Janik grübelte noch lange. Wahrlich irritiert über die Tatsache, dass er die Zegs und Snyringedliz nun, da er wieder in seiner Realität weilte, ein wenig vermisste.

Kapitel 3 Melanie

Unterbewusstsein – SchöpferInnendasein? Traumwirklichkeit!

Was soll das und was hat das mit dieser Geschichte zu tun?

Einer Geschichte über Freundschaft, Liebe, Erfüllung – hat dies nicht alles mit menschlichen Regungen zu tun? Ist Sex nicht Schöpferkraft im besten Sinne? Verbunden mit Liebe und Zärtlichkeit. Verlieren wir uns nicht in der Ekstase? Ist diese nicht traumhaft.

Was haben wir daraus gemacht und was kann jeder Einzelne für sich tun?

In einer unwirklichen Gesellschaft, mit der mit überhöhter Liebe und Schuldvorwürfen beladenen Mutter und einem komplexbehafteten, bösartigen Vater. Am Ende Sehnsucht nach dieser Art der außerirdischen Menschlichkeit.

Kennen wir stets die Motive, warum Menschen das tun, was sie tun?

„Als du auf die Welt kamst, weintest du, und um dich herum

freuten sich alle. Lebe so, dass, wenn du die Welt verlässt, alle

weinen und du lächelst!“

Unbekannter Verfasser

„Die Wortführer des frühen Christentums setzten sich über die

hebräischen Quellen hinweg und bedienten sich Heidnischen.“

Johannes Reuchlin

Janik überfiel Thomas, wie so oft bei deren Treffen, sofort.

Gerne mochte er aber doch vorher gefragt werden. Gerade eben zum Beispiel. Voller Vorfreude beschleunigte er auf den letzten Metern noch seine Schritte um Janik schneller nahe zu sein. Kurze Begrüßung, ein Gespräch über den Glauben und zack, verstrickt ihn Janik in eine theologisch- kulturhistorische Grundlagen Diskussion, beziehungsweise hält er ihm einen Vortrag. Nervig, doch er äußerst seinen Unmut nicht. Wieder hört er Janiks Stimme:

„Die Vision von Christus geht auf die alten Griechen zurück. Blasphemie – nun, aber richtig. Des Kaisers neue Kleider radikal, verstehst du? Die Grippe als ägyptisches Vorbild. Kannst du dir das vorstellen?“

Tom versteht überhaupt nichts, die Vorstellungskraft reicht nicht und er nickt. Daraufhin erklärt Janik Thomas die Bibel.

„Mensch Janik, du hast so ein großes Wissen, wenn du formulierst, schriftlich, wie mündlich ist das klasse – du musst was veröffentlichen.“

Thomas ließ seiner Begeisterung, die er tatsächlich empfand, freien Lauf. Sein Freund fühlte sich geehrt. Verschwörerisch beugte er sich vor. Blickte nach links und rechts, legte den Zeigefinger auf die Lippen und sprach in geheimnisvollen Worten:

„Kann er denn ein Geheimnis bewahren – wenn ich ihm sage ich schreibe an etwas ganz Großem?“

Groß waren bei Thomas Kleinobst nun die Augen.

„Wirklich?“

„Klar, es wird ein Roman über das Leben, über die ganze Welt, das geballte universelle Wissen komprimiert in einigen Lebensweisheiten- nur noch nicht spruchreif, also, pssst.“

Und Herr Räzznaton legte wiederrum den Zeigefinger seiner linken Hand auf die verschlossenen Lippen und schaute ernst.

Beide waren so vertieft in das Gesagte. Sie bemerkten nicht den alten Mann am Nebentisch, der mit einer unverhohlenen Neugierde dem Geständnis lauschte. An dem rustikalen Holztisch waren die beiden nur sich selbst gewahr.

Alsbald schwadronierten die Freunde über die Paradoxien des Lebens und Tom verwandelte sich vom Zuhörer und Stichwortgeber zum gleichberechtigten Diskussionspartner.

„Was machen wir denn jetzt?“

Thomas, dem die Gespräche nun nicht mehr kurzweilig genug waren und der gerne noch etwas erleben wollte, stellte diese Frage.

„Das Leben spüren, hautnah, natürlich. Komm trink´ aus, wir gehen ins Nanunana.“

„Das ist doch eine Rockerkneipe!“ Thomas versuchte sich die Verschüchterung in seinen Worten, wie seiner gesamten Haltung, nicht anmerken zu lassen.

„Die tollsten Frauen stehen auf die widerwärtigsten Typen. Dann gucken wir halt ein wenig in die Höhle des Löwen – was? Brüllen können wir schon!“, kam es feixend und voller Tatendrang.

Thomas war sich nicht sicher, doch Janik gab der Bedienung einen Wink, zahlte schnell für beide und ehe er es sich versah, stand er mit seinem Freund vor der Tür.

Es schneite gewaltig. Wobei eine fast schon brachiale Naturgewalt, die Flocken in einer solch großen Anzahl tanzen ließ, dass dies Schauspiel beide überraschte und faszinierte. Janik knuffte Tom in die Seite und beschleunigte seinen Schritt. Beide verschwanden im Schneegestöber.

Bereits nach einer Minute war von beiden nur noch Silhouetten mit den Händen in den Manteltaschen erkennbar. Und tatsächlich trat ein vom Leben gebeugter Mann aus der Gastwirtschaft beiden nachschauend. Schatten mit zusammengekniffenen Augen erkennend.

Schnell verschwanden die Schemen aus dem Blick. Die Arme mit den behandschuhten Händen am Körper verschränkt blieb Camuzzi stehen, spürte der Witterung nach, welche das Gespräch der beiden bei ihm ausgelöst hatte.

Leben, sie wollte leben. Dieses Wunderbare erleben, spüren! Auf Singer-Songwriter-Konzert gehen, lesen, reisen, mit Freunden philosophieren. Sich engagieren, Gutes tun. In die Wolken und in die Sterne gucken, lieben und geliebt werden. Närrisch sein, bei Regen in einen Brunnen springen – all das wollte sie und noch viel mehr. Sie sein, genauestens, bis ins kleinste Detail, war Melanie im Stande zu formulieren was sie wollte, was das Leben ihr geben sollte. Häufig schimpfte Luisanne, schallte sie eine einfältige Träumerin und gab ihr zu bedenken mehr dem Realismus zu frönen. Melanie ärgerte sich über solche Äußerungen, umso mehr, dies von ihrer Schwester zu hören.

Trunken sein, traumberauscht vom Leben und in dem Gefühl der Liebe und Freude wollte sie gerne wandeln. Die praktische Umsetzung gelang selten. Viele Menschen sahen die Dinge so komplett anders als sie und diese bedrückend düstere Schwere des Seins ließ sie schon mal am Leben, an ihren Ansprüchen zweifeln.

Schnell machte sich Melanie nun zurecht. Sie beeilte sich noch mehr, da die Überlegungen ihre Vorbereitungen zum Ausgehen verzögerten. Gleich musste sie in der Waldmade sein. Dort hatte sie sich mit Maike verabredet. Richtig warm wurde ihr beim Gedanken an ihre Freundin, die sie viel zu selten traf. Maike besaß alles was ihr fehlte: Selbstbewusstsein, die richtige Einstellung, einen unerschütterlichen Glauben an sich selbst und ein herausragendes Wissen in spirituellen Zusammenhängen. Bei Maike funktionierte das Leben. Sie führte eines, welches Melanie im Grunde gerne leben würde. Am großen Spiegel im Flur der WG, in der sie einzog, als ihre Ausbildung begann, richtete sie ihre Haare und blickte kritisch auf ihre Erscheinung. Dann nahm sie den alten roten, ihr liebgewordenen, Wintermantel und entschwand schnellen Schrittes durch den langen Flur. Hinter ihr krachte die Haustür mit lautem Geräusch ins Schloss.

Nanunana

In riesigen Lettern prangte die Schrift knallbunt in die Weite. Jeder Buchstabe in einer anderen Farbe. Thomas verlangsamte seine Gehgeschwindigkeit einige Zeit bevor beide die rohe Fassade erreichten. Janiks Faust umfasste bereits den Türknauf. Ohne sich umzublicken marschierte er hinein. Tom spürte eine große Übelkeit und musste sich überwinden. Unsicher trottete er hinterher. Janik Räzznaton wandelte sicher umher und nahm direkt Kurs auf einen Flipperautomaten an dem eine großbusige Blondine ekstatische Verrenkungen zur Schau stellte.

Zigarettenrauchschwaden zogen wie leblose Geister durch den Raum. Dieser geräumige Saal, einzig durch stählerne Pfeiler getrennt, dazu in diffusem Licht getaucht, sorgte für eine bedrohliche Atmosphäre. Die Inneneinrichtung aus Holz und Stahl vermochte die unangenehmen Empfindungen nicht zum Positiven zu ändern.

Furchteinflößend wirkten zudem die Ketten, die schwer von der Decke hingen. Nichts für zarte Gemüter. Thomas schlich Janik nach und gesellte sich scheu dazu. Derweil hatte sein Freund bereits ein Gespräch mit der drallen Blondine begonnen.

„Na Highscore?“

„Nee, aber nah dran.“,

kam es undeutlich mit einer Kippe im Mund von der Flipperspielerin zurück.

„Mh“

Janik schaute mit Flipperkennerblick. Dafür bekam er ein Kippenmädchenlächeln.

Thomas wurde ein bisschen sauer. Wie doof sind denn die Leut´, dachte er und meinen tat er die Frauen. Wie leicht lässt die sich doch anmachen– Aggressivität stieg in ihm hoch. Sein Anteil an dem Ärger blieb unerkannt.

Schließlich turtelten die beiden regelrecht. Thomas, dem aufgrund des genauen Studiums des bedrohlichen Umfelds, ziemlich bange wurde, nahm mehr und mehr eine salzsäurehaltige Erstarrungshaltung an.

Plötzlich ein Stoß von Janik.

„Komm schnell weg!“

Einige Rocker formierten sich. Das Ziel der grauen erregenden Aggression waren unverkennbar die beiden.

Janik rannte los, Tom schloss sich an und im Nu die scheinbar auf Radau programmierten Männer hinterher.

„Renn!“

Aus Leibeskräften ein Schrei. Und obschon gut gemeint, verursachte dieser beim Empfänger eine wilde, böse Angst.