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Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben! Andreas reist zusammen mit Freundin Kendra und ist normalerweise ein tiefenentspannter Typ. Jetzt ist er sich ganz sicher, dass er den Nächsten, der obigen Satz von sich gibt, ungespitzt in den Boden rammen wird. Und der ist hart. Betonhart sozusagen. So, wie Wartehallen in Flughäfen sind. Belinda, die schwerbehinderte Contergan-Frau, ergibt sich klaglos den Mühen und Strapazen dieser Reise. Sie beamt sich gedanklich einfach ganz weit fort. Kann sie so das Verhalten ihrer Tochter Maja ausblenden? Die 189 Passagiere des regulär siebenstündigen Flugs auf die Kapverden haben mittlerweile einiges erlebt, eine ungeplante Zwischenlandung mit Übernachtung auf Teneriffa inklusive. Ben wird diese Nacht allerdings in besonders erregender Erinnerung behalten. Er beobachtet seine Verlobte Josie, die sich gerade bereitwillig von Surfer Felix betatschen lässt. Dessen Freundin Lily erkundet derweil intensiv seinen eigenen Oberschenkel. Heiß! Karl, den man getrost als urdeutsche Eiche bezeichnen kann, reibt sich nur noch verwundert die Augen. Was, in aller Welt, ist bloß aus den deutschen Tugenden geworden?! Der selbst an Tag zwei noch munter aufrecht erhaltene Optimismus von Seniorin Susanne kann deren Ehemann Matthias nicht mehr davon ablenken, dass die Reise einen gänzlich anderen Verlauf nimmt als geplant.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Personen
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben…
Andreas, ein 40-jähriger Broker, verreist zusammen mit seiner Freundin Kendra. Normalerweise ist er ein tiefenentspannter Typ. Jetzt aber ist er sich ganz sicher, dass er den Nächsten, der obigen Satz von sich gibt, ungespitzt in den Boden rammen wird. Und der ist hart. Betonhart sozusagen. So, wie Wartehallen in Flughäfen gemeinhin sind.
Belinda, die schwerbehinderte Contergan-Frau, ergibt sich klaglos den Mühen und Strapazen dieser Reise. Sie beamt sich gedanklich ganz weit fort. Kann sie so das Verhalten ihrer 23-jährigen Tochter Maja ausblenden?
Die 189 Passagiere des regulär siebenstündigen Flugs auf die Kapverden haben mittlerweile einiges erlebt, eine ungeplante Zwischenlandung mit Übernachtung auf Teneriffa inklusive.
Ben, 31 Jahre alter Privatdozent, wird diese Nacht allerdings in besonders erregender Erinnerung behalten. Er beobachtet seine Verlobte Josie, die sich gerade bereitwillig von Surfer Felix betatschen lässt. Dessen Freundin Lily erkundet derweil intensiv seinen eigenen Oberschenkel. Heiß!
Pensionär Karl, 67, den man getrost als urdeutsche Eiche bezeichnen kann, reibt sich verwundert die Augen. Was, in aller Welt, ist bloß aus den deutschen Tugenden geworden?!
Der selbst an Tag zwei noch munter aufrecht erhaltene Optimismus von Seniorin Susanne kann deren Ehemann Matthias nicht mehr davon ablenken, dass die Reise einen gänzlich anderen Verlauf nimmt als geplant…
Im Mittelpunkt von Christina Göttes Leben stehen die Pferde. Schöne Reisen schließt das allerdings nicht aus. Die gebürtige Münchnerin wohnt mit ihrer Familie in der Nähe der schönen Nordsee. Dies ist ihr sechster Roman.
Näheres unterwww.pferde-kunst-chris.de
Für MamaDeine Stärke: die Hartnäckigkeit eines Jack Russell-Terriers!
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben…
1. Vorbereitung auf den Urlaub
2. Check-in
3. Boarding completed!
4. Warten am Gate
5. Flug nach Teneriffa
6. Ankunft auf Teneriffa
7. Gepäckausgabe Teneriffa Sud
8. Hotel - Ankunft in Puerto
9. Hotel - der Vormittag
10. Flughafen Teneriffa
11. Flug nach Sal
11. Flughafen Sal
12. Hotel Sal
13. Hotel Sal - früher Morgen
14. Flughafen Sal
15. Epilog
Nachwort
Kendra und Andreas
»Schaa-aatz?« Kendras helle Stimme tönte vom Esszimmer im Erdgeschoss mühelos hoch bis ins nüchtern eingerichtete Arbeitszimmer von Andreas. Außer den grau lasierten Vollholzmöbeln, die auf einem Dielenboden aus Esche standen, gab es dort immerhin noch zwei Gemälde moderner Kunst und drei Grünpflanzen.
Der 40-Jährige war gerade damit beschäftigt, seine Listen für den heutigen Mittwoch abzuarbeiten. Schließlich waren es nur noch dreizehn Tage bis zum Abflug in den langersehnten Urlaub.
»Hm?«, brummte er denn auch entsprechend missmutig, aus seinen Grübeleien und Überlegungen herausgerissen.
»Hast du mich gehört?! Schatz!« Unverkennbarer Nachdruck lag in ihrer Stimme.
»Ja-ha. Was gibt es denn?« Seine Stimme klang ganz, aber nur ganz leicht gereizt. Erzieherisch sozusagen.
Er hörte ihre Schuhe auf der Treppe klackern. Hastig, eilend, wie er für sich konstatierte. Schon kam sie ins Zimmer gestürzt, etwas außer Atem.
»Schatz, hör mal! Ist dir denn überhaupt bewusst, dass die Fluggesellschaft auf den Kapverden zuverlässig unzuverlässig ist?! Hab ich gerade rausgefunden!«
Theatralik pur.
Ganz Kendra, so wie sie leibte und lebte. Ihre Stimme vibrierte vor Erregung, ihr Mund, heute in einem kostbaren Himbeerrosa betont, kräuselte sich vor Anspannung zu einem erwartungsvollen Lächeln, während sie bedeutungsvoll ihr Handy hin- und herschwenkte.
»Was denn jetzt? Zuverlässig oder unzuverlässig?«
Eigentlich wollte Andreas sich gar nicht mit diesem Thema beschäftigen. Er wollte Urlaub. Genauer gesagt: einen vierwöchigen Traumurlaub! Immerhin war es der erste seit über fünf Jahren. In dieser Zeit war er als Selbständiger im Finanzsektor gefordert gewesen. Bis zum Allerletzten. Das hatte sich aber auch im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt gemacht.
»Wie ich schon sagte: zuverlässig unzuverlässig! Ist das jetzt so schwer zu verstehen?«
Die mit 33 Jahren deutlich jüngere Kendra war überschäumend in ihrem Temperament, ständig quirlig, ständig - anstrengend? Andreas unterdrückte ein Aufseufzen. Immerhin war er nun über vier Jahre mit diesem Luxusweibchen liiert. Meistens wirkte ihr Charakter auf ihn stimulierend. Das konnte er als Fels in der Brandung schon ganz gut gebrauchen. Meistens. Allerdings mit Pausen. Miteinander wohnen ging jedenfalls nicht. Die Wochenenden verbrachten sie in der Regel, aber durchaus nicht immer, gemeinsam. Unter der Woche sahen sie sich eher sporadisch. Andreas war schon gespannt, wie das mit dem Urlaub klappen würde. Soviel Zeit hatten sie bisher noch nie Seite an Seite verbracht, denn manchmal war er von Kendras Oberflächlichkeit genervt. Andererseits war sie die perfekte Begleiterin bei seinen vielen sozialen Terminen mit Kunden und Geschäftspartnern.
»Ich formuliere deine Aussage mal eben um: Es ist davon auszugehen, dass wir Probleme bei unseren Flügen auf dem Archipel haben. Willst du mir das mitteilen?«
Andreas’ Augenbrauen waren nach oben gerutscht, er betrachtete seine Freundin wie ein gerade eben entdecktes, bislang unbekanntes Wesen. Ungewollt schob sich ein Lächeln auf seine vollen Lippen. Er war stolz darauf, sich so ein Prachtweib leisten zu können.
Braune, gewellte Haare im Pagenschnitt umrahmten ein klassisches Profil mit feiner Haut. Ihre tiefbraunen Augen waren riesig, wie die eines erstaunten Rehkitzes. Gekleidet war sie nach der neuesten Mode, natürlich von angesagten Designern. Natürlich bezahlt von seinem Geld. Unter anderem aus der edlen Bremer Boutique, in der sie arbeitete und in der er sie - damals noch mit seiner Ex - kennengelernt hatte. Letztere hatte ihm beim Bezahlen vor aller Augen lautstark mangelnden Geschmack vorgeworfen, eine hässliche Szene gemacht und ihn an Ort und Stelle abserviert. Die Beziehung hatte ohnehin in der Endphase gelegen, wie Andreas sehr wohl wusste. Er hatte nur noch nicht den Notausgang entdeckt. Nun war ihm seine Partnerin zuvorgekommen, was ihn einerseits immens erleichtert hatte, musste er doch nun nicht selbst tätig werden. Andererseits hatte es ihn der öffentlichen Theatralik wegen beschämt. Kendra hatte während des Streits einen nachdenklichen Blick auf den noch immer geöffneten, prall gefüllten und mit goldenen Kreditkarten überquellenden Geldbeutel von Andreas geworfen, die Situation weitsichtig abgecheckt, sich ein Herz gefasst und ihn, nachdem die Tür lautstark scheppernd hinter seiner Ex zugefallen war, intensiv getröstet. Erst im Laden. Dann in einem Nobel-Restaurant. Anschließend in ihrem Bett. Seitdem waren sie ein Paar. Wenig später war Kendra umgezogen, in ein geräumiges Luxusappartement am Ufer der Weser. Andreas hatte kurzerhand eine passende Unterkunft für seine weiteren Aufenthalte in Bremen gekauft.
Gerade stöhnte Kendra gequält auf und riss ihn aus seinen Gedanken. »Hab ich mich so unverständlich ausgedrückt? - Ja! Genau das meine ich!«
»Mh. Und was sollen wir nun deiner Meinung nach machen?« Der Broker fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht, strich die dichten, braunen Haare zurück. Irgendwo im Hinterkopf drängte sich still, aber beharrlich seine Arbeitsliste nach vorne.
»Das wollte ich dich gerade fragen! Was machen wir denn jetzt?« Sie tanzte vor seiner Nase auf und ab. Ihm wurde fast schwindelig.
»Meinst du, wir können jetzt und von hier aus etwas daran ändern?« Seine Stimme klang gelangweilt bis genervt, während er kurz einen sehnsüchtigen Blick zu seinem Bildschirm warf.
»Wahrscheinlich nicht?« Kendra berührte ihn sanft an der Schulter, um seine Aufmerksamkeit zurückzuerlangen.
Es gelang ihr mühelos. Wie ein Kind, das sich etwas erbetteln möchte, schlug sie nun die Augen nieder, um sie anschließend mit leicht flatternden Wimpern wieder zu öffnen. Sie schmachtete ihn an.
»Aha. Und nun?« Innerlich begann Andreas zu grinsen, ließ das aber nicht nach außen vordringen. Er wollte nur allzu gerne wissen, wie es weiterging. Kendra überraschte ihn immer wieder aufs Neue.
»Nun weißt du zumindest schon mal Bescheid! Nicht, dass du dich umsonst freust! Und plötzlich stranden wir irgendwo im Nirgendwo! Ganz ungeplant!«
Sie schloss ihre Arme vor den gut bestückten Brüsten, die von einem eng anliegenden, fliederfarbenen Kaschmirpullover bestens ins rechte Licht gerückt wurden. Demonstrativ trat sie ans Fenster und blickte in den gepflegten Garten hinunter, der ein imposantes Haus im Bremerhavener Stadtteil Wulsdorf umrahmte. Ein Erbe seiner Eltern. Gerade stäubte Regen vom grauen Himmel, wie schon die letzten Tage, lief in schmalen Rinnsalen am Fenster herab, verwandelte die Rasenflächen in triste Seen.
»Schon recht. Schaue ich mir nochmal genauer an.« Andreas räusperte sich. Mit einer abwiegelnden Bewegung fügte er hinzu: »Auf die Kapverden kommen wir schließlich von Berlin aus. Ein Direktflug. Mit einer deutschen Airline. Da kann nicht viel schiefgehen!«
Kendra wandte sich von den trüben Aussichten im Garten ab und strahlte ihn an. »Stimmt! Da hast du recht! Da kann nicht viel schiefgehen!«
»Von Bremen aus fahren wir mit dem Auto!« Er vertraute seinem BMW X5. Und den deutschen Autobahnen. Zumindest zur angepeilten Abfahrtszeit mit ausreichend ›Vorsichtshalber-Puffer‹.
Seine Freundin setzte derweil ihre Überlegungen fort. »Wenn ich nur daran denke, wie lange Tanja und Hardy letztens von uns aus mit der Bahn nach Gunzenhausen gebraucht haben! Vierzehn Stunden von Bremerhaven! Inklusive Übernachtung mitten auf dem Nürnberger Hauptbahnhof! Sogar mit Polizeischutz - da kann man doch nicht zur Ruhe kommen! Typisch Bahn! Unfassbar…«
Andreas drehte sich abrupt weg von ihr, hin zu seinem Computer. Das Thema war erledigt für ihn.
»Genau deswegen fahren wir ja auch frühmorgens los, wenn wir zum Flughafen wollen. Nur zur Sicherheit. Wir wollen schließlich pünktlich auf den Kapverden ankommen!«
Kendra verstand. Sie zog sich zurück ins Wohnzimmer, um noch ein wenig in der neuesten Ausgabe von ›Madame‹ zu lesen und so die Zeit bis zum gemeinsamen Dinner in einem angesagten Bremer Restaurant, in das sie später fahren würden, zu überbrücken.
Josie und Ben
»Ein Visum brauchen wir auf die Kapverden ja nicht, oder?«
Auf die mit kindlicher Färbung gestellte Frage antwortete eine tiefe Stimme. »Nein, das Reisebüro hat gesagt, dass wir für unsere sieben Tage auf Sal nur das EASE-Verfahren benötigen. Und das habe ich gestern mit der Dame vom Reisecenter ausgefüllt. Wir hätten dafür noch etwas Zeit…«
»…aber was wir haben, das haben wir!« Vergnügt strahlte Josie ihren Beinahe-Fast-Ehemann Ben an.
Der 31-Jährige lümmelte mit der neuesten Ausgabe des Golfmagazins auf dem Sofa vor dem Kamin. Jetzt im grauen November freute er sich umso mehr auf ihr neues, ihnen bislang unbekanntes Reiseziel: Die Insel Sal mit dem erst zwei Jahre jungen Golfplatz lockte ihn mit Macht! Denn die praktischerweise vor der eigenen Haustür gelegene Anlage versank gerade in Regen, Matsch und Nebelschwaden.
»Weißt du was? In nur noch zehn Tagen fliegen wir schon! Du zum Golfen - und ich zum Wellnessen! Yeah!« Josie, eine Office-Managerin bei einem Mittelstands-Unternehmen in Braunschweig, dehnte und reckte sich provozierend vor den züngelnden Flammen im Kamin.
»Haben wir uns auch verdient!« Dieses Statement kam aus tiefstem Herzen. Ben war Dozent an einer Privatschule und gab zusätzlich Nachhilfeunterricht. Ein nicht immer erfreulicher, dafür aber gut bezahlter und verlässlicher Job mit angenehmen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Mit seinen 1,85 Metern Größe, einem leichten Bauchansatz bei 83 Kilo und dem Basston seiner Stimme konnte er Schüler sowohl beruhigen als auch in helle Angst versetzen. Letzteres kam allerdings eher selten vor.
»Schade, dass wir nur eine Woche haben!«, seufzte Josie nun. »Aber ich habe trotz meiner vielen Überstunden einfach keinen Resturlaub mehr…«
Neckisch schob sie ihren nackten Unterschenkel über Bens mit einem gestärkten Hemd bekleideten Arm. Ihr ohnehin schon kurzer Rock glitt nach oben, gab weitere Haut frei.
Ein wenig von den Aussichten abgelenkt antwortete Ben denn auch nur halbherzig mit einem »Hmmm…«
Bevor er jedoch handgreiflich werden konnte, zog Josie blitzschnell ihr ausgesprochen ansehnliches Bein zurück. Dessen Bräune zeugte von häufigen Aufenthalten in der Sonne. In der südlichen Sonne, um genau zu sein. Josie nutzte ihren Urlaub und die vielen Überstunden im Sekretariat ausschließlich für Trips ins Warme. Ein anderes Hobby kannte sie nicht. Die zahlreichen hellen Strähnchen in ihrem blonden langen Haar, sorgfältig vom besten Friseur der Gegend gepflegt, unterstrichen ihren Teint.
Nun zwinkerte sie ihm anzüglich zu. »Erst die Pflicht!«, gurrte sie mit laszivem Augenaufschlag.
»Was meinst du?« Sichtlich irritiert ließ Ben die Zeitschrift gänzlich sinken und richtete sich halb auf.
Sein Blick blieb im Ausschnitt von Josies eng geschnittenem Pullover hängen, den sie gerade angelegentlich noch ein wenig tiefer herabzog. Er hätte durchaus nichts dagegen, sich jetzt ablenken zu lassen.
»Na - vielleicht sollten wir alles nochmal durchgehen? Checken, ob wir auch nichts vergessen haben? Zum Beispiel deine Schläger? Die dafür passende Tasche?«
»Alles schon gepackt und parat! Seit letzter Woche läuft bei dem Dauerregen mit Golfen eh nichts mehr. Und du?«
Ein glockenhelles Lachen antwortete ihm. »Ich muss nur meinen wunderschönen Körper mitnehmen. Keine Zusatzausrüstung nötig!« Sie strich sich mit der Zungenspitze über die dunkelrot leuchtenden Lippen.
»Bis auf die Unmengen an Klamotten…« Er konnte nicht anders. Doch er grinste bei diesen Worten.
»Wenigstens hast du genug an Kilos fürs Gepäck gebucht! Ich muss mich ja auch kleiden können…«
»Joah. Morgens die Shorts. Mittags den Mini. Abends die Ausgehkleidung. Keinen einzigen Tag womöglich noch das Gleiche…«
»Und für den Sport. Hast du ganz vergessen!« Ein Zeigefinger drohte wackelnd vor seiner Nase.
»Aah! Du willst Sport machen?« Ernsthaft interessiert musterte Ben seine Freundin, an der er diesen Zug in den letzten drei Jahren, seit sie sich über ein Dating-Portal kennengelernt hatten, noch nicht wahrgenommen hatte.
Mit ihren 1,66 Metern Länge bei 55 Kilo zeigte sie eine super Figur, das musste man ihr lassen! Allerdings lag das eher am steten Entzug von allen nahrhaften Dingen. Dauerdiät, sozusagen. Auf diese Weise hatte sie mit ihren 27 Jahren nach wie vor die Figur und auch die Kleidergröße einer 18-Jährigen. Mit den sexuellen Bedürfnissen von zehn 30- Jährigen. Ben brachte das regelmäßig um den Verstand.
»Ja klar! Ich muss doch schließlich diese traumhafte Poollandschaft von unserem Hotel nutzen!« Mit blitzenden Augen stemmte Josie ihre Hände in die schmalen Hüften, die sie direkt vor seinen Augen provozierend kreisen ließ.
»Stimmt! Ja! Der neue Bikini, der letzte Woche kam…«
Jetzt wusste Ben, wohin der Hase lief. Er grinste, während er ihre bewegliche Silhouette vor dem flackernden Kamin musterte. Begierde glomm in ihm auf, flutete seine Lenden. Er spürte, wie es eng in seiner schwarzen Jeans wurde.
»Die neuen Bikinis«, verbesserte Josie mit treuherzigem Augenaufschlag schnell. Sie wusste genau, wie sie sich vor ihm in Pose zu bringen hatte. Praktizierte es, wann immer sie etwas durchsetzen wollte. Also - ausgesprochen häufig. »Die Sandalen. Den Überwurf. Naja. Die Überwürfe. Halt passend zu jedem Bikini…«
Ein Stöhnen unterbrach ihre Aufzählung, die sie mit leuchtenden Augen an ihren perfekt manikürten Fingern mit den erotisch langen Fingernägeln ablas. Das Kaminfeuer im Hintergrund ließ deren kirschrote Farbe und die darauf verteilten Straßsteinchen funkeln.
»Hab ich verstanden! Okay. Aber ernsthaft - wir sind doch nur sieben Tage unterwegs. Willst du wirklich so viel mitnehmen?«
Ben stand schon der Schweiß auf der Stirn, wenn er nur daran dachte. Seine Erregung ließ schlagartig nach. Schließlich wurde ihm gerade bewusst, welcher Kavalier die dreißig Kilo Gepäck, die Josie offensichtlich und definitiv auszureizen gedachte, schleppen durfte. Allein seine Golfausrüstung wog bereits über fünfundzwanzig Kilo. Eigentlich hatte er noch etwas von seinen Kleidungsstücken in Josies Koffer unterbringen wollen. Eigentlich…
»YES!!! Natürlich möchte ich! Ich muss meine ganzen Neuerwerbungen schließlich einweihen! Und ausführen! Wer weiß, wann sich so eine Gelegenheit wieder ergibt!«
»Hm. Bei unseren fünf, sechs Urlauben pro Jahr vermutlich nicht mehr so schnell…«, brummte er.
Josie überhörte bewusst den Sarkasmus in Bens Worten. »Siehst du! Genau das meine ich auch! Also…«
Erneut legte sie ihr Bein provozierend auf seinen Arm. Dabei beugte sie sich vor. Weit vor. Fasziniert starrte Ben in ihr Dekolleté. Seine Hand arbeitete sich zielstrebig auf Josies lockend gespreiztem Oberschenkel nach oben.
»Geht schon klar…«, krächzte er mit heiserer Stimme.
An die Unterbringung seiner Kleidungsstücke dachte er gar nicht mehr. Die Golfzeitschrift landete mit einem sanften Plopp auf dem weichen, sattgrünen Teppich.
»Na denn…« Mit dem zufriedenen Gesicht eines Sahne schleckenden Kätzchens ließ sie sich vor ihm nieder, um zielstrebig den Reißverschluss seiner Jeans zu öffnen.
Karl
Karl, ein bestens genährter Mann von 67 Jahren, zog einen Zettel aus einem akkurat aufgeschichteten Haufen. Mit gefurchter Stirn las er wiederholt die Einreisebestimmungen der Kapverden. Und genauso oft überprüfte er nun das Ablaufdatum seines Passes, der neben ihm lag. Der Personalausweis genügte nicht, denn er verließ die Europäische Union. Also musste es ein Reisepass sein, der zudem noch mindestens sechs Monate nach dem gebuchten Heimflug- Datum gültig war. Mit einem Seufzen strich er diesen Punkt von der Liste. Er hatte ihn oft genug gecheckt.
Zumindest für heute.
Morgen könnte er eine neue Liste ausdrucken. Wenn er es denn brauchte. Natürlich brauchte er das! Der Teufel liegt immer im Detail! Bei dem Gedanken fiel sein Blick auf den mittlerweile von durchgestrichenen Listen überquellenden Papierkorb und erinnerte ihn daran, rechtzeitig den Abfall für übermorgen rauszustellen. Am besten heute noch.
Mit diesem Vorsatz erhob er sich. Dabei fiel ihm ein, dass er auch noch Nachbarin Roswitha in die Pflege seiner Pflanzen einweisen musste. Schwer ließ er sich wieder auf den Bürostuhl fallen, der ein ungnädiges Knarzen von sich gab.
Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Diese Reise nach Boa Vista war wirklich aufregend für ihn! Was hatte ihn bloß geritten, ein so weit entferntes Ziel zu buchen! Sieben Stunden Flug, ab Berlin wohlgemerkt! Er hatte gerne etwas Zeitpuffer, und der Abflug um 12.05 Uhr bedeutete für ihn und seine hohen Sicherheitsansprüche, dass er am Vortag mit dem ICE aus Hamburg anreisen musste. Eine Übernachtung im Hotel am Flughafen war damit auch vonnöten. Ob sein Handgepäck dafür ausreichen würde? Nachdenklich kratzte er sich am Nacken. Auch der war mittlerweile feucht. Der pure Stress!
Aber genau deswegen machte er ja diese Reise! Um endlich dem selbst gemachten Stress zu entkommen! Er ging den Plan für seine Nachbarin durch. War alles genau genug erklärt? Seine Bromelien und vor allem die seltenen Exemplare seiner Orchideen benötigten eine sehr spezielle Pflege. - Doch! Ja! Überall auf dem Plan eindeutige Kästchen zum Abhaken. Gut so! Das würde selbst der Begriffsstutzigste verstehen! Also auch Roswitha…
Er erhob sich erneut, dieses Mal den Zettel für die Pflege seiner kostbaren Pflanzen in der Hand.
Zweifelnd blickte er auf den Papierkorb. Ob er ihn gleich auf dem Weg ausleeren sollte? Oder würde er aus Versehen auch den richtigen Plan dabei wegwerfen? Nein, entschied er, besser getrennt. Also erst einmal hinüber zu Roswitha. Dann den Papierkorb. Der konnte schließlich noch ein paar Minuten warten.
Karl griff sich die Regenjacke und lief entschlossen hinüber zur Hausnummer 23. Auf sein Klingeln passierte - nichts. Eine leichte Panik überkam ihn.
Roswitha war nicht da!
Das gab es doch gar nicht! Sonst war sie immer erreichbar! Seine Nachbarin ging nur zu festgesetzten Zeiten aus dem Haus, ähnlich wie er. Genau das machte sie ihm ja vertrauenswürdig! Und nun - das!
Er spürte, wie seine Atmung, sein Herzschlag schneller wurden. Konnte, durfte er dieser Frau nach diesem Vertrauensbruch noch seine geliebten Pflanzen überantworten?!?
Die Feuchtigkeit auf seiner Stirn stammte nun nicht mehr nur vom Nieselregen, der dumpf und beständig in typischer Küstenmanier auf ihn herabstäubte. Doch noch bevor er sich abwenden konnte, öffnete sich die Tür und Roswitha erschien darin, ebenfalls außer Atem.
»Karl! Ja, was machst du denn heute schon hier?« Ihr Blick war auf den unvermeidlichen Plan gefallen, den ihr Nachbar in einer Hülle geschützt halb unter der Jacke trug. »Dein Flug geht doch erst in vier Tagen, oder nicht?«
Verwirrt betrachtete sie ihn, während sie gleichzeitig das beruhigende Ploppen der herabfallenden Regentropfen wahrnahm. Dieses Geräusch erdete sie wieder.
»Ja. Äh. Doch. Aber - ich…« Er wurde nass und nasser.
»Nun komm doch man rein.« Roswitha machte Anstalten, ihren Nachbarn aus der grauen Feuchte ins Warme, Behagliche zu ziehen.
Instinktiv wich er einen Schritt zurück. Seine Augen wurden schmal. »Wieso hast du so lange gebraucht, um zu öffnen? Ich fürchtete schon, du wärst nicht da!«
Fehlte nur noch, dass er anklagend einen Finger auf sie richtete. Roswitha empörte sich nun doch, aller soeben erfolgten Erdung zum Trotz. »Na hör mal! Ich habe unten im Keller Wäsche aufgehängt, und ich bin nun nicht mehr die Schnellste! Dass ich früher Bezirksmeisterin in der Leichtathletik war, ist schon ein paar Tage her.«
Karl musterte den etwas aus der Form geratenen Körper seiner ergrauten Nachbarin. Nichts im Vergleich zu dem seinen mit gut hundertzehn Kilo. »Ah. Nun. Gut. Ich habe hier den Plan…«
»Willst du, dass er hier draußen nass wird?«
Mit schräggelegtem Kopf betrachtete Roswitha den Eigenbrötler, der mittlerweile seit über zwanzig Jahren neben ihr wohnte. Der also auch noch ihren Mann gekannt hatte, bevor dieser das Zeitliche gesegnet hatte. Sie seufzte bei dem Gedanken auf. Auch schon wieder vierzehn Jahre her!
Karl bezog das offensichtlich auf sich. Denn nun ging ein Ruck durch ihn, er nickte und schob sich an Roswitha vorbei ins Innere des wie üblich perfekt aufgeräumten kleinen Hauses, dessen Einrichtung noch aus den frühen Neunzigern stammte. Nach dem Aufhängen seiner leise tropfenden Jacke steuerte er umstandslos die Küche an, aus der der Duft frisch gebackenen Kuchens drang. Unwillkürlich leckte er sich über die vollen Lippen.
Roswitha, der das nicht entgangen war, grinste sich eins. »Wollen wir den Plan bei einem Schluck Kaffee besprechen?«, schlug sie milde gestimmt vor.
Essen ging immer bei Karl. Das machte alles einfacher. Und das wusste sie.
»Nun. Eigentlich habe ich… - ach, das ist eine gute Idee!« Mit diesen Worten ließ er sich auf den Holzstuhl am Küchentisch fallen. Auch dieser Stuhl war beeindruckt von Karls Gewicht und quietschte empört auf. Roswithas Augenbrauen schossen in die Höhe. Sie schwieg jedoch taktvoll, wartete gelassen ab.
»So. Hier also der Plan. Wie du siehst, habe ich dir alle anstehenden Arbeiten für jeden einzelnen Tag aufgeschrieben. Du musst es also nur genau so machen und dann abhaken.« Er schob ihr den Zettel samt Hülle hinüber und deutete darauf.
Roswitha warf einen flüchtigen Blick auf den Ausdruck. Alles tupfengleich wie immer. Jedes Jahr aufs Neue. Nichts, was es zu besprechen gäbe. Doch sie riss sich zusammen und beugte sich tiefer über die Liste. Diese Geste machte Karl glücklich und zufrieden, das wusste sie aus langjähriger Erfahrung. Warum also nicht? Sie wurde dadurch nicht ärmer, und Karl im Gegenzug entspannter. Ein kurzer Blick zu ihm hinüber bestärkte sie in ihrer Meinung: er strahlte sie an, machte sie nochmals auf das ein oder andere aufmerksam. Gehorsam nickte sie.
Schließlich meinte er: »Hör zu, bei dieser Reise bin ich nicht so einfach erreichbar. Du kannst mich also nicht mal eben anrufen, wenn du Fragen hast. Immerhin bin ich außerhalb der EU, in Afrika.«
Roswitha runzelte erstaunt die Stirn. Warum in aller Welt sollte sie den alten Gnatzkopf denn anrufen? Er war ja noch deutscher als ihr verstorbener Hans, Gott hab ihn selig. Und das war ihr schon zu viel gewesen.
Doch mit gewohnter Contenance antwortete sie sogleich: »Ja, da wird das Ganze teuer! Mit den vielen Gebühren…«
Sie überlegte. Ein Gedanke schoss durch ihren Kopf. »Hast du denn WLAN in deinem Hotel?«
»WLAN? - Ja, ich glaube, das habe ich gelesen. Aber warum?«
»Wir könnten über WhatsApp telefonieren. Ist dann kostenlos.« Sie sah seinen Blick und fügte schnell hinzu: »Nur, falls tatsächlich etwas Außergewöhnliches vorfallen sollte. Ansonsten schicke ich dir Fotos von deinen Pflanzen. Wenn du willst…«
»Joah. WhatsApp. So’n neumodischer Tüddelkram…«
»Ach komm schon, Karl, so alt bist du denn auch noch nicht! Soll ich dir beim Herunterladen helfen?«
»Krieg ich wohl gerade noch hin! War immerhin Techniker bei der Deutschen Post, bis ich vor vier Jahren in Frühpension gegangen bin!« Doch die Idee schien ihm besser zu gefallen, als es gerade eben noch den Anschein gehabt hatte.
Roswitha nickte verstehend, während sie zwei üppige Stücke von dem duftenden Apfel-Möhren-Vollkornkuchen auf Teller verteilte und das gewaltigere davon zu Karl hinüberschob. »Dann halte ich dich so auf dem Laufenden!«
Ihr Nachbar nickte zustimmend, zufrieden über seine nur dezent gesüßte Leckerei gebeugt.
Alles würde gut werden.
Immerhin flog er mit einer deutschen Fluglinie.
Susanne und Matthias
»Sanne! Wo genau sollen eigentlich unsere Klamotten hin?« Matthias, kurz Matze genannt, stand über zwei Koffer gebeugt und musterte stirnrunzelnd deren Inhalt.
»Brauchen wir doch kaum! Wir wohnen in unserer Kommune, so wie die letzten acht Jahre, und haben dort alles, was wir benötigen. Wenn uns was ausgeht oder dreckig wird, wasche ich einfach. Mensch, Matze, wir müssen doch dort nicht poussieren! Wen wollen wir in unserem Alter denn noch beeindrucken? Da sind doch die Kinder viel wichtiger als unsere albernen Klamotten!« Susanne tauchte irgendwo aus dem Nichts auf, wie so oft.
»Drei Satz Unterhosen wären schon ganz schön…«
»Die sollste gerne haben. Wenn’s nur nicht mehr wird…«
»Ernsthaft, Sanne! Ich will für eine Woche Unterhosen dabeihaben. Doch! Nu guck nicht so! Und fünf, sechs T- Shirts ebenso.«
»Bärchen! Du weißt genau, dass du für mich der Schönste bist! Immer! Du brauchst nicht so viel Wäsche dafür! Und ich krieg morgen noch ein bisschen was von der Gemeinde. Die Menschen auf den Kapverden sind so bitterarm! Vor allem die Kleinen auf Boa Vista! Da müssen wir einfach was für sie mitnehmen!«
»Du kannst ja gerne auf deine fünf oder sechs Unterhosen verzichten! Meinetwegen auf alles andere auch! Dann rennst du halt immer im gleichen Zeug herum. Hab ich kein Problem mit. Aber…« Der eher quadratisch gebaute, knapp 70-jährige Mann mit den grauen Haaren schien es dieses Mal tatsächlich ernst zu meinen.
»Ach Bärchen, jetzt sei doch nicht so selbstsüchtig! Wenn man dir so zuhört…« Susanne schüttelte bekümmert den Kopf und schmiegte sich an die leicht faltige Brust ihres Mannes.
Der seufzte tief auf. Und nahm sich vor, auf seiner Wäsche zu bestehen. Felsenfest! Sonst würde er in Zukunft nur noch das mitnehmen dürfen, was er am Leibe trug. Über vierzig Jahre Erfahrung mit dieser Frau machte schließlich klug.
Da fiel ihm jedoch etwas anderes auf. Er schob seine Angetraute ein Stück von sich, um sie genauer zu betrachten. Eine quirlige, immer positiv gestimmte Frau in seinem Alter, gleich klein. Allerdings trug sie statt seiner militärisch kurzen, grauen Haare einen Pagenschnitt bis auf Schulterhöhe und war zudem erheblich schlanker.
»Was hast du gesagt? Morgen kommt noch mehr?!« Diese Erkenntnis riss ihn endgültig aus seiner ihm innewohnenden Gelassenheit.
»Ja«, trällerte seine Holde, sich keinster Schuld bewusst. »Ich hatte Ingrid vom Rathaus erzählt, dass wir jedes Jahr ganz viel für die Kleinen auf Boa Vista mitnehmen. Und sie fand das so toll, dass sie sich über die Gemeinde beteiligen will. Das ist mega, oder?«
Matthias konnte den leuchtenden Augen seiner brünetten Holden ganz selten widerstehen. Doch heute - heute musste eine Ausnahme sein! Unbedingt!
Er räusperte sich. »Sanne! Mal ganz ruhig und besonnen. Meinst du ernsthaft, den Kleinen geht es besser, wenn wir nichts zum Anziehen haben? Sollen die uns die ganze Zeit über in den gleichen, miefigen«, er fing den vorwurfsvollen Blick seiner Frau auf und korrigierte sich schnell, »also gut, täglich frisch gewaschenen Klamotten sehen? Das macht auch bei denen keinen guten Eindruck!« Nachdrücklich schüttelte er den Kopf. »Komm schon, Sannchen, ein bisschen müssen wir da aussortieren! Wirklich! Geld ist übrigens erheblich leichter zu transportieren.«
Er griff unter Susannes Kinn und zog ihr Gesicht zu sich. Tränen standen in deren Augen.
»Aber wenn es dort doch nichts zu kaufen gibt…«, antwortete sie mit weinerlicher Stimme.
Er überdachte dieses Argument, beschloss, es zu ignorieren. Immerhin gab es auf Boa Vista Märkte mit - für europäische Verhältnisse - günstiger Ware. Sanft setzte er stattdessen nach: »Außerdem müssen wir allmählich fertig werden mit dem Packen! Morgen ist der letzte Tag, dann nehmen wir den ICE und fahren von Cottbus nach Berlin. Und du willst doch noch was vorkochen für übermorgen Abend, wenn wir in der Kommune ankommen, oder?«
Das Argument zog. Susanne atmete scharf ein und straffte ihre Schultern. »Ach herrjeh! Ja! Der Eintopf! Mensch, Matze, fast hätte ich den in der Gewichtsplanung vergessen! Ja, ich geh das Ganze nochmal durch… - Und das mit Ingrid krieg ich auch noch unter! Übermorgen sind wir schon auf Boa Vista! Hurra!«
Ihre Stimme verklang auf dem Weg in die Küche. Sie wollte nachsehen, ob auch alle Zutaten für den Eintopf da waren. Eventuell müsste sie doch noch schnell zum Metzger…
Matthias schüttelte den Kopf. Er gab auf.
Zumindest bei Susannes Gepäck.
Belinda und Maja
»Mama! Was machst du denn da?! Warum rufst du mich denn nicht einfach, wenn du ein Problem hast?«
Die dreiundzwanzigjährige Maja war in der Tür von Belindas Schlafzimmer aufgetaucht, während diese versuchte, ihren Koffer zu schließen. Keine einfache Aufgabe mit nur einem normal ausgebildeten Arm. Der rechte war deutlich verkürzt, quasi ein Finger, der aus einem Wulst an der Schulter herausragte. Eine Wirkung des Arzneimittels Contergan.
Eigentlich hatte dieses Schlafmittel nur Gutes bewirken sollen. Schnell hatte sich herausgestellt, dass der 1954 zufällig entdeckte Wirkstoff Thalidomid überdies schwangeren Frauen half, ihre morgendliche Übelkeit loszuwerden. Ein Renner! Bis man die deutlich ansteigende Zahl von abgehenden Föten und Missbildungen bei Babys mit dem eingesetzten Medikament in Verbindung gebracht hatte, waren einige Jahre vergangen. Ausgiebige Arzneimitteltests gab es damals noch nicht. Erst Ende November 1961 wurde Contergan verboten. In der Zwischenzeit war das beliebte Schlafmittel weltweit millionenfach verkauft worden. Allein in Deutschland hatten es mehr als fünf Millionen Menschen eingenommen. Leider auch Belindas Mutter. Sie hatte noch eine der letzten Schachteln erhalten und zur Gänze gegen ihre Schlaflosigkeit benutzt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht geahnt, dass sie schwanger war. Wie denn auch? Sie hatte keine morgendlichen Übelkeiten verspürt, und ihre Regel hatte den Namen ohnehin nicht verdient. Als ihre Tochter neun Monate später zur Welt gekommen war, war sie eine von heute noch 2.185 Menschen in Deutschland (Stand 2024), die mit ihren meist schwersten Behinderungen durch verkürzte Arme und/oder Beine leben müssen. Meist gehen diese zusätzlich mit verschobenen und oder missgebildeten inneren Organen einher, so auch bei Belinda.
Mit ihrer schleppenden, stets traurig klingenden Stimme antwortete diese nun: »Ach Schatz! Ich muss normalerweise auch ohne dich zurechtkommen. Sonst lebst du in Hamburg, und ich hier in Greetsiel. Ganz allein. Aber wenn du schon mal im Zimmer bist…«
Sie machte eine einladende Geste in Richtung des Koffers, der quer auf dem Bett lag und ziemlich überfüllt wirkte.
»Ja, jetzt bin ich da! Genau ein Zimmer weiter! Dann nimm meine Hilfe doch gefälligst in Anspruch! Ein einziger Ruf genügt schon!«
Mit einem wütenden Blick zu ihrer Mutter hin maß die gemischtrassige Maja die Situation ab. Lag da - mal wieder - ein Vorwurf in deren Worten? Kein Wunder, dass sie seit den zwei Tagen, die sie nun im Haus ihrer Mutter verbrachte, zunehmend geladen war. Einerseits wollte ihre Mutter selbständig sein, ihren schweren Behinderungen zum Trotz. Andererseits versuchte sie permanent, ihrer Tochter ein schlechtes Gewissen einzuflößen, weil sie nicht bei ihr wohnte. Oder wenigstens im Ort, in Rufweite. Das zumindest entsprach Majas Wahrnehmung. Mit der sie auch nicht falsch lag, denn Belinda war es von klein auf gewohnt, die Opferrolle einzunehmen und mit dem entsprechenden Verhalten ihre gesamte Umwelt zu manipulieren.
Mit einem Achselzucken versuchte Maja, die vermeintliche Spitze zu ignorieren. Stattdessen taxierte sie nun den Koffer. Ganz klar: das nachgiebige, weiche Bett würde nicht ausreichend Gegendruck zum Schließen des Koffers bieten. Mit einer fließenden Bewegung zog sie das Gepäckstück auf den Boden hinunter und nutzte ihre unter der Oberfläche brodelnde Wut dafür, den eigentlich übervollen Koffer zu schließen.
Sie richtete sich auf und strich zufrieden ihre Hände an den Jeans ab. »So! Fertig! War doch kein Drama!«
Belinda guckte zu Boden, als sie traurig seufzte. »Für dich nicht…«
»Mensch, Mama, jetzt freu dich doch lieber auf unseren wunderbaren Urlaub! Wir verbringen zwei Wochen auf den Kapverden! Auf Sal! Mit einem Direktflug! Da brauchen wir nicht mal umsteigen! Und wir sind jeden Tag zusammen!«
Innerlich fragte sich Maja allerdings, ob das wirklich eine so gute Idee war. Andererseits hatte sie durchaus nicht vor, ständig an der Seite ihrer Mutter zu kleben. Nun, zu den Mahlzeiten auf jeden Fall. Und nachts im gleichen Apartment. Das war doch schon löblich, oder etwa nicht?
Wie die meisten jungen Menschen schätzte Maja die Freiheiten des Erwachsenseins sehr. Vor allem, da ihre Mutter zu jenen Glucken zählte, die ihre Kinder nur ungern ziehen lassen. Was den Drang Majas allerdings ins Unendliche gesteigert hatte. Ein Journalistikstudium in Hamburg lieferte den perfekten Grund für eine ausreichende Distanz.
Und doch - da war immer dieses untergründige Schuldbewusstsein, von ihrer oft hilflosen und bisweilen depressiven Mutter perfekt getriggert. Emotionale Erpressbarkeit, das hatte ihr ein Freund, der Psychologie studierte, vor kurzem bei einem Bier erklärt. Daraus entstand diese leicht entflammbare Wut, die sich gegen alles und gegen jeden richtete. Zumindest, wenn Maja gerade mit ihrer Mutter zu tun hatte. In dieser Hinsicht schlug sie deutlich mehr nach ihrer kämpferischen Oma, die mittlerweile leider auch schon ein paar Jahre tot war.
Denn helfen, ja, helfen wollte sie ihrer Mama, die sich nur allzu gern in ihre Opferrolle flüchtete, auf jeden Fall. Wenn sie nur nicht das verflixte Gefühl hätte, Belinda würde es jedes Mal und sofort exzessiv ausnutzen…
Ihre Mutter musterte Maja unter heruntergeschlagenen Lidern. Man sah ihr die Spuren der vielen Schmerzmittel und Medikamente an, die sie einnehmen musste. Ihre Haut wirkte leicht gräulich, das Gewebe war aufgequollen. Schlagartig verspürte Maja wieder ihr schlechtes Gewissen, das ganz im Geheimen heftig mit ihrer Wut rang.
Langsam nickte Belinda. »Ja, mein Liebling, du hast recht. Wie immer… Ein Traumurlaub…« Sie seufzte erneut tief auf, wirkte wie das pure Gegenteil dessen, was sie gerade von sich gegeben hatte.
Maja trat einen Schritt auf sie zu und streichelte unerwartet sanft über deren Arm. Leise sagte sie: »Mama! Das wird so großartig! Das haben wir uns wirklich verdient! Vor allem natürlich du!«
»Wenn du meinst… - Na, wir werden es uns schon richten, nicht wahr?« Der Anflug eines Lächelns erschien auf Belindas aufgedunsenem Gesicht.
»Aber so was von! Das darfst du glauben!«
»Ein bisschen habe ich ja Angst vor dem langen Flug!«, gestand Majas Mutter mit erneut gesenkten Lidern. »Sieben Stunden… Und erstmal hinkommen nach Berlin! Da braucht man schon etwas Sitzfleisch…« Sie öffnete ihre trüben Augen wieder, um nachdenklich, aber auch liebevoll ihre Tochter zu betrachten.
»So etwas machst du nur einmal in deinem Leben! Papa wäre so was von stolz auf dich! Ein echtes Abenteuer! Und in zwei Stunden fahren wir los! Fantastisch, oder?« In Majas Stimme klang Jubel.
Immerhin musste sie als Betreuerin ihrer Mutter kein Geld zu diesem Urlaub beisteuern. Sie hatte sich allerdings lautstark darum gekümmert, einen satten Zuschuss vom Staat und der Grünenthal-Stiftung, dem Produzenten des unseligen Contergans, zu erhalten. Ein Einsatz, den sie allzu gerne geleistet hatte. Immerhin war erst vorletzten Sommer ihr Vater George, ein in Deutschland gebliebener afroamerikanischer Soldat, bei einem Autounfall gestorben. Die hundertprozentige Stütze ihrer Mutter. 2001 war aus einem zarten Flirt unter zwei von der Gesellschaft Ausgestoßenen plötzlich und höchst unerwartet ein Kind entstanden. Ob er nun als Fremdling in Deutschland blieb, oder aber als Fremdling in die ursprüngliche Heimat Texas zurückkehrte, machte für Majas Vater keinen großen Unterschied. Er hatte sich für Belinda entschieden. Und für sein Kind, das er über alles geliebt hatte.
Seit seinem Tod trug Maja die alleinige Verantwortung für ihre Mutter. Die sie soweit als möglich zu verteilen gedachte. Insbesondere an die schuldige Firma. Ein Traumurlaub war noch das Mindeste, was sie denen abzutrotzen gedachte.
»Ja, Liebling«, murmelte Belinda. »Gleich geht es los. Hoffentlich nur nicht zu viel Abenteuer…«
Karl
Sein Plan war aufgegangen.
Karl hatte eine - zugegeben - ziemlich schlaflose Nacht in Berlin, genauer gesagt, im Hotel gegenüber dem Abflugbereich verbracht. Ungefähr jede Stunde hatte er einen lauernden Blick auf die Uhr geworfen. Der Wecker sollte ihm ja keinen Strich durch die Rechnung machen! Und dann, lange vor dem ersten Morgengrauen, war er - seinem Alter und Gewicht zum Trotz - schwungvoll aus dem Bett gestiegen, um die Dusche zu nutzen. Ausgiebigst, denn er wusste ja nicht, ob und wieviel er auf den Kapverden duschen konnte. Schließlich herrschte dort eine massive Wasserknappheit. Wie wichtig Wasser für das Ökosystem ist, das wusste er von der diffizilen Pflege seiner anspruchsvollen Pflanzen gut genug. Entsprechend würde er sich einschränken, das hatte er sich fest vorgenommen.
