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FAST WAHRE ANEKDOTEN Geboren in der Kolchose des Sozialismus und hineingeworfen in die Wirren der Wendezeit. Auferstanden aus Ruinen als Lebensmotto und auch Erich im Herzen: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Karl Fellmer lebt in der Situation eines echten innerdeutschen Flüchtlingskindes, dass den Sozialismus im Herzen, aber den Kapitalismus vor Augen hat. Das macht es nicht immer leicht. Zu sehen was ist, was bleibt. Der Sinn verschwindet und findet sich wieder zwischen den Welten des Alten und des Neuen. Gute Worte zu finden, Träger der Wahrheit / Klarheit. Der Anspruch ist hoch. Das Leben schreibt seine Geschichten und diese wollen festgehalten und in Form gegossen werden. In dieser Sammlung finden sich 32 neue Geschichten und Gedankenbruchstücke.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2020
Try till you die.
Frühlingsgefühle
Analysis
Seniorentreff
Sperma im Waschbecken
Der große, weiße Mann und das Meer
Darmflora
Der Lebenstisch
Aus der Zeit
Verdrängung
#brokenkadett
Anstigram
Montauk
Regenwald
Beltbude
Dachboden
Ego
Melancholie des letzten Sommerabends
Radio Gaga
Alpträume
Neukölln
Tindern beim Urologen
Klostergedanken
Flachmann
Verliebte Tiere
Ralativitätstheorie II
Fischstäbchen
Heimat
Gewitterfliegen
Evolution
Dammwild
Moder
Zeit steht, Leben fließt
Outro
Robert Karl Fellmer, Jahrgang 1982
Obwohl es seine Vorzüge hat, ist er nicht der Großstadttyp.
Vielleicht eher ein Küstenkind.
Das wäre als Sternzeichen Krebs passend. Doch auch nach Dutzend Momenten in hippen Öko-Cafés und vielen Schwimmversuchen am Meer hat er keine Heimat gefunden.
Herr Fellmer ist eher in den Extremen zu Hause. Dualistisch ist das treffende Wort, aber nicht im Sinne von Dualseele, auch wenn sich jede Frau an seiner Seite so fühlen mag. Eher konträr ... Das letzte Jahr (des Raben) der Exzess, das Leben auf der Überholspur mit all seinen unverwechselbaren Höhen der weiblichen Darbietung hingebend.
Doch das Fallen aus solchen Höhen ist tief. Das warme Glas Milch mit Honig am Abend. Gemütlich, sicher, aufgefangen sein. Doch die Süße vergeht so schnell, wenn das Heroin der Sünde noch greifbar ist. Am Ende will niemand auf irgendeiner Seite stehen, denn Heroin löst sich nicht in Honig auf ...
und die Wahrheit, die ist Ansichtssache.
Laura Nele Dallmann, März 2020
Robert Karl Fellmer
Rugido del Leòn
März 2021
Valentinstag.
Der Tag startet gut.
Leere. Drei Stunden Schlaf. Meditativer Zustand.
Nach dem Sturm kommt die Ebbe im Kopf.
Wer immer das erleben möchte, dieses ruhige Paradies - er verzichtete auf Schlaf - gänzlich.
Der Entzug wirkt Wunder - überschreitet man den Punkt, an dem der Köper sich wehrt, erreicht man ein kleines Nirwana. Ich kann das beurteilen, war selber schon einmal da.
Es ist Februar und die Tage werden merklich länger. Statt 16 Uhr kriecht die Sonne langsamer in Ihr Bett am Horizont. Um 18 Uhr sind noch die letzten Sonnenstrahlen zu sehen und der Tag war einer der Wärmsten, seit ich mich an Temperaturen im Februar erinnern kann.
Alles wirkt leichter, die Menschen haben Ihr Winterkummerkleid ausgezogen. Natürlich sind viele getrieben diese Wärmephase nicht zu verpassen, aber es ist eine harmonische Hast.
Am gestrigen Morgen stand ich noch auf dem Balkon. Es schien alles so leicht mit der zärtlichen Brise im Gesicht. Versunken in alten Bildern blieb die Zeit stehen, bis das Polizeikommissariat mich wieder auf den Boden der kalten Tatsachen zurückholte.
Autos werden anscheinend auch an solchen Tagen aufgebrochen. Vielleicht hatten die lokalen Langfinger auch schon Frühlingsgefühle in sich gespürt und waren auf Einkaufstour gegangen.
Ich hatte den Sicherheitsgedanken noch im Kopf, als ich den Wagen verschloss und verstaute alles Wertvolle im Fußraum. Leider nicht tief genug, wie sich wenig später herausstellte. Dinge kommen abhanden, auch sehr wertvolle Dinge, aber in Kram verfiel ich dennoch nicht.
Einerseits: Selber Schuld, andererseits ist Loslassen eine Kunst, die das Leben leichter macht.
Wer versucht die Unendlichkeit festzuhalten, parkt sein Körperauto. Menschen sind mobile Wesen, die sich stets auf neue Situationen einstellen können. Um so schneller sie es tun umso besser.
Auf dem Weg zur Polizeistation laufe ich an der Methadonausgabestelle vorbei, die gleich ums Eck des Verbrechens liegt. Es ist kein Wunder, dass hier kriminelles Potenzial in exponentiell hoher Zahl vorhanden ist. Vor der Einrichtung tummeln sich verbrauchte Wesen, auf dem weiteren Weg kommen mir weitere leere Menschenhüllen entgegen. In was für einer Wohngegend bin ich hier nur gelandet.
Das Leid und der Schmerz der Junkies lässt sich aus der Nähe sehr deutlich zu spüren. Tiefschwarze Augen blicken mich an. Direkt daneben befindet sich ein Autohaus mit deutschen Luxuskarossen. Es ist ein Irrsinn, dieser Kontrast auf engstem Raum. Hier das personifizierte Nichts, dort der Überfluss.
Mein Schaden wird keine Versicherung übernehmen, die geschriebenen Worte unwiederbringlich verloren, das Telefon mit den Stimmen aus dem Jenseits, es ruht nun für immer.
Grausam, ja, aber recht, ehrlich, endlich, fast befreiend auf eine schmerzliche Art, wie jeder Abschied.
Neuanfang. Nächste Stufe.
Man braucht viel weniger als man denkt. Das was mir gestohlen wurde, wird den Dieb nicht weiter helfen, es lindert nur seine Sucht ein wenig.
Das Karma wird ihn einholen, egal wie schnell er ist.
Ruhe, Frieden, keine Aufregung. Da ist nichts außer Dankbarkeit für die Zeit, die mir gestohlen wurde.
Denn da, wo nichts mehr ist, kann wieder etwas erwachsen.
In der heutigen Zeit, in der jeder versucht innezuhalten, zu verbessern, zu optimieren, zu perfektionieren eine sympathische Herangehensweise.
Eine friedliche Reise.
Überhaupt sind die Menschen zu starr in Ihren Meinungen und Ansichten.
Mich eingeschlossen.
Es würde gut tun von Zeit zu Zeit die eigenen Scheiben einzuschlagen und sich selbst zu bestehlen um die Gedanken, die man im Fußraum seiner Seele versteckt hält und sonst all die Zeit wohlgehütet mich sich trägt.
Rot, grün, blau, gelb, so liegen sie vor mir und warten darauf endlich erlöst zu werden. Die Warmhalteschale performt das Nest perfekt. Weicher, warmer Sand bettet die inzwischen harten Dotter in Ihren Schalen, welch weich gekochte Symbolik. Die Eier (also eigentlich die süßen, kleinen Küken in Ihren Schalen) werden hier noch einmal dezent gebrütet. Ja, diese Wahrheit muss auch so deutlich gesagt werden.
Ich bemerke vier Mädchenaugen, die mich verstohlen anschauen. Ihrem ordentlichen Busenvorsatz nach zu urteilen, sind diese zwei Eierdiebe schon eine Weile keine Mädchen mehr. Gierig schielen sie auf den Speck vor mir direkt neben den Eiern. Ich mache Platz, mustere Ihren Schinken und stelle fest, da ist doch noch jede Menge Babyspeck.
Versaute Frühstücksbuffetgedanken.
Ausgelaugt von diesem Kükenmassaker verlasse ich den Frühstücksraum.
Ich bin müde, man könnte auch sagen übermüdet.
Weit nach Mitternacht noch fix ein paar Stunden Auto zu fahren und auf Schlaf zu verzichten - solche Ideen fühlen sich hinterher nicht immer optimal durchdacht an.
Mein Körper kriecht mit mir in den Tagungsraum des Hotels, in dem ich gerade arbeite. Dabei nehme ich zwei Damen mit, die durch ein kleines Fenster heimlich versuchen, das Innere der Räume auszukundschaften. Den Mut oder die Kraft die Tür einfach mal aufzusperren, verspüren beide anscheinen gerade nicht.
Es könnte ja eine Falle sein, vielleicht sogar eine Sprengfalle oder irgendein Alarm könnte losgehen. Deutsche leben gefährlich, vor allem hier an der Ostsee in diesem kleinen, malerischen Küstenort an diesem herrlichen Frühlingstag. Sie leben in ständiger Angst, besonders dann wenn der Entdeckerdrang frohlockt. Typisch menschliches Verhalten, insbesondere der älteren Generation. Die Neugier wurde aberzogen, Regeln und Gesetze hindern den inneren, kindlichen Erkundungstrieb.
Die beiden Angsthasen sind im Grunde genommen so etwas wie die erwachsene Version der jungen Schinken von eben. Mit dem Unterschied, das sich in diesem Fall schon die Speckstreifen des morgendlichen Frühstücksbuffets der letzten Jahre deutliche Spuren hinterlassen haben.
Es gibt hier im Grunde auch nichts zu erkunden. Da sind zwei leere Räume mit billigen Metallklappstühlen an den Wänden und Bierzeltgarnituren, die der Einfachheit halber als Konferenztische dienen. Nationale und internationale Weltkonzerne schicken Ihre Angestellten hier her, um sich fortzubilden.
Leistungssteigerungsmaßmen auf Holzklasseniveau. Vom Bordstein zur Skyline.
In diesem Ambiente wollte ich nach dem Kampf der letzten Nacht ein wenig Ruhe finden. Es ist aber noch zu kalt in dem Gemäuer und so entscheide ich mich dann für den kleinen Balkon, welcher vom Flur der Veranstaltungsräume Richtung Parkplatz hinaus geht und auf dem ich in der brütend, warmen Frühlingssonne sitzen und munter werden kann. Für einen Moment fühle ich mich nun selber für wie eines eben jener warmen Eier, dass den ursprünglichen Sinn der Existenz aus den Augen verloren hat und langsam vor sich hin gart. Es fehlt eigentlich nur noch, dass ich mich grün, blau oder rot anmale und mit meiner harten Schale ausharre, bis mich endlich jemand aufbricht.
Wie das Schicksal so will, lässt dann auch der potentielle Eierknacker nicht lange auf sich warten. Er ist jung, blond, männlich und hat ein Abiturbuch des Jahres 2019 unter den Armen.
Ob er sich dazu gesellen dürfe.
Seine direkte Frage blendet meine grauen Zellen.
Aber natürlich, komm mal ran mit deinem Schulbuch. So ganz alleine in der Sonne vor sich hin zu brüten macht auf Dauer ja auch nicht glücklich oder geschmacklich runder.
Nun ist mein Abitur gefühlt und wohl auch echte 20 Jahre her. Die mathematischen Formeln, die sich mein Gegenüber da gerade versucht in sein Hirn zu zementieren, habe ich auch mal gelernt, aber wie vieles andere nie wieder benötigt.
Wie viel von diesem unnützen Wissen saugt man eigentlich auf? Wie viel falsche Konformität ist in diesem System?
Welche Freiheit leben und erleben wir in einer Zeit, in der sich jeder doch eigentlich so entwickeln können sollte, wie er gedenkt?
An vielem hat sich in den letzten 20 Jahren nichts geändert und wenn nur auf eine unbedeutsame Art und Weise. In einer Zeit, in der die Automation den Alltag sukzessive übernimmt, werden da noch konforme und systemgetreue Geschöpfe benötigt? Wie lange ist das System von
Schule,
Arbeit,
Rente,
tot
weiterhin lebhaft?
Ist es nicht an der Zeit alles zu überdenken.
Wird es nicht Zeit, den Menschen als Individuum mit seinen Talenten und maschinenfremden, kreativen Gedanken und Möglichkeiten viel fester in den Fokus zu nehmen.
Sicher kann man nicht jede einzelne Person in der gesamten Ausbildung begleiten, aber man könnte Ansätze neu definieren anstatt Pädagogen und deren Doktrinen von vor 50 Jahren als Maßstab für die heutige Erziehung zu erachten. Die Geschwindigkeit, in der die Entwicklung stattfindet, hat einen enormen Schub bekommen. Länder wie Deutschland fangen an zu hinken, eben weil die Menschen sich nicht trauen, durch moderne Türen zu gehen. Die Deutschen als ein Volk der Angst- und Sicherheitsdenkenden.
So wird aus einem Kaffee am Morgen in der Sonne eine Generalabrechnung mit - ja, womit überhaupt.
Die Hälfte der Damen, mit denen meine Wenigkeit damals in meinem Lehramtsstudium an den Bänken saß, hätten sich nicht einmal für die Erziehung der eigenen Person geeignet.
Das waren fleißige, gute Lernbienchen - aber Lehrer oder -innen, da geht es doch um Persönlichkeiten die Führen und Erziehen können. Mir fehlt besonders hier eindeutig der Charaktertest.
Würde man diesen auch noch zusätzlich zum NC einführen, die Zahl derer die das Studium aufnehmen könnten - sie wäre schwindend gering. Überhaupt NC - was sagt die Fähigkeit, Dinge auswendig lernen zu können oder die korrekte Anwendung von Formeln über das wirkliche Potenzial eines Menschen aus. Man wird mit einer falschen Note und dem einzigen Zeugnis seiner Jugend für den Rest seines Lebens gebrandmarkt. Vielleicht passt man einfach nicht in das System und inwiefern ist diese Gesellschaftsform so, wie sie existiert überhaupt passend oder auf Dauer überlebensfähig.
Die Zukunft wird so aussehen, dass man die menschliche Kraft nicht mehr benötigt. Tätigkeiten, die man einst erlernte, viel schneller revidiert, neu geordnet, erweitert und vervielfältig werden müssen. Maschinen brauchen Impulse, Menschen sind Impulsgeber, aber nur dann wenn sie nicht vorher schon in Maschinen verwandelt wurden.
Die Sonne brennt auf meine harte Schale, der Mathematikstudent und ich sind der Meinung, dass es nicht Schöneres gibt als Grafen der Analysis zu berechnen.
Ich muss gestehen, dass die neue Generation schon viel näher an der Wahrheit ist.
Anal wird bei manchen sicher ein lebenslanges Thema bleiben, Analysis hingegen weniger.
So gesehen hat wohl jedes Fach seine Deutungsmöglichkeiten.
