Fast wolkenlos - Traute Kunna - E-Book

Fast wolkenlos E-Book

Traute Kunna

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Beschreibung

Sommertage, in denen die Hitze über erntereife Felder flimmert, Nebelschwaden über dem Watt, in denen Menschen spurlos verschwinden. Drei verzweifelte Jungen im Krankenhaus in der onkologischen Abteilung. Agnes, die alte Jungfer, die ihre Familie regelmäßig heimsucht - Momentaufnahmen, mit genauem Blick für Situationskomik, aber auch die Tragik des Lebens sind festgehalten in diesem Band. Erzählungen mit unterschiedlichen Stimmungen, zum Wegwerfen spaßig, bewegend und zum Weinen schön, legt Traute Kunna vor, sprachlich gefärbt von ihrer Heimat im Norden. Ein Buch zum Lachen und Weinen gleichermaßen.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Für Volker, mit Liebe und Dank

Für Sandra und Tobias, meine geduldigsten Zuhörer, und für Christine Krokauer, die mich ermutigt hat, meine Geschichten zu veröffentlichen.

Inhalt

Gedicht

Martins Bucht

Inselsommer

Agnes kommt!

Zu Hause, das ist eine blaue Wolldecke

Die weiße Blume

Und Morgen? – Morgen ist Nikolaus!

An dich

Nur eine Puppe

Paulchen, der rote Flitzer und der Lover!

Du kennen das Wally?

Zufall?

Gedicht

Stille auf dem alten Kahn,

aus der Tiefe dringen.

Du und ich zusammenstehen,

unsere Hände sich umschlingen.

Dunkles Wasser bricht die Bahn,

enger zieht er seine Kreise.

Tränen in den Augen brennen

und die Welt ist plötzlich leise.

Mächtig schraubt er sie empor,

höher Stück für Stück.

Atemlos und unbedeutend,

Zeit und Raum so weit entrückt.

Fluke zwischen Meer und Himmel

narbig graue Schwinge.

Martins Bucht

Hanna schreckte aus ihren Tagträumen und zuckte jedes Mal zusammen, wenn einer der tief herabhängenden Zweige der knorrigen Pinien mit einem blechernen, schnarrenden Geräusch das Dach des Busses streifte. Durch die lichten Äste drangen die Strahlen der frühen Nachmittagssonne und Quarze glitzerten, funkelten und tanzten wie Sterne an einem nächtlichen Himmel über das uralte dunkle Gestein der holprigen Straße.

Der Fahrer hatte Mühe und es erforderte sein ganzes Geschick, das schwere Gefährt, das mehr rutschte als fuhr, sicher über die schmalen Kehren den Berg bis hinunter an das Meer zu bringen. Die wenigen noch verbliebenen Reisenden schauten erwartungsvoll aus den Fenstern, blickten gespannt auf ihr neues Feriendomizil, das sich in wenigen Augenblicken vor ihnen ausbreiten würde.

Noch am Flughafen waren sie eine buntgewürfelte Schar von Feriengästen gewesen, doch nach und nach hatten sich die Reihen gelichtet. Die großen Hotels an der langen Promenade hatten viele von ihnen aufgenommen und sie in ihrer gewaltigen Maschinerie verschluckt. Einige Familien mit Kindern, drei ältere Ehepaare, ein junges Pärchen und Hanna waren schließlich übriggeblieben. Anfangs hatten sie versucht, mit ihr ins Gespräch zu kommen, doch da ihre Antworten ausweichend, wortkarg und einsilbig waren, gaben sie es auf.

Nun saß Hanna allein auf ihrer Bank und hatte zwar ab und an dem Kinderlachen aus den hinteren Reihen gelauscht und auch das leise, freudige Gemurmel der plaudernden Mitreisenden war ihr nicht entgangen, doch die endlosen Gespräche, das ewige auf sie Einwirken, war überall gleich gewesen. Was sie auch unternahm, was sie sagte und wo sie sich befand, immer waren es die anderen, die sie durchschaut hatten und am Ende versuchten, sie auf eine von ihnen so gut gemeinte eigene Bahn zu lenken. Da sie weder den Mut noch den Willen besaß, sich in diesem Tauziehen um ihre Psyche erfolgreich zu wehren oder gar zuzustimmen, den einen oder anderen Ratschlag anzunehmen, war sie wie eine Schlafwandlerin durch die letzten Jahre ihres Lebens gegangen. Dabei war es nicht der Schmerz, der an ihrer Seele genagt hatte, vielmehr waren es die Stille und diese große Leere, die ihren Tagesablauf und die endlosen Nächte bestimmten.

Sie hatte die Augen geschlossen, döste vor sich hin und wusste auch so, ohne großartig den Blick durch die Scheibe nach draußen zu heften, was sie auf den letzten Metern erwarten würde. Es war, als betrachte sie Martins Diapositive an langen Winterabenden, wenn Langeweile sie übermannte, die Bilder in rascher Reihenfolge wechselten, bis sie sich schließlich übereinander schoben und vor ihren Augen zu verschwimmen anfingen. Hinter ihrer Stirn nahm das alte Haus von Antonia und Miguel, das so unverwechselbar in diese Landschaft gehörte, Form und Gestalt an: Das verschachtelte Dach mit den gewölbten Tonziegeln, die an manchen Stellen grau und mit Moosflechten überzogen waren, eng an das Bergmassiv geschmiegt. An der hellen Fassade üppige Bougainvillea von Pink bis zum tiefsten Rot. Wie oft hatte Martin ihr einige Zweige abgepflückt und ihr lachend hinter die Ohren gesteckt. „Hanna“, hatte er gesagt, „weißt du eigentlich, wie hübsch du bist?“

Und dann die schwere, dunkel gebeizte Zederntür, die ewig in ihren Angeln quietschte, bis Martin schließlich zu einem Ölkännchen gegriffen hatte und ihr damit zu Leibe gerückt war. Die ersten geöffneten Blüten der Oleander-sträucher in einfachen, aus Ton gebrannten Kübeln, die auf den Stufen mit den bunten Keramikfliesen standen und zum Haus hinaufführten.

Es müssen sechs sein, dachte Hanna fast trotzig, auf jeder Seite drei! Und nur um sich zu vergewissern, dass sie dort noch immer an derselben Stelle standen, riskierte sie fast vorsichtig und zaghaft einen Blick aus den Augenwinkeln.

Es hatte sich nichts verändert. Auch die kleine Bank, auf der Martin so oft gesessen hatte, war noch immer da.

Zufrieden stellte sie fest, dass selbst die Wäsche wie in den Jahren zuvor an langen Leinen flatterte, hinter dem schmiedeeisernen Balkongitter unter der gewölbten Mauer.

Martin hatte mit Antonia und Miguel Freundschaft geschlossen. Hin und wieder war er mit ihnen zum Fischen hinausgefahren und so manchen Abend hatte er in ihrer Gesellschaft verbracht. Aber sie, Hanna, hatte keinerlei Lust auf neue Ferienbekanntschaften verspürt. Hin und wieder hatte sie zwar mit Antonia das eine oder andere Wort gewechselt, doch im Grunde waren beide für sie Fremde geblieben, denen sie nach Möglichkeit aus dem Weg gegangen war. Am liebsten wäre sie mit Martin allein gewesen, denn sie vermisste ihn ständig, auch dann, wenn er sie nur für ein oder zwei Stunden allein ließ.

Noch immer saß sie unbeweglich auf ihrem Sitz und deutlich vernahm sie die vielen erregten Zwischenrufe der Reisenden. Dicht gedrängt standen sie vor der großen Frontscheibe und blickten auf eine Landschaft, die einem Bilderbuch entsprungen zu sein schien und nicht eindrucksvoller hätte sein können.

Als sei es mutwillig in das Gestein geschlagen, schlossen sich die schroffen, überhängenden Felsen zu einem Tunnel zusammen. Wie durch einen Rahmen betrachtet und an seinem Ende der Blick begrenzt, schimmerte das Meer in seinen vielfältigen Blautönen.

Unter den Reisenden war es still geworden, denn im Gegenlicht der Nachmittagssonne lag nun die ganze Bucht mit ihrem winzigen, kaum zwanzig Meter langen Sandstrand vor ihnen. Angelehnt an das Bergmassiv tauchten die ersten Häuser, in den unterschiedlichsten Pastelltönen gestrichen, hinter den dunklen Felswänden auf.

Überwältigt von diesem Anblick hatte auch Martin damals für Sekunden den Atem angehalten, ihre Hand ganz fest gedrückt und dabei andächtig geflüstert: „Oh, Hanna! Gibt es irgendwo einen Ort, ein Fleckchen Erde, das schöner ist?“

Anfangs hatten sie ganz oben am Hang ein Haus gemietet, aber irgendwann im Laufe der Zeit machten ihre morschen Kniegelenke den steilen Aufstieg von fast zwanzig Minuten nicht mehr mit und so bezogen sie eines der unteren, das für sie bequemer zu erreichen war. In all den letzten Jahren war es so gewesen, so auch jetzt.

Als der Bus hielt, war Hanna die Erste, die ausstieg. Nur wenige Schritte noch und sie hatte ihr Ziel vor Augen. Da war schon der kleine Brunnen, in dessen Mitte auf einem Sockel eine verwitterte Meerjungfrau thronte. Bei jedem ihrer Aufenthalte hatte Martin vergebens den Versuch unternommen, mit ein wenig Zement die linke zerbrochene Fischflosse neu zu gestalten.

„So kann sie doch niemals ins Meer zurück, was sagst du dazu, Hanna! Da müssen wir doch Abhilfe schaffen, findest du nicht?“

Ein paar verrostete und verpackte Münzen klebten noch immer unangetastet auf dem Boden und Hanna hätte schwören können, dass es sich dabei vielleicht noch um Martins Geldstücke handeln könnte. Aber der Gedanke machte sie hilflos, weil sie ihn nicht zulassen wollte. So, wie sie alles aus ihrem Kopf verbannte, was auch nur im Geringsten mit Martin zu tun hatte.

Vor zwanzig Jahren, vielleicht waren es auch schon ein paar mehr, hatten sie ein Zimmer im Ort in einem dieser riesigen Kästen gemietet, weil der Urlaub preiswert und das Geld knapp bemessen war. Aber immerhin – ihr erster gemeinsamer Urlaub mit den Kindern. Als sie auf einer Wanderung die Bucht und das Dorf entdeckt hatten, hatte Martin beschlossen, dass das fortan, für die Zukunft, ihr gesuchtes Paradies sei. Anfangs reisten sie nur einmal im Jahr hierher, aber irgendwann wollten die Kinder nicht mehr mit und machten eigene Reisepläne und somit kamen sie im Herbst und im Frühjahr.

Jetzt war es Ende April und zum ersten Mal bezog Hanna das Haus allein. Martin war nicht mehr da. Eines Tages hatte er völlig unerwartet die Augen geschlossen, um sie nie wieder aufzumachen. Hanna hatte um ihren Martin getrauert und nichts weiter getan als über Wochen geweint, bis eine Zeit kam, in der eine grenzenlose Wut, ihren Körper und Geist beherrschte und über die Tränen siegte. Wie konnte er sie nur allein lassen? Sie, Hanna, die keinen Schritt ohne ihn ging!

Als auch das vorüber war, blieben nur noch die Erinnerungen, die sie täglich übermannten und die sie am liebsten in den Karton zu Martins Fotoalben gesperrt hätte.

Und nun fragte sie sich zum soundsovielsten Male, warum sie ausgerechnet hierherkommen musste. Warum ausgerechnet an Martins Bucht! Sicher, so ganz ihr eigener Entschluss war es nicht gewesen, denn die Kinder hatten sie gedrängt, ihr geraten, etwas zu unternehmen, um ein paar Ferientage zu genießen und nur aus Bequemlichkeit, der vielen Widersprüche müde, hatte sie letztlich diesem Vorschlag zu gestimmt.

Nun war sie hier und wusste doch nicht so recht, was sie eigentlich hier sollte. Noch lag der Koffer unausgepackt in dem niedrigen Raum, und auch hier stand alles noch an seinem Platz. Die dunklen Rattan Möbel mit den gelben Bezügen, den passenden Vorhängen … selbst in der kleinen Küche hatte sich nichts verändert und die bunte Tasse mit dem abgeschlagenen Rand hing nach wie vor an einem Haken.

Sie öffnete die Schiebetür mit den exakt 36 bleiverglasten quadratischen Scheiben. Manchmal, wenn Martin auf „Wanderschaft" gewesen war, wie sie es nannte, hatte sie einfach nur so dagesessen und plötzlich hatte sie angefangen, Dinge zu zählen und bewusst zu registrieren. Nun ging sie langsam die paar Schritte auf die schmale Mauer zu, die als Begrenzung der Terrasse zum Meer hin diente.

Vier, vielleicht fünf Meter unter ihr rauschte und brodelte die See, schlugen die Wassermassen gegen die über Millionen von Jahren ausgewaschenen Steine. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht waren die steilen Felswände, die sich dunkel vor dem Blau des Wassers abhoben. Im Laufe der gemeinsamen Jahre hatte sie immer wieder versucht, die Bucht mit Martins Augen zu sehen, aber so ganz wollte es ihr nie gelingen. Zwar hatte sie sich hier immer wohlgefühlt, aber ebenso gut hätte er mit ihr an jeden x -beliebigen Ort reisen können. Die Hauptsache war doch, dass er bei ihr war!

„Hanna, hier werden wir alt“, hatte er gesagt. Und dabei hatte sie gedacht, wenn sie denn schon alt werden mussten, dann war es doch eigentlich gleich, wo sie sich gerade befanden.

Sie suchte in ihrem Koffer nach den derben Schnürschuhen und tauschte sie gegen den flachen Slipper ein. Ohne Eile, sie hatte ja nichts zu tun an diesem Nachmittag, verließ sie das Haus. Noch wärmte die Sonne und ihre schräg fallenden Strahlen tauchten das Meer in rötlich schimmernde Fluten und umhüllten die kargen Felswände der Bucht mit einer Aura aus einem unwirklichen Geflimmer. Dieses besondere Licht, von dem Martin behauptet hatte, dass es einmalig sei.

Noch unentschlossen, wohin sie sich wenden sollte, blieb sie für einen Augenblick stehen, entschied sich dann aber für die in den Berg geschlagenen Stufen, die zu dem winzigen Strand hinabführten.

Der Sand war noch warm, als sie ihre Schuhe und Strümpfe auszog und barfuß und zielstrebig auf den dicken Stein zu ging, der halb ins Meer ragte. Sie musste ein wenig lachen, denn der Abdruck ihres Hinterns hätte längst eine tiefe Kuhle in diesem Felsstein hinterlassen müssen. Hier hatte sie gesessen und Martin und den Kindern beim Schwimmen zugesehen. Hier hatte sie gelesen und wie jetzt ihre Füße ins Wasser gehalten.

Um sie herum lagen Handtücher wie bunte Flicken wahllos verstreut auf dem Sand und auch die Sonnenanbeter nutzten den letzten Lichtstrahl noch aus. Sie aber hatte nicht einmal einen Schwimmanzug im Gepäck. Wozu auch! Zu baden hatte sie hier nicht vorgehabt! Martin war nicht da, der Sohn erwachsen und die Tochter verheiratet. Die zwei Enkelkinder sah sie nur sehr selten, denn sie alle wohnten sehr weit voneinander entfernt und wer von ihnen fand schon die Zeit für eine längere Autofahrt, um sie, Hanna, zu besuchen? Und sie selbst? – Sie hatte am wenigsten Zeit!

Sie rückte ihre Sonnenbrille zurecht, kniff die Augen hinter den dunklen Gläsern zusammen und ohne jegliches Interesse beobachtete sie, wie zwei Gestalten durch den Sand stapften und direkt auf den freien Platz hinter ihr zusteuerten. Eine Frau trug schwer an einer großen Bade-tasche und ein Mann hielt ein etwa zweijähriges Kind auf dem Arm. Für das eigene Kind waren sie nicht mehr jung genug, überlegte Hanna und für ein Enkelkind noch nicht alt genug.

Schon wollte sie aufstehen, aber irgendetwas fesselte sie an diesem Paar, das an einem frühen Abend, ausgerüstet für einen ganzen Tag, noch mit einem Kind an den Strand ging und so blieb sie wie festgeklebt auf ihrem Stein sitzen. Die Frau kramte in ihrer Tasche und förderte eine Bastmatte, Kinderspielzeug, Eimer und Schaufel zutage. Nur wenig, dabei war ihr die Sprache nicht fremd, verstand Hanna von dem, worüber die beiden redeten. Es konnte vielleicht holländisch sein, überlegte sie.

Das Gesicht des Kindes blieb noch im Verborgenen. Das Köpfchen an die Schulter des Mannes gelehnt, schaute es rückwärts über die Bucht und so konnte Hanna nur feststellen, dass es sich um eine kleine zarte Person handelte. Pechschwarzes glänzendes Haar fiel glatt über die Ohren und bedeckte den hübsch geformten Hinterkopf. Dick in Windeln verpackt war der kleine Po und unter einer dreiviertellangen weißen Hose, bestickt mit rosa Blümchen, lugten nackte Beinchen und Füßchen hervor und die sichtbar gewordene Haut schimmerte in der Abendsonne wie reife Oliven.

Oh, wie apart, dachte Hanna, eine kleine Asiatin! Neugierig geworden auf das Gesicht des Kindes, rutschte sie unauffällig auf ihrem Stein ein wenig zur Seite. Die Kleine drehte den Kopf und für die Winzigkeit eines Augenblicks ruhten die fremden Augen des Kindes auf Hannas Gesicht.

Blankes Entsetzen hatte von ihr Besitz ergriffen und legte sich mit eiserner Faust auf ihr Herz. Bestürzt hielt sie sich die Hand vor den Mund. Sie hörte sich flüstern und es klang wie ein einfaches Kindergebet: „Lieber, lieber Gott! Hilf! Lass es nicht wahr sein! Mach es ungeschehen!“

Hatte sie jemals solch ein Kindergesicht gesehen?

Zerstört! Verbrannt! Versengt!

Das kleine Gesichtchen zu einer Maske erstarrt, von wulstigen Narben bedeckt, Augen, die in blutunterlaufenen Höhlen lagen und da, wo die winzige, zierliche Nase hätte sein sollen, war ein hässlicher Stumpf.

Spontan fiel ihr Vietnam ein.

Kinder, zerschunden an Körper und Seele. Sie war doch noch so jung und Hanna wusste, dass es niemals auch nicht annähernd so gewesen sein konnte. Aber gab es nicht Länder, wo Väter ihre Töchter verbrannten, weil sie keine Söhne waren?

Tschernobyl! Napalm! Tellerminen! Brandbomben! – Vielleicht?

In wenigen Sekunden durchlebte Hanna alle Kriege dieser Welt. Fernsehbilder tauchten vor ihr auf und da waren sie auch schon wieder vor ihrem geistigen Auge, diese Hochglanzfotos aus den Zeitungen, den Illustrierten, die sie nur zu oft und allzu gern beiseitegelegt hatte.

Um ihre Tränen zu verbergen, hatte sie sich wieder dem Meer zugewandt. Da saß sie nun auf dem kleinen Strand an Martins Bucht und weinte und konnte sich nicht erinnern, wann sie jemals seit Martins Tod so geweint hatte.

„Min Hin!“, hörte sie den Mann sagen. Das Kind streckte ihm seine Ärmchen entgegen. Mit der einen Hand hielt er sie fest, während die andere ihre lidlosen Augen vor dem Salzwasser schützte.

„Oh, Min Hin, was machst du, wenn du schlafen gehst?“ Etwas wollte sie sagen, etwas tun und wusste doch nicht, was. Traute sich nicht so recht und ließ es schließlich bleiben. Nur dieses eine Lächeln schenkte sie den drei Menschen, die so unverhofft ihren Weg gekreuzt hatten, und fand, dass das viel zu wenig war.

Lange hatte sie so dagesessen, der kleine Strand war wie leergefegt und auch die Familie hinter ihr war längst nicht mehr da. Entschlossen stand sie auf. Mit den Schuhen in der Hand ging sie über den immer noch warmen Sand hinauf auf den Weg.

Auf unzähligen Filmen hatte Martin Sonnenuntergänge festgehalten und Hanna hatte die Fotos anschließend in die Alben geklebt. Fast ehrfurchtsvoll, als betrachtete sie dieses Schauspiel nun zum ersten Mal, stand sie andächtig auf dem blank geschliffenen Kopfsteinpflaster. Und sie sah die Bucht so, wie Martin sie immer gesehen haben musste: mit den Augen eines Kindes, eines hoffnungslosen Romantikers, der nie aufgehört hatte zu träumen.

Der feuerrote Ball tauchte ins Meer und der Himmel über der Bucht färbte sich violett. Von weit her, wohl aus ihrem Unterbewusstsein, drang Martins Stimme zu ihr und sie hörte ihn sagen: „Hanna, weißt du, warum die Sonne im Meer versinkt? Weil es ohne den Abend, kein Morgen gibt und ohne das Morgen keinen Neubeginn!“

Es dämmerte bereits und sie war schon fast an ihrer Tür, da bemerkte sie Miguel, der vor seinem Haus stand. Noch immer hatte sie ihre Schuhe in der Hand.

„Miguel“, rief sie. „Miguel, der wilde rote Mohn zwischen den Felsspalten, hat der dort immer schon geblüht?

Miguel lachte: „Ja, Frau Hanna, viele, viele Jahre schon! Immer wieder neu und immer mehr, ganz von allein! Aber nun kommen, Frau Hanna, kommen hierher! Fisch essen und Wein trinken mit uns! Ist nicht gut so allein!“

Nein, das ist es wirklich nicht, dachte Hanna. „Ich komme schon! Bin gleich da! Ich komme!“, rief sie und sie ließ ihre Schuhe einfach auf die Steine fallen.

Inselsommer

Es war einer jener langen, heißen Sommer, der einem im Gedächtnis haften bleibt, wo jeder einzelne Tag so vollkommen, so heiter war, dass er sich bei Bedarf in der kalten grauen Jahreszeit hervorholen ließ wie ein gutes, zig-Mal gelesenes Buch.

Mit einem weiten hohen Himmel, der sich wie eine fast durchscheinende milchige gläserne Kuppel gelassen über die stille grüne Insel wölbte; Furchen und Rinnsale, die in der Mittagssonne wie blanke Silberadern auf dem braunen brackigen Wattboden glänzten.

Na ja, jedenfalls war das so ein Traumtag, eben einer, wie Hinnerk sagte: „Zum Götterzeugen“. Oder, was natürlich von den Kindern stammte: „Wie so einer zum Eierlegen.“ Doch manches Mal geschehen auch an solchen Tagen die unmöglichsten Dinge, obwohl wir nie drüber nachdenken, denn schließlich ist es ja ein besonderer Ferientag und da wollen wir faul in der Sonne liegen und nichts auf der Welt kann uns aus der Ruhe bringen oder gar erschüttern. Wir nehmen nun tatsächlich dieses Buch zur Hand und lesen es wirklich zum hundertsten Mal.

Woanders passieren sie schon, diese unheimlichen oder traurigen Sachen und oft schleppen wir ganze Berge von Lasten mit uns herum, die sich dann urplötzlich nur durch diesen einen Sommertag auflösen. Schwupp sind sie wie wegradiert.

Aber plötzlich müssen wir jemandem zuhören, ob wir nun wollen oder nicht und dann setzen wir uns oft auch unfreiwillig mit der Angelegenheit, der ganzen Problematik des anderen auseinander. Die eigenen Probleme werden ganz klein, drängen sich in den Hintergrund. Nicht, dass sie auf immer und ewig verschwinden, nein, das nicht, nur für diesen einen Tag verblassen sie.

So fing er also schon bei Tagesanbruch an, dieser Traumsommertag, der nicht nur für Verliebte wie geschaffen war, nein, auch die Kinder hüpften in die Fluten und den Alten wärmte er die morschen Knochen. Die Einzige, die mit ihm nicht so recht etwas anzufangen wusste, war Hedwig, denn auf ihrer Seele hatte sich ein dickes, graues Ungetüm niedergelassen, das ihr arg zu schaffen machte und nicht von der Stelle weichen wollte.

Sie war weit bis in das Deichvorland gewandert, hatte sich hier und da gebückt, um Wiesenschaumkraut zu pflücken, bis sie schließlich an den Rand der sumpfigen Salzwiesen gelangt war. Für einen Augenblick hatte sie ihre Sandalen ausgezogen, nur um das harte, borstige Gras und den schlammigen Boden unter ihren bloßen Füßen zu spüren.

Langsam schlenderte sie über den Deich zurück, bis sie schließlich, noch unschlüssig, vor einem morschen Steg stand, der über einen schmalen, von hohem Schilf umsäumten Graben führte und vor einer niedrigen Pforte endete. Obwohl sie die Insel kannte und in den vergangenen Jahren jeden Winkel und jedes Fleckchen erkundet und erforscht hatte, war sie noch nie hier gewesen. Immer war ihr dieser Ort zu düster, zu freudlos erschienen und hatte eine unbestimmte Traurigkeit in ihr ausgelöst.

Mit beiden Händen schob sie den Holzriegel nach oben, bis er sich aus seiner Verankerung löste. Die Tür knarrte leise, als sie sich dagegenstemmte, gab dann aber sofort nach und unversehens befand sie sich auf dem kleinen uralten Friedhof.

Zwischen den hellen Kieswegen lagen aufgereiht die flachen, in den Rasen eingelassenen schmucklosen Gräber, und unter den einfachen, rohen Holzkreuzen ohne Inschrift, die nicht einmal einen Namenszug, eine Jahreszahl enthielten, lagen halb verwelkte Feldblumensträuße.

Unbekannte Seelen, von den Fluten mit fortgerissen, von aufbäumenden Schiffen im Sturm über Bord gespült. Angeschwemmt im Deichvorland, verfangen im Watt, begraben in einer fremden Erde, ohne Namen und ohne Identität.