Faszination Körpersprache - Beate M. Weingardt - E-Book

Faszination Körpersprache E-Book

Beate M. Weingardt

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Beschreibung

Wir alle achten ständig auf die Körpersprache anderer Menschen - aber selten ist uns dies bewusst. Wir entschlüsseln die Körpersprache anderer ganz automatisch. Wir reagieren auf Körpersprache - doch meist ohne uns darüber klar zu sein, worauf wir reagieren und vor allem: wie wir reagieren. Wir setzen Körpersprache ein - doch den wenigsten von uns ist dabei bewusst, was sie mit ihrem Körper signalisieren. Beate M. Weingardt zeigt in ihrem fundierten, ebenso informativen wie leicht verständlichen Buch, wo und wie wir alle Körpersprache benutzen, wie wir sie besser verstehen und auch selbst gezielter einsetzen können, damit Kommunikation und Begegnung gelingt.

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Seitenzahl: 166

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Bestell-Nr. 226.384

ISBN 978-3-417-21990-6 (PDF)

ISBN 978-3-417-21985-2 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26384-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

© der deutschen Ausgabe 2011

SCM R.Brockhaus im SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Bodenborn 43 · 58452 Witten

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: [email protected]

Umschlaggestaltung: Miriam Gamper, dko-Design, Essen

Satz: OLD-Media OHG, Neckarsteinach

Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

Printed in Germany

Einleitung

»Wenn du so bist wie dein Lachen, möchte ich dich wiedersehn«, sang die Kölner Sängerin Ina Deter Mitte der 70er-Jahre mit zarter Stimme, und ich, damals sehr jung und natürlich noch Single, fand das Lied wunderschön. Schließlich machte ich mir auch schon meine Gedanken darüber, woran ich meinen Traumprinzen, wenn er mir eines Tages über den Weg laufen würde, am besten erkennen könnte. An den Augen? An der Stimme? An den Bewegungen? Am Lachen? Ob Ina Deter »ihn« wiedergesehen hat oder nicht und was daraus geworden ist – ich weiß es nicht. Doch die Sängerin muss in den kommenden Jahren eher ernüchternde Erfahrungen mit dem starken Geschlecht gemacht haben, denn einige Zeit später schmetterte sie mit deutlich tieferer Stimme: »Neue Männer braucht das Land!«

Hatte das Lachen des Mannes, den sie damals wiedersehen wollte, nicht das gehalten, was es zu versprechen schien? Hatte er zu oft gelacht – oder zu selten? Zu leise oder zu laut? Zu oft an der falschen Stelle? Oder war es zu einem Wiedersehen gar nicht gekommen? Gab es diesen Mann womöglich nur in ihrer Fantasie? Ich habe keine Ahnung, doch in einem Punkt hatte diese Frau zweifellos recht: Das Lachen eines Menschen ist etwas ganz und gar Unverwechselbares. Genauso unverwechselbar wie seine Mimik, seine Bewegungen, seine Augen, seine Stimme – um gleich die wichtigsten Bereiche der Körpersprache zu nennen.

Da ich nicht die Erste bin, die sich mit Körpersprache beschäftigt, möchte ich mich in diesem Buch auf zwei Themen konzentrieren. Das eine ist die Verbindung von gesprochener Sprache und Körpersprache, die unsere gesamte Kommunikation prägt, sie gelingen oder misslingen lässt. Das andere ist eine kleine Auswahl an Signalen der Körpersprache. Es sind jene Signale, die ich besonders wichtig und interessant, aber auch spannend und amüsant finde.

Im ersten Teil geht es mir darum, folgende Aspekte näher zu beleuchten:

•  Wir achten ständig auf die Körpersprache anderer Menschen – aber selten ist uns dies bewusst.

•  Wir entschlüsseln die Körpersprache anderer Menschen ganz automatisch – aber jeder von uns benutzt dabei seinen eigenen »Entschlüsselungscode«.

•  Wir reagieren auf Körpersprache – doch meist ohne uns darüber Rechenschaft abzulegen, worauf wir reagieren und vor allem: wie wir reagieren.

•  Wir setzen Körpersprache ein – doch den wenigsten ist dabei klar, was sie mit ihrem Körper signalisieren.

•  Wir wollen wissen, was die körpersprachlichen Signale unserer Mitmenschen bedeuten, denn dies ist ein Teil unserer emotionalen Intelligenz. Wir bringen sie in Ansätzen schon mit auf die Welt, sollten sie aber weiterentwickeln. Zur emotionalen Intelligenz gehört es, Emotionen an sich selbst sowie an anderen wahrzunehmen, Gefühle bewusst auszudrücken und zu verstehen und Gefühle zu steuern (anstatt ihnen ausgeliefert zu sein).

•  Da Körpersprache immer auch etwas mit Dominanz und Unterwerfung, mit Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen zu tun hat, ist es besonders für Frauen enorm wichtig, sich ihrer nonverbalen Signale bewusster zu werden.

Wie Nancy M. Henley in ihrem spannenden, doch leider vergriffenen Buch über den Zusammenhang von »Geschlecht, Macht und nonverbaler Kommunikation« deutlich macht, geben Frauen durch die traditionell von ihnen erwartete Körpersprache viel mehr Unterwerfungssignale, als in ihrem Interesse sein kann.1 (Der Einfachheit halber benutze ich allerdings im Folgenden vorwiegend die männliche Form, obwohl sich mein Buch an beide Geschlechter gleichermaßen richtet.)

Im zweiten Teil meines Buches werden die fünf Hauptbereiche der Körpersprache näher betrachtet: Der erste Bereich ist gleichzeitig der umfangreichste: Raumanspruch, Revierverhalten und Haltungen bestimmen unser Dasein in dieser Welt, Augensprache und Blickverhalten sind im Nahbereich unseres Zusammenlebens unentbehrlich. Mimik und Lächeln geben selbst flüchtigsten Kontakten eine persönliche Note, während die Gestik zu dem gehört, was jeden Menschen unverwechselbar macht. Da wir uns über die Sprache verständigen, sind Stimme und Sprechmelodie nicht zu überhörende Signale im menschlichen Miteinander.

Denn ob Mann oder Frau, vertraut oder fremd, jung oder alt: All unsere Begegnungen mit anderen Menschen bestehen aus einem komplizierten und faszinierenden Wechselspiel von gesprochener Sprache und Körpersprache, von verbalen (sprachlichen) und nonverbalen (nichtsprachlichen) Informationen. Dass diese Kontakte in den meisten Fällen reibungslos verlaufen, ist eigentlich erstaunlich – wo wir doch so wenig von dem wissen, was wir einander nonverbal mitteilen! Und wo wir uns so wenig dessen bewusst sind, was wir am anderen wahrnehmen – und wie wir darauf reagieren.

Doch leider sind unsere Kontakte mit anderen Menschen nicht immer komplikationslos. Viele verlaufen mehr oder weniger angespannt oder sogar disharmonisch, seien es Begegnungen und Gespräche am Arbeitsplatz, im Bekannten- oder Freundeskreis oder in der Familie. Sie enden mit Verunsicherung und Missverständnissen, mit Ärger und Enttäuschung, mit Kränkungen und völliger Ratlosigkeit. Wie konnte es so weit kommen – wo man doch gar nichts Böses oder Verletzendes gesagt hat! Wo man doch wirklich bemüht war, freundlich zueinander zu sein und friedlich miteinander umzugehen! Spannende Fragen – und die Antwort liegt in den meisten Fällen in der Körpersprache.

Die Art und Weise, wie wir uns mit dem Körper ausdrücken, hat nämlich auch ihre Tücken. Die größten Gefahren lauern darin, dass wir Körpersprache meist unbewusst einsetzen und unbewusst wahrnehmen:

•  Man reagiert verärgert auf jemanden und weiß nicht recht, weshalb.

•  Man fühlt sich im Gespräch mit einer Person unwohl und kann nicht sagen, aus welchem Grund.

•  Man hat nach einer Unterredung ein »ungutes Gefühl« und ist sich nicht im Klaren darüber, wo es herrührt.

•  Man hat den Eindruck, einem Menschen vertrauen zu können, ohne es konkret begründen zu können.

•  Man ist von der »Ausstrahlung« eines anderen Menschen angezogen und kann doch nicht erklären, was das Besondere an dieser Frau, diesem Mann ist.

Wie ist das möglich? Zum einen machen wir uns, wie schon gesagt, Körpersprache selten bewusst (siehe Regel 4), zum anderen ist sie aber auch selten eindeutig. Eine ihrer großen Gefahren liegt in der Möglichkeit von Missverständnissen. »Ein Blick sagt mehr als tausend Worte« – gewiss, aber wissen wir wirklich genau, was der vielsagende (!) Blick unseres Gegenübers uns konkret sagen will? Auch ein Lächeln, eine Veränderung der Körperhaltung oder der Tonlage sind selten eindeutig. Außerdem können Gesten in verschiedenen Ländern vollkommen verschiedene Bedeutungen haben.

Jeder Mensch hat darüber hinaus auch seine ganz persönliche Art und Weise, Körpersprache einzusetzen. Manche Menschen lächeln viel, andere selten. Manche Personen haben eine lebhafte Mimik, andere verziehen kaum eine Miene. Manche Männer und vor allem Frauen zeigen Gefühle recht offen, andere verbergen sie am liebsten. Man sollte also auch den einzelnen Menschen gut kennen, um seine Signale nicht falsch zu interpretieren. Doch selbst bei denen, die uns seit Langem vertraut sind, sind Irrtümer möglich! Wir meinen zwar meistens, bei ihnen genau zu wissen, was sie mit ihren nonverbalen Signalen mitteilen möchten – doch wie oft stellt sich später heraus, dass wir mit unserer Deutung glatt danebenlagen! »Ich kenn dich doch!« – mit dieser Überzeugung sollte man auch und gerade bei seinen Liebsten und Nächsten sehr vorsichtig sein.

Eines steht allerdings fest: Die Art und Weise, wie wir uns durch unseren Körper ausdrücken, ist absolut unverwechselbar – so einzigartig wie unser Fingerabdruck. Es ist die erste Sprache, die wir nach der Geburt erlernen, um mit unserer Umwelt in Beziehung zu treten, und es ist die letzte Sprache vor unserem Tod, mit der wir uns verständigen, selbst wenn wir nicht mehr sprechen und so gut wie nichts mehr denken können. Grund genug, sich mit dieser »Ursprache des Menschen« intensiver zu beschäftigen.

Die zehn Grundregeln der Körpersprache

Regel 1: Dass wir uns mit dem Körper ausdrücken, ist angeboren

Schon der Ausdruck ihrer Mienen, bei gesträubter Haarfrisur, zeigt es deutlich: Zwischen ihnen ist von Liebe keine Spur.

Wilhelm Busch

Was haben folgende Beobachtungen gemeinsam?

•  »Traurig ließ sie den Kopf hängen.«

•  »Zornig presste er seine Lippen aufeinander.«

•  »Angeekelt verzogen sie das Gesicht.«

•  »In seinen aufgerissenen Augen war die nackte Angst zu lesen.«

•  »Freudig rissen die Zuschauer die Arme hoch.«

•  »Vor Überraschung blieb ihr der Mund offen stehen.«

Die Antwort dürfte nicht schwerfallen: Jedes der mitgeteilten Gefühle ist mit körperlichen (nonverbalen) Signalen verbunden, an denen man es deutlich erkennen kann.

Versuchen Sie doch einmal, diese Signale und Gefühle neu zu kombinieren:

•  »Vor lauter Traurigkeit blieb ihr der Mund offen stehen.«

•  »Angeekelt rissen die Zuschauer die Arme hoch.«

•  »In seinen aufgerissenen Augen war die nackte Freude zu lesen.«

•  »Zornig verzogen sie das Gesicht.«

•  »Vor Überraschung presste sie ihre Lippen aufeinander.«

•  »In nackter Angst ließ sie den Kopf hängen.«

Sofort merken wir: Nichts davon passt zusammen. Wer sich ekelt, verzieht auf eine ganz bestimmte Weise das Gesicht, reißt aber nicht die Arme hoch. Zornige setzen eine ganz bestimmte Miene auf, verziehen aber nicht das Gesicht. Wer traurig ist, öffnet nicht den Mund, sondern lässt alles hängen, was an einem Körper hängen kann. Wer sich hingegen freut, reißt nicht die Augen auf, sondern wird von einer positiven inneren Energie überflutet, die nach außen drängt. Deshalb lächelt ein erfreuter Mensch meist oder wirft die Arme in die Luft. Übrigens handelt es sich bei diesen sechs Gefühlen um die sogenannten Grundgefühle (»basic emotions«), die alle Menschen auf der Welt spontan empfinden können – gleichgültig, wo sie leben, und egal, wie sie aufgewachsen sind.

Doch drücken auch alle Menschen auf der Welt diese Gefühle auf die gleiche Art und Weise aus? Zeigt beispielsweise ein Eskimo seinen Zorn auf ähnliche Weise wie ein Deutscher? Benutzt eine traurige Indianerin in Brasilien die gleiche Körpersprache wie eine traurige Chinesin? Teilt eine Gruppe von Italienern ihre Freude auf die gleiche Weise mit wie eine Gruppe Ägypter?

Diese Fragen stellte sich Mitte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts der junge nordamerikanische Wissenschaftler Paul Ekman. Damals gab es zwei Lager unter den Forschern: Die einen glaubten – sich an Darwin anlehnend –, unsere menschliche Mimik, mit der wir Gefühle begleiten, sei angeboren und damit quasi universal, das heißt auf der ganzen Welt ziemlich ähnlich. Die anderen behaupteten, sowohl Mimik als auch Gestik seien von der Umwelt abgeschaut, also erlernt und würden deswegen von Kultur zu Kultur verschieden ausfallen. Paul Ekman wollte wissen, welches der beiden Lager recht hatte, und er wendete dafür viel Zeit und Forschungsarbeit auf.

In seiner ersten Untersuchung zeigte er Personen aus fünf Ländern – Chile, Argentinien, Brasilien, Japan und USA – Fotografien von Menschen mit verschiedenen Gesichtsausdrücken und bat sie zu beurteilen, was für ein Gefühl jeder einzelne zum Ausdruck bringt. Das Ergebnis: Quer durch alle fünf Nationen fiel das Urteil der Mehrheit einstimmig aus.

Das heißt: Die meisten Menschen, egal, zu welchem Volk und welcher Kultur sie gehörten, konnten treffsicher angeben, welches Gefühl die Person auf dem Foto ausdrückte. Paul Ekman machte weitere Studien. Unter anderem ging er sogar zu einem bis dahin von der Zivilisation unberührten Stamm in Neuguinea und legte auch ihnen Fotografien mit verschiedenen Gefühlszuständen von Menschen vor.2 Schließlich, im Jahr 1969, präsentierte Ekman die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen auf einer wichtigen internationalen Tagung. Das Hauptergebnis war: Der Mensch kann rund 3000 unterschiedliche Gesichtsausdrücke zeigen, die Gefühle widerspiegeln. Doch es sind genau sechs Basisemotionen, die bei allen Menschen mit einem sehr ähnlichen, für dieses Gefühl charakteristischen Gesichtsausdruck begleitet werden.3

Mit anderen Worten: Auf der ganzen Welt werden Trauer, Zorn, Angst, Ekel, Überraschung und Freude von einer für das jeweilige Gefühl typischen Mimik begleitet. Deshalb kann ein Ägypter diese Gefühle bei einem Italiener ebenso leicht erkennen wie eine Chinesin bei einer brasilianischen Indianerin oder ein Deutscher bei einem Eskimo. Offenbar ist die »Sprache der Gefühle« eine Sprache, die Menschen auf der ganzen Welt miteinander verbindet – während die gesprochene Sprache sie nur allzu leicht voneinander trennt, vor allem, wenn man sie nicht versteht.

Ekmans Beobachtungen beweisen, dass die Verbindung bestimmter Gefühle mit einem bestimmten Gesichtsausdruck angeboren sein muss – sonst wäre der Ausdruck nicht überall weitgehend gleich! Gelernt wird allerdings, wie offen man diesen Gesichtsausdruck in bestimmten Situationen zeigt – oder ob man ihn beispielsweise in Gesellschaft fremder Menschen lieber verbirgt.

Bestätigung finden Ekmans Erkenntnisse durch Beobachtungen an blind geborenen Menschen: Wenn bestimmte Gesichtsausdrücke wirklich angeboren sind, dann müssen sie auch bei Blinden zu sehen sein, welche sich keinerlei Mimik von anderen Menschen »abschauen« können. Und siehe da: Genau dies ist der Fall, wie zahlreiche Untersuchungen bestätigten.4

Regel 2: Es gibt angeborene und gelernte Signale der Körpersprache

Eheleute, die sich lieben, sagen tausend Worte, ohne zu reden.

Fernöstliche Weisheit

•  Wie begrüßen Sie einen Menschen, dessen Kommen Ihnen wichtig ist?

•  Welche Geste benutzen Sie, wenn Sie jemanden mitteilen wollen: »Bei dir piept’s wohl!«?

•  Was machen Sie, wenn Sie ohne Worte eine Frage mit »Nein« beantworten?

•  Mit welcher Geste deuten Sie an, dass etwas (viel) Geld kostet?

•  Wie signalisieren Sie ohne Worte, dass Sie etwas nicht wissen?

•  Welche Geste macht deutlich, dass Sie telefonieren möchten?

Bei all diesen Beispielen handelt es sich um gelernte Körpersprache. Damit bezeichnet man Gesten, die in einem bestimmten kulturellen Umfeld erfunden und mit einer ganz bestimmten Bedeutung versehen werden. Als beispielsweise die Menschen hierzulande in der Öffentlichkeit noch Hüte trugen, war es für Männer ein Zeichen der Höflichkeit, eine entgegenkommende Person mit leichtem Anheben des Hutes zu grüßen (Frauen mussten dies interessanterweise nicht tun). Diese Geste der Hochachtung führte zu der bis heute gebräuchlichen Redensart »Hut ab!« (oder, auf Französisch, noch kürzer: »Chapeau!«), wenn man jemandem seinen Respekt mit kurzen Worten mitteilen möchte. Ein Fremder, der sich aus fernen Landen nach Europa verirrte, hat sicher nicht verstanden, was das Anheben des Hutes bedeuten soll – es sei denn, jemand hätte es ihm erklärt.5 Ja, man kann sagen: Jede Kultur, jede Zivilisation zeichnet sich durch eine Fülle von Gesten aus, die mit einem ganz bestimmten Sinn versehen werden, der in dieser Gesellschaft unumstößlich gilt.

Gelernte Gesten haben vielfältige Funktionen:

•  Sie drücken innere Haltungen wie Respekt oder Höflichkeit aus (z.B. Händeschütteln als Begrüßung).

•  Sie ersetzen kurze Befehle, Hinweise oder Bitten (ein gespreizter Zeigefinger und Mittelfinger sind unter Rauchern als Bitte um eine Zigarette leicht zu verstehen, da sie die beabsichtigte Handlung sozusagen nachahmen).

•  Sie teilen ohne Worte etwas mit (z.B. wenn man, statt »Nein« zu sagen, nur den Kopf schüttelt oder wenn man Daumen, Zeige- und Mittelfinger aneinanderreibt und damit deutlich macht, dass etwas Geld kostet).

•  Sie deuten Gefühle und Gedanken an (wenn man z.B. mit dem Finger an die Stirn pocht, um jemandem zu signalisieren, dass man an seinem Geisteszustand zweifelt; oder eine herzliche Umarmung als Begrüßung bei emotional wichtigen Menschen).

Abgesehen von erlernten Gesten, die zu einer bestimmten Nation oder Kultur gehören, gibt es auch noch Gesten, mit der sich Mitglieder einer bestimmten Gruppe verständigen. Beispiele sind die Gebärdensprache, mit der Taubstumme untereinander kommunizieren, oder die Gestik von Trainern oder Schiedsrichtern bei Fußballspielen, die auch von weiter entfernt stehenden Spielern verstanden wird. Nicht zu vergessen die Rituale von Religionsgemeinschaften – wer zum ersten Mal beispielsweise einen katholischen Gottesdienst besucht, wird mit einer Menge an Gesten konfrontiert (Bekreuzigung, Weihwasserbenutzung, Knien u.a.), deren Sinn ihm nicht unmittelbar geläufig ist. Ähnliches gilt in abgewandelter Form natürlich für alle religiösen Gemeinschaften, die ohne Rituale nicht auskommen.6

Nicht zuletzt gibt es Signale, die zur ganz speziellen Kommunikation in einer Familie oder einer Partnerschaft gehören. Solche Zeichen werden von Außenstehenden entweder gar nicht bemerkt oder zwar bemerkt, aber nicht verstanden, weil ihre Bedeutung nur den »Eingeweihten« klar ist. Da genügt beispielsweise eine bestimmte Sprechweise, und alle in der Familie wissen, auf wen angespielt wird oder was gemeint ist. Oder: Ein Mann neigt dazu, in geselliger Runde lange Monologe zu halten, und seine Frau vereinbart mit ihm, ihn durch ein leichtes Heben der Hand oder eine leichte Berührung bei Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen.

Das meiste, was in Ratgebern wie »Knigge 2000« oder »Gutes Benehmen leicht gemacht« vermittelt wird, sind gelernte Gesten, die zur richtigen Zeit und am richtigen Ort angewandt werden sollen, um einen gut erzogenen, gebildeten und gesellschaftlich gewandten Eindruck zu machen. Wer öffnet wem die Tür, wer geht wem voraus beim Betreten einer Gaststätte, wann greift man zu welchem Glas oder Besteck und wie fasst man es an, wo verstaut man seine Hände, während man jemandem zuhört usw. – wenn man sich in fremden Milieus bewegt, ist das Feld der Fettnäpfchen, in die man treten kann, groß. Noch gefährlicher wird es, wenn man sich in ferne Länder und fremde Kulturen begibt. Deshalb müssen Firmenmitarbeiter, die einen Auslandsaufenthalt vor sich haben, in der Regel ein gründliches Einführungstraining absolvieren. Es soll sie mit den wichtigsten Gesten und Signalen der Körpersprache im Gastland vertraut machen. Damit werden zwei Ziele verfolgt: Grobes Fehlverhalten kann vermieden und die Zahl der Missverständnisse möglichst klein gehalten werden.7

Desmond Morris beschreibt in seinem Klassiker »Der Mensch, mit dem wir leben«8 eine Menge an Gesten, die sozial erlernt werden. Jedes Volk »malt« beispielsweise auch mit den Händen, d.h., es deutet durch Gesten Gegenstände, Zustände oder Handlungen an. Vor allem in Tabubereichen (Sexualität, Tod) bedient man sich lieber andeutender Gesten als klarer Worte. Jedes Volk drückt außerdem Anerkennung und Bewunderung durch bestimmte Signale aus, ebenso aber auch Zorn und Verachtung.

Morris bringt auch Beispiele, wo ein und dieselbe Geste je nach Volk völlig gegensätzliche Bedeutungen hat. Ein Beispiel ist der Kreis, den man mit Daumen und Zeigefinger formen kann. Die Bedeutung reicht von »Klasse! In Ordnung!« (Nordamerika) über »Null! Wertlos!« (Frankreich) oder »Geld!« (Japan) bis zu einem Schimpfwort, das auf eine intime Körperöffnung des Menschen anspielt (z.B. Griechenland). Man kann sagen: Anhand unserer erlernten Gesten geben wir uns nicht nur als Angehörige einer bestimmten Kultur, sondern unter Umständen auch als Angehörige einer bestimmten Schicht oder eines bestimmten Milieus zu erkennen. Ein Beispiel: Wer heute noch eine Frau mit Handkuss begrüßt (wobei der Kuss nur angedeutet wird), macht damit deutlich, dass er ein »Kavalier alter Schule« ist, der vermutlich aus Österreich stammt, denn dort war der Handkuss früher sehr verbreitet.

Der »Vorteil« angelernter Gesten ist, dass man sie bewusst einsetzen kann. Allerdings hängt hier viel davon ab, wie gut das Gelernte beherrscht wird. Zahlreiche alte und neue Komödien in Theater und Fernsehen leben davon, sich über Menschen lustig zu machen, die versuchen, zu einer bestimmten Klasse aufzusteigen oder zu einer bestimmten Gruppe von Menschen zu gehören, indem sie deren Gesten kopieren. Doch sie geben dabei eine lächerliche Figur ab, weil sie zu ungeübt sind und deshalb ungeschickt und tollpatschig wirken.

Heute sind wir wesentlich mobiler als die Menschen in früheren Zeiten. Im Lauf unseres Lebens müssen wir deshalb immer wieder neue Gesten erlernen. Dies ist nicht nur dann notwendig, wenn wir das Land und den Kulturkreis wechseln. Es genügt manchmal schon, innerhalb der eigenen Gesellschaft in neue Kreise zu kommen. Wer sich einem Tennisverein oder einer Yogagruppe anschließt, muss dort unter Umständen bestimmte Signalgesten und Insider-Rituale erlernen. Ebenso wer eine neue Arbeitsstelle antritt oder auch nur eine völlig andere Branche kennenlernt. Jeder Verein, jeder Club, jede Gemeinschaft, ob bodenständig oder elitär, ob religiös oder säkular, hat ihre eigenen Gesten und Rituale, die Neuankömmlinge lernen müssen, wenn sie dazugehören wollen.

Auch wer beginnt, in Theater, Oper, Ballett oder Konzerte zu gehen, muss die Gesten erlernen, die bei solchen Anlässen üblich sind. Sogar eine Heirat stellt den Eintritt in eine bislang unbekannte Welt dar, nämlich in die Familie des/der Liebsten. Denn in jeder Familie existiert so etwas wie ein ungeschriebener Gestenkatalog. Was in der einen Familie möglicherweise als distanzlos oder übertrieben angesehen wird, z.B. eine innige Umarmung mit Wangenkuss zur Begrüßung, kann in der anderen Familie in den Rang einer eisernen Regel erhoben werden, die zu missachten einer Todsünde gleichkommt.

Regel 3: Wer lebt, kann nicht anders, als etwas über sich mitzuteilen

Aus den Augen meines Mannes las ich Angst und einige Glas Cognac.

Aus einem Gerichtsprotokoll