4,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 3,99 €
Als Leonie nach Wien flüchtet, schaut sie nicht zurück, sondern verschließt ihr Herz. Jetzt, Jahre später, ist sie als reserviert und unnahbar bekannt und lebt für ihren Job als Eventmanagerin einer seriösen Agentur. Doch nun soll sie eine Party mit Callgirls organisieren? Sie verabscheut den lustgesteuerten Auftraggeber bereits, bevor sie ihn kennenlernt. Aber schon beim ersten Treffen zieht ausgerechnet er ihr mit seiner bloßen Präsenz den Boden unter den Füßen weg. Benjamin Schwarzenberg kann nicht fassen, was sein Vater von ihm verlangt. Er soll als Mittelsmann fungieren und eine dieser Partys ausrichten lassen, wo fleischliche Vergnügungen der Geschäftsanbahnung dienen? Ausgerechnet er, der den Ruf des Familienunternehmens und seines Namens über alles stellt? Widerwillig sieht er dem Termin mit der Agenturmitarbeiterin entgegen – und gerät aus der Fassung, als sie ihm vorgestellt wird.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2022
So absurd seine Wünsche auch sind – der Kerl ist definitiv heiß!
Als Leonie nach Wien flüchtet, schaut sie nicht zurück, sondern verschließt ihr Herz. Jetzt, Jahre später, ist sie als reserviert und unnahbar bekannt und lebt für ihren Job als Eventmanagerin einer seriösen Agentur. Doch nun soll sie eine Party mit Callgirls organisieren? Sie verabscheut den lustgesteuerten Auftraggeber bereits, bevor sie ihn kennenlernt. Aber schon beim ersten Treffen zieht ausgerechnet er ihr mit seiner bloßen Präsenz den Boden unter den Füßen weg.
Benjamin Schwarzenberg kann nicht fassen, was sein Vater von ihm verlangt. Er soll als Mittelsmann fungieren und eine dieser Partys ausrichten lassen, wo fleischliche Vergnügungen der Geschäftsanbahnung dienen? Ausgerechnet er, der den Ruf des Familienunternehmens und seines Namens über alles stellt? Widerwillig sieht er dem Termin mit der Agenturmitarbeiterin entgegen – und gerät aus der Fassung, als sie ihm vorgestellt wird.
„Fateful Vibes: Benjamin & Leonie“ ist der erste Roman der Reihe
Alle Bücher können ohne Vorkenntnisse gelesen werden.
INHALTSVERZEICHNIS
Fateful Vibes
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
Gipsy Love
Die Autorin
Impressum
1
Fassungslos fliegt mein Blick über die Brüstung nach unten zum besten Tisch im Vibes. Jeder Einzelne, der dort sitzt, scheint sich für ein Geschenk an die Menschheit zu halten. Vor allem die drei Tussis, die in hautengen und viel zu kurzen Fummeln stecken und aussehen, als ob sie aus einem Katalog der Barbie Collection herausgepurzelt wären. Jetzt lehnt sich die eine von ihnen vor, sodass kein Zweifel mehr besteht, dass ihr Vorbau nicht echt ist, was den Typen, der neben ihr sitzt, aber keineswegs zu stören scheint. Er hebt eine Hand und schiebt sie in ihren Ausschnitt. Während er die eine Brust umfasst, stellt sich selbst von hier gut sichtbar der Nippel der anderen auf, als wollte er den Stoff durchbohren.
»Da könnte man neidisch werden!«, murmelt eine Stimme an meinem Ohr. Warmer Pfefferminzatem hüllt mich ein.
Blitzartig drehe ich den Kopf und starre Steve an. »Bist du von allen guten Geistern verlassen?«
»Im Gegenteil!« Er lacht auf. »Der Typ ist doch der Hammer. Also ich hätte nichts dagegen, wenn er mich so berühren würde – und zwar weiter unten, versteht sich.«
Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. »Wir sind zum Arbeiten hier, nicht zum Vergnügen«, zische ich in seine Richtung. »Es muss ja nicht jeder wissen, wer wir sind.«
»Herzchen, bei deinem Aufzug ist doch offensichtlich, dass du nicht zum Vergnügen hier bist.«
Er tritt einen Schritt zurück, taxiert mich von oben bis unten und schnippt einen unsichtbaren Fussel vom Ärmel meiner Jacke.
Ich strecke den Arm aus und bohre ihm den Zeigefinger in die Brust.
»Ich habe wenigstens den Anstand, mich an die Vorgaben unseres Chefs zu halten. Oder denkst du, er würde dir Beifall klatschen, wenn er dich in diesen durchlöcherten Jeans sieht?«
»Tz, tz, tz, Leonie. Bist wohl wieder mit dem falschen Fuß aufgestanden heute.« Er legt eine Hand auf meine Schulter, beugt sich vor und flüstert mir ins Ohr: »Wie jeden Tag seit ...«
»Halt den Mund«, zische ich, ducke mich unter seiner Berührung weg und merke, wie sich eine Träne aus meinem Augenwinkel löst. Verräterin! Rasch wende ich mich ab. Verdammt! Ich bin doch sonst nicht so nah am Wasser gebaut. Außerdem sind schon sieben Monate vergangen, seitdem sich meine Beziehung mit einem lauten Knall in Schall und Rauch aufgelöst hat. Denn anders kann man es ja nicht nennen, wenn der Ex mit der halben Wohnungseinrichtung bei Nacht und Nebel verschwindet. Er hat es nicht einmal der Mühe Wert gefunden, mir ein Post-it zu hinterlassen oder eine WhatsApp-Nachricht zu schicken. Stattdessen hat er meine Handynummer blockiert und ist aus Wien verschwunden. Niemand seiner Freunde, von denen ich dachte, dass sie auch meine waren, wusste angeblich, wo er war – und gehen mir seither aus dem Weg. Scheinheiliges Pack!
»Alles in Ordnung bei euch?«
Beim Klang von Jasons Stimme zucke ich unweigerlich zusammen. Hektisch wische ich die Tränenspur von meiner Wange und zwinge meine Mundwinkel zu einem Lächeln, bevor ich mich umdrehe.
»Natürlich, Chef.«
Er runzelt die Stirn. »Sicher, Leonie?«
»Ja«, erwidere ich nickend und er kneift die Augen zusammen, sagt aber nichts. Ich weiß, dass er weiß, dass dem nicht so ist. Mehr noch: Er muss gar nicht fragen, denn er sieht mir ohnehin an, woran ich denke. Immer.
Jason Hart ist nicht einfach irgendwer für mich. Seitdem ich nur mit einem uralten Koffer und meinem Rucksack aus der Provinz nach Wien gekommen bin und er mich halb erfroren und ohne Geld beim Haupteingang vom Stephansdom aufgelesen hat, ist er alles für mich. Lebensretter, Arbeitgeber und Ersatzvater in Personalunion. Letzteres, obwohl er nur neun Jahre älter ist als ich und viel eher mein großer Bruder als mein Vater sein könnte. Lediglich die Hautfarbe stimmt nicht.
Sein Großvater war ein GI, ein schwarzer Besatzungssoldat aus Louisiana, der 1955 nicht mit seiner Truppe nach Amerika zurückgegangen war. Stattdessen hatte er eine waschechte Wienerin geheiratet. Jason war sein einziger Enkel, das Ergebnis einer großen Leidenschaft zwischen seiner Tochter und einer brasilianischen Dragqueen ... und er ist ein beeindruckendes und absolut gelungenes Resultat. Alles an ihm ist perfekt. Seine an flüssiges Karamell erinnernde Hautfarbe, die dunklen Augen, der athletische Körper, das vereinnahmende Lächeln, sein unüberbietbarer Charme – und seine grenzenlose Nächstenliebe.
Als ihm seine Eltern das Vibes übergaben und sich für den Rest ihres Lebens nach Südamerika absetzten, hat die Wettleidenschaft der anderen Lokalbesitzer im Bermudadreieck Blüten getrieben. Denn Jason Hart ist bekannt für sein Helfersyndrom. Daher haben sie wie die Geier nur darauf gewartet, sich das Haus am Rabensteig unter den Nagel reißen zu können, sobald der Gerichtsvollzieher den Kuckuck an die Tür klebte. Pessimisten haben ihm drei Monate gegeben, Optimisten zwölf, bis er das Lokal in den Konkurs treiben würde. Seither sind acht Jahre vergangen und das Vibes längst das Szenelokal des Bermudadreiecks schlechthin. Jason hat nicht geredet, sondern sich hineingekniet, Fakten geschaffen und allen den Wind aus den Segeln genommen. Und immer noch greift er – sämtlichen Unkenrufen zum Trotz – denjenigen, denen er helfen will, unter die Arme. So wie mir damals ...
»Erde an Leonie!«
Blinzelnd fokussiere ich den Mann vor mir, der mit nur sechsunddreißig eine Institution auf Wiens Partymeile ist – und nicht nur hier. Sein Fashionlabel hat innerhalb kurzer Zeit nach der Gründung den gesamten europäischen Markt erobert und breitet sich nun auch in Übersee aus. Mit der Eventagentur hat er ein drittes umsatzstarkes Standbein geschaffen, und seitdem ich das Studium beendet habe, arbeite ich für Vibes Events.
»Ich weiß, dass dir solche Typen zuwider sind, Kleines, aber das ist unser Job. Da musst du jetzt durch.« Jason legt einen Arm um meine Schultern, zieht mich an sich und drückt mir einen Kuss auf die Stirn. »Außerdem geht es nicht um die drei mit den silikonierten Puppen, sondern um den anderen. Er ist der Auftraggeber.«
Mein Blick folgt seinem Fingerzeig über die gläserne Brüstung nach unten zu dem Tisch. Der Typ von vorhin steckt mit einer Hand immer noch im Ausschnitt der Tussi fest, nur bewegt er jetzt auch die zweite – und zwar zwischen ihren Beinen vor und zurück. Einer der anderen versucht offenbar, mit der Zunge die Tiefe des Rachens seiner Begleiterin zu erforschen. Der dritte im Bunde hat jedoch nur einen Arm locker um die Schultern der Frau neben sich gelegt. Allerdings ohne sie anzusehen, denn er unterhält sich mit dem einzigen Mann, an dem keine fleischgewordene Barbie klebt. Ausgerechnet ihn kann ich von hier oben nur von hinten sehen. Er hat schwarzes Haar, das im Gegensatz zu Jasons Locken glatt und akkurat, aber nicht allzu kurz geschnitten ist. Wie die anderen an seinem Tisch trägt er einen Anzug – allerdings füllen seine breiten Schultern das unübersehbar maßgeschneiderte Jackett auf eine Art und Weise aus, die mich unweigerlich an schweißtreibenden Männersport denken lässt. An American Football oder Rugby. Als ob ich ein Stück Sachertorte vor mir hätte, sammelt sich Speichel in meinem Mund. Ich schlucke.
»Was will er von uns?« Meine Stimme ist zittrig – oder bilde ich mir das nur ein?
Zum Glück ist Jasons Kopf unmittelbar neben meinem, sonst hätte er meine geflüsterte Frage nicht verstanden.
»Wir sollen eine, sagen wir mal, spezielle Party«, er malt Gänsefüßchen in die Luft, »für seine russischen Geschäftspartner organisieren.«
Langsam drehe ich den Kopf und sehe zu ihm auf. Jason schaut mich mit unbeweglichem Gesichtsausdruck an, und plötzlich spüre ich das hektische Pulsieren meiner Halsschlagader. Reflexartig hebe ich die Hand und lege zwei Finger an die Stelle, als ob ich meinen Puls mit der Geste kontrollieren könnte, und frage krächzend:
»Eine Sexparty? Du willst, dass ich diesem Typen Nutten besorge?«
»Das kann doch ich tun«, grätscht plötzlich Steve dazwischen.
Unser Chef taxiert stirnrunzelnd das eng geschnittene Hemd, die löchrigen Designerjeans und die schwarz-weißen Hugo-Boss-Sneaker meines Kollegen-Schrägstrich-besten-Freundes, bevor er aufsieht.
»Vergiss es.«
»Nur weil ich schwul bin, heißt das noch lange nicht, dass ich nichts von Frauen verstehe.« Steve hebt die Arme, streicht sich über den perfekt getrimmten Fünftagebart, die seitlich kurz rasierten Haare und kontrolliert schließlich den Sitz seines Samurai-Buns. Wie immer, wenn er sich angegriffen fühlt oder nervös ist.
»Natürlich nicht, immerhin kleben dir ständig welche an der Backe«, frotzelt Jason. »Aber der Kunde ist König, und dieser hat ausdrücklich nach Leonie verlangt.« Er winkt mit einem Seufzen ab und schaut wieder zu mir. »Außerdem will er keine x-beliebigen Nutten, sondern die besten Callgirls auf dem Markt. Und dazu sicher französischen Champagner, Wiener Küche, exklusives Catering und all das Pipapo, auf das Russen eben stehen.«
Ein unangenehmer Schauer rinnt von meinem Nacken die Wirbelsäule abwärts. Es fühlt sich wie eine böse Vorahnung an.
»Und er hat explizit nach mir gefragt? Warum denn das?«
Ich komme mir ziemlich hilflos vor. Fehlt nur noch, dass ich schockiert nach Luft japse. Die Agentur hat sich rasant zu einer der besten Wiens entwickelt, die Presse erwähnt Vibes Events stets positiv, und unsere Kunden sorgen mit Mundpropaganda, dass wir unser Marketingbudget von Jahr zu Jahr geringer halten können. Wir sind dafür bekannt, seriös zu sein, und unser Schwerpunkt liegt auf Mode und Kunst. Natürlich organisieren wir auch Firmenjubiläen, manchmal Sportevents und hin und wieder – die mir so verhassten – Hochzeiten von Promis. Aber eine Sexparty? Unser Chef lehnt doch sogar kategorisch jedes Musikevent ab, weil er nichts mit zugedröhnten Popstars und hysterischen Groupies zu tun haben will!
»Er hat deine Bio auf der Website gesehen, Leonie«, beantwortet Jason meine Frage.
»Wahrscheinlich hat ihm dein Foto gefallen.«
Steve, mit dem ich gemeinsam studiert habe und der ebenfalls in der Agentur als Eventmanager für Jason arbeitet, grinst.
Ich schnaufe und werfe erneut einen Blick über die Brüstung. Einer dieser Barbie-Verschnitte sitzt mittlerweile rittlings auf ihrem Begleiter und reibt sich an ihm, während sie am Strohhalm ihres kunterbunten Cocktails nuckelt. Der daneben vergräbt sein Gesicht zwischen den Silikontitten der Tussi, die mit entrücktem Gesichtsausdruck seinen Kopf umfasst. Die anderen scheinen hingegen nicht einmal zu bemerken, was an ihrem Tisch geschieht. Die beiden Männer unterhalten sich wie vorhin – und die dritte Frau ist verschwunden. Ob die überhaupt zusammengehören? Natürlich, berichtige ich mich sofort. Dieses schräge Verhalten typischer Schnösel, die sich einen Dreck um ihren Ruf scheren, passt doch genau zu Typen, die Sexpartys feiern – und mir wird schlecht, wenn ich noch länger zuschaue. Mit einem Ruck drehe ich mich um, straffe mich in den Schultern und deute zur Treppe.
»Gehen wir?«
Jason hält mich am Arm zurück und schaut zu Steve.
»Ich verstehe ja, dass du nach meinem Anruf im Büro mit Leonie hergekommen bist, aber jetzt genieß einfach den Abend – und zwar nicht hier. Nicht mit diesen Jeans, okay? Die Leute wissen, dass du für mich arbeitest.«
Steve starrt runter auf seine Sneakers – und plötzlich ist da keine Spur mehr von der Überheblichkeit, die er bis vorhin an den Tag gelegt hat. Ohne noch einmal aufzusehen, murmelt er einen Gruß und verschwindet.
Jason grinst ihm hinterher, bevor er sich räuspert und sich die Hände reibt.
»Auf in den Kampf, Leonie. Wir beide gehen jetzt hinunter, ich stelle dich kurz vor, und ihr macht einen Termin für morgen aus, okay? Versuch einfach, für ein paar Minuten über das Benehmen der anderen an seinem Tisch hinwegzusehen – auch wenn es dir schwerfällt.«
Ich seufze laut hörbar. »Ja, ja, ich weiß: Der Kunde ist König.«
Ich streiche den Rock meines Tailleurs glatt, ziehe die Jackenärmel nach unten und kontrolliere anschließend mit den Fingern, dass der Kragen der Bluse perfekt liegt und nur die obersten beiden Knöpfe offen sind. Dieser Lustmolch soll gleich wissen, dass ich nicht zu der Kategorie Frauen gehöre, mit denen er sich normalerweise umgibt. Da ich keinen Lippenstift dabeihabe, befeuchte ich meine Lippen mit der Zunge und lasse zu, dass Jason seine Hand zwischen meine Schulterblätter legt und mich sanft vor sich her zur Treppe dirigiert.
2
Genervt zerre ich an dem Krawattenknoten, der meine Kehle einengt, und frage mich zum wohl hundertsten Mal in der letzten halben Stunde, warum ich Max und die anderen beiden ins Vibes mitgenommen habe. Vor allem die zwei, die sich benehmen wie in einem Puff und ihre Griffel nicht bei sich behalten. Ganz zu schweigen davon, dass diese hirnlosen Puppen, an denen so gut wie nichts echt und in deren Vokabular das Wort Schamgefühl ein Fremdwort ist, mir mit ihrem Gekicher auf den Keks gehen. Wobei die eigentliche Frage, die mir seit dem gestrigen Abend unablässig durch den Kopf spukt und mir eine schlaflose Nacht und einen beschissenen Tag beschert hat, definitiv eine andere ist.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich nämlich meiner Sekretärin aufgetragen, Vibes Events anzurufen und einen Termin mit Leonie Löwenstein auszumachen. Aber nein! Mein Vater, der mir in allen geschäftlichen Belangen freie Hand lässt und hundertprozentig vertraut, hat mir tatsächlich Anweisungen erteilt. Zum ersten Mal seit so langer Zeit, dass ich grübeln muss, um mich zu erinnern, wann dies zuletzt der Fall war. So etwas ist nie passiert, seitdem wir die Firma gemeinsam leiten, und auch nicht während des Studiums – obwohl ich mir da ein paar Aktionen geleistet habe, für die ich mir zumindest einen Anschiss verdient hätte.
Aber nein, das letzte Mal war an meinem achtzehnten Geburtstag, als er mir den Spider schenkte und den Schlüssel erst ausgehändigt hat, nachdem er mir die komplette Straßenverkehrsordnung heruntergebetet und mich eindringlich gewarnt hat. Davor, keinen Alkohol zu trinken (was ich damals ohnehin nicht tat), wenn ich mich ans Steuer setzte, und das Handy ausschließlich über die Freisprecheinrichtung zu verwenden. Aus meinem Vater hat an diesem Tag die Angst gesprochen, dass ich einen Unfall bauen und er auch mich verlieren könnte, wie er mir Jahre später anvertraut hat. Verständlich, haben wir doch nur einander.
Aber das Gespräch gestern Abend war eine andere Nummer. Der Grund für seine detaillierten Anweisungen war keiner, der uns beide betrifft, sondern von Gefühlen diktiert. Für seinen ehemals besten Freund, mit dem er vor Jahrzehnten jede freie Minute verbrachte, bis sie sich aus den Augen verloren haben. Auf meine Frage, warum das geschehen ist und er nie von diesem Mann gesprochen hat, hat er nicht geantwortet. Auch nicht, weshalb er ihm jetzt helfen will, wo der andere sich doch erst vor ein paar Tagen wieder bei ihm gemeldet hat, nur um ihn um einen Gefallen zu bitten ...
»Wie lange willst du noch warten?«, dringt jetzt Max’ Stimme zu mir durch.
Mit einem Blinzeln schiebe ich die Gedanken beiseite und fokussiere meinen besten Freund. Der streicht sich mit der für ihn typischen Geste durch den blonden Haarschopf, der sich wie üblich vor sein rechtes Auge geschoben hat, und schaut mich abwartend an.
»Bis sie kommt«, erwidere ich lakonisch.
Ein Stirnrunzeln ist die Antwort. Verständlich. Immerhin habe ich ihm nur gesagt, dass ich für meinen Vater etwas Geschäftliches erledigen und aus diesem Grund eine Mitarbeiterin von Vibes Events treffen muss, ohne ihn näher einzuweihen. Das war nach dem Telefonat mit Jason Hart, den ich um die Mittagszeit herum endlich erreicht und dem ich mein Anliegen vorgetragen habe. Aufgrund der knappen Zeit schlug er mir vor, noch am heutigen Abend ins Vibes zu kommen und die Eventmanagerin zu treffen, die bis dahin beschäftigt war. Danach habe ich Max gebeten, Thomas und Peter ins Vibes einzuladen und dafür zu sorgen, dass sie sich Frauen mitbrachten. Ausgerechnet diese beiden Vatersöhnchen, denen der Ruf vorauseilt, dass sie sich einen Dreck darum scheren, was andere über sie denken, und die grundsätzlich nur mit strohdummen, zum Ausgleich jedoch extrem geilen Weibern auftauchen. Nicht im Sinne von sexy und anturnend, sondern aufgegeilt und stets bereit – also genau der Typ Frauen, der mich ankotzt. Aber ich muss die Rolle des reichen, proletenhaften Emporkömmlings spielen, der für seine Kunden eine Sexparty organisiert, als ob dies für mich alltäglich wäre und ich eben mal für die Organisation eines Abends eine neue Agentur ausprobieren wollte. Dabei verspüre ich schon jetzt den Drang, Richtung Toilette zu verschwinden und mich auszukotzen, nur weil ich die beiden, die sich anderen gegenüber sogar als meine Freunde bezeichnen, ständig im Blick habe. Die Weiber, die sie mitgebracht haben, sind absolut das Letzte. Die eine, deren hautenges Schlauchkleid sie obenherum kaum mehr bedeckt, quiekt wie ein Ferkel, weil Peter abwechselnd in ihre Nippel beißt – als ob sie bei all dem Silikon etwas spüren könnte. Und die andere ... Fremdschämen ist angesagt. Thomas fingert sie so offensichtlich und tief, dass sie ekstatisch stöhnt. Dabei bin ich mir hundertprozentig sicher, dass der Orgasmus schlicht und einfach gespielt ist. Sie legt es einzig darauf an, ihn zu überzeugen, dass sie die einzig Richtige für ihn ist. Wie all die anderen, die von einem Leben zwischen Reichtum und Nichtstun träumen – und sich uns allen an den Hals werfen. Was nicht nur mir, sondern auch Max gehörig gegen den Strich geht. Deshalb hat mein Freund diesen Hungerhaken, den Peter und Thomas für ihn mitgebracht haben, vorhin unmissverständlich abserviert. Was mindestens zehn Minuten her ist. Ich schiebe den Ärmel hoch, studiere stirnrunzelnd das Ziffernblatt und presse verärgert die Lippen zusammen.
»Du hättest vielleicht doch eine Uhrzeit ausmachen sollen«, meint Max grinsend.
»Halt den Mund«, murmele ich, greife an den Krawattenknoten und zerre an dem Stoff, bis sich das Teil endlich löst. Mit einer Hand stopfe ich die Krawatte in die Jackentasche, während ich mit der anderen die obersten Hemdknöpfe öffne. In diesem Moment schweift Max’ Blick an mir vorbei und seine Augen werden tellerrund. Ich drehe langsam den Oberkörper zur Seite und schaue über die Schulter hinter mich.
Jason Hart, den die Presse aufgrund seiner Hautfarbe nur mit dem Namen Toffifee bezeichnet, wirkt noch größer und breiter als am Abend der offiziellen Wiedereröffnung des Vibes vor sechs oder sieben Jahren. Damals hat uns irgendjemand vorgestellt, doch wir haben unsere Bekanntschaft nie vertieft. Ich bin nicht der Typ, der sich die Nächte in irgendwelchen Szenelokalen im Bermudadreieck um die Ohren schlägt. Abgesehen davon sind zwei Alphamännchen wie Jason und ich, die diesen Status ihren Mitmenschen nicht nur vorspielen, nur selten kompatibel und geraten leicht aneinander – vor allem, wenn der eine etwas hat, was der andere will. In der Tierwelt wäre ich jetzt ein gereizter Panther und würde knurren – denn Jason Harts Hand liegt auf dem Rücken der Frau, deren Name mir mein Vater genannt hat. Ihre Bio und ihr Foto kenne ich von der Website von Vibes Events – und es wird ihr absolut nicht gerecht.
Sie reicht Hart gerade mal bis zur Schulter, aber dieser kleine Körper enthält eine geballte Ladung an Weiblichkeit, die meinen Puls in die Höhe schnellen lässt. Und das, obwohl sie ein unsäglich langweiliges nachtblaues Business-Tailleur und darunter eine weiße Bluse trägt, der Rock erst knapp oberhalb des Knies endet – und ihre Füße in klassischen Pumps mit niederem Absatz stecken. Meine Augen gleiten langsam wieder aufwärts zur Rundung ihrer Hüften, über die ihrer Brüste, das bisschen sichtbare Haut zwischen ihren Schlüsselbeinen, überwinden ihren schlanken Hals, erreichen das Gesicht – und augenblicklich fühle ich mich wie schockgefroren. Ihr Blick ist derart verachtend, dass ich Mühe habe, mich aus dem Stuhl hochzudrücken und Jason Harts dargebotene Hand zu ergreifen.
»Tut mir leid, dass wir es nicht früher geschafft haben, Herr Schwarzenberg, ein Termin jagt den anderen. Aber das kennen Sie ja.«
Wir, höre ich und verspüre ein nagendes Gefühl in meiner Brust. Was auch immer Toffifee und diese Frau verbindet, ich habe den dringenden Wunsch, mich zwischen die beiden zu stellen, um ihren Körperkontakt zu unterbrechen.
»Wer kann das besser verstehen als ich«, bestätige ich stattdessen seine Aussage und bemerke, dass ich Jason Harts Körpergröße zwar nicht überschreite, jedoch nicht kleiner bin. Was ziemlich ungewohnt für mich ist, denn knapp unter eins neunzig ist die freie Sicht nur selten verstellt.
»Wenn wir keine Events haben, halte ich meinen Mitarbeitern die Abende grundsätzlich frei, aber Ihre Anfrage war so dringlich, dass ich Frau Löwenstein gebeten habe ...«
Jason Hart vollendet den Satz nicht – dafür spiegelt sich im Gesicht seiner Eventmanagerin unübersehbare Abscheu wider. Ich begreife, dass dieser offenbar mir persönlich gilt, als hinter mir eine viel zu hohe, affektierte Stimme erklingt.
»Jetzt steh doch nicht so da, du dumme Kuh. Beweg dich und hol etwas zum Aufwischen!«
Leonie zuckt zusammen. Jason Hart nimmt die Hand von ihrem Rücken (endlich!), hebt sie über seinen Kopf und schnippt laut mit den Fingern. Im selben Moment drehe ich mich zu meinem Tisch um und erfasse die Situation. Eines der Gläser ist umgefallen. Der rosarote Cocktail bildet eine klebrige Pfütze und tropft am Tischrand zu Boden. Peters Begleiterin hat ihre Knie angezogen und zerrt zugleich den Stoff ihres Kleides über die freigelegten Nippel nach oben, während ihre Freundin an mir vorbei ausgerechnet Jason Harts Mitarbeiterin auffordernd anfunkelt.
»Man sollte meinen, dass das Personal in diesem Lokal den Preisen entspricht, findet ihr nicht?«, fragt sie um Zustimmung heischend in die Runde. Sie schaut von einem zum nächsten, bis ihr Blick bei Max landet, der seinen Finger senkrecht an die Lippen legt. Aber natürlich begreift sie nicht.
»Also was ist jetzt?«, fordert sie noch schriller. »Tun Sie was für Ihr Geld!«
Leonie läuft rot an – und ich sehe rot. Ich strecke den Arm aus, packe die quengelnde Tussi am Handgelenk und ziehe sie mit einem Ruck näher.
»Du könntest dir hier nicht einmal das Getränk leisten, wenn du nicht eingeladen wärst«, sage ich mit eisiger Stimme. »Im Gegensatz zu dir arbeitet Frau Löwenstein«, ich deute zu Leonie, »als Managerin einer Agentur – und hat rein gar nichts mit diesem Lokal zu tun. Du entschuldigst dich also jetzt, dann nimmst du deine Freundin und ihr beide verschwindet auf Nimmerwiedersehen!«
»Ich denke doch nicht im Traum dran!«, keift sie zurück und eine Speichelblase bildet sich an ihrem Mundwinkel. Während sie Thomas mit Blicken um Hilfe bittet, versucht sie, sich aus meinem Griff loszureißen.
Ich umklammere sie nur noch fester, bis sie das Gesicht schmerzvoll verzieht und »Du tust mir weh« winselt.
Ein Kellner schiebt sich neben uns zum Tisch, wischt mit einem Feuchttuch über die Platte und stellt das umgefallene Glas auf sein Tablett.
»Soll ich Ihnen noch einen bringen?«
Auf seine Frage hin lache ich heiser auf.
»Im Gegenteil. Sie können alles abräumen, die Herrschaften wollen gehen.«
Als ob ich eine Startpistole abgefeuert hätte, stehen Thomas und Peter zugleich auf, nicken Max und mir zu und steuern auf den Ausgang zu. Die beiden Frauen starren ihnen nach. Dann startet die eine durch und zappelt auf ihren High Heels hinterher. Die andere versucht es – wird aber immer noch von meinem eisernen Griff zurückgehalten und stolpert zurück gegen mich. Ich drehe ihren Arm so, dass sie leicht in die Knie geht und zu mir aufsehen muss.
»Ich habe gesagt, du sollst dich entschuldigen!«, knurre ich.
Sie presst ihre Zähne aufeinander und funkelt mich aus feuchten Augen an.
»An deiner Stelle würde ich tun, was Benjamin sagt«, fordert Max sie jetzt mit leiser, aber durchdringender Stimme auf.
Hektisch geht ihr Blick von meinem Freund zu mir und landet dann bei Jason Hart, der die Arme vor der Brust verschränkt hat. Nur mit einer Augenbewegung gibt er ihr zu verstehen, dass sie sich nicht an ihn, sondern an seine Mitarbeiterin richten soll.
Leonie Löwenstein verharrt bewegungslos mit neben dem Körper herabhängenden Armen und leicht geröteten Wangen. Sie beobachtet die Szene, als ob sie nicht daran beteiligt wäre. Bei ihrem Anblick verselbstständigen sich meine Gedanken. Ich vermute, dass ihre rotbraunen, zu einem strengen Chignon aufgesteckten Haare bis weit über ihre Schultern reichen und versuche zu begreifen, ob ihre Augen eher blau oder grau oder braun sind, als die unsägliche Person an meiner Seite schrill »Tschuldigung« keucht und sich mit einem Ruck losreißt und davonrennt.
»Die sind wir endlich los«, kommentiert Max trocken, steht auf und verbeugt sich vor Leonie. »Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Maximilian Kaunitz. Ich bin ...«
Ich schubse Max zur Seite und strecke die Hand aus.
»Er ist mein bester Freund, Frau Löwenstein. Der Kunde bin ich. Benjamin Schwarzenberg. Freut mich, Sie kennenzulernen.«
Widerwillen umspielt ihren Mund mit den ausgesprochen vollen, sinnlichen Lippen, als sie zögerlich den Arm ausstreckt und ihre Finger kurz die meinen berühren und sich ruckartig zurückziehen. Für mich fühlt es sich an, als ob ich mich an ihr verbrannt hätte – und sie sich an mir.
»Sie sind also der Mann, für den ich eine Sexparty organisieren soll«, speit sie mir entgegen – einer kalten Dusche gleich.
Ich komme mir wie der letzte Dreck vor, und es fällt mir nicht schwer, ihre Reaktion nachzuvollziehen. Eine Frau wie sie, die auf den ersten Blick so rein und pur und über den Dingen stehend wirkt, ekelt sich natürlich vor Männern, die ihre Geschäftspartner mit Sex weichkochen. In ihren Augen bin ich einer von denen, die für einen Deal zu allem bereit sind. Ich atme tief ein und straffe den Rücken. Keine Ahnung, warum ich das Bedürfnis habe, dieses verdammte Missverständnis sofort aufzuklären. Ich weiß nur, dass sie mir hier und jetzt die Gelegenheit geben muss, ihr zu erklären, dass ich in dieser Sache nicht für mich selbst tätig bin – und dann können wir noch einmal von vorn beginnen. Ich setze zum Sprechen an, doch sie wirft mir einen verächtlichen Blick zu und kommt mir zuvor.
»Ich erwarte Sie morgen um zehn bei mir im Büro, um die Details abzuklären, Herr Schwarzenberg. Guten Abend.«
Sie nickt Jason und Max zu, dreht sich blitzschnell um und geht eilig auf eine Treppe zu. Erst als sie auf halbem Weg nach oben ist, wird mir klar, dass sie mich einfach hat stehen lassen – als ob sie auf der Flucht wäre. Nicht einmal ihre Augenfarbe habe ich erkennen können!
»Sie mag spröde wirken, aber in ihrem Job ist sie ausgezeichnet, Herr Schwarzenberg – und darauf kommt es an, richtig?«
Ich runzele die Stirn, bevor ich Jason Hart mit einem Nicken zustimme. Er ist ihr Chef – und so wie es ausgesehen hat, ist da noch mehr. Welcher Art auch immer die Beziehung zwischen den beiden ist, es konnte nicht schaden, mit ihm auf freundschaftlicher Basis zu verkehren. Sonst ist mir komplett egal, was andere von mir denken, aber in diesem Fall ist schlichtweg nichts wie gewohnt. Das war es schon seit gestern Abend nicht, als mein Vater mich mit dem absurden Plan überrumpelt und mir meine Rolle darin förmlich aufgezwungen hat – und jetzt noch weniger. Leonie Löwenstein hat etwas an sich, was mich wünschen lässt, sie nicht in dieser irrwitzigen Situation kennengelernt zu haben. Doch Hindernisse sind dazu da, um überwunden zu werden – und wenn ich mir ein Ziel setze, kann mich nichts aufhalten, bis ich es nicht erreiche. Das war schon immer so und wird in diesem Fall nicht anders sein. Ich muss herausfinden, was hinter Leonies Fassade steckt, denn sie wirkte vorhin auf mich, als ob sie von Kopf bis Fuß maskiert gewesen wäre. Dass sie ein Kostüm getragen hat, war jedoch viel schlimmer, als einer mit einer Burka voll verschleierten Frau gegenüberzustehen.
»Was halten Sie davon, wenn wir das steife Sie ...«, wende ich mich jetzt an ihren Chef. Irgendwo muss ich ja beginnen – warum als nicht bei ihm?
»Einverstanden«, unterbricht mich Jason, legt eine Hand auf meine Schulter und berührt mit der anderen die von Max. »Cognac oder Whiskey?«
3
Wie von Furien gehetzt renne ich zu Jasons Büro, stolpere über die Schwelle, zerre meine Handtasche aus dem Schrank, eile die rückwärtige Treppe nach unten und verlasse das Lokal durch den Personaleingang. Die schwere Metalltür fällt mit einem lauten Knall hinter mir ins Schloss, als ich bereits aus dem Hinterhof auf den Rabensteig laufe. Ich schlängele mich zwischen Grüppchen von Menschen hindurch, die vor dem Vibes auf Einlass warten, weiche den unzähligen Passanten auf dem Gehsteig aus und steuere die freiere Fahrbahnmitte an. Wahrscheinlich würde ich das auch tun, wenn die verkehrsarme Zone abends nicht für jeglichen Verkehr verboten wäre. Ich will weg! Nur weg von diesem Schwarzenberg, der mir Schweißausbrüche und Schüttelfrost beschert. Meine Absätze klappern auf dem Asphalt im Takt meines aufgeregt klopfenden Herzens. Ich biege in den Fleischmarkt ein, dreißig Meter später in die Rotenturmstraße, doch trotz der zunehmenden Entfernung vom Vibes pocht mein Puls immer noch wie verrückt. Ich hebe den Kopf und suche mit dem Blick den Steffl, wie die Wiener den hohen Südturm des Stephansdoms liebevoll nennen. Sonst beschert mir der Anblick des hoch aufragenden gotischen Kirchturms stets ein Gefühl des inneren Friedens – doch nicht heute. Und das, obwohl er sich zeigt, wie ich ihn am meisten liebe: hell erleuchtet vor dem sternenklaren Abendhimmel. Meine Beine schmerzen, ich habe Seitenstechen und bekomme keine Luft mehr. An der Ecke zur Wollzeile bleibe ich stehen, lasse die Tasche von der Schulter rutschen und presse sie an meine Brust. Ich zwinge mich, tief durchzuatmen und die Bilder aus meinem Kopf zu vertreiben. Doch es klappt nicht. Immer noch sehe ich ihn vor mir, obwohl ich den Stephansturm vor Augen habe.
Seine breiten Schultern, die glänzend schwarzen Haare, das gewinnende Lächeln. Die etwas vollere Unterlippe, die eine Spur zu weiblich wirken würde, wäre da nicht der dunkle Bartschatten auf seinem markanten Kinn, der mich wünschen lässt, meine Hand auszustrecken und darüberzustreichen. Um dann mit dem Zeigefinger die Spitze seiner perfekt geformten aristokratisch anmutenden Nase zu berühren und über den Nasenrücken aufwärtszugleiten, bis zu dem Punkt zwischen den kohlschwarzen Augenbrauen und diese entlangzufahren, um festzustellen, ob sie gezeichnet sind. Denn nichts an diesem Mann scheint real zu sein – am wenigsten seine Augen. Seine Iriden sind von einem Grün, wie selbst die Natur mit all den Schattierungen von Gräsern und Sträuchern und Bäumen nicht hervorbringen kann. Als ob Smaragde sich mit frischem Moos und einem Gebirgssee vereint hätten, um ihnen Glanz und Tiefe zu verleihen – und in mir den absurden Wunsch auszulösen, darin zu versinken. Benjamin Schwarzenberg ist der schönste Mann, den ich in meinem Leben gesehen habe – und ein berechnender, großkotziger, nur auf seinen Vorteil bedachter Mistkerl. Einer von der schlimmsten Sorte! Einer, für den es normal ist, sich mit Nutten zu umgeben und seine Geschäftspartner mit käuflichem Sex zu einem Deal zu drängen. Einer, der aus einer Laune heraus nicht nur Vibes Events, sondern mich persönlich ausgesucht hat, um sich von mir eine dieser versauten Partys organisieren zu lassen. Sein unwiderstehlicher Geruch nach Zitrusfrüchten und Vetiver und seine eigene allzu sinnliche Duftnote hat mich wie eine Wolke eingehüllt, als seine Finger die meinen berührten – und nicht nur mein Hirn, sondern mein ganzer Körper knapp an einem Kurzschluss vorbeischrammte. Der Schlag, den dieser flüchtige Kontakt zwischen uns hervorgerufen hat, wirkt immer noch in mir nach.
Hilfe suchend hebe ich den Blick zum Steffl, und obwohl ich meinen Glauben vor langer Zeit ganz hinten in einer Schublade vergraben habe, hoffe ich auf eine himmlische Eingebung. Und plötzlich scheint es, als ob irgendjemand dort oben mich erhören würde. Ich drücke den Rücken durch, schiebe den Riemen der Handtasche zurück auf die Schulter, biege in die Wollzeile ein und hole so weit aus, wie es der enge Rock und die Absätze zulassen. Und bei jedem Schritt wiederhole ich: »Denk nicht an ihn, denk nicht an ihn, denk nicht an ihn.« Als ich in die Riemergasse einbiege, rufe ich laut: »Nie wieder!«
Schwer atmend gehe ich an der Kreuzung nach links. Noch nie ist mir der Weg vom Vibes zu meiner Wohnung so lang vorgekommen wie heute. Dabei ist die Zedlitzgasse keine zehn Minuten vom Rabensteig entfernt. Meine Beine fühlen sich an wie Gummi, als ich endlich vor dem Hauseingang stehe, die Hand in der Tasche vergrabe und darin nach dem Schlüsselbund wühle. Mit bebenden Fingern finde ich ihn, ziehe ihn heraus – und er entgleitet mir. Mit einem scheppernden Geräusch fällt er zu Boden. »Verflixt und zugenäht«, stoße ich aus, beuge mich vor – und höre ein lautes »Ratsch«. Die rückwärtige Naht meines Rocks ist vom Schlitz her aufgerissen. Ich spüre den kühlen Lufthauch zwischen meinen Oberschenkeln. Den Tränen nahe ergreife ich die Schlüssel und richte mich auf. Ein schriller Pfiff lässt mich zusammenzucken.
»Ja was haben wir denn da?«
Eine Hand legt sich auf meinen Po.
Furios drehe ich mich um, klatsche meine Handtasche mit vollem Schwung dem widerlichen Kerl ins Gesicht und schreie: »Verschwinde, du Arschloch!«
»Verfluchte Schlampe! Dreckstück! Zuerst anmachen und dann ...«
Er stinkt nach Bier und Rauch, sein Kopf kommt immer näher, und ich stehe wie erstarrt da und warte auf das Unvermeidliche. Schluchzend schließe ich die Augen.
»Schleich dich, du Scheißkerl, oder ich hetz den Hund auf dich!«
Diese Stimme ... Ich blinzele unter den tränenverhangenen Lidern hervor und erkenne den Herrn Weber aus dem ersten Stock. Neben ihm Bandit, seinen Schäferhund, der mit hochgezogenen Lefzen dem dunklen Schatten hinterherknurrt, der davonrennt.
»Was machst du denn für Sachen, Mädel.«
Der alte Mann öffnet seine Arme und ich fliege an seine Brust.
»Danke, danke, danke.«
Er legt beschwichtigend eine Hand auf meinen Rücken.
»Nicht einmal im ersten Bezirk ist man mehr sicher«, murmelt er, bevor er mich vorsichtig von sich schiebt und seinem immer noch knurrenden Hund über den Kopf streicht.
»Aus jetzt, Bandit. Den haben wir verjagt, der kommt nimmermehr.«
Der Schäferhund sieht zu seinem Herrchen auf und dann stupst er mir mit der Schnauze gegen das Bein.
»Gott sei Dank seid ihr gekommen«, flüstere ich.
»Damit hat der Herrgott gar nichts zu schaffen, nur die schwache Blase vom Bandit, wegen der wir noch einmal rausmussten. Dem geht’s halt wie mir, meinem alten Hund.«
So scherzhaft seine Worte klingen, so ernst sind sie gemeint. Beim Begräbnis seiner Frau vor ein paar Jahren hat er mir seine Angst vorm Alleinsein gestanden. Mit einem müden Lächeln zieht er jetzt seinen Schlüssel aus der Hosentasche, öffnet die Haustür und deutet mir, einzutreten. Ich rufe den Lift, obwohl ich sonst immer die Treppe nehme – doch bis in den vierten Stock schaffe ich es sicher nicht. Eigentlich will ich mich einzig und allein in meiner Wohnung vergraben, nur kann ich meine beiden Retter nicht einfach stehen lassen.
»Wollen Sie noch auf ein Bier oder ein Glas Wein zu mir hinaufkommen, Herr Weber?«
»Das ist lieb von dir, Mädel, aber nein danke«, erwidert er mit einem sanften Lächeln. »Für uns beide ist es schon spät – und du solltest auf den Schreck hin besser schauen, dass du ins Bett kommst. Oder hast du morgen frei?«
»Schön wär’s«, seufze ich auf und winke Herrchen und Hund zu, als sich die Lifttüren hinter mir schließen – und dann stürzt all die Aufregung mit geballter Kraft über mich ein.
Meine Beine beginnen zu zittern, und nur mit Mühe halte ich mich aufrecht, bis sich die Türen im vierten Stock öffnen. Ich stolpere aus der Kabine zur Wohnungstür, suche mit bebenden Fingern nach dem richtigen Schlüssel und schaffe es erst beim dritten Anlauf, ihn ins Schloss zu schieben. Drinnen knipse ich das Licht im Flur an, lasse Schlüsselbund und Tasche fallen, werfe die Tür zu und sinke wie ein nasser Sack zu Boden. Hysterisch lache ich auf, als der Rock dabei noch weiter aufreißt. Ich schleudere die Pumps von den Füßen, zerre die Haarnadeln aus dem Chignon, fahre mir mit den gespreizten Fingern durch die Haare und lege den Kopf in den Nacken.
Und plötzlich sehe ich ihn wieder ganz klar vor mir. Benjamin Schwarzenberg. Diesen verachtenswerten, überheblichen, eingebildeten, feinen Pinkel, der wehrlose Frauen für seine dreckigen Geschäfte einspannt. Was für welche das sind, will ich gar nicht wissen. Drogen und Menschenhandel kommen mir in den Sinn. Ich schüttele mich, presse die Handballen gegen die pochenden Schläfen und danke wem auch immer dafür, dass ich diesen Dreckskerl nie wiedersehen ...
Fassungslos hebe ich den Kopf und starre in den Flurspiegel. Ich erkenne die Frau nicht, die mich geradewegs anschaut und die den Verstand verloren haben muss. Denn wer, der im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, kann innerhalb einer Stunde einen Termin vergessen, den er (oder sie) selbst festgelegt hat. »Morgen um zehn Uhr bei mir im Büro«, habe ich ihm befohlen.
Ich, Leonie Löwenstein, Eventmanagerin bei Vibes Events, habe ihn, Benjamin Schwarzenberg, Neukunde und Arschloch, einbestellt wie ein Rektor einen Schüler. Der morgige ist demnach für mich ein Pflichttermin, einer, dem ich nicht entkommen kann – schon gar nicht unter den gegebenen Umständen. Außerdem habe ich nicht einmal seine Telefonnummer. Weiß nicht, welche Position er denn eigentlich in welchem Unternehmen bekleidet. Und den Namen seiner Firma kenne ich auch nicht. Nichts, rein gar nichts, weiß ich von ihm. Unprofessionell bis ins Knochenmark habe ich gehandelt – wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und das nur, weil ich diesen Mann aus tiefstem Herzen verabscheue ... und ebenso sehr begehre. Mit jeder Faser meines Körpers. Nackt. Vor mir, neben mir, hinter mir, auf mir. In mir.
Ich schnappe nach Luft und starre diese fremde Frau im Spiegel an, deren Augen lustvoll glänzen. Es ist abscheulich! Ich balle die Hand zur Faust und hebe sie an. Dann öffne ich den Mund und beiße zu. Und endlich, als der Schmerz unerträglich wird, lasse ich den Tränen freien Lauf. Kraftlos sinke ich in mir zusammen, rolle mich auf dem Flurteppich ein, umklammere meine Knie und versinke in der Verzweiflung, die wie hohe Wellen über mich hereinbricht.
4
