Faust I und II und Urfaust - Johann Wolfgang Goethe - E-Book

Faust I und II und Urfaust E-Book

Johann Wolfgang Goethe

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Beschreibung

Der 'Faust' ist ein Meisterwerk der Weltliteratur, das diesen Namen verdient, da es noch immer voller Bezüge zur Gegenwart steckt. Schon zu Goethes Zeiten war der Faust-Stoff Jahrhunderte alt, ihn selbst hat er zeit seines Lebens beschäftigt. Das Ergebnis ist eine Tragödie von fulminanter Kraft, Suggestion und Komplexität. Im Mittelpunkt steht der Pakt mit dem Teufel. Der zentrale Konflikt rankt sich um die Frage nach der Wahrheit des Lebens. Zwischen Gelehrtenstube und ausschweifender Hingabe an den profanen Genuss will Goethes Faust erkennen, was die Welt 'im Innersten zusammenhält'.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Johann Wolfgang von Goethe

Faust I und IIund Urfaust

Der sog. Urfaust wurde 1887 von dem Literaturhistoriker Erich Schmidt (1853–1913) im Nachlass des Hoffräuleins Luise von Göchhausen entdeckt und noch im selben Jahr unter dem Titel Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt nach der Göchhausenschen Handschrift bei Hermann Böhlau in Weimar von ihm herausgegeben. Der Text folgt hier der Edition von Erich Trunz in Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 3: Dramatische Dichtungen I. München: Beck 1986. Er wurde unter Wahrung von Lautstand, Interpunktion und grammatischen Eigenheiten den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.

»Faust I« erschien erstmals 1808 als 8. Band von Goethes Werken bei Cotta in Tübingen, die erste vollständige Aufführung fand am 19. Januar 1829 am Nationaltheater in Braunschweig statt.

»Faust II« erschien erstmals vollständig im Druck postum 1832 bei Cotta in Stuttgart und wurde am 4. April 1854 am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Die erste Gesamtaufführung beider Teile fand am 6. und 7. Mai 1876 am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar statt. – Diese Ausgabe folgt der Edition Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 3: Dramatische Dichtungen. Band 1: Faust I und II. 7. Auflage. Hamburg: Wegner 1965. Der Text wurde unter Wahrung des Lautstandes und grammatischer Eigenheiten der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.

© 2015 Anaconda Verlag GmbH, Köln

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv: Andrew Howat, »A Seat in the Stalls: Faust«

Private Collection/ © Look and Learn / www.bridgemanart.com

Umschlaggestaltung: agilmedien, Köln

eISBN 978-3-7306-9083-3

ISBN 978-3-7306-0051-1 (Urfaust)

ISBN 978-3-86647-774-2 (Faust I und Faust II)

www.anacondaverlag.de

[email protected]

Inhalt

Faust I

Zueignung

Vorspiel auf dem Theater

Prolog im Himmel

Der Tragödie erster Teil

Faust II

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

Vierter Akt

Fünfter Akt

Urfaust

Nacht

Auerbachs Keller in Leipzig

Landstraße

Straße

Abend

Allee

Nachbarin Haus

Garten

Ein Gartenhäuschen

Gretchens Stube

Marthens Garten

Am Brunnen

Zwinger

Dom

Nacht

Nacht. Offen Feld

Kerker

Faust I

Zueignung

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,

Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Versuch’ ich wohl, euch diesmal festzuhalten?

Fühl’ ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?

5 Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,

Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;

Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert

Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,

10 Und manche liebe Schatten steigen auf;

Gleich einer alten, halb verklungnen Sage

Kommt erste Lieb’ und Freundschaft mit herauf;

Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage

Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,

15 Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden

Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,

Die Seelen, denen ich die ersten sang;

Zerstoben ist das freundliche Gedränge,

20 Verklungen, ach! der erste Widerklang.

Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,

Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,

Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,

Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

25 Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen

Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,

Es schwebet nun in unbestimmten Tönen

Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,

Ein Schauer fasst mich, Träne folgt den Tränen,

30 Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;

Was ich besitze, seh’ ich wie im Weiten,

Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.

Vorspiel auf dem Theater

DIREKTOR. THEATERDICHTER. LUSTIGE PERSON.

DIREKTOR. Ihr beiden, die ihr mir so oft,

In Not und Trübsal, beigestanden,

35 Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen

Von unsrer Unternehmung hofft?

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,

Besonders weil sie lebt und leben lässt.

Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,

40 Und jedermann erwartet sich ein Fest.

Sie sitzen schon, mit hohen Augenbraunen,

Gelassen da und möchten gern erstaunen.

Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;

Doch so verlegen bin ich nie gewesen:

45 Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,

Allein sie haben schrecklich viel gelesen.

Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu

Und mit Bedeutung auch gefällig sei?

Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,

50 Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt

Und mit gewaltig wiederholten Wehen

Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt,

Bei hellem Tage, schon vor vieren,

Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht

55 Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,

Um ein Billett sich fast die Hälse bricht.

Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute

Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute!

DICHTER. O sprich mir nicht von jener bunten Menge,

60 Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.

Verhülle mir das wogende Gedränge,

Das wider Willen uns zum Strudel zieht.

Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,

Wo nur dem Dichter reine Freude blüht,

65 Wo Lieb’ und Freundschaft unsres Herzens Segen

Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

Ach! Was in tiefer Brust uns da entsprungen,

Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,

Missraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,

70 Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.

Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,

Erscheint es in vollendeter Gestalt.

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,

Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

LUSTIGE PERSON.

75 Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte.

Gesetzt, dass ich von Nachwelt reden wollte,

Wer machte denn der Mitwelt Spaß?

Den will sie doch und soll ihn haben.

Die Gegenwart von einem braven Knaben

80 Ist, dächt’ ich, immer auch schon was.

Wer sich behaglich mitzuteilen weiß,

Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;

Er wünscht sich einen großen Kreis,

Um ihn gewisser zu erschüttern.

85 Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,

Lasst Fantasie mit allen ihren Chören,

Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,

Doch, merkt euch wohl! Nicht ohne Narrheit hören!

DIREKTOR. Besonders aber lasst genug geschehn!

90 Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.

Wird vieles vor den Augen abgesponnen,

Sodass die Menge staunend gaffen kann,

Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,

Ihr seid ein viel geliebter Mann.

95 Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

100 Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;

Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

Was hilft’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht,

Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.

DICHTER. Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!

105 Wie wenig das dem echten Künstler zieme!

Der saubern Herren Pfuscherei

Ist, merk’ ich, schon bei Euch Maxime.

DIREKTOR. Ein solcher Vorwurf lässt mich ungekränkt:

Ein Mann, der recht zu wirken denkt,

110 Muss auf das beste Werkzeug halten.

Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,

Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt!

Wenn diesen Langeweile treibt,

Kommt jener satt vom übertischten Mahle,

115 Und, was das Allerschlimmste bleibt,

Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.

Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,

Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;

Die Damen geben sich und ihren Putz zum Besten

120 Und spielen ohne Gage mit.

Was träumet Ihr auf Eurer Dichterhöhe?

Was macht ein volles Haus Euch froh?

Beseht die Gönner in der Nähe!

Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.

125 Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,

Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.

Was plagt ihr armen Toren viel,

Zu solchem Zweck, die holden Musen?

Ich sag’ Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,

130 So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren.

Sucht nur die Menschen zu verwirren,

Sie zu befriedigen, ist schwer – –

Was fällt Euch an? Entzückung oder Schmerzen?

DICHTER. Geh hin und such dir einen andern Knecht!

135 Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,

Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,

Um deinetwillen freventlich verscherzen!

Wodurch bewegt er alle Herzen?

Wodurch besiegt er jedes Element?

140 Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt

Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt?

Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,

Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

Wenn aller Wesen unharmon’sche Menge

145 Verdrießlich durcheinander klingt,

Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe

Belebend ab, dass sie sich rhythmisch regt?

Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,

Wo es in herrlichen Akkorden schlägt?

150 Wer lässt den Sturm zu Leidenschaften wüten?

Das Abendrot im ernsten Sinne glühn?

Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten

Auf der Geliebten Pfade hin?

Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter

155 Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?

Wer sichert den Olymp? Vereinet Götter?

Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

LUSTIGE PERSON. So braucht sie denn, die schönen Kräfte,

Und treibt die dichtrischen Geschäfte,

160 Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt,

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

165 Und eh’ man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.

Lasst uns auch so ein Schauspiel geben!

Greift nur hinein ins volle Menschenleben!

Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt,

Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant.

170 In bunten Bildern wenig Klarheit,

Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,

So wird der beste Trank gebraut,

Der alle Welt erquickt und auferbaut.

Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte

175 Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,

Dann sauget jedes zärtliche Gemüte

Aus eurem Werk sich melanchol’sche Nahrung,

Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt,

Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.

180 Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen,

Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;

Ein Werdender wird immer dankbar sein.

DICHTER. So gib mir auch die Zeiten wieder,

185 Da ich noch selbst im Werden war,

Da sich ein Quell gedrängter Lieder

Ununterbrochen neu gebar,

Da Nebel mir die Welt verhüllten,

Die Knospe Wunder noch versprach,

190 Da ich die tausend Blumen brach,

Die alle Täler reichlich füllten.

Ich hatte nichts und doch genug:

Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.

Gib ungebändigt jene Triebe,

195 Das tiefe, schmerzenvolle Glück,

Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,

Gib meine Jugend mir zurück!

LUSTIGE PERSON. Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls,

Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,

200 Wenn mit Gewalt an deinen Hals

Sich allerliebste Mädchen hängen,

Wenn fern des schnellen Laufes Kranz

Vom schwer erreichten Ziele winket,

Wenn nach dem heft’gen Wirbeltanz

205 Die Nächte schmausend man vertrinket.

Doch ins bekannte Saitenspiel

Mit Mut und Anmut einzugreifen,

Nach einem selbst gesteckten Ziel

Mit holdem Irren hinzuschweifen,

210 Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,

Und wir verehren euch darum nicht minder.

Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,

Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

DIREKTOR. Der Worte sind genug gewechselt,

215 Lasst mich auch endlich Taten sehn!

Indes ihr Komplimente drechselt,

Kann etwas Nützliches geschehn.

Was hilft es viel von Stimmung reden?

Dem Zaudernden erscheint sie nie.

220 Gebt ihr euch einmal für Poeten,

So kommandiert die Poesie.

Euch ist bekannt, was wir bedürfen:

Wir wollen stark Getränke schlürfen;

Nun braut mir unverzüglich dran!

225 Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,

Und keinen Tag soll man verpassen.

Das Mögliche soll der Entschluss

Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,

Er will es dann nicht fahren lassen

230 Und wirket weiter, weil er muss.

Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen

Probiert ein jeder, was er mag;

Drum schonet mir an diesem Tag

Prospekte nicht und nicht Maschinen.

235 Gebraucht das groß’ und kleine Himmelslicht,

Die Sterne dürfet ihr verschwenden;

An Wasser, Feuer, Felsenwänden,

An Tier und Vögeln fehlt es nicht.

So schreitet in dem engen Bretterhaus

240 Den ganzen Kreis der Schöpfung aus

Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle

Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Prolog im Himmel

DER HERR. DIE HIMMLISCHEN HEERSCHAREN.

NachherMEPHISTOPHELES.

DIE DREI ERZENGELtreten vor.

RAPHAEL. Die Sonne tönt nach alter Weise

In Brudersphären Wettgesang,

245 Und ihre vorgeschriebne Reise

Vollendet sie mit Donnergang.

Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,

Wenn keiner sie ergründen mag;

Die unbegreiflich hohen Werke

250 Sind herrlich wie am ersten Tag.

GABRIEL. Und schnell und unbegreiflich schnelle

Dreht sich umher der Erde Pracht;

Es wechselt Paradieseshelle

Mit tiefer, schauervoller Nacht;

255 Es schäumt das Meer in breiten Flüssen

Am tiefen Grund der Felsen auf,

Und Fels und Meer wird fortgerissen

In ewig schnellem Sphärenlauf.

MICHAEL. Und Stürme brausen um die Wette,

260 Vom Meer aufs Land, vom Land aufs Meer,

Und bilden wütend eine Kette

Der tiefsten Wirkung rings umher.

Da flammt ein blitzendes Verheeren

Dem Pfade vor des Donnerschlags;

265 Doch deine Boten, Herr, verehren

Das sanfte Wandeln deines Tags.

ZU DREI. Der Anblick gibt den Engeln Stärke,

Da keiner dich ergründen mag,

Und alle deine hohen Werke

270 Sind herrlich wie am ersten Tag.

MEPHISTOPHELES. Da du, o Herr, dich einmal wieder nahst

Und fragst, wie alles sich bei uns befinde,

Und du mich sonst gewöhnlich gerne sahst,

So siehst du mich auch unter dem Gesinde.

275 Verzeih, ich kann nicht hohe Worte machen,

Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt;

Mein Pathos brächte dich gewiss zum Lachen,

Hättst du dir nicht das Lachen abgewöhnt.

Von Sonn’ und Welten weiß ich nichts zu sagen,

280 Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen.

Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag,

Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag.

Ein wenig besser würd’ er leben,

Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben;

285 Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Er scheint mir, mit Verlaub von Euer Gnaden,

Wie eine der langbeinigen Zikaden,

Die immer fliegt und fliegend springt

290 Und gleich im Gras ihr altes Liedchen singt;

Und läg’ er nur noch immer in dem Grase!

In jeden Quark begräbt er seine Nase.

DER HERR. Hast du mir weiter nichts zu sagen?

Kommst du nur immer anzuklagen?

295 Ist auf der Erde ewig dir nichts recht?

MEPHISTOPHELES. Nein, Herr! Ich find’ es dort, wie immer, herzlich schlecht.

Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,

Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.

DER HERR. Kennst du den Faust?

MEPHISTOPHELES.Den Doktor?

DER HERR.Meinen Knecht!

MEPHISTOPHELES. Fürwahr! Er dient Euch auf besondre

300 Weise.

Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.

Ihn treibt die Gärung in die Ferne,

Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;

Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne

305 Und von der Erde jede höchste Lust,

Und alle Näh’ und alle Ferne

Befriedigt nicht die tief bewegte Brust.

DER HERR. Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient,

So werd’ ich ihn bald in die Klarheit führen.

310 Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,

Dass Blut’ und Frucht die künft’gen Jahre zieren.

MEPHISTOPHELES. Was wettet Ihr? Den sollt Ihr noch verlieren,

Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,

Ihn meine Straße sacht zu führen!

315DER HERR. Solang’ er auf der Erde lebt,

Solange sei dir’s nicht verboten.

Es irrt der Mensch, solang’ er strebt.

MEPHISTOPHELES. Da dank’ ich Euch; denn mit den Toten

Hab’ ich mich niemals gern befangen.

320 Am meisten lieb’ ich mir die vollen, frischen Wangen.

Für einen Leichnam bin ich nicht zu Haus;

Mir geht es wie der Katze mit der Maus.

DER HERR. Nun gut, es sei dir überlassen!

Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,

325 Und führ’ ihn, kannst du ihn erfassen,

Auf deinem Wege mit herab,

Und steh beschämt, wenn du bekennen musst:

Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

330MEPHISTOPHELES. Schon gut! Nur dauert es nicht lange.

Mir ist für meine Wette gar nicht bange.

Wenn ich zu meinem Zweck gelange,

Erlaubt Ihr mir Triumph aus voller Brust.

Staub soll er fressen, und mit Lust,

335 Wie meine Muhme, die berühmte Schlange.

DER HERR. Du darfst auch da nur frei erscheinen;

Ich habe deinesgleichen nie gehasst.

Von allen Geistern, die verneinen,

Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last.

340 Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,

Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;

Drum geb’ ich gern ihm den Gesellen zu,

Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen. –

Doch ihr, die echten Göttersöhne,

345 Erfreut euch der lebendig reichen Schöne!

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,

Umfass’ euch mit der Liebe holden Schranken,

Und was in schwankender Erscheinung schwebt,

Befestiget mit dauernden Gedanken.

Der Himmel schließt, die Erzengel verteilen sich.

MEPHISTOPHELESallein.

350 Von Zeit zu Zeit seh’ ich den Alten gern,

Und hüte mich, mit ihm zu brechen.

Es ist gar hübsch von einem großen Herrn,

So menschlich mit dem Teufel selbst zu sprechen.

Der Tragödie erster Teil

NACHT

In einem hochgewölbten, engen gotischen ZimmerFAUSTunruhig auf seinem Sessel am Pulte.

FAUST. Habe nun, ach! Philosophie,

355 Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh’ ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

360 Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr’

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum –

Und sehe, dass wir nichts wissen können!

365 Das will mir schier das Herz verbrennen.

Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,

Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;

Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,

Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –

370 Dafür ist mir auch alle Freud’ entrissen,

Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,

Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,

Die Menschen zu bessern und zu bekehren.

Auch hab’ ich weder Gut noch Geld,

375 Noch Ehr’ und Herrlichkeit der Welt;

Es möchte kein Hund so länger leben!

Drum hab’ ich mich der Magie ergeben,

Ob mir durch Geistes Kraft und Mund

Nicht manch Geheimnis würde kund;

380 Dass ich nicht mehr mit sauerm Schweiß

Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;

Dass ich erkenne, was die Welt

Im Innersten zusammenhält,

Schau’ alle Wirkenskraft und Samen,

385 Und tu’ nicht mehr in Worten kramen.

O sähst du, voller Mondenschein,

Zum letzten Mal auf meine Pein,

Den ich so manche Mitternacht

An diesem Pult herangewacht:

390 Dann über Büchern und Papier,

Trübsel’ger Freund, erschienst du mir!

Ach! Könnt’ ich doch auf Bergeshöhn

In deinem lieben Lichte gehn,

Um Bergeshöhle mit Geistern schweben,

395 Auf Wiesen in deinem Dämmer weben,

Von allem Wissensqualm entladen,

In deinem Tau gesund mich baden!

Weh! Steck’ ich in dem Kerker noch?

Verfluchtes dumpfes Mauerloch,

400 Wo selbst das liebe Himmelslicht

Trüb durch gemalte Scheiben bricht!

Beschränkt von diesem Bücherhauf,

Den Würme nagen, Staub bedeckt,

Den, bis ans hohe Gewölb’ hinauf,

405 Ein angeraucht Papier umsteckt;

Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,

Mit Instrumenten vollgepfropft,

Urväter-Hausrat drein gestopft –

Das ist deine Welt! Das heißt eine Welt!

410 Und fragst du noch, warum dein Herz

Sich bang in deinem Busen klemmt?

Warum ein unerklärter Schmerz

Dir alle Lebensregung hemmt?

Statt der lebendigen Natur,

415 Da Gott die Menschen schuf hinein,

Umgibt in Rauch und Moder nur

Dich Tiergeripp’ und Totenbein.

Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land!

Und dies geheimnisvolle Buch,

420 Von Nostradamus’ eigner Hand,

Ist dir es nicht Geleit genug?

Erkennest dann der Sterne Lauf,

Und wenn Natur dich unterweist,

Dann geht die Seelenkraft dir auf,

425 Wie spricht ein Geist zum andern Geist.

Umsonst, dass trocknes Sinnen hier

Die heil’gen Zeichen dir erklärt:

Ihr schwebt, ihr Geister, neben mir;

Antwortet mir, wenn ihr mich hört!

Er schlägt das Buch auf und erblickt dasZeichen des Makrokosmus.

430 Ha! Welche Wonne fließt in diesem Blick

Auf einmal mir durch alle meine Sinnen!

Ich fühle junges, heil’ges Lebensglück

Neu glühend mir durch Nerv’ und Adern rinnen.

War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb,

435 Die mir das innre Toben stillen,

Das arme Herz mit Freude füllen

Und mit geheimnisvollem Trieb

Die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen?

Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!

440 Ich schau’ in diesen reinen Zügen

Die wirkende Natur vor meiner Seele liegen.

Jetzt erst erkenn’ ich, was der Weise spricht:

»Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;

Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!

445 Auf, bade, Schüler, unverdrossen

Die ird’sche Brust im Morgenrot!«

Er beschaut das Zeichen.

Wie alles sich zum Ganzen webt,

Eins in dem andern wirkt und lebt!

Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen

450 Und sich die goldnen Eimer reichen!

Mit segenduftenden Schwingen

Vom Himmel durch die Erde dringen,

Harmonisch all das All durchklingen!

Welch Schauspiel! Aber ach! Ein Schauspiel nur!

455 Wo fass’ ich dich, unendliche Natur?

Euch Brüste, wo? Ihr Quellen alles Lebens,

An denen Himmel und Erde hängt,

Dahin die welke Brust sich drängt –

Ihr quellt, ihr tränkt, und schmacht’ ich so vergebens?

Er schlägt unwillig das Buch um underblickt das Zeichen des Erdgeistes.

460 Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!

Du, Geist der Erde, bist mir näher;

Schon fühl’ ich meine Kräfte höher,

Schon glüh’ ich wie von neuem Wein,

Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen,

465 Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen,

Mit Stürmen mich herumzuschlagen

Und in des Schiffbruchs Knirschen nicht zu zagen.

Es wölkt sich über mir –

Der Mond verbirgt sein Licht –

470 Die Lampe schwindet!

Es dampft – Es zucken rote Strahlen

Mir um das Haupt – Es weht

Ein Schauer vom Gewölb’ herab

Und fasst mich an!

475 Ich fühl’s, du schwebst um mich, erflehter Geist.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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