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▪ Goethe und seine Zeit Die Leiden des jungen Werther Wilhelm Meisters Lehrjahre Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Schillers Theorie der modernen Literatur Hölderlins Hyperion ▪ Faust-Studien Zur Entstehungsgeschichte Das Drama der Menschengattung Faust und Mephistopheles Die Gretchen-Tragödie Stilfragen: Das Ende der ‹Kunstperiode› ▪ Thomas Mann Auf der Suche nach dem Bürger Die Tragödie der modernen Kunst Das Spielerische und seine Hintergründe ▪ Enzyklopädisches Stichwort: Bemerkungen über den bürgerlichen Realismus hinaus ▪ Quellennachweis ▪ Personen- und Sachregister ▪ Verzeichnis der erwähnten Werke
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Seitenzahl: 657
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Georg Lukács
Faust und Faustus
Vom Drama der Menschengattung zur Tragödie der modernen Kunst. Ausgewählte Schriften II
Ihr Verlagsname
▪ Goethe und seine Zeit
Die Leiden des jungen Werther
Wilhelm Meisters Lehrjahre
Der Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe
Schillers Theorie der modernen Literatur
Hölderlins Hyperion
▪ Faust-Studien
Zur Entstehungsgeschichte
Das Drama der Menschengattung
Faust und Mephistopheles
Die Gretchen-Tragödie
Stilfragen: Das Ende der ‹Kunstperiode›
▪ Thomas Mann
Auf der Suche nach dem Bürger
Die Tragödie der modernen Kunst
Das Spielerische und seine Hintergründe
▪ Enzyklopädisches Stichwort: Bemerkungen über den bürgerlichen Realismus hinaus
▪ Quellennachweis
▪ Personen- und Sachregister
▪ Verzeichnis der erwähnten Werke
Georg Lukács (1885–1971) war ein ungarischer Philosoph, Literaturwissenschaftler und -kritiker.
Die in diesem Band gesammelten Essays sind in den dreißiger Jahren entstanden. In einem solchen Fall taucht die Frage auf: Ist ihre jetzige Herausgabe berechtigt? Wenn heute von einer Frage der deutschen Literatur oder Kultur die Rede ist, stößt man sehr oft auf Vorurteile, die von einer Behandlung oder Neubehandlung solcher Fragen nichts hören wollen. Das Problem der deutschen Kultur wird im allgemeinen abstrakt aufgeworfen und darum notwendigerweise abstrakt, unrichtig beantwortet. Die eine Antwort ist eine schroffe Ablehnung der ganzen deutschen Kultur. Das klingt als antifaschistisches Bekenntnis sehr radikal. In Wirklichkeit ist dieser Radikalismus mehr als zweifelhaft. Ist denn das Antideutschtum wirklich Garantie des Antifaschismus, ja sogar der Stellungnahme gegen die Reaktion? Finden wir nicht in den Reihen der antideutschen Politiker, Schriftsteller usw. ausgesprochene Reaktionäre, ja Faschisten? Wenn man Nietzsche oder Spengler als die geistigen Väter des modernen deutschen Antihumanismus verwirft und gleichzeitig sich für Ortega y Gasset begeistert – was hat man erreicht? Geradeso einseitig stellt man die Frage auf dem anderen Pol. Man sagt: die politische Entwicklung der letzten Jahrzehnte darf unsere philosophischen und literarischen Urteile in keiner Hinsicht beeinflussen; daß Hitler mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland herrschen konnte, ändert nichts daran, was uns die deutsche Literatur von Goethe bis Rilke bedeutet.
Beide Extreme sind abstrakt. Weder die globale Verurteilung noch die Abtrennung der Erscheinungen von dem gesellschaftlichen Boden, auf dem sie gewachsen sind, kann die Frage beantworten, kann eine Lösung dafür bringen, wie wir zur vergangenen und gegenwärtigen deutschen Kultur stehen, wie die kritische Abrechnung mit ihr die demokratische und sozialistische Erneuerung der Kultur der Gegenwart beeinflußt.
Versuchen wir, uns der konkreten Fragestellung anzunähern. Engels vergleicht einmal die deutsche und die französische Entwicklung von der beginnenden Liquidation des Feudalismus bis zur Entstehung der nationalen Einheit und der bürgerlichen Demokratie. Er kommt zum Ergebnis, daß in jeder Epoche, in jeder historischen Fragestellung die Franzosen eine progressive, die Deutschen eine reaktionäre Lösung gefunden haben.
Das schicksalhafte Datum für Deutschland ist 1525, das Jahr des großen deutschen Bauernkrieges. Schon Alexander von Humboldt hat erkannt, daß hier der Wendepunkt ist, wo die deutsche Entwicklung fehlging. Während die Niederlagen der großen Bauernaufstände in Frankreich und England die progressive Entwicklungslinie dieser Länder nicht unterbrochen haben, entsteht in Deutschland aus der Niederlage der Bauern eine nationale Katastrophe, deren Folgen jahrhundertelang fühlbar bleiben.
Im Westen (und in Rußland) entsteht aus den Klassenkämpfen des sich auflösenden Feudalismus die absolute Monarchie, und mit ihr geschieht der erste Schritt zur Herstellung der nationalen Einheit. In Deutschland bringt die Niederlage des Bauernkrieges allerdings nicht eine feudale Adelsdemokratie hervor, wie etwa in Polen, sondern ebenfalls eine Abart der absoluten Monarchie, jedoch eine spezifische, rein reaktionäre, antinationale: die kleinen deutschen Fürstentümer. Deren Sieg und Konsolidation bedeuteten die Verewigung und Erstarrung der feudalen Zerrissenheit der deutschen Nation. Die Selbständigkeit der kleinen Fürstentümer war jahrhundertelang das wichtigste Hindernis der deutschen nationalen Einheit. Ihre angebliche Selbständigkeit, ihre angebliche selbständige Politik hat Deutschland für lange Zeit zum passiven Objekt der europäischen Außenpolitik, zum Kriegsschauplatz der europäischen Kriege gemacht. Und hier muß den Legenden der deutschen Historiker gegenüber hervorgehoben werden, daß Preußen von diesem Standpunkt aus ein typisches kleines deutsches Fürstentum war: also ein Hemmnis der nationalen Einheit, ein Einfallstor der ausländischen Intervention. Nach innen bedeutet diese Entwicklung, daß die Entstehung der bürgerlichen Kultur in sehr langsamem Tempo vor sich geht; an ihre Stelle tritt ein korrumpierter Halbfeudalismus. Daß solche gesellschaftlichen Bedingungen die Herausbildung einer progressiven nationalen Kultur in jeder Hinsicht gehemmt haben, bedarf wohl keiner ausführlichen Erörterung.
So kommt es, daß Deutschland sehr verspätet den Weg der modernen Verbürgerlichung betritt, sowohl wirtschaftlich und politisch wie kulturell. Im Westen werden schon die ersten großen Schlachten des Klassenkampfes der aufwärtsstrebenden Arbeiterklasse geschlagen, als 1848 für Deutschland die Probleme der bürgerlichen Revolution zum erstenmal in konkreter Form auftauchen. Und zwar – wenn wir Italien ausnehmen – ist nur in Deutschland die Frage so gestellt, daß das zentrale Problem der bürgerlichen Revolution die zu schaffende nationale Einheit bildet. Die englische Revolution im 17., die französische im 18. Jahrhundert spielten sich bereits in einem weitgehend ausgebildeten Staat ab, der freilich seine endgültige Vollendung in der Revolution, durch die Revolution erhielt; dementsprechend stehen für beide Revolutionen die Abschaffung des Feudalismus, vor allem die Bauernbefreiung im Vordergrund. Diese Eigentümlichkeit der deutschen Revolution macht in erster Linie die reaktionäre Halblösung von 1870 möglich.
All dies hat zur Folge, daß in Deutschland gesellschaftlicher Fortschritt und nationale Entwicklung sich nicht wechselseitig unterstützen und vorwärtstreiben wie in Frankreich, sondern im gegensätzlichen Verhältnis zueinander stehen. Deshalb kann auch die Entfaltung des Kapitalismus keine bürgerliche Klasse hervorbringen, die imstande wäre, die nationale Führung zu ergreifen. Selbst als der Kapitalismus schon zur herrschenden Ökonomie geworden war, ja selbst als er bereits in den Imperialismus hinüberwuchs, blieb die politische Führung noch immer in den Händen der ‹alten Mächte›.
In Deutschland, wie überall, schafft der Kleinstaatenabsolutismus einen Hof-, Beamten- und Militäradel aus dem früher selbständigen Feudaladel. Der Sickingen-Aufstand, der dem Bauernkrieg unmittelbar voraufging, war die letzte selbständige Bewegung des feudalen Kleinadels alten Stils. Seitdem können wir – wenn wir von den wenigen und immer seltener werdenden Ausnahmen absehen – die Bürokratisierung, das zum Lakaienwerden des Adels beobachten. Dieser Prozeß spielt sich freilich auch in Frankreich ab. Jedoch ist sein sozialer Charakter dem deutschen diametral entgegengesetzt. In Frankreich (und England) wirkt die bürgerliche Kultur in steigendem Maße auf den Adel ein, selbst auf dessen reaktionären Teil, so daß alsbald jeder zum bloßen bizarren Sonderling wird, der von dieser Entwicklung unberührt bleibt. In Deutschland dagegen – besonders in Preußen, das den Stil des späteren Reiches bestimmt – drückt die Junkerideologie ihren Stempel den entscheidenden Schichten der bürgerlichen Intelligenz auf. Von den äußerlichsten Lebensgewohnheiten an bis zur Weltanschauung können wir überall eine solche Assimilation der bürgerlichen Intelligenz an die Junkerideologie wahrnehmen.
Dieser Prozeß erklärt die ganze neudeutsche ‹Mentalität›, für deren Analyse wir hier selbstverständlich keinen Raum haben. Wir möchten die Aufmerksamkeit der Leser nur auf einige Hauptzüge richten. So auf den Mangel an Zivilcourage, den bereits Bismarck als nationale Eigenschaft festgestellt hat und der fraglos ein Kennzeichen des Hof- und Beamtenadels ist. Im engsten Zusammenhang damit steht die Angst vor einem verantwortungsvollen selbständigen Entschluß und gleichzeitig die nach unten gerichtete (und nach oben verdeckte) rücksichtslose unmenschliche Brutalität. Die oft festgestellte Unfähigkeit des deutschen Bürgertums auf dem Gebiet der Politik ist ebenfalls auf diese Entwicklung zurückzuführen. Der deutsche Bürger will eine ‹Ordnung›; er schafft aber diese Ordnung im Dienste von wem immer und was immer; die Servilität, der Byzantinismus, die Titelsucht werden immer mehr zu Kennzeichen des deutschen Bürgertums; sie zeigen das fast vollständige Fehlen eines bürgerlichen Selbstbewußtseins.
Nach der reaktionären Begründung der deutschen Einheit erschien diese Zurückgebliebenheit in einer solchen weltanschaulichen Umstilisierung, als ob gerade dieses Deutschland berufen wäre, die Widersprüche der modernen Demokratie in einer ‹höheren Einheit› aufzuheben. Es ist kein Zufall, daß der Antidemokratismus als Weltanschauung sich gerade in diesem Deutschland zuallererst ausbildete, daß in der imperialistischen Periode Deutschland die führende Rolle im Herausarbeiten der reaktionären Ideologie spielt.
Entscheidend ist jedoch, daß das rapide Entwicklungstempo des verspäteten Kapitalismus in Deutschland das Reich zu einem führenden imperialistischen Staat gemacht hat. Und zwar zu einem, dessen Kolonialbesitz und Interessensphären zur Stärke und zu den Ansprüchen seines Kapitalismus unproportioniert waren. Dies ist der letzte Grund dafür, daß Deutschland in zwei Weltkriegen die Neuaufteilung der Welt zu forcieren versuchte. Die Notwendigkeit des Scheiterns beider Versuche ist nicht allein Folge der konkreten Machtverhältnisse; denn die Gruppierung dieser Machtverhältnisse ist selbst schon die Folge der innen- und außenpolitischen Entwicklungsrichtung Deutschlands. Kleinliche List und unerhörte Brutalität an Stelle von Voraussicht und Energie, taktisch-technische Tricks an Stelle einer großzügigen Strategie charakterisieren die deutsche Politik im Frieden und im Kriege. Wenn der Krieg nach Clausewitz wirklich die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln ist, so geben die deutschen Kriege ein konzentriertes Bild der krankhaften, verzerrten Seiten der deutschen Entwicklung.
Es ist klar, daß in der Beurteilung der deutschen Kultur eine radikale Abrechnung notwendig ist. Es fragt sich nur, auf welchem Weg diese stattzufinden hat. Die globale Verneinung ist ebensowenig eine Lösungsmöglichkeit wie die Generalamnestie. Man muß die einfache Wahrheit begreifen und sie wirklich konkretisiert anwenden, daß die kulturelle Entwicklung Deutschlands die Resultante eines Kampfes zwischen Fortschritt und Reaktion war; und insofern in Deutschland auf dem Gebiet der Kultur die reaktionären Tendenzen überwiegend geworden sind, muß die ideologische Abrechnung hier einsetzen. Das bedeutet aber zugleich, daß die progressiven Tendenzen des deutschen Lebens ebenso die Verbündeten einer jeden Tendenz zur Erneuerung Europas sind, wie eine jede sich erneuernde demokratische Kultur in den reaktionären Ideologen des Westens Feinde zu sehen hat. Ein wirklicher sachlicher Radikalismus in der Abrechnung mit der deutschen Reaktion ist nur auf dem Wege der historischen Konkretisierung erreichbar.
Damit sind wir bei der konkreten Formulierung unserer Frage angelangt: Wie stehen wir zur deutschen Kultur? oder genauer, um im Rahmen des Buches zu bleiben und keine Fragen aufzuwerfen, die hier nicht einmal andeutend beantwortet werden können: Wie stehen wir zur Goethezeit? Diese Frage gespenstert schon lange in der Literatur, besonders in der anglosächsischen Literatur seit dem Ersten Weltkriege.
Die modische Parole ist allbekannt: Weimar gegen Potsdam. Schon die Aufgabe stellen heißt ihre eigene Schiefheit einsehen. Die deutsche Kultur kann ebensowenig ‹zurück› ins Goethesche Weimar wie die englische zu Shakespeare, die französische zu Racine. Die Weimarer Kultur trägt in ihrer Größe wie in ihren Grenzen die Male der wirtschaftlich und gesellschaftlich zurückgebliebenen, politisch unterdrückten und zerstückelten deutschen Nation. Kein Entschluß ist vorstellbar, der aus dieser Vergangenheit (aus dieser endgültig verschwundenen Vergangenheit) eine Gegenwart machen, der die dazwischenliegende Entwicklung annullieren könnte.
Eine ganz andere Frage ist freilich: Inwiefern kann die Weimarer Kultur richtunggebend für das Deutschtum der Gegenwart werden? Inwiefern kann sie zu einem kulturellen Gegengewicht, zu einer Gegenkraft gegen die Verpreußung des deutschen Geistes werden? Das ist eine reale Frage. Aber auch hier stehen ernsthafte Schwierigkeiten vor uns. Vor allem wäre es lächerlich, Goethe und Schiller für die Deutschen zu ‹entdecken›. Seit mehr als einem Jahrhundert entwickelt sich die ganze deutsche Kultur im Schatten Goethes und Schillers. Selbst der Faschismus hat nur Börne und Heine aus der deutschen Literaturgeschichte entfernt; Goethe und Schiller behielten ihre zentrale Stelle. Damit scheint aber die ganze Lage noch problematischer zu werden. Denn es scheint damit auf den ersten Blick, als ob Goethe und Schiller mitschuldig wären an der unrichtigen Entwicklung der deutschen herrschenden Klassen, ja des ganzen deutschen Volks, an den Sünden, die von den Deutschen gegen die Menschheit verübt wurden. Und tatsächlich fanden sich nicht nur Faschisten, die mit geschickten oder groben Zitatenkunststücken z.B. aus Hölderlin einen Ahnherrn des Faschismus modelten, sondern auch progressive Schriftsteller, die – ebenfalls mit Hilfe des Herausgreifens, des Überwertens, des Verzerrens einzelner Zitate – Goethe und Schiller die Mitschuld an der schiefen und reaktionären deutschen Entwicklung aufbürdeten, die aus ihnen Vorläufer der deutschen Reaktion machten.
Auf diese offenkundigen Fehlurteile wäre es nicht der Mühe wert, auch nur mit einer Bemerkung einzugehen, wenn hinter ihnen nicht ein Jahrhundert systematischer Geschichtsfälschung stehen würde, die die klassische Periode der deutschen Literatur vollständig verzerrte. Daher ist eine wirkliche Kenntnis der Geschichte, Literatur und Philosophie, eine selbständige, unbefangene Forschung notwendig, damit hinter der vielfältigen verfälschenden Übermalung das Original wieder sichtbar werde, so wie es war und ist, so wie es heute ernsthaft und progressiv zur Wirkung gelangen kann.
Mehring hat in seinem Lessingbuch den einzig richtigen Gesichtspunkt dargelegt, von welchem aus man die deutsche Literatur vom Ende des 18. und vom Anfang des 19. Jahrhunderts zu betrachten hat: diese Literatur ist die ideologische Vorbereitungsarbeit zur bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland. Nur wenn wir die ganze Periode von Lessing bis Heine von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, können wir erblicken, wo in ihr die wirklich progressiven beziehungsweise reaktionären Tendenzen zu finden sind.
Die Fragestellung Mehrings ist richtig, und er erkannte auch – zumindest teilweise – den richtigen Weg, den die Forschung einzuschlagen hat: es müssen die eigentümlichen Umstände der deutschen Entwicklung, die wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Zurückgebliebenheit des Landes untersucht werden, aber von jenem großen internationalen Zusammenhang aus gesehen, der die eigentümliche Entfaltung der deutschen Literatur sowohl positiv wie negativ bestimmte. Die Große Französische Revolution, die Napoleonische Periode, die Restauration, die Julirevolution sind Ereignisse, die die deutsche Kulturentwicklung fast ebenso tief beeinflußt haben wie die innere gesellschaftliche Struktur Deutschlands. Jeder bedeutende deutsche Schriftsteller steht nicht nur auf dem Boden der eigenen heimatlichen Entwicklung, sondern ist zugleich der mehr oder weniger verständnisvolle Zeitgenosse, Verarbeiter und Weiterentwickler, das geistige Spiegelbild dieser Weltereignisse.
Freilich nicht nur der der großen historischen Ereignisse selbst, sondern auch der ihrer Vorbereitung und ihrer Folgen. Und hier setzt sich – jetzt schon über den Gesichtspunkt Mehrings hinausgehend – jene Erkenntnis durch, daß die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zurückgebliebenheit Deutschlands gerade in bezug auf die Entwicklung der Literatur und Philosophie für die großen Dichter und Denker nicht nur einen Nachteil bedeutete, sondern auch gewisse Vorteile. Der Nachteil ist offenkundig. Selbst solche Riesen wie Goethe und Hegel konnten sich nicht vollkommen von jener drückenden Atmosphäre des engen Philistertums frei machen, die die ganze klassische deutsche Literatur umgab. Im ersten Augenblick scheint es weniger klar, weshalb das Aufwerfen der großen Zeitprobleme von der rein ideologischen Seite, was mit diesen kleinlichen und philiströsen Umständen im engsten Zusammenhang steht, auch von bedeutendem Vorteil für die kühnen Fragestellungen, für das kühne Zuendedenken der auf sie gefundenen Antworten sein konnte. Eben dadurch, daß hier die gesellschaftlichen Grundlagen und Folgen gewisser theoretischer oder dichterischer Fragen nicht sofort im praktischen Leben offenkundig werden, entsteht für den Geist, für die Konzeption, für die Darstellung ein beträchtlicher, relativ grenzenlos scheinender Spielraum, wie ihn die Zeitgenossen der westlichen entwickelteren Gesellschaften nicht kennen konnten.
Kurz zusammengefaßt: es ist kein Zufall, daß die Gesetzmäßigkeit der widerspruchsvollen Bewegung der Entwicklung, die Hauptprinzipien der dialektischen Methode gerade in Deutschland in der Periode von Lessing bis Heine bewußt werden, daß Goethe und Hegel diese Methode – innerhalb der Grenzen des bürgerlichen Denkens – auf ihre höchste erreichbare Stufe heben. (Die russische literarische und philosophische Entwicklung habe ich in meinem Buch ‹Der russische Realismus in der Weltliteratur› skizziert. Ich habe dort gezeigt, daß die russischen Denker der fünfziger Jahre, Tschernyschewskij und Dobroljubow, Übergangsgestalten sind zwischen der revolutionären Demokratie und der sozialistischen Weltanschauung.) Aus dieser Lage folgt, daß eine der letzten progressiven Perioden des bürgerlichen Denkens, eine seiner letzten geistigen Revolutionen sich gerade im Deutschland der Goethezeit abspielt, und es ist kein Zufall, daß diese Entwicklung von den – ebenfalls deutschen – Marx und Engels mit der höchsten Methode der Philosophie, mit der Entdeckung der materialistischen Dialektik gekrönt wird. Nicht umsonst bezeichnet Lenin die Hegelsche Dialektik als eine der drei Quellen des Marxismus.
Die Aufdeckung dieser Zusammenhänge geht schon deshalb über den Rahmen dieses Vorworts hinaus, weil auch unser Buch nicht den Anspruch erhebt, diesen Fragenkomplex von allen Seiten umfassend darzulegen. Deshalb werde ich auf jene Fragen, die spezifische Eigentümlichkeiten der deutschen Entwicklung des 19. Jahrhunderts sind, erst in meinen Studien über die deutschen Realisten dieser Periode ausführlich eingehen.[*] Hier kann ich nur einen kurzen Abriß jener entscheidenden Fragen geben, um welche sich die reaktionäre Verfälschung der klassischen deutschen Literaturgeschichte dreht, damit die Leser dieses Buches klar sehen können, was der Kampf zwischen Fortschritt und Reaktion in diesem Abschnitt der deutschen Entwicklung bedeutet.
Die erste entscheidende Frage ist die Beziehung zur Weltbewegung der Aufklärung. Die reaktionäre Literaturgeschichte versucht hier einerseits die deutsche Entwicklung der französischen feindlich gegenüberzustellen, den großen progressiven Ideologen der deutschen nationalen Wiedergeburt einen antifranzösischen Chauvinismus anzudichten; andererseits schmuggelt sie in die deutsche Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts eine aufklärungsfeindliche obskurantistische Ideologie ein. (Die Theorie der sogenannten Präromantik.)
Die erste Irrlehre hat in bezug auf Lessing bereits Mehring widerlegt, indem er nachwies, wie die Corneille- und Voltairekritik Lessings mit der damaligen Zentralfrage der nationalen Befreiung Deutschlands zusammenhing: mit dem Kampf gegen die Versailles nachahmende Pseudokultur der kleinen deutschen Höfe; indem er nachwies, daß dieser Kampf von Lessings Seite nicht nur unter der Flagge von Sophokles und Shakespeare, sondern – und sogar in erster Reihe – unter der von Diderot ausgefochten wurde. Diese Fälschung geht noch weiter, wenn von der Sturm- und Drangperiode die Rede ist. Mit Hilfe einiger aus dem Zusammenhang gerissener Zitate aus den Schriften des jungen Goethe und Schiller sowie Herders haben wir hier bereits wahre Orgien des antifranzösischen deutschen Chauvinismus vor uns. Dabei sind in Wahrheit Montesquieu, Diderot und Rousseau die geistigen Schutzherren auch dieser Bewegung, und das sogenannte Antifranzosentum richtet sich hier noch pathetischer gegen das antinationale Wesen der kleinen Höfe; die Verteidigung Shakespeares Voltaire gegenüber kann nur in diesem Zusammenhang ganz verständlich werden. Welche Rolle Voltaire in der geistigen Formation des reifen Goethe gespielt hat, ist durch unzählige Stellen seiner Schriften, Briefe, Gespräche belegt. Wir wollen gar nicht über die Beziehung des alten Goethe zu der zeitgenössischen französischen Literatur sprechen (Mérimée, Hugo, Stendhal, Balzac).
Ebensowenig ist die Theorie von der angeblichen Opposition des Sturm und Drang zur Aufklärung stichhaltig. Die offizielle deutsche Geschichtsfälschung arbeitet einerseits damit, daß sie die hier auftretende historische Weltanschauung dem angeblichen Antihistorismus der Aufklärung gegenüberstellt, andererseits geht sie von der mechanischen Gegenüberstellung von Vernunft und Gefühl aus und gelangt damit zum angeblichen Irrationalismus der damaligen deutschen Literatur. Diese letzte These bedarf hier keiner ausführlichen Widerlegung. Wir verweisen nur darauf, was in bezug auf die Entstehung der Dialektik oben dargelegt wurde. Was nämlich in der deutschen Aufklärung als Irrationalismus zu bezeichnen Mode geworden ist, das ist meistens: ein Anlauf zur Dialektik, ein Versuch, die bis dahin herrschende formale Logik zu überwinden. Darin drückt sich ohne Frage eine Krise der herrschenden philosophischen Tendenz der Aufklärung aus, der Übergang zu einer höheren Stufe des Denkens. Aber auch dies ist eine internationale Tendenz der gesamten Aufklärung, obwohl in ihr, als zuletzt auftretende Strömung, die deutsche Aufklärung die führende Rolle spielt. Engels zeigt z.B. bei Diderot und Rousseau hochentwickelte Typen dieser dialektischen Richtung.
Mit dieser Frage hängt die des Historismus eng zusammen. Der Antihistorismus der Aufklärung ist eine Legende, die die romantische Reaktion ausgeklügelt hat; wir müssen nur an solche Erscheinungen wie Voltaire oder Gibbon denken, um die Unhaltbarkeit dieser Legende einzusehen. Freilich gibt es auch hier eine Weiterentwicklung seitens der deutschen Aufklärung. Jedoch das, was hier vor sich geht, führt nicht in die Richtung des romantischen Pseudohistorismus: die Herdersche historische Universalität ist z.B. eine Vorläuferin der Hegelschen dialektischen Weltanschauung. Mit dem angeblichen Gegensatz zwischen Vernunft und Gefühl beschäftigt sich in diesem Band der Essay über Werther.
Aus alledem ist klar ersichtlich, daß der junge Goethe ein Teilnehmer des allgemeinen Entwicklungsprozesses der Aufklärung und in ihr der deutschen Aufklärung ist, der seinerseits Begleiterscheinung und Mitstreiter jenes großen Prozesses ist, der die Französische Revolution ideologisch vorbereitet. Die Jugend Goethes (und Schillers) ist also ein organischer und wichtiger Bestandteil einer im Weltmaßstab progressiven Bewegung.
Allerdings ist die Gestalt des jungen Goethe sowieso der schwächste Punkt der reaktionären Goethelegende. Denn die Revolte des jungen Goethe gegen die bestehende Ordnung, gegen das damalige Deutschland ist so offenkundig, daß sie selbst von der offiziellen Literaturwissenschaft nicht vollständig geleugnet werden konnte. Um so üppiger scheint die Ernte in der späteren Entwicklung Goethes, wo, angefangen von der Abwendung vom öffentlichen Leben durch den Haß gegen die Französische Revolution, die Legende zu einem Goethe gelangt, der eine große Figur der modernen irrationalistischen ‹Lebensphilosophie›, der der geistige Ahnherr Schopenhauers und Nietzsches ist, dazu noch literarisch ein Begründer des stilisierenden Antirealismus. Diese historische Legende ist so verbreitet und einflußreich, daß ihre Wirkung selbst bei progressiven, antifaschistischen Schriftstellern zu beobachten ist.
Zur Widerlegung all dieser Legenden wäre eine neue Goethebiographie vonnöten. Hier müssen wir uns – fast im Telegrammstil – auf die allerwichtigsten Punkte beschränken. Wir müssen wieder die Verdienste Mehrings hervorheben, der erkannt hat, daß Goethe nicht aus Liebesenttäuschung, nicht infolge der Krise seiner Liebe zu Charlotte von Stein nach Italien floh, sondern darum, weil sein Versuch, das Weimarer Fürstentum nach den Prinzipien der Aufklärung gesellschaftlich zu reformieren, am Widerstand des Hofes, der Bürokratie und Karl Augusts gescheitert ist. (Eigene Untersuchungen, die hier nicht dargelegt werden können, haben mich davon überzeugt, daß Mehring mit dieser Auffassung über Goethes Enttäuschung am damals möglichen öffentlichen Leben in Deutschland nicht nur vollständig recht hat, sondern daß dieser Versuch und sein Scheitern auch Gebiete umfaßt, die Mehring noch nicht gekannt hat.) Die spätere Resignation Goethes, sein Sichzurückziehen vom öffentlichen Leben wurzelt hier, beinhaltet also eine niederschmetternde Kritik der sozialen Zurückgebliebenheit des damaligen Deutschland. Diese Resignation enthält also keinerlei Verneinung, weder der Prinzipien der Aufklärung noch ihrer gesellschaftlichen Zielsetzungen, sondern eine Ablehnung des damaligen Deutschland mit seinen kleinen Fürstentümern als den Feinden des Fortschritts. Die Leser dieses Buches werden hier konkrete Darlegungen über die Beziehung Goethes zu den großen gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit finden. Und wenn auch ein solcher Essayband seiner Natur nach kein umfassendes und vollständiges Bild über diese Fragen geben kann, so hoffe ich, daß die wirklichen Goetheschen Fragestellungen und die Hauptrichtungen ihrer Beantwortung doch sichtbar werden.
Die Beziehung Goethes zur Französischen Revolution steht im engsten Zusammenhang mit diesem Fragenkomplex. Die Legende geht hier von Goethes ersten Reaktionen auf die Französische Revolution aus, von seinen – sprechen wir es offen aus – flachen und niveaulosen Lustspielen; sie vernachlässigt alle seine späteren reiferen Stellungnahmen, deren Wesen darin zusammengefaßt werden kann, daß er die gesellschaftlichen Zielsetzungen der Französischen Revolution dezidiert bejaht, bei einer ebenso dezidierten Ablehnung der plebejischen Methoden ihrer Durchführung. Dies ist eine der vielen Fragen, wo sein Weg mit dem seines großen jüngeren Zeitgenossen Hegel parallel läuft. Beide verstehen, daß Ausbruch und Sieg der Französischen Revolution eine neue Epoche für die ganze Weltkultur bedeutet; beide bemühen sich, auf ihrem Arbeitsgebiet alle Konsequenzen dieser weltanschaulichen Wendung möglichst vollständig zu ziehen. Der Realismus des reifen Goethe ist nun, wie der Leser aus unserem Buch ersehen wird, ein organisches Produkt seiner Auffassung der großen Ereignisse dieser Zeit.
Die Beziehung Goethes zu Hegel (und schon früher zu Schiller und Schelling) leitet über zu den Problemen der Weltanschauung. In der Zeit der Herrschaft des Neukantianismus war es Mode, sich auf Goethes unphilosophische, ja antiphilosophische Einstellung zu berufen. Seitdem in der imperialistischen Periode die sogenannte ‹Lebensphilosophie› zur herrschenden geistigen Strömung Deutschlands wurde, ist Goethes philosophisches Renommée sehr gewachsen. Jedoch ist dadurch für die Erkenntnis der wahren Zusammenhänge wenig herausgekommen. Von Nietzsche über Gundolf bis zu Spengler und Klages, Chamberlain und Rosenberg ist Goethe immer wieder zum Begründer der herrschenden entwicklungs- und fortschrittsfeindlichen, irrationalistischen Weltanschauung gemacht worden. In den hier veröffentlichten Schriften gab es leider keine Gelegenheit, dieses Problem eingehend zu erörtern.
Es versteht sich, daß das Goetheproblem auch dann noch nicht erschöpft wäre, wenn mein Buch auf alle diese Fragen ausführliche Antwort geben würde. Dazu wäre eine eigene Goethemonographie vonnöten. Eine solche habe ich jahrelang geplant, ja vorbereitet; leider ging in einer unglücklichen Wendung der Kriegsumstände dieses ganze Material verloren, so daß ich vorläufig auf die Vollendung dieser Arbeit verzichten muß. Ich unterbreite diese Studien dem Leser also mit einer gewissen Resignation.
Diese Resignation bezieht sich auf die Charakteristik der Goethezeit mindestens ebenso stark wie auf die Persönlichkeit Goethes selbst. In diesen Schriften erscheinen nur Teilkonturen der Persönlichkeiten von Schiller und Hegel, und ich bin mir vollständig bewußt, daß sogar eine Skizze der Goethezeit ohne eine ernsthafte Charakterisierung Lessings und Herders mehr als fragmentarisch bleiben muß. Wenn Hölderlin auch nicht fehlt, bei welchem, wie der Leser sehen wird, eine ebenso große Arbeit der Legendenzerstörung notwendig war wie bei Goethe selbst, so hilft dies nur insofern, als eine jener Richtungen sichtbar wird, in welcher ein viel radikaleres Echo der Französischen Revolution als bei Goethe und Hegel zum Ausdruck kam. Die Analyse bedeutet hier zugleich die Aufdeckung der Gründe des tragischen Scheiterns solcher Richtungen im Deutschland der Goethezeit.
Diese einleitenden Bemerkungen sind äußerst skizzenhaft. Das Buch selbst bietet ein sehr fragmentarisches Material dar. Ich hoffe trotzdem, klarmachen zu können, daß wir es hier mit einer – in ihrer Hauptlinie – progressiven Epoche der Weltkultur zu tun haben. Wie in England und Frankreich die ideologische Vorbereitung der bürgerlichen Revolution (von Hobes bis Helvétius) die materialistische Philosophie begründet hat, so hat diese die Grundsteine zum modernen dialektischen Denken gelegt und parallel damit – gerade im dichterischen Schaffen Goethes – eine Brücke gebaut zwischen dem großen Realismus des 18. und dem des 19. Jahrhunderts. Denken und Kunst der Menschheit haben hier einen gewaltigen Schritt vorwärts getan.
Nach alledem bedarf es, glaube ich, keiner ausführlichen Begründung, wie wichtig und aktuell diese Fragen heute sind. Eine weltanschauliche, kulturelle und literarische Neuorientierung ist unmöglich ohne eine neue Untersuchung, eine neue Bewertung der welthistorischen Strömungen der Vergangenheit, insbesondere der jüngsten Vergangenheit. Wenn wir nicht mit Phrasen, sondern in Wirklichkeit gegen den Einfluß der bisher herrschenden deutschen reaktionären Strömungen kämpfen wollen, so ist die Kenntnis jener kulturellen, weltanschaulichen und literarischen Kämpfe, die die klassische deutsche Literatur und Philosophie hervorgebracht haben, unumgänglich notwendig.
Budapest, Februar 1947
Das Erscheinungsjahr des ‹Werther› – 1774 – ist ein wichtiges Datum, nicht nur für die deutsche Literaturgeschichte, sondern auch für die Weltliteratur. Die kurze, aber außerordentlich bedeutungsvolle philosophische und literarische Hegemonie Deutschlands, die zeitweilige Ablösung Frankreichs von der ideologischen Führung auf diesen Gebieten tritt mit dem Welterfolg des ‹Werther› zum erstenmal offenkundig zutage. Freilich hat die deutsche Literatur schon vor dem ‹Werther› Werke von weltliterarischer Bedeutung hervorgebracht. Es genügt, an Winckelmann, an Lessing, an Goethes ‹Götz von Berlichingen› zu erinnern. Die außerordentlich weite und tiefe Wirkung des ‹Werther› in der ganzen Welt hat aber diese führende Rolle der deutschen Aufklärung klar ins Licht gestellt.
Der deutschen Aufklärung? Hier stutzt der Leser, der an den Literaturlegenden der bürgerlichen Geschichte und der von ihnen abhängigen Vulgärsoziologie ‹geschult› wurde. Ist es ja ein Gemeinplatz sowohl der bürgerlichen Literaturgeschichte wie der Vulgärsoziologie, daß Aufklärung und ‹Sturm und Drang›, insbesondere der ‹Werther›, in ausschließendem Gegensatz zueinander stehen. Diese Literaturlegende beginnt bereits mit dem berühmten Buch der Romantikerin Frau von Staël über Deutschland. Sie wird dann auch von den bürgerlich-progressiven Literaturhistorikern übernommen und dringt durch die Vermittlung der bekannten Schriften von Georg Brandes in die pseudomarxistische Vulgärsoziologie ein. Es ist selbstverständlich, daß bürgerliche Literaturhistoriker der imperialistischen Periode, wie Gundolf, Korff, Strich usw., an dieser Legende begeistert weiterbauen. Ist sie doch das beste ideologische Mittel, eine chinesische Mauer zwischen Aufklärung und deutscher Klassik aufzurichten, die Aufklärung zugunsten der späteren reaktionären Tendenzen in der Romantik herabzusetzen.
Ist für eine Geschichtslegende ein so tiefes ideologisches Bedürfnis vorhanden wie der Haß der reaktionären Bourgeoisie gegen die revolutionäre Aufklärung, so ist es klar, daß die Zusammenklitterer solcher Geschichtslegenden sich überhaupt nicht um die offenkundigen Tatsachen der Geschichte kümmern, daß es ihnen ganz gleichgültig ist, wenn ihre Legenden den primitivsten Tatsachen ins Gesicht schlagen. Dies ist in der Wertherfrage ganz offenkundig der Fall. Denn auch die bürgerliche Literaturgeschichte ist gezwungen, in Richardson und Rousseau literarische Vorläufer des ‹Werther› anzuerkennen. Freilich ist es für das geistige Niveau der bürgerlichen Literaturhistoriker bezeichnend, daß die Feststellung des literarischen Zusammenhanges zwischen Richardson, Rousseau und Goethe unvermittelt neben der Behauptung des diametralen Gegensatzes zwischen ‹Werther› und der Aufklärung bestehen kann.
Die intelligenteren Reaktionäre spüren freilich etwas von diesem Widerspruch. Sie wollen aber die Frage dadurch lösen, daß sie bereits Rousseau in einen ausschließenden Gegensatz zur Aufklärung bringen, aus ihm einen Ahnherrn der reaktionären Romantik machen. Bei Richardson selbst versagt aber auch diese ‹Weisheit›. Richardson ist ein typischer bürgerlicher Aufklärer gewesen. Sein großer europäischer Erfolg spielte sich gerade in der progressiven Bourgeoisie ab; die ideologischen Vorkämpfer der europäischen Aufklärung, wie Diderot und Lessing, waren die begeisterten Verkünder seines Ruhmes.
Was ist nun der ideologische Inhalt dieser Geschichtslegende? Welches ideologische Bedürfnis der Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts soll sie befriedigen? Dieser Inhalt ist außerordentlich dürftig und abstrakt, mag er in einzelnen Darlegungen mit noch so pompösen Phrasen aufgeputzt sein. Es handelt sich darum, daß die Aufklärung angeblich nur den ‹Verstand› berücksichtige. Der deutsche ‹Sturm und Drang› sei dagegen eine Revolte des ‹Gefühls›, des ‹Gemüts›, des ‹Triebes› gegen die Tyrannei des Verstandes. Diese kahle und leere Abstraktion dient dazu, die irrationalistischen Tendenzen der bürgerlichen Dekadenz zu verherrlichen, jede Tradition der revolutionären Periode der bürgerlichen Entwicklung zu verschütten. Bei liberalen Literaturhistorikern vom Typus Brandes’ erscheint diese Theorie noch in einer eklektischen, kompromißhaften Weise: die ideologische Überlegenheit der nicht mehr revolutionären Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts über die revolutionäre Periode soll darin aufgezeigt werden, daß die spätere Entwicklung ‹konkreter› sei, daß sie auch das ‹Gemüt› usw. berücksichtige. Die offenen Reaktionäre wenden sich bereits ohne jeden Vorbehalt gegen die Aufklärung, verleumden sie mit offener Schamlosigkeit.
Worin bestand das Wesen des berüchtigten ‹Verstandes› in der Aufklärung? Klarerweise in einer rücksichtslosen Kritik der Religion, der theologisch verseuchten Philosophie, der Institutionen des Feudalabsolutismus, der feudalreligiösen Gebote der Moral usw. Daß dieser rücksichtslose Kampf der Aufklärer für die reaktionär gewordene Bourgeoisie ideologisch untragbar geworden ist, ist leicht zu verstehen. Folgt aber daraus, daß die Aufklärer, die als ideologische Avantgarde der revolutionären Bourgeoisie in Wissenschaft, Kunst und Leben nur das anerkannten, was einer Prüfung durch den menschlichen Verstand, einer Konfrontierung mit den Tatsachen des Lebens standhielt, irgendeine Verachtung oder Unterschätzung des menschlichen Gefühlsleben zeigten? Wir glauben, daß bereits die deutlich gestellte Frage die Abstraktheit und Unhaltbarkeit solcher reaktionären Konstruktionen klar bezeugt. Nur vom Standpunkt des nachrevolutionären Legitimismus, für welchen jede royalistische Tradition eine sentimentale, verlogene Gefühlsbetontheit erhält, bei welchem sich die unvolkstümlichen Traditionen der Aufklärung mit dieser unwahren Sentimentalität verschmelzen, nur von diesem Standpunkt aus scheint eine solche Konstruktion einleuchtend. Im Gegensatz zur bürgerlichen Literaturgeschichte und Vulgärsoziologie, die etwa Chateaubriand von Rousseau und Goethe herleitet, spricht Marx über ‹… diesen Schönschreiber, der aufs widerlichste den vornehmen Skeptizismus und Voltairianismus des 18. Jahrhunderts mit dem vornehmen Sentimentalismus und Romantizismus des 19. vereint›.
In der Aufklärung selbst steht die Frage vollkommen anders. Wenn – um nur ein Beispiel zu wählen, da unser Raum zur breiten Auseinandersetzung viel zu beschränkt ist – Lessing gegen die Theorie und Praxis des Tragikers Corneille kämpft, von welchem Standpunkt tut er es? Er geht gerade davon aus, daß die Konzeption des Tragischen bei Corneille unmenschlich ist, daß Corneille das menschliche Gemüt, das menschliche Gefühlsleben nicht berücksichtigt, daß er, befangen in den höfisch-adligen Konventionen seiner Zeit, tote und rein verstandesmäßige Konstruktionen bietet. Der große literaturtheoretische Kampf solcher Aufklärer wie Diderot und Lessing ging gegen die adeligen Konventionen. Sie bekämpfen diese auf der ganzen Linie, sowohl ihre verstandesmäßige Kälte wie ihre Vernunftwidrigkeit. Zwischen Lessings Kampf gegen diese Kälte der tragédie classique und seiner Proklamierung der Rechte des Verstandes, etwa in der Frage der Religion, besteht nicht der geringste innere Widerspruch. Denn jede große gesellschaftlich-geschichtliche Umwälzung bringt einen neuen Menschen hervor. In den ideologischen Kämpfen handelt es sich also um den Kampf für diesen konkreten neuen Menschen, gegen den alten Menschen der versinkenden und verhaßten alten Gesellschaftsordnung. Niemals aber geht es in Wirklichkeit (nur in der apologetischen Phantasie reaktionärer Ideologen) um den Kampf zwischen einer abstrakten und isolierten Eigenschaft des Menschen gegen eine andere isolierte und abstrakte Eigenschaft (Trieb gegen Verstand).
Erst die Zerstörung solcher Geschichtslegenden, solcher in der Wirklichkeit nie existierenden Widersprüche eröffnet den Weg zur Erkenntnis der wirklichen inneren Widersprüche der Aufklärung. Diese sind die ideologischen Widerspiegelungen der Widersprüche der bürgerlichen Revolution, ihres sozialen Inhalts und ihrer treibenden Kräfte, der Widersprüche der Entstehung, des Wachstums und der Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Und diese Widersprüche sind im gesellschaftlichen Leben selbst natürlich nicht starr und ein für allemal gegeben. Sie tauchen vielmehr in außerordentlich ungleichmäßiger Weise, der Ungleichmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung entsprechend, auf, erhalten für eine bestimmte Entwicklungsstufe eine scheinbar befriedigende Lösung, um bei Weiterentwicklung der Gesellschaft auf höherer Stufe in verstärkter Form wieder zu erscheinen. Jene literarischen Polemiken unter den Aufklärern, jene Kritiken der Belletristik der Aufklärungszeit von den Aufklärern selbst, aus deren abstrahierender Entstellung die reaktionäre Literaturgeschichte ihre ‹Argumente› schöpft, sind also nur Spiegelbilder der Widersprüche der gesellschaftlichen Entwicklung selbst, Kämpfe einzelner Strömungen innerhalb der Aufklärung, Kämpfe einzelner Stufen der Aufklärung.
Mehring hat als erster die reaktionären Geschichtslegenden über den Charakter von Lessings Kampf gegen Voltaire zerstört. Er hat überzeugend nachgewiesen, daß Lessing von einer höheren Stufe der Aufklärung die zurückgebliebenen, kompromißhaften Züge Voltaires kritisiert hat. Besonders interessant ist diese Frage in bezug auf Rousseau. Bei Rousseau treten nämlich die ideologischen Seiten der plebejischen Durchführung der bürgerlichen Revolution zum erstenmal in dominierender Weise hervor und sind, der inneren Dialektik dieser Bewegung entsprechend, oft mit kleinbürgerlich-reaktionären Zügen vermischt; oft tritt der soziale Inhalt der Revolution diesem unklaren Plebejertum gegenüber in den Hintergrund. Die Kritiker Rousseaus unter den Aufklärern (Voltaire, d’Alembert usw., auch Lessing) sind also Rousseau gegenüber völlig im Recht, wenn sie auf der Reinheit dieses sozialen Gehalts bestehen, sie gehen aber in dieser Polemik oft an dem wertvollen Neuen bei Rousseau, an seinem Plebejertum, an dem beginnenden dialektischen Herausarbeiten der Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft achtlos vorbei. Das belletristische Schaffen Rousseaus ist aufs engste mit diesen seinen Grundtendenzen verbunden. Dadurch erhebt er die Richardsonsche Darstellung der Innerlichkeit des bürgerlichen Alltags und seiner Konflikte denkerisch wie dichterisch auf eine viel höhere Stufe. Und wenn Lessing hier oft Protest erhebt und – im Einverständnis mit Mendelssohn – an Richardson gegen Rousseau festhält, so hat er sehr wesentliche Züge der neuen, höheren, widerspruchsvolleren Stufe der Aufklärung übersehen.
Das Schaffen des jungen Goethe ist eine Weiterführung der Rousseauschen Linie. Freilich in einer deutschen Weise, wodurch wieder eine Reihe von neuen Widersprüchen entsteht. Die besondere deutsche Note ist untrennbar mit der ökonomisch-gesellschaftlichen Zurückgebliebenheit Deutschlands, mit der deutschen Misere verknüpft. So scharf man auf diese deutsche Misere hinzuweisen hat, so sehr muß vor ihrer vulgarisierenden Vereinfachung gewarnt werden. Selbstverständlich fehlt dieser deutschen Literatur die politisch-soziale Zielklarheit und Festigkeit der Franzosen, die dichterische Widerspiegelung einer entwickelten, reich entfalteten bürgerlichen Gesellschaft der Engländer. Selbstverständlich trägt diese Literatur viele Muttermale der Kleinlichkeit des Lebens im unentwickelten und zerstückelten Deutschland an sich. Andrerseits darf aber nicht vergessen werden, daß die Widersprüche der bürgerlichen Entwicklung nirgends in einer solchen Leidenschaftlichkeit und Plastik ausgedrückt worden sind wie gerade in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. Man denke nur an das bürgerliche Drama. Entstanden in England und Frankreich, hat es doch weder sozial-inhaltlich noch künstlerisch-formal in diesen Ländern eine solche Höhe erreicht wie schon in der ‹Emilia Galotti› Lessings, wie insbesondere in den ‹Räubern›, in ‹Kabale und Liebe› des jungen Schiller.
Freilich ist der junge Goethe kein Revolutionär, auch nicht im Sinne des jungen Schiller. Aber in einem breiten und tiefen historischen Sinne, im Sinne der innigen Verknüpftheit mit den Grundproblemen der bürgerlichen Revolution bedeuten die Werke des jungen Goethe einen revolutionären Gipfelpunkt der europäischen Aufklärungsbewegung, der ideologischen Vorbereitung der Großen Französischen Revolution.
Im Mittelpunkt des ‹Werther› steht das große Problem des bürgerlich-revolutionären Humanismus, das Problem der freien und allseitigen Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. Feuerbach sagt: ‹Unser Ideal sei kein kastriertes, entleibtes, abgezogenes Wesen, unser Ideal sei der ganze, wirkliche, allseitige, vollkommene, ausgebildete Mensch.› Lenin, der diesen Satz in seine philosophischen Exzerpte einfügt, sagt darüber, dieses Ideal ist das ‹der vorgeschrittenen bürgerlichen Demokratie oder der revolutionären bürgerlichen Demokratie›.
Die Tiefe und Vielseitigkeit in der Problemstellung des jungen Goethe beruht darauf, daß er den Gegensatz zwischen Persönlichkeit und bürgerlicher Gesellschaft nicht nur in bezug auf den halbfeudalen Duodez-Absolutismus Deutschlands seiner Zeit sieht, sondern in bezug auf die bürgerliche Gesellschaft im allgemeinen. Selbstverständlich richtet sich der Kampf des jungen Goethe gegen jene konkreten Formen der Unterdrückung und der Verkümmerung der menschlichen Persönlichkeit, die das Deutschland seiner Tage hervorbringt. Aber die Tiefe seiner Auffassung zeigt sich darin, daß er nicht bei einer Kritik der bloßen Symptome, bei einer polemischen Darstellung der augenfälligen Erscheinungsweisen stehenbleibt. Er gestaltet vielmehr das Alltagsleben seiner Zeit mit einem so tiefen Verständnis der bewegenden Kräfte, der grundlegenden Widersprüche, daß die Bedeutung seiner Kritik weit über eine Kritik der Zustände des zurückgebliebenen Deutschlands hinausgeht. Die begeisterte Aufnahme, die der ‹Werther› in ganz Europa fand, zeigt, daß die Menschen der kapitalistisch entwickelteren Länder im Schicksal Werthers sofort erleben mußten: tua res agitur.
Der Gegensatz von Persönlichkeit und Gesellschaft wird beim jungen Goethe sehr breit und verwickelt verstanden. Goethe beschränkt sich nicht darauf, die unmittelbar gesellschaftlichen Hemmungen der Persönlichkeitsentwicklung aufzuzeigen. Diesen ist selbstverständlich ein breiter und wesentlicher Teil seiner Darstellung gewidmet. Goethe sieht in der feudalen Standesschichtung, in der feudalen Abschließung der Stände voneinander, ein unmittelbares und wesentliches Hindernis der Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und kritisiert dementsprechend die Gesellschaftsordnung mit bitterer Satire.
Er sieht aber zugleich, daß die bürgerliche Gesellschaft, deren Entwicklung eigentlich das Problem der Persönlichkeitsentfaltung mit solcher Vehemenz in den Vordergrund gestellt hat, ihr selbst ununterbrochen Hindernisse entgegensetzt. Dieselben Gesetze, Institutionen usw., die der Persönlichkeitsentfaltung im engen Klassensinne der Bourgeoisie dienen, die die Freiheit des laisser faire hervorbringen, sind gleichzeitig unbarmherzige Würger der sich wirklich entfaltenden Persönlichkeit. Die kapitalistische Arbeitsteilung, auf deren Grundlage erst jene Entwicklung der Produktivkräfte vor sich gehen kann, die die materielle Basis der entfalteten Persönlichkeit bilden, unterwirft sich zugleich den Menschen, zerstückelt seine Persönlichkeit zu einem leblosen Spezialistentum usw. Es ist klar, daß dem jungen Goethe die ökonomische Einsicht in diese Zusammenhänge fehlen mußte. Um so höher muß seine dichterische Genialität eingeschätzt werden, mit der er an menschlichen Schicksalen die wirkliche Dialektik dieser Entwicklung darstellen konnte.
Da Goethe von konkreten Menschen, von konkreten menschlichen Schicksalen ausgeht, faßt er alle diese Probleme in jener konkreten Verwickeltheit und Vermitteltheit, in der sie sich im persönlichen Schicksal einzelner Menschen zeigen. Da er in seinem Helden einen außerordentlich differenzierten, innerlichen Menschen gestaltet, zeigen sich diese Probleme in einer sehr komplizierten, tief in die Ideologie hineinreichenden Weise. Aber der Zusammenhang ist überall sichtbar, wird sogar überall vom Bewußtsein der handelnden Menschen in irgendeiner Weise erfaßt. So sagt z.B. Werther über das Verhältnis von Natur und Kunst: ‹Sie [die Natur] allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler. Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann.› Das zentrale Problem bleibt immer die einheitliche und allumfassende Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit. In seiner Darstellung der eigenen Jugend, die der alte Goethe in ‹Dichtung und Wahrheit› gab, geht er ausführlich auf die prinzipiellen Grundlagen dieses Kampfes ein. Er analysiert das Denken Hamanns, der neben Rousseau und Herder seine Jugendentwicklung am stärksten beeinflußt hat, und spricht mit eigenen Worten jenes Grundprinzip aus, dessen Verwirklichung das Hauptbestreben nicht nur seiner Jugend gewesen ist: ‹Alles, was der Mensch zu leisten unternimmt, es werde nun durch Tat oder Wort oder sonst hervorgebracht, muß aus sämtlichen vereinigten Kräften entspringen; alles Vereinzelte ist verwerflich. Eine herrliche Maxime, aber schwer zu befolgen.›
Der dichterische Hauptinhalt des ‹Werther› ist ein Kampf um die Verwirklichung dieser Maxime, ein Kampf gegen die äußeren und inneren Hindernisse ihrer Verwirklichung. Ästhetisch bedeutet dies den Kampf gegen die ‹Regeln›, von dem wir bereits gehört haben. Auch hier muß man sich davor hüten, mit metaphysischen, starren Gegensätzen zu arbeiten. Werther und mit ihm der junge Goethe sind Feinde der ‹Regeln›. Aber die ‹Regellosigkeit› bedeutet für Werther einen leidenschaftlichen großen Realismus, bedeutet die Verehrung von Homer, Klopstock, Goldsmith, Lessing.
Noch energischer und leidenschaftlicher ist die Rebellion gegen die Regeln der Ethik. Die Grundlinie der bürgerlichen Entwicklung verlangt an Stelle der ständischen und lokalen Privilegien einheitliche nationale Rechtssysteme. Diese große historische Bewegung muß sich auch in der Ethik als Verlangen nach einheitlichen allgemeingültigen Gesetzen des menschlichen Handelns widerspiegeln. Im Laufe der späteren deutschen Entwicklung erreicht diese gesellschaftliche Tendenz ihren hohen philosophischen Ausdruck in der idealistischen Ethik von Kant und Fichte. Die Tendenz dazu ist aber – im konkreten Leben selbstverständlich oft in philiströser Weise erscheinend – lange vor Kant und Fichte vorhanden.
Aber so notwendig diese Entwicklung auch historisch sei, was sie hervorbringt, ist zugleich ein Hindernis der Entwicklung der Persönlichkeit. Die Ethik im Kant-Fichteschen Sinne will ein einheitliches System der Regeln, ein widerspruchsloses System der Vorschriften für eine Gesellschaft auffinden, deren bewegendes Grundprinzip der Widerspruch selbst ist. Das Individuum, das in dieser Gesellschaft handelt, das notgedrungenerweise das System der Regeln im allgemeinen, im Prinzip, anerkennt, muß im konkreten Fall ununterbrochen in Widerspruch zu diesen Prinzipien geraten. Und zwar nicht so, wie es sich Kant vorstellt, daß bloß die niedrigen, egoistischen Triebe des Menschen den hohen ethischen Maximen widersprechen. Der Widerspruch entspringt vielmehr sehr häufig und in den hier allein maßgebenden Fällen aus den besten und edelsten Leidenschaften des Menschen. Erst viel später gelingt es der Hegelschen Dialektik – freilich in idealistischer Weise –, ein einigermaßen adäquates Bild der widerspruchsvollen Wechselwirkung zwischen menschlicher Leidenschaft und gesellschaftlicher Entwicklung gedanklich zu erfassen.
Aber auch die beste gedankliche Erfassung kann keinen real existierenden Widerspruch in der Wirklichkeit selbst aufheben. Und die Generation des jungen Goethe, die diesen lebendigen Widerspruch tief erlebt hat, wenn sie auch seine Dialektik gedanklich nicht begriff, rennt mit wütender Leidenschaft gegen dieses Hindernis der freien Persönlichkeitsentwicklung an.
Der Jugendfreund Goethes, Friedrich Heinrich Jacobi, hat in einem offenen Brief an Fichte diese Rebellion auf dem Gebiet der Ethik vielleicht in der klarsten Weise ausgedrückt. Er sagt: ‹Ja, ich bin der Atheist und Gottlose, der … lügen will, wie Desdemona sterbend log, lügen und betrügen will wie der für Orest sich darstellende Pylades, morden will wie Timoleon, Gesetz und Eid brechen wie Epaminondas, wie Johann de Witt, Selbstmord beschließen wie Otho, Tempelraub begehen wie David – ja, Ähren ausraufen am Sabbat, auch nur darum, weil mich hungert und das Gesetz um des Menschen willen gemacht ist, nicht der Mensch um des Gesetzes willen.› Und diese Rebellion nennt Jacobi ‹das Majestätsrecht des Menschen, das Siegel seiner Würde›.
Die ethischen Probleme des ‹Werther› spielen sich alle im Zeichen dieser Rebellion ab, einer Rebellion, in der sich zum erstenmal in der Weltliteratur die inneren Widersprüche des revolutionären bürgerlichen Humanismus in großer dichterischer Darstellung zeigen. Goethe legt die Handlung in diesem Roman außerordentlich sparsam an. Aber er wählt fast ausnahmslos solche Figuren und solche Geschehnisse aus, in denen diese Widersprüche, die Widersprüche zwischen menschlicher Leidenschaft und gesellschaftlicher Gesetzlichkeit, zutage treten. Und zwar ausnahmslos zwischen Leidenschaften, in denen an und für sich nichts Niedriges, nichts Asoziales oder Antisoziales enthalten ist, und Gesetzen, die nicht an und für sich als sinnlos und die Entwicklung hemmend verworfen werden (wie die Ständescheidungen der feudalen Gesellschaft), sondern die nur die allgemeinen Beschränktheiten aller Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft an sich tragen.
Mit bewundernswerter Kunst stellt Goethe in wenigen Zügen, in einigen kurzen Szenen das tragische Geschick des verliebten jungen Knechts dar, dessen Mord an seiner Geliebten und seinem Rivalen das tragische Gegenstück zu Werthers Selbstmord bildet. In seiner bereits angeführten späten Darstellung der Wertherzeit erkennt noch der alte Goethe den rebellisch-revolutionären Charakter in der Forderung des moralischen Rechtes zum Selbstmord. Es ist sehr interessant und für die Beziehung des ‹Werther› zur Aufklärung wiederum sehr lehrreich, daß er sich hier auf Montesquieu beruft. Werther selbst hat zur Verteidigung dieses Rechtes eine noch revolutionärer klingende Begründung. Noch lange vor seinem Selbstmord, lange bevor er konkret diesen Entschluß gefaßt hat, führt er über den Selbstmord ein theoretisches Gespräch mit dem Bräutigam seiner Geliebten, mit Albert. Dieser ruhige Bürger leugnet selbstverständlich ein jedes derartiges Recht. Werther führt unter anderem aus: ‹Ein Volk, das unter dem unerträglichen Joch eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach heißen, wenn es endlich aufgärt und seine Ketten zerreißt?›
Dieser tragische Kampf um die Verwirklichung der humanistischen Ideale ist beim jungen Goethe aufs engste mit der Volkstümlichkeit seiner Bestrebungen verknüpft. Der junge Goethe ist gerade in dieser Hinsicht ein Fortführer Rousseauscher Tendenzen im Gegensatz zum vornehmen Aristokratismus Voltaires, dessen Erbe für den späteren, vielfach enttäuschten und resignierten Goethe wichtig werden wird. Die kulturelle und literarische Linie Rousseaus läßt sich am klarsten mit Marxens Worten über den Jakobinismus aussprechen: es ist ‹eine plebejische Manier, mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutismus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum, fertig zu werden›.
Wir wiederholen: der junge Goethe war politisch kein revolutionärer Plebejer, auch nicht innerhalb des in Deutschland Möglichen, auch nicht im Sinne des jungen Schiller. Das Plebejische erscheint also bei ihm nicht in politischer Form, sondern als Gegensatz der humanistisch-revolutionären Ideale sowohl zur ständischen Gesellschaft des Feudalabsolutismus wie zum Spießbürgertum. Der ganze ‹Werther› ist ein glühendes Bekenntnis zu jenem neuen Menschen, der im Laufe der Vorbereitung der bürgerlichen Revolution entsteht, zu jener Menschwerdung, zu jener Erweckung der allseitigen Tätigkeit des Menschen, die die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft hervorbringt – und zugleich tragisch zum Untergang verurteilt. Die Gestaltung dieses neuen Menschen geschieht also in ununterbrochener dramatischer Kontrastierung zur ständischen Gesellschaft und zum Spießbürgertum. Immer wieder wird diese neu entstehende menschliche Kultur der Verbildung, der Unfruchtbarkeit, der Unkultiviertheit der ‹höheren Stände› und dem toten, erstarrten, kleinlich egoistischen Leben der Spießbürger gegenübergestellt. Und jede dieser Gegenüberstellungen ist ein flammender Hinweis darauf, daß wirkliches, lebendiges Erfassen des Lebens, lebendiges Verarbeiten seiner Probleme ausschließlich beim Volke selbst zu finden sind. Nicht nur Werther steht als lebendiger Mensch, als Repräsentant des Neuen der toten Erstarrung der Aristokratie und des Philistertums gegenüber, sondern auch immer wieder Figuren aus dem Volke. Werther ist immer Repräsentant des volkstümlichen Lebendigen dieser Erstarrung gegenüber. Und die sehr reichlich eingearbeiteten Bildungselemente (Hinweise auf die Malerei, auf Homer, Ossian, Goldsmith usw.) bewegen sich immer in dieser Richtung: Homer und Ossian sind für Werther und für den jungen Goethe große volkstümliche Dichter, dichterische Widerspiegelungen und Ausdrücke des produktiven Lebens, das einzig und allein im arbeitenden Volke vorhanden ist.
Mit dieser Richtung, mit diesem Inhalt seiner Gestaltung proklamiert der junge Goethe – obwohl er persönlich weder Plebejer noch politischer Revolutionär gewesen ist – die volkstümlich-revolutionären Ideale der bürgerlichen Revolution. Seine reaktionären Zeitgenossen haben auch diese Tendenz des ‹Werther› sofort erkannt und entsprechend gewertet. Der aus der Polemik mit Lessing berüchtigte orthodoxe Pfarrer Goeze schreibt z.B., daß Bücher wie der ‹Werther› Mütter des Ravaillac (des Mörders von Henri IV.), des Damiens (des Attentäters auf Ludwig XV.) seien. Und viele Jahrzehnte später attackiert ein Lord Bristol Goethe, weil er durch den ‹Werther› so viele Menschen unglücklich gemacht habe. Es ist sehr interessant, daß der sonst so höfisch feine und zurückhaltende alte Goethe auf diese Anklage mit einer wohltuenden derben Grobheit antwortet und dem erstaunten Lord alle Sünden der herrschenden Klassen vorwirft. Solche Bewertungen stellen den ‹Werther› auf eine Stufe mit den offen-revolutionären Jugenddramen Schillers. Über diese hat der alte Goethe ebenfalls eine außerordentlich charakteristische Feindesäußerung aufbewahrt. Ein deutscher Fürst sagte ihm einmal, daß, wenn er der liebe Gott wäre und gewußt hätte, die Erschaffung der Welt würde auch das Entstehen von Schillers ‹Räubern› zur Folge haben, er die Welt niemals geschaffen hätte.
Diese Äußerungen aus feindlichen Lagern umschreiben die wirkliche Bedeutung der großen Produkte des ‹Sturm und Drang› weit besser als die späteren apologetischen Erklärungen der bürgerlichen Literaturgeschichte. Die volkstümlich-humanistische Revolte im ‹Werther› ist eine der wichtigsten revolutionären Äußerungen der bürgerlichen Ideologie in der Vorbereitungszeit der Französischen Revolution. Sein Welterfolg ist der eines revolutionären Werkes. Im ‹Werther› kulminierten die Kämpfe des jungen Goethe um den freien und allseitig entwickelten Menschen, jene Tendenzen, die er im ‹Götz›, im ‹Prometheus›-Fragment, in den ersten Entwürfen zum ‹Faust› usw. ebenfalls ausgedrückt hat.
Es wäre eine falsche Einengung der Bedeutung des ‹Werther›, in ihm bloß die Gestaltung einer vorübergehenden, übersteigerten, sentimentalen Stimmung zu sehen, die Goethe selbst rasch überwunden hätte. Es ist richtig: Goethe hat kaum drei Jahre nach dem ‹Werther› eine übermütig lustige Parodie auf das Werthertum geschrieben, den ‹Triumph der Empfindsamkeit›. Die bürgerliche Literaturgeschichte beachtet nur, daß Goethe dort Rousseaus ‹Heloïse› und seinen eigenen ‹Werther› als ‹Grundsuppe› der Sentimentalität bezeichnet. Sie geht aber achtlos an der Tatsache vorbei, daß Goethe hier eben die adlighöfische, ins Widernatürliche entartete Parodie der Wertherei verspottet. Werther selbst flüchtet zur Natur und zum Volk vor der toten Verbildung der adligen Gesellschaft. Der Held der Parodie schafft sich aus Kulissen eine künstliche Natur, fürchtet sich vor der wirklichen, hat in seiner spielerischen Sentimentalität nichts mit den lebendigen Kräften des Volkes zu tun. ‹Der Triumph der Empfindsamkeit› unterstreicht also gerade die volkstümliche Grundlinie des ‹Werther›, ist eine Parodie auf dessen unbeabsichtigte Wirkung bei den ‹Gebildeten›, nicht aber auf angebliche ‹Überstiegenheiten› des Werkes selbst.
Der Welterfolg des ‹Werther› ist ein literarischer Sieg der Linie der bürgerlichen Revolution. Die künstlerische Grundlage dieses Erfolges beruht darauf, daß der ‹Werther› eine künstlerische Vereinigung der großen realistischen Tendenzen des 18. Jahrhunderts bietet. Der junge Goethe führt die Linie Richardson-Rousseau künstlerisch hoch über seine Vorgänger hinaus. Er übernimmt von ihnen die Thematik: die Darstellung der gefühlvollen Innerlichkeit des bürgerlichen Alltagslebens, um in dieser Innerlichkeit die Umrisse des entstehenden neuen Menschen im Gegensatz zur feudalen Gesellschaft zu zeichnen. Aber während noch bei Rousseau die äußere Welt, mit Ausnahme der Landschaft, sich in eine subjektive Stimmungshaftigkeit auflöst, ist der junge Goethe zugleich der Erbe der objektiv klaren Gestaltungsweise der äußeren Welt, der Welt der Gesellschaft und der Natur; er setzt nicht nur Richardson und Rousseau, sondern auch Fielding und Goldsmith fort.
Äußerlich technisch angesehen ist der ‹Werther› ein Gipfelpunkt der subjektivistischen Tendenzen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Und dieser Subjektivismus ist im Roman keine Äußerlichkeit, sondern der adäquate künstlerische Ausdruck der humanistischen Revolte. Aber alles, was in dieser Welt des ‹Werther› vorkommt, ist von Goethe mit einer unerhörten, an den großen Realisten geschulten Plastik und Einfachheit objektiviert. Nur in der Stimmung Werthers verdrängt am Schluß die Nebelhaftigkeit Ossians die klare Plastik des volkstümlich verstandenen Homer. Der junge Goethe bleibt als Gestalter im ganzen Werk ein Schüler dieses Homer.
Goethes großer Jugendroman geht aber nicht nur in dieser künstlerischen Hinsicht über seine Vorgänger hinaus. Er tut es auch dem Inhalt nach. Er ist, wie wir gesehen haben, nicht nur die Proklamierung der Ideale des revolutionären Humanismus, sondern zugleich die vollendete Gestaltung des tragischen Widerspruches dieser Ideale. ‹Werther› ist also nicht nur ein Gipfelpunkt der großen bürgerlichen Literatur des 18. Jahrhunderts, sondern zugleich der erste große Vorläufer der großen realistischen Problemliteratur des 19. Jahrhunderts. Wenn die bürgerliche Literaturgeschichte in Chateaubriand und seinem Anhang die literarische Nachfolge des ‹Werther› sieht, so setzt sie dessen Bedeutung tendenziös herab. Nicht die reaktionären Romantiker, sondern die großen Gestalter des tragischen Untergangs der humanistischen Ideale im 19. Jahrhundert, Balzac und Stendhal, setzen die wirklichen Tendenzen des ‹Werther› fort.
Werthers Konflikt – seine Tragödie ist bereits die des bürgerlichen Humanismus – zeigt schon den unlösbaren Gegensatz der freien und allseitigen Entwicklung der Persönlichkeit mit der bürgerlichen Gesellschaft selbst. Diese erscheint natürlich in ihrer vorrevolutionären, deutschen, halbfeudalen, kleinstaatlichabsolutistischen Gestalt. In dem Konflikt selbst sind aber sehr klar die Umrisse der später deutlicher hervortretenden Gegensätze sichtbar. Und an diesen geht Werther letzten Endes tatsächlich zugrunde. Freilich gestaltet Goethe nur diese durchschimmernden Umrisse der später offenbar gewordenen großen Tragödie. Darum kann er sein Thema in einen extensiv so engen Rahmen spannen; sich thematisch auf die Darstellung einer fast idyllisch-abgeschlossenen kleinen Welt à la Goldsmith und Fielding beschränken. Aber die Gestaltung dieser äußerlich engen und abgeschlossenen Welt ist bereits von jener inneren Dramatik erfüllt, die nach Balzacs Ausführungen das wesentlich Neue des Romans des 19. Jahrhunderts ausmacht.
Der ‹Werther› wird allgemein als ein Liebesroman aufgefaßt. Und das zu Recht: der ‹Werther› ist einer der bedeutendsten Liebesromane der Weltliteratur. Aber wie jede poetisch wirklich große Gestaltung der Tragödie der Liebe gibt auch der ‹Werther› viel mehr als eine bloße Liebestragödie.
Dem jungen Goethe gelingt es, in diesen Liebeskonflikt alle großen Probleme des Kampfes um die Persönlichkeitsentwicklung organisch einzubeziehen. Die Liebestragödie des Werther ist eine tragische Explosion aller Leidenschaften, die sonst im Leben verteilt, partikular, abstrakt auftreten, hier aber im Feuer der Liebesleidenschaft zu einer einheitlichen glühenden und leuchtenden Masse verschmolzen werden.
Wir können hier nur einige der wesentlichen Momente hervorheben. Erstens machte Goethe aus der Liebe Werthers zu Lotte einen dichterisch gesteigerten Ausdruck der volkstümlichen, antifeudalen Lebenstendenzen des Helden. Goethe selbst sagt später über die Beziehung Werthers zu Lotte, daß sie ihm den Alltag vermittelt. Noch wichtiger ist aber die Komposition des Werkes selbst. Der erste Teil ist der Darstellung der entstehenden Liebe Werthers gewidmet. Als Werther den unlösbaren Konflikt seiner Liebe sieht, will er ins praktische Leben, in die Tätigkeit, fliehen und nimmt einen Posten bei einer Gesandtschaft an. Trotz seiner dort anerkannten Begabung scheitert dieser Versuch an den Schranken, die die adlige Gesellschaft dem Bürgerlichen gegenüber aufrichtet. Erst nachdem Werther hier gescheitert ist, kommt es zur tragischen Wiederbegegnung mit Lotte.
Es ist vielleicht nicht uninteressant zu erwähnen, daß einer der größten Verehrer dieses Romans, Napoleon Bonaparte, der den ‹Werther› auch auf den ägyptischen Feldzug mitnahm, die Einbeziehung des gesellschaftlichen Konflikts in die Liebestragödie Goethe gegenüber getadelt hat. Der alte Goethe bemerkt mit seiner höfisch feinen Ironie, daß der große Napoleon den ‹Werther› zwar sehr aufmerksam studiert habe, jedoch so, wie ein Kriminalrichter seine Akten. Die Kritik Napoleons verkennt offensichtlich den breiten und umfassenden Charakter der Wertherfrage. Natürlich wäre der ‹Werther› auch als Tragödie einer Liebe eine große typische Gestaltung des Problems der Periode gewesen. Goethes Absichten gingen aber tiefer. Er zeigt in der Gestaltung der leidenschaftlichen Liebe den unlösbaren Widerspruch zwischen Persönlichkeitsentwicklung und bürgerlicher Gesellschaft. Und dazu war notwendig, daß wir diesen Konflikt auf allen Gebieten der menschlichen Tätigkeit miterleben können. Die Kritik Napoleons ist eine – von ihm aus verständliche – Ablehnung dieser Allgemeingültigkeit des tragischen Konflikts im ‹Werther›.
Durch diesen scheinbaren Umweg kommt das Werk zur Katastrophe. Bei der Katastrophe selbst muß noch darauf hingewiesen werden, daß Lotte Werther wiederliebt und durch die Explosion seiner Leidenschaft zum Bewußtsein dieser Liebe gebracht wird. Gerade dies bringt aber die Katastrophe hervor: Lotte ist eine bürgerliche Frau, die an ihrer Ehe mit dem tüchtigen und geachteten Mann instinktiv festhält und vor der eigenen Leidenschaft erschreckt zurücktaumelt. Die Werthertragödie ist also nicht nur die Tragödie der unglücklichen Liebesleidenschaft, sondern die vollendete Gestaltung des inneren Widerspruchs der bürgerlichen Ehe: sie ist auf individuelle Liebe basiert, mit ihr entsteht historisch die individuelle Liebe – ihr ökonomisch-soziales Dasein steht aber in unlösbarem Widerspruch zur individuellen Liebe.
Die sozialen Pointen dieser Liebestragödie unterstreicht Goethe ebenso deutlich wie diskret. Nach einem Zusammenstoß mit der feudalen Gesellschaft der Gesandschaft fährt Werther ins Freie und liest jenes Kapitel der Odyssee, in welchem der heimkehrende Odysseus sich mit dem Schweinehirten menschlich und kameradschaftlich unterhält. Und in der Nacht des Selbstmordes ist das letzte Buch, das Werther liest, der bisherige Gipfelpunkt der revolutionären bürgerlichen Literatur, die ‹Emilia Galotti› Lessings.
‹Werthers Leiden› ist einer der größten Liebesromane der Weltliteratur, weil Goethe das ganze Leben seiner Periode mit allen ihren Konflikten in diese Liebestragödie konzentriert hat.
Eben darum geht die Bedeutung des ‹Werther› über die treffende Schilderung einer bestimmten Periode hinaus und gewinnt eine Wirkung, die weit ihre Zeit überdauert. Der alte Goethe sagt in einem Gespräch mit Eckermann über die Gründe dieser Wirkung folgendes: ‹Die vielbesprochene Wertherzeit gehört, wenn man es näher betrachtet, freilich nicht dem Gang der Weltkultur an, sondern dem Lebensgange jedes einzelnen, der mit angeborenem, freiem Natursinn sich in die beschränkenden Formen einer veralteten Welt finden und schicken lernen soll. Gehindertes Glück, gehemmte Tätigkeit, unbefriedigte Wünsche sind nicht Gebrechen einer besonderen Zeit, sondern jedes einzelnen Menschen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht jeder einmal in seinem Leben eine Epoche haben sollte, wo ihm der ‚Werther‘ käme, als wäre er bloß für ihn geschrieben.›
Goethe übertreibt hier ein wenig den ‹zeitlosen› Charakter des ‹Werther›, er verschweigt, daß jener individuelle Konflikt, in welchem nach seiner Auffassung die Bedeutung seines Romans liegt, eben der Konflikt von Persönlichkeit und Gesellschaft in der bürgerlichen Gesellschaft ist. Er betont aber gerade durch diese Einseitigkeit die tiefe Allgemeinheit des ‹Werther› für den ganzen Bestand der bürgerlichen Gesellschaft.
Als der alte Goethe eine Rezension über sich in der französischen Zeitschrift ‹Globe› las, in welcher sein ‹Tasso› ein ‹gesteigerter Werther› genannt wurde, hat er dieser Bezeichnung begeistert zugestimmt. Mit Recht. Denn der französische Kritiker hat sehr richtig die Verbindungsfäden aufgezeigt, die vom ‹Werther› über Goethes spätere Produktion in das 19. Jahrhundert führen. Im ‹Tasso› sind die Probleme des ‹Werther› gesteigert, energischer auf die Spitze getrieben, aber gerade darum erhält der Konflikt bereits eine weit weniger reine Lösung. Werther zerschellt an dem Widerspruch zwischen menschlicher Persönlichkeit und bürgerlicher Gesellschaft, er geht aber rein tragisch zugrunde, ohne seine Seele durch Kompromisse mit der schlechten Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft zu beschmutzen.
Die Tragödie des Tasso leitet insofern die große Romandichtung des 19. Jahrhunderts ein, als hier bereits die tragische Lösung des Konflikts weniger eine heroische Explosion als ein Ersticken in Kompromissen ist. Die Linie des ‹Tasso› wird dann zu einem leitenden Thema des großen Romans des 19. Jahrhunderts von Balzac bis zu unseren Tagen. Von einer sehr großen Anzahl der Helden dieser Romane läßt sich – freilich nicht in einer mechanisch-schematischen Weise – sagen, daß sie ‹gesteigerte Werther› sind. Sie gehen an denselben Konflikten zugrunde wie Werther. Ihr Untergang ist aber weniger heroisch, unrühmlicher, durch Kompromisse, durch Kapitulationen beschmutzter. Werther tötet sich, gerade weil er von seinen humanistisch-revolutionären Idealen nichts aufgeben will, weil er in diesen Fragen keine Kompromisse kennt. Diese Gradlinigkeit und Ungebrochenheit seiner Tragik verleiht seinem Untergang jene strahlende Schönheit, die auch heute den unverwelkbaren Zauber dieses Buches bildet.
Diese Schönheit ist nicht bloß das Resultat der Genialität des jungen Goethe. Sie rührt daher, daß der ‹Werther›, obwohl sein Held an einem allgemeinen Konflikt der ganzen bürgerlichen Gesellschaft zugrunde geht, doch das Produkt der vorrevolutionären heroischen Periode der bürgerlichen Entwicklung ist.
So wie die Helden der Französischen Revolution, von heroischen, geschichtlich notwendigen Illusionen erfüllt, heldenhaft strahlend in den Tod gingen, so geht auch Werther in der Morgenröte der heroischen Illusionen des Humanismus vor der Französischen Revolution tragisch unter.
Goethe hat nach übereinstimmender Darstellung seiner Biographen die Wertherperiode bald überwunden. Das ist eine unbestreitbare Tatsache. Und es steht außer Frage, daß die spätere Entwicklung Goethes vielfach weit über den Horizont des ‹Werther› hinausgeht. Goethe hat den Zerfall der heroischen Illusionen der vorrevolutionären Periode erlebt und in einer eigenartigen Weise trotzdem an den humanistischen Idealen festgehalten, sie in einer anderen, umfassenderen und reicheren Weise im Konflikt mit der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt.
Aber das Gefühl für das Unverlierbare dessen, was an Lebensgehalt im ‹Werther› gestaltet war, ist in ihm stets lebendig geblieben. Er hat den ‹Werther› nicht in jenem vulgären Sinne überwunden, wie dies die meisten seiner Biographen meinen, in dem Sinne, wie der klug gewordene, mit der Wirklichkeit sich abfindende Bürger seine ‹Jugendtorheiten› überwindet. Als er fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des ‹Werther› ein neues Vorwort zu ihm schreiben wollte, schrieb er das ergreifende erste Stück der ‹Trilogie der Leidenschaft›. In diesem Gedicht spricht er das Verhältnis zum Helden seiner Jugend so aus:
‹Zum Bleiben ich, zum Scheiden du erkoren,
Gingst du voran – und hast nicht viel verloren.›
Diese melancholische Stimmung des alten und reifen Goethe zeigt am klarsten die Dialektik seiner Überwindung des ‹Werther›. Die gesellschaftliche Entwicklung ist über die Möglichkeit der ungebrochenen reinen Tragik des ‹Werther› hinweggeschritten. Der große Realist Goethe bestreitet diese Tatsache nicht. Die tiefe Erfassung des Wesens der Wirklichkeit ist ja immer die Grundlage seiner großen Poesie. Aber er fühlt zugleich, was er, was die Menschheit mit dem Vergehen jener heroischen Illusionen verloren hat. Er fühlt, daß die strahlende Schönheit des ‹Werther› eine nie wiederkehrende Periode der Menschheitsentwicklung bezeichnet, jene Morgenröte, auf die der Sonnenaufgang der Großen Französischen Revolution gefolgt ist.
[1936]
Goethes ‹Wilhelm Meister› ist das bedeutendste Übergangsprodukt der Romanliteratur zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert. Er trägt die Züge beider Entwicklungsperioden des modernen Romans, und zwar sowohl ideologisch als auch künstlerisch. Es ist, wie wir sehen werden, kein Zufall, daß seine endgültige Niederschrift in die Jahre 1793–95 fällt, in die Zeit, in der die revolutionäre Übergangskrise zwischen den beiden Zeitaltern in Frankreich ihren Gipfelpunkt erreicht hat.
