Fear and Desire: Verräterische Spuren - July Cullen - E-Book

Fear and Desire: Verräterische Spuren E-Book

July Cullen

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Beschreibung

Washington: Cat wirkt wie das unscheinbare Mädchen von nebenan. Sie arbeitet in der Zoohandlung ihres besten Freundes, um ihr Chemiestudium zu finanzieren, und besucht regelmäßig ihren Dad im Pflegeheim. Aber sie hat auch eine dunkle Seite. Denn wenn die Stadt schläft und das Verbrechen die Überhand gewinnt, sind Cats Dienste gefragt: Sie entfernt im Auftrag der Mafia DNA-Spuren von Tatorten. Doch dann tritt Dan in ihr Leben. Dan - Detective - ist neu in der Stadt und hat noch eine Rechnung mit der italienischen Mafia Washingtons offen: Mafiaboss Diego Scarpetti brachte vor 10 Jahren seinen Bruder um. Jetzt ist Dan fest entschlossen, Scarpetti das Handwerk zu legen ... und stößt bei seinen Ermittlungen immer wieder auf Cat. Er kann ihrem unschuldigen Reiz nicht widerstehen. Schon beim ersten Date sprühen die Funken. Doch als Scarpetti erfährt, dass Cat und Dan miteinander gesehen wurden, gerät Cat in tödliche Gefahr ... Ebooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.

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Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13

Über dieses Buch

Washington: Cat wirkt wie das unscheinbare Mädchen von nebenan. Sie arbeitet in der Zoohandlung ihres besten Freundes, um ihr Chemiestudium zu finanzieren, und besucht regelmäßig ihren Dad im Pflegeheim. Aber sie hat auch eine dunkle Seite. Denn wenn die Stadt schläft und das Verbrechen die Überhand gewinnt, sind Cats Dienste gefragt: Sie entfernt im Auftrag der Mafia DNA-Spuren von Tatorten. Doch dann tritt Dan in ihr Leben.

Dan – Detective – ist neu in der Stadt und hat noch eine Rechnung mit der italienischen Mafia Washingtons offen: Mafiaboss Diego Scarpetti brachte vor 10 Jahren seinen Bruder um. Jetzt ist Dan fest entschlossen, Scarpetti das Handwerk zu legen … und stößt bei seinen Ermittlungen immer wieder auf Cat. Er kann ihrem unschuldigen Reiz nicht widerstehen. Schon beim ersten Date sprühen die Funken. Doch als Scarpetti erfährt, dass Cat und Dan miteinander gesehen wurden, gerät Cat in tödliche Gefahr …

Über die Autorin

July Cullen ist das Pseudonym der Autorin Kira Licht, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat. Sie verlebte ihre Teenagerjahre in Kobe, Japan und besuchte dort eine internationale Schule. Zurück in Deutschland studierte sie Biologie und Medizin. Sie lebt, liebt und schreibt in Bochum, reist aber gerne um die Welt und besucht Freunde. Nebenberuflich studiert die Biologin Literaturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Als July Cullen schreibt sie erotische Romane und Novellen.

JULY CULLEN

Verräterische Spuren

beHEARTBEAT

Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Petra Förster

Lektorat/Projektmanagement: Anna-Lena Meyhöfer

Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven © shutterstock: Elovich | conrado | Plume Photography

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4803-3

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Kapitel 1

Cat

Durch die Nacht

»Ich brauche dich, Cat.« Die Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung klang rauchig und dunkel.

Catinka Reynolds drehte sich auf die Seite und sah auf die neonblau leuchtenden Zahlen des Radioweckers. 2:17 Uhr. Verschlafen presste sie das Handy noch etwas fester ans Ohr.

»Diego …«

»Sofort.«

Cat unterdrückte ein Seufzen und richtete sich im Bett auf. »Ich komme. Wo bist du?« Sie knipste die Nachttischlampe an. Zwei gescheckte Katzen blinzelten empört zwischen den Bergen und Tälern der cremeweißen Bettdecke zu ihr empor.

»Im Four Seasons. Zimmer 342.« Es klickte. Das Gespräch war beendet.

»Tut mir leid, ihr zwei süßen Fellnasen.« Sie gähnte ausgiebig und schwang dann die Beine über die Bettkante. »Die Pflicht ruft.« Eine Katze maunzte anklagend, die andere klappte die Augen zu und schlief ungerührt weiter.

Sobald der hastig hinuntergestürzte Espresso seine Wirkung zeigte, war Cat durch und durch Profi. In weniger als zwanzig Minuten war sie bereit zum Aufbruch. Vor dem Spiegel im Flur betrachtete sie sich kurz. Die Spitzenverzierungen ihrer halterlosen Strümpfe malten sich dezent unter dem zarten Stoff ihres Kleids ab. Die glänzend roten Lippen und das auffällige Augen-Make-up ließen sie älter aussehen. Die Absätze ihrer Pumps waren hoch, doch die Schuhe waren bequem wie Pantoffeln. Cat hatte früh gelernt, nicht an der Qualität ihres Arbeitsmaterials zu sparen. Sie korrigierte ein letztes Mal den Sitz ihrer Perücke – ein rabenschwarzer, scharfkantig geschnittener Bob – und schloss dann die Finger um den Griff des bereitstehenden Trolleys.

*

Der Nachtportier des Four Seasons musterte sie ebenso unverhohlen wie der Taxifahrer, der sie nach Georgetown gefahren hatte. Zuletzt blieb der Blick des Hotelangestellten an ihrem grauen Trolley hängen. Was er sich wohl vorstellte – dass sich darin lederne Fesselriemen, ein Latexanzug oder gar eine sexy Stewardess-Uniform verbargen? Cat musste innerlich grinsen.

Er grüßte sie nicht, doch ebenso wenig hielt er sie auf. Generell waren alle Hotels in Washington per Gesetz dazu angehalten, Prostitution unter ihrem Dach nicht zu billigen. Doch die Edelhotels tolerierten die Wünsche ihrer wohlhabenden Gäste, solange die »Damen« sich diskret verhielten. Huren, die an den Hotelbars nach Freiern suchten, handelten sich ein lebenslanges Hausverbot ein. Callgirls, die mitten in der Nacht ins Zimmer der Gäste huschten, wurden »übersehen«.

Cat fuhr mit dem Aufzug in die dritte Etage. Die Absätze ihrer Pumps versanken in dem hochflorigen Teppich. Vor Zimmer 342 zückte sie ihr Handy.

»Ich bin da.«

Sekunden später öffnete sich die Tür. Ein Mann, fast noch ein Junge, starrte sie an.

»Äh. Sind Sie …?« Sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab, als sein Blick an Cat hinab- und wieder hinaufwanderte.

»Hör auf zu stottern und lass sie rein!«, dröhnte eine Stimme. Der junge Mann zuckte zusammen, machte die Tür weit auf und bedeutete ihr mit einer höflichen Geste einzutreten.

»Bei der heiligen Maria, warum reißt du die Tür nicht ganz aus den Angeln? Vielleicht möchte noch jemand einen Blick ins Zimmer werfen?«

Der Mann fuhr erneut zusammen. Hastig schloss er die Tür hinter Cat.

»Kätzchen! Wie schön, dass du es einrichten konntest.«

»Diego.«

Wenn Cat ihre Pumps trug, reichte ihr Diego Scarpetti gerade bis zur Schulter. Er war ungefähr so breit wie hoch, was er allerdings ausschließlich auf die Kochkünste seiner Frau schob. Dass er ein launischer Psychopath ohne jedes Schuldempfinden war, hatte vermutlich wenig mit Aurora Scarpettis kalorienreichen Nudelgerichten zu tun.

»Das ist der strohdumme Neffe eines Cousins«, stellte Diego den Jüngling vor. »Emanuele soll bei mir eine …« Er grinste. »… eine Lehre machen. Du weißt schon.«

Cat nickte Emanuele zu, der prompt ein wenig rot wurde. Sie schätzte ihn auf maximal siebzehn. Die weichen, dunklen Haare fielen ihm bis über die Augenbrauen. Er trug das Shirt einer berühmten Surfmarke und moderne Sneakers. Seine riesigen braunen Augen konnten sich nicht von Cats Beinen lösen. Er sah so unschuldig und adrett aus wie ein frisch gewaschenes Hundebaby.

»Die Familie wohnt in Kansas«, fügte Diego hinzu, als würde das alles erklären.

»Wo sind die anderen?«

Diego setzte gerade zu einer Antwort an, als sich die Zimmertür einen Spalt öffnete und zwei Männer lautlos hineinschlüpften.

»So geht das, Junge!«

Emanuele murmelte etwas auf Italienisch und sah auf den Teppich. Einer der neu Angekommenen klapste ihm in den Nacken. »Keine Widerworte.«

»Cat.« Der andere grüßte sie. Kurz, aber respektvoll. Er war größer als Diego und bullig wie ein Ringer. Dennoch war die Familienähnlichkeit unverkennbar.

»Lorenzo.«

Auch der Mann neben Emanuele, ein breitschultriger Kerl mit der lädierten Nase eines Boxers, konnte seine Zugehörigkeit zum Scarpetti-Clan nicht leugnen.

»Hallo, Catinka.« Er hatte seinen muskelbepackten Arm auf Emanueles schmalen Schultern abgelegt und lächelte breit. »Siehst heiß aus.«

Cat grinste und machte eine Blabla-Geste mit der Hand.

»Ich mein’s ernst.«

»Und ihr seht aus, als wolltet ihr beim FBI anheuern, Michele.«

»Es geht doch nichts über maßgeschneiderte Anzüge.« Michele strich mit der freien Hand über den schwarzen Stoff. »Allerdings sehe ich besser darin aus als er.« Er deutete auf Lorenzo. Der verdrehte nur die Augen.

So gerne Cat Smalltalk mit Diegos Schlägern machte, sie wollte möglichst bald anfangen. Je nachdem wie groß die Sauerei war, würde sie vielleicht den Rest der Nacht in diesem Hotel verbringen. In weniger als zweieinhalb Stunden würde es hell werden. Es war eine ihrer goldenen Regeln, vor Sonnenaufgang zu verschwinden.

»Was haben wir?«

Diego winkte sie zu sich. »Komm mit, Kätzchen.«

Der Flur führte in eine kleine Suite. Besser als der Standard, aber weit unter dem, was man im Four Seasons für eine Übernachtung ausgeben konnte. Zur Rechten lag das Schlafzimmer samt angrenzendem Badezimmer. Zur Linken ein Wohnbereich mit Sitzgruppe und riesigem Fernseher. Vor einer Wand stand ein schmaler Konferenztisch mit sechs Stühlen. Die bodenlangen Gardinen an der Kopfseite des Zimmers waren zwar zugezogen, doch Cat vermutete dahinter den Zugang zum Balkon.

Die Suite war wunderschön. Sah man davon ab, dass in praktisch jedem Zimmer Blutspritzer die geschmackvolle Einrichtung verunstalteten.

Cat schnalzte missbilligend mit der Zunge.

»Ich weiß, ich weiß.« Diego strich sich die sorgsam gegelten Haare aus der Stirn. »Es war ein Unfall.«

»Unfall«, wiederholte Cat tonlos. »Sieht aus, als hättet ihr mit ihm Fangen quer durch alle Zimmer gespielt.«

»Er ist dem Frischling abgehauen«, sagte Michele, der sich dazugesellte. »Der Kleine hat ihn nicht richtig erwischt, und – zack – ging der Kerl stiften.«

Cat schüttelte den Kopf. »Hoffentlich habe ich genug Mittelchen dabei.« Sie sah zu Diego. »Wo ist er gestorben?«

»Im Bad. In der Wanne.«

»Okay. Kann ich mich im Schlafzimmer umziehen?«

Michele nickte und pfiff Emanuele heran, der Cat daraufhin den Koffer brachte.

Als sich die Tür hinter ihr schloss, ließ Cat sich auf die Bettkante sinken. Sie zog sich bis auf das Höschen und den BH aus und öffnete dann ihren Trolley. Ihre Kleidung samt Pumps verstaute sie sorgsam in einem Kleidersack. Sie nahm einen weißen Schutzanzug aus dem Koffer und schlüpfte hinein. Dazu dicke Socken und weiche Sneakers. Zusätzlich zog sie Schutzhüllen aus sterilem Plastik über die Schuhe. Sie nahm die Perücke vom Kopf und band sich das blonde Haare zu einem straffen Knoten zusammen. Darüber kam ein Haarnetz. Die Schutzbrille hängte sie an eine der Taschen des Anzugs, genauso wie das Paket mit den sterilen Latexhandschuhen, die bis über den Ellenbogen reichten. Mit einem Taschentuch wischte sie sich den klebrigen Lippenstift vom Mund.

»Ich bin so weit.« Sie öffnete die Tür, vor der die drei Männer samt Lehrling bereits warteten. Emanueles Augen wurden groß wie Untertassen.

»Fangen wir an. Ich brauche eine Reihenfolge nach Kontaminationsgrad, ihr kennt das ja schon. Wo war er, wo war er nicht? Wo hat er geblutet, wo hat er nur gesessen oder gelegen? Welche Abflüsse habt ihr benutzt? Und so weiter.« Ihre Regeln besagten, dass die groben Arbeiten bereits getan sein mussten, ehe sie anfing. Sie beseitigte keine Leichen, sie zupfte keine Hirnmasse vom Teppichboden, und sie wischte auch keine Blutlachen auf. Leichen, Flüssigkeiten und Gewebereste mussten vom Verursacher auf eigene Gefahr entsorgt werden.

»Wir haben mit ihm auf den Couchen gesessen«, begann Lorenzo und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es sollte einfach nur ein nettes, kleines Gespräch unter Geschäftspartnern werden.«

»Leider sahen wir uns irgendwann zu anderen Maßnahmen gezwungen«, fügte Diego hinzu. Sein liebenswürdiges Lächeln jagte Cat einen eisigen Schauer den Rücken hinab. Sie kannte diese Männer schon seit ihrer Kindheit, und sie wusste ganz genau: Nichts an ihnen war liebenswürdig. Die höfliche Art, mit der sie sie behandelten, war genauso eine Fassade wie die 700-Dollar-Maßanzüge und die teuren Hotelzimmer.

»Er floh ins Bad, weil Michele ihm den Weg zur Tür abgeschnitten hat. Emanuele sollte ihn beseitigen – quasi eine Feuertaufe –, doch er hatte Schwierigkeiten.« Wieder dieses erschreckend liebenswürdige Lächeln.

»Ich hätte diesen Jonathan erwischt, wenn –«

Lorenzo schlug Emanuele so hart auf den Mund, dass dieser abrupt abbrach. Noch so eine Regel. Keine Namen von Opfern. Niemals.

Cat tat so, als wäre nichts geschehen. Nicht ein Muskel zuckte in ihrem Gesicht. Von einer Sekunde auf die andere hatte sich alles verändert. Der Mann, dessen Blut hier überall im Zimmer verteilt war, hatte plötzlich einen Namen. Das war nicht gut.

Emanueles Lippen färbten sich dunkelrot, als Blut aus seinem Mund quoll. Mechanisch reichte Cat ihm ein Zellulosetüchlein. »Im Schlafzimmer liegt ein Müllbeutel. Entsorge es da. Nirgendwo anders.«

Emanuele nickte. Seine Augen glitzerten verdächtig.

»Er hat ihn jedenfalls erwischt, aber nicht richtig«, fuhr Lorenzo fort. »Hat geblutet wie ein Schwein und ist einmal quer durch den Wohnbereich. Wir alle hinter ihm her. Der Typ war so verwirrt, dass er irgendwann wieder im Bad landete. Dort ist er ohnmächtig zusammengebrochen. Emanuele hat es dann zu Ende gebracht, war ja keine große Kunst.«

»Schusswaffe?«, fragte Cat.

»Messer«, antwortete Diego.

»Wo hast du dich umgezogen?« Cat sah zu Emanuele. Wenn er diesen Jonathan mit einem Messer getötet hatte, müsste seine Kleidung über und über mit Blut bespritzt sein.

»Im Wohnzimmer. Da liegt auch mein Rucksack.«

»Okay.« Cat sah zu Diego. »Ich fange im Flur an.«

»Gut. Michele bleibt zu deinem Schutz hier.«

Sie nickte. So war es üblich. Schließlich konnte sie einen verirrten Pagen schlecht in Schutzanzug und mit blutverschmierten Handschuhen vor der Tür abwimmeln.

»Was bekommst du dafür, Kätzchen?«

Sie seufzte innerlich. Das wusste er ganz genau, sie nahm immer dasselbe. Ein Mord kostete einen Tausender. Eine Messerstecherei oder Schlägerei sechshundert. Säubern eines Fahrzeuginnenraums vierhundert. So einfach.

Er grinste. »Hey, ich bin Geschäftsmann.« Er reichte ihr die zehn Hundert-Dollar-Noten.

»Ich auch.« Sie lächelte süffisant.

Diegos Grinsen wurde noch breiter. Cat schob das Geldbündel in eine der kleinen Brusttaschen und zog den schmalen Reißverschluss sorgsam wieder zu.

»Wie geht es William?« Diegos Gesichtsausdruck war ungewöhnlich ernst.

Cats Muskeln verkrampften sich, wie jedes Mal, wenn sie über ihren Vater sprechen musste. »Es geht. Mal besser, mal schlechter. Er macht kleine Fortschritte.«

»Das ist gut.« Diego klopfte ihr etwas unbeholfen auf den Rücken. »Er kann stolz auf dich sein.« Lorenzo nickte bekräftigend. Emanuele war verschwunden, um den Zellulosestreifen zu entsorgen.

Als die drei gegangen waren und Michele sich vor den Fernseher lümmelte, hielt Cat einen Moment lang inne. Ihr Vater und stolz? Vielleicht war er stolz, weil sie es schaffte, neben ihrem Studium ausreichend Geld für die Bezahlung seines Pflegeheims zu verdienen.

Sie ging ins Schlafzimmer und packte die Flaschen mit den unzähligen Chemikalien aus. Aber wäre er auch noch stolz, wenn er erführe, womit sie ihr Geld tatsächlich verdiente? Er hatte versucht, sie von Kriminalität und Unrecht fernzuhalten. Doch genau wie er hatte sie irgendwann die Seiten gewechselt. Sich der dunklen Seite der Gesellschaft verpflichtet. Ihr Vater hatte es damals getan, um die Krebsbehandlung ihrer Mutter zu bezahlen. Und Cat hatte es getan, um seine Rechnungen zu bezahlen. Es schien, als teilten sie dasselbe Schicksal. Ihr Vater hatte darunter gelitten, sich Vorwürfe gemacht. Cat hingegen schaffte es, das alles nicht so nah an sich heranzulassen. Für sie war es ein Job. Sie war der Cleaner des Scarpetti-Clans, der größten und gefährlichsten Mafia-Familie im Großraum der Landeshauptstadt Washington. Sie hatte den Job von ihrem Vater geerbt. Es war fast lachhaft, dass selbst die Jobs, die ausschließlich dazu dienten, den Scarpettis hinterherzuräumen, »in der Familie« blieben. Sie wusste, wie erleichtert Diego gewesen war, als sie seinem Angebot zugestimmt hatte. Für ihn zählten familiäre Bande mehr als ein vom Notar beglaubigtes Dokument. Er hatte die ersten großen Rechnungen für die Krebsbehandlung ihrer Mutter bezahlt, Cat so manches teure Spielzeug geschenkt und ihr Bodyguards hinterhergeschickt, als sie mit sechzehn anfing, auszugehen. Sie kannte Diego und Aurora schon seit über zwölf Jahren. Für eine »Kündigung«, die Rückkehr in ein bürgerliches Leben, war es schon lange zu spät.

Ein Auftrag pro Monat reichte, um das Pflegeheim ihres Vaters zu bezahlen. Ein zweiter, um das Geld für eine Bleibe, groß genug für sie beide, zurückzulegen. Und nur das zählte. Es war egal, ob es sich um die Spuren einer Schlägerei handelte, die sie beseitigte, oder ob an diesem Ort tatsächlich jemand gestorben war. Den Scarpettis war es wichtig, so wenig verwertbare DNA-Spuren wie möglich in dieser Stadt zu hinterlassen. Und erst recht nicht wollten sie, dass man ihre DNA mit den Verbrechen an anderen Mitbürgern in Verbindung bringen konnte. Egal, ob sie jemanden verprügelten, um Schutzgeld zu erpressen, oder jemanden töteten, der ihnen im Weg stand. Für sie war das Ziel immer dasselbe: Keine verwertbaren Spuren für die Kriminaltechniker. Keine Verbindung zu einem Tatort. Sie wollten einen Freifahrtschein für ihre brutale Willkür. Und den kauften sie bei Cat.

Cat blendete alle Gefühle aus, als sie in die Handschuhe schlüpfte. Wer nicht richtig bei der Sache war, machte Fehler. Und die konnte sie sich nicht leisten. Sie setzte die Schutzbrille auf. Erst dann griff sie nach den Flaschen mit den hochgiftigen Flüssigkeiten. Zuallerletzt holte sie die Gasmaske aus dem Koffer.

»Mach die Fenster auf, Michele«, rief sie, während sie sich in den Flur begab. Ein unwilliges Brummen war die Antwort, doch noch bevor sie die Flaschen vor dem ersten kleinen Blutfleck abgestellt hatte, hörte sie das vertraute Quietschen der Gummidichtungen. Sie hielt die Gasmaske vor die untere Gesichtshälfte und befestigte sie mit den elastischen Riemen am Hinterkopf. Wenn man Körperflüssigkeiten mit Chemie auflöste, sollte man die Stoffwechselprodukte dieser Reaktion nicht direkt einatmen. Mit einer Sprühflasche befeuchtete sie den ersten Tropfen. Seiner Form nach zu urteilen war er aus Richtung des Wohnbereichs geflogen, als das Opfer sich auf der Flucht zurück ins Bad befand. Der Tropfen war von fast bräunlicher Farbe. Seine Konsistenz war zäh wie Sirup, die sich scheinbar untrennbar mit den zarten Fasern des Teppichbodens verbunden hatte. Eine der guten Eigenschaften von Blut wurde hier zu einer lästigen Angelegenheit: seine Fähigkeit zur schnellen Gerinnung. Bei einer Verletzung garantierte diese Eigenschaft, dass sich eine Wunde schnell schloss und so ein möglicher Blutverlust minimiert wurde. Außerhalb des Körpers führte sie dazu, dass Blut nicht flüssig blieb, sondern an der Luft schneller trocknete als jede andere Flüssigkeit. Cat besprühte den Fleck mit einer Lösung, die die Proteine des Blutplasmas auflösen würde. Danach würde sie die anderen zellulären Bestandteile mit einer weiteren Flüssigkeit in nanopartikelgroße Einzelteile zerlegen. Zuletzt würde sie alles mit einer Reinigungslösung auf biochemischer Basis aufwischen. Es war eine anstrengende Arbeit, doch der Aufwand lohnte sich. Zum guten Schluss prüfte Cat die gereinigten Zimmer mit einer Speziallampe, die biologische Flüssigkeiten und Sekrete sichtbar machte. Bis jetzt war sie mit dem Ergebnis jedes Mal zufrieden gewesen. Sie hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass man den Scarpettis in den letzten vier Jahren trotz wiederkehrender Verdachtsmomente nie die Beteiligung an einem Verbrechen hatte nachweisen können.

Aus dem Wohnzimmer erklangen Musikjingles, die sich mit frenetischem Applaus und kreischenden Mädchenstimmen abwechselten. Michele hatte offenbar beschlossen, sich eine Folge von America’s Next Top Model anzusehen. Cat schüttelte den Kopf, zückte ein steriles Zellulosetuch und widmete sich wieder dem verräterischen Blutfleck.

*

»Ich würde wirklich gerne wissen, wie du deine Nächte verbringst.«

Cat schreckte hoch. Ihre Wange schmerzte, ihr Unterarm war eiskalt, der Rücken unangenehm verspannt.

»Jeremy. Es tut mir leid.« War sie wirklich auf der Ladentheke eingeschlafen? Was für ein Glück, dass kein Kunde sie so gesehen hatte.

Jeremy Bird musterte sie interessiert über die kreisrunden Gläser seiner Brille hinweg. Cat sah peinlich berührt zu Boden, streckte den Rücken durch und richtete sich auf dem Hocker auf. Daraufhin beugte Jeremy sich über die gläserne Theke, als wäre er ein Kunde in seinem eigenen Geschäft.

»Geht es dir nicht gut? Bist du krank?«

Cat rieb sich die schmerzende Wange. »Nein, alles in Ordnung.« Sie ließ die Hand sinken und fingerte an dem altmodischen Rechnungsblock herum.

Jeremy strich ihr das Haar zur Seite und berührte zart ihre Wange. Überrascht wich Cat zurück.

Sie sah, wie Jeremy schluckte, sich aber nichts weiter anmerken ließ. »Du hast den Abdruck deines Fingerrings auf der Wange.«

»Ich hab auf der Hand geschlafen. Tut mir wirklich leid, Jerms.« Sie benutzte seinen Spitznamen nur selten. Er schaffte eine Vertraulichkeit zwischen ihnen, die sie eigentlich zu vermeiden versuchte. Cat bemerkte, dass seine Augen dunkler wurden. Jeremy war im Begriff, etwas zu erwidern, als die Ladentür mit einem Knall aufflog.

»Einen wunderschönen guten Nachmittag, Chef!«, trällerte Trina, verstummte aber sofort, als ihr Blick auf Cat fiel. Jede Freude in ihrem Gesicht verschwand, als habe man sie ausradiert. Offenbar hatte Trina Cat gar nicht gesehen.

»Hallo«, warf sie nüchtern hinterher.

»Hallo, Trina.« Cat sprang von dem Hocker, wofür sich ihr verspannter Rücken mit einem stechenden Schmerz bedankte.

»Trina, fängst du mit dem Bücherregal an?«, sagte Jeremy geschäftsmäßig. »Heute Morgen ist ein Paket mit verschiedenen Tierzeitschriften gekommen. Die Lieferung mit dem Bio-Streu verzögert sich. Die Transportfirma ruft später an.«

Trina nickte knapp und verschwand mit polternden Schritten durch eine Tür, auf der das Schild »Privat« prangte.

Cat vergrub die Hände in den Taschen ihrer Jeansshorts. Trina Evans war schon in Jeremy verknallt gewesen, als sie als Schülerin hier gejobbt hatte. Als er sie nach der Highschool Vollzeit eingestellt hatte, war das für Trina einem Heiratsantrag gleichgekommen. Eigentlich verstand sich Cat gut mit der temperamentvollen, rothaarigen Achtzehnjährigen. Nur wenn es um Jeremy ging, kannte Trina keine Freundschaft. Hinter der Tür mit dem »Privat«-Schild rumorte es.

Cat wandte sich unbehaglich ab. Jeremy hingegen besaß die Gabe, alles Unerfreuliche einfach auszublenden. Und er ließ nicht locker. Cat wusste, dass er gerne mit ihr ausgehen würde. Er war nie über zarte Andeutungen hinausgekommen, denn so war er nun mal. Aber die Art, wie er sie ansah, sprach Bände. Cat kannte solche Blicke. Seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr sahen die Männer sie so an.

»Cat.« Jeremy hatte eine angenehme Stimme. Melodisch, vollmundig und warm. Er hätte Radiomoderator sein können oder Sprecher von Hörbüchern. Cat konnte ihm stundenlang zuhören, wenn er, der studierte Zoologe, über die verschiedenen Tierarten erzählte. Und sie hatte wirklich versucht, mehr in ihm zu sehen. Mehr als einen Freund und einen Mann, neben dem sie gerne arbeitete. Doch da war nichts.

»Hast du wieder die ganze Nacht gelernt?«

Es war ihre Standard-Ausrede. Abgenutzt, einfallslos, billig. Doch er klang so mitfühlend, dass Cat sich schämte, als sie ihm ins Gesicht log.

»Ja.«

Er hob die Hand, als wollte er sie am Arm berühren, ließ sie dann aber wieder sinken.

»Geh dich ausruhen. Ich schreibe dir die Stunden trotzdem gut.«

Sie sah in sein attraktives Gesicht und fragte sich erneut, warum sie sich nicht in ihn verlieben konnte. Jeremy war gutaussehend mit seinen wilden blonden Locken, der Nickelbrille und den Hipster-Klamotten. Eine Mischung aus Rocker, Intellektuellem und Ökö-Terrorist. Er hatte sich für Greenpeace an ein Walfängerschiff gekettet, hatte sich den Harpunenkanonen in den Weg gestellt und kluge Artikel für den WWF verfasst. Er schrieb nebenbei an seiner Doktorarbeit, spielte Bass in einer Jazzband und war im Internet als Öko-Aktivist bekannt. Er war klug, er war lieb, und er sah gut aus. Er führte schon seit Jahren die Tierhandlung seiner Eltern. Dank ihm war sie inzwischen für ihr »Bio-Zubehör« und die Vorträge bekannter Tierforscher in ganz Washington berühmt.

»Cat, geh nach Hause, ich bitte dich.«

»Danke, Jeremy.« Sie lächelte ihn an. Es könnte so einfach sein. Er bewohnte die zwei Etagen über der Tierhandlung. Das Haus gehörte ihm. Wenn sie wollte, könnte sie einfach nach oben gehen, sich ins Bett legen und die Augen schließen. Alles würde gut werden. Er würde sich um sie kümmern, sie lieben und immer für sie da sein.

Jeremy spürte ihr Zögern. »Möchtest du –«

»Nein.« Sie würde sich nicht bei ihm oben ausruhen, auch wenn das einfacher war, als zu ihrer Wohnung ins East End zu fahren. Leider war das Leben nicht einfach. Jedenfalls nicht für Cat. Sie zog ihre Tasche aus einem Fach unter der Theke.

»Danke dir.«

Er erwiderte nichts, deutete nur ein Nicken an. Cat fühlte sich schuldig. Sie wollte ihm etwas zurückgeben. Ihm vielleicht nur ein kleines Lächeln ins Gesicht zaubern.

Doch sie kam nicht dazu.

»Wenn du Probleme hast, erzähle mir bitte davon.«

Cat hörte auf, sich Gedanken darüber zu machen, welche Überraschung sie Jeremy bereiten könnte.

»Ich habe keine Probleme.«

Sie kam um die Theke herum und baute sich vor ihm auf. »Sehe ich aus wie jemand, der Probleme hat?«

Jeremy sah sie zweifelnd an.

»He!« Sie schubste ihn freundschaftlich.

»Du siehst aus wie eine wandelnde Leiche, Cat«, sagte er in ernstem Ton. »In den Rändern unter deinen Augen kann ein Fünftonner verschwinden.« Er schüttelte leicht den Kopf. »Wenn du Probleme in der Uni hast, kann ich dir Nachhilfe besorgen. Ich kenne jede Menge Leute aus der Chemie, die dir –«

»Ich brauche keine Nachhilfe.« Sie waren beide an derselben Universität, der Howard University. Jeremy forschte dort, sie war als Studentin eingeschrieben. Es war nett von Jeremy, ihr anzubieten, seine Kontakte zu nutzen. Ihr Chemiestudium stellte jedoch kein wirkliches Problem dar.

»Du siehst aber so aus«, beharrte er.

Cat biss sich auf die Unterlippe. Jeremy war vielleicht sechs Jahre älter als sie, was aber kein Grund war, sie so zu »bemuttern«.

»Es geht mir gut.« In einer flüchtigen Geste strich sie ihm den Arm hinab. »Wir sehen uns morgen.«

Sie sah aus dem Augenwinkel, wie ihre Berührung ihn zurückließ. Sie konnte sein Sehnen fast körperlich spüren. Seine Leidenschaft bis hierher fühlen.

Es könnte so einfach sein. Doch »einfach« schien in ihrem Leben nicht vorgesehen zu sein. Mit einem leisen Seufzen stieß sie die Ladentür auf und trat hinaus auf die Straße.

Kapitel 2

Daniel

Ein neuer Anfang

Daniel Ambrose starrte in die fahle Dunkelheit. So also fühlte es sich an, nach Hause zu kommen. Er ließ den Blick über die Umzugskartons schweifen, die in dem leeren Zimmer an den Wänden entlang gestapelt waren. Er hatte noch keinen einzigen ausgeräumt. Er war schon vier Tage hier, und doch lebte er aus dem einen Koffer, den er hastig gepackt hatte, als die Möbelpacker kamen.

Es war gut, dass er eine Woche Urlaub hatte, bevor er seinen Dienst im 16. Revier antreten würde. Er fühlte sich noch fremd hier, noch nicht angekommen, immer noch trauernd. Alles, was ihn aufrechthielt, war der Gedanke, dass er nun endlich für Gerechtigkeit sorgen konnte. Dass er diesen bohrenden Stachel aus seinem Fleisch ziehen und den Schmerz besänftigen konnte.

Lesen Sie weiter in der vollst?ndigen Ausgabe!

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