Symphonie der Verführung - Shadows of Love - July Cullen - E-Book

Symphonie der Verführung - Shadows of Love E-Book

July Cullen

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2,99 €

Beschreibung

Lust auf Liebe - Shadows of Love, in sich abgeschlossene erotische Liebesgeschichten. Jeden Monat neu, als Romanheft und E-Book. Für alle Fans von "Colours of Love". Kathleen tritt ihren ersten Job als Dramaturgin am Royal Opera House an und ihre Chefin verlangt das Unmögliche: Kathleen soll den Klaviervirtuosen Rhys Caradog aus Wales für einen Gastauftritt verpflichten. Caradog gilt als exzentrisch und absolut unberechenbar. Nur mit Mühe schafft sie es einen Termin bei ihm zu bekommen. In Wales angekommen ist sie nicht nur von der rauen Landschaft, sondern auch von Rhys Caradog fasziniert. Der Musiker lehnt ihre Anfrage jedoch ab. Da ein schwerer Sturm aufzieht bietet Rhys ihr an, bei ihm auf dem Schloss zu bleiben, bis die Straßen wieder passierbar sind. Sie schwankt zwischen Faszination für den mysteriösen Rhys und Angst. Kathleen bekommt vom Personal "Benimmregeln" mitgeteilt, die von allen streng zu befolgen sind, weil der Schlossherr es so wünscht. Überraschend kommen sich die beiden näher und Kathleen ist hin und weg von Rhys. Jedoch scheint der nur an einer körperlichen Beziehung interessiert - Nähe lässt er nicht zu. Bevor sie sich ein genaueres Bild machen kann sind die Straßen aufgeräumt und Kathleen muss mit diesem privaten und beruflichen Misserfolg zurück nach London reisen ... eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 140




Inhalt

Cover

Über diese Folge

Über die Autorin

Titel

Impressum

Kapitel 1 – Ein großes Erbe

Kapitel 2 – Willkommen in Wales

Kapitel 3 – Im Mondlicht von Idwal Castle

Kapitel 4 – Wie Katz und Maus

Kapitel 5 – Süßes oder Saures?

Kapitel 6 – Ein neuer Anfang?

Kapitel 7 – Auf zu neuen Ufern!

In der nächsten Folge

„Shadows of Love“ sind in sich abgeschlossene erotische Liebesgeschichten von unterschiedlichen Autoren. Die Folgen erscheinen monatlich als Romanheft und eBook.

Über diese Folge

Kathleen tritt ihren Job als Dramaturgin am Royal Opera House an und wird in die Planungen des Geburtstags der Queen einbezogen. Ihre Chefin verlangt das Unmögliche: Kathleen soll den Klaviervirtuosen Rhys Caradog aus Wales für einen Gastauftritt zu diesem Anlass verpflichten. Dieser gilt als exzentrisch und absolut unberechenbar. Nur mit Mühe schafft sie es, einen Termin bei Caradog zu bekommen. Dort angekommen ist sie nicht nur von der rauen Landschaft, sondern auch von Rhys fasziniert. Der Musiker lehnt ihre Anfrage jedoch ab. Da ein schwerer Sturm aufzieht kann Kathleen nicht abreisen. Rhys bietet ihr an, bei ihm auf dem Schloss zu bleiben, bis die Straßen wieder passierbar sind. Kathleen bekommt vom Personal „Benimmregeln“ mitgeteilt, die von allen streng zu befolgen sind, weil der Schlossherr es so wünscht. Überraschend kommen sich die beiden näher, und Kathleen ist hin und weg von Rhys. Jedoch scheint der nur an einer körperlichen Beziehung interessiert – Nähe lässt er nicht zu. Bevor sie sich ein genaueres Bild machen kann sind die Straßen aufgeräumt, und Kathleen muss mit diesem privaten und beruflichen Misserfolg zurück nach London reisen …

Über die Autorin

July Cullen ist das Pseudonym der Autorin Kira Licht, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat. Sie lebt, liebt und schreibt in der wunderschönen Revierstadt Bochum. Wenn sie nicht gerade liest, geht sie in ihrer Freizeit gern bummeln, ins Kino oder Theater. Als July Cullen schreibt sie erotische Romane und Novellen.

July Cullen

Symphonie der Verführung

beHEARTBEAT

Digitale Originalausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment.

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titelgestaltung: Jeannine Schmelzer unter Verwendung der folgenden Motive: © Valua Vitaly/shutterstock

eBook-Erstellung: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-1718-3

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Kapitel 1 – Ein großes Erbe

»Wie war der Name doch gleich?«

Ich muss mich wirklich beherrschen. Wenn dieser überhebliche Sekretär am anderen Ende der Leitung weiterhin so tut, als würde er der Menschheit einen Gefallen erweisen nur dadurch, dass er ans Telefon geht, dann …

Ich reiße mich energisch am Riemen. »Trelawny«, wiederhole ich betont liebenswürdig. »Kathleen Trelawny, vom Royal Opera House. Wir hatten vorgestern schon telefoniert und vor einer Woche auch und -«

»Trelawny wie Olivia Grace Trelawny?«, unterbricht er mich. »Sind Sie verwandt?«

Ich verdrehe die Augen. Nicht nur, dass es mal wieder dieser Name ist, der mir Tür und Tor öffnet. Ich habe mit diesem Mann seit zwei Wochen Kontakt, und jetzt gerade kommt ihm dieser Name bekannt vor?

»Sie war meine Mutter«, sage ich. Meine Stimme klingt belegt. Mom ist schon seit vier Jahren tot, doch der Schmerz über diesen Verlust schwelt immer noch in mir. Wie Glut, die aufflammt, sobald man ein wenig Stroh darüber hält. Das »Stroh« ist heute die Nachfrage von Mr Brockstone, dem endlich einfällt, dass er diesen Namen kennt.

»Verzeihen Sie«, sagt er, doch in seiner Stimme klingt kein Mitgefühl mit. »In diesem Falle werde ich Mr Caradog noch einmal befragen. Sie hören spätestens morgen von mir. Per Mail«, fügt er noch hinzu, damit ich bloß kein drittes Mal auf die Idee komme, ihn frecherweise anzurufen.

»Dank–«

Es klickt, als Mr Brockstone auflegt. Ich jongliere meinen Tea-to-go, den Regenschirm und mein Handy, als die Ampel auf Grün springt und ich endlich weitergehen kann. Meine Mittagspause ist schon kurz genug, und ich wollte mir noch einen Quinoa-Burger kaufen. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten vier Tagen Mr Brockstones Nummer gewählt habe. Immer war besetzt. Und wann erreiche ich ihn? In der Mittagspause. Da hätte ich auch früher draufkommen können.

In der Schlange vor dem »Veggie’s«, meinem Lieblings-Burgerrestaurant, das ausschließlich vegetarische Gerichte auf der Karte hat, gebe ich in die Bildersuche meines Smartphones noch mal den Namen ein, der mir seit über zwei Wochen nicht mehr aus dem Kopf geht. Sowohl beruflich als auch privat. Leider, denn ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll. Es wird doch immer wieder davor gewarnt, Berufliches und Privates zu vermischen. Aber gucken tut ja niemandem weh. Ich lächle, als sein Gesicht erscheint. Rhys Caradog. Klavier-Virtuose, Wunderkind und Eigenbrötler. Er gilt als exzentrisch, aufbrausend und völlig unberechenbar. Er hat schon Konzerte abgebrochen, weil es ihm im Publikum zu laut war. Er legt sich regelmäßig mit Kritikern an. Über sein Privatleben ist nichts bekannt. Selbst über seinen Wohnort kursieren die wildesten Gerüchte.

Angeblich residiert der Maestro in einer Burg. Nicht in einem dieser neureichen Nachbauten, die allesamt aussehen, als stammten sie aus der Kulisse eines Disneyfilms. Nein, Rhys Caradog wohnt angeblich in einer echten walisischen Trutzburg aus dem Mittelalter. Klingt ein bisschen romantisch, aber auch irgendwie ziemlich unglaubwürdig. Die Presse lässt sich ja so manche heiße Story einfallen, nur um die Auflage zu steigern. Sollte ich den Termin bei Mr Caradog erhalten, werde ich mit eigenen Augen sehen, ob an dem Gerücht etwas dran ist. Das Royal Opera House lässt es sich nämlich nicht nehmen, den Star Pianisten persönlich zu bitten, zur Geburtstagsfeier unserer Queen beizutragen. »Persönlich« bedeutet in diesem Falle durch mich. Dass meine Chefin Heather Graham-Fairfield mir aufgetragen hat, ausgerechnet ihn für ein Konzert zum Geburtstag der Queen zu verpflichten, grenzt schon fast an Mobbing. Jeder aus der Szene der klassischen Musik weiß, dass Caradog maximal drei Konzerte pro Jahr gibt. Zwei hat er dieses Jahr schon gespielt, und wir haben gerade mal Ende März! Ich weiß, dass sie weiß, dass ich meinen Job am Royal Opera House meiner Mutter zu verdanken habe. Sie war die Star-Dramaturgin am Haus. Talentiert, kreativ, leidenschaftlich. Dagegen bin ich nur eine blasse Kopie.

Gegen Ende meines Dramaturgie-Studiums war bei Mom der Krebs so weit fortgeschritten, dass meine Noten unter dem Druck und der Angst um sie zu leiden begannen. Mein Abschlusszeugnis ist durchschnittlich, möchte man es freundlich ausdrücken. Und das weiß Mrs Graham-Fairfield auch. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Mom ihre Vorgängerin Mrs Blumington gebeten hat, mir einen Job zu geben. Die beiden hatten über zwanzig Jahre zusammengearbeitet, und natürlich bekam ich die Stelle als Nachwuchs-Dramaturgin. Die Idee mit Rhys Caradog ist nur eine weitere Aktion von Mrs Graham-Fairfield, um mir meine Unzulänglichkeit zu beweisen und mich endlich zu feuern.

Jemand stupst mir in den Rücken, weil es in der Schlange weiter vorwärts geht. Ich murmele eine Entschuldigung, kann den Blick aber nicht von meinem Smartphone abwenden. Rhys Caradog mit dem vollen braunen Haar und dem Dreitagebart sieht aus wie ein schottischer Laird aus den Highlands. Er ist groß, mit breiten Schultern und strahlt eine natürliche Autorität aus. Sollte er Angestellte haben, ich bin mir sicher, sie fürchten ihn.

Auf den Bildern, die man von ihm im Internet findet, gefällt er mir. Obwohl er bestimmt schon Anfang vierzig ist und ich erst 26 Jahre alt bin. Er sieht wild aus, etwas verlebt, und immer wirkt er leicht genervt, dass ihn jemand fotografiert. Hochglanzfotos, die ihm Auftrag der Plattenfirmen üblicherweise zu Promotionszwecken angefertigt werden, sucht man von ihm vergebens.

Dass er so unangepasst rüberkommt, gefällt mir. Obwohl ich selbst alles andere als »unangepasst« bin. Ich bin eher das Gegenteil. Obwohl ich als Dramaturgin einen künstlerischen Beruf ausübe, sehe ich doch mehr wie eine ganz normale Büroangestellte aus. Ein schlichtes knielanges Etuikleid, Ballerinas und kaum Schmuck. Dazu trage ich wie fast jeden Tag meinen Vintage-Burberry-Mantel, den ich von meiner Mom geerbt habe. Er ist an den Kanten schon leicht abgeschabt, denn sie hat ihn bereits secondhand gekauft. Doch Vintage ist zurzeit zum Glück in, und ich trage ihn voller Stolz.

Ich halte kaum meine Tüte mit dem Burger in Händen, da klingelt mein Telefon. Schon glaube ich, dass es Mr Brockstone ist, als ich den Namen meiner Chefin auf dem Display ausmache. Selbst in meiner Pause habe ich keine Ruhe vor dieser Frau.

»Wo sind Sie?« Sie grüßt mich nicht, das ist eine Eigenart von ihr und ein weiterer Beleg dafür, wie wenig sie mich schätzt.

»Ich mache gerade Mittagspause, Mrs Graham-Fairfield. Ich bin zwei Straßen entfernt, in der Nähe von Covent Garden.

Sie übergeht meine Äußerung. »Wie weit sind Sie mit Mr Caradog? Wann haben Sie einen Termin?«

Wie immer, wenn ich einen weiteren Misserfolg zugeben muss, beginnt es in meinem Magen zu piksen. »Sein Sekretär will sich melden.«

Am anderen Ende der Leitung schnaubt Mrs Graham-Fairfield ungehalten.

»Er wird sich melden. Er hat es versprochen.«

»Du liebe Zeit …«. Meine Chefin seufzt mit so viel Verachtung, dass sich mein Magen erneut verkrampft. Ich höre sie noch »Alles muss man selber machen« murmeln, bevor sie auflegt.

Ich bleibe stehen und halte das tutende Handy in der Hand. Mein ganzer Körper bebt. Hunger habe ich keinen mehr. Ich werfe den halb getrunkenen Tee in einen Mülleimer. Den Burger und das Handy verstaue ich in meiner großen Umhängetasche. Um mich herum wuseln Menschen, die ganze Stadt scheint vor Vitalität und Geschäftigkeit zu vibrieren, aber ich fühle mich völlig leer. Zum hundertsten Mal frage ich mich, warum ich mir das antue. Und immer wieder gebe ich mir dieselbe Antwort: für meine Mom. Weil es sie glücklich gemacht hätte. Weil es ihr Erbe ist. Weil ich das Gefühl habe, dass sie bei mir ist, wenn ich ihre alten Notizen durchblättere. Doch dieses Mal ist etwas anders. Zum ersten Mal frage ich mich, wie lange ich noch in einer Vergangenheit leben will, die nur eine unglückliche Zukunft für mich bereithält.

Kapitel 2 – Willkommen in Wales

Ziemlich genau eine Woche später treffe ich die letzten Vorbereitungen für meine Abreise nach Wales. Mr Brockstone hat sich überraschenderweise tatsächlich am nächsten Tag gemeldet und mir diesen Termin angeboten. Mrs Graham-Fairfield war zum ersten Mal seit ich sie kenne sprachlos, was mich ungemein gefreut hat.

Ich sehe auf meine Armbanduhr. In zehn Minuten sollte ich aufbrechen. Mein kleiner Trolley ist gepackt, darüber hängt mein Mantel. Die Schlüssel habe ich bereitgelegt, ebenso meine Crossbody-Bag aus dunklem Leder. Schnell mache ich einen letzten Kontrollrundgang.

Mir gehört ein Mini-Loft im Meatpacking District. Meine Mom hat es mir vererbt. Sie hat es gekauft – lange bevor der Stadtteil »hip und angesagt« wurde und die Mieten explodierten. Damals wohnten hier nur Aussteiger und Künstler. Ich bekomme regelmäßig Angebote von Immobilienmaklern, aber das viele Geld reizt mich nicht. Viel wichtiger ist, dass ich ausreichend Platz für meine heimliche Leidenschaft habe. Mit dem Finger streiche ich über mein neuestes Projekt. Ein elegantes Beistelltischchen aus Akazienholz. Vermutlich stammt es aus der Zeit um 1900. Das Holz ist nachgedunkelt und schimmert so samtig golden wie der Honig, den man aus seinen Blüten gewinnt. Ich habe es bei einer Haushaltsauflösung für ein paar Pfund erstanden.

Seit zwei Wochen restauriere ich es in meiner Freizeit und halte jeden Schritt auf Fotos fest. Später werde ich das gesamte Projekt in meinem Blog »VintageLove« hochladen und in dem dazugehörenden Shop anbieten.

Mein letztes Projekt, einen Küchenschrank aus den Fünfzigern, den ich weiß und zart mint gestrichen hatte, habe ich für 500 Pfund verkauft. Es gibt viele reiche Londoner, die für ein Einzelstück im angesagten »Shabby-Chic« ein kleines Vermögen ausgeben.

Ich würde so einiges dafür geben, mein Hobby zu meinem Beruf zu machen. Doch dafür fehlt mir nicht nur der Platz, um mehrere Projekte gleichzeitig zu bearbeiten, es fehlt mir auch der Mut. Ich weiß, ich könnte erfolgreich sein, denn mein Herz hängt daran und ich weiß eine Menge über das Restaurieren alter Möbel. Doch immer wenn meine Gedanken diesbezüglich konkreter werden, bekomme ich das Gefühl, meine Mutter zu enttäuschen.

Schnell wende ich mich von dem Tischchen ab und gehe zurück in Richtung Haustür. Ich habe einen wichtigen Termin, ich sollte konzentriert und bei der Sache sein. Über die größte Zwickmühle meines Lebens kann ich mir später Gedanken machen.

♡♡♡

Ich fahre mit der Tube nach Westminster Station. Zu Fuß gehe ich das kurze Stück bis zum Autoverleih, bei dem ich mir einen Wagen für meine Dienstreise gebucht habe. Laut Routenplaner soll ich in circa dreieinhalb Stunden in Conwy sein. Da ich noch nie in Wales war, freue ich mich auf diesen kleinen Roadtrip. Besonders der Norden von Wales, wo Conwy liegt, ist für seine raue Landschaft, seine Gastfreundschaft und die Tatsache, dass dort knapp siebzig Prozent der Bevölkerung noch immer Walisisch sprechen können, bekannt.

In einem Pub, in dem ich in Studentenzeiten abends öfter mal war, wurde mal ein walisisches Lied gesungen, und ich finde, die Sprache klingt wie aus einer keltischen Sage von Feen und mystischen Kriegern.

Kaum dass ich den Stadtkern verlassen habe, fahre ich auf die M4 und kann mich erst einmal entspannen. Nun gilt es, für die nächsten anderthalb Stunden einfach nur der Autobahn zu folgen. Der Himmel verdunkelt sich, und ein scharfer Wind frischt auf. Doch das beunruhigt mich nicht. Wenn es in England mal einen Tag nicht regnet, schauen alle misstrauisch gen Himmel, als erwarteten sie eine Dürre wie in der Sahara.

Ich nutze die Zeit und gehe meinen Termin gedanklich in aller Ruhe durch. Ich sollte so gegen vierzehn Uhr in Conwy sein. Von da aus muss ich mich per Landkarte bis Idwal Castle durchkämpfen, da kein Navigationssystem der Welt eine Straße ohne Namen findet. Und zu Idwal Castle führt nur eine mäßig befestigte Straße, die von den Einheimischen nur »Straße zur Burg« genannt wird. Das Gerücht, das Rhys Caradog in einer echten Burg irgendwo im Nirgendwo wohnt, ist wohl tatsächlich wahr.

Mr Brockstone war so freundlich, mich über die Besonderheit des nicht vorhandenen Straßennamens aufzuklären, und hat mir direkt ein PDF mit einer handgefertigten Karte mitgeschickt. Ich glaube, er hofft immer noch, dass ich die Burg nicht finde und deprimiert den Rückzug antrete. Doch so leicht wird er mich nicht los. Ich habe vor, um kurz vor drei an die Tore von Idwal Castle zu klopfen, um Rhys Caradog persönlich zu einem Termin zu treffen. Mein Herz macht einen kleinen Satz. Persönlich! Ich! Mit der rechten Hand trommele ich leicht auf dem Lenkrad herum. Hoffentlich blamiere ich mich nicht. Vermutlich bekomme ich kein vernünftiges Wort heraus. Doch ich bin fest entschlossen, nicht zu versagen. Ich werde es Mrs Graham-Fairfield beweisen. Und meine Mom wäre stolz auf mich.

♡♡♡

In Birmingham, das auf halbem Wege liegt, lege ich eine Pause ein, tanke und esse eine Kleinigkeit. Ich liege gut in der Zeit, das Wetter jedoch wird immer unfreundlicher, je näher ich meinem Zielort komme. Fast so, als wollte der Himmel mich davon abhalten.

Ich knalle die Autotür zu, wische mir den Nieselregen aus der Stirn und verlasse den Rastplatz. Ein kleines Gewitter verdirbt einer Engländerin nicht die Reiselaune. Um das Rauschen des Windes auszublenden, schließe ich meinen iPod an das Radio an und höre zur Einstimmung die letzte CD von Rhys Caradog: die sechs Partiten von Johann Sebastian Bachs Clavierübungen Teil 1.

Schon bei den ersten Takten jagt eine Gänsehaut über meinen Körper. Rhys’ Anschlagsvielfalt fasziniert und elektrisiert mich zugleich. Die rasanten Gigues im Finale treibt er mühelos voran, während er zuvor mit seinem immensen Fundus an Klangfarben bei mir für einen leichten Schwindel gesorgt hat. Er ist ein Jahrhunderttalent, keine Frage.

Eigentlich wollte ich mich mit der Musik beruhigen, doch leider bewirken die Klänge genau das Gegenteil. Jetzt bin ich noch aufgeregter als vorher. Ich bin eine mittelmäßige Dramaturgin, deren Tinte auf dem Uni-Diplom kaum trocken ist und ich …! Ich! ICH darf diesen großartigen Künstler treffen. Hinzu kommt erschwerend, dass ich mich ein kleines bisschen schockverliebt habe, als ich zum ersten Mal ein Foto von ihm gesehen habe. Herrje … hoffentlich wird dieser Termin nicht die größte Blamage meiner beruflichen Laufbahn!

♡♡♡

Conwy ist ein malerisches Küstenstädtchen mit knapp vierzehntausend Einwohnern. Die weiß getünchten Häuser erinnern mich eher an eine Stadt am Mittelmeer als an den wilden walisischen Norden. Die Pension, in der ich über Nacht bleiben werde, findet das Navi problemlos. Doch hier werde ich erst nach meinem Termin einkehren.

Mr Brockstones handgezeichnete Landkarte beginnt am schicken Conwy Golf Club und führt in Richtung einer Ortschaft mit dem schier unaussprechlichen Namen Dwygyfylchi. Walisisch ist die Königin aller Sprachen, ich habe es schon immer geahnt …

Die Hauptstraße von Dwygyfylchi endet in der Nähe der Küste. Laut Karte müsste ich nun an eine Weggabelung kommen. Die eine Richtung führt zu Idwal Castle, die andere zu einem Fischerdorf, das nur aus rund dreißig Häusern besteht.