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Eine leise Liebesgeschichte über das Leben mit offenen Sinnen. Nora fühlt intensiver als andere. Geräusche, Stimmungen, der Schmerz von Menschen – alles trifft sie unmittelbar. Sie versucht zu funktionieren, zu helfen, stark zu sein. Doch je mehr sie gibt, desto mehr verliert sie sich selbst. Marc liebt sie. Ohne sie zu verstehen – zunächst. Er begleitet sie durch Vorlesungen, stille Nächte, Zusammenbrüche. Und lernt, dass Liebe nicht darin besteht, jemanden zu retten – sondern ihn zu sehen. Ein ruhiger Roman über Hochsensibilität, Nähe und die Kunst, mit dem Herzen zu hören.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhaltsverzeichnis
Federflug
Federflug
Nini Schlicht
Federflug
Sanft wie die Berührung einer Feder auf der Haut. Zerbrechlich wie hauchdünnes Glas und so unruhig und aufgewühlt wie das Meer bei Sturm.
Genauso würde ich sie beschreiben.
Ihre Erscheinung ist engelsgleich, mit ihrer blassen Haut und den langen, blonden Haaren. Doch vermutlich bin ich zu befangen, um eine objektive Beschreibung abzuliefern. Es könnte also sein, dass es in einigen Punkten eine Sichtweise meiner eigenen Gefühle ist und keine allgemeine Beschreibung ihres Wesens. Vermutlich bin ich ohnehin die falsche Person, um von ihr zu erzählen. Ich hänge zu tief drin, bin zu abgelenkt durch meine intensiven Gefühle für sie.
Doch sei es drum.
Es ist mir ein innerer Drang, von ihr zu erzählen, und vielleicht bin ich der Einzige, der sie gut genug kennt, um ihre Reaktionen zu verstehen.
Es gibt viele Menschen, die versuchen, sie zu verstehen. Viele wollen in ihrer Nähe sein, denn ihre Nähe ist angenehm und wohlwollend.
Sie ist sehr hilfsbereit und möchte stets für jeden da sein. Doch eines hat sie nie gelernt: sich um sich selbst zu kümmern.
Die meisten Menschen haben einen angeborenen Selbsterhaltungstrieb und stellen sich selbst an erster Stelle. Bei ihr ist das anders. An erster Stelle stehen stets die Bedürfnisse der anderen. Wenn sie jemanden gern hat, ignoriert sie ihre eigenen Pläne und Gefühle und stellt sich komplett auf denjenigen ein, damit es ihm oder ihr gut geht.
Was viele Menschen nicht erkennen können, ist, dass sie selbst daran zerbricht. Sie zerbricht am Schmerz anderer Menschen, denn sie kann ihn viel zu intensiv fühlen – meist noch intensiver als die betroffenen Menschen selbst.
Doch ich schweife ab.
Am besten fange ich von vorne an. Beim Tag, als ich sie kennenlernte.
Die ersten drei Wochen meines Studiums lagen bereits hinter mir. Ich war entsprechend gerädert durch die vielen Informationen, die auf mich eingeprasselt waren. Ich hatte mich für ein Psychologiestudium entschieden und bereits nach drei Wochen bemerkt: Das würde nicht einfach werden.
Heute Abend fand eine Party in meinem Wohnheim statt. Um meinen Kopf freizubekommen, entschied ich mich hinzugehen. Die Musik wummerte mir bereits draußen entgegen und dröhnte durch das ganze Gebäude. Ich trat ein, und sogleich umfingen mich tanzende und feiernde Menschen. Die Stimmung war sehr fröhlich, was sicherlich auch an dem Aufgebot an alkoholischen Getränken lag.
Ich nahm mir ein Bier und ließ mich in die ausgelassene Stimmung hineinziehen.
