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Der junge Fedja erlebt den slowenischen Bürgerkrieg 1943–1945: das Kriegstreiben der Alten, die Waffenspiele der Kinder, das Töten im Namen von Religion und – die Entwurzelung am Kriegsende. Die katholischen Milizen fliehen nach Kärnten; sie vertrauen der britischen Besatzungsmacht; doch anstatt dass sie nach Italien gebracht werden, finden sie sich auf einer Todesfahrt in die Arme der Partisanen wieder. Fedjas hellsichtige Mutter folgt ihnen und versucht in einer atemlosen Aktion, ihre Söhne noch auf Kärntner Boden herauszuholen. In burlesken Bildern verdichtet Ditha Brickwell die Erzählung von Zeitzeugen und historische Tatsachen zu einem Roman – und entfesselt Gespenster der Gegenwart.
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Seitenzahl: 579
Veröffentlichungsjahr: 2018
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DITHA BRICKWELL
Roman
Die Herausgabe dieses Buches erfolgte mitfreundlicher Unterstützung durch die Stadt Wien
DRAVA VERLAG • ZALOŽBA DRAVA GMBH
9020 Klagenfurt/Celovec, Gabelsbergerstraße 5
Telefon +43(0)463 501099
www.drava.at
Lektorat: Dr. Carsten Schmidt
Copyright © dieser Ausgabe 2018 bei Drava Verlag
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte dieser Ausgabe vorbehalten
ISBN 978-3-85435-868-8eISBN 978-3-85435-887-9
I. Kapitel: Stimmen
Sturm
Heimat
Ein Sieg, ein Narr und ein Geheimnis
Fräulein Schuster und brave Beamte
Land Heimat-Los
II. Kapitel: Drei Burgen
Exerzitien
Turjak
Schatten an der Wand
Volk Mutter-Los
III. Kapitel: Weiße Fahne, weißes Pferd
Tausend Augen
Städte unterwegs
Entkommen!
IV. Kapitel: Das Böse fährt immer mit
Steinbruch
Lager
Gott-Ausweg-Los
Ein Männlein …
Nachwort
Wie lange kann man festhalten?
Wo beginnt Schuld?
Wohin weben uns die Fäden des Lebens?
Im großen Sturm ist auf den langen Gängen niemand. Fedja hält sich mit beiden Händen am Geländer fest, bis der Schiffskiel sich vorwärts senkt, in ein Wellental tippt; dann lässt er sich weitertreiben, auf die andere Seite des Ganges zu, schaut nach nirgendwo, dorthin aber unverrückbar, auf einen festen Punkt – Fedjas Rezept gegen Seekrankheit, deshalb ist er der einzige Passagier weit und breit, braucht nicht die Säckchen über den Griffstangen aus poliertem Edelholz, trotz Windstärke elf. Das Schiff neigt sich seitwärts und schiebt ihn gegen die weißen Paneele, doch der erdachte Blickpunkt schwingt nicht mit, das Schiff hebt die Nase, der Boden unter den Füßen steht auf, doch das Auge hält stand, der Magen bleibt unter dem Rippenbogen, ruhig. Eine Tür öffnet sich von selbst, vom Schwung der Seitwärtsbewegung des Schiffes aufgerissen. Fedja gleitet in den Saal, und mit der Gegenbewegung des Schiffsleibes unter seinen Füßen fasst er die Griffstange der Theke, bevor ihn der Boden wieder hebt und auf die offene Tür hin befördern will. Neben Fedja stehen, mit den Ellenbogen gegen die glänzend lackierte Fläche der Bar gestemmt, zwei Männer, der Kapitän und der Purser.
„Na, Kleiner?“, fragt der rothaarige Purser, „vor Anker gegangen, um die Tapferkeitsmedaille abzuholen?“ Über die Bullaugen zischt der Schaum, der Sturm reißt ein dunkles Wellental auf, das Schiff wird sich da hineinlegen, in die rauschende Hölle, Fedjas Körper ahnt die Schräge, die kommt, die Übelkeit steigt hoch, er sucht seinen Rettungspunkt, auf dem Ohr des Blondkopfes hinter der Theke läge er - da hat Fedja, während er sich an die Barstange anklammert, wie an eine Reling, die eine große Idee. In solcher Gischt muss der Mann vom Promenadendeck versinken … wenn es einen Weg gibt, ihn im Sturm dorthin zu locken – noch Zeit für eine Aktion.
Der Steward hinter der Theke blickt erwartungsfroh auf Fedja „Ein Bitterwasser“, flüstert dieser, „einen Kräuterschnaps. Bitte.“
„Nicht an Jugendliche“, sagt der Kapitän.
„Ich bin siebzehn“, spricht Fedja mit innerem Lot und festem Stand und schaut dem Kapitän in die Augen. Erfahrung des Lagerlebens: Die Bescheidenheit der Wahrheit in einer Welt der Zwecklügen durchschlägt wie eine Kanonenkugel die Abwehr. „Also zwei Jahre zu wenig oder fünf, je nach Gesetz und Land.“
„Also gut“, antwortet der Kapitän, „auf hoher See gilt ohnehin nur mein Gesetz. Und bei Windstärke elf erlaube ich einen Abschlag. Also, einen Magenbitter für den kleinen Herrn hier und zwei Whisky für uns.“ Sein Englisch ist ein hartes, ein spanisches Englisch, seine Stimme ein Vorbote der neuen Heimat Argentinien.
„Für mich ist es Medizin“, erklärt Fedja, „mein Geheimrezept. Bitterschnaps beschäftigt den Magen. Lässt mir Zeit, mich auf meinen Fluchtpunkt auszurichten. Mein persönlicher Fluchtpunkt macht die Schwankungen der Welt nicht mit.“
„Das Schiff wippt und rollt, es hebt und dreht und senkt sich, das macht die Leute so verrückt“, sagt der Purser im röchelnden Englisch.
„Es ist nicht ausgemacht, dass wir durchkommen“, der Kapitän schnuppert am Rand seines Glases, „wenn sie so stark eintaucht, dass die Welle über das Steuerrad geht, fällt die Elektrik aus, dann ist sie verurteilt, die Santa Cruz.“ Er starrt in sein Glas. „Verurteilt zum Untergang.“
„Es sinken viele Schiffe heutzutage“, sagt der Purser und nickt Fedja zu, „Flüchtlingsschiffe, Frachtschiffe und Passagierschiffe gleichermaßen. Das macht der Krieg. Keiner hat Material oder Geld oder Zeit gehabt, die Kähne auszubessern. Aber die Seefahrt muss weiterleben. Kann keine Nachkriegspause brauchen.“
„Verurteilt ist das schöne Schiff“, brummt der Kapitän, und während er den Kopf hebt um zu trinken, steht auch die Bar vor ihm auf, aber er hat seinen breiten Körper fest an die Griffstange angedockt. Das Schiff legt sich knarrend nach links, dem Licht zu, dem leuchtenden Streifen zwischen schwarzgrauen Wolkenwellen und schwarzgrünen Wasserwellen. „Jetzt im Sturmauge sein“, sagt der Kapitän, „da wäre die See platt und friedlich. Doch es nützte der Santa Cruz nichts, weil sie in eine andere Richtung fahren will als der Sturm. Also packt er sie wieder. Sie entgeht ihm nicht.“ Das Schiff wartet für einen Atemzug, bevor es sich neigt und in den Wellengrund kippt. Schnell schiebt der Steward einen Kelch mit brauner Flüssigkeit in Fedjas Hand. Der hebt das Glas, bevor der Kiel wieder steigt und spürt die scharfe, bittere Flüssigkeit den Magen klein drücken, der mit der Schiffsbewegung sich aufblähen und den Gaumen mit Fäule füllen will. Fedja siegt.
Also wird Fedja nach dem Mann schauen, den Mann, den er beobachten will. Er pendelt durch lange Gänge, nach links und nach rechts, klammert sich ans Geländer, sucht auf Stufen nach Gleichgewicht, nach Ausrichtung zum fernen Ruhepunkt; er durchquert menschenleere Salons und Speisesäle – einmal abwärts den steilen Boden, dann aufwärts in der Diagonalen, durch Klirren und Rattern hindurch, an schaukelnden Lampen vorbei in die Leere zwischen schwankenden Lichträumen und wieder über Flure, endlos – bis zu der Stiege, die auf das Promenadendeck führt. Vor der Eisentür steht er still, bis ihr Schwanken vor seinen Augen anhält; er stemmt die Tür einen Spalt weit auf und lässt den Griff nicht los. Über das Deck rast Schaum, die Reling zeigt in den Himmel, und nirgends steht ein Mann.
Fedja ist jetzt zu müde, als dass er sich vom Sturm noch länger durch das Schiff treiben lässt. Er geht zur Kabine seiner Eltern – deren Bullauge liegt an der Wasserlinie, es wird in das tosende Grün eintauchen und gegen den bleiernen Himmel aufsteigen, und dieses Schwingen in großen Atemzügen wird Fedja jeden Haltepunkt nehmen.
In der Vierbett-Kabine der Eltern ist die Luft dumpf. Eine Welle wäscht über das Glasauge, treibt fort und reißt ein Wassertal auf. Der Blick stürzt in eine brodelnde Tiefe. Fedja klammert sich an die Leiter und kriecht in die Dunkelheit des Oberbettes.
Mutter und Vater sitzen auf dem Bett gegenüber, über ihren Köpfen liegen die Handkoffer mit persönlicher Habe gestapelt, voll Familienfotos, Geschirr, Silberbesteck, Pelzstola, Spitzenkrägen … und das Madonnenbild: Maria mit ruhig forschendem Blick wägt den Beter und seine Wünsche, während das Jesuskind sie verspielt am Kinn kratzt – die Verzweiflungen der Menschen sind nicht so ernst, dass sie die Spiele des Himmels stören dürfen … die Angstvorstellungen der Mutter zum Beispiel, sie kommen aus der Vergangenheit, während die Familie in das Ungewisse eines neuen Kontinents aufbricht und in dieser Nussschale dahin fährt.
„Es ist ein Orkan“, greint die Mutter, „Windstärke zwölf, das hält das Schiff nicht aus.“
Daraufhin die beruhigende Stimme des Vaters: „Wir waren wunderbar beschützt! Auf dem langen Weg aus der Heimat – und sind es immer noch; Gott hat uns nicht bis hierher gebracht, um uns im Meer zu ersäufen. Die Jungfrau Maria beschirmt uns, dein Heiligenbild, deine Ahnungen helfen und deine Gebete tragen uns.“
„Wenn das Schiff sinkt, gibt es keinen Ausweg; und Schiffe gehen unter, wenn sie alt und überfüllt sind.“
„Die Santa Cruz ist ein erstklassiges argentinisches Passagierschiff und wir reisen Zweiter Klasse. Immerhin. Und Heimat ist dort, wo wir sind – wo immer wir sind.“
„Warum Argentinien? Warum um alles in der Welt nach Argentinien?“ In was sind wir da abgerutscht, was haben wir da mitgemacht? Wir haben unsere Heimat verloren. Sind von unserem Volk getrennt. Stehen bloßgestellt neben diesen Männern mit frisch genähten Gesichtern, gefärbten Haaren, geklebten Bärten und falschen Pässen in einer Reihe! Sie sind auf diesem Schiff! Mindestens einen hat mir Fedja gezeigt, im grauen Staubmantel, mit Maskengesicht.
Die Mutter sitzt vor der einzigen Lampe in der Kabine, und das Licht lässt ihren Haarkranz silbrig schimmern, ein durchsichtiger Bausch aus dünnen Silberfäden ist er geworden … und ein Schatten ist über der Stirn, und die Augen schauen in die Heimatferne. Da hebt das Schiff die Mutter und schiebt ihren Körper ein Stück weit gegen den Vater, und sie hocken vorgebeugt, die Köpfe ragen aus dem Dunkelraum des Unterbettes, und die Sturzwellen wischen über das Bullauge, und Fedja schaukelt in wilden Wiegungen im Oberbett durch die Wortschwaden von Volk, Gott und Heimat, die ihm die Stimmen der Eltern empor schicken.
Am Abend hat die Santa Cruz den Orkanwirbel durchfahren. Der Horizont des Atlantiks ist so, wie Fedja ihn jeden Tag sehen will: Purpurlicht über dem Kopf und Schaumtupfer auf dem schwarzgrünen Wassergarten im Passatwind. Nur in der Mitte, wo das Bild seinen Schwerpunkt braucht, stört der Mann. Eher ein dunkler Umriss, ein Männlein mit Mantel und Hut. An der Reling festgekrallt. Ein Müder –vielleicht von einer Berliner Straße hierher verweht. Unpassend. Er soll sich nicht umdrehen und Fedja in die Augen schauen, dieser Herr in Grau. Fedja schleicht näher, dass er genauer sehen kann: die Haut – eine gespannte Membran; der Spitzbart – aufgereckte weiße Grannen; die Augen – Farbe unbestimmt, hinter einer Nickelbrille; Blickrichtung nach nirgendwo. Spitzbart und Brille sind Verkleidung, spürt Fedja, die zieht den Blick fort von der unerbittlichen Miene, die sich einer merken würde. Fedja hat den alten Mann seit dem Einschiffen beobachtet, wie er sich niemals umsieht, erstarrt in scheinbarer Ruhe. Auf seinen rastlosen Runden durch das schwankende Schiff fand Fedja den Grauen in den Nischen der Salons, in der Bibliothek vor den Büchern, im Schatten hinter Lampenlichtkreisen und auf dem Deck – nur im Sturm blieb der Mann verschwunden. Jetzt steht er an der Reling, den Spitzbart nach Südamerika gerichtet … und wir sollen glauben, ein lieber Herr bemerkt die vorbeiziehenden Wellen, ein Vornehmer im grauen Anzug fährt sinnend nach Haus, ein Bankangestellter, ein Kaufmann, guter Arzt, Großvater … Im Ledermantel sähe er größer aus, in die Breite wachsen die Schultern, in Pluderhosen und Reitstiefel kräftigt sich der Gang, die Armbinde zeigt die Macht an … wehe, wenn der sich nach dir umdreht. Der aber ist schmächtig, hat nicht im Freien gegerbte Haut – der hat das Grauen nur erdacht – gehandelt haben andere, würde er sagen, also wer bin ich? Der Alte lässt in den Wellen seine Erinnerungen davonziehen. Wenn einst die Keller mit den geheimen Fragen sich öffnen, wird der keine Erinnerungen mehr haben. Auch Fedja will fort von seinem Kontinent und seiner Zeit. Doch wo er sein wird, will der auch hin, hat eine teure Schiffspassage erhalten, von Leuten mit Geld, lustwandelt hier, vor Fedjas Augen. Das Böse fährt immer mit. Was wird aus mir, denkt Fedja, was wird aus meiner Generation? Wenn solche Geschöpfe den Frieden stören, die Sicht verstellen und den Platz an der Reling nehmen, die guten Sachen aufessen, uns immer wieder begegnen und uns die Freude an der Zukunft verderben. Fort wenigstens mit diesem da, loswerden soll ihn die Menschheit, musterhaft befreit werden von einem solchen Fortbestand. Einer muss den Anfang machen, mit diesem da. Wo bleibt der Geheimdienst, wo ist Polizei, um diesen da fortzuschaffen? Wann kommt der Rächer und stürzt diesen da hinab? Er wird kopfüber fliegen, die Füße himmelwärts, am B-Deck vorbeiflappen, vor dem C-Deck still kreiseln, sein Mantel vom Wind gebläht … und keiner bemerkt ihn, sind alle zum Dinner hinuntergestiegen. Er wird in die Gischt der Seitenwelle schlagen, sein Kopf eine Nuss im Schaum der Heckwelle, in der weißen Furche treibt sie davon, keiner sieht, hört, weiß etwas. Unverletzt wird der Horizont sein. Jetzt drei Schritte nur … Der Mann spürt Fedja in seinem Rücken nicht. Fedja müsste mit der rechten Hand einen Schlag gegen den Nacken führen und sofort die Beine des Mannes mit dem linken Arm hochreißen, sodass der Mann den Halt verliert, die Reling im Umschwung loslässt und kopfüber abwärts taucht. (Oft geübt, diesen Griff, an der Reckstange, mit Freunden … in Ljubljana – oder Lubiana, wie es zur Zeit der italienischen Besatzung hieß – dort auf dem Turnplatz hinter der Kirche nach dem Ministranten-Unterricht). Noch ahnt der Mann an der Reling nicht, dass er zur Riesenwelle ansetzen und ein Rad schlagen wird … und die Wasser werden in den Mantel schlappen und ihn samt dem Mann darin schlucken.
Da platzt die Stimme seines Bruders an Fedjas Ohr. Alvin steht an der Eisentür des Abgangs: Komm, du Träumer, die Mutter wartet, du bist immer der Letzte. Alvin, weich und tapsig, mit flauschigem Haarbausch und dem Augenschnitt ihrer Mutter, Alvin der Größere, der immer den Großen mimt (wo er doch der kleine Bruder ist gegenüber den beiden Älteren, Milovan und Bogdan). Fedja bewegt sich elastisch in der Gegenwart von Alvin, im Bewusstsein seines schmalen, leistungsfähigen Körpers, er schwingt ihn in die Tiefe, entlang dem Geländer, rutscht und springt fünf Stufen auf einmal donnernd im stählernen Stiegengehäuse hinunter.
Im Speisesaal, am hintersten Tisch an der Spiegelwand, schenkt die Mutter Wasser aus der Karaffe für Milovan neben ihr ein, der Vater sitzt wartend an der Schmalseite, und Fedja hat den Platz der Mutter gegenüber. Ihr Jüngster unter Beobachtung. Sie wird jetzt den Kopf über den weichen weißen Händen senken, unter der Last des schwarzen Haarkranzes, und Vater wird murmeln: Wir danken, Herr, für alles Gute, für unser Entkommen, Deinen Beistand, Deine Güte, Vater unser … und das Reden und Klirren und Klappern um sie herum ist eine fröhliche Melodie, die Fedja meldet: keiner beachtet euch, also seid froh.
Die Eltern schweigen, damit keiner dieser unbekannten Nachbarn mithören kann; doch Fedja weiß, dass sie an verlorene Schätze denken, an das Amtshaus in Maribor, an das requirierte und geborgte Spitzdachhaus in Ljubljana … an die Kisten voller Andenken im Schiffsrumpf.
Nach dem Dessert (süßer Pudding) steht Fedja auf, ohne Erlaubnis, und geht … er kehrt zurück zu seinem neuen Fluchtpunkt, steigt tief hinunter in den Bauch des Schiffes (in den ersten Tagen schon erkundet). Er durchquert den Packraum, an den Schätzen und Rettungskoffern der Passagiere vorbei, die stille Passage entlang, die schmale Tür zur Nebenstiege der Ersten Klasse ist immer offen, die führt aus der Finsternis heraus in ein großes, durch eine Glaskuppel von oben bestrahltes Stiegenhaus, ab der zweiten Ebene mit Teppich ausgelegt, es leitet den Flaneur durch weiße Gänge vor die Tür der Erste-Klasse-Bar. Fedja setzt sich an die Theke, horcht auf die Gespräche nebenan, bis ihn der Steward (sein Sturmfreund) fragend ansieht.
„Wir sind im Bauch des Wales, wie Jonas, nach drei Wochen werden wir ausgespuckt, für ein neues Leben“, spricht Fedja. Das Schiff schwankt.
„Probier schon einmal diesen Rettungsschluck.“ Der junge Mann hinter der Bar stellt ihm ein grün schimmerndes Elixier vor die Hände und schreibt keine Rechnung, verlangt keine Unterschrift … an der Bar ist Freundschaft, Gesellschaft, Denkinsel. Stille Gesten, sonst nichts. Andere lungern daneben und reden. Menschen mit jungen Gesichtern. Fedja sieht sein Gesicht im Spiegel hinter der Theke.
„Und jetzt dein Bitterschnaps.“
Fedjas Kopf nickt, weil die Messing-Reling sich sanft hebt und senkt, und Wellen im Körper sind, weich und rollend. Der Steward fingert unter der Theke, hebt eine Flasche heraus und zeigt sie ihm, holt zwei schlankstielige Gläser, schenkt beide voll – mit dem rhythmischen Kippen der Flasche schwingt die Theke mit, sie trinken beide und treiben dahin, während die Bar leise zittert.
„No way of filling a glass“, brummt sein Steward Freund, „now that the storm is inside myself“, und er stellt die Flasche vor Fedja hin, dass er die Gläser fülle; Fedja versucht sich in dieser Übung der Präzision. Sie trinken – und die Theke, die Gläser, die Borde und das Schiff, in heiliger Zeremonie der Brüderlichkeit, wanken mit.
Beschwingt schreitet Fedja hinaus, durchquert die rote Prachtwelt des Erste-Klasse-Salons, hinter den Portieren zur Bibliothek schauen nur Bücher hervor, stoffene, lederne, papierene Rücken in Regalen unter dem milden Seidenlicht einer Stehlampe. Niemand stört. Im roten Samtfauteuil hinsinken will Fedja …
… Und dich in die Ecke schmiegen, wie damals in die roten Polster im Geisterzug? Packwagen, Sitzwagen, Lokomotive nur für Euch … unterwegs zwischen der deutschen und italienischen Besatzungsmacht auf Geisterfahrt … im Ungewissen sicher schwebend, in schwingender Fahrt durch die Kurven … zum ersten Mal auf der Flucht. Damals warst du, Fedja, zwölf Jahre alt.
Aber dort hat die Geschichte nicht angefangen, erklärt Fedja dem Tischchen, das eine Messingreling hat, zum Festhalten von Aschenbechern und Gläsern. Hier lässt es sich gut nachdenken, sagt er zur Wandlampe, bei euch ist es still, man hört nur die Motoren ganz fern, und die Stimmen der Ersten Klasse weit weg. Horch! Eine Musik wie zuhause in Maribor …
… wo eine rote Samtportiere den Durchgang zur Küche deckte, erinnerst du dich, Fedja, sodass ein Kind, in der schmalen Passage versteckt, die Stimmen hören, die Menschen sehen konnte. Denkst du an die angespannten Gesichter, Fedja? Ist dort der Anfang deiner Geschichte?
Hinter dem Samtvorhang war Erwachsenen-Mus. Ich sehe die Küche, weiß und blau, und spüre den Wohlgeruch von Milch und Vanillezucker, von Speck und Strudel, den Duft meiner Kindheit, sagt Fedja.
März 1941 Maribor
Im März, als die Bäume noch kahl waren … steht die Köchin Martha in der Küche, am Sonntagabend, da niemals Gäste in unseren Hausfrieden kommen, und legt Fleisch- und Eierscheiben zu Landschaften auf den Silbertabletts der Mutter aus. Wenn Martha, die Strenge, ein kaltes Buffet für Gäste herrichtet, ordnet sie die Muster so, dass kein Kind eine Kostprobe greifen kann – sofort würden die gestörten Girlanden aus Beeren, Trauben und Apfelstücken den Eingriff verraten. Doch heute ist Marthas Komposition aus dem Gleichgewicht geraten. Pastetentürme und Karottenmauern ragen über die Silberflur, bilden Kampflinien in großen Zacken; Gurkenboote queren schräg Kanäle aus grünem Salat, Kirschen und Kapern krönen Schinkenschlösser, wurstumbrandet. Die Bratenscheiben und Zungenstücke spreizen sich wie aufgewühlte Fächerbeete, überragt von einer Birnenschanze, bekränzt mit Preiselbeeren. Aus den erregten Reihen lässt sich mit Schwung ein Radieschen greifen und eine Apfelscheibe.
„Was sollen wir anderes machen“, sagt die Mutter, die unvermutet hinter meinem Rücken erschienen ist und einen Schwall von Stimmen aus dem Salon mitgebracht hat, „wenn ausgerechnet am Sonntagabend unerwartete Gäste kommen? Aus unseren Vorräten das Beste anmutig auftischen, das ist alles, was wir tun können.“ Die Köchin Martha hebt zwei Silbertabletts und die Mutter eines, sie schreiten auf die Stimmen zu und Fedja folgt der Prozession bis zur Tür, bis an die rote Samtportiere des Salons, wo sich die Szene öffnet: Sechs Männer sitzen im duftenden Nebel von Pfeifen- und Zigarrenrauch. Im großen Lehnsessel, höher als alle anderen und von der Deckenlampe angestrahlt, Pater Paul, der Priesterfreund des Vaters, die anderen in einem Halbkreis; der große Bruder Bogdan, der Erwachsene, hat sich einen hohen Sitz mit steifer Lehne ausgesucht und in einen Winkel hinter dem Josip-Onkel geschoben, sodass sein Haarschopf, goldbraun unter der Stehlampe, aus dem Rund grauer und weißer Altmännerköpfe herausragt. Aber Matijas Lockenkopf bleibt im Dunkel; der Verwandte-auf-Besuch hat sich den Platz am Fensterpfeiler ausgesucht, wo keine Wandlampe hängt, aber ein Spiegel die Drehungen des Kopfes zeigt, Nase und Mund im Profil oder sein langes Haar. Martha geht im Kreis, neigt ihren kräftigen Leib vor jedem Fauteuil und wartet, bis die Herren kleine Bissen auf ihre goldgerandeten Tellerchen geschoben haben. Der stellvertretende Bezirkshauptmann Šiška stochert im Pastetenbauwerk am Tablettende, das Silberschiff schwankt zwischen Marthas Händen und der Šiška ändert den Einstechwinkel der Gabel, versucht es ein weiteres Mal und begnügt sich mit einer Schmalzkugel. Die Buckelmartha zieht vor den nächsten Fauteuil. Dort richtet sie sich auf, sieht sich um und entdeckt Mimi, die Magd. Die junge Person steht in der Passage zum Esszimmer und erwartet diesen Blick, der winkt die Krüge mit Wein herbei. Mimi ergreift zwei kristallene Karaffen auf dem Beistelltisch neben ihr und hält sie hoch, mit straffen Armen wie eine Göttin. Unser Hausmädchen gleicht der minoischen Figur in einem Buch der verbotenen Bibliothek in des Vaters Rauchzimmer. Mimi trägt die Zöpfe zur Krone gesteckt, wie jene und den Gürtel so eng gezurrt, dass der Rock wie eine Kugel sich bauscht und der Oberkörper gleich einer Vase sich spreizt; nur, wo der Göttin der Minoer die nackten Brüste über das Mieder wellen, hält Mimi die Haut mit dünnem Blusenleinen bedeckt, wo der klaffende Rock auf die Schenkel der Minoerin zeigt, flattert eine blaue Schürze über den Geheimnissen. Mimi, in ihrer Schönheit, trägt die Karaffen zu der dicken Köchin herüber. Keiner sieht sie an. Das Mädchen schlängelt sich an den Lehnenwülsten vorbei und besprüht die Männer mit ihrem Duft. Die Mutter wirft ihren Prüfblick in den Rund und geht hinaus, mit gleitenden Schritten und raschelndem wassergrünem Kleid. Ihr folgt Martha, mit silbergefassten Ruinenlandschaften voll aufgesprengter Geleegräben in den Händen. Mimi steht noch vor dem Beichtvater und wartet, dass er ihr sein Opferglas entgegenhalte, damit sie ihm roten Berauschungstrank einschenke.
„Der Krieg kommt nicht zu uns, das Königreich Jugoslawien bleibt verschont, ihr werdet es sehen“, spricht der Josip-Onkel und lässt das Nicht wie eine Glocke klingen. „Der Hitler hat andere Pläne.“ Alle blicken auf Mimi, dass sie ihren Weihedienst beende, sie steht unschlüssig in der freien Mitte auf dem Medaillon des Teppichs, „und unsere Regierung wird nicht nachgeben.“ Der Josip-Kopf senkt sich und die Josip-Nase wirft einen langen Schatten auf das fettrunde Kinn. Ein Rascheln und Schmatzen beginnt, weil die Herren mit gesenkten Häuptern ihren beladenen Tellerchen die Aufmerksamkeit schenken. Da geht die Göttin und stellt die Karaffen auf einem Tischchen ab. Die Tür schlägt zu und das Klirren und Klappern erstirbt im Salon.
„Kaum auszudenken, was geschähe, wenn die Regierung schwankte“, zischelt die Šiška-Stimme, und das Šiška-Gesicht zieht sich lang und schmal.
„Unsere kleine Welt würde erzittern“, singt der Bariton des Pater-Beichtvater-Paul, „Doch unser Regierungschef Cvetković ist ein kluger Mann. Er wird die Fronten richtig einschätzen, allen Gegnern Verhandlungsbereitschaft zeigen und im Schwanken stabil sein. Denn er weiß genau, dass ein Beitritt zu den Achsenmächten unsere kleine Welt zum Einsturz bringen würde. Das Volk würde diese Allianz nicht hinnehmen.“ Der Pater trinkt einen Schluck zur Bekräftigung. „Ein Beitritt ist möglich, er ist durchaus möglich!“ Die Stimme des jungen Matija klingt grell, gespannt wie eine Saite, doch der Pater dreht sich nicht nach ihm um, er hebt nur die Hand gegen die Dunkelung, wo er Matija spürt. „Der Hitler ist unbeirrt“, setzt Matija fort, „und er drängt unaufhaltsam. SS-Truppen, sagt man, werden in Kärnten und in der Steiermark zusammengezogen. Nur wenige Kilometer vor unserer Grenze steht schon eine Kompanie bereit. Aber das stärkste Signal sendet der Deutsche Kulturbund aus. Die Mitglieder, hören wir, sind wieder so herablassend wie vor dem großen Krieg“, beharrt Matija, dagegen dröhnt der Bass des Paters: „Der Kulturbund ist nur ein lokales Ärgernis; der Hitler denkt weltweit. Für ihn ist der ganze Balkan nicht so wichtig. Das Gelände schwierig für schnelles Vorrücken, die bescheidene Industrie nicht das richtige Futter für die Kriegsmaschine, die jetzt rollt. Hier ist weder Öl noch Eisen, um die Aufwendungen der Besetzung auszugleichen. Die Rechnung geht nicht auf. Deshalb kommt der Krieg nicht zu uns. Gott sei Dank!“
„Triest und Ljubljana sind ein Tor nach Osten, zu Erdöl und Getreide“, säuselt die Angststimme des Šiška-Stellvertreter-Bezirkshauptmanns.
„Hitler denkt nicht nur an Rohstoffe“, legt sich Matijas Stimme darüber, „er plant Krieg in großen Zügen auf allen Linien. Und die Briten folgen seinen Spuren. Der Secret Service jedenfalls befindet sich längst unter uns und erforscht das Terrain. Und noch andere Herren unbekannter Herkunft und von germanischer Straffheit sind im Land, die überall herumkundschaften, indem sie vorgeben, Erinnerungsfotos von ihren Ferien zu machen … Sie haben uneingeschränkt Geld und Muße – das in dieser Zeit!“
„Der Secret Service ist überall“, meldet Josip, „das hat nichts zu sagen, und was die straffen Herren anlangt: die Deutschen sind reisefreudig. Das braucht uns nicht zu beunruhigen.“
„Die Engländer sind Handelsleute“, tönt der Pater, „die lassen sich nicht so schnell herausfordern. Selbstverständlich sehen sie sich um und rüsten auf. Vorsichtig wie Händler eben sind, sichern sie sich nach allen Seiten ab, was wiederum Gegenspionage auf den Plan ruft. Aber Appeasement heißt auspendeln, die Achsenmächte ruhigstellen. Frieden halten ist eine Wirtschaftsstrategie.“
Der Matija-Kopf hebt sich: „Das galt für die Ära Chamberlain, aber Churchill hat ein anderes Temperament. Sein strategischer Verstand treibt ihn voran, auch er spielt mit den Völkern wie mit Figuren auf dem Schachbrett. Vorsicht und Abwarten sind nicht seine Sache. Der will gewinnen.“
„Selbst wenn dem so wäre“, sagt ruhig der Pater, „glaubst du ernsthaft, ein einziger Mann wendet die Geschichte?“
„Der Hitler vielleicht …“, surrt Šiška und verstummt sofort.
„Hitler hat bekommen, was er wollte“, sagt Josip anstelle des Paters, „die Vorherrschaft auf dem Kontinent. Alle national ausgerichteten Staaten sind mit ihm verbündet, seine alten Gegner ausgeschaltet, seine Wirtschaftsquellen sprudeln. Er wird Ruhe geben.“
„Aber die Italiener“, greint der Šiška, und sein Gesicht wird noch schmaler.
„Diese närrische Armee von eleganten Zwergen, dieser kleine miese Mussolini“, schimpfte Josip, der Dicke, „die sind zu dumm, um Geschichte zu machen.“
„Die Italiener haben durch ihren Angriff auf Griechenland die strategischen Linien des Krieges bis hierher gezogen“, spricht Matija, der gut Schach spielt. Es klafft die Stille des Nachdenkens. In den Lichtinseln der Lampen schimmern die Gesichter der Männer, ziehen die Silberfäden des Zigarrenrauchs durch. Der Vater bewegt sich, schiebt sich zur Seite, zieht seinen Tabaksbeutel heraus und beginnt seine Pfeife zu stopfen.
„Nur Gott allein weiß, was unsere Kommunisten tun werden“, stöhnt der Pater.
„Die Kommunisten“, sagt Matija gegen den Rücken des Paters, „sind eine neue Kraft. Sie haben – ganz vom Ende her betrachtet – die gleichen Ziele wie wir.“
„Sie haben das Ziel, uns zu vernichten“, saust die Stimme des Paters durch den Raum. Der Vater hält ein langes Streichholz gegen den goldfarbenen Tabak, mit seinen Atemstößen neigt sich die Flamme vor seinem Gesicht.
„Ich meinte, sie haben vergleichbare Ideale, in sozialer Hinsicht. Wir sollten mit ihnen reden“, beharrt Matija. Sachte klickt die Silberschachtel mit Zündhölzern, die der Vater neben sich auf das Tischchen legt.
„Reden? Mit diesen Leuten? Sie wollen die Religion ausmerzen. Sie nennen sie Gift für das Volk. Sie wollen allein die Führung. Wir können nur eines tun, ihnen zuvorkommen“, sagt der Pater abschließend.
Matijas Gesicht im Dunkel des Spiegels ist matt. Der Pfeifenrauch aus des Vaters paffenden Mund zieht um die Köpfe, in dieser Wolke treibe ich fort aus meinem Versteck, hinaus in die Küche.
Am Küchentisch saßen Martha und Mimi vor Porzellanplatten voll Petits Fours, schnell wandert eine Engelslocke aus Eischaum in meinen Mund und noch eine zweite mit kirschroter Wunde. Die Köchin fängt meine Hand.
„Was reden sie?“
„Vom Krieg und dass er nicht kommt.“
„Das glauben sie?“
„Nur Matija nicht, der ist gescheit.“
„Und was sagt Bogdan, unser Großer?“
„Der sagt nichts, wie immer. Sitzt da und lächelt über seine Geheimnisse.“
Die Mutter ist hereingekommen, setzt sich an den Tisch und sieht zu, wie Martha ihr Kaffee einschenkt.
„Die Reden der Männer sind Reiznahrung für mein Hirn, daraus brauen sich schreckliche Ahnungen.“
„Ach Gnädige Frau, Ihre heimlichen Stimmen. Niemand kann sich Ihren Vorhersagen entziehen, schon gar nicht Ihr Herr Gemahl.“ Sie sehen einander an, wie sie immer die Blicke tauschen, stehen zugleich auf und tragen die Kuchenwunder fort in den Salon.
„Ich glaub’, du gehst jetzt besser ins Bett, bevor sie zurück sind“, rät Mimi.
Und Fedja folgt dem Rat der weisen Göttin.
Im Kinderzimmer tupfte Milovan mit einem Pinsel zierlich auf einer bunten Fläche herum. In einer Glocke der Stummheit sitzt der Bruder jeden Abend am Schreibtisch und malt. Keiner darf ihn anreden, schon gar nicht der Jüngste, der Kind-Bruder – ihn, den Heranwachsenden, der mit ihm und Alvin noch immer das Zimmer teilen muss, wo doch Bo, der große Bruder Bo, der Erstgeborene, eine Kammer für sich allein bewohnt … Also ziehe ich die Pyjamajacke über das Hemd und rolle mich unter der Bettdecke ein. Draußen klappt die Hintertür, die Stimme der Mutter ertönt, das Jaulen des zweitjüngsten Bruders. Ihn als einzigen schlägt sie. Uns nicht. Alvins Streiche sind trotzig, die unseren schlau. Wer sind wir? Das Parkett vor der Türe knarrt, die Mutter tritt ein. Sie flüstert mit Milovan, sagt das Gedicht her, das zu seinem Klecksbild passt, beide kichern leise. Bald wird der Duft der Mutter über mir sein, wenn sie sich über mein Bett beugt und einen Segen murmelt. Unser Familienspiel: Englein, Teufelchen, Künstler und Held. Vier Söhne – und der Vater ist das Große und Ganze, er gibt der Familie den Namen und den Rang: Erster Bezirkshauptmann. Und raucht sinnend die Pfeife … Jetzt ist die Mutter fort, jetzt warten, die Pyjamajacke abstreifen – und schon bin ich an der offenen Küchentür. Die göttliche Mimi hält Wache vor aufgeschichtetem Delikatessen-Nachschub.
„Kommt der Krieg, Mimi?“ Der Schwarzlockenkopf dreht sich her. Die Finger des Mädchens spazieren über den Teller vor ihr und fangen ein Blätterteigkipfel, aus dem ein Würstchen wie ein rosa Finger herauslugt. Mimi steckt das unanständige Ding in den Mund und fängt mit aufgeplusterten Wangen zu kauen an. Sie will nicht antworten.
„Mein Cousin Matija sagt, man kann es zurzeit nicht bestimmen. Du musst wissen, Mimi, mein Cousin Matija beredet alles mit mir. Alles was er denkt. Und er denkt viel. Er glaubt, dass Europa ein Schachbrett ist, mit Feldern schwarz und weiß. Die Alliierten und der Dreierbund sehen die Drohlinien und Schutzbarrieren und berechnen sie nach jedem Schachzug neu. Matija meint, dass Chamberlain ein schwacher Spieler war, der längst bekannte Eröffnungszüge gemacht hat. Aber Churchill ist ein Großmeister, sagt Matija, ein Vorausrechner. Der sieht alle Felder. Und erkennt die Winkelzüge der Faschisten im Voraus. Sieht die verdeckten Möglichkeiten schon früh. Churchill ist ein Spieler, der will unbedingt gewinnen.“ Ein Schaumküchlein springt in meinen Mund. Jedes weitere Wort von mir bläst Puderzuckerwolken in die Luft. „Churchill schaut sich die Bedeutung des Balkans genau an. Beweis: Der Secret Service ist schon da. Es gibt zuverlässige Nachricht, dass Kontaktoffiziere in Ljubljana eingetroffen sind.“
„Die Deutschen sind auch schon da“, sagt Mimi trotzig.
„Sind aber Österreicher, Mimi, weißt du, meine Tante in den Bergen hat erfahren, die Deutschen, die jetzt hinter der Grenze unruhig auf und ab marschieren, sind Österreicher.“ Mimi grinst. „Und einzelne kommen herüber zu uns und photografieren alles, was kriegswichtig ist. Dein neuer Freund ist auch so einer.“ Der Lockenkopf wackelt ein Ja und ein Nein. „Doch! Er photografiert ganz fleißig.“
„Immer nur mich“, piepst Mimi. „Er sagt, ich allein bin kriegswichtig.“
Hier verließ Fedja die Kriegs-Schönheit samt ihrem Nahrungshorst. Er geht zu seinem Spähort, besetzt seinen Ausguck am dunklen Samtspalt der Verbindungstür zum Esszimmer, die Mutter sitzt hinter der Portiere gegenüber, am Durchgang zum Herrenzimmer. Sie horcht mit geschlossenen Augen auf die Stimmen der Männer: „Sie werden unser Korn kaufen, wie in Holland auch – und unsere Maschinenindustrie brauchen – zahlen pünktlich, wie in Dänemark auch – aus tschechischer Nationalkasse – vielmehr aus privater Hand – wer weiß, wieviel Unheil droht, steigt die Bassstimme über alle Stimmen – unser Land stärken müssen, unsere Heimat, unsere Herzen, summen Bariton und Tenor – Heimat voller Unheil – die Herzen der jungen Männer so hart – gefährliche Bewunderung – die Kommunisten kennen keinen Gott – die Nationalsozialisten haben Gott, keine Religion – Gott, Volk und Vaterland.“
Alle Stimmen zugleich tragen Fedja fort, durch die Wand, über das Dach, in einen Himmel aus Müdigkeit.
Fedja auf dem Heimweg von der Schule durch den Park: Hinter Baumgeäst und zartgrünen Blättern ragt das Amtshaus riesig und weiß, mit Fenstern breiter und höher, als das Schloss gegenüber sie hat. Nicht über die schmale Nebenstiege will Fedja gehen, sie würde ihn nach kurzem steilen Aufstieg vor die Dienstwohnung bringen – heute will er durch den Haupteingang sein Zuhause in seiner Weite in Besitz nehmen. Am Portier vorbei, mit knappem Nicken grüßen, die Freitreppe hinaufschreiten. Die Stufen sind flach, für vornehm gleitenden Schritt bemessen, führen ins Licht – Sonnenstrahlen aus dem Westen, durch bleiche und blonde Glasfelder eingefärbt und abgemildert. Die Stiege teilt sich, also geht Fedja nach links, steht im großen Korridor, würde zu des Vaters Amtszimmer gelangen, ginge er nun rechts durch die Sonnennischen und Schattenbalken in den Hauptflügel. Auf dem Gang klingen Rufe laut, mit ihnen schwingt der Hall. Aus den Zimmern antwortet ein Schwirren und Summen, kein Wort zu erkennen, nur höhere und tiefere Stimmen, es sind viele heute, aufgeregte, über dem Klappern von Schuhen auf dem Steinfußboden, über den Schlägen der Türen. Das Kommende rauscht hier. Doch Fedja steigt weiter. Der Oberstock ist still, das Klappern und Quietschen kommt hier von draußen, das Rauschen von fern. Im stillen Hof stehen in gerader Linie fünf Birken, der Mutter Bäume, aus ihrem Hochzeitsgeld gekauft und gepflanzt, daher älter als der älteste Bruder Bogdan.
Die Glocke klingelt hinter der Dienstwohnungstür, bald kommen die schlappenden Schritte der Mimi, die Tür öffnet sich einen Spalt breit.
„Steht schon auf der Seite, der Krauttopf“, sagt Mimi und eilt voraus, „bin beim Aufräumen, Abwaschen, keine Zeit. Frau Martha und die Gnädige sind im Bügelzimmer. Auch keine Zeit.“ Fort ist sie. Alle Türen stehen offen, in der Wirtschaftskammer, die Mutter, nickt mir zu – und schon gleitet ihr Blick zurück zum großen Bügeltisch. Dort liegt das Linnen geschichtet: Stapel aus strengen weißen Linien, gebügelte Geometrie. Dahinter stehen Körbchen und Schachteln, stauen sich verschnürte Säckchen an der Kante. Die Mutter hebt Linnen ab, schnürt Bändchen auf, Martha schichtet Stofflagen in Körbe, nimmt sie wieder heraus, packt aufs Neue. Sie sprechen leise, in kurzen Sätzen, schnell zusammengefügten Worten. Diese Wäsche für das Armenhaus, jene Kleider für das Waisenhaus, das Linnen hier mag eine arme Nachbarin, hier der Stapel der noch nicht beschlossenen Weitergabe, das für den Reisekorb, jenes bleibt für wen auch immer hier. Nur was wir behalten wollen, machen wir reisefertig. Fahren wir nicht immer im Frühjahr aufs Land …
„Zu Mischa und Tante Ana nach Lemberg?“, springen Fedjas Worte dazwischen.
„Für die kurze Reise Kleider, Wäsche, alles schon im Reisekorb“, murmelt die Mutter zur Martha hinüber, „aber was wir für die lange Zeit brauchen, das ist schwer zu sagen.“ Ihr Blick im Irrgarten der Dinge. In dem geflochtenen Kästchen hier wohnen der Mutter Erinnerungsstücke, und Kostbares haust dort in der Schachtel, gewölbt wie ein Ei, und auf einem Tuch voll Weihrauchduft warten das Elfenbeingebetbuch der Mutter und der Ring von Großmutter Sellinger. „Wenn es kein Geld mehr gibt, kein Vertrauen, keine Sicherheit, dann helfen nur noch solche Schätze … das Silberbesteck aus Wien, das Goldrandkristall aus Böhmen, die Spitzenkrägen aus Brüssel, Martha, was meinen Sie, die müssen wohl mit.“ Aus der runden Schachtel lugt ein Muff, schauen Glacé-Handschuhe hervor, sehe ich die Streifen des seidenen Turbanhutes. (Wenn wir eines Tages dies und das aufgeben, fortschenken, verkaufen … werden uns die Dinge nachsehen, wie verwunschene, verlassene Geschöpfe, die wir nicht vergessen; die verstoßenen Gegenstände werden hinter uns her schreien, sich in unsere Gedanken drängen, uns aufstören und stechen. Das Plüschtischtuch, dessen Muster wir alle auswendig kennen, wenn am Abend erzählt wird, und wir durch die Schnecken und Schlangenlinien und Blumengirlanden hindurch die Ereignisse ahnen, es muss mitkommen als der Mittelpunkt der Familie, die zusammenbleibt: „Das Plüschtischtuch muss mit, das brauchen wir für uns.“ Doch die Frauen hören nicht auf mich.
Das Unheil wächst schon lange heran, und die Mutter spürt es, hat sie nicht schon im vorigen Jahr aus Flanelldecken Schlafsäcke genäht? dass ihre Lieben, wo auch immer fremd, in ihrer eigenen Wärme liegen …
„Die Wahrsagerin in meinem Dorf ist der gleichen Meinung wie Sie“, sagt Martha und faltet die Seidenschals.
„Das beruhigt mich nicht.“
„Sie wollen nicht beruhigt werden, Gnä’ Frau. Sie wollen, dass man Sie versteht.“ Martha setzt sich auf einen Schemel und wischt die Stirn, obwohl die nicht nass ist. „Was uns unruhig macht, sind die Sorgen um die jungen Leute. Ich weiß das, habe ich doch einen Neffen, den ich halte wie einen Sohn.“
„Dem Sie das Studium bezahlen.“
„Den ich ein wenig unterstütze, dass er mir nicht verhungert. Dieser Neffe redet die ganze Zeit, wenn ich ihn besuche, von den faschistischen und imperialistischen Kräften. Ich frage ihn, woher hast du das Zeug, und er erzählt mir, von dem Kommunisten Kardelj. Ich weiß, das kommt davon, dass er sich wo festhalten will, irgendwie braucht er ein Muster, dass er weiß, wie er sich benehmen soll. Seine Mutter war schwach und immer überarbeitet; aber hätte er einen guten Kaplan gehabt, wäre er noch in unserer Kirche, doch sein Kaplan war alt und gleichgültig, und so bewundert er stattdessen den Kardelj. Und jetzt ist er in dieser anderen Verwandtschaft und hat eine andere Redeweise. Er wünscht sich, dass etwas geschieht, er ahnt nicht was – und ist entschlossen, er weiß nicht wozu. Etwas Gewaltsames sammelt sich in ihm, das spüre ich.“
Die Mutter setzt sich auf einen Schemel neben sie, „ja, ich weiß; unser Matija bringt seltsame Sätze mit, wenn er auf Besuch kommt. Er redet über die Arbeiterklasse, als wäre sie ein fortschrittlicher Künstlerverein. Mein Vater war Fabrikant; ich könnte ihm seine romantischen Flausen über den edlen Arbeitsmenschen an sich und den Fortschritt im Allgemeinen ausreden, wenn er sich mir zuwendete. Aber er hört nicht her. Wenn er mit uns spricht, redet er nur mit sich selbst. Er hört sich selber zu, habe ich herausgefunden. Was ich antworte, ist ihm gleichgültig, da denkt er schon seinen nächsten Gedanken.“
„Unsere jungen Männer, immer sind sie unterwegs, im Kopf und mit den Füßen. Mein Neffe Lubo sammelt jetzt Unterschriften für den Verein der Freunde der Sowjetunion. Was soll das werden, frage ich ihn, die Kommunisten kennen keinen Gott, die kennen nur die Zukunft, das ist ihr Gott; den wollen sie für sich allein haben. Die Volksfront ist nur dazu da, dass sie euch nicht alle umbringen müssen, sondern ein paar von euch bekehren können; so habe ich mit ihm geredet, und er hält mich für alt und verstockt.“
Der Mutter Finger gleiten über die Stoffe, die Nägel kratzen einen das Ohr quälenden Ton. „Unser junger Freund Matija und Ihr Lubomir veranstalten eine zornige Suche nach sozialer Gerechtigkeit, dabei haben sie immerhin Gott im Sinn. Mischa hingegen, meiner Schwester einziger Sohn, studiert in Belgrad, und wir wissen nicht, wohin es ihn treibt. Wir ahnen nur, dass er schon sehr weit von uns entfernt ist.“
„Wofür sollen sich denn die jungen Leute entscheiden?“, fragt Martha, „für Heimat-Volk-und-Gott? Das erklären ihnen die Alten. Aber sie sagen nicht dazu, was genau die Heimat ist: Jugoslawien? Das Königreich? Die Krain? Oder gar ein arisches Großreich? Sie, Gnädige Frau, haben deutsche Vorfahren.“
Die Mutter hört auf zu kratzen, „vier Söhne habe ich, und viermal hoffe ich inständig, dass sie nicht zu den Waffen greifen und einrücken müssen. Lieber nehme ich sie und fliehe mit ihnen und diesem Flitterzeug bis ans Ende des Kontinents.“
„Lubomir sagt, dass alle Länder in Bündnissen gefangen sind, ganz gleich, wohin wir uns bewegen. Selbst Stalin und Hitler stehen in einem Pakt.“ Sie seufzt so laut, dass es wie ein Käuzchenschrei klingt. „Hier im Amtshaus kommen viele Nachrichten zusammen, und Ihr Mann wird die passenden Entscheidungen sicher herausfinden. Was abwehrbar ist, werden die Männer abwehren.“ Jetzt seufzt auch die Mutter: „Mein Mann wird an der Pfeife saugen und in die Ferne schauen. Er wird nachdenken, aber das Nachdenken wird nicht in Taten aufgehen, sondern in Geduld.“
Fedja hielt mit beiden Händen die Lehne, als wollte er im richtigen Moment den Sessel wegziehen, dass der Muttervogel sich erheben und fortfliegen könne. Die Mutter saß aufrecht am großen Esstisch und sah dem Vater beim Essen zu. Er isst bedächtig, greift langsam nach dem Weinglas, während draußen Karren quietschen und Stimmen hallen; die Ruhe des Abends ist heute nicht gekommen, selbst der Wind macht Lärm. Nur der Vater kaut lautlos und lange, schneidet vorsichtig sein Fleisch und schweigt. Die Mutter lässt ihre Alltagsworte aufsteigen: Kleidersammlung, Kirchenputz, Stickerei-für-den-Basar, das undichte Dach im Hof. Die Mitteilungen flattern, der Vater sieht ihnen nicht nach, blickt inwendig, hustet Zeit aus, greift nach der Pfeife, das Anzünden wird dauern, wir kennen das Zeitmaß, nach drei Rauchstößen wird er wieder husten. Der Mutter Hand liegt wartend neben dem Teller, die zarten Muskeln kraftvoll angespannt. Wer kann einen hustenden, wer einen nach innen blickenden Mann stören? Noch während der Vater den Pfeifentabak mit einem Silberstempel festdrückt, sagt er:
„Der Šiška, mein Kollege, schlägt vor, dass wir die deutschen Ansuchen hinhaltend behandeln.“
„Und, wirst du es tun?“
„Nein, ich habe wieder zwei Bitten auf Zulassung von Gewerbebetrieben günstig entschieden.“
Das wird man ihm als voreilige Kollaboration, als Deutschenfreundlichkeit auslegen, wegen der deutschen Eltern der Frau, meint die Mutter. Aber der Vater nennt sie brave Leute, die nur eine Gastwirtschaft eröffnen wollen und alles einwandfrei umgebaut haben; kein Grund nirgends, die Genehmigung zu verweigern.
Doch der Šiška-Stellvertreter glaubt, dass gerade jetzt die Deutschen spüren sollen, dass sie hier nicht willkommen sind. Aber es trifft willkürlich harmlose Leute.
So sieht es der Vater – und woher will er das wissen? denkt die Mutter. Vielleicht spielen sie nur die Braven und sind Mitglieder im Deutschen Kulturbund, und die Gastwirtschaft wird zum Versammlungslokal, zum Beobachtungsposten gegen Slowenen. Der Vater hält die Flamme eines Streichholzes gegen den Tabak, er zieht hastig den Atem ein, lässt die Flamme springen, stößt Rauch aus, behütet die Pfeife in der hohlen Hand. „Ich muss Gerechtigkeit jeden Tag und gegenüber jedem gleich ausüben.“
Die Mutter blickt aufwärts gegen den Himmel, mit ihren geschwungenen Augenbrauen und dunklen, feuchten Augen sieht sie der Mutter Gottes ähnlich, zu deren Bild sie täglich betet. „Die Deutschen breiten sich aus, nach allen Seiten. Familien ziehen nach Maribor und besiedeln die schönsten Häuser. Männer schauen sich um. Betrachten wertschätzend die Straßen. Starren uns an. Wenn ich so einem strammen, blonden Herrn in Zivil begegne, sehe ich auf Schultern und Brust schon die Uniform. Alle diese kleinen unscheinbaren Beobachtungen vereinigen sich zu einem großen Rauschen, das unablässig seinem Höhepunkt entgegen schwillt. Ihr wollt nichts hören und sehen. Ihr hüllt Euch in Eure Herren-Meinung, dass unsere Heimat im Windschatten der Geschichte bleiben würde. Ihr glaubt, dass nichts Schlimmes geschehen kann, weil ihr es euch nicht ausdenken könnt. Aber ich sehe schon den Tag, finster und dröhnend, wenn eine völlig andere Welt über uns kommt.“ Der Mutter Hände heben sich hinter ihren Gedanken her, und Fedja hält die Sessellehne fest zwischen seinen Kinderfäusten, die zwei sollen weiterreden, dass er hört, wohin die Zeit sich wendet. In Frankreich und Dänemark herrscht wieder Frieden, in Holland verdient man an den Deutschen sogar Geld. Und womit bezahlt man die holländischen Kaufleute? Waren die Deutschen nicht vor kurzem eine besiegte Nation, mit wertlosen Banknoten? Sind sie nicht mit Schubkarren voller Scheine Brot kaufen gefahren? Und jetzt? Warum bewundern sie plötzlich alle? Der Vater pafft die Pfeife, ohne die Mutter anzusehen.
„Mein Misstrauen bleibt, weil ich sehe, wie sie ihre Waffen und Fahnen tragen, wie sie in den Wirtshäusern sitzen, Slowenen und Juden unerwünscht. Ich habe mich, wie meine Schwaben-Eltern schon, für dieses Land entschieden. Ich wohne mit dir unter Slowenen. Ich will nicht erleben, wie sie euch – uns – ansehen werden und abwägen: germanisierbar, brauchbar, minderwertig. Ich ahne vieles und verstehe manches, obwohl ich fast immer zu Hause bin. Die Stimmen dringen von überall zu mir vor.“ Er starrt sie an, das Pfeifenmundstück schwebt vor seinem Kinn. Der Mutter-Madonna-Augen kreisen, stehen Richtung Fenster still, vielleicht hört sie die Reden des polnischen Dienstmädchens, das von seiner Heimat erzählt, wo sie Leute deportieren, in Zügen und Lastwagen, eine große Schar – jeden Tag. Wären wir arisch und germanisch, die Mutter eine Frau aus der Herrenrasse? (Im Lampenlicht hat ihr hellbraunes Haar einen goldenen Schimmer). Aber des Vaters Wollhaar ist auch im Lichtstrom pechschwarz, und wegen seiner Augen könnte man ihn für einen Tataren halten, sagt die Mutter oft.
„Sag mir doch: Womit bezahlen die Deutschen ihren Feldzug? Dein Freund Franc behauptet, mit dem Gold aus der Nationalbank des Protektorats Böhmen und Mähren. Mein Fleischer sagt, es geschieht mit jüdischem Geld.“
„Vielleicht borgen sie es sich nur bei der tschechischen Nationalbank“, stellt der Vater fest. Sie senkt die Stimme.
„In der Steiermark deportieren sie jüdische Familien in den Osten, siedeln sie aus, in die Steppe, zur Zwangsarbeit, wer weiß. Wer kann, flieht. Hilfst du nicht selbst mit? Bist du nicht auch eine Station in ihrer Fluchtkette?“ Er nimmt die Pfeife aus dem Mund:
„Davon solltest du nichts wissen“, sagt er stotternd. „Es gibt Dinge, die ihr zu eurem Schutz nicht erfahren sollt.“
„Schutz!“ Die Mutter-Stimme schrillt. „Das ist es ja – ich bin unendlich verletzbar! Ich habe vier Söhne, denen man vieles antun kann: sie verschleppen, in Arbeitsdienst zwingen, verbannen, einsperren, schlagen, in den Krieg nötigen, oh! Und ich habe einen Mann im Beamten-Dienst eines Staates, der schwach ist, wie ein junger Baum – jeder kann Hand an ihn legen.“
„Matilda!“ Der Vater legt die Pfeife langsam sich vorbeugend in eine Glasschale. Er spreizt die Hände auf der Tischplatte, als würde sie unter seinen Fingern beben, als müsste er sie stillhalten, und er sieht sich dabei um, als kämen von allen Seiten Nachrichten, von der Anrichte, den rotsamtenen Vorhängen, vom Empiretischchen und den feingeschliffenen Kugellampen, hier im Amtshaus in seiner Pracht. Über der Tischplatte treffen die unsichtbaren Fäden ferner Mächte zusammen und verwirren sich zu geheimen Botschaften, die der Vater studieren muss – bis er die eine entscheidende Kunde aus dem Knäuel der Vorstellungen zieht. Von wessen Seite wird sie stammen? Von wo kommt das Glück? Wir wissen es nicht, aber der Vater muss es von Amtswegen erkennen.
Im gemeinsamen Zimmer studiert Milovan sein Aquarell, hielt den Pinsel in die Luft, zum Tupfen bereit. Fedja beschließt, seine Sachen zu besuchen, in den Schubladen der Wäschekommode, im Holzbauch des Nachtkastens; wie die Mutter will er sichten, auswählen. Die Sachen schauen zurück: die Farbstifte, die Schreibhefte strömen den Duft von frischem Holz aus und von Tinte. Die Spielsachen leuchten. Sie würden sperrig und schwer, trügen wir sie fort; weich liegen zwei alte Pullover und wollen zusammenbleiben, Socken knäueln sich treulich zu Schal und Mütze. Der Kinderrucksack öffnet gierig das Maul, bekommt aber nur Buch, Papier, Bindfaden und Bleistifte zu fressen.
„Milo, was wirst du einpacken, wenn du nur das Allerwichtigste mitnehmen darfst, was würdest du zurücklassen?“
„Alles“, murmelt er und setzt einen Strich.
„Nein, ich meine, was ist dir das Allerliebste, sodass du es mitnimmst?“
„Die Mutter.“
„Im Ernst, was würdest du forttragen, Bücher, Farben, Schlafsack?“
„Ich würde die Mutter huckepack forttragen. Und lass mich jetzt in Ruhe mit deinen Kinderspielen.“ Seine Stimme klingt hart und dunkel.
In der Schule schäumen die Stimmen, stiegen in die hohe Mitte des Stiegenhauses bis unter die Decke – von wo aus laute Rufe, schrille Schreie herunterhallen, sich über das Rauschen setzen und in die Gänge rasen, dort auf ein Klopfen und Klappern treffen, auf das Schrappen vieler Schritte. Die Mützen, sonst in regelmäßigen Reihen an den Wandhaken, hüpfen über das Treppengeländer, die weißen Papiere der Kundmachungen schweben zu Fliegern gefaltet über die Geländer herab. Taschen, schwer und lästig, schwingen, fliegen, rollen in dunkle Ecken und warten dort. Kein Lehrer ist bei uns. Der Schall der Stimmen verstetigt sich zu einem dumpfen Chor, die spitzen Schreie werden selten. Viele setzen sich auf die Stufen, spielen mit Gegenständen, die bei ihnen geblieben sind, schieben sie hin und her. Wir am Geländer des Stiegenarmes zum dritten Stock sehen den Direktor als erste, wie er sich über die Brüstung in der Stiegenkrone beugt und den Mund bewegt, noch sind die Worte kein Solo-Klang über einem Schwall aus vielen Klängen, aber immer mehr Augen sehen zu ihm hinauf, immer mehr Münder schließen sich.
Wegen außerordentlicher Ereignisse … Volk … Vaterland … die Schule geschlossen. Über die nächsten Worte rauscht ein Schreien und Scharren. Schnell hinuntergehen, sich überall durchwinden, früh auf der Straße sein, in wildere, weit tönende Rufe eintauchen, es wird seltsame Worte geben und Stimmen, wir werden alle in seidenblauer Luft strömen und uns in eine Richtung bündeln, horchen, erraten, einander zuflüstern, wiederholen; die Neuigkeiten werden zwischen uns sein wie neugeborene Tiere, die mit uns laufen und ständig mehr werden. Zittern werden wir und rennen, und irgendetwas Wunderbares sehen, irgendwo in der Ferne, die nicht mehr Maribor ist, das kleine vertraute Maribor bleibt mit ratlosen Fensteraugen auf dem Uferabhang hocken.
Der Bruder Alvin zupft an meinem Ärmel, „habt ihr auch schulfrei?“
„Ja schulfrei! Demonstrationen sind!“ – „Wo, wo, wo?“ – „Das Königreich ist irgendwo beigetreten und soll aber nicht oder woanders … wir sind zornig!“ Von allen Seiten kommen wir aus den steilen Gassen, werden immer mehr, gehen und schnaufen und reden.
Sind wir eine Demonstration? Ein junger Bursche, eine Zigarette zwischen den Fingern, schwenkt zu uns herüber: Demonstration! dort drüben. Er blickt zum Horizont, wirft die Zigarette weg und tritt sie kräftig aus. Ein noch Jüngerer, die Kappe schief auf dem Hinterkopf, schaut her und kennt uns schon wie ein Freund. Heute Nachmittag, im Stadion! ruft einer, vorbereiten, flüstert ein anderer, Sprechchöre dichten, rät ein dritter, Schilder und Tafeln malen, und so, sagt der neben uns. Parolen brauchen wir, näht Fahnen! Schreit es in unser Ohr. Wer? Wer? Und von links her ruft einer, Wer weiß wer! jeder von uns!
Alvin hat Angst, dass wir Hunger bekommen, will vorher nach Hause gehen und Brote holen, also wir bergauf gegen den Menschenstrom. Zum Amtshaus. Vielleicht erfahren wir dort mehr.
Schon auf der hinteren Stiege hörten wir das Klangwirrwarr aus der Dienstwohnung, Besucherstimmen tief und hoch und Milovans Tenor lauter und näher. Milovan und die Mutter standen im Vorzimmer, aus den Türen fielen die Lichtstreifen der besonnten Zimmer.
„Wozu müsst ihr euch jetzt im Stadion versammeln, in diesem gefährlichen, unentschiedenen Moment!“, sagt die Mutter mit dem Oberton ihrer Nervosität, „mit deinen fünfzehn Jahren bist auch du noch ein Kind, Milovan.“
„Die jugoslawische Regierung hat uns Slowenen den Achsenmächten zugeteilt, gegen unseren politischen Willen.“ Die Mutter-Stimme wird heftiger: „Du hast gar keinen politischen Willen, weil du den Sinn dieser Dinge noch nicht durchschauen kannst.“
„Die Regierung in Belgrad behauptet, sie wolle durch das Bündnis mit Deutschland die deutsche Machtübernahme verhindern“, seine Stimme klingt höher, kindlicher, je mehr sich der Bruder aufregt, „aber der Pakt mit den Deutschen ist Schwäche! Sie haben diesem Hitler nachgegeben, diese Popanze, die unsere Regierung sind. Aber wir Slowenen lassen uns nicht von denen in Belgrad gängeln.“ Der Mutter-Stimme hebt Silben dazwischen, aber die seine schwingt noch lauter: „Was heißt Treue zum Königreich! Wir machen nicht mit! Das Volk steht auf, wir Jungen sammeln uns …“
„Ohne dich!“, schneidet der Mutterruf dazwischen, „du gehst dort nicht hin, Milovan!“
„Aber Bo geht hin, ich weiß es – und warum nicht auch ich? Und der Vater? Sie reden da drinnen. Vielleicht gehen wir alle!“
„Du nicht!“, sagte sie hart, „weil du mein Liebling bist: du nicht. Du bleibst hier bei mir und stehst mir bei.“
„Der Vater …“, doch die Mutter hört nicht mehr zu, ihr Blick gleitet ab zur Salontür, die jetzt offensteht, durch die der Amtsbruder Šiška herauskommt und Pater Paul, der Vater folgt, seine Tatarenaugen weit geöffnet. Die Augenlider der Mutter färben sich zartrosa, als hätte sie schon geweint. Er sieht die Mutter an, ihre Blicke gehen hin und her, uns Kinder sehen sie nicht.
In der Abendsonne stand Alvin auf dem Dach der Remise, eine Latte in der Faust und drehte sich nach Osten und nach Westen, der Wetterhahn, macht die Dachfigur, will etwas sehen, der Kikiriki, aber die Revolution spielt nicht zu seinen Füßen, die hat eine andere Bühne. Von ferne hört er wohl den Chor der Stimmen und die flimmernde Aufregung, das macht ihn wütend, den Einsamen auf dem Dach, er schlägt mit der Latte dahin und dorthin – das Trommeln ist für uns, für Milovan, der im Bett liegt, die Weltgeschichte abgeschaltet hat und lesend durch eine andere Erzählung geistert, für Fedja, der gelassen in den Nischen des Hauses nach Geschichte sucht … Alvin tobt stellvertretend für uns. Und hinter den Türen des Amtshauses horchen die alten Männer für uns auf die Stimmen … die wellen immer leiser von uns fort, jetzt am Abend.
In der Nacht drehte Fedja eine einsame Runde: die Hintertür war versperrt, die Vordertüre verhängt und verschlossen, die Schlüssel, weiß er, liegen auf der Truhe neben dem Schlafzimmer der Eltern. Was würde er draußen in der Nacht erfahren, wenn sich die Vorsichtigen weggesperrt haben und nur die Starken und Bösen unterwegs sind … Wenn ich die Schlüssel in Öl tauche, im Schloss lautlos drehe und die hintere Türe öffne?
Im Türspalt des Schlafzimmers ist Licht; der Vater kniet auf dem Boden, die Hände zum Gebet auf die Bettkante gestützt; wie er sich erhebt, wallt ein Schluchzen auf, die Stimme der Mutter kippt, bevor sie ihren Ton gefunden hat: „Unser Großer! Bo will zum Militär! Ich weiß nicht, wo er ist, vielleicht schon unterwegs nach Belgrad, er hat sich nicht verabschiedet, sich meinen Segen nicht geholt.“ Der Vater setzt sich auf das Bett, stützt die Ellenbogen auf die Knie, die Hände halten den Kopf.
„Die Armee rettet unseren Stolz, du wirst sehen“, murmelt er beruhigend zu seinen Knien. „Alles was wichtig ist, wird die Armee beschützen – die Kirche, den Staat, das Königtum. Bo tut recht daran, sich zum Militär zu melden. Du kannst in solcher Zeit deine Söhne nicht heraushalten.“ Des Vaters Finger sind vor das Gesicht gekommen und reiben jetzt die Augendeckel. Die Stimme der Mutter hinter der Türe flirrt:
„Ich will nicht, dass meine Kinder das Töten lernen, ich will es nicht. Alle um uns herum denken nur noch an Krieg. Ich höre diese Worte immerzu. Es ist eure erste und schnelle und letzte Antwort: die Armee. Als ob der große Krieg noch immer herrsche, als der Vater der Gedanken. Keine andere Sprache, keine neuen Sätze fallen euch ein, als ob nur gewaltsame Auswege offenblieben.“
Er hebt das Gesicht, schaut mit roten Augen auf die Wand, senkt den Kopf.
„Auch die Lehrer in der Schule!“, fährt die Mutter-Stimme fort, damit das Schweigen sich nicht setzen kann. „In jüngster Zeit haben sie immer mehr vom Krieg geredet, von Angriffen und Siegen erzählt und Waffen erklärt. Der Turnlehrer von Alvin, höre ich, hat den Gymnastikunterricht abgesetzt und das Hantieren mit dem Gewehr üben lassen; mit Holzattrappen! Töten als Sport mit guten Noten! Und heute haben die Kinder schulfrei, dass sie am Kriegsauflauf mitwirken können. Ich aber will nicht, dass meine Söhne auf andere Söhne schießen!“ Die Vater-Hände geben die Augen frei, die schmalen Augenschlitze sind gespreizt, wie bei einem Clown-traurig.
„Ich wollte dich schonen. Aber es sei denn.“ Des Vaters Worte klingeln zart. „Bo ging ohne es uns zu sagen, bei den Demonstrationen mit. Er ließ sich dazu hinreißen, mit Matija in vorderer Reihe zu marschieren. Er wurde verhaftet. Man brachte ihn hierher ins Amtshaus. In meine Dienststelle. Man hat ihn hier verhört, ein Stockwerk unter meinem Amtszimmer, ohne dass ich es wusste. Der Amtswart kam zu mir ins Vorzimmer und ließ es mir ausrichten.“ Hinter der Tür bleibt es still. Vater Leopold blickt zur Zimmerdecke, wo der Himmel wartet.
„Es ist ja für die richtige Sache geschehen, für die Ehre unseres Landes. Aber musste es in so unbotmäßiger Weise vor sich gehen? Jedenfalls wurde er frei gelassen und ist danach mit Matija zum Bahnhof gegangen. Er ließ mir ausrichten, er nehme den Nachtzug. Er schämte sich wohl, mit uns zu sprechen. Darum wollte auch ich nicht mit dir darüber reden. Schau nicht auf die Uhr, Matilda, es ist zu spät. Vor einer Stunde schon ist der Zug abgefahren. Sei froh, dass dir der Abschied erspart blieb und dankbar, dass unser Ältester in ordentliche Hände kommt.“
„Und unsere jüngeren Söhne? Es kommt große Unruhe auf, spüre ich. Es gibt Verabredungen, höre ich. Wie lange kann ich die Kinder zurückhalten? Wenn morgen wieder alle auf den Beinen sind, werden sie mit oder ohne mein Wissen hinausgehen und mit den Massen marschieren. Ich will aufs Land fahren, Leopold, sofort und nicht erst zu den Feiertagen. Am Land wird es besser sein, dort gibt es nicht so viele Nachrichten, die Erschütterungen sind geringer. Und wenn die Deutschen kommen, dann zuerst in die Städte; auf dem Land kann ich die Söhne besser verstecken.“
„Dieses unheilige Bündnis mit den Deutschen soll sie ja gerade aus dem Land heraushalten, Matilda. Das ist der Preis.“ Er schlägt in großem Bogen die Tagesdecke zurück und steigt ins Bett.
„Ich will nach Lemberg zu meiner Schwester, Leopold.“
„Nun gut. Die Schule ist geschlossen. Fahr du nur, mit den Kindern, zum Trost und zur Beruhigung, ich besorge einen Wagen. Jetzt aber gute Nacht!“
In der Küche tickt die Uhr, in der Brotlade duftet das Brot. Die Mutter wird lange wach liegen, jedes Geräusch im Haus hören, das Quietschen der Lade, das Klirren des Marmeladentopfes, das Klappern des Messers. Draußen vor der Hintertür schieben sich die geheimen Kräfte zusammen, bäumen sich Rätsel auf, und Ungeheuer ziehen fort in die Nacht. Fedja kann ihnen nicht folgen. Aber er wird reisen …
April 1941, Lemberg
Reisen, reisen … zur Tante nach Lemberg, wo sich die vergangene Zeit noch aufhielt. Der Gebirgskamm schwebt im graugrünen Dunst hinter dem Taleinschnitt, die Vogelstimmen lärmen auf den Hängen, hinter der Straßenbiegung ist alles vertraut wie immer, die Häuser, die Menschen auf den Feldern, der Geruch der Erde. Im Bauernhaus der Tante Ana toben die Düfte durch das Vorhaus, trifft der Selchhauch die Kindernase, die gleich darauf von Krapfenfettschwaden gereizt wird, bis von der Holzstiege, von den Vorratsstangen, der Brotduft herabschwebt und an die Verstecke auf dem Dachboden erinnert, zwischen Marmeladengläsern, alten Kommoden und vergessenen Geräten. Auf dem großen Tisch in der Stube entlässt die blaubauchige Schwungschnabelkanne ihren Kaffeeduft, die Streckschnabel-bewehrte hält Milch bereit. Die Krapfen stapeln sich auf zwei Tellern voller Zuckerstaub – jetzt schnell zwei greifen, die Augen der Frauen blicken anderwärts. Mischa, flüstern die Stimmen, Mischa, so begabt, so frei, die Sätze verwinden sich zu einem Murmeln und Seufzen. Also hinauf auf den Boden. Der Bauernschrank, der mit den Rosenaugen, öffnet seine Tür knarrend, in seiner Rückwand ist ein Rechteck ausgesägt, dahinter blinken die Himmelsritzen der Dachziegel. Der schmale Durchstieg entlässt den Kletterer in den Dreiecksraum von Dach, Boden und Holzwand. Im Lichtstrahl einer breiten Ritze sieht es Fedja sofort: Der Dachraum ist leer. Keine Bücher. Keine Spur von Mischa. Nur Bretter und Sand. In der Trockenscheune jenseits des Hofes hängen die Kukuruzkolben in gleichmäßigen Reihen an den Stangen der Außenwand, goldgelb und kostbar. Der Holzstapel in der hinteren Ecke liegt dicht gefügt – keine lockeren oder quergerutschten Hölzer, die eine Höhlung, eine Lagerstätte für Geheimnisse anzeigt. Über den Bach hinüber hangwärts; am Wegsaum rascheln Feuersalamander, die vor den Tritten fliehen; oberhalb der steilen Schräge streckt sich der Pfad und windet sich um einen alten Dirndlbusch, der in seiner schattigen Mulde aus sich gabelnden Stämmen und zerfallenden Rindenstücken keine Bank mehr beherbergt, keinen Sitz; das Brett liegt morsch und aufgerissen unter den überhängenden Zweigen waldwärts.
Im Haus führt eine breite Holzstiege zu den Gesindekammern hinauf. Die Tür rechts ist angelehnt, im offenen Spalt bewegt sich Mischas breiter Rücken. Auf dem Bett liegen Bücher in flachen Haufen, auf der Kommode, auf den beiden Holzsesseln ragen schräggeschichtete Büchertürme, kleine fette Stapel auf dem Tisch und vor dem Bett auf dem Boden. Mischa stopft einen Sack.
„Meine Bücher werden umgesiedelt“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Ich habe es bemerkt, alle Verstecke sind leer.“
„Meine Bücher kommen endgültig ins Exil.“
„Warum?“
„Aus Mitleid mit meinen Eltern, wenn die sehen, dass ich die Schriften der Genossen Marx und Stalin lese, und, schlimmer noch, die von Bakunin und Trotzki, und, höchst grauenvoll, die des Genossen Kardelj …“
„Wer ist Kardelj?“
„Der beste junge Denker, den die Volksfront hat.“
„Ein Kommunist?“
„Natürlich. Klarheit herrscht nur auf der kommunistischen Seite, das andere Lager ist verworren und verlogen.“
„Das andere sind doch wir?“
„Dein Vater, deine Brüder …“, brummt Mischa, „und meine Eltern … ich nicht mehr, ich gehöre nicht mehr dazu.“
„Seit wann denn?“
„Schon länger.“
„Aha. Belgrad. Das Gymnasium hat dich verdreht, die Leute dort – glauben zumindest Tante und Mutter.“
„Im Gegenteil, das Fort-von-zu-Hause hat mir geradewegs die Augen aufgemacht, man sieht Horizonte.“
„Und deshalb packst du die Bücher ein?“
„Die Bücher? Sie fliehen vor meiner Familie. Damit sie sich nicht der Vernichtung aussetzen.“
„Wieso?“
