Feedback - Philipp Knauss - E-Book

Feedback E-Book

Philipp Knauss

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Beschreibung

Vier Männer – zwei Autoren, ein Agent, ein Verleger – schließen einen schmutzigen Deal. Doch es läuft nicht nach Plan, denn da sind die Frauen. Philipp Knauss erzählt in FEEDBACK die Geschichte des erfolglosen Autors Alexander Schott, dessen Leben zwischen künstlerischer Krise, Liebe, Verrat und einem fatalen Mordfall zerbricht. "Feedback" spielt virtuos mit Ebenen: gelebte Wirklichkeit, Roman im Roman, literarische Maskenspiele. Ein Erfolgsbuch erscheint unter falschem Namen, Intrigen bestimmen den Kulturbetrieb, während Macht, Gewalt und Begehrlichkeiten untrennbar ineinandergreifen. Am Ende steht Alexander vor den Scherben seines Lebens – und die Leser:innen vor der Frage: Was ist Wahrheit, was Fiktion? Der Roman ist zugleich ein literarischer Thriller über Abhängigkeiten und die Grauzonen des Literaturbetriebs. Zwischen autofiktionalen Elementen, ironischen Brechungen und einer klaren Filmsprache entsteht ein radikales Porträt der Gegenwart – lakonisch, schonungslos, provozierend.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2026

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EUROPAVERLAG

1. eBook-Ausgabe 2026

1. Auflage 2026

© 2026 Europa Verlag, in der Europa Verlage GmbH, München

Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich unter Verwendung von Motiven von Shutterstock

Lektorat: Silwen Randebrock

Layout und Satz: Margarita Maiseyeva

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-675-4

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Ansprechpartner für Produktsicherheit

Europa Verlage GmbH

Monika Roleff

Johannisplatz 15, 81667 München

Tel.: +49 (0)89 18 94 733-0

E-Mail: [email protected]

www.europa-verlag.com

INHALT

TEIL 1

1

2

3

4

5

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7

8

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11

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TEIL 2

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TEIL 3

1

2

3

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Dank

Für Claudia

»Wir finden in Büchern immer nur uns selbst.«

THOMAS MANN

Ich weiß nicht, was eine gute Geschichte ist. Bücher oder Filme, in denen irgendwas Erfundenes erzählt wird, das hat mich nie interessiert. Das Leben, vor allem die Dinge, mit denen ich mich befasst habe, das ist alles viel interessanter, sag ich Ihnen. Ich werde ja oft gefragt, ob ich bei der Arbeit selbst in Gefahr geraten bin. Musstest du mal auf einen Menschen schießen? Solche Sachen halt. Das fragen meist die Freunde meiner Enkel. Manchmal auch deren Eltern. Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig normale Menschen von unserer Arbeit wissen.

Früher wollte ich immer im Bereich Organisierte Kriminalität – OK – arbeiten. Und das habe ich auch getan. Viele Jahre lang. Das ist so was wie die Champions League für Polizisten. Echte Verbrecher. Aber gerade dort ist die Arbeit ganz viel langweilige Mühsal. Akten anlegen, Berichte schreiben, Akten wälzen, Akten suchen, dann wieder Akten wälzen. Und ganz viel Menschen, Autos, Häuser beobachten, Gespräche abhören, warten, warten, warten. Was man beobachtet und angehört hat, kommt in die Akten. In Filmen und Büchern gibt es zwei falsche Fährten, in der wirklichen Welt sind es 50. Wobei falsche Fährte schon viel zu spannend klingt. Ballast, Müll, schlicht unnütze und unbrauchbare Daten, das trifft es eher.

Und man arbeitet ja nicht an einem Fall, schließt den ab, macht Urlaub, und dann kommt der nächste Fall auf den Tisch, pünktlich am Montagmorgen. Man arbeitet gleichzeitig an zig Fällen in verschiedenen Stadien.

Wenn wir aber irgendwann tatsächlich eingreifen und die Leute verhaften, das ist schon immer wieder besonders. Nicht weil man etwas erreicht und abschließt. Nicht wegen des Erfolgs. Sondern weil man hautnah dabei ist, wenn sich im Leben von anderen Menschen Bahnbrechendes ereignet.

Manchmal glaubt man, diese Menschen gut zu kennen. Man hat das Gefühl, alles über sie zu wissen. Man kennt ihre Umtriebe, ihr Umfeld, ihre Vorlieben, ihren Tagesablauf, ihre Freunde und Familie. Man weiß, ob sie lieber morgens oder abends scheißen gehen, ob sie Kaffee mit oder ohne Milch trinken und ob sie ihre Frau betrügen. Man weiß, ob sie intelligent sind, vorsichtig oder dummdreist. Ob man will oder nicht, man hat eine Art Beziehung zu ihnen.

Kriminelle Energie ist eine Form von Freiheitsdrang. Wir reden hier natürlich ausschließlich über Männer – die in den seltensten Fällen übrigens Deutsche sind, aber lassen wir das. Gerade waren diese Männer also noch die Herren des Geschehens, mit allerhand Aussicht auf eine Zukunft voller Verheißungen, dann schnappen wir zu. Dann fällt das alles in sich zusammen. Dann sind sie unfrei und komplett abhängig von dem Geschwätz von Anwälten, Staatsanwälten und Richtern. Schlipstragende Wichte, die sie immer verachtet haben und es jetzt umso mehr tun. Solche Momente! Was da in den Gesichtern dieser rationalen, kühlen Menschen passiert. Das ist schon interessant.

Doch ich wollte nach einer Weile zurück in die Mordkommission. Die Kollegen hielten mich für verrückt. Aber dort habe ich manchmal noch mit echten Menschen zu tun, für die all die Grenzüberschreitungen noch etwas bedeuten. Mit Menschen, die – vielleicht auch durch die vielen verrückten Gedanken in ihren verrückten Köpfen – zu den abartigsten Dingen fähig sind. Ich glaube, diese Abgründigkeit in den Seelen echter Menschen, das war es, was ich dort suchte.

Gerade hatte ich einen Fall, da ging es um einen jungen Autor, der seine Freundin umgebracht hatte. Er war schuldig, gar keine Frage. Doch Totschlag oder Mord, das war zunächst unklar.

TEIL 1

1

Alexander Schott schob sich durch das Gedränge. Er hatte für sich ein Bier ergattert und für Elise irgend so ein Ding mit Strohhalm. Im Gegensatz zu ihm fühlte sie sich gar nicht wie ein Fremdkörper zwischen all den plappernden Partygästen. Hier waren lauter enorm erfolgreiche Menschen. Autoren, Agenten, Verleger, Produzenten, Regisseure, Schauspieler. In dem Getümmel gab es ein paar verdammt gut aussehende Frauen, die sich in Trauben um irgendeinen Kerl scharten und in regelmäßigen Abständen wie auf Kommando loslachten. Meist wusste Alex nicht, wer das gerade war, der Kerl in der Mitte. Es war ein echtes Defizit, ein Manko. Er war sich darüber im Klaren, und es war ihm nicht etwa egal, er hatte nur keine Antennen für Macht und kein gutes Gedächtnis für Namen und Gesichter. Und keinen Fernseher.

Sah Elise jetzt einfach so gut und interessant aus, dass sie in dieser Welt der intellektuell angespitzten Oberflächenreize gar nicht auffiel? In dem gedämpften Licht konnte man nicht erkennen, dass ihr Kleid einen Bruchteil von den schicken Fummeln gekostet hatte, in denen all die anderen Frauen hier steckten. Alex konnte es nicht sagen, nicht mit Bestimmtheit, sosehr er sich auch bemühte um einen objektiven Blick auf sie. Er war wirklich voll und ganz verliebt. Und das seit zwei Jahren.

Abgesehen von den garstigen Schabracken, die das Frausein schon lange gegen Macht und Erfolg eingetauscht hatten, sahen die Frauen hier gut aus. Keine Frage. Und zwischen all den hässlich hippen Männern mit sehr gepflegten, grauen Bärten gab es auch ein paar sehr gut aussehende Typen. Die das auch wussten. Bestimmt Schauspieler. Die interessierten ihn aber weniger. All diese schönen Frauen, so verliebt er auch war, waren potenzielle Gefährtinnen. Sex oder gar Liebe. Es war immerhin denkbar.

Alex»Faszinierend. So viel alternatives Leben.«

Tom»So viel was?«

Tom brüllte ihm die Frage ins Ohr. Das Stimmengewirr und die Musik waren laut, aber das Brüllen war übertrieben. Tom war angetüdelt und er war Alex’ Agent. Warum müssen Agenten immer Brüller sein, fragte Alex sich. Er zog demonstrativ den Kopf weg und blinzelte Tom schmerzerfüllt an.

Alex»Brüll nicht so! Ich meine all die Frauen. Stell dir vor, welches ganz und gar andere Leben du mit der zum Beispiel haben könntest. Sie ist vielleicht eine, die auf Abenteuer steht. Ich meine echte Abenteuer, draußen im Dschungel, auf einem Schiff, in der Wüste. Ein anderes Leben. Nicht dieser lahme Zivilisationsmist hier. Sie braucht nur einen kleinen Schubs. Oder die da drüben. Vielleicht ist sie reich und bereit für die totale sexuelle Abhängigkeit. Von dir, meine ich natürlich. Deine Nudel wird das Zentrum ihres Lebens.«

Tom»Wie in diesem alten japanischen Film. Das ging aber nicht gut aus für den Mann und seine Nudel.«

Alex»Jajaja. Oder die da drüben ist vielleicht klug. Physikerin. Man opfert sich auf für sie, kocht Kaffee und hütet Kinder, versteht nur drei Prozent von ihren Papers voller Formeln. Sie reist um die Welt und hält Vorträge, man trägt ihr die Koffer hinterher.«

Tom kniff die Augen zusammen und blickte durch das Getümmel zu der Frau, die vor allem damit beschäftigt war, ihrem Umfeld ein perfektes Gebiss zu präsentieren.

Tom»Alex, die Weiber, die hier passabel aussehen, das sind alles Schauspielerinnen. Denen trägst du vor allem ihre verkorkste Persönlichkeit hinterher. Als Fulltime-Job.«

Alex»Wie bist du nur so geworden?«

Tom»So cool?«

Alex»So fantasiebefreit.«

Tom murmelte.

Tom»Ich frage mich eher, wie genau ein Preis definiert sein muss, damit man es Prostitution nennen kann.«

Alex hielt ihm sein Ohr hin.

Alex»Wie bitte? So laut hier.«

Tom winkte nur ab. Er blickte auf die Getränke in Alex’ Händen.

Tom»Das ist für Elise, oder?«

Alex schaute durch den Raum zu ihr hinüber. Sie unterhielt sich mit drei Männern undefinierbaren Alters, deren Köpfe auf bleistiftigen Hälsen steckten. Die Hälse reckten aus Körpern hervor, denen man trotz der Kleidung, die sie umhüllte, ansehen konnte, dass sie abgesehen von Stoffwechsel zu rein gar nichts imstande waren. Die Körper waren gleichzeitig zu dick und zu dünn. Doch, so etwas gibt es. An den unförmigen Rümpfen hingen Ärmchen. An den Ärmchen hingen Händchen. Die härteste Arbeit, die je mit diesen Extremitäten verrichtet wurde, war aufgeregtes Gerubbel und Gereibe am eigenen Schniepel. Eines dieser Händchen berührte gerade Elises linken Arm. Alex spürte eine kleine, lustvolle Zorneswelle durch seinen Körper fahren. Er stellte sich Szenen in einem dunklen Park vor. Diese Wichte und böse Männer mit Fäusten und Messern spielten darin eine Rolle. Ein bisschen kindisch, aber schön.

Tom stupste Alex in die Seite.

Tom»Versau es nicht mit ihr. Die ist gut für dich.«

Alex»Du musst nicht auf mich aufpassen. Wirklich nicht. Ich habe dazugelernt, bin die Treue selbst.«

Tom»Alles klar. Zu den wichtigen Dingen. Da drüben steht der Mayerhofer.«

Alex»Wer ist das?«

Tom»Du machst mich wahnsinnig!«

Alex»Jaja, ich erinnere mich, der von … äh …«

Tom»Vom Baltus Verlag! Dem Verlag! Pass auf, der ist gut drauf, hat gerade den neuen Rubero ans TV verkauft.«

Alex»Den neuen was?«

Tom schaute Alex entgeistert an.

Tom»Du machst mich …!«

Tom atmete durch.

Tom»Also, er schuldet mir was. Gewissermaßen. Ich kann euch einander vorstellen, und du erzählst ihm, woran du gerade arbeitest.«

Alex»Okay. Los.«

Tom»Woran arbeitest du eigentlich gerade?«

Alex»Das weißt du nicht? Was bist du für ein Agent?«

Tom»Leck mich, ich bin dein Agent. Der Einzige, der zu dir hält, vergiss das nicht.«

Alex»Ich gebe das schnell Elise, die braucht Alkohol. Dann erzähl ich dir von meinem Stoff. Das wird ein Roman.«

Tom»Oh, ein Roman?«

Alex»Ein Knaller, sag ich dir, ein Knaller.«

Tom»Ein Knaller, was sonst.«

Tom schüttelte den Kopf und kippte dann sein Glas runter. Alex ging mit kleinen Schritten hinüber zu Elise. Er hatte Mühe, nichts zu verschütten. Ihr Blick sagte: Rette mich!

Alex»Ich muss wieder zu Tom. Er findet ›Das Signal‹ super und will es dem Mayerhofer verkaufen.«

Elise»Wem?«, brüllte Elise.

Alex»Mayerhofer! Ich bitte dich!«

Alex zog wieder ab. Elise blickte ihm leidend nach, nahm den Strohhalm in den Mund und wand sich wieder den Jammergestalten zu. Sie würde es ihn büßen lassen, dachte sie sich. Später im Bett.

Alex»Es geht um einen Wissenschaftler, einen Neurologen. Er ist gar nicht so gut in seinem Job, aber das ist völlig egal, denn er arbeitet für einen anderen Wissenschaftler, der ist auch Neurologe, eine Koryphäe, und hat Krebs. Sie wollen – und jetzt halt dich fest – das Gehirn des toten Wissenschaftlers …«

Tom hob die Hand.

Tom»Da ist noch ein Wissenschaftler? Der tot ist? Auch ein Neurologe, vermute ich.«

Alex»Nein, das ist der erste.«

Alex verbesserte sich.

Alex»Nein, der zweite. Der hat Krebs! Hörst du nicht zu? Der stirbt irgendwann.«

Tom»Klar.«

Alex»Sie wollen sein Gehirn extrahieren und am Leben erhalten!« Alex wartete eine Reaktion ab.

Tom nickte.

Tom»Und?«

Alex»Es gelingt. Und sie wollen mit ihm reden. Mit ihm reden! Mit dem toten Neurologen! Das heißt, mit seinem Gehirn, das ohne Körper mit Drähten gespickt in einem Glaskasten voller Gelee liegt. Aber mit einem haben sie nicht gerechnet.« Alex blickte Tom mit großen Augen an.

Tom nickte genervt.

Tom»Sag schon.«

Alex»Das Signal.«

Tom winkte ab.

Tom»Alles klar. Wir reden ein anderes Mal mit dem Mayerhofer.«

Alex»Jetzt leck du mich.«

Tom»Alex, du bist von all meinen Autoren der Unprofitabelste. Aber – trotzdem – dennoch – und entgegen aller Vernunft – stehe ich hier mit dir rum. Du bist hier überhaupt nur reingekommen, weil ich dir … du weißt schon …«

Alex»Das ist dein verdammter Job!«

Tom hob gebieterisch den Finger.

Tom»Entgegen aller Vernunft und Wirtschaftlichkeit stehen wir hier beieinander, weil wir Freunde sind. Und warum sind wir das? Weil du ein Typ bist, der nicht einfach jeden Käse mitmacht. Weil du nicht für Geld vögelst. Ich hab das gleich gesehen, beim ersten Treffen. Liebe auf den ersten Blick, ja, jetzt ist es raus, lach nur. Aber du schreibst Geschichten für Heftchen. Nicht für Baltus. Ich meine, du kannst gut schreiben, dein Stil ist viel zu gut für irgendwelche Heftchen. Du bist ein echter Literat. Aber du schreibst von Sachen, da haben die Verleger und vor allem die Kritiker einfach keine Lust drauf. Und weißt du auch, warum?«

Alex»Nein, weiß ich nicht.«

Tom»Die haben keine Lust darauf, weil es ihnen aufzeigt, wie dröge und nichtig das meiste Zeug ist, womit sie sich tagein, tagaus rumplagen. Darum.«

Alex und Tom schauten sich an.

Alex»Okay. Das ist nett. Danke. Aber sag mir doch bitte, worauf die Lust haben.«

Tom»Schreib nicht, worüber du gelesen hast, schreib, wovon du wirklich Ahnung hast.«

Alex dämmerte es schon eine Weile, dass er nichts hatte. Keine Substanz. Keine Knetmasse, aus der er etwas formen konnte. Er hatte die Werkzeuge, das Wissen, die Fähigkeit, Großes zu schaffen. Aber die Werkzeuge in seinen Händen griffen ins Leere.

Alex ging zu Elise, packte ihren Arm und zog sie etwas zu grob heraus aus der auf fünf Exemplare angewachsenen Truppe der Schlappschwänze. Sie rieb sich den Arm und guckte ihn böse an. Er liebte diesen Blick. Elise wusste das und hörte sofort auf.

Später in ihrer kleinen Bude, in der die beiden seit fast zwei Jahren gemeinsam hausten, ließ sie alles geschehen, war hingebungsvoll und versaut. Elises Plan, es ihm heimzuzahlen, war vergessen. Der Alkohol wirkte auf beide in vollkommen identischer Weise, was Alex als eine der unumstößlichen Säulen ihrer ewige Glückseligkeit verheißenden Liebe ansah. Danach schlief Alex sofort ein und träumte einen seiner wilden Weltuntergangsträume.

2

Vormittag. Elise trug Bademantel. Mit Kaffeetasse und Buch in der Hand saß sie wie hingemalt an dem schmuddeligen Tisch in der winzigen Küche im Sonnenlicht, das – wenn überhaupt – nur für maximal sechs Minuten irgendwann zwischen halb elf und elf hineinschien.

Sie machte ein paar Notizen auf den Rand des Buches, dann legte sie den Stift an die Lippen.

Elise»Diese Party gestern. Steifes Rumstehen. Da lob ich mir jede Wohnheimparty. Warum wollen da so viele hin? Nur wegen Schampus und Häppchen? Ich habe den Eindruck, man findet das gut, nicht weil es gut ist, sondern weil man weiß, dass es auf völlig irrationale Weise begehrt ist. Draußen steht eine lange Schlange von Menschen, die auch gerne reinwollen. Ein knappes Gut. Eines, dessen einzige Qualität die Knappheit ist.« Elise machte sich wieder ein paar Notizen.

Alex mampfte Müsli und linste auf ihr Buch.

Alex»Schreibst du über so ein Zeug in deiner Hausarbeit? Ich dachte, bei BWL geht es um Zahlen. Da hättest du auch bei der Philosophie bleiben können. Ist das Buch nicht aus der Bib? Warum kritzelst du da drauf?«

Elise winkte energisch ab und machte ein Geräusch, als wolle sie eine Katze verscheuchen. Alex stellte die Müslischale auf den Tisch und dozierte mit vollem Mund.

Alex»Ist das nicht immer so mit Luxusgütern? Keine Funktion, außer knapp zu sein und damit dem Besitzer die Möglichkeit zu geben, jedem anderen zu zeigen, ich habe es trotzdem. Luxus eben.«

Elise»Ja, aber die Jacht kannst du auch wirklich fahren, den Diamantring kannst du tragen, er ist schön.«

Alex»Schätzchen, der Diamantring sieht genauso aus wie der Glasring. Ihr Weiber bekommt halt einen Ständer, wenn ihr wisst, dass so ein Ding an eurem Finger Tausende gekostet hat. Ihr seid irrationale Geschöpfe, verantwortlich für alles Übel auf dieser Welt.«

Elise»Du bist süß.«

Alex»Ruhe! Gestern ging es übrigens nicht um die Freuden des ausgelassenen Beisammenseins einer Gruppe von Homo sapiens. Es ging ums Geschäft. Alle wollten irgendwas von irgendwem. Der Alkohol ist nur ein bisschen Schmiere im Getriebe. Er soll die Reste von Hemmung und Skrupel davonschwemmen, nichts weiter. Die Party ist gut, wenn alle erreichen, was sie sich vorgenommen haben.«

Elise»Hast du was erreicht gestern?«

Alex grummelte vor sich hin.

Alex»Tom sagt, ich solle endlich über etwas schreiben, wovon ich Ahnung habe.«

Elise»Fieser Tiefschlag.«

Alex»Na ja.«

Elise»Aber du weißt doch so viel über Physik, über Biologie, über Psychologie. Du interessierst dich für so vieles. Du hast total gute Ideen. Ich lese alle deine Geschichten, sie sind spannend und voller Ideen. Warum sagt er so was?«

Alex»Ich glaube, er hat recht. Ich habe Ideen, aber keine Ahnung. Ohne eine Idee geht natürlich gar nichts, mit einer Idee geht alles los. Aber Ideen stehen auch in Büchern für Idioten. Die all diese Fließbandautoren lesen. Und gut finden. Die lesen aber mein Zeug nicht. Die wollen, dass die Guten Gutes tun und dass die Bösen Böses tun. Irgendwer Unbekanntes hat mit irgendwem ein Hühnchen zu rupfen und hat einen krassen Plan ausgeheckt, woran er seit 20 Jahren arbeitet. Meist geht es um Rache für Schmach aus der Kindheit. Albern. Am Anfang gibt es einen Toten. Und dann im Laufe der Geschichte noch ein paar weitere. Dabei ist es doch in guten Geschichten wie im wirklichen Leben!«

Elise»Was meinst du?«

Alex»Am Ende wird gestorben, da gibt es die Toten! Nicht am Anfang!«

Elise»Verstehe ich nicht.«

Alex»Macht nichts. In all diesen Geschichten, die mit Toten anfangen, kommt also irgendein armer Wicht von Kommissar mit Alkoholproblem und kriminalistischer Ausdauer daher und will rausfinden, wer welches Spiel spielt. Diese Leser wollen nicht die Schönheit des Zweifelns, sie wollen nicht die Klarheit, die in der Ambivalenz stecken kann. Stil und Glaubwürdigkeit sind denen wurscht. Das wollen wiederum all die Literaturtypen im Literaturbetrieb, die sich schlau, ernst und wichtig vorkommen. Ich bin zwischen allen Stühlen. Scheiße.«

Elise»Du hast noch nie etwas mit Mord und Totschlag geschrieben.«

Alex überlegte. Stimmt.

Elise»Das Buch mit dem krassen Plan und dem alkoholkranken Kommissar klingt interessant, das würde ich gern lesen.«

Elise grinste frech. Alex blickte sie streng an.

Elise»Schreib doch wie Fitzek, wir werden reich, ich krieg Kinder.«

Alex»Ich werde reich. Du bist dann eine, die ich mal kannte.«

Elise»Du, Schätzchen, bist mir verfallen.«

Sie beugte sich zu ihm hinüber, spitzbübisch lächelnd kam sie seinem Gesicht näher und näher. Alex schob sich schnell noch einen riesigen Löffel Getreidepampe in den Mund. Sein schnoddriger Kuss hinterließ Milch und Krümel auf ihrer Wange. Elise wischte sie ab und sank zufrieden auf ihren Stuhl.

Dann hörte sie ihn etwas sagen, das klang wie: Warum läuft eigentlich alles so unglaublich falsch in dieser Welt? Doch da war sie schon längst wieder bei ihrem Buch aus der Unibibliothek und der Frage nach knappen Gütern.

3

Nachmittags. Alex stand schnaufend vor dem Schreibtisch von Emma. Emma hatte eine Schwäche für Künstler im Allgemeinen und für abgebrannte, junge, gut aussehende Autoren im Speziellen. Sie trug immer eine Brille, eine große, fast runde mit dünnem, silbrigem Rand, obwohl sie keine Brille brauchte. Das sagt eigentlich alles. Sie war die Idealbesetzung für das, was sie hier tun sollte. Sie war Teamassistentin in Toms Agentur und konnte mit lächerlich geringem Gehalt seit Jahren prima abgespeist werden.

Alex»Ich bin Alexander Schott. Ich habe einen Termin mit Tom.«

Alex schaute auf die Uhr.

Alex»Äh, genau jetzt. Termin mit Tom, jetzt.«

Emma»Alex, ich weiß doch, wer du bist. Wir vertreten dich und deine Arbeit seit fünf Jahren. Du bist einer unserer ältesten Klienten.«

Alex»Ja, stimmt. Wie schön.«

Emma nahm den Hörer und drückte einen Knopf. Die ganze Zeit schaute sie Alex mit einem ganz und gar ehrlichen Lächeln an.

Emma»Dein Termin ist da!«, säuselte sie.

Tom»Soll reinkommen!«, hörte man Tom aus seinem Zimmer brüllen.

Eine Stunde später. Tom und Alex saßen vor leeren Tassen und einem leer gefressenen Teller Kekse. Alex hatte den Kopf aufgestützt, tippte die Kekskrümel mit dem Finger auf und leckte ihn ab.

Tom»Gute Autoren, solche, die was zu sagen haben, haben Schmerz in sich. Das sind versehrte, traurige Menschen.«

Alex»Ich hab nun mal kein verdammtes Trauma! Aber ich bin auch traurig! Weil keiner meine Texte drucken will! Muss ich erst Krebs kriegen oder ein Bein oder ein Kind verlieren, damit ich ein guter Autor sein kann? Vielleicht sollte ich zunächst irgendwo in Kriegsgefangenschaft geraten. Das ist es! Wo wird gerade gekämpft?«

Tom»Alex, ich versuche hier ein ernstes Gespräch mit dir zu führen.«

Alex»Ich bin ernst.«

Tom»Ja, dann schreib darüber! Schreib über deine Enttäuschung.«

Alex»Selbstgefälliges Gejammer will keiner lesen.«

Tom»Schreib über dich, deine Kindheit. Du hast immer tolle Kinder-Anekdoten in deinen Geschichten. Der ganze Unsinn, den du als Junge gemacht hast. Da steckt Schönheit und auch Schmerz drin. Und sei es nur der Schmerz des Vergangenseins.«

Alex»Autoren, die über sich schreiben, sind narzisstische Wichser. Das hast du mal gesagt.«

Tom»Stimmt. Aber sie werden besprochen und gelobt. Und es kann auch gute Literatur sein, das Gewichse. Denk darüber nach.«

Alex dachte nach.

Alex»Das Leben, das ich gelebt habe bis zum heutigen Tag, das hat jeder Zweite so gelebt. Ich fürchte, das ist alles ganz banal.«

Tom»Alex, dass ich Wokie dir Zyniker so was sagen muss: Ob etwas banal ist oder nicht, zeigt sich erst, wenn es niedergeschrieben wurde und innerhalb der kommenden dreitausend Jahre sich wirklich niemand findet, der es nicht banal findet.«

Alex»Da waren mir zu viele Verneinungen drin. Außerdem bist du überhaupt kein Wokie.«

Tom»Ja, aber verrat es niemandem. Das ist geschäftsschädigend in meiner Branche.«

Alex»Und ich bin gar kein Zyniker.«

Tom»Ich weiß. Ich sage das so dahin zu Leuten, die ich mag.«

Alex»Man müsste ganz und gar der Wahrheit verpflichtet sein, wenn man über die Welt, die vergangen ist, schreibt. Dabei kann ich mich an so vieles überhaupt nicht mehr genau erinnern aus meinem Leben. Ich habe auch nie Tagebuch geführt. Schon als ich mit neun anfing zu schreiben, fand ich das affig.«

Tom»Wer über die eigene Vergangenheit schreibt, schreibt nicht die Wahrheit. Man schreibt nicht, wie sich alles wirklich zugetragen hat, sondern man schreibt auf, wie man zu dem wurde, der man ist.«

Alex»Vielleicht bist du von uns beiden der eigentliche Autor?«

Tom»Ich? Klar, ich wäre ein Spitzenautor, wenn man mich nur ließe. Über die Liebe würde ich schreiben. Aber ich komme einfach nicht dazu. Weil ich mich mit solchen Trotteln wie dir rumschlagen muss. Hebamme spielen für vermurkste Künstlerexistenzen und ihre nichtigen Geistesgewächse. Und jetzt raus hier. Ich hab noch zu tun.«

Alex»Ich komme mir vor wie Luke Skywalker, der ernsthaft drüber nachdenkt, als Kampfpilot für das Imperium zu arbeiten.«

Tom»Das ist nun wirklich Gejammer. Niveaulos, würdelos, infantil. Schick mir mal deine Geschichte mit dem Biologen, der Krebs hat.«

Alex»Neurologen.«

Tom»Ja. Genau.«

Alex»›Das Signal‹. Das wird ein Roman. Es geht nicht um Krebs. Es geht um ein bahnbrechendes Experiment, das tragisch endet.«

Tom»Erst bahnbrechend, dann tragisch. Genau mein Ding. Schick mir, was du hast. Ich gebe Feedback. Versprochen. Und jetzt raus!«

Als Alex wieder auf seinem Fahrrad saß und das Blut in seinen Adern und die Luft in seiner Lunge dem Chaos der Gedanken eine Richtung gaben, beschloss er, dass dieser Tag nicht ein Tag wie jeder andere werden sollte. Alex beschloss, etwas zu beschließen. Heute. Es gab genau zwei Optionen, von denen eine aus einem Stapel von Jobbewerbungen in unterschiedlichen Stadien bestand.

Alex saß also am Abend jenen Tages an seinem Schreibtisch. Das Licht des Bildschirms tauchte sein Gesicht in kaltes Blau. Noch hatte er nichts getippt. Aber es war schon ganz viel entstanden in seinem Kopf. Wenn die kritische Masse erreicht war, würde er anfangen. Die Tür öffnete sich, und Elise trat ein.

Elise»Oh. Du arbeitest an ›Das Signal‹.«

Alex»Nein.«

Elise wunderte sich.

Elise»Nein?«

Axel»›Das Signal‹, das liegt auf Eis. Das hier ist nichts, was du kennst. Was Neues.«

Elise»Ah. Gut. Worum geht’s?«

Alex»Es geht … Elise, jetzt lass mich mal, ich bin hier sehr konzentriert.«

Sie hob die Hände, machte kehrt und schloss dann leise die Tür.

Alex»Hallo, kleiner Alex.« sagte er durch die Zähne zu sich, dann begann er zu tippen: »Geboren wurde ich am 24. April 1994. Es war ein Donnerstag …«

Alex’ Finger flogen über die Tasten. Nach einiger Zeit klopfte Elise an der Tür.

Elise»Ich gehe jetzt ins Bett.«

Alex»Ja, ich komme gleich.«

Elise schlief tief und fest, als Alex Stunden später zu ihr unter die Decke gekrochen kam. Er schloss die Augen und war sofort weg.

4

Am nächsten Morgen erwachte Elise in einem leeren Bett. Alex hatte Frühstück gemacht und saß mit einem Buch in der Hand in der Küche, als sie eintrat.

Elise»Läuft gut?«

Alex»Ja.«

Elise»Denk dran, dass ich die Erste bin, die dein Zeug liest. Ich.

Niemand sonst. Klar?«

Alex»Klar.«

Elise»Und? Muss ich jetzt weiter BWL machen oder krieg ich Kinder?«

Alex blickte von dem Buch auf und setzte sein unschuldiges Lächeln inklusive Stirnfalten und asymmetrischem Augenbrauenspiel auf, mit dem er bei älteren Damen immer für Entzücken sorgte.

Alex»Wenn einer als Autor sehr erfolgreich ist, braucht der dann nicht auch einen gut ausgebildeten Manager?«

Elise seufzte und lächelte zurück.

Elise»Okay. Ich verstehe. Ich muss heute viel lernen. Ich habe Mittwoch meine erste Klausur in Mikroökonomie.«

Alex»Das trifft sich doch gut.«

Tage vergingen.

5

Rubero»Es gibt zwei Sorten Agenten. Die, die durch den Job zum Arschloch werden, und die, die schon immer eins waren.«

Tom»Da haben Sie sicherlich recht.«

Rubero»Und? Zu welcher Sorte gehören Sie?«

Tom hatte das absolute Gehör. So nannte er das, wenn er mit seinen alten Jurafreunden über seine Arbeit sprach. Vor denen musste er gar nicht erst versuchen anzugeben, weil sie seine neue berufliche Existenz mit einer Fünf-Mann-Firma »Irgendwas mit Büchern!« eh nur belächelten. Er hatte vor Jahren mit seiner damaligen Freundin Charlie, die ein listiges Biest war und Alex später nachhaltigen emotionalen Schaden zufügen sollte, eine Testreihe gemacht. Über mehrere Wochen. Das war ganz am Anfang der Beziehung, als sie sich noch gegenseitig beeindrucken wollten. Er sie mit seiner Intelligenz, sie ihn mit ihrer Skrupellosigkeit. Schon da hätte er das üble Ende, das es mit den beiden nahm, voraussehen müssen.

Sie besorgte die Texte aus dem Verlag, in dem sie das Praktikum machte, und las vor. Entweder den unverlangt eingesandten Bockmist der jungen Möchtegerns oder eben die ausgedruckten Exzerpte von Klassikern der Literaturgeschichte. Die er – das war ein Geheimnis, das es später auf Branchenpartys und Verlagsempfängen gut zu hüten galt – meist nie gelesen hatte. Und er lag immer richtig. Nach ein, zwei zufällig ausgewählten Seiten wusste er: Das da ist Mist. Grob, dumm, langweilig oder kitschig. Oder alles zusammen. Im anderen Fall hörte er mit seinem absoluten Gehör den sauberen, wohlgestimmten Ton. So oder so ähnlich drückte er sich aus. Doch das war natürlich Angeberei. Obwohl Charlie ihn längst ranließ an all die begehrenswerten Stellen ihres schönen Körpers, konnte er es nicht lassen, sich aufzuplustern und sein Gefieder zu präsentieren. Das kann nur ein echter Schreiberling, ein Schriftsteller, ein Literat! Von wem ist das? Thomas Mann? Ha, ich wusste es, sagte er dann. So schreibt der also. Schau an. Muss ich mal lesen, sagte er zu sich. Aber hin und wieder war das Zeug von den Anfängern auch ganz gut. So hatte er mithilfe von Charlie, dem skrupellosen Luder, Alex herausgefischt aus einem Stapel voller Dilettanten.

Charlie»Du solltest einen Verlag oder eine Agentur gründen!«, sagte sie damals.

Tom»Ja, das sollte ich wohl. Aber die Bank zahlt so gut, und ich bin so gut in dem, was ich dort tue. Der Job ist anstrengend, macht mir aber überhaupt keine Mühe. Nicht ein bisschen. Warum sollte ich das aufgeben?«

Das war keine Angeberei. Tom war nicht nur als Legal Counsel gut gewesen, er war auch später ein guter Literaturagent. Er hatte das absolute Gehör für literarische Qualität und Ahnung vom Geschäft und Ahnung von Menschen. Er redete gern, und zwar mit allen. Eine seltene Begabungskonstellation. Also hatte er nach dem Charlie-Trauma tatsächlich eine Agentur gegründet, vor fünf Jahren. Doch warum zum Henker war er nicht noch viel erfolgreicher mit der Agentur, seit er dem Krawattenkäfig Privatbank, der für ihn vor allem anstrengende Langeweile bedeutete, entkommen war?

Tom»Ich weiß es nicht. Ich bin wohl eher ein Arschloch geworden. Peu à peu.«

Rubero»Und, fertig damit?«

Ich bin eine Hure, dachte Tom, aber der da war einfach widerlich. Er sollte dem Mann, mit dem er hier am Tisch saß, mit der seit Jahrtausenden etablierten, unmissverständlichen Geste des erigierten Mittelfingers in geballter Faust seine Abneigung offen zeigen und ihn einfach hier sitzen lassen. Stattdessen lud er diesen Typen, der mit seinem Getippse das Zigfache von dem verdiente, was Tom aus seiner kleinen Talentvertriebsklitsche herausholen konnte, zum Essen ein. Plus 80 Euro für eine Flasche Rotwein! Am Mittag! Warum läuft eigentlich alles so unglaublich falsch in dieser Welt, dachte Tom.

Tom»Ich denke schon.«

Rubero»Nur Huren in unserem Geschäft, was?«

Tom nickte und war zum ersten Mal ein wenig amüsiert bei diesem Lunchmeeting. Er ließ sich aber nichts anmerken. Sein Gegenüber legte nach.

Rubero»Der Wein ist furchtbar. Was ist das für ein Zeug? Ein was? Ein Schwarzriesling? Allein das Wort, Schwarzriesling. So würde ich vielleicht den seltenen Pilz nennen, aus dem Madrigal das Neurotoxin herstellt, mit dem sie dann McArthur, Kenneth oder den Wüstling Marco tötet. Diesmal sieht sie bei ihren Morden zu. Sie schaut genau hin, wie er langsam vom Stuhl gleitet. Schaum bildet sich vor dem Mund, es dauert lange. Minuten. Bei allen dreien sieht sie zu. Zuerst nur, um zu sehen, ob es funktioniert, dann um wirklich dabei zu sein, wenn es mit ihnen zu Ende geht. Sie wird es genießen. Die erste Tötung ist der Aktbreak vom Ersten zum Zweiten. Nummer zwei und drei kommen im Schlusskapitel.«

Tom nickte und simulierte Verstehen. Er hatte zur Vorbereitung auf das Treffen nur ein paar Synopsen auf Wikipedia gelesen und den letzten Band der Spanien-Reihe angefangen. 786 Seiten! Das war eine solche Frechheit! Dabei hat das nur optische und haptische Gründe. Warum sollte ein Verlag sich auch die Arbeit machen und das noch kompetent lektorieren und auf das richtige Maß zusammenklopfen? Die Stapel im Laden werden größer, Raum für andere Bücher auf den Auslagetischen wird verdrängt. Bücher werden wie Stückware bei Obst und Gemüse nach Volumen und Gewicht verkauft. Oh, hier krieg ich mehr Buch fürs gleiche Geld! Kauf ich.