Feen der Dämmerung - Louie Stowell - E-Book

Feen der Dämmerung E-Book

Louie Stowell

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Beschreibung

Myra und Rohan sind am selben Tag im selben Krankenhaus geboren. Seitdem müssen sie jeden Geburtstag zusammen feiern – dabei findet Myra, dass Rohan der größte Langweiler aller Zeiten ist, und Rohan wäre sehr viel glücklicher ohne Myra, die immer nur Chaos verursacht! Als Myra an ihrem elften Geburtstag den Gartenschuppen in Brand setzt, passiert jedoch etwas Unglaubliches: Die böse Feenkönigin Gloriana kommt durch ein Portal in die Menschenwelt und stiehlt Rohans kleine Schwester Shilpa.  Also machen sich Myra und Rohan auf in die Anderswelt, das Reich der Feen, um Shilpa zurückzuholen. Doch dafür müssen sie in einem magischen Wettkampf drei schwierige Aufgaben lösen – können Myra und Rohan es schaffen, Shilpa zu retten und der Feenkönigin zu entkommen, bevor es zu spät ist?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Louie Stowell

Feen der Dämmerung

Aus dem Englischen von Katharina Herzberger

Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Otherland bei Nosy Crow Limited, London, UK.

 

© Atrium Verlag AG, Imprint WooW Books, Zürich 2026

 

Text Copyright © Louie Stowell 2021

This translation of OTHERLAND is published by arrangement with Nosy Crow Limited

Übersetzung: aus dem Englischen von Katharina Herzberger

Lektorat: Leonie Teckenburg

Coverillustration: © Alina Brost 2025

Covergestaltung: Niklas Schütte und Johanna Lohse (W1-Verlage GmbH)

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.

 

ISBN978-3-03967-067-3

 

www.WooW-Books.de

www.instagram.com/woowbooks_verlag

 

 

 

Für Margot, die zwar nie von Feen entführt wurde,

aber gut und gerne eine Fee sein könnte.

Mit Sicherheit weiß ich es nicht.

L.S.

Prolog

Zwei Kinder werden im selben Krankenhaus geboren. Zwei Stimmchen schreien laut, dann schweigen sie. Ihre Herzen stocken. Ihre Lungen bleiben leer. Menschen rennen, Maschinen piepen, Eltern schreien.

Nach einer Ewigkeit strömt neue Luft in ihre Lungen. Zwei Herzchen schlagen. Vor Freude schluchzen die Eltern. Alles ist gut gegangen.

Wäre da nicht …

Wäre da nicht ein Riss im Universum, der nun von einer Welt zur anderen führt. Und jemand beobachtet ihn. Diese Person weiß genau, dass sie nur geduldig warten muss, bis sich das Loch vergrößert. Dass sie nur genau hinsehen muss, um den richtigen Augenblick zu erwischen und sich ihre Beute zu schnappen.

Die Zeit vergeht und eines Tages sieht sie die Flammen. Da weiß sie: Der Augenblick ist gekommen.

Diese Kinder werden sich noch wünschen, sie wären nie geboren worden.

1Sturmtief Myra

Myras Mum nahm ihre Tochter an die Hand und unter der knallroten Clownsnase machte sich ein Lächeln breit. »Alles Gute zum Todestag, mein Schatz.«

»Danke, Ma!«, sagte Myra. Sie schenkte ihrer Mum ein schiefes Grinsen und versuchte, sich zu freuen. Sie waren unterwegs zur gemeinsamen Geburtstagsfeier, die Myra wie jedes Jahr mit ihrem Nicht-gerade-besten-Freund Rohan feierte. Es machte sie immer nervös und unsicher, wenn sie Zeit mit dem perfekten Rohan verbringen musste. Neben ihm fühlte sie sich, als wäre sie in einem dreckigen Schlafanzug zur Schule gekommen, während alle anderen frisch gebügelte, strahlend weiße Klamotten trugen.

In ihren neonfarbenen Gummistiefeln schlurfte Myra über die lange Hauptstraße, in der sie lebte, vorbei an Imbissen, Schlüsseldiensten und Müll, und hielt sich selbst eine Standpauke. Es ist dein Geburtstag, dachte sie. Das ist ein schöner Tag. Also denk an was Schönes. Doch ihre düstere Stimmung breitete sich weiter aus, so wie der Wasserfleck an der Wohnzimmerdecke.

Sie sah zu ihrer Mutter und zwang sich zum Lächeln. Genauso gut hätte sie versuchen können, eine traurige, durchnässte Puppe zu steuern – nur war diese Puppe ihr Gesicht. Ihre Mutter lächelte zurück.

»Geburtstage sind einfach toll, oder?«

Myra nickte. »Ja, ganz toll.«

Für die Feier hatte sich Myras Mutter als Clown verkleidet und zog einen ganzen Armvoll rote Heliumballons hinter sich her. Das Kostüm war für ihre Verhältnisse sehr unauffällig.

Als sie Hand in Hand durch das hell beleuchtete Einkaufszentrum liefen, guckten einige Passanten sie komisch an. Aber Myra war das egal. Diese Leute waren nur neidisch, weil sie keinen eigenen Clown hatten.

Mit stolzgeschwellter Brust sah sie zu ihrer Mutter auf. Bridget Duffys Persönlichkeit war überlebensgroß, sodass für Myra manchmal kaum Platz übrig blieb. Aber das bedeutete bloß, dass sie sich etwas aufplustern und besonders witzig sein musste, oder?

Myra trug ihr bestes Geburtstagsoutfit: eine Blume hinter jedem Ohr, die braunen Locken frei und wild, dazu ein grellgrünes Tutu, ein neongelbes T-Shirt mit der Aufschrift VOLLE PANIK UND DURCHDREHEN und ihre strahlend grünen Gummistiefel. Neben ihrer Mum fragte sie sich jedoch, ob ein Kostüm besser gewesen wäre.

An seinem Geburtstag macht man sich keine Sorgen, ermahnte sie sich. Das sagte ihre Mutter immer, genauso wie: Niemand mag Heulsusen und Vertrau nie dem Sternzeichen Jungfrau.

»Rohans Nachbarschaft ist so langweilig, oder?«, fragte ihre Mum. »Das ist ja wie in einer Leichenhalle.«

Sie bogen in Rohans von Bäumen gesäumte Straße ab. Es war ruhig und in der Luft lag ein leichter Rosenduft. Myra wohnte an einer großen Hauptstraße, auf der immer Stau war. Dort roch es vor allem nach Abgasen und alten Pommes.

»Voll langweilig«, stimmte Myra zu. In der Stille wirkten ihre Gedanken plötzlich laut.

»Was hast du denn dabei?«, fragte ihre Mutter, der anscheinend erst jetzt auffiel, dass Myra einen Rucksack trug.

»Eine Überraschung!«, sagte Myra geheimnisvoll.

»Na, das lobe ich mir«, sagte ihre Mutter und reichte ihr einen Luftballon. »Lass ihn fliegen!«

Myra ließ die Schnur los und der Ballon schwebte davon. Sie fragte sich, wie es sich wohl anfühlte, so leicht und weit oben im Himmel.

Kurz darauf erreichten sie Rohans ordentliches, frisch gestrichenes Haus und Myra klingelte. Eine Millisekunde später, als sie bereits ein zweites Mal klingeln wollte, falls niemand sie gehört hatte, schwang die Tür auf. Dahinter stand Rohan, als hätte er nur auf sie gewartet.

»Hallo«, sagte er. Er wirkte besorgt.

Allerdings wirkte Rohan immer besorgt. Er war eine 1,65 Meter große Sorge auf zwei Beinen. Ein paar Zentimeter trug auch sein schwarzes Haar bei, das er sich nach oben gelte. Myra hatte nicht gewusst, dass Haare überhaupt besorgt wirken konnten, aber Rohans schafften es. Er sah Myra mit seinen großen dunklen Augen an, als wäre sie eine Bombe, die jeden Augenblick hochgehen könnte.

Myra fand, sein Outfit hätte besser zu einer Beerdigung gepasst. Aber es wirkte nicht wie ein Witz à la »Heute ist mein Todestag, haha«. Er trug ein dunkelblaues Hemd und eine noch dunkelblauere Hose. Der einzige Farbtupfer war das Rot seiner Krawatte. Eine Krawatte. Er trug tatsächlich eine Krawatte. Damit sah er aus wie ein Erwachsener, den jemand in einen Schrumpf-Laser geschubst hatte.

»HALLO!«, sagte Myra in Großbuchstaben-Lautstärke. »ALLES GUTE ZU UNSEREM TODESTAG! KREISCH!« Auf das Wort »Kreisch« ließ sie einen echten, ohrenbetäubenden Schrei erklingen. Einen anständigen Auftritt hinzulegen, war wichtig. Vor allem bei einer Party.

Rohan hielt sich die Ohren zu, bis Myra fertig war. Er blickte nach rechts und links, ob jemand auf der Straße unterwegs war. Dann winkte er sie ins Haus und zischte: »Kommt rein, bitte?«

»Jetzt geht die Party los!«, sagte Myras Mum und riss den Arm samt Rüschenärmel in die Höhe. »Juchhu!«

»Ähm, hallo, Mrs Duffy«, sagte Rohan und blinzelte den Clown im Flur an. »Sie wissen aber, dass diesmal nur wir und ein paar Verwandte da sind? Weil letztes Jahr doch …?« Rohan sprach den Satz nicht zu Ende. Er sah Myra an und dann schnell wieder weg.

Bei dieser Erinnerung drehte sich Myras Magen um. Sie hatte das Ganze nicht wirklich vergessen, sondern nur unter vielen schönen Gedanken begraben.

 

Die gemeinsame Party für Myra und Rohan war eine Tradition. Myra und Rohan waren am selben Abend im selben Krankenhaus geboren worden und beide waren nach der Geburt gestorben. Doch dank der geistesgegenwärtigen Ärztinnen und Krankenschwestern waren sie nach einer Minute ins Leben zurückgeholt worden und hatten sich bestens erholt. Dieses medizinische Wunder feierten die beiden Familien jedes Jahr gemeinsam.

Allerdings fragte sich Myra, ob das Wunder nicht verflucht war, denn bei den Feiern ging immer etwas schief.

Es war nie wirklich Myras Schuld, es sei denn, man nahm es ganz genau und definierte »Myra ist schuld« als: Es ist passiert, weil Myra etwas angestellt hat.

Letztes Jahr war es noch schlimmer gewesen als sonst. Sie hatte die Tür mit so viel Begeisterung aufgerissen, dass der gebuchte Magier mit einer gebrochenen Hand im Krankenhaus gelandet war. Sein einziger Zaubertrick war es, sich in einen Patienten in der Notaufnahme zu verwandeln. Außerdem hatte es einen Vorfall mit Rohans Cousine, Sekundenkleber und ihrem Haar gegeben, woraufhin sie zum Friseur-Notfall wurde.

Zum Glück hatte Myras Mutter sie nicht bestraft. Ihre Mum schimpfte und bestrafte sie nie. Das gehörte nicht zu ihrer Erziehungsphilosophie. »Ich will meiner Myra keine Grenzen setzen«, sagte sie gern. »Sie soll selbst ihre eigenen Grenzen entdecken.«

Leider stellte sich heraus, dass Rohans Mum kein großer Fan von Myras Grenzerkundungen war, solange sie sich unter ihrem Dach befand. Also hatte sie Myra dieses Jahr einige Regeln geschickt.

Keine Streichhölzer

Kein Sekundenkleber

Nicht die Haustür aufmachen

Bloß kein Spaß!

Na ja, der letzte Punkt stand vielleicht nicht auf der Liste. Aber genau darauf schienen Rohans Eltern hinauszuwollen. Bei welcher Feier gab es denn bitte schön Regeln?

Rohan musterte zweifelnd die Clownsperücke von Myras Mum, die Patchwork-Hose und das bemalte Gesicht.

»Also … es sind keine Kinder da«, sagte er.

Myra fand es nur richtig, dass Rohan sich selbst nicht als Kind zählte.

»Na und?«, sagte Mrs Duffy. »Wenn nicht viele Leute da sind, müssen wir uns umso mehr Mühe geben, damit es lustig wird.« Ihre Stimme klang gedämpft, weil eine große rote Nase ihre eigentliche Nase zusammenquetschte. Sie griff sich an den Clownskragen und ein Wasserstrahl schoss aus der Plastikblume direkt in Rohans Gesicht. Sie schmunzelte. »Alles Gute zum Todestag, Spätzchen!«

»Danke schön?«, sagte Rohan, wischte sich das Wasser aus den Augen und presste sich an die Wand, damit die beiden vorbeigehen konnten. Aus Myras Sicht blieb er dort etwas zu lange – als würde er der Wand mehr vertrauen als Myra und ihrer Mutter.

»Luftballon?«, sagte Myras Mum und reichte Rohan einen.

»Ich … warum nicht«, sagte Rohan.

»Später können wir das Helium einatmen und mit ganz hohen Ameisenstimmchen reden!«, schlug Myras Mum vor.

Rohan zog eine entsetzte Grimasse. »Das ist ungesund.«

Myras Mum zuckte mit den Schultern. »Wirklich? Ach! Hallo, meine Kleine! Komm zu Tante Bridget!« Sie hatte Rohans kleine Schwester Shilpa entdeckt, die kichernd durch den Flur tapste, und breitete die Arme aus.

Doch sobald Shilpa den Clown sah, schrie sie und klammerte sich an Rohans Hosenbein fest.

Für einen kurzen Augenblick wirkte Myras Mum traurig. Aber das war unmöglich, dachte Myra. Bei Partys war ihre Mum nie traurig.

»Ach, sie liebt ihren Bruder einfach«, sagte Bridget Duffy bloß.

Sanft strich Rohan über Shilpas dunkle Locken. Das kleine Mädchen trug einen Spiderman-Schlafanzug und gähnte, dass sich die Balken bogen. »Nicht müde!«, sagte sie zu Rohan. »Party! Spiel!«

»Zuerst musst du Heia machen«, sagte Rohan. »Dann kannst du mitspielen.«

»Party! Spiel!«, rief Shilpa aufgeregt. »Jetzt?«

»Später. Jetzt ist Schlafenszeit. Soll ich dir etwas vorsingen? Dein Lieblingslied?«

»Na gut«, sagte Shilpa und klammerte sich an sein Bein wie ein Koala an einen Baum. Und dann, nur falls irgendjemand wirklich dachte, dass sie sich mit dieser ganzen Schlaferei abfinden würde, ergänzte sie: »Jetzt Spiel!«

»Pssst, später«, sagte Rohan. Er versuchte sich an einem strengen Blick, doch sobald Shilpa mit ihren großen dunklen Augen zu ihm aufsah, gab er nach und kitzelte sie.

»SPIIIIEL!«, schrie sie und bekam einen Kicheranfall.

In diesem Augenblick kam Rohans Mutter die Treppe herunter. Sie duftete nach Parfüm und wirkte so elegant wie ein Filmstar. Myra war fast davon überzeugt, dass sie kein echter Mensch war, sondern eine Art Hologramm. Sie trug ein sehr hübsches grünes Kleid mit einem glänzenden Schal und schien vor Perfektion richtiggehend zu strahlen.

Schnell nahm Rohan seine glucksende Schwester in die Arme und zischte noch einmal »Psst!«, um sie zu beruhigen.

»Priyamvada!«, sagte Mrs Duffy. Sie sah an ihrem Clownskostüm herab, bevor sie wieder zu Rohans Mum aufblickte, und unter der roten Nase verrutschte ihr das Lächeln ein wenig. »Du siehst wunderbar aus.«

»Vielen Dank«, antwortete Rohans Mum. »Aber jetzt erscheint mir mein Outfit zu langweilig. Ich LIEBE dein Clownskostüm!«

Da strahlte Myras Mum.

»Kann ich euch einen Chai anbieten, während wir auf das Essen warten?«, sagte Rohans Mum.

Myra konnte das Essen schon riechen. Würzige Wärme und frisch gebackenes Brot.

Myras Mum ließ ihre rote Nase hupen, was heißen sollte, dass sie durchaus an einer Tasse Chai interessiert war, und die Erwachsenen gingen in die Küche. Myra wollte ihnen folgen, doch ihre Mutter schüttelte den Kopf.

»Geh nur spielen«, sagte sie. »Ich brauche mal Erwachsenenzeit.«

Myra schluckte. Plötzlich hing ihr der Duft nach frischem Brot schwer in der Nase. »Lass uns was Witziges machen«, sagte sie zu Rohan, in dessen Armen Shilpa sich hin und her wand.

»Ich bringe sie ins Bett, dann können wir Thronhammer spielen«, sagte er und umklammerte Shilpa. Sie kicherte und zog ihm die Haare über die Augen. »Alles steht schon unter der Markise, falls es regnet. Shilpa, hör auf damit. Wie soll ich die Treppe hochgehen, wenn ich nichts sehen kann?«

Das fand Shilpa noch witziger und sie spielte weiter mit seinen Haaren, während er sie die Treppe hinauftrug.

»Rohaaaa!«, krähte sie. »Rohaaaa! Nicht Schlaf! Nicht Schlaf!«

»Hör auf, nicht dass ich dich fallen lasse«, sagte Rohan und schob Shilpas Hände aus seinem Gesicht.

Myra lächelte. Shilpa tat nie, was man ihr sagte, und das war eine sehr gute Eigenschaft. Selbst für einen winzig kleinen Menschen.

»Kann sie nicht ein bisschen spielen?«, fragte Myra. Mit Shilpa würde sie wahrscheinlich mehr Spaß haben als mit Rohan.

»Myra Spiel!«, stimmte Shilpa zu und streckte die pummeligen Arme aus.

»Nein!« Rohan hatte die Treppe schon zur Hälfte erklommen. »Du bist keine große Hilfe. Pssst!«

»Dann eben nicht!«, sagte Myra. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust, aber verdrängte es. Denk dran, heute hast du Spaß. Nichts und niemand kann dich davon abhalten. Es ist ganz egal, dass Mum keine Zeit mit dir verbringen will. Ihr wart schon den ganzen Vormittag zusammen. Also sollten jetzt auch andere Leute Zeit mit dir verbringen dürfen!

Na ja, gerade waren keine anderen Leute da, aber Rohan würde gleich wiederkommen. Sie ging in den Garten, den Rucksack auf der Schulter. Darin waren ihre wertvollsten Besitztümer und die durfte sie nicht aus den Augen lassen. Die Tasche war mit Aufnähern übersäht. Auf einem stand: »Das Patriarchat muss sterben!«, auf einem anderen: »Tiere retten, Pflanzen essen«, auf einem dritten einfach nur: »Welpen!« Myra mochte viele unterschiedliche Dinge, aber Ausrufezeichen hatte sie schon immer geliebt. Damit sahen Wörter einfach so viel aufregender aus!

Sie setzte sich auf einen Gartenstuhl, an ihrer Seite die Sehr-wichtige-Tasche, und besah sich das Thronhammer-Brett wie eine Generalin, die sich auf die nächste Schlacht vorbereitete.

Die Spielfiguren waren ordentlich aufgereiht, daneben lagen die Würfel und auf dem Ehrenplatz das Regelbuch. Myra liebte alle Figuren in diesem Spiel und die Zeichnungen auf der Schachtel erst recht. Darauf abgebildet waren ein Zwerg, eine Elfe und eine menschliche Kriegerin, die zu dritt gegen eine riesige Spinne kämpften. Dabei war das Spiel nie so spannend, wie es die Zeichnung vermuten ließ. Thronhammer war ein Rollenspiel, bei dem man als fantastische Figuren Quests erhielt und Monster bekämpfte. Eigentlich fand Myra das super, aber es gab einfach so, so viele Regeln.

Kein magisches Essen essen!

Keine Eisenwaffen benutzen, wenn man eine Fee spielt!

Keine Kämpfe mehr, wenn man nach einem besonders enthusiastischen Einzelangriff auf einen Troll 900 Lebenspunkte eingebüßt hat …

… und Rohan nahm das alles sehr genau. Myra verstand zum Beispiel nicht, warum sie keine Level-9-Zauber nutzen durfte, wenn ihr Magier nur auf Level 4 war. Aber sobald sie es versuchte, ging Rohan an die Decke.

»Und was ist, wenn ich mich heute ganz besonders mächtig fühle? KABÄMM! Feuerball!«, sagte sie dann und Rohan hüpfte nervös von einem Fuß auf den anderen.

Laut schrammend öffnete sich das Küchenfenster. Das Klappern von Tellern, Schüsseln und Tassen wehte hinaus und einige altkluge Tanten boten ihre Hilfe an, bis Mrs Patel vorschlug, sie sollten doch einfach den Tisch decken.

Myra widmete sich wieder dem Spielbrett, um zu entscheiden, welche Figur sie heute sein wollte. Rohan spielte schon seit einem Jahr als Level-9-Magier, aber sie hatte es geschafft, all ihre Figuren umzubringen. Bis auf einen Berserker. Das Gute an Berserkern war, dass man mit ihnen planlos auf den Gegner zu rennen konnte, weil sie genau dafür gedacht waren. Dementsprechend war Thorag, der Tollkühne noch am Leben. Noch.

Langweilige Erwachsenengespräche drangen aus der Küche.

»Wie läuft das Geschäft?«, fragte Mrs Patel.

»Ach, na ja«, sagte Myras Mum. »Zäh. Ich weiß nicht, ob die Welt schon bereit ist für Heiljoghurt. Und es ist so schwer, mich gleichzeitig um das Unternehmen und um Myra zu kümmern.«

Als sie ihren Namen hörte, spitzte Myra die Ohren.

»Das klingt wirklich nicht einfach«, sagte Mrs Patel. »Ich weiß nicht, wie du das alles schaffst.«

»Bevor man ein Kind kriegt, sagt einem niemand, wie schwer es wird, überhaupt noch irgendetwas zu erledigen. Ich liebe sie, aber sie plappert pausenlos, wenn ich mich konzentrieren will.«

Die Worte klangen, als würde jemand tief in Myras Brustkorb mit den Fingernägeln über eine Tafel schrammen. Sie biss die Zähne zusammen.

»Schick sie doch einfach zu uns, wenn du mal deine Ruhe brauchst«, sagte Mrs Patel.

»Das ist ein gefährliches Angebot, meine Liebe. Am Ende packe ich noch meine Koffer und Myra zieht bei euch ein!« Ihre Mutter lachte.

Myra wollte nichts mehr hören. Sie wusste selbst, dass sie eine Last für ihre Mum war, aber es war etwas anderes, wenn sie es laut aussprach. Mit einem Ruck stand sie auf und stieß gegen den Tisch, woraufhin sich die Thronhammer-Figuren auf der ganzen Terrasse verteilten.

In der Küche verstummten die beiden Frauen und jemand schloss das Fenster.

Myra biss sich auf die Lippe und sah zu den Spielfiguren hinab. Rohan würde sauer sein. Er verbrachte immer eine halbe Ewigkeit damit, ihre Thronhammer-Spiele vorzubereiten, damit alles perfekt war. Sie kniete sich hin, um die sorgfältig bemalten Kriegerinnen und Magier, die Würfel und die Monster aufzusammeln. Dann stellte sie alles zurück aufs Spielbrett, auch wenn sie vergessen hatte, was wohin gehörte. Den Höhlentroll stellte sie einfach in die Taverne, wo sie jedes Spiel begannen, anstatt in einen Kerker. Warum nicht mit Karacho ins Spiel starten?

Und warum nicht mit Karacho in die Party starten? Sie blickte zu ihrem Rucksack. Als sie ihn gepackt hatte, war sie noch unsicher gewesen, ob sie es wirklich durchziehen würde. Aber jetzt … Jetzt würde sie ihrer Mum zeigen, dass sie mehr war als eine Last. Myra konnte auch für Spaß sorgen, nicht nur im Weg herumstehen!

Genau in diesem Augenblick kam Rohan heraus. Er starrte entsetzt auf das Spielbrett. »Was hast du getan?«

Myra zuckte mit den Schultern. »Ich habe ein bisschen umgestellt. Aber lass uns später Thronhammer spielen. Ich habe eine viel bessere Idee. Komm mit!«

Sie nahm die Tasche mit ihren Schätzen und bedeutete Rohan, ihr zu folgen.

»Was?«, fragte er. »Wo willst du hin?« Er trabte ihr hinterher und sah dabei aus, als hätte er eine ganze Tüte voller Spinnen geschluckt, die in seinem Magen eine Gefühlskrise nach der nächsten durchlebten. Warum machte er sich überhaupt Sorgen? Das hier war eine Party! Und schließlich hielt seine Mum ihn nicht für Ballast. Nein, er war Mister Niemals-Nichtsnutzig, Herr Perfekt, Kapitän Kann-nichts-falsch-machen!

»Beeil dich«, sagte sie und verschwand in den Büschen, die den vorderen Teil des Gartens von einem kleinen Fischteich trennten. Der Garten von Rohans Eltern war riesig. Früher hatten Myra und Rohan sich vorgestellt, dass hier hinten Monster lebten. Aber für Myra war es kein Spiel gewesen. Sie hatte fest daran geglaubt und den Monstern sogar Essen gebracht. Die Ratten und Füchse aus der Nachbarschaft fanden das SUPER. Rohans Eltern nicht.

Myra öffnete ihren Rucksack und blickte in den Himmel. Jeden Augenblick konnte es regnen, also hieß es: Jetzt oder nie!

Bis Rohan sie einholte, hatte sie schon die Feuerwerkskörper in den Boden gesteckt und verknotete ein Seil mit den blauen Papierfetzen, die von den Raketen herabhingen. Dabei lächelte sie. Das würde einfach unglaublich werden.

»Was machst du da?«, fragte Rohan.

Myra verknotete das Seil an der letzten Rakete, wischte sich den Dreck von den Fingern und sah zu Rohan. Sie freute sich schon, ihren wahnsinnig klugen und wissenschaftlichen Plan mit ihm zu teilen. »Ich dachte mir, dass man das Feuerwerk nicht besonders gut sehen wird, weil es hell ist. Aber wenn wir gleich mehrere anzünden, dann wird es richtig …« Sie wedelte mit den Händen. »BUMM! Soll ich sie anzünden oder willst du?«

»Aber …«, sagte Rohan. »Du darfst doch keine Streichhölzer mitbringen.«

»Tja!« Triumphierend holte sie ein Feuerzeug aus dem Rucksack. »Ich benutze keine Streichhölzer. Siehst du? Ich halte mich genau an die Regeln.«

»Ich glaube, bei der Keine-Streichhölzer-Regel ging es nicht nur um Streichhölzer …« Rohan seufzte. »Der Sinn dahinter war, dass du nichts anzünden sollst. Wie damals, als du alle meine Geburtstagskarten angezündet hast, obwohl du eigentlich die Kerzen auf dem Kuchen anstecken wolltest?«

»Aber ›Nichts anzünden‹ hat deine Mum doch nicht GESAGT, oder?« Myra schüttelte den Kopf. Er verstand es einfach nicht. »Die Regel war: keine Streichhölzer. Wie soll ich mich an etwas halten, das sie mir nicht sagt? Ich kann doch keine Gedanken lesen. Auch wenn meine Mum sagt, dass Hellsehen in der Familie liegt …« Mit einem lauten ZISCH entflammte Myra das Feuerzeug. Dann hielt sie es an das Seil ihrer Superduper-Feuerwerkskette.

Was dann geschah, bekam Myra nicht genau mit.

Es gab definitiv einen sehr lauten Knall, ein paar Blitze, ein Krachen und ein hohes Kreischen, das klang, als wäre der Teufel aus der Hölle entflohen, um sich einen Tanzwettbewerb mit einer Kanone zu liefern.

Dann sah sie auf und entdeckte, dass die Gartenhütte brannte.

Aus dem Haus schrien die Erwachsenen. Schnelle Schritte. Noch mehr Geschrei. Ein heulendes Kleinkind.

»Ups«, sagte Myra. Sie verzog das Gesicht. »Das wollte ich nicht.«

»Die Hütte, Myra«, sagte Rohan. Er fuhr sich durchs Haar und wirkte so ängstlich wie ein Hamster bei einer Katzenparade. »Du hast die Gartenhütte angezündet.«

»Ähm, ja«, sagte Myra. Allmählich fühlte sie sich etwas geknickt. Doch dann kam ihr eine Erkenntnis und sie deutete breit grinsend auf das Häuschen. »Aber wenigstens habe ich mich an die Regeln gehalten!«

Neben ihr vergrub Rohan den Kopf in den Händen und geriet mit viel Schwung in Panik.

2Alles Gute, alles brennt!

Als Rohans Dad das Ende des Gartens erreichte, starrte er entsetzt auf das Feuer. »PRI, RUF DIE FEUERWEHR!«, brüllte er seiner Frau zu, die schon längst telefonierte.

»Meine Güte«, sagte Myras Mum, als sie bei ihrer Tochter ankam. »Die Flammen sind wirklich … ganz schön hoch, oder?«

»Allerdings«, stimmte Myra zu. Etwas hilflos blickte sie zu Rohan, seinen Eltern und den verängstigten Tanten. »Es tut …« Sie verstummte. Vielleicht war es besser, sich nicht zu entschuldigen, bevor ihr jemand die Schuld in die Schuhe schob. Das war, als würde man ins Gefängnis gehen, bevor man festgenommen wurde.

»Ich hole den Gartenschlauch«, sagte Rohans Dad. »Und ihr Kinder geht zurück ins Haus. Rohan, kümmer dich um deine Schwester. Pass gut auf sie auf! Alle zurück ins Haus!«

»Ja, genau, unsere Gartenhütte brennt«, sagte Rohans Mum zu jemandem am anderen Ende der Leitung. »Wir wohnen in der …«

»Wie wäre es mit einem Stück Kuchen für alle?«, fragte Myras Mum. »Das lenkt uns vielleicht ab.« Sie hatte ihre Clownsnase abgenommen und blickte verträumt ins Feuer. »Oder Marshmallows? Wie wäre es, wenn wir ein paar Marshmallows rösten, mein Schatz?«, fragte sie Myra etwas gedankenverloren.

Myra hatte zwar durchaus Lust auf Marshmallows, doch ein kleiner Teil von ihr wünschte sich, ihre Mutter würde etwas mehr Besorgnis an den Tag legen. Sie wollte ihr nicht den Spaß verderben, aber die Flammen waren mittlerweile wirklich sehr hoch und ihre Mutter machte nicht die geringsten Anstalten, Myra in sichere Entfernung zu bringen.

Endlich erwachte Rohan aus seiner Schockstarre. »Los, komm schon«, sagte er, nahm sie am Arm und deutete aufs Haus.

Myra sah noch einmal widerwillig zurück, dann trottete sie ihm hinterher. Über das Knistern der Flammen hörte man ein weinendes Kind. Das muss Shilpa sein, dachte Myra. »Kann ich nicht bleiben und mir alles anschauen?«, fragte sie.

»GEHT SOFORT REIN! BEIDE! WIR REDEN SPÄTER!«, brüllte Rohans Dad in einem Ton, der nicht mehr viel mit Geburtstagsfeier zu tun hatte. Myra schüttelte Rohan ab und schlich zurück zum Haus. Von all dem Rauch war ihr Hals trocken und ihre Augen brannten.

Am Haus angekommen, liefen Rohan und Myra in den ersten Stock. Vor dem Zimmer seiner Schwester blieb Rohan stehen. »Myra, du musst WIRKLICH damit aufhören«, sagte er. »Ich meine … Dieses Mal hättest du jemanden umbringen können.«