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Wer sehnt sich nicht nach dem geordneten, bequemen, anständigen Leben an der Seite der Guten und Liebenswerten? Jeder hat seine Helden, hat seine Vorbilder. Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum, so sagt man doch. Aber wenn der Traum nun zum Alptraum wird, zum Alptraum gemacht wird, von den Helden von gestern, den Verbrechern von morgen. Jeder Staat hat seine Festungen, seine Kasernen, seine bürokratischen Monster und gesetzlich festgelegte Fesseln. Hier kann er es einsperren, das Pack. Seine wirklichen und angeblichen Feinde, mitsamt den Träumen, die das Pack nicht haben sollte. Jeden kann es zu jeder Zeit erwischen. Er wird zermahlen von den Gesetzen der Mächtigen. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott, natürlich nicht am falschen Ort zur falschen Zeit und nur der "wahre" Gott steht dir bei. Das Gesetz ist wie ein Tor auf freiem Feld. Wer durchgeht, ist blöd. Legt den kleinen Mann an die Leine und haltet sie kurz. Wer ihn zum Betrüger macht, kann selbst betrügen. Lieber den Spatzen in der Hand als die Taube auf dem Dach. Aber wie oft entpuppt sich der Spatz dann als verkleideter Geier? Also Augen zu und durch, mit dem Kopf durch die Wand? Sicher nicht. Teil vier der Reihe "Feindbild Ich", aus der Sicht des kleinen Mannes, der nicht hässlicher, aber auch nicht schöner als seine Umwelt ist.
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Seitenzahl: 515
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Kapitel sechzehn
Kapitel siebzehn
Kapitel achtzehn
Kapitel neunzehn
Kapitel zwanzig
Kapitel einundzwanzig
Kapitel zweiundzwanzig
Kapitel dreiundzwanzig
Kapitel Vierundzwanzig
Kapitel fünfundzwanzig
„Auch der Bock ist mitunter als Gärtner geeignet.“
Im November 2002 ergab sich etwas Neues im Leben des Willi Hohl. Eine Schülermutter hatte in der Nähe von Chemnitz eine neu eröffnete Wohnstätte für chronisch psychisch Kranke als Chefin übernommen. Vorher war sie Leiterin eines Altenheimes. Dort hatte Willi als Alleinunterhalter oder auch mit Schülern schon öfter gespielt. Ihre Tochter gehörte auch zu den Schülern, mit denen er nicht zurechtkam, aber im Prinzip waren das die meisten, besonders wenn sie dann älter wurden. Trotzdem stellte sie wohl seine pädagogische und musikalische Kompetenz nicht in Frage. Sie forderte ihn auf, sich auch in der neuen Einrichtung einzubringen: „Du kannst mich jetzt nicht im Stich lassen!“
Sie waren per du, was Willi nicht gefiel, vor allem wenn die Kinder im Unterricht waren, aber die Tochter war lange fort und so stellte das kein Problem dar. Die „Wohnstätte für chronisch psychisch Kranke“ war nagelneu eröffnet worden, in einem komplett umgebauten ehemaligen Krankenhaus, in ruhiger Lage, am Ende einer Sackgasse gelegen. Im Keller befanden sich Wirtschaftsräume, eine Ergotherapiewerkstatt, ein Veranstaltungsraum und ein Entspannungszimmer. Im Erdgeschoss lagen Dienstzimmer, Chefzimmer, Krisenzimmer und ein Wohnbereich für ca. zehn Mann. Im ersten und zweiten Stock befanden sich ausschließlich Zimmer der Bewohner mit jeweils einem Fernsehraum und einer großen Wohnküche. Die Bewohner waren in 1- und 2-Bettzimmern untergebracht, das Bad teilten sich immer mehrere. Wenn vor allem die Linken immer kritisierten: „Das Gesundheitssystem in der BRD taugt nichts“, dann sollten die Kritiker mal diese luxuriöse Einrichtung besuchen. Willi sagte sich: Zeige mir, wie ein Land mit seinen Kranken umgeht und ich sage dir, ob das Land was taugt und natürlich sein Gesellschaftssystem. Die Ausstattung des Hauses konnte man nur als luxuriös bezeichnen. Da in der Woche eine Kochgruppe zentral für alle Etagen die Mittagsmahlzeiten zubereitete, war im ersten Stock eine zweite komplette Küche installiert worden, die nur an den Werktagen fürs Mittagessen genutzt wurde. Das Heim hatte einen eigenen Kleinbus und nicht etwa ein billiges asiatisches Modell, sondern einen VW. Willi bot regelmäßig Ausfahrten an, das heißt, er nahm zu seinen Veranstaltungen mit Remindorf oder der Bergkapelle immer Bewohner mit, dies praktisch als Ausfahrt deklarierend. Er sparte ein paar Euro für Benzin und nutzte sein eigenes Auto nicht ab. Allerdings hatte er immer das Risiko, das etwas passiert. Nur sehr selten, wenn ein „kritischer Fall“ mit war, fuhr eine zweite Fachkraft mit. Ansonsten musste Willi, zusätzlich zur musikalischen Arbeit, immer ein Auge auf die Leute haben und diese so motivieren, dass sie auch gegenseitig aufeinander aufpassten. Willi konnte fast jedes Wochenende eine Ausfahrt anbieten. Kosten für Sprit spielten keine Rolle. Personal war immer reichlich vorhanden: Krankenpfleger, Sozial-arbeiter, Heilerziehungspfleger, Hauswirtschaftler, Hausmeister und massenweise Azubis, vorzugsweise Ergotherapeuten. Es war wie bei den Musikern. In Sachsen wurden damals Ergotherapeuten ausgebildet, das würde für die ganze Welt reichen. Die Chancen auf einen Arbeitsplatz lagen bei 0%, fast alle machten nach der Lehre etwas anderes. Aber die Jugendlichen waren weg von der Straße und ein Dutzend Lehrer war in Lohn und Brot. Dennoch druckten die Berufsschulen tonnenweise Hochglanzbroschüren und warben für eine der unsinnigsten Berufs-ausbildungen. Die Berufsschule bot noch mehr absurde Ausbildungen, z.B. Kinderpfleger. Dieser durfte im Kindergarten keine eigene Gruppe führen. Da würde doch jeder Kindergarten gleich eine richtige Fachkraft anstellen. Oder Diätassistent: Man konnte doch von einem richtig gelernten Koch erwarten, dass er sich auch mit Diätspeisen auskennt. Selbst Willi hatte das gelernt. Da könnte eine Fahrschule auch eine Ausbildung anbieten, die nur das Vorwärtsfahren lehrt. So sah es Willi Hohl als „kleiner Mann.“
Absurde Auswüchse. Aber immerhin war in der Wohnstätte durch die vielen Azubis sprich Auszubildenden, früher noch unter dem Namen „Lehrlinge“, immer ein großer Bestand an kostenlosen Arbeitskräften vorhanden. Die Bewohner selbst wurden in Watte gepackt. Sie bekamen ein sehr gutes Essen, Vollverpflegung, ein reichhaltiges Kulturangebot und jede Unterstützung bei täglichen Tätigkeiten. Die Frühschicht, die den Nachtdienst ablöste, nahm vor Arbeitsaufnahme jeden einzelnen Bewohner ausführlich unter die Lupe. Jeder Mitarbeiter hatte einige Bewohner in zusätzlicher persönlicher Betreuung. Die Hauswirtschafterin teilte das Frühstück aus und kontrollierte die Zubereitung auf den Etagen. Dann verteilte das Personal die Medikamente, betreute Rollstuhlfahrer und informierte über eventuelle Termine bei Ämtern oder Ärzten. Ein kleiner Teil der Bewohner arbeitete in Behindertenwerkstätten und war bereits in den frühen Morgenstunden mit Taxis abgeholt worden oder mit den öffentlichen Bussen aufgebrochen. Immerhin hatte das Personal straff zu tun. Etwa 50 Leute mussten betreut werden. Das Wohnheim hatte noch Wohnungen im Umkreis angemietet und unterhielt dort sogenannte "Außenwohngruppen." Jeder hier war krank, psychisch krank und kam natürlich mit seinen Nöten in das Dienstzimmer, ein ständiges Kommen und Gehen. Der eine musste zum Arzt, der nächste hatte Streit mit dem Zimmernachbarn, einer wollte einen Vorschuss aufs Taschengeld, ein anderer außer der Reihe nach Hause fahren. Gesetzliche Betreuer riefen an, jemand hatte einen epileptischen Anfall, einer war mit Alkohol erwischt worden, ein anderer hörte innere Stimmen, der nächste hatte jemanden geschlagen und der übernächste konnte seinen Zwang zum Ritzen, also zum „sich selbst Schnitte zufügen“ quasi zur „Selbstschädigung“ nicht mehr bremsen. Einer wollte nicht in die Kochgruppe, sollte aber, der nächste hatte seinen Schlüssel verloren, einer wollte nicht aufstehen, wieder ein anderer bekam Besuch, ein dritter hatte Geburtstag, der nächste fragte nach Aktionen am kommenden Wochenende, ein Bewohner fühlte sich vom amerikanischen Geheimdienst bedroht, eine Bewohnerin hatte Angst vor dem bald ausbrechenden 3. Weltkrieg, eine andere befürchtete, dass Jesus Christus von einem Mitarbeiter umgebracht werden soll, der nächste wollte unbedingt nicht duschen, der übernächste vermisste seine Zeitung... Im Dienstzimmer war also immer was los. Gegen neun Uhr kam die Chefin und wieder wurden alle Befindlichkeiten der Bewohner durchgesprochen. Immerzu zog auch jemand aus oder zogen neue Bewohner ein. Manche wohnten viele Jahre hier, einige nur Monate, bevor sie dann über die Außenwohngruppe und betreutes Wohnen ins selbstständige Leben zurückkehrten. Betreuer, Logopäden und Handwerker gaben sich die Klinke in die Hand, Lebensmittel wurden geliefert und Wäsche gebracht, es war immer Action. Das Telefon klingelte ununterbrochen. Manche Vorkommnisse erforderten den ärztlichen Notdienst oder wenigstens den Bereitschaftsdienst. Einer, der im Krankenhaus lag, brauchte frische Wäsche. Stress war besonders auch, wenn am Montag noch Taschengeldauszahlung, am Freitag Zimmerkontrolle war oder am Donnerstag die Außenwohngruppen zu inspizieren waren.
Dazu kam, dass jeder Mitarbeiter ständig mit etwas konfrontiert wurde, was man normalerweise verdrängt: Die Möglichkeit einer psychischen Krankheit, bis hin zur geistigen Umnachtung. Nun gab es wie überall solche und solche Mitarbeiter. Es gab welche, die sich aufopferten und die ganze Schicht schufteten. Es gab aber auch welche, in der Minderzahl allerdings, die eine ruhige Kugel schoben und im Gegenteil die Tatsache, dass sie hier arbeiteten, noch als eine Aufwertung ihrer Person darstellten. Eine der Hauswirtschafterinnen zum Beispiel kam fast jeden Tag zu spät. Man brauchte nicht nach einem Grund fragen, sie kam von allein mit einer faden Ausrede. Dann erstmal eine rauchen. Dazu saß sie mit den Bewohnern im Raucherraum und bildete sich ein, wichtige psychologische Gespräche zu führen. Sie kam wieder ins Büro, holte sich einen Kaffee und rauchte die nächste mit dem Personal. Kam eine Lieferung an und sie saß gerade im Raucherraum und der von engen Terminen gestresste Fahrer rief: „Wo ist denn die Frau Sauer“, da sagte die, sich in Ruhe eine neue Zigarette anzündend: „Jetzt geht der Stress los.“ Das Essen, was sie kochte, war zwar, wenn sie sich Mühe gab, in Ordnung, aber mitunter war die Zeit knapp. Dann gab es eben Sülze mit Pellkartoffeln oder aufgetaute Gemüse-blöcke wurden mit Formfleisch und Brühpulver warm gemacht oder die Gulaschsuppe kam als Fertiggericht aus Messingbehältern, die man auch für Sondermüll verwenden konnte. Einen Monat kochte die eine Hauswirtschafterin, dann die andere. Immer abwechselnd sauber machen und Essen kochen. Die Kollegin der Sauer schuftete wie der Teufel. Nach einem Monat Saubermachen blitzte die Wohnstätte, jetzt hatte die Sauer einen Monat der totalen Ruhe, aber jetzt war das Essen pikant. „Schmeckt das Essen oder ist es sauber?“, fragte man zum Scherz. Die Sauer war gern auf Arbeit, aber sie arbeitete nicht gern. Reden, mit Praktikanten Rommé spielen, mit einem Bewohner als Alibi, da war sie dicke da. 40 Fischbrötchen machen stellte sie als unwahrscheinlichen Kraftakt hin. Anfänglich schrieb sie die beim Rommé verbrachten Stunden noch als Überstunden auf. So hatte sie schnell 60 zusammen, das wurde später aber unterbunden. Die Sauer wusste sich hervorragend zu verkaufen. Als Willi einmal im normalen Gespräch ihren Job in der Wohnstätte als weniger stressig als den seinigen, damals als Koch zu DDR-Zeiten, bezeichnete, wurde sie böse. Sie nahm sofort das ganze Team mit ins Boot: „Der erzählt überall, wir seien faul.“ Folgen hatte das keine für Willi, denn auch andere waren schon mit ihr aneinandergeraten. In der Verwandtschaft hatte man Respekt vor der Sauer: „Die arbeitet in der Psychiatrie“, flüsterte man. „Mein Gott, wie die das aushält.“ Die Sauer nickte jetzt zustimmend und geschmeichelt. Pfiffig war sie außerdem. Da sie nämlich zum Personalrat gehörte, war sie unkündbar. Selbst die Chefin traute sich nicht an sie ran. Man akzeptierte und duldete die Sauer und hetzte erst, wenn sie aus dem Zimmer war. Sie musste als bevorzugtes Opfer fürs Lästern herhalten, dafür waren die anderen ein gutes Team. Wenn die Sauer weg wäre, würde eine andere ihren Platz einnehmen, sagte sich Willi. Durch sie gab es keine Intrigen unter den anderen. Die Sauer war viel zu überzeugt von sich selbst, um den ironischen Ton der anderen zu merken. Sie redete einfach weiter, egal ob jemand mit den Augen rollte. Ein Kandidat fürs Lästern wäre auch die andere Hauswirtschafterin gewesen. Obwohl sie schon über 50 war, trug sie bevorzugt Miniröcke und Stulpenstiefel und hatte die Haare extrem getönt. Dazu kamen Phasen, wo sie so dürr wurde, dass man Angst haben musste, sie wird magersüchtig: „Magda du musst aufpassen, dass du nicht magersüchtig wirst!“, sagte einmal eine beherzte Mitarbeiterin. „Ich bin nicht magersüchtig.“, kreischte die Magda. „Das sagen alle Mager-süchtigen“, erwiderte die Kollegin. Später fing sie sich dann wieder, dennoch wurde gelästert: „Von hinten zu dürr, von vorn zu alt. Von hinten Jugendschutz, von vorn Denkmalschutz.“ Warum sie eins auf Modepuppe machte, verstand Willi nicht. Ihr Mann, ein kleiner stämmiger gemütlicher Stammtischsitzer, war sicher anspruchslos und würde bestimmt nicht fremdgehen. Wollte sie ihn mit dem Versuch, die Jugend zu konservieren, vom Fremdgehen abhalten oder wollte sie selbst nochmal mit einem jungen Boy durchstarten? Andererseits hatte Willi Hohl nur das Recht zu registrieren, nicht zu kritisieren. Natürlich wurde sich bei der Chefin auch über die Sauer beschwert. Aber die unternahm nichts, aus gutem Grund. Sie hatte alle möglichen Posten und Pöstchen, war im Stadtrat und in einem Drittel der Dutzend Vereine sogar Vorstandsvorsitzende. Oft klingelte das Telefon heiß, dann sagte das Personal: „Die ist noch nicht da“, dachte aber: „Es ist weit nach Neun, wir wissen auch nicht, wann die kommt. Eigentlich müsste sie längst da sein.“ Wenn die Chefin gegen die Sauer vorgehen würde, dann würde der Satz womöglich nicht mehr nur gedacht: „Die Sauer lenkte die Aggressionen auf sich und die merkte es nicht mal. Die sorgte für Spaß und Entspannung.“ Über die Sauer lästern machte fidel und würzte jede Schicht. Die Sauer war maßlos von sich selbst überzeugt: „Die Bewohner haben mich alle umarmt“, sagte sie immer, wenn sie Geburtstag hatte. „Vicki, was würden wir ohne dich hier machen.“ Jedenfalls verstand sich das Kollektiv oder Team bis auf Kleinigkeiten sehr gut mit ihr und arbeitete auch gut mit ihr zusammen. Natürlich wagte es niemand, vor der Chefin zu rebellieren. Die war harmlos, duldete ausgedehnte Raucherpausen, fast alle Mitarbeiter quarzten. Sie gönnte den Leuten ihre Ruhe und ließ nicht die Chefin raushängen. Als Willi in der Wohnstätte anfing, kam er auf Anhieb mit dem Personal zurecht. Es wurde ihm quasi ein roter Teppich ausgerollt. Bevor er mit der Musik anfing, machte er erstmal zwei Schichten so mit, als Betreuer, um sich mit den Befindlichkeiten der Bewohner und der Einrichtung bekannt zu machen. Das gelang ihm logischerweise hervorragend. Er war sozusagen eine „erfahrene“ Fachkraft. Natürlich nicht so, wie sie sich das gewünscht hätten, im Gegenteil. Er musste zu Beginn der Tätigkeit in der Wohnstätte schriftlich bestätigen, dass er noch nie psychisch krank war. Natürlich bestätigte er das. Er würde sich doch nicht outen, ruck zuck hätte sich das in Muhtdorf herumgesprochen. Er konnte nicht sagen: „Sorry, bin selbst psychisch nicht auf der Höhe, kann doch nicht anfangen bei euch. Bin ein Zwangsneurotiker, ein verkappter Triebtäter.“ Letztlich war es so, dass er sich durch eigenes Erleben gut in die Bewohner hineinversetzen konnte: „Ein Steuerbetrüger ist besser als Steuerfahnder geeignet als ein grundehrlicher Bürger. Der Betrüger kennt alle Tricks.“ Es hätte durchaus sein können, dass Hohl die Kurve nicht so gut gekriegt und sich selbst als Bewohner in so einer Einrichtung wiedergefunden hätte. Andere hatten eben mehr Pech. Da war zum Beispiel Harry: Nicht dumm, hatte früher Klavierunterricht gehabt, aber ein grauenvolles Elternhaus, keine Kontakte mehr zu Verwandten. Er war aus deren Sicht der Böse: keine Frau, keine Kinder, nach der Wende arbeitslos. Somit hatte er mit Saufen angefangen, verwahrloste total, sodass er jetzt hier war. Willi Hohl selbst hatte das Gen fürs Saufen nicht im Körper. Er hatte dafür die Zwänge, Zwänge lenken ab, Saufen betäubt und lenkt auch ab, gefährlich ist beides, nur dass das Saufen dann eben psychische Schäden durch Alkohol bei Harry verursachte. Überhaupt waren die meisten der männlichen Bewohner Junggesellen, die nie eine gehabt hatten. Das Bewusstsein sagt, in Verbindung mit Arbeitslosigkeit oder keiner Anerkennung: „Bring dich um, alles sinnlos,“ das Unterbewusstsein ist aufs Überleben fixiert, also schaltet es einen Zwang dazwischen. Wer täglich mehrere Stunden schauen muss, dass die Waschmaschine nicht ausläuft, der hat keine Zeit mehr für Suizid. Auch der, der sich ständig ritzen muss, hat keine Zeit mehr, an wirklich lebensgefährliche Aktionen zu denken. Natürlich gab es auch andere Krankheitsbilder. Die unter Psychosen leidenden Patienten bekamen Medikamente und alles war gut. Doch die Nebenwirkungen, wie das ständige Zittern der Hand, waren schon belastend. Wozu noch Medikamente nehmen? Der Kranke setzte sie ab und ganz langsam rutschte er in die Psychose zurück: Ich bin Jesus.
Der Kranke hatte keinen Leidensdruck. Er glaubte wirklich daran, also wurde der an der Psychose Erkrankte notfalls ins Krankenhaus zwangseingewiesen und zwangs-medikamentiert. Dann war eines Tages alles in Ordnung, bis zum nächsten Mal. Der an der Neurose Erkrankte weiß, dass was nicht in Ordnung ist. Wer nach zwei Schritten vorwärts immer einen zurück machen muss, der hat einen Leidensdruck. Das Wissen nützt nichts, er muss es dennoch tun und ist mit einem so auffälligen Zwang in der Öffentlichkeit nicht mehr tragbar. Also landet er in einer Behandlung und wenn das nichts nützt in der Wohnstätte. Genau wie die junge Frau, die sich ohne stark abdämpfende Medikamente mit Schaum vor dem Mund auf dem Boden wälzen würde. Die Medikamente dämpfen den Wahn, aber auch jeden Tatendrang oder geistige Entfaltung. Selbst einfache Handlungen, wie zum Beispiel Waschen erfordern lange Überredungskünste. Die Hauptbeschäftigungen waren essen und schlafen. Und langsam wurde aus der jungen, gut aussehenden Frau ein schwammiges verlebtes Wrack, welches ohne Partnerschaft und Mutter-freuden dahinvegetieren musste, wenn auch in der Wohnstätte ohne Sorgen und Ängste vor dem nächsten Tag. Mitleid hatte Willi Hohl nicht. Andere mussten jeden Tag arbeiten, waren auch ledig und wurden älter und verlebt. Vor Mitleid beschützte Willi auch seine esoterische Grundlebens-einstellung. „Jeder hat sich sein Leben rausgesucht und ist hier, um Erfahrungen zu sammeln. Jeder hat mehrere Existenzen: Heute Bettelmann, dann König. Ein armer Straßenbauer in Indien kann glücklicher sein als ein Wohlstandsbürger in der reichen BRD. Wo Licht ist, ist immer auch Schatten.“ Schlecht ging es den Bewohnern in der Wohnstätte nun wirklich nicht. Wer sich nach dem Frühstück nochmal hinlegen wollte, der konnte das tun, wenn er nicht gerade Küchendienst hatte, was übrigens maximal einmal in der Woche vorkam. Auch die Werkstatt war keine Pflicht. Am Nachmittag konnte man spazieren gehen oder ein Angebot des Personals wahrnehmen: Ergotherapie, Gymnastik, Spielrunde oder Ähnliches. Man konnte auch fernsehen. Die meisten hatten ein Gerät im Zimmer. Nach dem Abendbrot gab es wieder Angebote, es war immer etwas los, von der Kochgruppe bis zum Backen fürs Wochenende, vom Dartabend bis zur Haustanzveranstaltung. Auch gab es regelmäßige Fahrten ins Theater und zu diversen Konzerten. Die Bewohner mussten sich um nichts kümmern. Pünktlich stand das Essen auf dem Tisch. Weder Energiekosten noch Fernsehgebühren waren ein Thema, weder Einkaufen noch Geldeinteilung mussten selbst gemacht werden. Kleine Aufgaben waren neben besagter Kochgruppe Bettwäschewechsel und das Reinigen der eigenen Kleidung sowie Säubern des Zimmers und ab und zu mal Flurdienst. Wöchentlich gab es 15 Euro Taschengeld, was die meisten komplett für Zigaretten ausgaben. Regelmäßig fuhr der Wohnstättenbus zu den Tschechen, um die Bewohner mit preiswerten Zigaretten zu versorgen. Aber da wurde dennoch gemeckert. Am liebsten hätten die Bewohner täglich ihre zwei Schachteln weiße Zigaretten geraucht, für 300 Euro im Monat. Aber das konnte sich auch keiner leisten, der draußen als Handwerker arbeitete und für Miete, Energie, Fahrgeld und alles selbst aufkommen musste. Die Raucher unter den Bewohnern waren deshalb unzufrieden und sprachen immer wieder von Ausbeutung. Nun könnte man sagen: Wer nicht arbeiten kann, muss sich eben einschränken, was Luxus wie weiße Zigaretten betrifft, die sich auch ein Arbeitender nicht in rauen Mengen leisten kann. Aber es wurde dennoch gemeckert. „Wir können nichts für die Krankheit, also wollen wir den Standard eines gut Verdienenden.“ Natürlich, auch die Reinemachfrau konnte nichts dafür, dass es nicht zum Juristen gereicht hatte und sie Skoda statt Audi fahren musste. Wer in der Werkstatt tätig war, bekam nach zwei Jahren monatlich 80 Euro und diese Leute waren dann richtig reich. Aber viele scheuten die zwei Jahre gratis arbeiten, also lieber meckern. Dabei war der Arbeitsplatz in der Werkstatt nicht schlecht. Er war sicher und es gab keine betriebs-bedingten Kündigungen. Viele, auch aus der Bevölkerung, waren der Meinung: "Den Bewohnern geht es viel zu gut." Da war Willi anderer Meinung. Man musste extrem differenzieren. Es gab Kranke, die waren nicht in der Lage zu arbeiten, selbst wenn sie wollten. Es gab Leute, die sagten: „Erst sich krank saufen und dann der Allgemeinheit auf der Tasche liegen.“ Auch das sah Willi anders. Wenn der Drang zum Saufen wie seine eigene Zwangs-krankheit war, dann hatte der Betroffene keine Chance. Bei Drogensüchtigen, die jetzt mit 25 erwerbsunfähig waren und dem Steuerzahler auf der Tasche lagen, war Willi weniger einsichtig. Die hatten bewusst mehrere Straftaten begangen. Drogen konnte man nicht im Supermarkt erwerben. Man musste Drogen illegal erwerben, die erste Straftat, sie dann nehmen, die zweite Straftat. Man hatte den Dealer nicht angezeigt, die dritte Straftat. Wenn solche Typen dann noch cool taten, mehr Taschengeld forderten und Behandlungen ablehnten, fand Willi wenig Zugang, eher wenn zu merken war, dass es sie auch nervte, wie sich alles entwickelt hatte.
Widerwärtig fand es Willi auch, wenn Typen, die nicht mehr so sehr krank waren und sogar auf dem Ersten Arbeitsmarkt wieder eine Chance gehabt hätten, bei der Bekanntgabe eines Termins beim Arbeitsamt süffisant lächelnd sagten: „Morgen habe ich einen Krankenschein.“
Das waren genau die, die nach Ansicht der Linken noch mehr Geld bekommen sollten. Natürlich hatten die auch offene Ohren für das Gemecker der Bewohner. Fazit: Im Kommunismus ist alles besser. Gut, das erste Mal ist das Experiment schiefgegangen, wir versuchen es nochmal. Aber wie gesagt, der Sozialismus hatte seine Möglichkeiten gehabt, sich zu beweisen und er war überall gescheitert: In Rumänien und der DDR, in Äthiopien wie in Nordkorea, in Albanien und Kambodscha, auch bei den Bulgaren und in der großen reichen Sowjetunion. Warum musste er scheitern? „Weil der Mensch egoistisch ist. Wenn er die Macht hat, dann nutzt er sie zu seinen Gunsten aus, wenn ihm nicht auf die Finger geschaut wird. Jedes Märchen endet damit, dass der arme Bauernsohn in die Klasse der gerade eben noch hart Bekämpften aufsteigt: Er wird Prinz, bekommt die Prinzessin und das halbe Königreich dazu und weil der König schon alt war, gab er ihm das ganze. Dann hatte der Exbauer Macht, wurde zum Bösen, ließ sich eventuell mit dunklen Mächten ein, konnte zaubern und ein armer Bauernsohn kam…“
Dann war noch die Sache mit dem Bürgergeld, die in den Medien kursierte: Jeder bekommt eine Summe, sodass er nicht arbeiten muss. Wer mehr will, kann arbeiten, muss aber happige Steuern an diejenigen zahlen, die sich den ganzen Tag ausruhen. Wer fährt dann noch den Müll weg? Oder bekommt der Müllfahrer besondere Privilegien, etwa 100 000 im Jahr? Der Musiker ist geil auf Arbeiten, der muss nicht so viel bekommen, für sowas finden sich genug. Aber wenn er dann auf einmal keine Lust mehr hat, dann kann der wohl einfach gehen und das Konzert platzen lassen? Oder bekommt jeder, der arbeiten will, auch wenn es der Traumjob ist, einen Zweijahresvertrag, den er dann einhalten muss? Wenn nicht, kann ihm ja das Bürgergeld gestrichen werden und er muss dann mit Ketten zur Müllabfuhr. Nun ja….
Noch widerlicher fand Willi einen Typen in der Wohnstätte, der vier Kinder in die Welt gesetzt hatte und nach dem Tipp des gesetzlichen Betreuers: „Nehmen Sie eine Arbeit an, damit Sie einen Teil der Alimente selbst tragen können“, diesen schnellstens wechselte. Mitunter war die Großzügigkeit den Leuten gegenüber weit übertrieben. Musste ein Paar eine 4-Raumwohnung bekommen, mit Raucherraum und Gästezimmer? Willi unterschied auch genau, ob ein wirklich Kranker meckerte, mit den Wölfen mitheulte oder ein großmäuliger Typ versuchte, das System auszunehmen. Sicher gab es kein Land der Welt, in dem Ex-Junkies derart gehätschelt wurden. Kein Wunder, dass die Bevölkerung der umliegenden Gemeinden meckerte, wenn in der Weihnachtszeit die Wohnstätte mit unzähligen Lichterketten illuminiert wurde, zur Freude der Energiekonzerne. Gemeckert wurde auch wenn Bewohner im Aldi zu sehen waren. Dorthin zu gehen, das ging zu Fuß, aber den weitaus kürzeren Weg zur Bushaltestelle, den schafften sie nicht. Also wurden sie in die Werkstatt mit dem Taxi gefahren, was wieder den örtlichen Taxibetrieb freute. Es sei ihm der Auftrag gegönnt. Ärgerlich war auch, wie schon gesagt, wenn ein durchaus kräftiger junger Mann nach dem Hinweis: „Morgen Termin Arbeitsamt“, süffisant lächelnd einen Krankenschein hervorholte. Mitunter beneidete Willi die Bewohner. Die mussten nicht arbeiten, hatten gutes Essen und womöglich ein Einzelzimmer. Kein finanzielles Risiko. Die Bewohner genossen ein hohes Ansehen beim Personal und wurden gehätschelt. Willi Hohl galt als Stümper in seinem Beruf, der Familienvätern die Arbeit wegnahm. Ein Parasit, den es auszumerzen galt. Da war ein Bewohner der Wohnstätte ein nützlicheres Glied in der Gesellschaft. Der gab Menschen Arbeit und nahm sie nicht weg. Hohl hätte Tag und Nacht kotzen können.
Willi machte seine erste Schicht in Vorbereitung der „Musiktherapeutischen Arbeit“ an einem ruhigen Samstag Ende November. Die Susi und der Naoshi mit seiner Mutter waren erstmal out. Er hatte Zeit, zu Hause würde er dann abends eine ruhige Wohnung genießen können. Da er schon öfter zu Veranstaltungen hier musiziert hatte, das Heim existierte schon zwei Jahre, kannte er das Personal. Willi teilte Medikamente aus, schrieb Berichte in die Doku und half beim Mittagessen kochen. War wohl doch ganz gut, dass er mal Koch gelernt hatte. Er bekam einen Generalschlüssel und ein Passwort für den Zugang des Computers. Somit hatte er Zugriff auf alle relevanten Infos und Daten über die Wohnstätte. Er wurde kurz belehrt über den Umgang mit dem Dienstbus und hatte sofort die gleichen Rechte wie das Fachpersonal. Erstaunlich! Die „Musiktherapeutische Gesangsstunde“, die er künftig wöchentlich gestalten sollte, lief über das Landratsamt, im Rahmen seines Gehaltes. Dafür musste er weniger Unterricht geben. Ein höchst angenehmer Begleiteffekt. An den Sonntagen machte er die Nachmittagsveranstaltung: „Gemeinsames Kaffeetrinken im Gruppenraum, mit Quiz und Musik“. Natürlich nur, wenn er keine andere Veranstaltung hatte und das war, besonders in den Wintermonaten, recht selten. Er hatte extra sein privates Klavier in den Gruppenraum stellen lassen. Einmal im Monat ließ er einen Schüler solistisch spielen. Wenn er eine andere Ver-anstaltung hatte, zum Beispiel mit Remindorf, dann deklarierte er sie, wie schon beschrieben, als Ausfahrt. Ca. 30 Veranstaltungen wurden es dann doch jedes Jahr. Hierfür bekam er eine Ehrenamtspauschale von 40 Euro im Monat, besser als nichts. In den ersten drei Jahren machte er immer am Montagvormittag eine „Andacht am Wochenanfang.“ Es waren interessierte Bewohner dabei und Willi fuchste sich ganz gut rein.
Er hatte ein Gesangsbuch der evangelischen Kirche mit Akkordsymbolik und Literatur, Tageslosungen, die mit einer kleinen Geschichte erläutert wurden. Das las er so vor, dass es wie frei gesprochen wirkte. Gebet und Vaterunser rundeten die Andacht ab. Er hatte während einer Kirchenmugge eine interne, nur für den Dienstgebrauch bestimmte Gottesdienstordnung mitgehen lassen. Die war seine Grundlage. Zudem hatte sein Keyboard einen schönen Orgelsound. Dann hatte er noch eine extra Gesangsmappe angelegt, sodass die vielen Wiederholungen der im Großdruck kopierten Choräle und Lieder eine recht gute Qualität hervorbrachten. Die Qualität des quasi „Chores“ war so gut, dass die Wohnstätte ab 2003 jedes Jahr in der Kirche einen Gottesdienst ausgestaltete, mit dem Chor als Mittelpunkt. Willi sang auch mit ausgewählten Bewohnern zweistimmig solistisch mit Klavierbegleitung. Sonst spielte er Orgel, also ein entsprechend eingestelltes E-Piano vom Altarraum aus. Immerhin konnte er von seiner Zeit als Alleinunterhalter noch singen. Die Logistik bei der Gestaltung des Gottesdienstes war nicht ganz einfach. Viele Bewohner waren, zum Teil durch deaktivierende Medikamente, zum Teil aus Gewohnheit, nur schwer zu bewegen, mehr außer Essen und Schlafen zu tun. Der, der die Begrüßung schon zugesagt hatte, der sagte wieder ab, wollte am Arsch geleckt werden. Schwer war es auch, die Leute in der Kirche zur Generalprobe zu versammeln. Die eine hatte verschlafen, war aber wichtig und musste extra geholt werden. Eine wollte auf keinen Fall in die Kirche laufen, wollte gefahren werden, sollte aber vom Personal aus unbedingt zu Fuß gehen. Sie weigerte sich, mitzumachen, also fuhr Willi sie doch. Die anderen waren inzwischen zum Teil wieder abgehauen, eine rauchen, viele waren starke Raucher. Als endlich alle standen, fehlte ein wichtiger Sänger. Der war vom Personal ausgerechnet heute zum Küchendienst eingeteilt wurden. Überhaupt der Küchendienst. Willi musste die Andacht wegen seinem Musikschulunterricht am Montag machen, aber auch wegen der Wohnstättenstruktur. Dienstag konnte er nicht, da war er im Unterricht, am Mittwoch war Bettwäschetausch, am Donnerstag war Lieferung für die Küche, da brauchte die Sauer die Leute zum Einlagern und Kochen und machte riesigen Stress, am Freitag war Zimmerkontrolle. Also blieb nur der Montag. 9.00 Uhr begann die Andacht und 9.00 Uhr bis 10.00 Uhr war auch Taschengeldausgabe. Die Bewohner standen schon eine halbe Stunde vorher. „Die Andachtsteilnehmer“, sagte Willi, „können ihr Taschengeld nach der Andacht holen, da sind noch 15 Minuten Zeit und es geht schnell, ohne warten, da alle anderen durch sind.“ Nun wollten die meisten ihr Geld aber unbedingt schon vorher haben, vor 9.00 Uhr. Wenn sie aber nicht wenigstens 30 Minuten vorher anstanden, mussten sie ewig warten. Also verzögerte sich der Beginn der Andacht. Diejenigen, die dann ganz knapp kurz vor Zehn kamen, bekamen dann vom Personal einen Anschnauzer: Sie sollten gefälligst pünktlicher kommen. Man musste natürlich den Stress des Auszahlers verstehen. Nicht jeder bekam die volle Summe. Wer seine Dienste nicht machte oder wessen Zimmer nicht gereinigt war, der bekam Abzüge. Eine Bewohnerin sollte das Geld erst bekommen, wenn sie sich geduscht hatte. Die ging aber nicht duschen, sondern forderte lautstark ihr Geld ein. Umso länger die forderte, umso extremer wurde die Luftqualität im Büro. Auch die anderen akzeptierten die Sanktionen nicht immer. Am ehesten die, die finanzielle Zuwendungen über das Taschengeld hinaus von ihren Verwandten bekamen. Die pfiffen auf den Küchendienst und auch auf das Geld, was ihnen ja nicht verloren ging. Es wurde nur nicht ausgezahlt. Sanktionen gab es auch bei Fahrstuhlbenutzung, wenn kein Grund vorlag, wie zum Beispiel der Transport schwerer Sachen oder eine körperliche Behinderung. Auch wenn sich jeder an das Fahrverbot gehalten hätte, war der Fahrstuhl ständig unterwegs. Wenn vier Mann jede halbe Stunde in den Raucherraum im Keller und wieder hoch fuhren, konnte man sich gut vorstellen, was das auch für ein Energieverbrauch war. Die Strafe eines Euros Abzug je Fahrt schreckte niemanden ab. Man wurde ja nicht immer erwischt und Faulheit ging vor. Auch die Erhöhung auf zwei Euro nützte nicht wirklich etwas. Bereits nach kurzer Zeit wurde das „Fahrstuhlfahrverbot“ wieder aufgehoben. Theater gab es über viele Jahre immer am Sonntagabend, in späteren Jahren war zu diesem Zeitpunkt das „Gemeinsame Singen.“ Willi ging zuerst in den Keller, holte dort Getränke (Jeder Teilnehmer bekam eine Flasche, natürlich „Alkoholfreies“, gratis). Dann fuhr er mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage, dort lagerten Keyboard und Noten und dann ging es in die zweite Etage, wo das „Singen“ stattfand. Nach dem „Singen“ passierte die ganze Prozedur nochmal in umgekehrter Reihenfolge. Die Bewohner, die die ganze Woche im Prinzip nichts zu tun hatten, motzten nun rum, wenn sie mal drei Minuten warten mussten. Immerhin ging es um Wichtiges. Sie wollten in den Raucherraum. Mitunter musste sich Willi auch von einer besonders abartigen und unfreundlichen Person beschimpfen lassen: „Der Fahrstuhl ist nicht nur für dich allein, du Vogel.“ „Der hungernde Musikant macht wieder seine brotlose Kunst.“ „Der hat hier gar nichts zu suchen, das ist kein Fachpersonal.“ Ständig drohte eine Alte auch mit Beschwerden bei der Chefleitung. Viele Jahre war die eine der aktivsten „Sängerinnen“, dann kam der Umschwung. Krankheit, Verbitterung. Sie packte es nicht, privates Pech und den Umgang mit den anderen Menschen zu trennen. Deshalb war sie auch hier. „Draußen“ hätte sie mit der Art keine Chancen. Auch das andere Personal wurde vollgemotzt, als faul und korrupt bezeichnet. Unangenehm wurde es, wenn, wie es Willi auch passierte, ein Bewohner, der früher in Muhtdorf gewohnt hatte und hier noch Bekanntschaften pflegte, überall erzählte: „Der Hohl schleppt auf Kosten der Bewohner Lebensmittel und Getränke außer Haus.“ Willi las schon die entsprechende Schlagzeile in der Morgenpost. Aber nichts passierte über viele Jahre hinweg. Die Vor- und Nachbereitung der Andachten und „Singstunden“ waren also immer sehr aufwendig. Für das feste Personal war die Anwesenheit von Willi Hohl von Nutzen: Er beschäftigte die Leute und wer bei ihm war, konnte nicht im Dienstzimmer nerven. Der „Heim TÜV“ war streng. Jeden Tag musste im Veranstaltungskalender etwas stehen. Jeder feste Mitarbeiter musste regelmäßig etwas anbieten. Nun waren „Einschreiben“ und „Durchführen“ zweierlei Dinge. Der feste Mitarbeiter hatte manchmal keine Zeit und mitunter auch keine Lust. Das konnte Willi nachvollziehen, als er mal in den Ferien nicht dreimal für ein paar Stunden, sondern fünf Tage die Woche in Folge in der Wohnstätte war. Die Atmosphäre hier, teils geprägt von Leerlauf, Hoffnungslosigkeit und Faulheit der Bewohner, auch wenn das krankheitsbedingt war, riss ihn permanent runter. In die dritte Etage gehen, ein Notenheft holen, kopieren und wieder hochschaffen kostete ihn wahnsinnige Überwindung. Am liebsten hätte er das Dienstzimmer nicht verlassen. Der “Heim TÜV“ kam übrigens zweimal im Jahr. Einmal angemeldet und einmal nicht. Alles wurde penibel kontrolliert, im schlimmsten Fall hätten die die Bude zugemacht.
Zurück zu den Gottesdiensten der Kirche. Die Chefin der Wohnstätte war vielseitig aktiv, Gemeinderat, Kreistag und so weiter. Da blieb vieles auf der Strecke. Willi wollte eine Stunde vor der Veranstaltung in die Kirche, nichts war vorbereitet, das Haus zu. Das Programm wurde erst im letzten Moment erstellt und ständig geändert. Bei Kritik wurde die Chefin schnell ungemütlich. Es traute sich auch niemand zu kritisieren, am ehesten Willi, der war nicht abhängig von ihr. Streit gab es auch immer zwischen Kantor und Chefin. Der kam zum Gottesdienst und ein anderer saß auf der Orgelbank. Er regte sich furchtbar auf. Aber die Chefin konnte den Kantor nicht leiden und er sie nicht und so hielt sie den Dienstweg ein, alles über den Pfarrer. Pfarrer und Kantor waren aber auch nicht grün miteinander und so war immer eine unangenehme Atmosphäre. Allerdings stand der Kantor auch weit unter der Chefin. Sie war ein mächtiger Leiter und obendrein im Kirchenvorstand. Der Kantor regte sich auf: „Ich bin der Chef der Kirchenmusik.“ Für die Chefin war er nur ein wichtigtuerischer Invalidenrentner, der sich etwas dazuverdiente. Allerdings war der Kantor sehr engagiert und machte weit mehr, als er musste. Willi spielte oft in seinem Kantoreiorchester mit, Böhmische Hirtenmesse von Ryba oder die Deutsche Messe von Schubert. Auch in den Kantoreiorchestern der umliegenden Gemeinden war er aktiv: Mendelssohns „Elias“, Reformationssinfonie und so weiter. Meist waren Klarinetten aber nicht besetzt, leider. Auf jeden Fall machten diese Spannungen auch für Willi die Arbeit nicht leichter. Die Bewohner waren wie eine Herde Flöhe, die es zu hüten galt.
Dennoch waren die Gottesdienste über viele Jahre ein voller Erfolg, alle waren voll des Lobes. Natürlich nicht seine Feinde der Musikschule. Denen blieb Willis neuer Wirkungskreis nicht verborgen. „Da haben wir im Orchester aber was davon, wenn der dort was macht“, sagte Rohtenthal. „Der soll lieber hier ordentlich arbeiten“, ergänzte Darnok „und mal Schüler ausbilden, die den minimalsten Anforderungen entsprechen.“ Nah brachte es auf den Punkt: „Draußen hat er nichts zu melden, aber bei den Idioten kann er sich dicketun. Die durchschauen nicht, was sie für eine musikalische Null vor sich haben.“ Nun wurde Willi nicht von den Idioten beurteilt, sondern vom Personal und mit dem kam er in der Regel gut zurecht, bis auf wenige Ausnahmen. Natürlich brachte seine Tätigkeit auch Probleme mit sich. Die Rede war schon von zahlreichen Praktikanten in der Wohnstätte. So kam Anfang 2003 eine Dame als neuer Dauerpraktikant. Sie war ca. 30, schon zweimal geschieden und religiöser Fanatiker. Nach irdischem Scheitern, Abitur, aber keinem vollendeten Studium und hyperaktiver Tochter, richtet sie ihren Blick fest auf Gott und hatte auch schnell den tiefen Sinn des Daseins gefunden, wozu man ja nur gratulieren konnte. Irgendjemand musste ihr wohl gesteckt haben, dass Willi nicht in der Kirche war und dennoch die Andachten allwöchentlich leitete. Eines Tages saß sie mit drin, in unförmiger, alle weiblichen Reize versteckender Kleidung, die Haare streng nach hinten gekämmt und mit verkniffenem Mund, wie eine Nonne.
Nun ja, immer noch besser als Praktikanten, die auf provokatorische Weise mit ihrer Oberweite hausieren gingen. Eigentlich in der Wohnstätte nicht machbar. Die vielen, vor allem auch älteren kranken Junggesellen wurden dann daran erinnert, was sie nie mehr bekommen würden. Die damals 2003 neue Praktikantin, die Nonne, war also wegen ihrer Kleidung nicht zu kritisieren. Just in dem Gottesdienst, als sie anwesend war, sang Willi mit den Bewohnern das Lied „Du bist du“, von Jürgen Werth, in einer lockeren fetzigen Fassung, welche im Original mit der Gitarre begleitet wurde. Nun kannte die Nonne nur die Choralfassung mit Orgel und verließ wutentbrannt die Andacht. Sie ging davon aus, dass Willi als „Ungläubiger“ das Lied durch den Kakao ziehen wollte. Sie meldete sich sofort bei der Chefin. „Es kann nicht sein, dass einer, der nicht daran glaubt, hier Andachten macht!“ Die Chefin warf die Nonne aus dem Büro, mit dem Hinweis: „Das geht Sie gar nichts an, machen Sie ihre Arbeit und halten Sie sich da raus. Solange die Bewohner hingehen, ist das alles in Ordnung.“ Eigentlich staunte Willi, dass die Chefin so dahinterstand. Sie war selbst streng kirchlich und hatte Willi auch schon auf Abwegen ertappt. Einmal schilderte ein neuer Bewohner im Rahmen der Gesprächsrunde der Andacht ausführlich seinen ersten und einzigen Puffbesuch nach der Wende. Nun hatte Willi ihn nicht dazu aufgefordert, aber er verhinderte seinen Bericht auch nicht und gerade bei der Andacht hatte die Chefin gelauscht. Für Willi hatte das ganze keine Folgen, wohl aber für den Bewohner: „Herr K, Sie melden sich mal bei mir im Büro.“
Die Nonne hatte also Willi als Feind entdeckt, den es zu bekämpfen galt. Immerhin war sie zweimal schuldlos geschieden und sie hasste die Männer. Neuen Kurzzeitpraktikanten erzählte sie: „Nehmt euch vor dem Hohl in Acht. Der ist ein ganz schlimmer Finger, der nur Weiber im Kopf hat.“ Nun entsprach dies in keinster Weise Willis tatsächlichem Auftreten, aber die Leute sehen bekanntlich, was sie erwarten. Willi merkte über viele Jahre, dass die Praktikantinnen ihn schief ansahen und mieden. Er konnte erst nicht verstehen, warum, schob es aber dann auf eventuelle äußerliche Makel. Aber andere männliche Mitarbeiter waren auch nicht „vollkommen“ und die hatten nie Probleme. Willi spielte zum Frühstück auf der Etage mit einer Bewohnerin, die recht gut Flöte konnte, in einem Raum bei geöffneter Tür. Die Praktikantin schloss die Tür, Willi öffnete sie wieder. Die Praktikantin machte sie wieder zu. Jetzt geriet Willi in Rage. Kein Bewohner hatte sich je abfällig über die musikalische Unterhaltung geäußert. Jetzt musste er sich von der Praktikantin anhören: „Merken Sie nicht, dass die Leute das Gedudel ankotzt?“ Was Willi nicht wusste: Die Nonne hatte der Praktikantin den Auftrag gegeben: „Sorge mal dafür, dass der Hohl mit dem nervigen Spielen aufhört. Die Bewohner trauen es sich nicht zu sagen, dass sie in Ruhe essen wollen.“
Die Praktikantin versicherte Willi noch, dass sie ihn und die Art, wie er sich in der Wohnstätte benahm, total unsympathisch fand. Willi empfahl ihr: „Beschweren Sie sich doch bei der Leitung.“ „Schon passiert.“ „Ich würde es schriftlich machen, aber zum Schreiben sind Sie scheinbar zu blöd. Aber deshalb lernen Sie ja auch Hauswirtschaftler.“ Das war natürlich eine Beleidigung, für die Willi keinen Grund hatte, aber er fand auch keinen Grund, warum die Praktikantin derart gegen ihn vorging und nicht nur die. Also schoss er mit gleicher Münze zurück, um wieder mal zu erfahren: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Die Praktikantin ging zu Recht gegen Willi vor, er beleidigte grundlos. Hohl hatte natürlich das Gefühl, dass die Nonne etwas damit zu tun hatte, denn die war immer anmaßend zu Willi: „Na wollen Sie die Bewohner wieder mit einer Veranstaltung erfreuen? Wir warten schon alle auf Sie. Und vergessen Sie nicht, Kaffee zu kochen. Wer die letzte Tasse trinkt, muss auch neuen ansetzten.“ Willi dachte gar nicht daran. Ein reines Wunder, dass bei den vielen Beschwerden der Praktikanten Willi nie zur Chefin geholt wurde. Er ging dem Dienstzimmer immer mehr aus dem Weg, meldete sich nicht, wenn er kam. Er machte seine Veranstaltung, aß auf der Etage und verschwand wieder. Praktikantinnen ließ er generell links liegen und grüßte sie nicht mal. Damit stellte er sich zwar als arrogant und großkotzig hin, aber die Warnung der Nonne vor dem lüsternen geilen Bock, „der immer erfolglos jeder hinterherrennt“, ging ins Leere. Das kotzte die Nonne an und sie änderte die Taktik: „Der ist als Musikschullehrer das Letzte, hier kann er sich dicketun.“ Damit kam sie der Wahrheit verdammt „Nah“, ohne jemanden von der Schule zu kennen. Dennoch verlor die Nonne. Willi schaute sich genau den Dienstplan der Nonne an und er machte nur Veranstaltungen, wenn die nicht da war. Das war auch der Grund, warum die Andacht am Wochenanfang nach zwei Jahren einschlief. Es fehlte die Regelmäßigkeit und das war der Todesstoß für diese Art von Veranstaltung. So gesehen hatte die Nonne doch etwas erreicht. Sicher würde ihr eine ganz besondere Gnade des Herrn zukommen. Die Lieder und Choräle für die Ausgestaltung der alljährlichen Gottesdienste mussten jetzt in der allwöchentlichen Singstunde mit einstudiert werden, die ausfiel, wenn die Nonne an einem Sonntagnachmittag Dienst hatte.
Ärger gab es auch mit einem anderen männlichen Dauerpraktikanten. Der war geschieden und entsprach dem Feindbild der Nonne noch mehr als Willi. Er bat die Leitung: „Teilt mich zum Dienst ein, wann ihr wollt, aber nicht mit der Nonne.“
Dann kam der Tag, als die Nonne ihr Praktikum beendet hatte. Willi erschrak, als er einen Tag später wieder ihr Auto vor der Wohnstätte sah, obwohl die Nonne gar nicht mehr im Dienstplan erfasst war. Aber die arbeitete jetzt „ehrenamtlich“, für Fahrgeld und “essen und trinken frei.“ Das war auch so ein Punkt. Auch Willi war ehrenamtlich hier. Auch er hatte „essen und trinken frei“. Zumindest in den ersten Jahren, dann wurde das Privileg zurückgenommen und er musste wie alle bezahlen, wenn er denn mitessen wollte. Immer wieder erzählten ehemalige Praktikanten, Willi erfuhr es zum Teil über fünf Ecken, „Der Hohl schlaucht sich hier durch.“ Die Tatsache, dass er ein festes Einkommen hatte und dennoch ehrenamtlich arbeitete, machte ihn zum totalen Geizhals, zumal er diese Ehrenamtspauschale auch noch annahm. Bei der Nonne war das in Ordnung. Da staunten alle über ihren Einsatz. Willi wurde verurteilt, er brachte in der Schule nichts zustande und tat sich vor den Kranken dicke. Die Nonne kam mit den Bewohnern gut zurecht und arbeitete nur für die Ehrenamtspauschale, bekam aber Sozialhilfe und Alimente. Hohl wurde verachtet, die Nonne war der Held. Auch die Hilfskraft Sauer stieß in das Horn. Die war eng mit der Nonne befreundet, denn ihr Mann, der in den gleichen Laienkapellen wie Willi spielte, erzählte eines Tages auch: „Der Hohl ist stockgeizig. In die Wohnstätte geht er nur, um kostenlos zu fressen und um Kaffee zu saufen. Das, was er machte, ist nicht der Rede wert. Wenn er Bewohner mit zum Konzert nimmt, dann nur, um das eigene Auto zu schonen und Benzinkosten zu sparen.“ Wenn die Nonne mit den Bewohnern ins Theater oder das Erlebnisbad ging, dann natürlich nicht, um den Eintritt zu sparen, denn sie kam ja jetzt gratis rein, sondern weil sie so edel und gut war und dann noch so gläubig. Ja die Christen, das sind die edleren Menschen. Willi spuckte auf diese Wichtigtuer. Dennoch schaffte es die Sauer, dass er das Essen künftig bezahlen musste. Dabei aß er höchstens mal in den Ferien zu Mittag mit. Am Wochenende, wenn das Singen war, nie. Er war kein Freund solch delikater Zusammenstellungen wie: „Knacker und Senffisch“ oder „Wiener mit Frischkäse.“
Dann bekam die Nonne eine Tätigkeit in einer anderen Einrichtung und war fort. Willi atmete auf. Zu früh gefreut, wenig später kam sie wieder und wurde, wenn auch wieder nur befristet, fest in der Wohnstätte eingestellt. Willi kotzte ab. Doch die Nonne hatte sich ganz wundersam gewandelt. Sie redete jetzt ganz normal mit Willi, über Alltägliches, die frühere Arbeit. Zunächst beiläufig. Doch dann kam der Tag, als Willi im Dienstzimmer mit ihr quatschte. Die Nonne gestand ihre Fehler, erzählte von ihrem Petzen, schob die Sache mit den Praktikanten aber der Sauer in die Schuhe. Es kamen die Zeiten, wo Willi seine Dienste gerade machte, wenn die Nonne auch da war und er freute sich, wenn ihr Auto vor der Wohnstätte stand. Eigentlich war die Nonne ganz hübsch und wenn sie ordentlich angezogen war, ausgesprochen attraktiv.
Sie war intelligent und interessierte sich für Theater und Musik. Sie hatte im Leben Reinfälle erlebt, das erklärte vieles und gestand Fehler, für welche sie sich sogar entschuldigte. Es kam die Zeit, wo auch die anderen die wundersame Wandlung der Nonne mitbekamen. Ausgerechnet die Sauer warnte: „Die Frau macht dich fertig, nimm die Hände weg von der.“ Nun Willi hatte die Hände noch nie dran gehabt. Wenn sie Nachtdienst hatte, kam er nach neun nochmal in die Wohnstätte, um mit der Nonne zwei Stunden zu quatschen. Sie telefonierten auch öfter. Aber Willi war vor allem vorsichtig und er war nicht tödlich verliebt. Er konnte mit der Vernunft eine Sperre einbauen und etwas in ihm war unsicher: „Das wird nichts, warum sollte die Nonne gerade dich nehmen?“ Nach einer wie ihr, 35, ledig, ein Kind, standen die Männer Schlange. Dennoch verglichen sie eines Tages ihre Terminkalender, um mal was miteinander außerhalb der Dienstzeit zu unternehmen. Die Nonne hatte vor allem Angst, dass die von zwei Scheidungen geschädigte Tochter ihn nicht akzeptieren würde. Aber das waren, wie sich herausstellen sollte, alles Ausreden. Die Zeit verging und es kam zu keinen gemeinsamen Unternehmungen. Willi fragte die Nonne: „Ich gehe doch recht in der Annahme, dass wir keinen weiteren Monat zu vergleichen brauchen.“ Das sah die Nonne auch so. Sie begründete ihr Ablehnen seiner Person sogar: „Ich bin mir nicht sicher, ob du nicht eines Tages zuschlägst.“ Harter Tobak, da war er wieder, der verkappte Triebtäter. Wie kam sie darauf? Unerklärlich. Ein Rätsel der Menschheit. Wie hatte mal jemand gesagt: „Wer sich mit einem Weibsbild abgibt, muss immer damit rechnen, eines Tages als Vollpfosten dazustehen. Die Weiber sind nur für ein was zu gebrauchen. Ein gepflegtes Gespräch kann man auch mit einem Mann führen. Und wenn auch am Anfang alles noch so toll aussieht. Am Ende bist du immer der Dumme.“ Das war es dann mit der Nonne. Später machte Willi eine Erfahrung, die ihm die Nonne wieder unsympathisch machte. Er hatte zu einer Sonntag-nachmittagsveranstaltung einen Schüler engagiert, der Klavier spielen sollte. Der kam in den so genannten Gruppenraum, in dem das Konzert stattfinden sollte und fragte: „Die da oben im Dienstzimmer kann Sie wohl nicht leiden? Die sagte: Der Herr Hohl ist schon unten. Es freuen sich ja alle schon mächtig sehr, wenn der kommt und der kommt viel zu oft.“ Die Nonne hatte also wieder gehetzt. Willi stellte sie zur Rede, sie stritt alles mehr oder weniger ab, schob es auf die Sauer. Willi recherchierte weiter, beauftragte Schüler, die die ehemaligen Praktikantinnen kannten, diese auszufragen und erfuhr: „Die Sauer war unschuldig. Die Nonne und nur die Nonne hatte sie vor dem Hohl gewarnt und über ihn gehetzt.“ Damit war die Nonne Geschichte. Zwar störte es ihn nicht mehr, wenn sie in einer Schicht arbeiteten, aber er ging ihr aus dem Weg. Später wurde die Nonne dann von der Chefin entlassen. Auch ihr gegenüber hatte sie sich Ausfälligkeiten geleistet, Anweisungen kritisiert und gehetzt. So eine wollte die Chefin nicht in ihrem Team und so kündigte sie, völlig unsozial, einer alleinstehenden Mutter. Für die Nonne ein Glücksfall. Ohne Kündigung hätte sie sich keine neue Arbeit suchen müssen und ihren dritten Ehemann nicht kennengelernt. Sie heiratete also ein drittes Mal. Ihre Tochter ließ sich mit 16 schwängern. Die Nonne verklagte den Kindsvater wegen Verführung einer Minderjährigen, damit die Grundlagen für ein ausgezeichnetes Mutter-Tochter-Verhältnis legend. Auf Rosen war die Nonne nicht gebettet. Aber wer ist das schon.
Immer am Sonntag machte Willi ein Quiz à la „Wer wird Millionär“: eine Frage, vier eventuelle Antworten, eine richtig, für die Sieger kleine Preise. Das fand im Gruppenraum im Rahmen des gemeinsamen Kaffeetrinkens statt. Hier hatte er auch sein privates Klavier hingestellt. Aber das brachte nicht unbedingt Pluspunkte: „Auf die Art und Weise sparte er die Kosten für die Stimmung und Pflege des Klaviers.“, so sagte man. Willi dachte sich die Quizfragen aus, musizierte, einmal im Monat auch mit einem Schüler, der dafür 30 Euro bekam. Die gewünschten Quizpreise kaufte er selbst, meist eine Nascherei oder Toilettenartikel. Er machte bei der Auswertung Schmu, sodass jeder mal mit dem Gewinnen dran war. Für die Bewohner bedeutete es auf jeden Fall eine Aufwertung. Denn der Preis war nicht etwas, was gerade da war. Sie konnten sich etwas wünschen, dass jemand extra für sie einkaufte. Das Personal war froh, dass es entlastet wurde und an den Sonntagen Ruhe hatte. Immerhin kamen am Sonntagnachmittag auch die Außenwohngruppen zum Taschengeld holen und mit diversen Problemen. Genannt wurde er von manchen Bewohnern, hintenherum oder direkt: „Der brotlose Musikant.“ Wie die darauf kamen, wusste er nicht. Möglicherweise dachten die, er hatte draußen keine Arbeit oder aber sie waren der Meinung, dass er kein Ansehen hatte und sich nur hier vor den Kranken dicketun konnte. Das entsprach ja auch der Meinung seiner lieben Kollegen aus der Musikschule. Möglicherweise steckte auch die Nonne dahinter. Umsonst hatte die Chefin ihren Vertrag nicht auslaufen lassen. Willi selbst hatte nicht den Eindruck, vom Personal abgelehnt zu werden. Immerhin war er bei den Gottesdiensten, den Sonntagen mit Kaffeetrinken oder den alljährlichen Jubiläumspartys nicht zu entbehren. Bei diesen trat immer der Chor auf. Willi sang auch solistisch, zweistimmig mit Bewohnern. Er musizierte mit Bewohnern, einer spielte Klavier, eine Flöte, eine Akkordeon oder auch mit Praktikanten. Sie machten eine „Comedian Harmonists“-Parodie. Er begleitete das Krippenspiel, musizierte zwischen den Darbietungen, pendelte zwischen Klavier, Keyboard, Klarinette und Akkordeon. Einmal tanzte das männliche Personal zum Gaudi aus Schwanensee den „Tanz der kleinen Schwäne.“ Das hätte Willi lieber nicht tun sollen: „Ah igitt, ist der eklig“, sagte die Nonne zu einer Praktikantin, auf Willi weisend. Dabei waren die anderen männlichen Mitarbeiter auch nicht die allerschönsten. Alles in allem war man eigentlich voll des Lobes und Willi fühlte sich in der Wohnstätte wohler als in der Musikschule. Drei Mitarbeiter hatten bei ihm Keyboard-, Klarinetten- und Saxofonunterricht. Auch Bewohner lernten Akkordeon, Klavier und Blockflöte. 2003 fuhr er mit der Wohnstätte in den Urlaub. Für eine Woche ging es in eine landschaftlich schöne Gegend, mit Übernachtung in einer Jugendherberge, die auf Gäste wie sie eingestellt war. Willi betreute einen Rollstuhlfahrer, den er jeden Tag schob. Der war schizophren, redete allerlei wirres Zeug, welches ihm innere Stimmen anordneten und bekofferte auch die Leute auf der Straße: „Du rote Sau, hast lange nicht gefickt“, sagte er zu einer Frau in roter Bluse. Die Leute schauten peinlich berührt weg, immer bereit, solche Grenzfälle der menschlichen Existenz zu ignorieren, vor allem schnell zu vergessen. Das konnte Willi und wollte er auch nicht, wohl wissend, wie schnell ein jeder auch diesen Schritt über die Grenze tun konnte. Er hatte da ja seine Erfahrung. Auch er hatte schon auf der Seite der Kranken gestanden, aber das wusste niemand. Der Urlaub war dennoch sehr abwechslungsreich und das Personal gab sich auch alle Mühe. Leider konnte Willi viele Jahre nicht mehr mitfahren, da die Urlaubsreisen der kommenden Jahre immer in der Schulzeit waren. Willi Hohl fühlte sich also trotz gelegentlicher Reiberein, vor allem mit der Nonne, recht wohl in der Wohnstätte. Die Wohnstätte war aus seiner Existenz nicht mehr wegzudenken. Seine Person genoss hier ein bedeutend höheres Ansehen als in der Musikschule. Ende des Jahres 2002 war Willis Leben durch die Wohnstätte durchaus angenehmer, erfolgreicher und mit einer neuen farbigen, letztlich auch musikalischen Nuance versehen. Die Chefin der Einrichtung hatte an einer Fachhochschule studiert, einen „Berufsbegleitenden Studiengang“ mit dem Abschluss als Sozialpädagoge, der auf einem schon vorhandenen Universitätsabschluss beruht. Die Aufnahmeprozedur war etwas eigenartig: Gefordert wurde ein ca. 20-seitiger reflektierender Lebenslauf, der dann von einem Gremium, bestehend aus Studenten, Lehrenden und Fachkollegen, bewertet wurde. Die Besten wurden zum Studium zugelassen, welches aus über das Jahr verteilten Blöcken bestand und mit einer Diplomarbeit beendet wurde. Willi konnte ein solches Studium also bequem parallel zu seiner Musikschularbeit absolvieren, zumal die Blöcke auch oft in den Ferien waren. Hatte er den Abschluss, würde sich vielleicht eine neue berufliche Perspektive ergeben und die Musikschule könnte ihn dann mal kreuzweise... Willi gab sich große Mühe beim Schreiben des Lebenslaufes, ließ sich auch von der Chefin beraten. Das alles nutzte aber nichts. Eine Zulassung seiner Person zum Studium wurde abgelehnt. Willi war nicht sehr enttäuscht, eigentlich hatte er damit gerechnet. Dennoch, wieder eine Pleite, die sich im kommenden Jahr, bei einer zweiten Bewerbung, wiederholte. Nun gab es Willi Hohl auf.
„Der Apfel verfault mitunter, bevor er nicht weit vom Stamm fällt...“
Ende des Jahres 2002 ereignete sich noch etwas mehr oder weniger Unangenehmes. Kurz vor Weihnachten klingelte Willis Handy und sein Erzeuger war dran. Irgendwie hatte der die Nummer herausbekommen. Seine Taktik hatte er geändert. Statt zu drohen und zu beschimpfen, spielte er den traurigen Vater, der vor dem Tod den einzigen Sohn nochmal sehen wollte. Auch die Mutter würde sich freuen. Willi wusste, dass er diesem Süßholzgeraspel nicht trauen durfte. Dennoch machte er aber den Fehler und ließ sich erweichen. Immerhin bot sich eine Möglichkeit, den Konflikt jetzt zu entschärfen. Die ständige Sorge: Der Alte ruft bei seinen Vorgesetzten an und beschwert sich. Das war schon eine blöde Situation, wenn sie ihn auch schon lange nicht mehr belastete, sondern eher zur Routine geworden war. Besser wäre es, Willi Hohl hätte aufgelegt und so weiter gemacht wie bisher. Doch diese Erkenntnis kam erst später, zu spät. An Heiligabend 2002 betrat er also, nach vielen Jahren, wieder die Wohnung, mit der so viele unangenehme Erinnerungen verbunden waren. Geändert hatte sich nichts, nur in seinem ehemaligen Kinder-zimmer war jetzt statt der Liege eine Essecke. Die Situation war blöd, aber erträglich. Die Erzeuger hatten sich kaum verändert und zunächst belauerte man sich vorsichtig. Man vereinbarte regelmäßige Besuche. Natürlich ging das aus Willis Sicht nur, wenn auch keine Verwandtschaft da war, denn dem Onkel, sprich dem Vater des inzwischen verstorbenen Neffen Gerhard, wollte er nicht unbedingt begegnen. Für die Verwandtschaft war er ja der Unhold schlechthin. Willi fuhr also regelmäßig, meist am Wochenende, zum Mittagessen hin. Schon beim zweiten Mal vertraute die Gattin des Erzeugers Willi an, dass sie nicht mehr leben wolle. „Der Alte schreit nur rum.“ Er, Willi, wäre zu doof, Enkel zu zeugen, hätte nicht mal eine Frau, das sei absolut unnormal, man schäme sich ständig. Nach und nach, so schleichend durch die Hintertür, wurde auch Willi mit besagten Vorwürfen direkt konfrontiert. Er wurde vom Alten aufgefordert, Geschenke mitzubringen, der Mutter einen Blumenstrauß zum Beispiel, öfter zu kommen und vor allem länger zu bleiben. Länger bleiben gehöre sich so. Auch wurde der alte Tonfall, ein ständiges Brüllen beim geringsten Vorkommnis, wieder aufgenommen. Der Alte schrie seine Gattin, die immer verschüchtert war, ständig an. Bald begannen auch die politischen Agitationen: „Wer nicht total inhuman ist, wählt links. Wenn die Nachfolgepartei der SED, jetzt PDS, dran ist, dann geht es vielen besser, vor allem den vielen Armen und Obdachlosen. Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selbst.“ Das war sein Lieblingsspruch. Willi war kaum da, schon wurde agitiert. Nun wollte Willi von den linken Saulumpen nichts wissen. Der Alte bekam eine fette Rente. Wie wäre die der Bundeswehr-offiziere wohl ausgefallen, wenn der Sozialismus, sprich die Volksarmee gesiegt hätte? Sicher wären die alle im Arbeitslager gelandet. Der Alte fuhr ein Auto, von dem er zu DDR-Zeiten nur hätte träumen können. Ja warum wohl nur träumen? Weil die BRD die Wirtschaft blockiert hatte. Warum hatte die angeblich so starke DDR sich das bieten lassen? Jetzt, in die Ecke getrieben, wurde der Alte ungemütlich: „Darum geht es nicht. Es geht darum, dass ein paar Tausend alles haben und die anderen nichts. Auch müsse man den armen Ländern in Afrika helfen.“ Willi konterte: „Warum verkaufst du deinen Renault nicht, kaufst dir von dem Erlös einen nagelneuen Lada vom hochgelobten Russland und spendest die Differenz nach Afrika?“ Der Alte tobte. „Da muss der Staat spenden, aber der macht lieber Krieg in Jugoslawien.“ Willi konterte wieder: „Auch der Sozialismus hatte Krieg gemacht, in Afghanistan zum Beispiel. Wenn ganz Deutschland so arm ist, warum ist dann eine Nobelmarke wie BMW nicht pleite? Warum stehen sich die Ladas die Reifen platt und die Leute kaufen VW?“ Nach Ansicht des Alten: Alles am Thema vorbeidiskutiert. Willi war nicht zu helfen.
Alle, die nicht PDS wählten, waren schuld an der verbreiteten Armut in Deutschland, dem verrotteten Gesundheitswesen und den schlechten Straßen. An die verfallenen Städte in der DDR und das Gesundheitswesen dort erinnerte der Alte sich nicht. Klar, ein Sender, der von Werbung lebt, berichtet nicht von neuen Kirchendächern, sondern von vergammelten Straßen und schlecht geführten Altenheimen. Das bringt einfach höhere Einschaltquoten. Der Alte nahm diese Sendungen als repräsentativ für alle Straßen und alle Heime. Das schlimmste, was in seinem Leben passiert war, das war die Wende. Und das dumme Volk rief auch noch „Hurra!“. Dabei profitierte er doch auch von der Wende. Hatte er nicht früher auch Monate lang auf einen Termin in der Autowerkstatt gewartet? Der Alte beschimpfte die korrupten Politiker, die sich, bis auf die Linken, nur die Taschen füllten, bezahlte den Handwerker aber auch gleich bar, ohne Rechnung: „Zum beiderseitigen Nutzen.“ Da war er noch stolz drauf, denn: „Ein verbrecherisches System muss man betrügen.“ Er betrog aber auch die eigene linke Partei, indem er ein niedrigeres Einkommen angab als er wirklich hatte, um Beiträge zu sparen. Darauf angesprochen lachte er kleinlaut und schäbig. Wie verbrachte nun dieser Berufsrevolutionär seine Tage? Zunächst frühstückte er gesund, Äpfel mit Butterbrötchen. Das Anschnauzen der Ehefrau machte fit für den Tag: „Tür zu, es zieht, musst du ständig rausrennen? Reiß die Gedanken zusammen, dann vergisst du nicht ständig was.“ Die Vormittage verbrachte er gern beim Arzt. Er hatte mächtige Angst um sein ja auch für die Gesellschaft so kostbares Leben. Er tobte, weil er die wöchentlichen Fürsorgechecks selbst bezahlen musste. Dann erfand er, schlauer geworden, irgendein Leiden: „Der Bauch tut weh.“ Nun war die Untersuchung finanziell günstiger. War er nicht beim Arzt, beobachtete er die Straße, kontrollierte, ob etwa Nichtanwohner ihre Autos hinstellten. Er rief dann sofort das Ordnungsamt an und erstattete Anzeige. „Ein wertvoller Mitmensch, der für Ordnung sorgt.“ Als das Ordnungsamt nicht mehr reagierte, weil es wohl eher am Bahnhof effektiver kassierte, wandte er sich an die Polizei. Die hatten aber auch keine Zeit: „Wir sind gerade auf Verbrecherjagd.“ Der Alte tobte.
Immerhin kam ab und zu das Ordnungsamt doch noch. Einmal bekam er selbst einen Zettel. Er war zum Ausladen auf den Bürgersteig gefahren. Das war nicht erlaubt. Gleiches Recht für alle. Einer der vom Alten drangsalierten Nachbarn hatte auch mal zugeschlagen und seinerseits das Amt geholt. Der Alte tobte und verklagte das Ordnungsamt, freilich ohne Erfolg und zum finanziellen Nachteil für sich selbst. Überall waren Verbrecher. In der Sparkasse, in den Autohäusern, alle wollten ihn betrügen. Er forderte höhere Gehälter für Friseure, meckerte aber über angeblich zu hohe Preise, die er selbst fürs Haare schneiden bezahlen musste. Die Lösung des Problems sah er in einer kompromiss-losen Enteignung der Kapitalisten. „Jeder Handwerksmeister lebt vom Blut seiner Angestellten. Nur der Sozialismus mit volkseigenen Betrieben ohne Privateigentum garantiert Wohlstand für alle.“ Willi empfahl ihm, nach Kuba auszuwandern. Dort aber sorgten die bösen Amis für Armut und behinderten das System mit ihrem Embargo, so wie früher die BRD die DDR in der wirtschaftlichen Entwicklung behindert hatte. Warum lässt sich das starke Kuba das bieten? Gleiche Frage, keine Antwort.
Am Nachmittag las der Alte sein SED-Parteiorgan „Neues Deutschland“ und verschiedene lokale linke Hetzschriften. Vorher zum Mittagessen hatte er seine Alte ordentlich runderneuert: „Das Essen ist kalt, die Portionen zu groß, die Teller sind die falschen.“ Und so weiter. Am Abend wurde ferngesehen. Der Alte passte auf, dass seine Gattin nicht ihre geliebten, das Volk verdummenden Serien sah, wie zum Beispiel „Verliebt in Berlin“.
Seine Gartenlaube inklusive Grundstück hatte er übrigens verkauft, zu viel Arbeit.
Freunde hatte er keine. Bis vor kurzem hatte er mit einem ehemaligen Armeekollegen regelmäßig „Mau-Mau“ gespielt, aber der Kollege hatte beim Spiel beschissen und außerdem hatte der schädliche politische, sprich „nichtlinke“ Ansichten.
Nach der Wende hatte er ein paar wenige kurze Busreisen gemacht, nach Österreich und in die Alpen. Aber sehr bald war er dahintergekommen, dass die Reiseunternehmer nur betrogen und ihm das Geld aus der Tasche ziehen wollten, ohne entsprechende Gegenleistungen zu bringen. „Frühstück im Hotel ist nun mal Frühstück im Hotel und wenn das Frühstück im Nachbarhotel ist, auch wenn der Weg nur über die Straße geht, ist das ein Reisemangel.“ Hier hatte der Alte Glück. Seiner Klage wurde stattgegeben und er bekam einen Teil des Reisepreises erstattet. Kein Glück hatte er mit der nächsten Beschwerde. Er hatte die gleiche Reise bei einem anderen Anbieter 50 Mark billiger gesehen und verlangte diese Differenz von seinem Reisebüro ausgezahlt, wegen „Betrügerischer Beratung zum Nachteil der Kunden.“ Den Prozess verlor er kostenpflichtig und seitdem verreiste er nie mehr. Kontakt hatte er noch zum Schwager, dem Vater vom Neffen Gerhard und dessen Frau. Mit dem Schwager, der zwar nicht links war, aber begeisterter Anhänger des nicht prowestlich eingestellten russischen Staatschefs Putin, konnte er schön über den Kapitalismus hetzen. „Wie haben die Wessis uns alle verarscht 1990!“ Warum hatten sich die Leute verarschen lassen? Willi fühlte sich höchst unwohl
