Felsenblume - Robin David - E-Book

Felsenblume E-Book

Robin David

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Beschreibung

Felsenblume ist eine Geschichte über das Leben und die Liebe, über Grenzen und Tod, über Reisen und (Nicht-)Ankommen, über Selbstbild und Fremdbild, über Schöpfung und Ende... Eine authentische, wahre Geschichte und Lektionen eines bewegten Lebens.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2020

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DANKSAGUNG

Mein großer Dank gilt der Gesamtschöpfung.

Darüber hinaus bedanke ich mich bei der Natur, meinen

Kindern und allen Menschen, denen ich begegnet bin.

Ganz besonderer Dank gilt meiner Tochter, die dieses

Buch letztlich zu dem gemacht hat, was es ist.

Inhalt

DANKSAGUNG

VORWORT

PROLOG

KAPITEL

Über Grenzen und Tod

Über Lernen und Erfahrung

Über Reisen und (Nicht-)Ankommen

Über Liebe und Sinnlichkeit

Über Kinder und Wachstum

Über Psychologie und Leben

Über Menschen und Unmenschen

Über Studieren und Lehren

Über Selbstbild und Fremdbild

Über Prägungen und Loslassen

Über Schöpfung und Ende

EPILOG

VORWORT

Ich hatte nach meiner Nahtoderfahrung die Chance bekommen, das Wichtige, das ich gelernt habe, aufzuschreiben. Mir ist durchaus bewusst, dass man die Welt zwar nicht mit einem Buch retten kann, doch jedes einzelne Puzzlestückchen ist wichtig – vielleicht kann man einige Menschen dazu bewegen, über das eine oder andere nachzudenken, manche sogar inspirieren und bestenfalls unterstützen. Mir ist ebenso klar, dass manches, das hier zu lesen ist, möglicherweise viele vor den Kopf stoßen wird, aber es ist nun mal meine Überzeugung nach so viel Leben, Lehre und Erfahrung.

Ich widme das Buch vor allem meinen Kindern, aber auch jedem Menschen, für den sein Inhalt stimmig ist. Denn alles, was hier geschrieben steht, ist eine Folge tatsächlich stattgefundener Ereignisse und versteht sich als wahrheitsgetreu. Zumindest ist es meine Wahrheit (sollte jemand anderer meinen, ich hätte es nicht so ganz getroffen). Und Wahrheit und Vernunft sind selten Feinde. Also schreibe ich und gebe es nicht zur Debatte mit mir. Denn: Wem meine Schlussfolgerungen nicht gefallen, der kann seine eigenen suchen, dies steht jedem Menschen frei. In uns allen sind unübersetzbare Tiefen, in uns sind Geheimnisse, die ohnehin nicht in Worte gefasst werden können.

Um den Lesefluss zu erleichtern, habe ich konkrete Lebensszenen kursiv gehalten, daraus inspirierte Gedanken in Standardschrift.

PROLOG

Ich liege gerade im Sterben. Bei vollem Bewusstsein. Es ist die Ruhezeit zwischen Weihnachten und Silvester, genauer gesagt der 28. Dezember 2017.

Es traf mich unvorbereitet. Ich bin Anfang Fünfzig und relativ gesund. Natürlich habe ich einige „Wehwehchen“, wie viele von uns in diesem Alter, aber meine waren unter Kontrolle – hatte ich geglaubt. Meinen Ruhetremor (das Zittern der Hände, das je nach Stress oder Müdigkeit stärker oder schwächer sein kann) habe ich, seit ich denken kann, genau wie meine Mutter. Dazu kommt mein Restless-Legs-Syndrom im Ruhezustand (RLS) seit mindestens 15 Jahren. Dagegen hilft gewöhnlich eine Tablette am Abend. Obwohl mich der alte Arzt damals, als ich eine Kur wegen meiner Rückenprobleme machen musste, nachdenklich gemacht hat. Er fing an zu lachen, als ich ihm von meinem RLS berichtete. Ich fragte, was daran so lustig sei, und er antwortete: „Ein typisch weibliches Leiden und eine psychosomatische Erkrankung, genauso wie Migräne – ,Ich will weg, aber ich kann nicht.‘“ Das leuchtete irgendwie ein, ich verdrängte es jedoch schnell wieder.

Allerdings hatte sich diesmal das Zittern des ganzen Körpers während der letzten zwei Tage so gesteigert, dass ich nichts mehr machen konnte – nicht einmal ein Glas Wasser zum Mund führen. Autofahren war unmöglich, das Tippen am Computer ebenso. Da das RLS als Vorstufe für Parkinsonsche Krankheit angenommen wird, dachte ich erst, dass es mit mir nun auch so weit gekommen war. Ich wollte es aber nicht so recht glauben, denn ich war mit meinen 51 Jahren doch noch viel zu jung dafür und hoffte, dass das Zittern bald wieder vorbeigehen würde. Zum Glück hatte ich mir über die Feiertage Urlaub genommen und musste nicht in die Arbeit.

Das Zittern war an jenem Tag aber nicht zu ignorieren und nicht zu beruhigen. Es steigerte sich kontinuierlich. Weder Bäder, Meditation, Entspannungsübungen, Bewegung, noch Tabletten halfen mir. Ich hatte das Gefühl, dass es sich von der Magengrube, also vom Solarplexus weg, ausbreitete und meinen Körper in konzentrischen Wellen überrollte. Ein bisher unbekanntes und völlig beklemmendes Gefühl, etwa so, als würde jeden Moment etwas in mir explodieren. Ich rief meinen Sohn an. Das Telefon konnte ich kaum bedienen, schaffte es aber schließlich und sagte ihm, dass etwas mit mir los war. Ich erzählte ihm vom Zittern und meinem komischen Gefühl. Er sagte, ich solle mich hinlegen und versuchen zu entspannen, er würde bald vorbeikommen.

Am Abend zuvor waren meine inzwischen erwachsenen Kinder bei mir gewesen und wir hatten eine wunderschöne Zeit verbracht, in der wir uns allerhand erzählten und herzlich miteinander lachten. Bei dieser Gelegenheit hatte ich es sogar geschafft, ihnen einige meiner Erkenntnisse näherzubringen. Es liegt mir viel daran, ihnen so viel wie möglich mitzugeben, damit sie nicht alles selbst durchmachen müssen. Es ist mir selbstverständlich bewusst, dass sie selbst durch ihr Leben gehen und ihre Erfahrungen machen müssen, aber wenn man ein wenig auf die Mutter hört, so werden die negativen Erlebnisse hoffentlich etwas weniger wehtun. Normalerweise ist es für meine Kinder nicht so einfach, mir zuzuhören, wenn ich – wie sie sagen – zu „philosophieren“ anfange. Als Teenager oder junger Mensch weiß man bekanntlich schon alles und die, in früher Kindheit normalerweise heiß geliebten Eltern haben plötzlich doch keine Ahnung mehr von diesem oder jenem – quasi überhaupt vom Leben. Denn jetzt sei natürlich alles anders, als zu deren Zeit.

Das Zittern nahm stetig zu. Es war sehr beunruhigend, vor allem, da ich nicht im Entferntesten einschätzen konnte, was da eigentlich mit mir passierte. Ich ließ mir ein Bad ein. Ins Wasser goss ich intuitiv einige Tropfen Weihrauchöl – etwas, was ich zuvor noch nie getan hatte. Meine Hoffnung war, dass mich das Öl und das warme Wasser entspannen und das Zittern aufhören würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Ich gab schließlich auf und stieg aus dem Wasser. Nachdem ich mich mühselig abgetrocknet hatte, kleidete ich mich wie in Zeitlupe in weißes Baumwollgewand.

Plötzlich kam mir ein absurder Gedanke: Vielleicht fühlt man sich so, bevor man streben muss. Ich ging zum Fenster, blickte hinaus und wusste plötzlich, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Instinktiv hatte ich mein Schicksal erraten. Gleich danach dachte ich: Wenn es so ist, ist es eben so – dagegen kann ich nichts mehr tun. Da ich also jetzt die Gewissheit hatte, dass meine letzte Stunde gekommen war, nahm ich einen Gebetskranz aus weißen Steinen zur Hand.

Ich hatte ihn mir als Souvenir aus dem bosnischen Medjugorje mitgenommen. Medjugorje ist ein christlicher Pilgerort, bei dem Kinder eine Erscheinung der Heiligen Maria gehabt haben sollen. Der Ausflug dorthin war eine sehr nette Erfahrung, obwohl ich mich als nicht-religiös im klassischen Sinne betrachte. Doch in der Stunde des Todes werden sogar jene, die den göttlichen Glauben immer als Unfug von sich gewiesen haben, kleinlaut. Genau diesen Gebetskranz hatten nämlich vor mir bereits viele meiner PatientInnen zur Stunde ihres Todes in ihren Händen gehalten – eben auch solche, die sich nie mit Religion oder Spiritualität beschäftigen wollten. So ist es nicht verwunderlich, dass auch ich ihn nun hielt, denn letztlich glaube ich, dass es Götter wirklich gibt, nur eben etwas anders, als die Religionen uns lehren wollen.

So legte ich mich auf mein weißes Bett, faltete die Hände auf der Brust und bemerkte, dass das Zittern aufgehört hatte. Ich war vollkommen ruhig und entspannt. Die Erkenntnis, dass ich nichts mehr ändern konnte und meine Zeit gekommen war, ließ mich völlig geruhsam werden.

Ich hatte nie Angst vor dem Tod gehabt. In meiner Gedankenwelt ist er ein Teil des Lebens und gehört einfach dazu. Darüber hinaus war ich fest davon überzeugt, dass es danach trotzdem weitergeht. Nur so konnte ich mit meinem Beruf einer KrebspatientInnenbetreuerin fertig werden, denn ich war stets überzeugt, dass der Tod lediglich der Anfang von etwas Neuem sei. Nach meiner damaligen Vorstellung kehrt die Seele zu ihrem Ursprung zurück und fährt mit ihrer Reise fort. Und wer sind wir Menschen, darüber zu urteilen, ob jemand zu früh gestorben ist? Wer weiß, ob es „davor“ wirklich besser war als „danach“? Es ist das größte Geschenk zu wissen, dass wir nicht deswegen geboren sind, um zu urteilen. Der winzige Ausschnitt der Gesamtschöpfung, den wir kennen, macht es ohnehin unmöglich, ein plausibles Urteil darüber zu fällen. Auch über unsere Mitmenschen im Einzelfall zu urteilen ist immer ein Unterfangen, das man, eben weil wir nur einen Bruchteil des Gesamten erahnen können, nach Möglichkeit vermeiden sollte. Unser Verstand ist uns, meiner Ansicht nach, aus einem anderen Grund gegeben worden und nicht, um zu urteilen. Das zweitgrößte Geschenk ist die Möglichkeit, mit unseren eigenen Fehlern und denen der anderen Frieden zu schließen. Das drittgrößte ist das Vergessen-Können. Für mich. Während ich also in der Gewissheit meines nahenden Todes dalag, lief mein irdisches Leben in einer unaufhaltsamen Bilderabfolge an mir vorbei. Es war tatsächlich wie im Film. Die Szenen des Lebens mischten sich, es war keine Chronologie dabei. Ich spürte, dass mein Herz immer seltener und nur noch leise schlug, fühlte, wie mein Atem ganz flach wurde und stetig abnahm. Doch ich war noch nicht bereit zu gehen. Ich dachte an all die unfertigen Dinge, die ich noch tun wollte. Ich fühlte mich wie eine Blumenknospe, die jemand zu früh abgeschnitten hatte, um sie ein wenig in seinem Heim zu bewundern. Noch am Leben, jedoch wissend, dass sie bald vergehen würde. Mit geschlossenen Augen sah ich plötzlich das wunderschöne, allumfassende weiße Licht, das mich zu sich rief. Ich hörte federweiche Stimmen, die zu mir sprachen, unglaublich vertraut und anziehend.

I. KAPITEL

Über Grenzen und Tod

Ich bin in Zürich, eingeladen zu einem Event mit zahlreichen „wichtigen Leuten“. Das Glück zieht bekanntlich viele falsche Freunde an, die mit ihm wieder verschwinden. Wie gewohnt beobachte ich Menschen, höre aufmerksam zu – oder tue zumindest so, wenn jemand wieder über das Wetter oder das ach-so-tolle Buffet in Anbetracht der persönlichen Gewichtsprobleme anfängt. Meine Aufmerksamkeit erwacht jedoch schlagartig, als mir eine ältere Dame im Pelz und einer prunkvoll mit Kristallen bestickte Hose nett erklärt: „Wissen Sie, Geld ist kein Luxus mehr. Die teuren Designersachen und die ganzen Marken sind uninteressant geworden. Heute ist Luxus das, was man nicht mit Geld kaufen kann, wie echte Freunde, innere Ruhe und vor allem: Zeit.“ Ja, denke ich, das ist richtig. Nur glaube ich der Authentizität einer solchen Feststellung von jemandem mit vollem Magen nur bedingt. Ziehen wir ihr Pelz und Kristalle aus und setzen sie ohne einen Groschen auf die nebelige, frostige Zürcher Dezemberstraße und reden wir, na sagen wir, am nächsten Morgen wieder. Darüber, was heute Luxus ist, zum Beispiel. Diese Gedanken schießen mir in Windeseile durch den Kopf, während ich ihr betont laut zustimme. Ja, eh. Ich ermahne mich jedoch schnell wieder, nicht zu urteilen. Ich weiß doch gar nichts über diese Frau. Wer weiß, was sie schon alles hinter sich hat?

Wie damals, als ich zufällig in einer Diskothek von einem wirklich gutaussehenden Fernsehjournalisten interviewt wurde. Er wollte wissen, was ich von Madonna halte. Ich sagte: „Ich kenne sie nicht.“ Darauf meinte er entgeistert: „Sie wissen nicht, wer Madonna ist?“ „Ich habe von ihr gehört, aber keine Ahnung, wie sie wirklich ist. Fragen Sie mich wieder, wenn ich zumindest einen Kaffee persönlich mit ihr getrunken habe.“ Er hatte es nicht verstanden und lachte mich aus. Bevor er so dämlich reagierte fand ich ihn unwiderstehlich. Da kannte ich ihn aber auch nur aus dem Fernsehen, das ich übrigens schon sehr viele Jahre nicht mehr sehen kann. Ich war nach dieser Begegnung ernüchtert. Jedes Haus sieht von vorne besser aus als von hinten – das hatte mir schon meine Großmutter beigebracht.

Ich überlege weiter und versuche zu ergründen, wie ich mich hier wirklich fühle, unter all den „wichtigen Leuten“. Plötzlich tritt jemand wieder in unser Leben – viele kennen das. Er steht irgendwo hinter mir und ich spüre seine Anwesenheit. Ich weiß, er tut es umgekehrt auch, aber weder er noch ich würden etwas sagen oder zeigen. Beide sind wir zu vernünftig, zu verantwortungsbewusst, zu beherrscht und zu bescheiden, wirklich zu glauben, der andere würde das Gleiche wollen. Also tun wir lieber nichts, als zu riskieren, etwas „Unanständiges“ zu tun oder auch nur anzudeuten, dass man eventuell bereit wäre, wenigstens dieses eine Mal, die unsichtbare Grenze der Sittlichkeit zu überschreiten.

Wäre das wirklich so schlimm? Ja, für uns beide, so, wie wir „gestrickt“ sind, wäre es das. Weil alle Anständigen dann auch die Konsequenz ziehen müssten; weil sie mit einer Lüge nicht leben könnten; weil sie niemanden verletzen wollen; und weil es am Gesamten höchstwahrscheinlich sowieso nichts ändern würde. Um also zu vermeiden, dass irgendjemand leidet, tun wir einfach nichts, bleiben ruhig, höflich und beherrscht, während die Seele innerlich nach Liebe und Zärtlichkeit schreit. Man kompensiert das Verlangen dann mit etwas anderem, etwas, das die Sehnsüchte der Seele betäubt, wie Alkohol, andere Drogen oder Unmengen von Essen oder Süßigkeiten, während man alleine in den Keller weinen geht. Man vergiftet sich mit einer Tonne Zigaretten oder arbeitet bis zum Umfallen, um todmüde ein wenig schlafen zu können. Und die Seele schreit immer lauter und die Dosen müssen gesteigert werden, immerfort. Selten ist ein gefühlloser Mensch auf der Straße gelandet, das passiert leider eher den Sensiblen.

Jetzt fliege ich aus der Schweiz nach Hause. Zürich war diesmal in Nebel eingehüllt gewesen, bis auf zwei Meter Entfernung hatte man nichts mehr erkennen können. Etwa so betrübt war auch meine Freude darüber gewesen, dort zu sein – im Kern viele nette und warme Gedanken und Sehnsüchte, jedoch von dickem grauem Nebel ähnlich umhüllt, sodass man nicht einmal erahnen hätte können, was sich dahinter verbarg. Der einzige Lichtblick war eine liebe Freundin gewesen, die ich besucht hatte. Sie wiederzusehen war der eigentliche Grund für meine Reise gewesen. Plötzlich, wie aus dem Nichts, erfassen uns heftige Turbulenzen. Die Menschen im Flugzeug halten sich nach vorne gebeugt fest, manche schreien. Der Pilot meldet sich mit einer Durchsage, versucht, die Passagiere zu beruhigen. Ich sitze entspannt zurückgelehnt und denke, über meine eigene Ruhe verwundert: Wenn ich jetzt sterben müsste, was würde mir leid tun? Es kommen mir paradoxerweise so viele Dinge in den Kopf, die ich hätte tun wollen, aus Anstand aber nicht getan habe.

Gefühle sind wie bunte Vögel aller möglichen Farben und undenkbarer Schattierungen. Zu mir kommen meistens süße, kleine Babyspatzen, die man beschützen möchte. Manchmal, wenn ich Glück habe, schaut ein bunter Kolibri vorbei. Adler oder Habichte fliegen woanders hin. Ich frage mich immer wieder, wie es möglich ist, dass man selbst von Spatzen bewohnt wird und andere glauben, dass lauter Adler, Habichte, Pelikane oder sogar ab und an ein Pfau in einem/r wohnen.

François de La Rochefoucauld schrieb: „Wer ohne jede Narrheit lebt, ist nicht so weise, wie er glaubt.“ Das habe ich relativ spät in meinem Leben gelesen. Ja, ich kann wirklich jedem in die Augen sehen. Wenn es nur Ohren wären, mit denen wir kommunizieren müssten, wäre es nicht so einfach. Vermutlich müssten wir die lauten Seelenschreie dann noch mehr betäuben, damit wir „anständig“ blieben und sie letztlich niemand hört. Und am Ende bereuen wir es offenbar. Aber auch umgekehrt: Wenn wir ohne Würde und Anstand dieses Leben gelebt haben, dann haben wir Angst vor dem, was danach kommt, wir bereuen es ebenfalls und beten zu den jeweiligen Göttern, uns unsere Sünden zu vergeben. Also bereuen wir am Ende alle etwas, egal, wie wir gelebt haben.

Ich habe schon so viele Menschen sterben gesehen, zu viele, betreue ich doch seit drei Jahrzehnten KrebspatientInnen. Dabei habe ich ganz selten erlebt, dass jemand friedlich eingeschlafen ist, es sei denn, die Person wurde mit Opiaten so betäubt, dass kaum ein Atemhauch zu vernehmen war. Inzwischen habe ich erfahren: Diejenigen, denen das ohne Opiate gelingt, haben schöne Erinnerungen und jemanden „oben“, zu dem sie gefühlsmäßig hingehen. Man sollte so leben, wie man sich, wenn man stirbt, wünschen würde, gelebt zu haben – doch leider ist man immer erst im Nachhinein klüger.

Eine meiner engsten Freundinnen stirbt gerade an Krebs, will es aber nicht wahrhaben. Was ist das in uns? Immer sind wir unzufrieden und schimpfen über das Leben, aber wenn dann der Moment kommt, es zu verlassen, will doch fast niemand gehen. Eine Patientin sagte mir, sie war ihr Leben lang immer depressiv gewesen, sogar suizidgefährdet, doch seit sie die Diagnose Krebs bekommen hat, möchte sie unbedingt weiterleben. Die Menschen tun alles, um noch ein wenig länger hier zu sein.

Ein Riesengeschäft ist aus der Not jener Menschen entstanden, die zum Tode durch eine Krankheit verurteilt sind. Was ich schon alles gesehen und erlebt habe, das manche Menschen als Heilmittel anpreisen, ist unglaublich. Doch die Verzweiflung treibt die Kranken dazu, viel Geld für unfassbar viel Unsinn auszugeben. Jedoch schlimmer noch, als Geld zu verlieren, ist eine gekeimte Hoffnung wieder zunichtezumachen. Meine Freundin war auch so jemand, von Spinnengift über verschiedenste Gebräue und vermeintliche WunderheilerInnen hatte sie alles versucht – überall auf der Welt, um das Unvermeidliche ein wenig hinauszuzögern. Sie konnte es sich finanziell noch einigermaßen leisten.

Ich denke, es ist die Angst vor dem Unbekannten, gepaart mit Verlustängsten und der Sorge um die Familie. Bei vielen womöglich auch die Angst vor der Konsequenz des Lebens, das sie geführt haben. Es wird uns doch schon immer unsinnigerweise von der Hölle erzählt. Ich sitze da und trauere um sie alle. Dabei denke ich an Afrika und daran, was ich dort alles gesehen und erlebt habe. An „ubuntu“, den Gruß der Zulu, der so viel bedeutet wie: „Ich bin, weil wir sind.“ Großartig, denn es ist tatsächlich so: Ohne die anderen wären wir alle nichts. Wie einst André Heller sagte: „Wie die Menschen dort in einem Trotzdem leben und dem so viel Stärke und persönliches Leuchten abringen – das kann man sich durchaus zum Vorbild nehmen.“ So fallen manchmal meine Versuche aus, alles zu relativieren. Das Rezept kann ich nur empfehlen. Es hilft immer, wenn man nicht nur auf sich selbst schaut.

Nach meinen vielen Begegnungen mit dem Tod teile ich in der Zwischenzeit die Menschen in zwei Gruppen: solche, die leicht, und solche, die schwer sterben. Die meisten kämpfen fürchterlich, manche wochen- oder gar monatelang. Am schlimmsten und längsten ist der Todeskampf für jene, die an irdischen Besitztümern haften, Angst vor den Konsequenzen ihres gelebten Lebens haben oder unversorgte kleine Kinder verlassen müssen. Und am leichtesten haben es die, die über nicht viel Materielles, doch über viele Erinnerungen verfügen. Sie schwelgen dann in diesen und sind gar nicht mehr da. Der Körper, ihr Kleid für das irdische Leben, geht sie nichts mehr an. Sie lassen einfach los, ziehen es langsam aus. Am Sterbebett braucht man also viele Erinnerungen, um loslassen zu können. Was bedeutet, dass man sein Leben in vollen Zügen leben und genießen soll. Das setzt wiederum voraus, sich zu trauen, auch etwas zu riskieren. Weil es richtig ist. Raus aus der Komfortzone, rein ins Risiko. Nur so werden wir am Ende sagen können: Ja, dieses Leben war es wert, gelebt zu werden – mit all seinen Höhen und Tiefen.

Die Menschen haben das Geschenk bekommen, ihr Leben so gestalten zu können, als würde es ewig andauern. Das ist genial, denn wie sähe unser Leben aus, wären wir uns ständig des Endes bewusst? „So ist also der Tod, das schrecklichste der Übel, für uns ein Nichts: Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr“, nach Epikur. Doch ich persönlich bevorzuge die Aussage von Mohandes Karamchand Gandhi: „Lebe, als würdest du morgen sterben und lerne, als würdest du ewig leben.“ Bei solch großen Geistern der Geschichte, wie Jesus, Mohammed, Jeanne d‘Arc, Galilei, Gandhi oder Mandela, kann ich nicht aufhören, mich zu fragen: Warum müssen die Menschen immer die stärksten und die innovativsten unter ihnen verraten?

Leider assoziieren wir das uns Bekannte immer mit vermeintlicher Sicherheit. Wie auch meine Großmutter zu sagen pflegte: „Wenn alle Menschen ihre Sorgen auf einen Haufen würfen und sich dann daraus neue aussuchen könnten, würde jeder wieder um seine eigenen rennen.“ Genauso, wie am Flughafen jeder um seine Koffer rennt. Paulo Coelho schreibt, es gibt zwei Dinge, „die einen Menschen daran hindern, seine Träume zu verwirklichen: der Glaube, sie seien ohnehin unerfüllbar, oder wenn diese durch eine unerwartete Drehung des Schicksalsrades plötzlich doch erfüllbar werden. In solchen Augenblicken bekommt man Angst vor einem Weg, von den man nicht weiß, wohin er führt, vor einem Leben voller unbekannter Herausforderungen, davor, dass vertraute Dinge für immer verschwinden könnten. Der Mensch will immer, dass alles anders wird und gleichzeitig will er, dass alles beim Alten bleibt.“ Sprichwörtlich: Besser einen Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach.

Es ist tatsächlich so: Man lernt, mit seinen Sorgen und Nöten irgendwie umzugehen. Alles Fremde ist ein Risiko, man geht lieber auf Nummer sicher. Das ist auch der Grund dafür, warum Gewohnheiten so schwer loszuwerden sind, wenn wir uns das vornehmen. Diese sind nämlich aus gutem Grund entstanden. Wir haben uns mit deren Hilfe den jeweils angenehmsten Weg gesucht, um unseren Alltag zu bewältigen, besonders dann, wenn er eintönig ist. Viele teilen Gewohnheiten in gute und schlechte. Ich finde, alle Gewohnheiten sind letztlich da, um uns irgendwie zu helfen. „Gewohnheiten kann man nicht aus dem Fester werfen, man muss sie, wenn man sie loswerden will, Stufe für Stufe runterprügeln“, sagte Mark Twain. Genauso kann man das Gewissen nicht schlecht, sondern gut nennen – weil es uns letztlich schützt. „Sei deines Willens Herr und deines Gewissens Knecht“, schrieb Marie von Ebner-Eschenbach. Und wenn man es nicht schafft, mit den eigenen Nöten umzugehen, wird man krank und stirbt früher. Denn ob man bereitwillig stirbt, oder nicht: Der Tod ist unvermeidlich. „Nichts ist so sicher, wie der Tod“ besagt das bekannte Sprichwort.

Ich denke an all die Kämpfe, die jeder Mensch im Laufe seines Lebens führt, obwohl er dann ohnehin nicht auf der Erde bleiben kann, sondern weiterziehen soll – wenn er es denn verdient. Wenn nicht, geht es von vorne los, nur in einer anderen Zusammensetzung. Dieses Leben ist endlich für jeden von uns, egal, wie wir gelebt und wie viel wir besessen haben. Nackt kommen und nackt gehen wir, auch das wissen wir alle. Da nützt weder einem Pharao all das Gold, das er mit sich begraben lässt, noch die Hingabe so vieler Unschuldiger, die mit „ihren Herren“ lebendig eingemauert werden, etwas. Deswegen verstehe ich solch sinnlose Kämpfe nicht, beispielsweise die mit dem Nachbarn um die genauen Grenzen der Grundstücke.

Dergleichen ist für mich genauso absurd wie wenn etwa zwei Bakterien in meinem Darm stritten, welches Stück davon ihnen gehört. Als würden Bakterien auf solche Ideen kommen – nur dem Menschen fallen sie ein. Die Erde gehört uns nicht, genau so wenig, wie unser Körper einem dieser Bakterien gehört. Wir sind nur kurzfristige Bewohner und dürfen diesen wunderschönen Planeten nutzen. Vielmehr sollten wir dankbar dafür sein und einander helfen, damit dieses kurze Leben so gut und interessant wie möglich wird. Sich freuen, der Inspiration folgen, etwas Sinnvolles schaffen und genießen, so lange es geht. Und glücklich sein. Doch man streitet lieber um vermeintliche Grenzen, die man sich zuvor erkämpft, erkauft oder ausgedacht hat.

Grenzen sind nicht mit Regeln zu verwechseln. Regeln sind manchmal notwendig, aber niemand wird durch sie gezwungen, den eigenen Verstand auszuschalten. Nur weil beispielsweise eine Ampel an der Kreuzung Grün zeigt, sollte man noch lange nicht aufhören, zu überlegen, ob man die Straße tatsächlich gefahrenlos überqueren kann. Denn nicht alle halten sich immer an Regeln oder Vorschriften. Mehr noch, wenn beispielsweise eine Vorschrift so realitätsfern ist, dass bereits im Vorhinein feststeht, dass niemand sie genau so einhalten kann und wird, und man daraufhin Wege suchen muss, um diese Vorschrift zu umgehen, dann erzieht man die Menschen zur Normverletzung – auch in anderen Bereichen. Wir schummeln uns durch derartige Vorschriften und wer kann dann noch sagen, wo genau die Grenze liegt? Diejenigen, die diese Schummelpfade bereits gefunden haben, geben die „Lösung“ an andere weiter. Genau diese Art von Doppelmoral, welche man uns – übrigens oft als etwas Selbstverständliches – beibringt, kann zum Verhängnis werden, wie ich es einige Male gesehen habe. Friedrich Wilhelm Nietzsche schrieb: „Theologisch geredet – man höre zu, denn ich rede selten als Theologe – war es Gott selber, der sich als Schlange am Ende seines Tagewerks unter den Baum der Erkenntnis legte: Er erholte sich so davon, Gott zu sein… Er hatte alles zu schön gemacht… Der Teufel ist bloß der Müßiggang Gottes an jedem siebenten Tage… “

Seit geraumer Zeit sind Geflüchtete aus mehreren Kriegsgebieten ein großes Thema in der Gesellschaft. Die Medien sind voll davon und betreiben eine regelrechte Angstmache. Die Menschen haben aber schon lange davor angefangen, Verstecke mit hohen, undurchsichtigen Zäunen rundherum zu bauen. In aller Regel – und das ist auf der ganzen Welt so – gilt: Je reicher die Gegend, desto höher die Zäune. Die westliche Welt stellt Waffen bereit und unterstützt die Kriege in den betroffenen Ländern. Und dann wundern wir uns darüber, dass die Menschen von dort zu uns fliehen und das Leben ihrer Kinder retten wollen? Wir haben diese Situation doch selbst herbeigeführt. Sich über Geflüchtete zu empören ist in etwa so sinnbefreit, wie sich im Winter über den Schnee zu wundern. Menschen sind seit Anbeginn migriert. Doch diese geschaffene „Flüchtlingskrise“ schürt viele Ängste in jenen, die sich durch „die Anderen“ bedroht fühlen und weckt das Schlimmste in ihnen.

Fest steht, dass es ohne beidseitige Toleranz nicht geht. Eine Parabel als Beispiel dazu: Ich habe in meiner Wohnung einen weißen Teppich, der weiß bleiben soll und ich möchte, dass meine Gäste das respektieren und sich die Schuhe ausziehen, wenn sie mich besuchen. Wer meint, er/sie ziehe seine/ihre Schuhe auch in der eigenen Wohnung nicht aus, und sie deshalb auch bei mir anbehält, wird kein zweites Mal eingeladen. Was ich damit meine: Wenn man in ein fremdes Haus kommt, hat man die Regeln zu respektieren, die dort herrschen, anderenfalls muss man woanders hingehen. Für jene Gäste, die sich bei mir jedoch die Schuhe ausziehen und sie im Vorzimmer lassen, werde ich ein tolles Essen auftischen und sie von ganzem Herzen willkommen heißen. Wir werden uns gut unterhalten, einander helfen, voneinander lernen und das jeweils Andere an uns respektieren. Meine besten Freundinnen in der Grundschule waren eine Muslimin und eine orthodoxe Serbin, ich selbst wurde in eine römisch-katholische Familie hineingeboren. Doch wir drei waren unzertrennlich und haben alles gefeiert, was es nur zu feiern gab: Zweimal Weihnachten, Bajram, Ramadan, zweimal Ostern – die Liste ließe sich fortsetzen. So einfach ist das – im Kleinen wie im Großen.

Es würde kein Blut vergossen werden, wenn alles stets nach dem Gesetz unseres inneren Radars, wie ich ihn nenne, ablaufen würde. Blut ist übrigens nahezu die einzige Substanz, die nicht künstlich hergestellt werden kann. Ich bin mir sicher, dass es auch in Zukunft so bleiben wird. Die Schöpfung hat es mit gutem Grund so eingerichtet. Und wir lassen kubikliterweise dieser Kostbarkeit für vermeintliche Grenzen fließen, von den Milliarden vergossener Tränen dabei ganz zu schweigen.

Zu solchen Entwicklungen der Politik kommt es mitunter, weil es vergleichsweise oft die schlechtesten SchülerInnen schaffen, plötzlich „große“ PolitikerInnen zu werden und somit zu bestimmen, wohin es geht. Ich werde nie jenen Artikel einer angesehen Zeitschrift vergessen, der die Schulnoten der PolitikerInnen des Landes publik machte: Allesamt fast komplette Nieten in der Schule – das war eine Erkenntnis! Jetzt machen plötzlich jene, die nicht zwei und zwei zusammenzählen konnten und deren MitschülerInnen ihnen bei den Hausaufgaben halfen – damit sie die Schule mit Ach und Krach letztlich doch schafften – die Regeln und bestimmen die Richtung. Da hörte ich auf, mich endlos über die Politik zu wundern. Ich hörte gar auf, mich dafür zu interessieren.

Wenn nämlich eine Institution oder ein Staat stagniert, dann sollten die Gesetze so frei wie möglich sein, mit dem höchstmöglichen Grad an Flexibilität für jene Leute, die diesen Zustand positiv beeinflussen können. Die Bürokratie sollte auf ein Minimum beschränkt werden, mit so wenigen Barrieren wie möglich. Man muss Grenzen öffnen und sich mit anderen Teilen der Welt durch Kanäle und Straßen verbinden – für neue Inspiration und einen erfrischten Geist. Im wahrsten Sinne des Wortes über den Tellerrand blicken. Heute ist jedoch genau das Gegenteil der Fall. Plötzlich errichten wir Mauern, wo immer es geht. Und bezahlen auch noch teuer dafür.

„Obwohl er noch nie da gewesen war, hatte ihn sogleich dasselbe Gefühl ergriffen wie damals, als er zum ersten Mal das Meer gesehen hatte. In der Silhouette der großen Stadt, der Silhouette des vollkommen Unbekannten, fühlte er sich sofort zu Hause. Es war sein zweites Reich, zu dem er eine überraschende Zugehörigkeit empfand. Das gab ihm den Gedanken ein, dass alle Menschen, die vor dem Krieg, einer Seuche oder einer Naturkatastrophe fliehen mussten, irgendwo ein zweites Zuhause hatten, das sie erwartete. Es galt nur, bis zu dem Punkt weiterzumachen, an dem alle Kräfte erschöpft waren. Genau da, wo die Erschöpfung sich in einen eisernen Griff um die letzten Reste des Willens verwandelt hat, wartet das Zuhause, von dem du nicht wusstest, dass du es hast“, schrieb Henning Georg Mankell – ich finde es so gut getroffen.

Kehre erst vor deinem eigenen Haus, bevor du zum Nachbarn schielst–- würde es auch die Politik so machen, hätten wir alle erwähnten Probleme nicht. Doch die Gier des Menschen ist leider immer stärker. Zhu Xi erkannte: „Nur wenn man den Sinn gerade richtet, wird die eigene Person veredelt. Nur wenn man die eigene Person veredelt, werden die Familien geordnet. Nur wenn man Familien ordnet, werden die Länder gut regiert. Und nur wenn man die Länder gut regiert, ist Frieden in der Welt.“ So wie sich die Menschheit bis dato entwickelt hat, ist diese Betrachtung die einzige Möglichkeit, noch etwas halbwegs Gutes daraus zu machen.

Die meisten Menschen verbringen ihre Zeit auf Erden mit solch vermeintlich wichtigen Aufgaben, wie jener, kurzweiligen „Besitz“ anzuhäufen und zu verteidigen. Wir zahlen anderen Menschen viel Geld für ein Stückchen Land. Wer hat als Erster in der Geschichte entschieden, dass ein gewisses Grundstück genau einem gewissen Menschen gehört und er Zäune rundherum errichten darf? Warum gibt es überhaupt Länder, Staatsbürgerschaften, Unmengen an Bürokratie, Kosten und Wartezeiten, um über Grenzen kommen zu dürfen, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu definieren, verschieben, gar verschwinden? Wie oft saß ich mit meinen Kindern schon stundenlang bei glühender Sommerhitze an einem solchen Grenzübergang in meinem alten, nicht-klimatisierten Wagen, um in meine frühere Heimat zu gelangen und meine Mutter zu besuchen? Warum muss man nach einem zehnstündigen Flug noch zwei Stunden in einer Schlange stehen, damit man das Land betreten und sich dort aufhalten darf? Ich finde es irgendwie demütigend: Jemand in Uniform steht an dieser Grenze und entscheidet, ob ich würdig bin, das Land zu betreten. Wer sagt, dass er/sie würdig ist, das zu entscheiden? Für solche Grenzen sind immer viele Menschen gestorben.

Viel schöner, finde ich, wäre eine absolute Bewegungsfreiheit ohne Kontrolle, die Freiheit zu leben und zu arbeiten, wo immer man möchte. Dann kann man entscheiden, wo es einem gefällt und man sich niederlassen, sich ein Heim bauen möchte, wie die Vögel ihre Nester: Platz genug für alle. Es ist ohnehin so, dass der Mensch am liebsten dort bleibt, wo er Zuhause ist, wo er sich auskennt und wahrgenommen wird – ein soziales Wesen eben. Nicht dort, wo er als Individuum untergeht und unsichtbar wird, neben Millionen anderer Menschen, die genau das gleiche Dasein teilen. Ein solches Leben fördert das Schlimmste im Menschen zutage. Und es ist eine Abwärtsspirale.

Irgendwo las ich: „Eine wichtige Frage: Willst du Spuren hinterlassen auf dieser Welt, oder nur Schuhe?“ Ich hatte eine Freundin, die verrückt nach Schuhen war. Einmal waren wir gemeinsam in Barcelona und gingen nach einer durchzechten Nacht frühmorgens zu Fuß zu unserem Hotel zurück. Am Pier hob sie plötzlich den Kopf, blieb stehen, zeigte mit dem Finger auf eine Palme und sagte: „Schau, Schuhe!“ Ich dachte nur: „Oh Mann, jetzt sieht sie sogar schon Schuhe – sie ist wirklich betrunken.“ Ich folgte dennoch ihrem Blick und sah tatsächlich Schuhe von dieser Palme hängen. Jemand hatte sie offenbar nach oben geworfen und sie blieben in den Zweigen stecken. Wir mussten so lachen. Es gibt nichts, was es nicht gibt!

Doch Grenzen scheinen wichtiger zu sein, als anderen mit Freude zu begegnen, als Individuum wahrgenommen zu werden, einander zu helfen, gemeinsam zu gestalten, sich auszutauschen, zu reisen und sich diese wunderschöne Welt anzusehen, ohne Angst vor irgendeiner Art von Gewalt und Kontrolle – weil alle die Freiheit haben könnten und alles, was sie bräuchten, statt zu glauben, anderen etwas wegnehmen zu müssen. Doch wir haben uns so daran gewöhnt, für andere zu schuften, um ein kleines Plätzchen für uns bezahlen und dieses „besitzen“ zu können. Die Menschen haben Angst vor einer ungewissen Zukunft ohne Arbeit und regelmäßigem Einkommen. Deswegen kann man uns auch leicht erpressen und ausbeuten. Die „Reichen“ werden dadurch immer „reicher“ und die „Armen“ eben „ärmer“.

Der Untergang der Menschen fing mit der Idee des Besitzes an, dachte ich einmal im Bus, während ich die wunderschönen Berge aus der Ferne beobachtete. Diese gehörten nämlich auch keinem Menschen. Später fand ich in der Bibel folgendes Zitat von Jesus: „Darum kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.“ Da wusste ich, dass meine Gedanken nicht so absurd sein konnten. Es wäre alles anders gelaufen, wären wir nicht Wesen geworden, die an „Besitz“ haften. Wir hatten die Wahl. Vermutlich kommt Jesus kein zweites Mal.

Ich hätte es lieber gehabt, wenn von Anfang der menschlichen Entwicklung an gute Eigenschaften stärker gewesen wären; wenn der Mensch kein Besitzdenken entwickelt hätte, wir alle gemeinsam arbeiten und leben würden und jede/r alles, was er/sie erwirtschaftet, der Gesamtheit zur Verfügung stellt und von allem anderen genau so viel nimmt, wie er/sie braucht. Ohne Gier, dafür mit Würde, Wohlwollen, Weisheit, Liebe und mit Respekt vor allen Lebewesen und der Natur. Das bedeutet, auch Tiere nicht „besitzen“ zu wollen, sondern ihnen die Freiheit zu gönnen, so leben zu dürfen, wie es ihrer Natur entspricht. Doch der Mensch maßt sich an, Tiere zu halten, andere Lebewesen zu „besitzen“, als Handelsware, Spielzeug, Zirkusstars, Zeitvertreib oder Familienersatz und behauptet, sie zu lieben. Ja, das tut er dann auf seine Art in manchen Fällen auch bestimmt – schließlich ist es ein Lebewesen mit Herz und Hirn. Dann aber sperrt er sie, teils unter ungeheuerlichen Bedingungen, in Ställe, Aquarien, Terrarien, oder Käfige und errichtet Zoos, um jene Tiere, die zu groß, zu teuer oder zu exotisch für die Haltung in den eigenen vier Wänden sind, begaffen zu können. Der Käfig kann noch so golden sein – ein Gefängnis bleibt er dennoch. Und das soll Tierliebe sein?

Nur ist die Umkehr von diesem Besitzdenken nunmehr leider etwa so realistisch, wie einen Wal zu verschlucken, deswegen ist es bei „Utopia“ geblieben. Die Menschheit wird sich mit so einer Einstellung den anderen Lebewesen, der Natur und unserer Erde gegenüber in weiterer Folge wieder zugrunde richten und darf – wenn überhaupt – erneut von vorne anfangen. So viele Zivilisationen vor uns sind nahezu spurlos verschwunden. Wir haben aber leider gar nichts aus der Geschichte gelernt. „Nur zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Beim Universum bin ich mir allerdings nicht so sicher“ – diese Aussage von Albert Einstein ist weltbekannt. So wird es wahrscheinlich noch lange sein. Doch auch das ist wohl ein Teil der Gesamtschöpfung und wer weiß schon wirklich genug, um darüber urteilen zu dürfen?

Schon im 15. Jahrhundert prophezeite Leonardo da Vinci: „Auf der Erde wird man Geschöpfe sich unaufhörlich bekämpfen sehen, mit sehr schweren Verlusten und zahlreichen Toten auf beiden Seiten. Ihre Arglist kennt keine Grenzen. In den riesigen Wäldern auf der Welt fällen ihre grausamen Mitglieder eine riesige Zahl an Bäumen. Sind sie erst mit Nahrung vollgestopft, wie wollen sie ihr Bedürfnis befriedigen, jedem lebenden Wesen Tod, Trübsal, Verzweiflung, Terror und Exil zuzufügen… O Erde! Worauf wartest du, um dich zu öffnen und sie in die tiefen Spalten deiner großen Abgründe und deiner Höhlen zu reißen und dem Angesicht des Himmels ein so grausames und furchtbares Monster nicht mehr zu zeigen!“

Die Turbulenzen sind vorbei. So wie die Tiefs im Leben.

Wir landen sicher und in der Zeit.

II. KAPITEL

Über Lernen und Erfahrung

Ich lese auf meinem Balkon. Es ist ein wunderschöner Frühlingssonntag, und der Sonnenschein lädt ein, es sich draußen gemütlich zu machen.

Ich habe immer viel Kraft aus Büchern – von meinen, wie ich sie nenne, lebenden und toten FreundInnen – geschöpft und viel von ihnen gelernt. Manche dieser FreundInnen sind schon sehr, sehr lange tot. Ich sehe Bücher als meine Hühnersuppe für die Seele, meine echten FreundInnen, die immer da sind, wenn ich sie brauche. Selten hat mich eines von ihnen enttäuscht, und obwohl kein Buch für mich die absolute Wahrheit verkündet (gibt es die überhaupt?), sind fast überall interessante Gedanken zu finden. Die Wahrheit ist sehr flexibel und stellt sich jedem/r von uns stets so vor, wie wir sie sehen wollen. Sie wendet sich nicht von sich aus eindeutig in unsere Richtung, um sich in all ihrer Gnadenlosigkeit zu enthüllen, sondern wir müssen uns ihr direkt entgegenstellen, wollen wir sie wirklich ganz sehen.

Darüber hinaus habe ich vom Leben gelernt, von unzähligen Menschen, denen ich begegnet bin und sehr, sehr viel von der Natur selbst. Allerdings konnte ich nie alles wörtlich wiedergeben, was ich gelesen, gehört oder gelernt hatte. Viele kennen das: Selten hat ein Film das Buch übertroffen, auf dem er basiert. Ich konnte stets nur das wiedergeben, was ich als Grundbotschaft mitgenommen hatte, aber es war nie meine Stärke, aus dem Stegreif kluge Zitate von mir zu geben – obwohl ich sie liebe und schon Kalender und Notizbücher voller inspirierender Zitate kluger Menschen für meine Krebsorganisation, die sich Jugendlichen und jungen Erwachsenen widmet, herausgegeben habe. Meine Großmutter hat mich im wahrsten Sinne des Wortes sprichwörtlich erzogen. Sie hatte für jede Lebenssituation den passenden Spruch oder die richtige Metapher parat. Doch etwas aus Büchern auswendig zu lernen, war nie mein Ding – auch nicht in der Schule. Ich musste das Gelernte verstehen, um es wiedergeben zu können. Auch im Witzeerzählen bin ich wahrlich kein Talent. Genauso wenig liegt es mir, die Theorien bestimmter Philosophen auswendig zu zitieren. Wie bereits erwähnt, fange ich laut meinen Kindern jedoch zu „philosophieren“ an, sobald ich einen Schluck getrunken habe – wie wohl die meisten Menschen in einem solchen Zustand. Nur sprudelt dann eben meine eigene „Philosophie“ aus mir heraus – das, was ich gelernt, erfahren oder mir gemerkt habe, weil es für meinen inneren Radar stimmig ist. Den Rest verwerfe ich.