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Wenn sich die Schatten des Bösen über das Königreich Lómea legen, werden vier jungen Menschen eine Prophezeiung erhalten, die von einer beinahe vergessenen Macht niedergeschrieben wurde. Die Schrift gibt aber nicht nur Anlass zur Hoffnung, sondern prophezeit auch einen Verräter unter den Auserwählten, der dem Gift des Schattenkönigs erliegen wird. Seit vielen Dekaden dringt es schon in die Tiefen des Landes vor und macht nicht einmal vor den Göttern Halt. Kann es den Auserwählten um Fenin gelingen, gegen das Böse zu bestehen?
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Seitenzahl: 888
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Titel
Karte von Lómea
Prolog – die Todestrommeln
1. Der Aigjarskul
2. Die Wahrheit der Götter
3. Die Schmiede
4. Die Prophezeiung
5. Magie
6. Die letzten Stunden
7. Die Wahrsagerin – 19 vor Fenin
8. Bekannte Gesichter
9. Emiras
10. Travador
11. Nael
12. Offenbarung
13. Aufbruch in die Ungewissheit
14. Dämonen der Nacht
15. Ankunft in Denor
16. Die schwebende Sonne
17. Der Schiffsherr
18. Vier gegen eins
19. Das Schicksal nimmt seinen Lauf
20. Führungslos
21. Die auferstandenen Toten
22. Bienengift
23. Reise mit Hindernissen
24. Ofelia
25. Am kleinen Finger
26. Die Nacht der Prophezeiung
27. Auf der Jagd
28. Die Liebe meines Lebens
29. Erkenntnis in der Morgenröte
30. Hass-Glück-Trauer-Entsetzen
31. Lehrstunde
32. Die Brisziden
33. Erkenntnis
34. Der magische Schwur
35. Drache und Reiter
36. Kein Morgen wie jeder andere
37. Finstere Tage
38. Der magische Käfig
39. Das letzte Puzzlestück
40. Verräter
41. Ein Plan
42. Der große Tag
43. Azoriás
44. Der letzte Kampf
45. Ein neues Zeitalter
46. Aufbruch in die Vergangenheit
Impressum
Marcel Breidung
Fenin
Wähle dein Schicksal
Die Dunkelheit senkte sich über Lómea herab. Die Hufe der Rappen dröhnten wie die Todestrommeln vor einer Hinrichtung. Sie peitschten durch das weiß glänzende Flussbett hindurch und ließen das glasklare Wasser kreischend aufspritzen. Die Tropfen landeten auf dem Fell der vierzehn Pferde und den Mänteln ihrer gänzlich in schwarz gehüllten Reiter. Kaum darauf gelandet, waren sie bereits zu kleinen Eiskristallen gefroren. Der Anführer der Reiter hielt einen Stab in der Hand, an dessen Kopf eine schwarze Sonne prangte. Gemeinsam preschten über klackernde Steine hinweg in die Ebene hinein, die unter den Hufen der Pferde zu beben begann. Die Luft, der Boden, alles, was mit den schwarzen Reitern in Kontakt kam, wurde von ihnen als Saite missbraucht, um das Lied der Finsternis zu spielen, das ganz Lómea erzittern ließ. Die Vierzehn stießen wie eine Speerspitze in ihr auserkorenes Dorf hinein, bis sie das Herz dessen erreichten. Kaum eine Menschenseele war zu sehen. Die meisten hatten sich in ihren Häusern verbarrikadiert und wollten das Übel an sich vorüberziehen lassen. Doch dieser aufziehende Sturm würde nicht Halt machen. Weder vor ihnen noch vor dem Rest des Landes. Mit einem Schwenk des schwarzen Stabes schwärmten die Dämonen aus. Türen wurden eingetreten, Frauen an Haaren durch den Dreck gezogen, Männer blutig geprügelt. Schreie von Frauen, Kindern und auch den tapfersten Männern erfüllten das Dorf, bis alle ihre schützenden Häuser verlassen hatten und zu Fuße der schwarzen Macht kauerten.
»Schön, dass ihr eure Gäste so herzlich willkommen heißt. Ihr fragt euch sicher, wer euch an einem solch unscheinbaren Tag besuchen kommt, was? Heute scheint euer Glückstag zu sein, denn ich gedenke nicht, euch Unwürdige länger auf die Folter zu spannen: Ihr dürft unsere – meine - Ankunft unter dem Namen Schattenkönig preisen und verbreiten.« Sein Pferd plusterte die Nüstern auf. »Heute will ich euch eine Geschichte aus dem Reich der Toten erzählen, die diesem Land den dunklen Glanz wiedergeben wird, den es einst innehatte«, erklang die Stimme eines Mannes, die jedes Wort so finster klingen ließ, als würde man mit einem Beil Knochen zerhacken. »Sicher glaubt ihr alle an den einzigwahren Gott, Elgatos.« Der Schattenkönig sprach die Worte mit einer solch ironischen Betonung, dass ein jeder der Dorfbewohner das Gefühl hatte, sich für seinen Glauben schämen zu müssen. Den Glauben, den ein ganzes Land teilte. »Er ist der Erschaffer von allem Guten, während seinem weniger bekannter Bruder, Rionnesos, bestenfalls all das Göttliche zugeschrieben wird, was ihr in eurer Hochnäsigkeit als schlecht anseht. Ist es nicht so?«
Eine zarte, kaum vernehmbare Zustimmung erklang, beinahe so, als drückte man einem Menschen die Luft ab und er konnte nichts, als ein Keuchen von sich geben. Genauso hatte der Schattenkönig die Dorfbewohner im Griff.
»Oder sagt euch der Name Rionnesos etwa gar nichts?«
Das Dorf, als hätten die dunklen Reiter nun jeden Funken Leben im Keim erstickt, blieb im Mantel des Schweigens gehüllt.
»Nicht so schüchtern. Ihr mögt in Unwissenheit geboren und bis zum heutigen Tage gelebt haben, aber dafür bin ich ja da. Denn mir – MIR - haben die Götter ihre Wahrheit anvertraut und mich damit beauftragt, sie in Lómea zu verbreiten. Wusstet ihr…«, sagte der Anführer der Reiter, der Schattenkönig, und schien sich gelangweilt den Dreck unter seinen ungepflegten Fingernägeln hervorzupulen, bis er eine Faust ballte und mit dieser schallend in die Handfläche seiner anderen Hand schlug. »… dass es neben diesen beiden auch noch einen dritten Göttersohn gibt? Er nennt sich Trinithius, wird allerdings erst später in meinen Erzählungen eine Rolle einnehmen, dafür aber eine umso gewichtigere. Wie dem auch sei… als Kinder von Nephesseos, dem Urvater der Götter, hatten Elgatos und Rionnesos nie irgendwelche Probleme.« Bei dem Namen Rionnesos begannen die dreizehn Druiden damit, eine schaurige Melodie zu summen und sie sollten auch nicht mehr damit aufhören, bevor ihr Oberhaupt mit seiner Geschichte enden würde.
»Alles fiel ihnen zu, jeder ihre Wünsche ging mit einem Fingerschnipsen in Erfüllung. Die beiden älteren Brüder pflegten ein prächtiges Verhältnis zueinander, das kaum hätte besser sein können. Jeden Tag spielten sie miteinander und gingen gemeinsam in den Unterricht bei den Gelehrten, die mit ihnen in der Unendlichkeit weilten. So lief viele Jahre alles gut zwischen den beiden und auch als ihr überallesgeliebter Bruder, Trinithius, geboren wurde, spielten sie mit ihm, wann immer es die Pflichten von heranwachsenden Göttern zuließen. Doch wie es in allen Beziehungen und Freundschaften unserer irdischen Welt vorkommt, zerbrach auch ihre Beziehung eines Tages. Und wie so oft geschah dies, als die beiden älteren Brüder begannen, sich für Frauen zu interessieren.
Eines unglaublich schönen Tages wanderte nämlich Brisillies, die Sonnengöttin, an ihnen vorbei und wie es nun mal ist, wenn eine schöne Dame an einem vorbeistolziert, erweckt es das Interesse in einem. In diesem Fall sogar mehr als das.«
Er befeuchtete seine trockenen Lippen mit einem Schluck aus einer dunklen Lederflasche, die er unter seinem Mantel versteckt hatte.
»Die beiden Brüder Elgatos und Rionnesos verliebten sich in sie. Doch es war keine einfache Romanze, nein. Sie hegten wahrlich tiefe Gefühle für Brisillies. Die Sonnengöttin sollte die erste große Liebe von ihnen beiden werden. Und da sie als Göttersöhne niemanden hatten, mit dem sie darüber reden konnten, gestanden sie sich ihre Gefühle gegenseitig ein. Es entstand jedoch kein Konflikt zwischen ihnen. Gemeinsam kamen sie zu dem Ergebnis, auch ihr von ihren Gefühlen zu berichten und sie entscheiden zu lassen, welchen von ihnen sie lieber nehmen wollte, und so geschah es auch.
›Ihr schmeichelt mir mit eurem Interesse wirklich sehr. Es könnte mich wahrlich schlimmer treffen, als zwei solch attraktive Göttersöhne wie euch als Verehrer zu haben‹, antwortete die Sonne auf ihr Werben.
Die beiden fühlten sich von ihren Worten geehrt, doch zugleich erwachte etwas in ihnen, was sie zuvor nicht gekannt hatten: Eifersucht. Eifersucht dem eigenen Bruder gegenüber, dem sie jahrelang nichts anderes entgegenbrachten als abgöttische Liebe. Bisher hatten sie noch alle Probleme gemeinsam aus dem Weg geräumt. Von diesem Zeitpunkt an sollte allerdings ein Bruch in ihrer Beziehung entstehen. Sie standen vor der Aufgabe, das erste Mal in ihrem unbefristeten Dasein, ein Problem allein aus der Welt zu schaffen.
Am nächsten Tag erschien die Sonnengöttin wieder und die beiden sprachen sie von Neuem an, doch auch an diesem Tag war sie nicht im Stande dazu, eine Entscheidung zwischen ihnen zu treffen.
›Es tut mir leid, doch ich muss euch ein weiteres Mal vertrösten. In einem Tag werde ich euch wieder erscheinen und meine Entscheidung verkünden.‹ So sagte sie und so geschah es auch.
Ein weiterer Tag, ein Augenblinzeln im Leben eines Gottes, verging. Ein weiterer Tag, an dem sie nicht miteinander sprachen. Das führte dazu, dass auch Trinithius zum Leidtragenden wurde, da keinem der beiden mehr der Sinn danach stand, mit ihm zu spielen.
Der nächste Tag sollte allerdings schnell kommen. ›Es tut mir leid‹, sagte die Sonnengöttin, als sie ihnen wieder erschien, ›doch ich fühle mich nicht dazu in der Lage, eine Entscheidung zwischen euch beiden zu treffen. Es wäre nicht gerecht, einfach einem von euch den Zuspruch zu erteilen, ganz zu schweigen davon, dass es ein Kriterium gibt, das wir zuvor prüfen sollten. Wie ihr sehen und fühlen könnt, trage ich die Wärme in mir, wie niemand anderes auf dieser Welt. Eine ungeheure Hitze, die bisher einer jeden möglichen Liebe von mir im Weg gestanden hat. Zwar spürt ihr beide keinen Schmerz und könnt als Götter nicht sterben, aber sicher würde es selbst für göttliche Wesen ein Hindernis in der Körperlichkeit zwischen uns darstellen. Deshalb habe ich mir Folgendes überlegt: Ihr beide werdet die Gestalt eines Menschen annehmen und wir werden uns morgen zur gleichen Zeit am nördlichsten Punkt Lómeas treffen. Ich werde euch dort in einer anderen Form begegnen als der jetzigen, doch ihr werdet mich finden. Inmitten eines Steinkreises werdet ihr euch einer Prüfung unterziehen müssen. Derjenige, der als Sieger hervorgeht, der soll mein Gemahl werden.‹ Mit diesen Worten zog sie weiter.
Eine überflüssige Prüfung, meine Liebste. Für dich würde ich alles tun. Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem ich dir nahekommen darf, um deine Energie und Liebe zu spüren, mit der wir göttliche Kinder zeugen werden. So die Gedanken Rionnesos´, der sich in die Vorstellung verliebt hatte, mit ihr eines Tages die nächste Generation der Götter zu zeugen.
Elgatos empfand jedoch anders. Bei dem Gedanken, etwas solch Niederträchtiges tun zu müssen, realisierte er, dass er sich bloß in seine Gefühle hineingesteigert hatte. In den Gedanken, seinen Bruder zu besiegen. Für Brisillies allein wäre er diesen Weg auch nicht gegangen, doch der Gedanke, ihm diese Liebe fortzunehmen, erweckte einen solchen Ehrgeiz in ihm, dass er entschloss, ihrer Herausforderung dennoch nachzugehen.
Den Hass, den er seinem Bruder gegenüber empfand, bekam vor allem Trinithius zu spüren. Er bemerkte, dass von der anfänglichen Liebe zwischen den beiden nichts mehr übriggeblieben war und keiner von den beiden mehr einen Kopf dazu hatte, ihm Zeit zu schenken.
Ein neuer Tag hatte begonnen und an diesem war die Sonne tatsächlich zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nicht aufgegangen. Für die Menschen musste es den Anschein machen, dass sie hinter einer dicken Wolkendecke versteckt war, doch die beiden Göttersöhne wussten es besser. Elgatos und Rionnesos waren an dem Steinkreis erschienen, in dessen Mitte zwei Becken angelegt worden waren, die mit Glut gefüllt funkelten.
›Es freut mich, euch beide hier zu sehen. Eure Aufgabe, von der ich gesprochen habe, wird es sein, euch in die glühenden Becken, die ein Teil von meiner wahren Gestalt darstellen, hineinzulegen. Derjenige von euch, der es länger aushält, den werde ich zum Gemahl nehmen. Nun zieht euch aus und stellt euch mit dem Rücken zu dem Becken‹, befahl sie den beiden.
Diese gehorchten und entkleideten sich, sodass sie völlig entblößt vor ihr standen.
›Wenn ihr mir traut, dann lasst euch auf drei fallen. Danach gilt es, meine Wärme länger als euer Bruder auszuhalten. Wenn es sein muss, bis zum Tod eures menschlichen Körpers.‹ Sie wendeten ihr den entblößten Rücken zu und warteten auf ihr Zeichen.
»Eins … zwei … drei.«
Auf ihren Befehl hin ließen die beiden sich rücklings in die Glut fallen. Da neben der beinahe unerträglichen Hitze auch das Fallenlassen an sich eine Überwindung war, spürten sie die ersten Sekunden über den Schmerz nicht einmal. Ohnehin hatten sie kein Verständnis für den Begriff Schmerz, da sie nie zuvor dazu im Stande gewesen waren, ihn zu spüren. Die Erfahrung, die sie dort machten, brannte sich jedoch nicht nur in ihre Haut, sondern auch in ihr Gedächtnis ein. Die heiße Glut ließ die Haut an ihrem Rücken binnen weniger Sekunden schmelzen, sodass sie sich schnell bis zu dem nackten Fleisch vorgearbeitet hatte. Die beiden Göttersöhne empfanden Gefühle, die sie nicht für möglich gehalten hatten und ihnen entwichen Schreie, die in ihrer eigentlichen Form einem gewaltigen Donnergrollen nahegekommen wären. Während Elgatos sich bereits zu fragen begann, ob es das wert gewesen war, spürte Rionnesos, dass er die Schmerzen trotz all seiner Liebe nicht mehr lange ertragen konnte. Unter Tränen fühlte er, wie er immer schwächer wurde und dass er den Wettkampf wohl verlieren würde. Dass er sie niemals lieben dürfte, nie ihre Nähe fühlen würde und auch nie mit ihr Kinder bekommen würde, auch wenn er nicht aufgeben würde. Lieber wollte er sterben, als vor seinem Bruder aufzugeben. Als ohne Brionnesis leben zu müssen. Und so geschah es auch. Eine kurze Zeit später gab sein menschlicher Körper dem Feuer nach, dem er in diesem Zustand einfach nicht hatte standhalten können, was gleichbedeutend mit dem Sieg seines Bruders war. Doch während sein menschlicher Körper starb, kehrte er als göttliches Wesen in den Himmel zurück.
Täglich das Glück seines Bruders mitansehen zu müssen, der sich auf nichts anderes mehr fokussierte, als die Liebe, führte allerdings dazu, dass auch der göttliche Teil in Rionnesos langsam zu sterben begann. Mit jedem Tag verachtete er die Sonne, das Licht – einfach alles, was er bisher gutgeheißen hatte – ein bisschen mehr. In ihm entstand der Traum einer völlig neuen Welt. Einer Welt, mit gänzlich neuen Strukturen und ohne dem Licht, das ihm solche Schmerzen zugefügt hatte.
Auch der Umstand, dass Elgatos sie nicht lange seine Frau nennen konnte, änderte nichts an seinem Groll. Denn es mussten nur wenige Jahre vergehen, bis Trinithius verstand, dass Brionnesis der Grund war, weshalb das Verhältnis seiner Brüder zerbrochen war und Rionnesos keine Freude mehr an seinem Dasein empfand.
Kurz nach der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes von Brionnesis und Elgatos entschied der Jüngste der drei Brüder sich dazu, der Sonne das Leben zu nehmen. Trinithius zögerte mit der Umsetzung seines Planes nicht lange. Er schuf sich einen Bogen aus reinem Eis und nahm diesen, um die Sonne zu erschießen. Diese wiederum stürzte als riesige Feuerkugel auf Lómea hinab. Besser gesagt, auf das Todestal, wo der Boden bis heute schwarz ist, genauso wie die wenigen Bäume, die überlebt haben. Doch das war bei Weitem nicht das Schlimmste, denn mit ihrem Tod wichen auch augenblicklich die Wärme und das Licht aus dem Land. Das erste Mal im Zeitalter Lómeas folgte eine Zeit von sechs langen Monaten, in denen an keinem einzigen Morgen die Sonne aufging. Stattdessen erschien jede Nacht eine kleinere, viel kältere Sonne, die Lómea nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte. Doch auch der Mond, wie die Menschen ihn tauften, konnte nichts an den folgenden sechs Monaten ändern, in denen sie die Sonne kein einziges Mal zu Gesicht bekamen. Zudem legte sich eine ungekannte Kälte über das Land und ein weißer Regen hatte eingesetzt, der auf der Oberfläche Lómeas liegen geblieben war. Erst nach dieser langen Zeit, als die Tochter der Sonne bereit war, kehrte sie zurück, um den Platz ihrer Mutter einzunehmen. Da sie jedoch im Vergleich zu ihren Vorgängern, die binnen Minuten, bei der sogenannten Sonnenfinsternis, einen Generationenwechsel vollführt hatten, sehr klein und schwach war, machte sie daraufhin etwa alle sechs Monate eine Pause, welche die Bevölkerung Winter nannte, bevor sie zurückkam. Sowohl die Menschen als auch die Welt selbst, gewöhnten sich schnell an diesen Rhythmus.
Doch das war nicht das Einzige, das in dieser Zeit geschah. Nephesseos, der Urvater all der himmlischen Götter, dessen Existenz, ganz gleich welcher Rasse oder welchen Glaubens, wohl niemand abstreitet, empfand den Mord an seiner Schwiegertochter als eine Sünde. Eine Sünde, für die er seinen Sohn teuer bezahlen lassen wollte. Und dies tat er, indem er ihn in die dunkle Menschenwelt hinabschickte, um ihr wieder Helligkeit einzuverleiben. Um seine Taten wiedergutzumachen und die Menschen für die sechs Monate der Dunkelheit und Kälte zu entschädigen, die fortan Teil von Lómea waren. Seitdem er zu einem Menschen geworden war, hat nie wieder jemand von ihm gehört. Die wenigen, die darüber in Kenntnis sind, erzählen sich bis heute Geschichten darüber, dass er noch unter uns wandeln, und gute Taten verüben würde, um die Gunst seines Vaters wiederzugewinnen. Gleichwohl erzählten mir die Götter auch, dass Nephesseos von dem ersten Tag an eine ungeheure Sehnsucht nach seinem jüngsten Sohn geplagt hat, gegen die er sich lange gewehrt hat. Doch eines Tages konnte er sich dieser nicht mehr verwehren, weshalb er entschloss, die gesamte Familie wieder zusammenzuführen. Das ist die Wahrheit, die mir die Götter zuteilwerden ließen. Auf der sie ein neues Lómea erbauen werden, mit dem Megvalta-Glauben als Fundament. Mit unserem Besuch bieten wir euch an, diesem Glauben als welche der Ersten beizutreten. Und damit auch den Glauben an den heuchlerischen Elgatos niederzulegen, der Zwietracht unter den Göttern gesät hat. Bevor wir alle wieder in eine bessere Zukunft schauen können, müssen wir dieselben Schmerzen ertragen, wie einst Rionnesos und die Welt, wie wir sie kennen, bis auf den letzten Stein vernichten. Wir kämpfen für ein gänzlich neues Lómea, mit neuen Glaubensfundamenten und Systemen. Und erst wenn wir dies erreicht haben, wird Rionnesos sich von seinem menschlichen Tod erholen, die Sonne für immer aus unserer Welt verdammen und ein neues Zeitalter der Macht auferstehen lassen.« Mit seinem letzten Wort erhob er seinen Arm und rammte den angespitzten Stab in den Boden. Es schien, als würde daraus ein magischer Dunst schießen und sich in einer Kuppel über das Dorf legen. Ein Schleier des Wahnsinns, denn dieser Wahnsinn, mit übermenschlicher Magie erschaffen und gesättigt, ergriff Besitz von den Seelen der Menschen. »Heil dir, Schattenkönig«, erklangen die ersten zaghaften Rufe und sie wurden immer lauter. Er hatte es mit seinen Worten und der Magie der schwarzen Sonne geschafft, sie zu Sklaven seiner selbst zu machen. Die Bewohner selbst zu den Saiten des Bösen zu instrumentalisieren. Sie vergessen zu lassen, dass die Sonne der Quell allen Lebens, allen Glückes war. Und das war erst der Anfang des perfiden Planes, den das Böse über Jahre gesponnen hatte.
Der nach Aas stinkende Speichel tropfte zwischen den gefletschten Zähnen des Wolfes hindurch, direkt auf Fenins Gesicht. Geschützt wurde sein Leben nur durch den rauen Speer, der in seinen glitschigen Händen lag. Er kniff seine Augen zusammen und drückte seinen Kopf immer tiefer in den schlammigen Erdboden des Waldes hinein, wodurch sein hellbraunes Haar einen schwarzen Stich bekam. Das Knurren des Wildtieres ging ihm so nahe, dass er spüren konnte, wie aus all seinen Poren Schweiß schoss. Zitternd gaben seine Arme dem Gewicht des Tieres immer weiter nach, bis auch diese in den kalten Matsch gedrückt wurden. Der Gedanke daran, dass jeder Mann seines Dorfes, der im Stande war zu laufen, ihm gerade zusah und zweifellos über ihn witzelte, ließ den letzten Kampfgeist in ihm wie Wasser in einer Wüste versickern. Ein Teil von ihm wollte den Kampf aufgeben und sich seinem Schicksal geschlagen geben. Es wäre nicht einmal eine allzu große Schande, da es öfter vorkam, dass beim Aigjarskul ein Jüngling starb, ohne je zum Mann geworden zu sein. Er neigte den Kopf mit der Erwartung weiter zur Seite, die Zähne der Bestie in seinem Hals zu spüren, als eine sommerliche Brise in seine Nase vordrang. Eine Brise, die ihn an etwas erinnerte. An jemanden erinnerte: Evelin. Als der Geruch seine Gehirnzellen erreichte, riss er seine Augen auf. Sie spiegelten das Feuer, das auch die Augen seines Gegners auszeichnete. Fenin sammelte sämtliche Kraft in seinen von der Arbeit in der Schmiede gestählten Armen und stieß den Wolf so kräftig zurück, dass er erst einige Fuß entfernt, jaulend auf dem weichen Waldboden landete. Anstatt dass dieser ihm jedoch Luft zum Atmen ließ, vernahm er augenblicklich wieder das näherkommende Schmatzen der Pfoten im verweichlichten Untergrund. Wenig später stürzte sich das Ungeheuer von Neuem knurrend auf ihn, die Augen flackerten gelb vor Zorn. Sein Maul war weiter aufgerissen als noch zuvor, sodass Fenin neben den beängstigenden Zähnen auch die Schwärze des Todes in seinem Rachen sehen konnte. Sein Speer war ihm aus der Hand entglitten, als er das Knurren vernommen hatte. Da er traditionell nur noch ein Jagdmesser tragen durfte, war dies das Einzige, das sein Leben noch retten konnte. Mit einer flinken Handbewegung löste er es aus der Scheide an seinem Gürtel, doch auch dieses war aufgrund des Matsches, der am Griff haftete, zu glitschig. Es rutschte ihm aus der Hand, fiel mit der Spitze in den Boden und blieb dort stecken. Kalter Schweiß bildete sich auf Fenins Stirn, als er im Augenwinkel erkennen konnte, wie die Bewegungen schneller wurden und sein Widersacher zum Absprung ansetzte. Währenddessen fingerte er aufgeregt nach der Klinge, die im Boden steckte. Das Erste, was er davon zu spüren bekam, war allerdings die scharfe Seite des Heftes, die seine weiche Haut zerteilte. Ein Tropfen warmes Blut lief über den eiskalten Stahl, bevor der Lebenssaft in seinen Adern zu gefrieren schien. Auge in Auge mit dem Tod gelang es ihm, das Messer aus dem Waldboden zu ziehen, als der Wolf absprang. Er rammte es, ohne nachzudenken, in den fellbedeckten Hals seines Feindes. Sofort drang das Fiepen des Tieres an seine Ohren. Es wusste ganz genau um seinen bevorstehenden Tod und erinnerte Fenin daran, wie sehr er diese Tradition hasste. Wie unnötig er den Tod eines solch schönen Geschöpfes fand, doch die Überlieferung schrieb es vor. Blutend landete der Vierbeiner auf seinem Körper und sie rutschten gemeinsam über den quakenden Boden. Das Feuer war aus seinen Augen gewichen, der Mund geschlossen und Fenin glaubte – hoffte es zumindest - dass der Wolf, mit dem er auf ewig verbunden sein würde, nun in seine Seele schauen konnte und ihm verzieh. Genauso, wie er ihm für die Wunde, die er ihm am Arm zugefügt hatte, verzieh. Es war ein Kampf, der gekämpft werden musste und er hatte ihn für sich entschieden. Doch es fühlte sich nicht wie ein Sieg an und so schloss er seine Arme um das weiche Tier, das zuckend an seiner Brust die letzten Atemzüge nahm. Er konnte die Verbindung zu dem Wolf spüren, der in traurigem Einklang mit dem Tod die Augen schloss, wie auch er selbst. In Gedanken sprach er letzte Worte für das Tier, während das Jubeln der heraneilenden Dorfbewohner immer näherkam. Sie versammelten sich in einem Kreis um ihn herum und jubelten ihm zu, während Alfred, der Dorfälteste, sich aus der Menge löste. Mit langsamen Schritten verringerte er die Distanz zu Fenin und befreite ihn unter lautem Stöhnen von der Last des Tieres. »Ich gratuliere dir, mein Junge. Zwischenzeitlich dachte ich schon, du hättest aufgegeben.« Er schenkte ihm ein Lächeln, wobei seine gebrochenen Zähne zum Vorschein kamen, und klopfte ihm auf die Schulter, bevor er sich dem Tier zuwandte. Mit seinen drei mittleren Fingern der faltigen, rechten Hand, fuhr er über die Wunde des Wolfes und lächelte Fenin an. Mit seiner blutgetränkten Hand kam nun, wovor dieser sich seit Wochen geekelt hatte: Alfred riss sein Oberteil entzwei und strich ihm das Blut in drei Streifen von der Stirn, über Nase und Augen, bis hin zur Hüfte. Als dies geschehen war und Alfred seine Faust in den Himmel reckte, wurden die Jubelschreie immer lauter, bis schließlich Fenins Name durch den Wald hallte, der nahe von Wegor, ihrem Heimatdorf, gelegen war. Und dorthin machten sich die Männer auch auf, nachdem sie den Sieger vorerst gehuldigt hatten. Alle, bis auf Fenin und Alfred. »Dann wollen wir mal, was?«, sagte der Dorfälteste mit einem gutherzigen Lächeln in die wiedergewonnene, natürliche Stille des Waldes.
Gemeinsam brachen die beiden mit Fenins Mannesbeute auf, die er auf einem kleinen Gestell durch den verweichlichten Boden hinter sich herzog. Zwei lange Stunden marschierten sie durch den Wald, Lichtungen, Hügel und Senken, wobei für keinen Moment Ruhe zwischen ihnen herrschte. Zwar hatte Alfred die Worte, die er ihm offenbarte, sicher schon zig Mal gesagt, doch er gab Fenin das Gefühl, als hätte er sie nur für ihn ausgewählt und das wärmte sein Herz, das mit dem Stich in den Hals des Wolfes kalt geworden war. Der alte Mann gab so viel Wissenswertes von sich, sodass Fenin sich gar nicht alles einprägen konnte. Wie harter, verdorrter Boden im Sommer, der einen kräftigen Regenguss nicht aufnehmen konnte. Das änderte aber nichts daran, dass Alfred seinem Ruf gerecht wurde, in jeder Situation den richtigen Rat für einen bereitzuhalten. Und auch wenn Fenin die angebliche Weisheit des Alters immer für überschätzt gehalten hatte, wusste der Dorfälteste sein Vorurteil zu widerlegen. »Wir sind angekommen«, sagte er keuchend, wobei er aber nicht das Lächeln aus seinen Zügen verlor. »Der Berg der Weisheit.«
Fenin schaute durch immer schmaler werdenden Augenschlitzen zur Spitze hinauf und kratzte sich den Kopf. »Das ist also der Ort, dessen Existenz die Erwachsenen über all die Jahre den Kindern gegenüber so streng verheimlicht haben?« Fenin hatte Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.
»Ganz recht und ich kann dir deine schlimmste Vorahnung bestätigen: Ja, du musst diesen nun mitsamt deiner Beute besteigen.«
»Das…«
»Das freut dich sicher ungemein, was?« Alfred lachte und klopfte ihm auf die Schulter, wie der Vater, den er nie hatte. »Wenn du dich beeilst, dann kannst du die Spitze erreichen, bevor es dunkel wird. Und um ehrlich zu sein, würde ich dir das empfehlen. Dieser Berg ist gefährlich für unerfahrene, junge Männer.« Er zwinkerte Fenin zu.
»Heißt das etwa, dass du nicht mit hinaufkommen wirst?«
»Ach wo, schau mich doch an.« Er breitete provokativ seine Arme aus und gab so den Blick auf seinen hageren Körper frei, an dem nichts mehr von den Muskeln vergangener Tage zu sehen war. »Glaubst du, meine alten Knochen würden das mitmachen? Nein, nein, das ist ein Prozess des Erwachsenwerdens. Seit man diesen Berg entdeckt hat, ist es Teil des Aigjarskuls, der Prüfung, mit deren Abschluss du zum Mann wirst. Wenn du oben angekommen bist, dann wirst du zwei Altare vorfinden. Auf einen wirst du den Wolf betten und auf dem anderen wirst du selbst die Nacht verbringen.«
»Das werde ich… aber wieso ‚Berg der Weisheit‘?«
»Es ist deine Aufgabe, es in dieser Nacht herauszufinden. Du bist nun weit genug, um deine eigenen Erfahrungen zu sammeln und aus dem Schatten deiner Eltern herauszutreten. Es ist für dich an der Zeit, deine eigene Geschichte zu schreiben. Allein. Und damit solltest du jetzt beginnen. Ich erwarte dich morgen zur Mittagsstunde in Wegor, damit wir rechtzeitig mit den Feierlichkeiten beginnen können«, sagte Alfred und machte sich auf den Rückweg, ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten.
Fenin hatte laut aufstöhnen wollen, doch er verkniff es sich aus Respekt vor dem Alten. Stattdessen ließ er seine Augen unter vorgehaltener Hand zum Schutz vor der Sonne den steilen, gerade bergauf verlaufenden Weg hinaufwandern. Dass es kein normaler Berg war, ließ sich schon anhand dessen erahnen, dass die Farbe des Gesteins je nach dem Winkel der darauf fallenden Sonne zwischen grau und einem beige variierte, das beinahe Sandstein glich. Zugleich war der Pfad hinauf gerade mal breit genug, dass er die Liege mit dem Wolf hinaufziehen konnte. Das Wissen, dass sein Leben mit nur einem falsch gesetzten Schritt ein schnelles Ende finden könnte, ließ die Luft aus seinen Lungen weichen. Ihm blieb allerdings keine Wahl und so begann er mühsam einen Schritt vor den anderen zu setzen, bevor die Angst sich in seinem Kopf breitmachen konnte. Schnell musste er feststellen, dass der Boden hart war und ihn die immer stärker zunehmende Steigung schon zu Beginn einen hohen Kraftaufwand abverlangte. Mit jeder verstreichenden Minute wurde es schlimmer und gleichredend schwieriger, seine Schritte auf den schmalen Pfad zu setzen.
Mit letzten Kräften schleppte er sich und seine Beute das verbliebene Stück den Berg hinauf und erklomm mit den letzten Sonnenstrahlen die Spitze. Auf seinem Gesicht machte sich ein gequältes Lächeln breit und er ließ sich einfach auf das harte Gestein fallen, das sich in diesem Moment besser als sein Bett anfühlte. Er schloss seine Augen und fühlte, wie sein Puls langsam runterfuhr. Nach über einer halben Stunde, in der er nur auf seinen Atem geachtet und versucht hatte, seine Gedanken zu kontrollieren, öffnete er die Augen und blickte in den klaren Sternenhimmel. Langsam stützte er sich vom Boden auf, um sich einen Überblick über seine Umgebung zu verschaffen. Mit offenstehendem Mund fasste er alles in die Augen und kam kaum aus dem Staunen heraus. Die Spitze bot ein kreisrundes Plateau, das größer war als sein Zimmer. Umrundet wurde es gänzlich von beinahe mannshohem Gestein. In der Mitte befanden sich die zwei von Alfred angesprochenen Altare, die etwa hüfthoch waren. Alles war glatt und präzise verarbeitet, so als hätten die größten Steinmetze ihrer Zeit daran gearbeitet. Zudem wirkte es, als würden sich abertausende blau leuchtende Glühwürmchen in dem Gestein verfangen haben. Kaum sichtbar fanden sie sich überall im Stein wieder, aber gemeinsam verliehen sie dem gesamten Plateau einen leichten Schein. Fenin brauchte einige Sekunden, bis er den Anblick verdaut hatte und den Wolf packen konnte, um ihn auf den Stein hinaufzuhieven. Danach legte er sich zum Schlafen auf das andere Steinbett, zu entkräftet, um seine Umgebung genauer in Betracht zu ziehen. Es dauerte nicht lange, bis er in einen tiefen Schlaf gefallen war, bei dem es jedoch nicht bleiben sollte. Seine Augenlider zuckten die ganze Nacht über, seine Körper lag keine einzige Sekunde still. Seine Füße machten die Schritte, die sein Geist in einer täuschend echten Illusion ging: Barfuß schritt er durch erfrischend kühlen, lockeren Erdboden, dem er kaum widerstehen konnte, seine Zehen dort hineinzugraben. Um ihn herum befand sich ein saftig grüner Wald, geziert von bunten Blumen und farbenprächtigen Schmetterlingen. Wildes, fröhliches Vogelgezwitscher zeugte von dem blühenden Sommer, der mit seinem fruchtigen Aroma in der Luft lag. Nicht jeder und nicht alles ist auch, was es zu sein scheint. Fenin rollte die Augen und drückte gegen seine Schläfe. Die Stimme verschwand und wich dem Duft von zarten, aber dornigen Rosen. Stellvertretend für deine Zukunft, hauchte dieselbe verführerische Stimme wieder. Fenin fuhr herum, doch bevor er etwas oder jemanden sehen konnte, wurde das sommerliche Gewand der Schönheit schon bald von einem dichten Nebel übertüncht, der ihn nasskalt an seinen nackten Fußgelenken erfasste. Nicht jeder, der dein Freund zu sein scheint, ist es auch. Nicht jeder, der dein Feind zu sein scheint, will dir wirklich Böses.
»Zeig dich, wer auch immer du bist«, schrie er stimmlos in den Wald hinein. Einen Wald, den seine Fantasie geschaffen hatte.
Der verlorene Glanz der Welt trieb ihn an, nicht stehenzubleiben und er bewegte sich fort, bis er an einer Lichtung ankam. Sie gab seinen Körper der wärmenden Sonne frei, die hoch am Himmel stand. Bei genauerem Hinsehen erkannte er jedoch, dass sie nicht dort oben stand. Viel eher raste sie in übernatürlicher Geschwindigkeit auf ihn zu, warf Flammen um sich herum. Du bist mein Schicksal, genauso wie auch ich das deine bin, hauchte die Stimme, weder männlich noch weiblich, aber allumfassend. Doch die brennende Sonne löste sich schon bald auf. Übrig blieb nur ein Kreis samt eines Sternes darin, umrahmt von Runen, die Fenin nicht lesen konnte. Ich wandle im Untergrund und bin deine stetige Versuchung.
»Wer bist du? Sage mir voraus, was meine Zukunft mit sich bringt!«
Ich gebe nur den Menschen, die es wert sind, einen Ausblick in die Zukunft, aber wie du vielleicht begriffen hast, kann dies alles bedeuten. Es gibt einen Plan für dich, jedoch zwei Pfade: einen, bei dem du im Licht wandelst und einen, auf dem die Dunkelheit dich einhüllt. Du musst verstehen, dass ich dein bin, so wie du mein bist. Nur zusammen sind wir eins, aber allein sind wir nichts.
Fenins Kopf brummte und dröhnte. Er kniete sich hin, wobei das saftige Gras der Lichtung seine Oberschenkel küsste. Das Brummen wurde immer lauter, um ihn herum entstand ein Sog, der alles miteinander verschwimmen ließ. »Wer … wer bist du?«
»Fenin?«, pfiff der Wind seinen Namen über die Spitze des Berges hinweg. »Fenin, kannst du mich hören?«
Er schreckte mit weit aufgerissenen Augen aus seiner Schlafvision auf und fiel von dem Stein, als er den dunklen Schatten einer Person auf dem oberen Rand der Bergspitze knien sehen konnte. Da dieser jemand allerdings seinen Körper in ein schützendes, schwarzes Gewand gehüllt hatte, das auch seinen Kopf verdeckte, konnte er ihr nicht ins Gesicht sehen. Die Sonne tat ihr Übriges, da sie sich genau hinter ihm erhob, sein Wesen noch undeutlicher erscheinen ließ und Fenin die Tränen in die Augen trieb, wann immer er versuchte, ihn zu fixieren. »Wer bist du und was willst du?«, entgegnete er quiekend wie ein Neugeborenes und rieb seine Augen. Dabei kauerte er hinter seinem Steinbett und schaute nur wenige Zoll darüber hinweg.
»Du brauchst keine Angst haben, mein Junge«, entgegnete eine ebenso raue, wie liebevolle Stimme. Die nächsten Sekunden ließ der vermummte Mann ihn in Ungewissheit baden. »So abwegig es auch klingen mag, aber ich … in einem normalen Leben würdest du mich deinen Vater nennen.«
Langsam drückte er sich aus den Fersen in den Stand hinauf und schaute die unkenntliche Person mit offenstehendem Mund an. Die Wirkung der Sonne hatte an Kraft verloren, wenngleich sie seinen angeblichen Vater noch immer in einen undurchsichtigen Kranz aus Licht hüllte. Fenin erwiderte nichts, obwohl er so gerne irgendetwas gesagt hätte. Allerdings hatte seine Stimme sich in der tiefen Schlucht seiner Angst verloren.
»Rechts neben deinem Bett in Wegor wartet unter der losen Diele im Boden ein Geschenk auf dich. Da wir allerdings nie ein normales Verhältnis zueinander pflegen konnten, erwartet dich dort auch kein normales Geschenk.«
Fenin war versucht, laut aufzulachen. Normales Verhältnis? Ich kenne dich nicht einmal.
»Es hat sich dich ausgesucht und du bekommst es nicht einfach, ohne etwas dafür zu leisten. Esist nämlich mit einer großen Herausforderung verbunden: ein Wagnis, das du bereit sein musst einzugehen. Ich würde dir gerne sagen, dass du eine Wahl hast, doch das Schicksal hat dich ausgesucht und du musst es erhören. Auch ich wurde einst schon sehr früh von meinem Schicksal aufgesucht, dem ich nicht entrinnen konnte und unter dem ich noch immer leiden muss. Doch diese Zeilen werden dich auf einen Pfad führen, an dessen Ende ein unbezahlbares Glück liegt und ich werde ihn ab deinem ersten Etappenziel mit dir gehen.«
»Und wieso gehst du ihn nicht schon jetzt mit mir? Offensichtlich weißt du ja, wer ich bin und wo ich lebe! Ich kann das alles nicht allein!« Der Trotz sprach aus Fenin, wenngleich er eine unheimliche liebevolle Sehnsucht empfand, den Menschen hinter diesen Worten kennenzulernen. Seine Wurzeln kennenzulernen.
»Das, mein Sohn … ist Teil des Schicksals, das die Götter mir aufgebürdet haben. Und du … bist der Schlüssel, der mich von dem Unglück erlösen kann, das mich heimsuchte, als ich in deinem Alter war. Sieh dir mein Geschenk an und dann brich nach Kil´dor auf! Dort wartet ein Mann namens Darwin auf dich. Wenn du meinen Anweisungen folgst, werden sich unsere Wege vereinen und unser beider Leben wird sich womöglich zum Guten wenden. Du wirst eine große Rolle in der Geschichte von Lómea einnehmen und den Menschen Hoffnung in diesen tristen Zeiten schenken. Du könntest als einer der ganz wenigen die Chance dazu erhalten, das Königreich zu vereinen und das Volk aus einer jahrzehntelangen Tyrannei in ein goldenes Zeitalter zu führen. Um mehr zu erfahren, musst du mein Geschenk ansehen, denn ich muss jetzt gehen. Schon dieser Eingriff in dein Leben war eigentlich zu viel.«
Fenins Augen wurden glasig. »Du kannst mich nicht einfach so hier zurücklassen. Woher weiß ich, dass du die Wahrheit sprichst? Was soll ich in Kil´dor? Ich habe noch so viele Fragen an dich und du willst einfach wieder gehen, nachdem du sechzehn Jahre lang keinen einzigen Tag für mich da warst?«
»Hör auf dein Herz«, entgegnete die Stimme eindringlich. »Es weiß, dass ich die Wahrheit spreche. Ich muss mich jetzt verabschieden. Befolge die Anweisungen und du wirst Antworten auf all deine Fragen bekommen. Dann können wir uns unterhalten und ich werde versuchen, alle Unklarheiten aus der Welt zu schaffen. Aber nicht jetzt. Gib auf dich Acht«, hauchte die Gestalt in einem liebevollen und nicht minder von Stolz erfülltem Ton. »Und bedenke stets: Herz ist Trumpf.«
»Lass mich nicht mit so vielen Fragen zurück. Zeig mir dein Gesicht, nenne mir deinen Namen! Gib etwas von dir Preis, das meinen Wissensdurst stillt. Das bist du mir schuldig!« Fenins Halsadern schwollen sichtbar an.
Der Unbekannte sog die Luft tief ein. Er legte die Hände an seine Kapuze: »Ich weiß, dass es falsch ist, aber du liegst mir zu sehr am Herzen, als das ich dich ein weiteres Mal enttäuschen könnte. Du bist mein eigenes Fleisch und Blut und hast alles Recht der Welt, es zu erfahren. Allerdings musst du mir versprechen, dass du deiner Mutter gegenüber nichts von unserem Aufeinandertreffen erwähnst und dass du meine Identität keinem offenbarst. Damit würdest du uns alle in Schwierigkeiten von unvorstellbarem Ausmaß bringen.«
Er blickte ihn aus großen Augen an und sagte so aufrichtig wie nie zuvor: »Ja, ich will es versprechen. Aber nun sag es mir endlich.«
Der Fremde, der vorgab sein Vater zu sein, ergriff langsam seine Kapuze. Als eine Krähe über ihre Köpfe hinwegflog und krächzte, hielt er einen Moment inne. Ein Ruck ging durch seinen Körper und veränderte etwas. Anstatt sie runterzuziehen und sein Gesicht kenntlich zu machen, fasste er in seine Tasche und warf etwas in die Luft. Es war eine Art glitzerndes Pulver, das in einer riesigen Wolke auf Fenin zuflog und ihn dermaßen blendete, dass er einige Sekunden lang nichts sehen konnte. Als er seine Sehkraft endlich wiedererlangt hatte, überwand er die kurze Distanz zum Rand des Plateaus, zog sich auf die Spitze des Berges hinauf und konnte kaum glauben, was seine Augen ihm zuteilwerden ließen: jener Mann rutschte auf seinen beiden Füßen mit flatterndem Umhang den Berg hinunter. Fenin schüttelte seinen Kopf kräftig, doch auch danach bot sich ihm noch immer das gleiche Bild, bis sein angeblicher Vater zwischen den Bäumen am Fuße des Berges verschwunden war. »Vater«, hauchte er mit einem zittrigen Seufzer, glasigen Augen und ließ sich langsam von dem Gestein hinuntergleiten, bis er wieder auf dem Plateau landete. Einige Sekunden lang versank er auf seinen Knien und konnte seinen Gedankenstrudel kaum stoppen. Zugleich wusste er aber, dass es einen Weg gab, um die Gedanken zu stoppen. »Hör auf damit. Wenn du Antworten willst, dann geh nach Hause und sieh nach dem Geschenk!«
Nach mehr als drei Stunden ließ er den Wald hinter sich, woraufhin Wegor sich zu seinen Füßen ausbreitete. Aus dem Wald hinaus führte ein dünner Pfad durch saftiges Gras hindurch zu seinem Heimatdorf hinab. Während es im Westen und Norden vom Wald und den Hügeln geschützt war, entsprang im Süden die Dona. Nach Osten hin breitete sich eine weite Ebene entlang des Flusses vor dem verschlafenen Dorf aus.
»Fenin«, konnte man einen energischen Schrei hören, der von seiner Mutter, Hellen, kam, kaum dass er den dichten, dem Dorf angrenzenden Wald verlassen hatte. Sie raffte ihr dunkelblaues Kleid, das die gleiche Farbe wie ihre Augen hatte, auf und rannte ihm entgegen. Sie erreichte ihn kurz vor dem Dorfeingang, wo sie ihn in ihre Arme nahm. »Mein Junge! Äh, ich meine natürlich: mein junger Mann. Nie habe ich daran gezweifelt, dass du es schaffst. Nie, nie, nie.« Und trotzdem sah man ihr an, dass ihre Schultern bei weitem nicht mehr so verspannt waren, wie die Tage vor dem Aigjarskul. »Komm, komm, wir haben im Dorf bereits alles vorbereitet«, sagte sie mit einem Lächeln, das über ihr ganzes Gesicht reichte.
Nachdem er den Wolf vor der Haustür seines Elternhauses abgelegt hatte, wo ihn seine Mutter gemeinsam mit drei weiteren Frauen häuten und ausnehmen würde, wollte er in seinem Zimmer verschwinden, um das Geschenk seines Vaters anzuschauen. Das erste Geschenk, gar das erste Lebenszeichen von ihm seit sechzehn Jahren, sofern der Unbekannte denn wirklich sein Vater sein sollte. Die Hand von seinem besten Freund, John, hielt ihn davon jedoch ab. »Ah, ah, ah. Zu den Feierlichkeiten geht’s hier entlang«, sagte er und führte ihn in Richtung von Gordens Kneipe, auf dessen Terrasse eine riesige Tafel errichtet worden war. Die Nachricht seiner Ankunft hatte sich offensichtlich schon herumgesprochen, denn die ersten Männer hatten sich bereits dort eingefunden. John reichte ihm den Schlagstock an, womit er selbst dem Brauch nach auf die aufgehängte Blechplatte schlug, die extra zur Rückkehr derer gedacht war, die den Aigjarskul überstanden hatten. Der tiefe, markerschütternde Gong der Platte, rief binnen weniger Minuten all diejenigen zusammen, die den nächsten Schritt von ihm zum Mann hin beiwohnen wollten. Während die Frauen das Wolfsfleisch, das es nur zu diesem Anlass gab, der traditionellen Art nach zubereiteten, durfte Fenin nämlich das erste Mal vom Vinbersör kosten. Dem Getränk von dem jeder, der es je getrunken hatte, schwärmte. Es war eine Kreation, die aus der Familie des kahlköpfigen Wirtes stammte, der es nach dem gutgehüteten Rezept seiner Vorfahren zubereitete. Ein Unikat in ganz Lómea. Es wurde gemunkelt, es bestehe aus sauren, roten Beeren und Bier, doch was sonst noch alles darin zu finden war und den einzigartig erfrischenden Geschmack ausmachte, das wusste niemand außerhalb der Familie. Deshalb freute er sich nun umso mehr, auch endlich von diesem edlen Getränk kosten zu dürfen. Anstatt seines verschollenen Vaters stieß John mit ihm an und schien dem Blick Fenins entnehmen zu können, dass an seiner statt eigentlich jemand anderes stehen sollte. »Vergiss Darian. Er ist ein Idiot, wenn er selbst nach all den Jahren nicht darüber hinwegsehen kann.«
Seit er davon erfahren hatte, dass er nicht sein leiblicher Sohn war, hatte sich alles geändert. Er konnte seiner Mutter danken, dass er ihn überhaupt in die Geheimnisse seines Berufsfeldes, der Schmiedekunst, eingeweiht hatte. Wenn du nur hier sein könntest, dachte er sich beim Gedanken an den gesichtslosen Mann, der ihn am zurückliegenden Morgen aufgesucht hatte. Doch während er sich so viele Tage von den Gedanken an seinen Vater vermiesen ließ, gab er ihm an diesem Tag nicht die Macht dazu. »Elga!«, rief er und zwang sich damit selbst zu guter Laune, während einige Tropfen des köstlichen Vinbersör über den Rand hinwegschwappten, als er gegen den Krug von John stieß, der ihn aus seinen tiefschwarzen Augen anblickte. Langsam setzte er an und nahm den fruchtig-herben Geruch des Bieres wahr, der ihm in die Nase stieg. Es folgten die ersten Tropfen, die über seinen Lippen kamen, während die Blicke jedes Mannes auf ihm ruhten. Er musste bittersüß lächeln, als die kühle Flüssigkeit ihm die Kehle hinunterlief. »Ahh!«, sagte er und wischte sich mit der Rückhand über den Mund. »Jetzt verstehe ich endlich, worüber ihr immer geredet habt«, sagte er und setzte von neuem an, woraufhin auch alle anderen die Krüge erhoben. »Elga«, schallte es durch das ganze Dorf, womit sie ihrem Gott, Elgatos, huldigten, den man im ganzen Königreich anbetete. »Darauf, dass Freya dir und deinem Gemächt viele gesunde Kinder entlocken wird.«
Nachdem Fenin den ersten Krug geleert hatte und die Sonne an den Baumwipfeln kratzte, die das Dorf umgaben, kamen die zwei kräftigsten Männer des Dorfes, Eskar und Gabriel, auf ihn zu. Auch wenn er um die Fortsetzung wusste, überkam ihn bei der Vorstellung an das Kommende eine Gänsehaut. Die beiden hoben ihn aus seinem Stuhl heraus auf einen Schild, den sie schulterten und trugen ihn darauf zum Mittelpunkt des Dorfes. Dort hatten sie schon bei der Gründung des Dorfes einen Talisman errichtet, der Elgatos darstellen sollte. Wie es Tradition war, fesselten sie ihn daran, nachdem sie ihm das vom Vortag ohnehin zerrissene Oberteil vom Leib gerissen hatten und auch seine Hose etwas nach unten gezogen hatten, sodass seine Leisten und seine Scham ein klein wenig herausblitzten. Zugleich hatte man knapp zehn Meter vor ihm ein Feuer im Halbkreis entfacht; es war in seine Richtung hin geöffnet. Der Schimmer der Flammen glänzte auf dem Tierblut, das auf seiner Haut getrocknet war. Während die Männer sich parallel zu den Flammen positionierten, hinter denen Fenin verschwand, packten Dymar und Uthilon wie jedes Mal ihre Fideln aus und begannen zu spielen. Sie stimmten die immergleiche Melodie an und die restlichen Männer begannen passend dazu mit ihren Füßen zu stampfen und die immergleichen Strophen zu trällern:
Oidi, Oida,
ein Bursch gewes´n, war einma´.
Kaum dass ihre tiefen Stimmen die erste Zeile durch das Dorf gefegt hatten, erklangen Wind-Glockenspiele. Diese verkündeten, dass der Tag gekommen war, der die Jugend forttragen sollte.
Oidi, Oida, Oidi, Oida,
noch nie ein schlüpfriges Fräulein sah,
kein Bier getrunken, nur Milch von der Frau Mama.
Den Wind stellten in diesem Fall drei Frauen des Dorfes dar, die nur geizig in Stoff gehüllt waren. Aufgrund hölzerner Masken und Tücher, die ihr Gesicht, wie auch die Haare verhüllten, sollte die wechselnde Identität der Frauen Mal um Mal geheim bleiben.
Leichtfüßig und langsam begannen sie den Tanz um das Feuer herum, wobei sie großen Abstand voneinander hielten. Immer eine von ihnen war, geschützt von den Flammen, bei Fenin, tanzte für ihn und warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu. Als die nächste Frau zu ihm kam und die vorherige wieder in das Sichtfeld der Männer rückte. Am Aigjarskul tanzten sie nur für den neuen Mann in ihrer Mitte. Waren sie für die restlichen Männer des Dorfes sichtbar, warteten sie nur darauf, wieder in die heiße Flammenwelt einzutauchen, um dem Jüngling den Kopf zu verdrehen.
Zugleich wurde das Lied mit jeder Strophe schneller, wilder, brachte die Stimmung an den Siedepunkt und veranlasste die Frauen dazu, immer schneller zu tanzen. Die Männer verschluckten die Worte nur noch und für jemanden, der den Text nicht kannte, war kein einziges Wort mehr zu verstehen. Gleichredend wurden die Andeutungen der Frauen dem frischgebackenen Mann gegenüber aufreizender, die Distanz geringer und der Stoff noch weniger. Genau neunzehn immer länger werdende Strophen, die über den Aigjarskul selbst hin zu den großen Taten führte, die ein Mann in seinem Leben vollbringen sollte. Die meisten begannen sich jedoch mit zunehmender Heiterkeit im kehligen Lachen zu verlieren, bis die drei Tänzerinnen eine nach der anderen hinter den Flammen verschwunden waren. Gemeinsam tanzten sie, begleitet von einem melodischen Summen der Männer, auf ihn zu. Sie küssten und umgarnten ihn, während eine der Tänzerinnen seine Fesseln löste. Mit freien Händen hatte er nun die Hand derjenigen zu ergreifen, die seine Gunst gewonnen hatte. Sie würde ihn in sein Elternhaus begleiten, wo sie ihm die Jungfräulichkeit nehmen sollte, um ihm damit einen Vorteil für die Hochzeitsnacht gegenüber der Braut zu gewähren. Für gewöhnlich wurde nämlich noch am Tag nach dem Aigjarskul mit der Suche nach einer Braut begonnen. So sollte gewährleistet werden, dass der Bräutigam seine jungfräuliche Braut in der Hochzeitsnacht mit Stärke und Sicherheit führen konnte, wie man es von dem Mann in der gesamten Ehe erwartete.
Der Tradition nach hatte Fenin zwei Stunden mit der Dame seiner Wahl und sollte erst wiederkehren, wenn auch die Zubereitung des Essens abgeschlossen war.
»Danke … das war wirklich schön.« Fenins Brust hob und senkte sich schnell. Trotz dieses einschneidenden, schönen Erlebnisses, hatte er die ganze Zeit über nicht vergessen können, was nur wenige Fuß neben ihm auf ihn warten sollte.
Die Frau, die für immer diejenige bleiben würde, die ihn entjungfert hatte, schenkte ihm ein Lächeln. »Das fand ich auch.« Sie hörte damit auf, ihm das Haar zu kraulen, und nahm ein nasses Tuch, um ihm den Schweiß vom Körper zu waschen. »Ich glaube, es ist nun an der Zeit, dich allein zu lassen. Viel Spaß noch an deinem ganz besonderen Abend.« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, bevor sie sich ankleidete und verschwand. Die Tür war noch nicht zugefallen, da rollte Fenin sich von seinem Bett hin zu der losen Diele. Er fingerte das raue, abgenutzte Holz aus dem Verbund und ließ seine Hand langsam in das Unbekannte vordringen. Seine Finger trafen schnell auf etwas hauchzartes, aalglatt bearbeitetes, das er nicht zuordnen konnte. Auch als das Licht der Kerzen darauf fiel, wusste er kaum, was der Gegenstand zu bedeuten hatte: er hielt ein edel geschwungenes, schneeweißes Horn in Händen, das einen ledernen Deckel hatte, der mit silbernen Verzierungen gespickt war. Als er es dreimal in seinen Händen gedreht hatte und ihm noch immer nichts aufgefallen war, machte er sich am Schloss zu schaffen, das das Horn verschlossen hielt. Zahlreiche Sekunden verstrichen, bis ein leises Klacken verkündete, dass es offen war. Sein Gesicht schien die Kerze zu überstrahlen, als er den Deckel anhob. Doch das Lächeln wich schon kurz darauf einem entsetzten Gesichtsausdruck. In der Innenseite des Deckels stand in silberner, verschnörkelter Schrift ein Wort geschrieben – das Einzige, das er lesen konnte: Fenin. Das in dem Deckel sein Name eingraviert worden war, schien surreal, ganz zu schweigen von den grenzenlosen Möglichkeiten, die als Erklärung dafür dienen könnten.
Minutenlang ging sein Geist den unzähligen Szenarien nach, die er für möglich hielt. Doch jedes Mal aufs Neue landete er in einer Sackgasse, was ihn schließlich dazu brachte, diese Frage hinten anzustellen und stattdessen in das hauchdünn gefertigte Horn hineinzugreifen. Die zarten, kaum spürbaren Kontakte waren angenehm, da das Material - was auch immer es war – sich sonderbar weich anfühlte. Das Erste, was seine Hände zu fühlen bekamen, war Holz. Zaghaft umfasste er die beiden runden Holzplatten und zog sie aus dem Horn hinaus, bis er eine kleine Schriftrolle in Händen hielt. Seine Augen zuckten hin und her, bis sie jede Einzelheit daran ausgemacht hatten. Langsam, vorsichtig, als hätte er ein Neugeborenes in Händen, strich er über das raue Pergament, bis er an den mit Silber veredelten Holzplatten endete. Es wurde von einem Schriftzug zusammengehalten, den er allerdings nicht lesen konnte, was ihn dennoch nicht daran hinderte, den Knoten zu lösen. Während er die linke der beiden Rollen festhielt, strich er mit seiner rechten Hand über das Pergament, bis es ausgerollt vor ihm lag. Einige Zeilen, in denen jeder Buchstabe mit einer solchen Präzision gezeichnet worden war, dass Fenin diese Rolle als Kunstwerk betrachtet. Da er allerdings kein Wort von den wenigen Zeilen lesen konnte, fiel sein Blick auf eine Karte, die am Ende der Rolle abgebildet war. »Lómea«, flüsterte er, bevor er mit seiner Hand über die Karte strich und schließlich mit seinem Zeigefinger auf Wegor landete. Im trüben Licht der flackernden Kerze sah er kaum, was ihm eigentlich auf den ersten Blick hätte auffallen müssen: die Karte endete nicht wie gewöhnlich an der Westküste von Lómea, sondern ging darüber hinaus und legte zwei weitere Länder frei. Das eine von ihnen, eine Insel, hatte keinen Namen. Das andere jedoch, ob Insel oder Festland konnte man aufgrund der abgeschnitten Karte nicht ausmachen, trug den Namen Meletyalda und dessen Westküste war mit einem roten Kreuz versehen. »Fenin?« Die Stimme seiner Mutter, gefolgt von ihren Schritten, unterband seine Gedanken allerdings. Es klopfte zweimal an der Tür, was ihm genug Zeit ließ, die Decke über das Geschenk seines Vaters zu legen. »Du solltest nun wieder zu den anderen Männern gehen. Sie warten schon auf dich.«
Gemeinsam mit den Frauen des Dorfes kehrte Fenin an die Tafel zurück, während die Speisen aufgetischt wurden: Eintopf, bestehend aus Kartoffeln, Zwiebeln und der Spezialität Wolfsfleisch, sowie frischgebackenem Brot, das dazu angereicht wurde. Dies ging allerdings wie jedes Mal in dem Applaus unter, der über Fenin aufgrund seiner abgeschlossenen Mannwerdung hinwegtoste. Als dieser verebbt war, war es wieder ihm vorbehalten, sich als ersten den Teller zu füllen und zu kosten. Erst dann begannen auch die anderen zu essen. Für gewöhnlich diente das gemeinsame Abendessen dabei nicht nur der Ehrung des frischgebackenen Mannes, sondern auch der Beschwörung des herrschenden Zusammenhalts im Dorf, sodass sich immer lange Zeit bei dem Mahl gelassen wurde.
Nachdem es beendet wurde, machten sich alle Frauen daran, die große Tafel abzuräumen, während die Männer ein Lied anstimmten.
Einst eine Stadt hat existiert,
die Grenze vor Kälte und Tod hat geschützt,
ganz Lómea vor der Dunkelheit Telderyas bewacht.
Doch dann die Dunkelheit überschwappt´
Dunkle Monster zermalmten Stein um Stein,
seitdem sie waren nie mehr gesehn.
Die Stadt, Aran, sie existiert nun nicht mehr.
Noch während sie die letzten Strophen schmetterten, kehrten die Frauen ein letztes Mal zurück, um ihren Männern den Kelch zu füllen. Lediglich der Mutter des nun erwachsenen Mannes war es danach noch vergönnt, weiter an dem Tisch zu verweilen. Hellen genoss die Ehre, wie schon bei ihrem Erstgeborenen, Andrew, und verbrachte noch zwei weitere Stunden an der Seite ihres Sohnes, bevor auch sie sich zurückzog, um die Männer allein zu lassen.
Die Feierlichkeiten waren zum Großteil verklungen. Übriggeblieben war nur der harte Kern an Männern, die jeden Sommerabend gemeinsam auf der Terrasse von Gordens Wirtshaus verbrachten. Sie genossen seinen Vinbersör im trüben Licht einiger Laternen und eines kleinen Feuers in ihrer Mitte, während im Hintergrund die Dona vor sich hinplätscherte. Diese war jedoch bei weitem kein kleiner Bach. Er fand bei Wegor lediglich seinen Ursprung, von wo aus sich seine gut genährten Arme im Königreich - oder dem, was davon nach der Spaltung übriggeblieben war - ausbreiteten. Sie führte das ganze Jahr über erfrischend kaltes Wasser mit sich, was die Sommer in Wegor erträglicher und die Winter gleichredend kühler gestaltete.
Während sich in dieser Runde Jahr für Jahr dieselben Männer – Großmäuler wie angesehene, intelligente Männer – tummelten, durfte auch Fenin ihr das erste Mal offiziell beiwohnen, auch wenn er sich schon unzählige Male hinter Hausecken versteckt hatte, um zu lauschen. Den Witzen und Geschichten über den Aufbau des Dorfes, Jagden und Frauen. Vor allem aber den Erzählungen um die längst ausgestorbenen Drachen, erregten schon immer seine Aufmerksamkeit. Diese interessierten ihn nämlich am meisten. Kaum, dass er selbst sprechen konnte, musste seine Mutter ihm beinahe jeden Abend von den magischen Wesen erzählen. Und seinen Traum, eines Tages eine der feuerspeienden Echsen ausfindig zu machen, würde das Kind in ihm entgegen aller Vernunft wohl nie ganz aufgeben können. Allerdings traute sich kaum einer der Männer, diese Geschichten zum Besten zu geben, da die Drachenreiter ein Thema waren, das man besser verschwieg, seitdem die Grafen die Macht im Land an sich gerissen hatten.
Und so begann auch an diesem Abend Isold, der außer bei ein paar wenigen Anhängern, kein hohes Ansehen genoss, mit einer anderen Geschichte. Einer ganz anderen.
»Ich war vergangene Woche auf Kelthors Hof«, fing er seine Erzählung an. Dabei streckte er seine Finger dem knisternden Feuer entgegen, das in ihrer Mitte entzündet worden war. »Wenige Tage zuvor war er wie jedes Jahr bei Verwandten in Myrol gewesen, doch dort hatte sich etwas grundlegend verändert: das kleine, friedliche Dorf ist gar nicht mehr so friedlich. Viel mehr war es in zwei Hälften zerteilt. Kelthor hat mir erzählt, dass sie einen Reisenden bei sich haben unterkommen lassen und dass er, wie es üblich ist, eine Geschichte preisgegeben hat. Eine Geschichte, die vieles veränderte. Kelthor wollte keine Wertung zu dem Gesprochenen abgeben und ich will das auch nicht. Auch wenn ich diese Auslegung durchaus … interessant finde. Für mich ist es lediglich eine erzählenswerte Geschichte und an Fenins besonderem Tag will ich sie euch natürlich nicht vorenthalten.«
Dieser verdrehte daraufhin die Augen und hoffte, dass Isolds Geschichte schnell und möglichst schadlos an ihnen vorüberziehen würde. Er wusste, dass seine Geschichte einzig und allein der Selbstinszenierung dienen würde, da sie nie Freunde gewesen waren.
»Kelthor sagte etwas von der Wahrheit der Götter und diese will ich euch an diesem schönen Sommerabend näherbringen …« Und so beging Isold den gleichen Fehler wie hunderte vor ihm, die diese verdrehte Wahrheit vervielfältigten, die der Schattenkönig in Umlauf gebracht hatte.
Doch im Gegensatz zu dem Feuer, das dieser bei seinen Zuhörern schüren konnte, heulte für einige Augenblicke beißende Stille durch das Dorf hindurch, nachdem seine Worte verklungen waren.
»Du solltest besser aufpassen, was für Geschichten du erzählst. Elgatos hört jedes unserer Worte und du willst doch nicht etwa seinen Zorn auf dich ziehen, oder?«, warf Alfred in den Raum und stützte dabei seinen Kopf am Haaransatz auf Zeige- und Mittelfinger, während das Kinn auf seinem Daumen ruhte. Er streckte seinen Kopf dem Himmel entgegen, bevor er langsam mit den beiden Fingern über seine Stirn und das rechte Auge zu seinem Kinn fuhr. Einige taten es ihm gleich und huldigten damit ihrem Gott. Fenin hingegen schmunzelte in sich hinein, bis er erstickt innehielt und loshusten musste. Er hatte sich schon in frühester Kindheit in den Kopf gesetzt, Elgatos erst als Gott anzuerkennen, wenn er die Wege von seinem Vater und ihm eines Tages auf den gleichen Pfad führen würde. In diesem Augenblick wollte er sich allerdings nicht weiter Gedanken darüber machen. Viel mehr war er sich sicher, dass Alfred diese Aussage bewusst getätigt hatte, um allen den Kopf zurechtzurücken, die dieser Geschichte einen wahren Kern beimaßen. Der Dorfälteste wusste, dass eine solche Erzählung eine gefährliche Dynamik auslösen konnte, wie schon viele Beispiele in der Geschichte gezeigt hatten. Doch für Alfred, der spürte, dass sein Ende näherkam, war es eine Herzensangelegenheit, den Dörflern Frieden zu hinterlassen. Dieser lag jedoch nicht allen am Herzen. »Tze«, spuckte Isold in seine Richtung, stand auf und stieß dabei seinen Stuhl um, der mit Schwung über den Boden schlitterte. Seine wenigen Anhänger folgten ihm und verschwanden zwischen den Häusern.
Für gewöhnlich hätte die Geschichte rund um Brionnesis, Rionnesos und Trinithius auch Fenins Gedanken angeregt, doch an seinem Abend wollte er sich den Kopf nicht über diese Schauergeschichten zerbrechen. Doch auch wenn er es nicht tat, war zu spüren, dass andere in der Runde es taten. Es war nicht wie sonst, dass sich darum gestritten wurde, wer als Nächstes den imaginären Redestab erhalten würde. Viel mehr verging die Stille gar nicht mehr, schien stattdessen die tapfersten Männer des Dorfes einen nach dem anderen zu verschlucken. Statt zu reden, vergrub jeder sein Gesicht hinter seinem gefüllten Krug. Die Stille offenbarte sich allerdings als etwas Gutes, so wie alles irgendetwas Gutes mit sich brachte. Es schien der Moment gekommen, an dem man dankbar für eine Geschichte von Portonas war, der erst vor wenigen Monaten in ihre Dorfgemeinschaft hinzugekommen war. Einer seiner Onkel war verstorben, weshalb er sein Haus geerbt hatte und nun darin wohnte. Wie Fenin empfand, eine Bereicherung für Wegor. Er war stets ein höflicher Mann, der einen intelligenten Eindruck machte und auch den jüngeren Dorfbewohnern gegenüber stets respektvoll war, was man nicht von allen behaupten konnte. Nicht umsonst hatte er an seinem Tisch direkt neben ihm Platz genommen. Vor allem beherrschte er aber eines, das Fenin ganz besonders glücklich machte: das Erzählen von Geschichten um die Drachen und deren Reiter. Auch wenn er damit für gewöhnlich kaum zu Wort kam, schien die Stille an diesem Abend beinahe seinen Namen zu schreien und er nahm sich der Stimme an. Er drehte sich auf der Bank und wandte sich dem Feuer und den Menschen zu: »Vor sehr langer Zeit einmal, wurde dieses Land nicht von diesem Gesindel an Grafen beherrscht, sondern von edlen Männern, die auf Drachen ritten. Sie waren …«
Es schien, als würden ihm die Dorfbewohner kein Gehör schenken, da die meisten von ihnen mit verschränkten Armen in die Ferne schauten. Bei genauerem Hinsehen konnte man allerdings erkennen, wie die meisten ihre Ohren spitzten und immer wieder verlegene Blicke zu ihm warfen. Fenin hingegen machte keinerlei Geheimnis aus seiner Faszination und hing ganz offensichtlich an Portonas´ Lippen, wie er es selten zuvor bei jemandem getan hatte. Er saugte jede Information auf, wie ein Stofftuch, das man ins Wasser tauchte. Portonas sinnierte beinahe eine halbe Stunde über die vergangenen Zeiten. Es schien, als würde er mit jedem seiner Worte ein wenig mehr Magie durch das Dorf wehen lassen, bis ganz Wegor erleuchtet von glitzerndem, goldenem Staub leuchtete. So lange, bis er das letzte Wort ausgesprochen hatte. Die entfachte Magie, die entfachten Goldgestöber, sie verebbten und ließen das Dorf kälter zurück, als es je zuvor gewesen war. Portonas´ Blick verweilte noch einen Moment in dem klimmenden Feuer, bevor er sich wieder zu dem Tisch drehte. Er erhob seinen Krug, stieß mit Fenin an und leerte ihn mit einem kräftigen Schluck. Den Behälter knallte er auf den Tisch, bevor Fenin überhaupt richtig angesetzt hatte, und erhob sich von der Bank, um zu gehen. Allerdings tat er dies nicht wortlos. Hinter Fenin hielt er inne und packte seine Schultern mit unerwarteter Stärke.
»Schade, dass es hier kein Horn gibt, denn in meiner Heimat Kil´dor gibt man das Bier nur Darwin … ähm darin aus. Das solltest du dir schnellstmöglich mal ansehen.«
Während Fenin den Schluck, den er gerade erst genommen hatte, wieder in das Glas zurückspuckte und von neuem laut husten musste, verschwand Portonas wie ein Geist in der Dunkelheit.
