Fern vom Licht des Himmels - Tade Thompson - E-Book
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Fern vom Licht des Himmels E-Book

Tade Thompson

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Beschreibung

Das Siedlungsschiff Ragtime dockt im Lagos-System an, nachdem es Lichtjahre gereist ist, um eintausend schlafende Seelen in die neue Heimat auf dem Planeten Bloodroot zu bringen. Als Michelle »Shell« Campion, Erste Offizierin der Ragtime, nach zehn Jahren aus dem künstlichen Schlaf aufwacht, muss sie feststellen, dass die kommandierende KI des Schiffs größtenteils außer Betrieb ist und ein Dutzend Passagiere ermordet wurden. Unter Quarantäne gestellt, versucht sie verzweifelt die Kontrolle über das Schiff wiederzuerlangen und herauszufinden, was passiert ist. Dabei wird sie von Rasheed Fin, einen in Ungnade gefallenen Ermittler aus der Kolonie, und seiner künstlichen Partnerin Salvo unterstützt. Doch langsam kristallisiert sich heraus, dass nicht nur die verbliebenen Passagiere auf dem Schiff um ihr Überleben kämpfen müssen, sondern auch die Kolonie Bloodroot einer tödlichen Bedrohung aus dem All ausgesetzt ist. Tade Thompsons neuer Roman ist gleichzeitig Krimi, Weltraumoper, Gothic-Horror und Survival-Abenteuer, alles neu interpretiert durch die Linse des Afrofuturismus. Ein Buch, das man schon nach wenigen Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann!

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FERN vom LICHT des HIMMELS

TADE THOMPSON

Aus dem Englischen übersetzt von Jakob Schmidt

Die britische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel

»Far from the Light of Heaven« bei Orbit, einem Imprint der Little,

Brown Book Group, London, UK.

© 2021 by Tade Thompson

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Auszug aus »Beyond the Hallowed Sky« © 2021 by Ken MacLeod

Alle Charaktere und Ereignisse in diesem Buch sind fiktiv, und jede Ähnlichkeit mit realen Personen, ob lebend oder tot, ist rein zufällig.

1. eBook-Ausgabe 2022

Copyright der deutschen Ausgabe

© 2022 Golkonda in der Europa Verlage GmbH München

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München, nach dem Cover-Design von Lauren

Panepinto und Motiven von Shutterstockcover (© 2021 Hachette Book Group, Inc.)

Lektorat: Madita Hofmann

Layout & Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Gesetzt aus der Berkeley

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 9-783-96509-060-6

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.golkonda-verlag.com

Für Beth.

Ich nähere mich der Sache an.

Der Weltraum ist die Klippe am Abgrund des Todes.

Anonymes Graffiti im ältesten Wartungsschacht der Raumstation Daedalus, 2077.

Inhalt

Kapitel 1

Zehn Jahre später …

Kapitel 2

Kapitel 3

Fin

Kapitel 4

Kapitel 5

Salvo

Kapitel 6

Kapitel 7

Shell

Fin

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Beko

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Awe

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Shell

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Nachwort

Danksagung

Kapitel 1

Erde/Ragtime: Michelle »Shell« Campion

Man muss nicht wissen, wonach einen niemand fragen wird.

Während ihre Stiefel bei jedem Schritt auf dem Kies knirschen, weiß Shell nicht, ob sie ist, wer sie ist, weil sie es will oder weil ihre Familie es von ihr erwartet. Soweit sie zurückdenken kann, seit ihrem dritten Lebensjahr, war da immer der Wunsch, ins All zu fliegen. In den Weltraum aufzubrechen, dem Sonnensystem den Rücken zukehren, auf dem Relativismus der Wurmlöcher zu surfen, nichts von alledem stellt heute noch einen Vorstoß ins Unbekannte dar. Es wird keine Dokumentation über das Leben und Wirken von Michelle Campion geben. Aber sie will es trotzdem wissen. Um ihrer selbst willen.

Die Isolation setzt ihr jedenfalls zu. Nein, nicht die Isolation, an die hat sie sich im Laufe ihrer Ausbildung gewöhnt. Es ist die Isolation ohne Fortschritt, die ihr zu schaffen macht, die Isolation ohne Ziel. Sie hat das Gefühl, exakt in der Mitte des Innenhofs zwischen den Quarantänegebäuden zu stehen. Es kommt ihr vor, als würde sie sich hier auf einem Gefängnishof die Beine vertreten, nach einem gestaffelten Stundenplan, damit ihr niemand begegnet. Ein Gefängnis ohne Verurteilung.

Man nimmt Blut- und Gewebeproben von ihr, und sie wartet, Tag für Tag.

Sie bleibt stehen und holt in der Sommerbrise tief Luft, blickt auf, um sich die Sonne Floridas ins Gesicht scheinen zu lassen. Für den Weltraumflug hat sie sich das Haar kurz geschnitten. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, sich den Kopf kahl zu rasieren, aber MaxGalactix hielt das nicht für medienfreundlich, was immer damit gemeint ist.

Shell sieht etwas und beugt sich vor. Ein Unkraut, eine kleine Sprosse, die sich ihren Weg zwischen den Steinen bahnt. In dem chemisch behandelten Boden hätte es sie eigentlich nicht geben dürfen, aber sie ist trotzdem da, ein Stück unbeirrbares Leben. Sie verspürt den Drang, die zerbrechliche grüne Faser zu pflücken, tut es aber nicht. Stattdessen streicht sie einmal über den Halm und richtet sich wieder auf. Menschen im Kosmos sind wie vereinzeltes Unkraut. Sie fragt sich, welche Riesen oder Götter die Menschen streicheln, wenn sie zwischen den Sternen hindurchschlüpfen.

Der Wind dreht sich, und Shell riecht das Essen, das in der Küche für das Bodenpersonal und die Familien zubereitet wird. Die Passagiere und Besatzungsmitglieder wie Shell essen schon jetzt Weltraumnahrung, als hätten sie die Erde bereits verlassen.

Um sie herum befinden sich die Wohnbereiche der Quarantänegebäude. Hochhäuser aus Glas und Stahl bilden ein Rechteck um den Hof. Eintausend Passagiere warten hier darauf, an Bord verschiedener Fähren zu gehen, die sie zum Raumschiff Ragtime bringen werden.

Shell, gerade mit der Ausbildung fertig, ist bei der Fahrt und diesem Erlebnis dabei und hat sich dazu verpflichtet, zehn Jahre im Traumzustand durchs All zu fliegen, die Passagiere bei der Kolonie Bloodroot abzuliefern und dann weitere zehn Jahre mit der Rückreise zu verbringen. Bei ihrer Rückkehr wird sie Mitte vierzig sein. Sie könnte ebenso gut eine Passagierin sein, weil das Schiff von der KI gesteuert und befehligt wird. Sie ist der erste Maat, eine rein zeremonielle Position, die man in der gesamten Geschichte der interstellaren Raumfahrt bisher nie wirklich gebraucht hat. Sie hat alles, was mit der Ragtime und ihrem Flug zu tun hat, bis zum Erbrechen gelernt. Das wird es ihr ermöglichen, zu einem bestimmten Zeitpunkt das Kommando zu übernehmen, damit sie Erfahrungen sammeln kann, während die KI ihr im metaphorischen Sinne über die Schulter sieht.

Sie wendet sich dem Gebäude zu, in dem sie wohnt, und verlässt den Hof. Sie spürt keine Blicke auf sich, obwohl sie weiß, dass mit Sicherheit Leute an den Fenstern stehen.

Ihre Quarantänewohnung ist bequem, aber im Gegensatz zu denen der meisten anderen Passagiere nicht opulent. Die Ragtime parkt laut der Künstlichen, die Shell ihre Unterkunft gezeigt hat, bereits in der Umlaufbahn. Unzutreffend: Sie wurde in der Umlaufbahn gebaut, also parkt sie dort eigentlich nicht. Sie befindet sich im Trockendock.

Sie verbringt die Quarantäne damit, zu lesen und Gewichte zu stemmen – normalerweise hält sie sich lieber auf andere Arten fit, aber im All werden die Knochen demineralisiert, und Gewichte stemmen hilft dagegen. Eigentlich läuft und schwimmt sie lieber.

Ihre Lektüre ist nicht besonders inspirierend. Zur Hälfte besteht sie aus den technischen Daten der Ragtime, die vor allem deshalb langweilig sind, weil sie diese letztendlich nicht kennen muss. Die KI fliegt das Schiff, und es geht nie etwas schief, weil KIs noch nie unterwegs versagt haben. Einmal ist ein simulierter Start missglückt, aber das war eine Software-Panne. Heutzutage sind KIs fest mit den Schiffspentagrammen verdrahtet. MaxGalactix stellt die Pentagramme her, und dabei werden keine Fehler gemacht.

Wenn sie Glück hat, dann hat sie zwei Wochen Quarantäne, gefolgt von kurzer, hektischer Aktivität und dann zehn Jahre Schlaf vor sich.

Shell lässt sich ihre Betperlen durch die Hand gleiten. Es ist nicht ihr erster Flug ins All. Sie war schon einmal in der Umlaufbahn, hat drei Wochen an Bord einer Raumstation und ungezählte Simulatorstunden in einer Kapsel in Alaska verbracht, sie hat für das interstellare Reisen trainiert, hat es regelrecht damit übertrieben.

»Das ist gesetzlich vorgeschrieben«, hat ihr Chef gesagt. Die Privatfirma hat sie der NASA sechs Monate vor dem Ende ihrer Ausbildung weggeschnappt. Shell hat deshalb immer noch ein schlechtes Gewissen. Sie vermisst eine Menge guter Leute dort.

»Bei jeder Reise muss eine für den Raumflug zertifizierte menschliche Person dabei sein, aber Sie müssen nicht das Geringste machen, Michelle. Wir kümmern uns um zwei Sachen: um die rechtliche Seite, und darum, dass Sie Raumjahre absolvieren. Danach können Sie sich eine Wunschkarriere aussuchen.«

»Wenn dem so ist«, fragte Shell, »warum sitzt jetzt nicht jemand anderes hier auf diesem Stuhl? Jemand, der mehr Berufsjahre hinter sich hat?«

»Erfahrung.« Ihr Chef hatte genickt. »Hören Sie mal, Michelle, Sie müssen aufhören so zu denken, als wären Sie immer noch bei der NASA. Wir arbeiten nicht mit so überholten Konzepten wie dem Dienstalter.«

Shell hob eine Braue.

»Na gut, Ihr Vater hat auch etwas damit zu tun.«

Natürlich. Haldene Campion, der legendäre Astronaut, unsterblich, weil er, anstatt zu sterben wie all die anderen von damals, verschollen ist. Rechtlich hat man ihn für tot erklärt, aber alle wissen, dass das nur auf dem Papier so ist. Seinem Schatten kann Shell nie entkommen, und sie weiß auch nicht genau, ob sie das will. Ein Teil von ihr hat das Gefühl, dass er in irgendeinem Strudel einer Einstein-Rosen-Brücke noch lebt. Sie hat einmal gelesen, dass der Tod in einem Schwarzen Loch dazu führen würde, dass die Informationen, aus denen man besteht, intakt gefangen sind. Theoretisch kann man den Menschen wiederherstellen, wenn man diese Informationen irgendwie aus dem Schwarzen Loch herausbekommt. Oft fragt sich Shell, was wäre, wenn eine solche Person auf irgendeine unbestimmbare Art noch am Leben wäre? Würde sie Schmerzen leiden, auf ewig bei Bewusstsein? Würde sie ihre Lieben vermissen?

Gerade wird Die Morde in der Rue Morgue mit George C. Scott auf ihr IFC gestreamt. Der Film wirkt veraltet und ist nicht besonders gut, aber immerhin hält er Shell für eine Weile beschäftigt. Danach kommt irgendein B-Movie über dämonische Besessenheit, ein billiger Exorzist-Abklatsch, der Shell überhaupt nicht gefällt.

Täglich kommen Labortechniker, um ihr Blut abzuzapfen und Speichelproben zu nehmen. Es ist nicht weiter lästig – ein bisschen Spucke und ein Nadelstich.

Am zehnten Tag bekommt sie einen Anruf von der Ragtime.

»Hallo?«

»Missionsspezialistin Michelle Campion?«

»Ja.«

»Hi. Hier spricht die Ragtime. Ich werde für Sie das Schiff steuern. Ich wollte mich wenigstens einmal mit Ihnen unterhalten, bevor Sie an Bord gehen.«

»Oh, danke. Die meisten nennen mich Shell.«

»Ich weiß. Ich wollte nicht anmaßend sein.«

»Daran ist nichts Anmaßendes, Captain.«

»Ich bevorzuge Ragtime. Insbesondere, wenn ich dich Shell nennen soll.«

»Okay, Ragtime. Darf ich fragen, welches Geschlecht du repräsentierst? Deine Stimme ist angenehm, lässt sich aber in alle Richtungen deuten.«

»Auf diesem Flug bin ich männlich, danke der Nachfrage. Bist du bereit?«

»Ich hoffe, dass ich viel lernen werde, Ragtime, aber ich muss gestehen, dass ich nervös bin.«

»Aber du weißt, was du zu tun hast, oder?«

Was weiß Shell?

Sie weiß alles, was ihr die klügsten Köpfe der Erde über Raumfahrt beigebracht haben. Sie weiß, wie man eine essbare Pflanze findet, wenn man es mit unbekannter Vegetation zu tun hat. Sie kann in einer Wüste Wasser herstellen. Sie kann mit Menschen verhandeln, die nicht ihre Sprache sprechen, falls sie irgendwo abstürzt, wo die Leute weder Englisch noch Spanisch können. Sie kann, wenn nötig, ihre eigenen Wunden mit einer Hand nähen, mit links oder rechts. Sie ist mit den Grundlagen der Elektronik vertraut und kann auch unbekannte Schaltkreise löten oder verschweißen, falls es erforderlich ist. Sie kann zweihundertvierzehn Tage ohne Kontakt zu anderen Menschen überstehen. Vielleicht auch mehr. Sie ist zwar keine Pilotin, aber ein Flugzeug kann sie fliegen. Nicht besonders gut, aber sie würde es hinbekommen. Die klügsten Köpfe der Erde.

Was Shell weiß, ist, dass sie nicht genug weiß.

Sie sagt: »Ich hoffe, ich erhalte die Gelegenheit, das, was ich gelernt habe, auch tatsächlich zum Einsatz zu bringen.«

»Ich bin mir sicher, dass wir für dich ein wundervolles Erlebnis daraus machen können. Magst du Gedichte?«

»Puh, das ist eine seltsame … ich kenne genau eine Zeile aus einem Gedicht. Lerne in der Saatzeit, Lehre zur Erntezeit …«

»… genieße im Winter. William Blake. Ich habe Zugriff auf seine gesammelten Werke, falls du mehr hören möchtest.«

»Nein, danke. Die Zeile ist bloß aus meiner Kindheit bei mir hängen geblieben. Ich habe nicht viel übrig für Gedichte.«

»Noch nicht, aber es ist eine lange Reise. Vielleicht stellst du fest, dass du dich in unerwarteter Weise veränderst, Shell.«

»Ist das nicht auch dein erster Flug?«

»Durchaus, aber ich kann auf Jahrzehnte an Erfahrungen anderer Schiffe zurückgreifen. Stell dir vor, du hättest Zugriff auf die Erinnerungen deiner gesamten Abstammungslinie. So ist das in etwa, und das macht mich weiser, als man es bei einer Person meines Alters erwarten sollte.«

»Okay.«

»Es ist nicht zu spät, nach Hause zurückzukehren, weißt du.«

»Wie bitte?«

»Du wärst überrascht zu erfahren, wie viele Leute in letzter Minute die Nerven verlieren. Ich musste das fragen. Wir sehen uns an Bord, Shell.«

Für eine Schiffs-KI ist Ragtime ganz schön gesprächig, aber er ist auf solche Feedbackschleifen angewiesen. Durch sie hat er gelernt, Gespräche mit Menschen führt. Nicht zu spät, um nach Hause zurückzukehren. Hat er eine Ahnung, wie man sich ins Zeug legen muss, um überhaupt so weit zu kommen? Alle, die auch nur im Entferntesten darüber nachdenken würden, nach Hause zurückzukehren, hätten schon viel früher die Reißleine gezogen.

Was einem im Weltraum fehlt, ist der Überfluss an Wasser zum Waschen. Zu Shells Ritualen vor einem Raumflug gehört ein ausgedehntes Schaumbad. In der Zeit, die sie in der Badewanne verbringt, könnte man mehrere Hummer kochen. Ihre Haut wird schrumpelig, und sie hört Jack Benny in Wiederholungsschleife. Sie kommt sich dekadent vor.

Als sie sich in ihren Hausmantel wickelt und aus dem Badezimmer kommt, fühlt sie sich nicht erfrischt, weil sie aus Erfahrung weiß, dass schon bald wieder alles an ihr eklig sein wird.

Am Abend ihrer Abreise führt Shell ein Gespräch mit ihren Brüdern Toby und Hank. Die Hologramme sind in Ordnung, und wenn die Gerüche nicht gefehlt hätten, hatte sie den Eindruck gehabt, dass die beiden bei ihr im Zimmer stünden. Gute Verbindung, gute Tonqualität.

»Hey«, sagt sie.

»Kleine Schwester«, erwidert Toby. Er ist hochgewachsen, hat das blonde Haar ihrer Mutter, ist gesprächig und trägt immer ein Lächeln auf den Lippen. Seine Übertragung kommt irgendwo vom Mars, aus einer Kolonie an deren Namen Shell sich nicht einmal erinnert.

»Stinkwanze«, sagt Hank. So nennt er sie seit ihrem zweiten Lebensjahr. Er ist wortkarg und arbeitet als eine Art Spion oder Geheimagent. Braunes Haar, einsachtzig groß, schlank. Er und Shell sehen sich ähnlich, sie kommen beide nach ihrem Vater. Er kann nicht über seine Arbeit sprechen.

»Wenn du dort draußen unterwegs bist, halte nach Dad Ausschau«, sagt Toby.

»Nein«, widerspricht Hank.

»Wieso? Wir wissen nicht, ob er tot ist«, sagt Toby.

»Es ist fünfzehn Jahre her«, antwortet Shell. Toby macht das immer. Man hatte Haldene Campion vor Jahren für tot erklärt, damit sie ihr Leben weiterleben und sich ihr Erbe ausbezahlen lassen konnten.

»Halt einfach die Ohren offen«, sagt Toby.

»Wie? Wir werden die ganze Reise über schlafen, das weißt du doch.«

Toby nickt. Was zur Hölle soll das jetzt heißen?

»Ich sage dir, was Dad immer mir gesagt hat«, bemerkt Hank. »Mach uns stolzer.«

»Stolzer?«, fragt Shell.

»Ja, er meinte, dass er ohnehin schon stolz auf unsere Leistun gen war. Damit wollte er so etwas wie ›leg noch eine Schippe drauf‹ sagen«, antwortet Toby für seinen Bruder.

»Ich stehe gerade erst am Anfang. Ich habe nichts zu beweisen«, sagt Shell.

»Campions sind Champions«, sagt Hank.

»Himmel noch mal, hör auf damit«, sagt Shell. Sie erinnert sich daran, dass ihr Vater das auch immer gesagt hat.

Sie reden noch ein bisschen über dies und das, über alles und nichts.

Es gibt nur noch wenige Unternehmen, die das Kennedy Space Center verwenden, aber die Macht der Nostalgie lockt eine Menschenmenge an, und Publicity ist eine wichtige Sache, sagt zumindest MaxGalactix. Geografisch ist das KSC gut geeignet, um eine Umlaufbahn entlang des Äquators zu erreichen, aber inzwischen gibt es zahlreiche neuere Startplätze, die in Sachen Orbitalmechanik vorteilhafter sind und besser den amerikanischen Interessen entsprechen. Das KSC steht für Prestige und Geschichtsträchtigkeit.

Es gibt eine Parade.

Niemand hat ihr etwas davon gesagt, und sie fühlt sich peinlich berührt, weil sie keine Menschenmengen mag und keine Zurschaustellungen von … was immer das hier ist. So viele winkende Menschen, manche mit amerikanischen Fähnchen in den Händen, manche mit ihrem Missionsabzeichen.

Sie winkt zurück, weil man das eben so macht, aber vor allem möchte sie raus aus der Sonne Floridas und rein in die Fähre. Man winkt mit der Hand unter Schulterhöhe, damit man nicht das Gesicht der Person hinter einem verdeckt. Das bekommt man ebenfalls beigebracht.

Abflug: Gottes Stiefel drückt ihren ganzen Körper nieder, zugleich fest und sanft, und an ihrem Rücken reagiert der Sitz. Shell ist nicht gerade ein Fan von G-Kräften, aber dank ihrer Ausbildung kann sie diese ertragen.

Kommt nicht in den Himmel, Sterbliche, sagt Gott, und versucht erfolglos, sie mit Tritten auf die Planetenoberfläche zurückzubefördern.

Warum bin ich hier? Ich habe hier nichts zu suchen.

Aber sie ist nun einmal hier, und letztendlich wird sie den Sieg über Gottes Stiefel davontragen.

Die Erde liegt hinter und die Ragtime vor ihr.

Kurze, flache Atemzüge. Warten, dass es vorübergeht.

G-Kräfte sind echt Kacke.

Nachdem sie angedockt haben, begleiten Künstliche aus dem Shuttle Shell und andere Passagiere von der Luftschleuse quer durch das Schiff zu ihren Kapseln. Medbots schließen sie an Tropfnadeln und Urinkatether an, während eine Aufzeichnung von Ragtimes Flugplan abgespult wird. Zuerst ein kleiner Sprung von der Erde zur Raumstation Daedalus, dann Brückensprünge zu mehreren weiteren Raumstationen, bis sie für eine letzte Wartung an der Raumstation Lagos ankommen werden vor ihrem großen Sprung zum Kolonieplaneten Bloodroot.

»Wenn wir bei Lagos ankommen, wirst du schlafen, du musst dir also keine Sorgen wegen irgendwelcher Dinge machen, die du über Beko gehört hast.«

»Was ist Beko?«

»Ach, das weißt du nicht. Lagos hat einen Gouverneur, aber die eigentliche Macht liegt in den Händen von Generalsekretärin Beko. Sie steht in dem Ruf, ziemlich heftig zu sein. Aber das spielt für dich keine Rolle. Du wirst nichts mit ihr zu tun haben, also kannst du dich entspannen.«

»Alles klar. Und auf Bloodroot?«

»Auf Bloodroot wirst du auch niemanden persönlich treffen. Wir treten in die Umlaufbahn ein, sie schicken Fähren, um die Passagiere abzuholen, und wir machen kehrt und fliegen nach Hause. Ganz einfach.«

»Brauche ich dann nicht langsam mal Landurlaub? Das hier ist ein Schiff, Ragtime. Da kann es einem langweilig werden.«

»Ich wüsste nicht, warum du keine Zeit auf der Oberfläche verbringen solltest. Du hast alle nötigen Impfungen erhalten. Gib mir dann einfach Bescheid, wenn du möchtest.«

Shell fühlt sich langsam benommen. »Ich werde … werde …«

»Keine Sorge, das ist das Betäubungsmittel. Ich wecke dich, wenn wir in … und …«

Die Welt verblasst.

Zehn Jahre später …

Ragtime: Shell

Schwitzend und mit klopfendem Herzen stürzt Shell in Nodus 1 und fliegt zu weit, weil sie die Mikrogravitation nicht richtig einberechnet hat.

»Ragtime, riegele die Brücke ab!«

»Abgeriegelt.«

Das Schott knallt zu, und das beruhigende Geräusch zuschnappender Stahlbolzen ist zu hören.

Sie greift nach einem Geländer und ruht sich ein paar Sekunden lang aus, bevor sie ihr IFC aufruft. Rot, mit blinkenden Alarmleuchten überall. Darum kann sie sich jetzt nicht kümmern.

Sie öffnet eine Kommunikationsverbindung und zeichnet eine Nachricht auf.

»Mayday, mayday. Hier spricht Captain Michelle Campion vom Raumschiff Ragtime. Ich habe hier eine Notsituation. Mehrere Todesfälle …«

Sie verstummt, löscht die Nachricht. Sie weiß nicht, wer sich die Übertragung möglicherweise anhört, welchen Schaden sie anrichten und welche Panik sie auslösen könnte.

Beruhige dich.

Denk nach.

Sie fängt von vorne an.

»Hier spricht Captain Michelle ›Shell‹ Campion vom Raumschiff Ragtime …«

Kapitel 2

Bloodroot: Fin

Fin löscht den Satz und fängt noch einmal von vorne an.

Er sieht aus dem Fenster, die Hände in Tipphaltung. Es ist noch dunkel, aber er spürt die nahende Dämmerung, ohne dafür auf die Uhr sehen zu müssen. Der Schreibtisch ist von zahlreichen handgekritzelten Studien für 3D-Drucke übersät. Größtenteils handelt es sich um Entwürfe für maßgeschneiderte Waffen. Viele davon wird man nie anfertigen – sie sind nicht mehr als intellektuelle Übungsaufgaben, mit denen er seinen Verstand wachhält. Auf dem Boden liegen verworfene Ideen, verborgen in zerknülltem Papier.

Zwei Tassen Kaffee stehen nebeneinander. Er hat sich eine gemacht, sie erst vergessen, dann festgestellt, dass sie kalt war, ist aufgestanden und hat sich noch eine gemacht, die er anschließend ebenfalls vergessen hat. Das passiert ihm manchmal, wenn er in Gedanken ist. Fin überlegt, ob er ein Nickerchen machen soll, aber das Bett ist voller Papier. Er hat ein Arbeitszimmer, aber das benutzt er nie.

Die Tastatur schimmert in der Luft, und jedes Mal, wenn Fin eine Taste drückt, leuchtet der entsprechende Buchstabe auf.

Sehr geschätzte Person,

mein Name ist Rasheed Fin. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich dazu herablassen, meinen Brief zu lesen. Ich möchte Ihre Zeit nicht verschwenden.

Ich kann mich nicht gut ausdrücken. Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass

Nein. Zu abgedroschen, zu arschkriecherisch, zu jämmerlich, absolut nicht der richtige Tonfall.

Fin steht auf, unterbricht die Verbindung zwischen seinem IFC und dem Terminal und flucht. Er fährt sich mit der Hand durchs Haar und stellt fest, dass es mittlerweile buschig geworden ist. Er hat in letzter Zeit zu wenig auf seine Körperpflege geachtet. Er könnte sich einen Dada machen. Locs sind auch eine Option.

Eine Nachricht erscheint auf seinem IFC, aber ihr Objektivitätsindex liegt bei unter 50%, und Fin hat kein Interesse daran, sich den Kopf mit Lügen vollzustopfen. Er hat seine eigenen Lügen, die er wiedergutmachen muss.

Fin gähnt.

Er lässt sich auf den Boden nieder und macht ein paar halbherzige Liegestützen, vielleicht fünfzehn. Er hört erst auf zu zählen, und dann hört er ganz auf. Er wollt sich eigentlich dehnen, aber das Scheitern an seinem Entschuldigungsschreiben droht auf alles andere abzufärben. Er verlässt sein Zimmer und hört zu seiner Zufriedenheit das Summen des Druckers. Er nimmt seine Werkzeuge und seinen Mantel, schließt leise die Tür auf, um die Mutter nicht zu wecken, und starrt dann auf die Tür. Er öffnet sie und fängt an zu schwitzen, während er sich zwingt, den Fuß über die Schwelle zu schieben. Er zittert am ganzen Leib und lässt seine Werkzeuge fallen, was es ihm einfacher macht, weil sie nach draußen purzeln und er sie einsammeln muss.

Die Morgenluft trägt Eukalyptusduft heran. Nicht von einem der nahen Bäume, aber Fin weiß, aus welchem Wäldchen der Duft stammt. Er geht schnell, und nach fünfzehn Minuten ist er an der richtigen Stelle.

Er verbringt eine Stunde damit, im Beltane-Arm Bäume zu pflanzen. Andere sind auch da, und sie lächeln ihm knapp, aber kameradschaftlich zu, ohne etwas zu sagen. Obwohl er ebenso hart wie die anderen arbeitet und mehr Bäume pflanzt als irgendjemand sonst, ist er in Gedanken damit beschäftigt, über Formulierungen nachzudenken und sie zu verwerfen. Die Schuldgefühle machen ihn träge im Kopf.

Die Kolonie Bloodroot ist als Folge der Baumpflanz-Tradition, die bis zu ihrer Gründung zurückreicht, von dichtem Wald umgeben. Das Habitat selbst ist von endlosen Baumpfaden durchwoben, dicke Spiralen, in denen sich Wald und gepflasterte Straßen abwechseln, sodass menschliche Bauwerke nicht vorherrschend sind. Sie haben die auf der Erde und auf Nightshade begangenen Fehler vermieden, der tückischen Versuchung der Landnahme nicht nachgegeben und die Kolonie stattdessen auf Grundlage der Prinzipien der gemeinsamen Bewirtschaftung und ökologischen Integration aufgebaut. Lauter Schlagwörter, die er in der Schule gelernt hat. Nach allem, was Fin gelesen hat, würde er sagen, dass die Probleme auf der Erde Gier und die Entscheidung für die falschen Energiequellen waren, aber wer zum Teufel kann sich da schon wirklich einen Reim darauf machen? Sie hatten die gleiche Menge an geothermaler Energie und fast genauso viel Sonnenenergie, wie auf Bloodroot verwendet wird.

Fin kehrt nach Hause zurück. Das Betreten des Gebäudes ist kein Problem, nur das Rausgehen macht ihn kirre.

Er fummelt am 3D-Drucker herum, bis das Gerät wieder macht, was es soll: einen neuen Schlagbolzen für seine älteste Feuerwaffe. Erst danach wäscht er sich. Das Duschwasser versiegt tröpfelnd, als er überall eingeseift ist, und geht dann eiskalt wieder an, sodass er sich erschrickt und den Kopf anstößt.

Während er sich den Schaum abwäscht, bekommt er einen Anruf.

»Hallo?«

»Spreche ich mit Rasheed Fin?«, fragt eine wichtigtuerische Stimme.

»Ja.«

»Warten Sie, ich verbinde Sie mit Direktor Unwin.« Es klickt ein paarmal. Während er wartet, fällt Fin auf, dass er strammsteht. Gerald Unwin ist sein Chef – oder wäre es. Nein, er ist es. Fin ist zwangsbeurlaubt, aber er hat nach wie vor seine Stelle.

»Wie geht es Ihnen, mein Junge?«, fragt Unwin.

»Mir geht es gut. Ich bin gerade vom Pflanzen zurückgekommen. Halte mich beschäftigt.«

»Wo pflanzen Sie?«

»Beltane.«

»Ah. Ich pflanze bei Innocenti. Und es geht Ihnen gut?«

Fin hält inne, um zu schlucken. »Mir geht es gut.«

»Gut. Ich möchte, dass Sie mir einen Besuch abstatten.«

»Ja, Sir. Wann?«

»Jetzt gleich.«

Wirklich? Jetzt haben sie also endlich beschlossen, ihn zu feuern? »Sir, darf ich fragen, worum es geht? Ich halte es nicht für besonders fair, mich ohne Vorwarnung antreten zu lassen, ohne, dass ich mich vorbereiten kann. Ich …«

»Fin, schwingen Sie einfach Ihren Arsch hierher. Ich schicke einen Wagen.« Unwin legt auf.

Fin atmet aus. Sein Herz macht einen Satz und wird dann wieder langsamer, macht noch einen Satz. Er geht zum Kleiderschrank. Er war seit einem Jahr nicht mehr bei der Arbeit, und all seine Anziehsachen sind aus der Mode. Wenn sie ihm kündigen, dann will er zumindest mit ein bisschen Würde gehen. Er hat keine Zeit, um etwas wegen seinen Haaren zu machen, aber zumindest rasiert er sich und schneidet sich die Fingernägel.

Dann brüllt er nach oben: »Mutter, ich gehe weg. Lass niemanden in mein Zimmer, ich arbeite gerade an etwas.«

»Rasheed, vergiss nicht, etwas zu essen, bevor du losgehst.« Ihre Stimme treibt zu ihm herab wie eine Weissagung.

»Ja, Mutter«, sagt Fin und achtet dabei kaum auf seine eigenen Worte. Er versucht, sich zu entscheiden, ob er bewaffnet nach draußen gehen soll oder nicht. Er hat keinen Job, deshalb hat er offiziell nicht das Recht, Waffen zu tragen. Und wenn sie wirklich den Abzug betätigen und ihn kündigen, dann beschlagnahmen sie sie vielleicht. Er geht ohne sie.

Das letzte, was er sieht, bevor er geht, ist ein Bild von einem Jungen, der durch eine Wüste aus getrocknetem, rissigem Schlamm wandert, die sich, so weit das Auge reicht, erstreckt. Er hat dem Betrachter den Rücken zugekehrt und wirkt, als wäre er nur zufällig dort, während die eigentliche Aufmerksamkeit den Rissen im Boden gilt. Es ist das einzige bisschen Kunst in einem Zimmer, das ansonsten mit einem technischen Sammelsurium vollgestopft ist.

Er hört Motorengeräusche und blickt nach draußen. Der Wagen ist eine Art Kapsel, mit Platz für nur eine Person. Fin würde darauf wetten, dass die KI kein Wort sprechen wird. Er saust zur Tür und bleibt dort für einen Moment stehen, zwingt sich, auf die Klinke zu drücken. Tu es. Er schafft es, die Tür aufzustoßen.

Genug gezögert.

Er kneift die Augen zu, hält den Atem an und stolpert nach draußen.

Unwin ist ein älterer Herr mit Knopfaugen und sich lichtendem Haar. Meistens ist er ruhig, aber seine Ruhe kann unvermittelt in lodernden Zorn umschlagen, der sich oft ebenso schnell wieder legt, wie er aufgeflackert ist. Fin ist froh, dass er einen Anzug trägt, obwohl es ein fadenscheiniger Anzug ist. Er fühlt sich in diesem unvertrauten Büro unwohl. Früher hatte Unwin ein Büro ganz in Holz und Leder, voller Harze und Öle, die beruhigend auf seine Besucher wirkten. Doch dieses Büro besteht aus Beton, Glas und Plastik. Unwillkürlich interpretiert Fin das als Ausdruck eines sterilen, verhärteten Herzens.

Ein anderer Mann ist ebenfalls anwesend, dünn, etwa so alt wie Unwin, aber irgendwie fröhlicher. Er hat die Ärmel hochgekrempelt und lehnt an einer weißen Wand. Sie werden einander nicht vorgestellt, und der dünne Mann sagt weder Hallo noch gibt er ihm die Hand.

»Wie geht es Ihnen gesundheitlich, Rasheed?«, fragt Unwin.

»Ich halte mich in Form«, sagte Fin. Für einen Moment kehren seine Gedanken zu den Liegestützen zurück, mit denen er nicht fertig geworden ist, aber er unterdrückt die Erinnerung.

»Gut. Ich möchte, dass Sie sich das hier anhören.«

Hier spricht Captain Michelle ›Shell‹ Campion vom Raumschiff Ragtime. Ich habe hier einen Code 4717, wiederhole: 4717. Kontamination an Bord, mögliche Ansteckung. Passagiere befinden sich noch im Ragtime-Traumzustand. Schicken Sie keine Fähren für die Passagiere, bevor Sie wieder von mir hören. Campion Ende.

»Wo kommt das Schiff her?«, fragt Fin.

»Von der Erde.« Unwin mustert sein Gesicht. »Was halten Sie davon?«

Fin kneift die Augen zusammen. »Ich glaube, wir sollten eigentlich von der KI hören, nicht von einem Menschen. Werden interstellare Missionen von der Erde nicht von KIs gesteuert?«

»Durchaus«, sagt Unwin. »Wir nehmen an, dass die KI ausgefallen ist und Campion übernommen hat.«

»Schiff-KIs fallen nicht aus, soweit ich weiß, aber wenn Sie es sagen«, erwidert Fin. »Wenn das so stimmt, dann haben die offenbar nicht das Protokoll befolgt und sich deshalb die Masern geholt.«

»Nein. 4717 ist nicht der Code für eine Kontamination«, sagt der dünne Mann.

Fin dreht sich in seinem Stuhl herum, um ihn anzusehen. »Wofür steht der Code dann?«

»Für vorzeitige Todesfälle. Mehrere vorzeitige Todesfälle.«

»Vorzeitige Todesfälle aufgrund von Krankheiten. Wie die Masern. Kommt doch aufs Gleiche raus.«

»Vielleicht.«

»Tut mir leid, aber wer sind Sie?« Fin lässt den Blick zwischen Unwin und dem dünnen Mann hin und her wandern.

»Sebel Malaika. Weltraumkommando. Ich bin ein Freund von Gerald.« Er lächelt.

Fin nickt und wundert sich erneut über den Grund für seine Anwesenheit. »Wie erfahren ist Campion?«

»Es ist ihre erste interstellare Mission«, sagt Malaika.

Fin schnalzt mit der Zunge. »Vielleicht hat sie sich bei dem Code vertan.«

»Möglich, aber unwahrscheinlich. Die Nachricht wird in einer Wiederholungsschleife gesendet. Wir glauben, dass der Teil mit der Kontamination für andere bestimmt ist und der Code für uns. Sie will Schaulustige abschrecken.«

»Oder sie ist in Panik geraten und hat sich bei dem Code vertan«, wiederholt Fin.

»Wie dem auch sei, wir können es nicht riskieren, fremdartige Krankheitserreger nach Bloodroot zu holen. Wir wollen nicht zu einem zweiten Nightshade werden«, sagt Unwin.

»Es war keine Krankheit, die Nightshade den Rest gegeben hat.« Fin lehnt sich in seinem Stuhl zurück. »Warum bin ich hier? Ich bin beurlaubt.«

Unwin sagt: »Wir ziehen in Erwägung, Sie auf eine Mission zu schicken. Wir möchten, dass Sie dort hochgehen.«

»Sie möchten was?!«

»Nur die Ruhe. Es geht hier allein darum, mehr in Erfahrung zu bringen. Keine Rückführungen. Keine Kämpfe, kein Geballer«, sagt Unwin. »Kein Feuerwerk.«

»Wir wollen Sie in einem Space Shuttle hochschicken. Sie sehen sich um und reden mit Campion. Wenn alles okay ist, kommen wir und holen die Passagiere, sobald Sie uns benachrichtigt haben«, sagt Malaika.

»Ich bin ein Repatriierer, ein Rückführer, kein Raumfahrer«, entgegnet Fin. Als sie von einer Mission geredet haben, dachte er, sie meinten, dass er in ein IFC abtauchen sollte, um belastendes Material zu finden. Darin ist Fin gut, und das hat er auch schon nebenher als Freundschaftsdienst für Kollegen gemacht. Er hat keine Lust, an den Rand des Abgrunds zu reisen. »Ich bin nicht gern im Weltraum.«

»Sie waren schon zweimal im Weltraum«, sagt Unwin.

»Als Tourist, Boss, und ich fand es scheußlich. Das erste Mal bin ich noch zur Schule gegangen, und beim zweiten Mal wollte ich ein Mädchen beeindrucken. Und ich habe weder gute Noten in Astronomie noch das Mädchen bekommen.«

»Diesmal sind Sie ein Tourist mit ein paar zusätzlichen Aufgaben. Sie werden einen Partner dabeihaben, der die Fähre fliegt, das Andockmanöver durchführt und Sie bei der Einhaltung des Protokolls unterstützt.«

»Des Protokolls«, wiederholt Fin.

»Sie sind nicht besonders gut darin, sich ans Protokoll zu halten«, sagt Unwin.

»Sollte das nicht eine Regierungsangelegenheit sein? Haben die nicht Abteilungen für so etwas?«, fragt Fin. »Das ist nicht unser … mein Bereich. Ich muss mich schon fragen, warum etwas Derartiges einem Privatunternehmen anvertraut wird.«

»Optik. Niemand in der Regierung möchte dafür verantwortlich sein, eine Seuche auf die Kolonie loszulassen. Besser, man kann ›eigenmächtig handelnden Vertragspartnern‹ die Schuld geben. Sie wollten doch wieder als Ermittler einsteigen, oder? Wieder in der Repatriierung arbeiten? Das ist Ihre Chance. Wenn sie diesen Fall lösen, erhalten Sie Ihre Stelle vollumfänglich zurück, sie bekommen Ihr Gehalt nachgezahlt und werden von jeder Schuld freigesprochen.«

Ich kann nicht freigesprochen werden, wenn ich schuldig bin, denkt Fin. Aber wenn er seinen Job zurückbekommt …

»Sie schicken mich, damit Sie sich darauf berufen können, dass ich ein Jahr außer Dienst war, falls es eine Sauerei gibt«, sagt Fin. »Und weil ich ohnehin schon verbrannt bin.«

Unwin hob die Brauen. »Man sagt, dass Detektive nach ein paar Jahren paranoid werden.«

»Aber ist es wahr?«

Unwin nickt.

»Ich kann einfach nicht ins Weltall. Meine Ma …«

»Machen Sie sich nicht lächerlich.«

»Wie viel Zeit habe ich, bevor …«

»Rufen Sie Ihre Mutter an, weil Sie nämlich nicht wieder nach Hause gehen. Sie müssen eingewiesen werden, und wir haben nicht viel Zeit.«

Im Weltraumhafen fallen Fin als erstes die Reihen von Raumfähren auf, die bereitstehen, um die Passagiere der Ragtime an Bord zu nehmen. Sie führen einen Triebwerkstest nach dem anderen durch, um in Bereitschaft zu bleiben.

Die nächsten paar Tage läuft ihm immer jemand mit einem Notizblock hinterher und hält die Grenzen seiner Belastbarkeit fest. Sie sind jüngere Anwärter gewöhnt, und obwohl Fin nicht so viel älter ist, wirkt er erschöpfter, verbrauchter.

Er gibt sich Mühe, er legt sich ganz bewusst mehr ins Zeug als je zuvor in seinem Leben. Nichts ist wichtiger, als seinen Job zurückzubekommen, weil er nämlich nicht weiß, was er sonst tun soll. Er hatte während des letzten Jahres mehrmals in den Lauf einer Pistole geblickt, und zwar nicht, um ihn zu säubern oder sich zu vergewissern, dass sein Drucker gute Arbeit geleistet hat. Ohne Herausforderungen ist sein Hirn weich geworden, und seine Geräte sind genau wie seine Kleidung alt und überholt.

Er knüpft kein Band zu seiner Trainerin. Er will sie als Feind betrachten, den er besiegen muss, und nicht als Anleiterin, die das gleiche Ziel verfolgt wie er. Er weiß, dass er sich damit keinen Gefallen tut, aber er kann nicht anders.

Sehr geschätzte Person,

ich weiß, was Sie in Bezug auf mich empfinden müssen, und es kann nicht schlimmer sein als das, was ich selbst empfinde.

Es war nicht meine Schuld.

Nein. Zu weinerlich, die Verantwortung so von sich zu weisen. Er ist verantwortlich, und es war seine Schuld.

Zeit, mit dem Training fortzufahren.

An den Abenden, wenn sowohl sein Körper als auch sein Geist von der äußersten Beanspruchung erschöpft sind, beschäftigt Fin sich mit dem, was sie über Michelle Campion wissen. Sie kommt aus einer Raumfahrerfamilie, drei Generationen dessen, was man auf der Erde Astronauten nennt. Die Akte enthält ein Standardbild, auf dem man Campions lächelndes Gesicht und ihre Schultern im Halbprofil sieht. Sie hat braunes Haar, braune Augen und die Sorte Fältchen im Gesicht, die Vertrauen erwecken. Oder in die man sich verliebt. Es ist allerdings auch ein Publicity-Foto, und man hat ihr mit Sicherheit genaue Anweisungen gegeben. Ihre Ausbildung und ihre Flugberichte bestehen aus sterilen Zahlen. Datenmaterial von der Erde kommt meistens in Paketen, die von einer Brückenstation zur nächsten weitergereicht werden. Der Vorgang ist teuer, wird genau überwacht und bietet keinen Spielraum für Ausschmückungen. Die Dokumente enthalten nur die üblichen Angaben und werfen kein Licht auf die Frage, warum dieser Grünschnabel ohne KI einen interstellaren Flug kommandiert.

Fin trennt die Verbindung zwischen seinem IFC und dem Terminal und versucht zu schlafen.

Fin hasst den Weltraum: Die beengten Kabinen, das komische Essen, die Toiletten mit ihren Ansaugschläuchen, die erzwungene Nähe zu anderen Menschen, die Gerüche. Auch die aufrichtigen Bemühungen der Raumfahrerin, die sein Training anleitet, ändern nichts an seiner Abneigung.

»Hör auf, dich zu wehren. Gewöhne dich einfach an diese Einschränkungen«, sagt sie.

Fin schüttelt den Kopf wie ein Kleinkind, das nicht essen will. »Ich übernehme diese Mission nur, um hinterher wieder meine eigentliche Arbeit machen zu können.«

»Ja, du bist Ermittler. Das weiß ich. Aber im Moment bist du etwas anderes, also fang an, wie ein Raumfahrer zu denken, ja?«

»Ich werde nie ein Raumfahrer sein.«

»Du weißt, dass es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben im All verbringen, oder?«

»Schön für sie.«

»Oje. Ich will wenigstens von dir hören, dass du dir die Haare kürzer schneidest. So passen sie nicht in den Helm.«

Kurz vor Ende der Woche bestellt Malaika Fin zu sich. Er hat Dokumente auf seinem Schreibtisch liegen, Fin nimmt an, dass es sich um seine Ergebnisse handelt.

»Trinkst du?«, fragt Malaika.

Fin schüttelt den Kopf. »Meine Familie folgt dem Buch. Alkohol ist verboten.«

Malaika schenkt sich einen Drink ein. »Dein Boss hat mir eine Geschichte über dich erzählt.«

Fin ächzt.

»Ganz ruhig, es ist nicht die, an die du denkst, obwohl ich die auch gehört habe.« Malaika trinkt einen Schluck. »Unwin sagt, dass er dich zum ersten Mal in einer Klasse mit zwanzig anderen gesehen hat. Er war dort, um euch in die Kriminologie einzuführen. Er kam mit einem Krug voller Urin herein. Er taucht einen Finger hinein und steckte sich dann einen Finger in den Mund. Anschließend hat er den Krug vor den ersten Studenten hingestellt und gesagt, dass er probieren und ihn dann weiterreichen soll.«

»Ich erinnere mich.«

»Er hat gesagt, dass du die Pisse als Einziger nicht probiert hast.«

»Mr. Unwin hat einen Finger in den Urin getunkt und einen anderen abgeleckt, Sir.«

»Ja. Das macht er jedes Jahr. Weil du nicht drauf reingefallen bist, hielt er dich für vielversprechend. Das tut er immer noch.«

»Ich bin beim Raumtraining durchgefallen, oder?«, sagt Fin.

»Mit Pauken und Trompeten. Außer beim intuitiven Denken, wo du nur knapp durchgefallen bist.«

Fin seufzt. Er hatte wirklich geglaubt, dass er auf diese Art seinen Job zurückbekommen würde. »Ich packe meine Sachen.«

»Ich schicke dich trotzdem hoch«, sagt Malaika. Er leert sein Glas.

»Das verstehe ich nicht. Warum?«

»Weil du vielversprechend bist. Unwin vertraut auf sein Gefühl, und ich vertraue Unwin. Außerdem wähle ich die Leute auf Grundlage ihrer Stärken aus, nicht auf der ihrer Schwächen. Schwächen kann man ausgleichen, aber es gibt keinen Ausgleich, der einem eine Stärke verleiht, die man nicht hat. Dabei kommt bestenfalls Mittelmaß heraus. Glückwunsch, mein Junge, du bist der erste Mensch von Bloodroot, der Ermittlungen im All durchführt. Bau keinen Scheiß.«

»Danke, Sir.«

Der Wagen hält, und der Künstliche steigt aus.

»Salvo!«, sagt Fin.

»Schön, dich zu sehen, Rasheed Fin.«

Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlichen sieht Salvo nicht besonders menschlich aus. Man hat nicht ernsthaft versucht, ihn originalgetreu zu gestalten, aber oberflächlich ist er ein männlicher, kahler Android. Er hat ein Gesicht und Augen und blinzelnde Lider, aber er ist eindeutig kein Mensch. Solche Modelle sind vorrangig als Ausrüstungsgegenstände klassifiziert, und Fin hat Salvo schon seit sechs Jahren.

»Ich habe einen Auftrag und brauche einen Gehilfen, weil man sich anscheinend nicht darauf verlassen kann, dass ich mich ans Protokoll halte. Also, bist du offiziell weltraumtauglich?«

»Noch nicht, aber es gibt eine Wartungsstation, bei der ich mich aufrüsten lassen kann«, sagt Salvo.

»Ganz wunderbar.«

Letztendlich dauert es zehn Tage, weil es am siebten Tag Probleme mit der Startbahn gibt und am achten mit einer Treibstoffleitung. Allerdings explodiert nichts.

Fin ruft jeden Abend seine Mutter an.

Nach acht Minuten haben sie Bloodroots G-Kräfte hinter sich gelassen. Es bleiben sechs Stunden, bis sie bei der Ragtime andocken werden – Präzisionsarbeit, die Fin nur zu gerne dem niemals ermüdenden, niemals abgelenkten Salvo überlässt.

Kapitel 3

Ragtime: Shell, Fin

Shell stößt sich leicht nach unten ab und dann nach oben in die Kuppel, den vordersten Punkt der Ragtime. Die Sonne steht so, dass sie Bloodroot erleuchtet, eine blaugrüne Welt mit einem Atmosphärenkraftfeld. Komisch, dass die Menschen früher einmal dachten, es gäbe nur einen Planeten im Universum, auf dem Leben existieren kann. Und noch komischer, dass sie einmal dachten, die Erde sei flach.

Der Ausflug in die Kuppel ergibt keinen logischen Sinn. Sie weiß, dass Bloodroot jemanden schickt, und sie will die Fähre sehen; aber dafür müsste sie natürlich die Außenkameras verwenden. Sie fliegt mit einem Salto zurück zur Brücke. Dort überprüft sie anderthalb Stunden lang verschiedene Systeme. Ein Schiff wie die Ragtime braucht Aufmerksamkeit, und ohne ihre Master-KI muss Shell dafür sorgen, dass alle Systeme funktionieren – eine Aufgabe, die ihr und den zahlreichen kleinen Wartungsbots zufällt, die ihre Befehle entgegennehmen. Das letzte, was sie überprüft, sind die Passagierunterkünfte. Eine ganze Menge Zimmer, in denen sie Ordnung halten muss.

Shell trainiert gerade auf dem Laufband, als ihr IFC den hereinkommenden Funkspruch überträgt.

»Ragtime, bitte kommen. Hier Raumfähre Equivalence.«

»Hier Ragtime One. Over.«

»Melde, dass sechsstündiges Andockmanöver gescheitert ist. Versuchen nun, in zwei Tagen ein Rendezvous mit Ragtime durchzuführen.«

Eine Männerstimme, keine Anzeichen von Panik.

»Ist Equivalence beeinträchtigt? Over.«

»Negativ. Alle Systeme optimal. Ragtime hat das Andockprotokoll nicht eingehalten. Bitte auf manuellen Vorgang in sechsundvierzig Stunden vorbereiten. Bitte um Bestätigung.«

»Bestätigt. Over.«

»Danke, Ragtime. Over and out.«

Gescheitert?

Natürlich, Bloodroot hat ein Ermittlungsteam geschickt, aber sie wissen nicht, wie schwer die KI in Mitleidenschaft gezogen ist. Dass sie kein medizinisches Team geschickt haben, zeigt, dass Shells Botschaft angekommen ist. Darüber hinaus beschränken sie die Kommunikation auf ein Minimum, weil sie nicht wissen, was an Bord vorgeht.

Sie nimmt das »Schwerkraftgeschirr« ab, welches sie auf die Oberfläche des Laufbands drückt, und trocknet sich ab.

Warum ist das Rendezvous gescheitert? Zuerst denkt Shell, dass sie mit Sicherheit etwas übersehen hat. Sie ruft die Logbücher ab.

Die Equivalence hat ihr Andockprotokoll an die Ragtime übertragen, sobald sie die Atmosphäre verlassen hatte. Die Missionskontrolle hat die Rendezvousdaten mit Sicherheit schon vor dem Start an die Ragtime geschickt und ist davon ausgegangen, dass die KIs sich entsprechend abstimmen würden. Die Ragtime muss den Empfang bestätigt und zugestimmt haben, bevor das Team von Bloodroot aufgebrochen ist. Laut der Logbücher hat die Equivalence auf der Eintrittshöhe von 220 km begonnen, Telemetriedaten zu übermitteln. Dann hat sie den Hohmann-Transfer in eine synchronisierende Umlaufbahn durchgeführt, die sie auf Ragtimes Höhe von 420 km bringen sollte. Die Equivalence hat die Triebwerke gezündet, damit wie abgesprochen das kurze Rendezvousmanöver eingeleitet und versucht, ihre Geschwindigkeit an die der Ragtime anzupassen.

Unerklärlicherweise hat die Ragtime ab diesem Punkt nicht mehr geantwortet. Shell weiß, dass ihr Schiff das Datenmaterial empfangen hat, weil es beschleunigt und dadurch aktiv verhindert hat, dass die Equivalence das Sechs-Stunden-Andockmanöver durchführen konnte.

Es gibt seitenweise Anfragen der Equivalence aus ihrer synchronisierten Umlaufbahn, als würde das Schiff immer wieder sagen:

Hörst du mich, Ragtime?

Hörst du mich, Ragtime?

Hörst du mich, Ragtime?

Was zum Teufel ist da los?

Unbehagen breitet sich in Shell aus wie die ersten Ausläufer eines Hochwassers. Aber Unbehagen ist ein Luxus. Das Schiff muss weiter in Gang gehalten werden. Shell schiebt sich zum nächsten Knotenpunkt Richtung Heck. Die meisten Wände um sie herum sind von mit Netzen gesicherten Frachtkisten gesäumt, aber gelegentlich begegnet Shell Arachnobots, die ihr den Weg freimachen. Sie hängen an Handläufen, nehmen sie wahr, begutachten ihre IFC. Sie erwidert ihre Blicke wie bei einem Wettstreit, und als sie das leid ist, setzt sie ihren Weg zu den wissenschaftlichen Laboren fort, um nach den Experimenten zu sehen. Natürlich geht sie nicht rein, sie wirft nur einen Blick auf die Tür.

Shell schnallt sich in den vertikalen Schlafsack und ruht sich sieben Stunden lang aus, weil sie weiß, dass sie auf jeden Fall ihre Sinne beisammenhaben muss und dass ein neu gestartetes Hirn einfach besser funktioniert. Das Gequassel in ihrem Kopf verebbt, als sie beginnt, in Gedanken ihre Gebetsperlen durch die Finger gleiten zu lassen. Sie träumt davon, auf der Erde zu sein, ein Kind zu sein, davon, mit ihrem Bruder, ihrem jüngeren Bruder, auf einer Schaukel zu spielen. Ein paar Meter weiter steht ihre Mutter mit diesem für sie typischen unbestimmten Lächeln und sieht zu. Sie hat ein Buch, von dem sie alle paar Minuten aufblickt, um sich zu vergewissern, dass es den Kindern gut geht, regelmäßig wie eine Kuckucksuhr. Shell versucht, höher als ihr Bruder zu schaukeln. In dem Traum kann sie sich nicht an den Namen ihres Bruders erinnern und schämt sich dafür. Sie will von der Schaukel runter und ihre Mutter fragen, aber sie will auch höher schaukeln. Shell ist glücklich und wacht plötzlich auf. Instinktiv ist sie sich sicher, dass ein Alarmsignal ertönt ist, aber sie hat sich geirrt.

Sie spürt einen Lufthauch an ihrem rechten Unterarm und blickt hinab.

Da steht ein Wolf! Ein Wolf direkt vor ihrer Schlafkapsel, die Schnauze nur Zentimeter von ihrer Haut entfernt, die Nackenhaare aufgestellt, die Ohren zuckend. Der Lufthauch ist sein rhythmisches Atmen, im Einklang mit dem Heben und Senken seines Bauches.

Shell schreit und zuckt zurück, soweit sie es kann. Der Wolf sieht ihr in die Augen und stößt sich ab, treibt von ihr davon, als hätte er sein ganzes Leben in Mikroschwerkraft verbracht. Er treibt in Richtung Heck. Shell befreit sich aus ihrem Schlafsack, aber bleibt in der Kapsel, hält sich an einem Handlauf fest und späht nach draußen.

»Ragtime«, sagte Shell und lässt den Blick einmal mehr vom Bug zum Heck und zurück wandern.

»Captain?«

»Warum ist ein Wolf an Bord?«

»Captain, können Sie Ihre Anfrage bitte wiederholen?«

Verdammt. Die Ersatz-KI. Einfache Anweisungen, einfache Fragen.

»Ragtime, spiel die Korridor-Kameras ab, fünf Minuten.«

»Ja, Captain.«

Nichts. Leere Gänge, ein paar dahintreibende Staubflusen und kränklich gelbes Energiesparlicht.

»Regtime, schick mir einen Medbot her.«

»Ja, Captain.«

Albträume?

Schlaganfall?

Halluzinationen?

Bin ich krank?

Das hat mir gerade noch gefehlt.

Fin

Fin beobachtet Salvo und hält dabei die Kommunikationsverbindung zu Campion aufrecht. Sie klingt so beherrscht und kontrolliert, dass Fin sie ohne ihre Akte für eine Künstliche gehalten hätte. Salvo starrt angestrengt auf das Fadenkreuz der Periskop-Kamera und versucht, sie für das Andockmanöver bei der Ragtime auszurichten. Ihr Abstand voneinander nähert sich auf der Anzeige rasch der Null an.

»Kontakt«, sagt Salvo. »Bitte Einrasten bestätigen.«

»Einrasten bestätigt«, entgegnet Campion.

»Du machst dich besser auf den Weg zur Schleuse«, sagt Salvo zu Fin.

Fin rechnet halb damit, dass etwas schiefgeht, aber die Luke öffnet sich, und da steht sie in der runden Luftschleuse vor ihm.

Wie es der Brauch ist, schütteln sie sich die Hände. Die beidseitige Quarantäne gewährleistet, dass sie nicht ansteckend sind. Eine kleine, trockene Hand, ein fester, aber flüchtiger Druck. Ganz geschäftsmäßig. Im ersten Moment hat Fin Schwierigkeiten, als er an Bord der Ragtime schwebt, mit Salvo dicht hinter sich. Das Schiff riecht nach nichts. Anscheinend haben sie hier hervorragende Putzbots.

Campion erkennt Salvo anscheinend sofort als Künstlichen und widmet ihre ganze Aufmerksamkeit Fin, und er widmet ihr die seine. Sie ist klein, maximal ein Meter fünfundsechzig, aber wirkt kräftig gebaut. Das braune Haar trägt sie nach hinten gebunden, die braunen Augen sehen aus wie auf dem Foto, aber als Mensch aus Fleisch und Blut verströmt sie eine angsteinflößende Eindringlichkeit. Fin fragt sich, was sie in ihm sieht. Einen Kolonisten mit brauner Haut?