Fernes Leben - Reinhard W. Frank - E-Book

Fernes Leben E-Book

Reinhard W. Frank

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Beschreibung

Seit Anbeginn der Menschheit hatte der Tod unentwegt fortgetragen. Wie Zeugen hinter einem vergitterten Fenster waren die Menschen zum Zusehen verordnet; staunend über die Unabänderlichkeit seiner Kraft. Ihm, für dessen Namen es in allen Stimmen dieser Welt die selbe schaurige Bedeutung gab, hatten sie sich zu überantworten. Manche bewunderten ihn dafür. Alle fürchteten ihn. Doch Liebe empfand niemand. Und so entschied er sich, selbst die Gestalt eines Menschen anzunehmen, um seinem Verlangen gerecht zu werden. Ihm, dem Herrscher über das Ende, würden sie folgen. Nicht aus Schicksalsfügung. Nicht aus Lebensfurcht. Sondern wegen eines einzig wärmenden Gefühls. Lieben sollten sie ihn. Nichts anderes.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

ERSTER BAND

1

Germar war sein Name und düster war sein Leben. Als Tagelöhner hatte er zeit seines Bestehens die Welt wie einen Ort des Kampfes und der Entbehrung erlebt. Eine todbringende Wüste für all jene, die nicht durch standesgemäße Herkunft, mit dem gottgegebenen Privileg der Bildung bedacht worden waren. So war das einzige Gefühl menschlicher Wärme, dessen sein Geist noch fern zu erahnen gedachte, als der bebende Leib der Mutter verkommen. Im Augenblick seiner Geburt und durch schlotternde Fieberkrämpfe geplagt, hatte sie sich aus der Welt gestohlen.

Derlei Prägung durch die erste Gegenwart irdischen Daseins, schreiend und im Blut des Weltursprungs balgend, hatte Germar, dem Sohn eines niederen Bauern, keinerlei Aussicht auf eine bescheidene Freude am Leben gestellt. Geschweige denn auf eine prosperierende Zukunft. Durch die Auslieferung an den zorntobenden Erzeuger war er von Anbeginn seiner Existenz der Brutalität und Rechtlosigkeit hilflos unterworfen. Die Kindheit, ein versteinerter Brocken quälender Erinnerungsfetzen, war nahtlos in der frühen Jugend aufgegangen. In der harte Arbeit und gewalttätige Ausbrüche seines Herrn, denn als Vater empfand er diesen Menschen nicht eine Sekunde, den Alltag bestimmt hatten.

Sobald er die notwendige Reife und den Mut gefasst hatte, war er geflohen. Er hatte sich in den Wäldern versteckt. Vom Wenigen, was er der Natur abringen vermochte, hatte er sich ernährt, um völlig entkräftet in der nächstgelegenen Stadt aufzukreuzen und dort ein ebenso tristes Gaunerleben weiterzuführen. Wie durch tragisches Glück war dieses sinnlose Strolchen noch nicht durch den Galgen erlöst worden. So hatte er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen und in Gaststätten dazu angeboten, die Küchenabfälle für den Schweinetrog zu sortieren, die er in seiner Verzweiflung nicht selten selbst verzehrte. Er hatte dort, in den widerlichsten Schenken der Stadt, Betrügereien und Gewaltanwendungen gelernt und selbst angewandt, um letztendlich ein Gewerbe zu finden, das Germars niedriger Person würdig war. Als rechter Arm des Todes war seine Gehilfenposition für den Kuhlengräber der Stadt zu bezeichnen. Wodurch er die Arbeit mit Leichen und verwesten Körpern aller Art als seinen selbst erkämpften Broterwerb angeben konnte.

An liebesleere Umgebungen gewohnt, hatte er sich hierin der Zügellosigkeit des Wirtshaustreibens gedankenlos in die Arme geworfen. Die spärlich lichtdurchzuckende Finsternis seines Geistes war nur im endlosen Redeschwatz über duftende Mädchenkörper erhellt worden. Doch die imaginierten Erzählungen liebreizender Jungfrauen, welche in Myriaden um Germars Liebe buhlten, waren nichts weiter als das zittrige Fundament seines schnapsdurchtränkten Wortgepränges. Ein auf ewig unerreichbares Wunschdenken unter den Ruinen seiner Einsamkeit.

So saß er am Bock eines Ochsenkarrens, der einen gehörigen Berg fauliger Fleischreste, welche in früheren Tagen einmal Menschen gewesen sein mussten, hinter sich herzog. Langsam und gemächlich gelang die Fahrt in einem regelmäßig schaukelnden Tempo auf eine kleine Lichtung zu, auf welcher der Pestturm seiner Grafschaft als drohendes Symbol gegen alle Gottlosen aufrecht emporstand. Durch seine ausschweifenden Wirtshausbesuche hatte er sich über die Jahre hinweg einen reichhaltigen Fundus an Beschimpfungen, Flüchen und Verwünschungen angeeignet, von dem er in seinem Sprachgebrauch großzügig Verwendung nahm. Mit der Zeit waren Titulierungen wie Schweinehund, Teufelsbrut, Hurensohn oder Päderastenfreund schleichend in seinen Wortschatz übergegangen. Derartige Bezeichnungen gegen die Welt im Allgemeinen und gegen jedermann, der seinen Weg kreuzte, im Besonderen waren für Germar zu völlig normalen Ausdrücken geworden. Er verwendete sie, ohne weiter darüber nachzudenken. Wie Füllwörter oder Konjunktionen ließ er sie zwanglos in seine Sätze einfließen. Selbst in Gegenwart von Damen, meist Hafendirnen oder Schankmädchen, kam er nicht mal auf den Gedanken, sich etwas zügeln zu müssen. Und wenn er sich in einen schweren Disput mit seinem Gegenüber steigerte, so brach die Fülle an Flüchen dermaßen unvermittelt aus ihm heraus, dass sich seine bärenhafte Gestalt zu einer furchteinflößenden Schwerewelle auswuchs, um, von einem sich auftürmenden Crescendo an Hasstiraden begleitet, über seine Mitmenschen hereinzubrechen.

Mit diesen Eigenschaften ausgestattet erschien Germar auf der Lichtung. Den ganzen Weg hindurch, von der Unterkunft seines Dienstherrn bis hierher an diesen verruchten Ort, hatte er die Ochsen am Wagen in bösartigem Ton angetrieben. Er hatte sie verflucht ob der Langsamkeit ihrer Zugkraft. Er hatte seinen Patron, der ihn mit derart nutzlosem Getier sein Werk verrichten ließ, zum Teufel gejagt. Er hatte gegen all jene, die ihm auf dem Weg bis hierher begegnet waren, ob Landvolk, ob Handwerksleute oder junge Mägde, ja sogar dem fürstlichen Depeschenkurier, die übelsten Schmähungen an den Kopf geworfen. Und selbst die Kinder der Kinder ihrer Kindeskinder sollten tausend Tode sterben, wenn diese vermaledeiten Ochsen nicht schneller werden würden. Er war derart mit der Heftigkeit seiner Beleidigungen beschäftigt, dass er den kleinen Jungen, der am Rande der Lichtung zum Wald hin wie angeschraubt dastand und die ganze Szenerie mit einer ausdruckslosen Neugier betrachtete, nicht bemerkte.

Zur Mitte des achtzehnten Jahrhunderts herrschte eine überbordende Bevölkerungsdichte in deutschen Landen und halbwüchsige Hühnerdiebe gab es zuhauf. Kindliche Bedürfnisse wurden ihnen nicht zugesprochen. Man behandelte sie wie kleine Erwachsene und hatte für sie alleinig als Arbeitskräfte Verwendung. Eine moralische Verantwortung ihnen gegenüber empfanden die wenigsten. Im Gegenteil. Man hielt sie für Diebe und damit vorsorglich auf Abstand.

Germar brauchte man das nicht ausführlich zu erklären. War er doch selbst durch diese Schule gegangen. Auch ihn hatte man geschlagen, gedemütigt und dem Vergessen anheimgegeben. Er wusste nur zu gut, wie sich derartige Behandlungen auf den Gemütszustand einer Person auswirkten. An jeder Ecke waren sie zu sehen. Alleine oder in Gruppen. Ausgemergelte kleine Gestalten, Hungerleider allesamt; einzig darauf gerichtet, eine milde Gabe zu erbetteln. Nein, fürwahr! So einen unterernährten Frischling beachtete er in keinem Fall.

Mit einem lauten Rumpeln kam der Karren zum Stehen. Schwerfällig mühte sich der Kutscher herunter. Der Totengräber erschien in voller Größe als überaus stämmig. Sein dunkler Bart verriet sein Alter nicht. Nur die leeren Stellen seiner Gesichtsbehaarung ließen ein relativ junges Erwachsenenleben vermuten. Unter dem Dreispitz, den er beim Würfeln erschwindelt hatte, ragten büschelweise schwarze Haare, so rau und robust wie Wildeberborsten, hervor. Ein wimmelndes Nest von Ungeziefer war seine Mähne, welche nachlässig über Germars Gesicht wedelte. Doch die Mühe, sich die wilden Zotteln beiseitezukämmen, um dem Betrachter einen ungehinderten Blick in die Augen zu gewähren, machte er sich selten.

Germar trat an die Rückseite des Karrens und packte die Beine des ersten Toten an. Schwungvoll riss er das Gerippe, mehr war nicht mehr übrig, von der Ladefläche herunter, sodass der verfaulte Körper, welcher nur behelfsmäßig in gelblichen Tüchern eingewickelt war, herausflog und sich der ohnehin widerwärtige Gestank der sich zersetzenden Fleischfetzen abermals in einer alles beherrschenden Gaswolke intensivierte. Würgereiz kam in ihm hoch und reflexartig wandte er sich ab. Der Totengräber war etwas angeschlagen von der durchzechten letzten Nacht. Und von der abermals durchlebten Nacht zuvor. War es tatsächlich erforderlich, seine gesamte Willenskraft aufzubringen, nur um diesen stinkenden Haufen Menschenmüll alleine in den Turm zu schleppen?

Ein ächzendes Gelächter erhob sich in den Baumkronen. Durch die Verästelung der Zweige glimmerte das dunkelblaue Federkleid einer Krähengruppe. Von ihren Plätzen in den Schlafbäumen aus monierten sie die Figur des Jungen unter ihnen.

„He, du! Komm rüber! Pack mit an!“ Die Stimme des Totengräbers schallte laut über die Wiese in Richtung der kleinen Gestalt, welche unverändert, einer Salzsäule gleich, am Waldrand verweilte. Keine Reaktion.

Ein rücksichtsloser Beschuss setzte ein, als Germar seine Attacke losstieß. Ob er denn nicht verstanden habe, tönte es aus ihm hervor. Der Junge solle sich augenblicklich an die Arbeit machen. Andernfalls würde ihn der Totengräber in Stücke reißen. Voller Wut setzte sich Germar in Bewegung. Die Wörterkaskade an Beschimpfungen nahm dynamisch Fahrt auf, wie er dem Jungen entgegenkam. Wild schnaubend stampfte Germar in seiner ganzen bedrohlichen Gestalt über die regennasse Wiese und ihre wenigen zarten Grasbüschel, als begehrte er, sie totzutrampeln. Dabei spuckte er eine braune Flüssigkeit, ein Überrest vom Kautabak, in einem schleimigen Strahl vor sich hin. Germars massige Erscheinung war beängstigend. Der Blick seiner blutunterlaufenen glasigen Augen schien derart vereinnahmend, dass womöglich jedes Gegenüber fluchtartig die Beine in die Hand genommen hätte. Der Junge dagegen stand umstandslos da. In seltsamer Befangenheit versteift, setzte er dem Ansturm nichts entgegen, während die Kanonade an Verwünschungen über die faulen Rotzbengel der Gassen, die verdammten Furchen der Weiber, die sie ausgespuckt, und das elende Leben dieser Welt, deren Morast sie watend durchliefen, ungebremst aus Germar hervorbrach.

Schon war er dicht am Jungen dran. Sein alkoholvergifteter Atem verpestete die frische Luft des Waldes; er zerschnitt förmlich den unverbrauchten Sauerstoff, und mit einem entschlossenen Griff erfasste Germar den Jungen am Arm.

Kurz hielt er inne. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der Kleine durch ihn hindurchstarrte, warf Germar einen Moment gänzlich aus der Fassung. Sodann schloss er den Griff um den Arm des Jungen fester zusammen und zerrte ihn gewaltsam Richtung Karren. Unterdessen beschimpfte ihn der Totengräber in herbem Ton, umfasste immer wieder die dürren Arme des Jungen und schüttelte ihn heftig durch. Germar spuckte dabei winzige Speichelreste über das Gesicht des Kleinen. Wie ein Schwarm Mücken im feuchten Dschungel klebten sie auf den Augen des Jungen, der weiterhin kein Wort von sich gab.

Die Ungunst des Schicksals, die Germar seit jeher zu erdulden hatte, ließ ihn an den zarten Außenwänden dieses unerfahrenen Menschengeistes abprallen. Kein Gedanke des Mitgefühls durchfuhr den Totengräber im Anblick des Jungen, dessen von der stürmischen Gewalteinwirkung anschwellende Wangen rötlich aufleuchteten. Ein herzbesänftigendes Glühen wie die fruchtige Farbe einer reifen Orange.

Gemeinsam zerrten sie die toten Gestalten Stück für Stück in den Turm. Der Gestank war bestialisch abstoßend. Doch der Junge tat wie ihm geheißen. Es dauerte eine ganze Stunde, bis sie den letzten Leichnam ins dunkle Loch geworfen und oberflächlich mit Reisig bedeckt hatten. Kurz darauf waren sie am Bock des Karrens und die Fahrt zog sich gemächlich zurück Richtung der Stadt, aus der Germar gekommen war. Die Entlohnung für eine ganze Woche Arbeit wartete auf ihn. Den Jungen hatte er mit einem strammen Griff seiner von offenen Schwielen zerfurchten Hände unkommentiert auf den Wagen gesetzt und mitgenommen.

Da saß er. Ein kleiner Vagabund mit runden Knopfaugen, deren Farbe beständig von Grau nach Grün wechselte und in ihrer Schönheit gleichzeitig bedrückend leer erschienen. Neben des Totengräbers imposanter Gestalt wirkte der kleine Junge verloren und deplatziert. Spindeldürr und barfuß. Aber das empfand Germar als normal. Die Gesichtszüge des Jungen hingegen erachtete der Totengräber als zutiefst eigenartig. Seine Haut war sanft und gepflegt wie jene der herrschaftlichen Zöglinge. Germar hatte einmal im Zuge der Feierlichkeiten zum Reformationstag die Kinder der Landgräfin in der Kutsche vorbeifahren sehen. Ihre Gesichter waren sauber und strahlend weiß gewesen. Nicht diese rotzverschmierten Visagen delinquenter Straßenbengel. Es waren die gleichen Züge höherer Geschlechter, die den Ausdruck seines jungen Kompagnons prägten. Doch jeden weiteren Gedanken darüber verwarf der Totengräber alsbald. Die stete Unsicherheit des Lebens im Sinn, von niederem Gerede über Essen und Trinken vereinnahmt und von Erzählungen über eitle Lustbarkeiten abgelenkt, flog seine Selbstverliebtheit so hoch, dass er Warnzeichen grundsätzlich übersah. In Germars Alltagsleben war der Befreiungskampf des Menschen von seinen Zwängen, welcher die unwissenden Geister aller Leibeigenen miteinander verband, gezwungen, mit der süßlichen Verlockung nach feuchtfröhlicher Ablenkung beständig Schritt zu halten. Zumal sich seine lasterhaften Vergnügungen stets im Reiche der Nacht abspielten, war sein geistiges Auge dafür erblindet, die realen Warnsignale zu erhaschen.

Als der Karren Gefahr lief, aus dem Sichtfeld zu geraten, setzten sich die Krähen aus ihren Plätzen in den Bäumen ab. Ein fächernder Flügelschlag leitete die Verfolgung ein. In rechteckiger Formation nahm der Schwarm sein närrisches Spiel in Angriff. Die Waghalsigsten flogen über Germars Kopf hinweg, als beanspruchten sie seinen Dreispitz als Landebahn zu nutzen. Mit dem Krummstab für die Ochsen fuchtelte der Totengräber in der Luft herum, um die Bewegungsrichtungen der Vögel zu lähmen. Beschwingt trollte sich die Gruppe der Krähen in die Bäume. An Germars Gefluche erheitert, lärmten ihre Stimmen krächzend durch den Forst.

Der Junge saß aufrecht am ständig ruckelnden Kutschbock, die Eindrücke um ihn herum insgeheim aufsaugend. Die Felder waren regennass und die Tropfen auf den zarten Grashalmen reflektierten im Schein der Sonnenstrahlen wie ein Meer aus Tausenden Kristallen. Die Straßenverläufe, die sie verfolgten, waren nicht mehr als holprige Pisten, welche sich gewunden durch kleine Wäldchen schlängelten und deren Fahrspuren von den Karren deutlich ausgehöhlt waren. Die Ochsen mühten sich ab, den Wagen über allerlei große und kleine Steine zu bugsieren, welche immer wieder über den Weg verteilt lagen. An den Straßenrändern standen junge Birken, deren Äste vom Regen müde herunterhingen. Das moosige Grün am Fuße der Bäume war jene Stelle, welche den Eingang zu den satten Feldern der Bauern begrenzte. Friedlich lagen die Äcker und Weiden zu beiden Seiten des Weges und gaben den Blick in die Ferne frei, wo weit entfernt die Umrisse grasender Herden zu erahnen waren.

Der Junge sog all die Empfindungen in sich ein. Die Kräfte der Natur hielten ihn gefesselt und ließen einen vorsichtigen Animus entspannten Frohsinns hochkommen. Die Geräusche des Waldes tasteten sich an seine Erinnerungen heran. Das fröhliche Quaken der Stockenten, deren Geflatter vom nahegelegenen Fluss vereinzelt herüberkam, kannte er ebenso wie das leise Klimpern der vom Aufprall der beschlagenen Wagenräder widerhallenden Kieselsteine. Er kannte das müde Summen der Insekten, welche die kurzen Regenpausen nutzten, um die wenigen zarten Kräuterblüten nach Nahrung abzusuchen. Und selbst das Knastern der Äste, welche von der unsichtbaren Kraft der Windstöße mal gen Westen, mal gen Osten verbogen wurden, war ihm nicht unbekannt. Er fühlte Vertrautheit mit der Umgebung. Hügel, Berge und Gewässer gaben ein heimeliges Bild von sich. Und es war dennoch ein Anschein an Unvollständigkeit, der seine Wahrnehmungen überlagerte. Die Sinneseindrücke der natürlichen Schöpfung waren durch das Fehlen nicht auszumachender Parameter geprägt. Er hatte, trotz der überbordenden Fülle an vertrauten Bildern, Geräuschen und Gerüchen, ein Gefühl merkwürdiger Leere in sich, die er nicht zu füllen wusste, da ihm der innere Kompass dafür verwehrt schien. So war es ihm, als würde die Umgebung, welche auf ihn wirkte, mit all ihrer grünen Pracht ihn in einem schweren Vorhangbogen umhüllen. Gleich dem eines Schauspielers auf dem Podium nach Abschluss des letzten Akts.

Desinteressiert beäugte Germar seinen Beisitzer. Wer war dieses wortkarge Menschlein? Er mochte keine fünfzehn Jahre alt sein. Ein Taubstummer? Ein schwachsinniger Irrer? Einer dieser vielen halbverblödeten Bauernpimpfe? Germar war es im Grunde nicht wichtig. Der Kleine konnte schuften und der Totengräber hätte nachdrücklich dafür gesorgt, dass er es tun würde, bis ihm das Kreuz entzweiginge. Germars eigene Arbeit wäre dadurch wesentlich angenehmer geworden. Und wenn der Dreikäsehoch dabei sein Maulwerk halten würde, konnte es ihm nur recht sein. Deshalb hielt er sich nicht lange mit tiefgründigen Gedankengängen über Menschenkunde, Sinndeutung oder Moral auf. Denn unabhängig von jedmöglicher Interpretation wäre er dazu ohnehin nicht in der Lage gewesen. Des Totengräbers unübersehbare Vorteile lagen in der Kraft seiner Muskeln und dem nicht enden wollenden Bestand an frevelhaften Gedanken. Zudem schien der Junge ihm erstaunlicherweise zugetan zu sein, als dieser sich eng an seine Seite schmiegte. Germar fühlte dabei eine Idee von Vertrautheit hochkommen. Ein nahezu familiäres Gefühl, welches er zuletzt weit entfernt in seiner Wahrnehmung verspürt hatte. Seltsam angenehm und doch verstörend zugleich, denn er war nicht gewillt, Verantwortung zu übernehmen. Er brauchte eine Arbeitskraft und keine zusätzliche Aufgabe als Kindermädchen. Nur solange er sich seinem Willen unterwarf, durfte der Junge anhänglich sein, entschied Germar. Er war derart eingenommen von sich selbst, dass er sich nicht um eine anderweitige Erklärung für die eigensinnige Zutraulichkeit bemühte. Die Tatsache, dass sein eigener Mief aus schmutzgetränkten Kleidern, abgestandenem Branntweindampf und Körperflüssigkeiten aller Art eine wahre Wohltat war, im Gegensatz zum fauligen Restgeruch der Hunderten Verwesten, die auf der wackeligen Ladefläche hinter ihnen unzählige Male durchgeschüttelt worden waren, kam ihm nicht in den Sinn.

Sie schaukelten auf dem Hochsitz, wortlos aneinandergelehnt, langsam den Hohlweg vom Pestturm entlang. Auf ihrer Fahrt trafen sie Wacholdersträucher und wohlduftend ausströmende Nadelbäume. Über Wiesen und Felder wackelte der Karren an glotzenden Bauersknechten vorbei, während die sonnigen Strahlen des gelb leuchtenden Sterns am Firmament zunehmend an Intensität verloren. Es war schon dämmrig, als sie den Rand der Stadt erreichten.

2

Germar hatte sich bei seinem Brotgeber auszahlen lassen und frohlockte unverschämt über die Kupfermünzen, die er lustig klimpern ließ. Den Wagen hatte er abgestellt und den Jungen mit der Versorgung der Ochsen beauftragt. Nach getaner Arbeit zogen sie zu Fuß weiter. Die Feuerstellen in den Hütten, welche von Hilfsarbeitern und arbeitslosem Gesinde behaust wurden, dienten als einzige Lichtquelle. Denn die unbefestigten Gassen waren nicht beleuchtet. Tier wie Mensch verrichteten ihre Notdurft auf offener Straße, welche zu einem dreckigen Schlamm verkommen war. An einer Ecke hielt ein buckeliger Mümmelgreis unwillig seine Hand zum Betteln in die Luft. Sinistre Wesen bewegten sich heimlich im Schatten. Geschunden, in Lumpen und Fetzen gehüllt, schlurften sie verstohlen die Häuserwände entlang. Sie durchstöberten die Eingänge nach Essbarem oder saßen, ein weinerliches Singsang wiedergebend, zusammengekauert im Dreck. Die hageren Gesichtszüge der obskuren Gestalten, welche abseitig der Hauptstraßen den Ort bevölkerten, verrieten, dass Not und Elend ihre ständigen Begleiter waren.

Germar fühlte sich hier sichtlich heimisch. Wie im Freudenrausch steuerte er die erstbeste Taverne an. Schroff zog er seinen jungen Gehilfen hinter sich durch den aufgestoßenen Holzverschlag. Als ein infernales Freudenhaus bot sich ihnen die Szene im Inneren des Gebäudes an. Es herrschte ein heilloses Durcheinander von Mensch und Tier. Der Gastraum, eine zusammengewürfelte Anordnung nur mangelhaft geschreinerter Bänke, Tische und Fässer, war eingetaucht in eine säuerliche Geruchsmischung von bitterem Schweiß. Fettgetränkte Schwaden schweren Küchendunsts, verschiedenste Alkoholdämpfe und der beißende Gestank menschlicher Exkremente lagen in der Luft.

Die Gäste, die es sich zu leisten vermochten, saßen auf Holzbänken an langen Tafeln dicht nebeneinander gedrängt. Während die weniger günstig Situierten auf Strohflächen an den Rändern des Raumes lungerten. Überall waren Tabakrauch und vergiftete Luft. Unter den abgewetzten Sitzflächen huschten Hunde und Katzen umher; sie fauchten und knurrten im Kampf um ein paar heruntergefallene Speisereste oder fraßen das Erbrochene der vom Schnaps berauschten Säufer. Der Lärm der Unterhaltungen, mehr ein gegenseitiges Anbrüllen, wurde vom Geheule des Kleinviehs und dem Gejohle der Betrunkenen begleitet. Zotige Gesänge konzertierten mit Trank und Völlerei. Die durchweg männlichen Besucher der Schenke prosteten einander zu. Sie scherzten und gaben übelste Witze zum Besten, deren Inhalt meist das andere Geschlecht war, welches sich äußerst selten hierher verschlug. Nur die Töchter des Wirts, die so gar nicht dem angeblichen Vater ähnelten, schwirrten munter durch die Reihen und bedachten mal diesen oder jenen Mann mit einem aufgesetzten Lächeln. Vor allem dann, wenn es hieß, die nächste Runde Branntwein einzuschenken.

In Begleitung derbster Flüche gab Germar die Essenswünsche beim aus der Küche lugenden Wirt auf. Unterdessen wurde er ungefragt mit Branntwein und Bier versorgt. An der Tafel nebenan hatte sich eine Gruppe Infanteristen eingefunden. Die Militärs waren nicht zum Vergnügen hier, sondern im Auftrag ihrer Hoheit des Landgrafen. Ihre Aufgabe lautete, neue Rekruten zur allgemeinen Auffettung der müden Fürstenkasse zu beschaffen. Das anzuwerbende Schlachtvieh sollte als teuer zu verkaufende Ware an allerlei kriegstreibende Parteien weltweit lukrativ umgesetzt werden.

Die ständige Vermietung von jungen Männern an fremde Kriegsmächte stellte ein derart einträgliches Geschäft für den Fürsten dar, dass mit der Auswahl der Betroffenen nicht allzu viel Zeit verplempert wurde. Im Gegenteil. Mannigfach betrieb man die Anwerbung der Landeskinder und bereitete im Grunde keine große Sache daraus. Mit unvorhersehbarer Willkür wurde an den Bauerngehöften Einlass begehrt, den Anwesenden sodann die fürstliche Verordnung zum Kriegsdienst erläutert und gleich darauf die gesamte männliche Sippschaft im waffenfähigen Alter eingezogen. Zur Erleichterung dieser Tätigkeit wurden vollmundige Zusagen über zu erlangendes Gold und Reichtümer in Aussicht gestellt. Für die Widerspenstigen gab es den Stock. Gemahlinnen wurden so ihrer Ehemänner beraubt; Mütter ihrer Söhne. Da das eigene Volk jedoch möglichst zu schonen sei, welches für allerlei Frondienste gebraucht wurde, warb die Soldatentruppe ihren Nachwuchs vorzugsweise aus Fremden und Durchreisenden. In den Gaststätten und Vergnügungshäusern gab es für derlei Geschäftsanbahnungen genügend Anlass. Oftmals reichten geschwollene Geschichten von Ruhm und Abenteuer, um die abgefüllten Saufbrüder ihr Zeichen unter die Verträge setzen zu lassen. Die sich bereits im Delirium Befindlichen wurden mitunter kommod weggetragen, um sich nach ihrem Erwachen im Dienst der Truppe wiederzufinden. Den Vorsichtigeren wurde hingegen mit einer List beigekommen.

Demnach war es allgemein anerkannt, dass ein Geschäft schon dann als abgeschlossen zu gelten habe, wenn die verpflichtete Partei Geld annehme. Ein amtlich beglaubigtes Einverständnis beiderseits war nicht notwendig. Daraus entwickelte sich ein regelrecht widersinnig anmutendes Verfolgungsspiel zwischen Werbern und Anzuwerbenden, in welchem die einen unbedingt eine Kupfermünze oder sonst irgendein Geldstück den anderen aufzudrängen versuchten, was die Gegenseite wiederum zu verhindern hatte. Dies geschah zum Teil so, dass vom Werber ein Groschen in Richtung des Auserkorenen geworfen wurde. Fing jener die Münze oder hob er sie vom Boden auf, galt er als rekrutiert. Zum Teil reichte schon die bloße Berührung, weshalb den Anzuwerbenden die Geldstücke gleicherweise hinterrücks zugeworfen wurden. Das führte zu kuriosen Szenen, in welchen sich Menschen in krumm verbiegenden Körperbewegungen vor herumfliegenden Münzen zu schützen suchten. Half auch das nichts, so versteckte man einen Groschen in einem vollen Bierhumpen und reichte diesen dem Auserwählten als vermeintliche Trinkeinladung weiter. Nun musste nur auf den letzten Schluck gewartet werden, welcher folgerichtig die Münze zum Herausfallen bringen würde. Hätte diese den Trinker zwangsweise beim Herabfallen berührt, wäre die Anwerbung als erfolgreich zu verbuchen gewesen.

Dies allein war die Absicht der Soldaten, als sie Germar und dem Jungen ihr Bier zukommen ließen. Kommentarlos hob Germar den Krug an. Der Junge tat es ihm gleich und ihre Augen erfassten jene des Gegenübers in genau demselben Moment, als die in Erhöhung gesetzte Wärme des Raumes sichtbar himmelwärts stieg. Eine schimmernde Wolke trat zwischen Germar und dem Jungen zum Vorschein. Dampfend wölbte sich ein heißer Pilz nach oben, als der herbeigeeilte Koch den Deckel vom glühenden Bratkessel nahm. Durch den Schein der Fackeln, welche zur Beleuchtung über den an den Wänden angelehnten Sitzbänken hingen, gleißte der Dunst der aufgetischten Speisen empor. Als wären von einer unsichtbaren Hand Tausende sandkornkleine Kristalle in die Lüfte geworfen worden, flimmerten aufsteigende Tröpfchen in alle Richtungen. Tropische Feuchtigkeit begleitete den Nassdampf, welcher sich höflich auf den Backen der beiden Gefährten niederließ. Die sich zersetzenden Wassertropfen glänzten ein letztes Mal verführerisch auf, als wollten sie ihren Betrachter zu einem Einfangen ermuntern, bevor sie am Taupunkt angelangt im Übergang zur Unsichtbarkeit entschwanden.

Germar, ein donnernder Grobian, und sein Gegenüber, ein stummer Junge, blickten einander an. Wie Verschwörer fassten sie sich tief in die Augen und tranken gemeinschaftlich. Wie alte Kampfgefährten. Doch beim letzten Schluck kullerte Germar eine Münze direkt auf die Brust. Schon standen die Soldaten im Anschlag. Von ihren aufgesetzten Spaßgrimassen war nichts mehr übrig. Nunmehr war ihr Ausdruck streng und fokussiert. Sie hatten auf ihre Chance gelauert und jetzt war der Zeitpunkt perfekt, um zuzuschlagen. Mit verdutztem Gesicht stand Germar am Rande des Tisches. Der ganze Gastraum war still geworden. Alles starrte ihn an. Wie ein durstiger Büffel an einer ausgetrockneten Wasserstelle gaffte Germar unbedarft ins Leere. Ihm dämmerte, dass ein Betrug im Gange war und es ihm an seine dreckverschmierte Totengräberunterwäsche ging. Den Bierkrug in seiner Hand, kamen die Gedankengänge nur schwerfällig in Fahrt. Doch die notwendige Zeit, um rationale Schlüsse zu ziehen, blieb ihm nicht. Schon waren die Soldaten drauf und dran auf den Jungen loszugehen. Von einer Sekunde auf die andere brach ein wütender Tumult aus. Alle Anwesenden waren aufgesprungen, denn Germar hatte seine Sitzbank über den Tisch in Richtung der Angreifer geworfen. Hunde und Katzen flüchteten nach draußen. Die angetrunkenen Spaßgesellen im Raum schrien lauthals herum, als sei der Sensenmann persönlich unter ihnen. In einer vertikalen Drehachse schien die Aggressivität in der Atmosphäre des Raumes nach oben zu schnellen. Die Geschwindigkeit der Ereignisse kam einem Peitschenhieb gleich, als die Schadenenergie der zu Kleinholz gemachten Einrichtung ihren Höhepunkt erreichte. Erst als man Germar mit dem blanken Säbel bedrohte, war der Kampf entschieden.

Er wurde zusammengeschnürt wie eine Dauerwurst beim Lufttrocknen ans Ende einer Leine gebunden. Der Anführer der Soldaten, ein junger Feldwebel, schleifte den Totengräber hinter sich her, während er, auf seinem Pferd sitzend, darum bemüht war, die Kampfspuren von der Uniform zu entfernen. Aus der Nase des Militärs tröpfelte Blut auf das makellos weiße Diensthemd. Die Sitzbank, welche Germar durch den Raum geworfen hatte, war im Gesicht des Feldwebels gelandet.

An den Häuserwänden drückte sich eine Meute Straßengesindel dicht an dicht. Nicht ohne eine offensichtliche Schadenfreude kundzutun, beobachtete sie den seltsamen Zug. Alle wussten: Wer in einer derart schroffen Manier abgeführt wird, tritt dem Schafotte entgegen. Die Soldaten bedeuteten dem Pöbel, sich friedlich zu verhalten und den Weg frei zu geben. Es herrschte eine beängstigende Stille in den ansonsten von Geschrei und Lärm geprägten Gassen der Vorstadt. Den Jungen ließ man währenddessen, an einer dünnen Schnur um den Hals gesichert, nebenhertrotten. Von Germar war kein Wort zu vernehmen. Kein Fluch und kein Gemeckere. Nichts. Doch mit jedem Schritt auf das Amtsgebäude zu, dessen Turmzinnen sich immer deutlicher von den anderen Häuserdächern absetzten, wurde sein Blick härter. Der erste Schreck schien zunehmend in ihm verflogen zu sein, und die alte verschmitzte Larve des Gauners kam nach und nach wieder zum Vorschein.

Man warf sie umgehend in den Kerker des Amtshauses, wo jeder Platz belegt war. Es vermochten kaum zwei Männer aufrecht nebeneinanderzustehen. Die Schwächsten, Alte und Kranke, waren an den Rand gedrängt worden, wo es feucht und kalt war. Nicht selten kamen schwächelnde Gefangene unter der Masse der anderen zu Tode. Sie verhungerten, erfroren oder wurden von den Mithäftlingen erschlagen, ohne dass jemand davon Kenntnis genommen hätte. Keiner, den man zusätzlich in das Loch pferchte, wurde als Leidensgenosse aufgenommen. Sondern als potenzieller Rivale um einen warmen Schlafplatz, ein Stück Brot oder einen Schluck Wasser.

Verstohlene Gesichter starrten die zwei Gefährten aus eisigen Augenhöhlen an. Durchtrieben beobachteten sie jeden Schritt der Neuankömmlinge. Keine Frage, dass der Totengräber binnen kürzester Zeit die Aufmerksamkeit der versammelten Gesellschaft auf seiner Seite hatte. Er beeilte sich sofort die Gerüchte über die Kontroverse mit den Militärs, welche schon bis in den Kerker gelangt waren, zu bestätigen. Wodurch er seine für ihn ohnehin fremd wirkende Reserviertheit wieder aufgab. In theatralischer Eigenart imitierte er sämtliche Rollen der Konfliktparteien. Er sparte nicht mit erfundenen Details und spielte fast alle Szenen des Kampfes für die geneigte Zuhörerschaft noch einmal durch. Aus den Gesetzen seiner Natur schlussfolgernd erklärt es sich von selbst, dass er dieses Schaustück nicht ohne Gegenwert zum Besten gab. So zwang Germar all jene, die weitere Einzelheiten über die Auseinandersetzung zu erfahren begehrten, ihm nach ihrer Entlassung in der nächstgelegenen Schenke einen auszugeben. Er hätte mit schlagkräftigen Argumenten dafür gesorgt, dass sich jeder an diese Abmachung halten würde. Und so stellte er weiterhin fiktive Schuldscheine gegen ein paar Räuberpistolen aus, die doch das Einzige waren, was die Einöde des Häftlingsalltags durchbrechen konnte.

3

Im Hof des Amtshauses waren die Stallungen untergebracht. Dort hatte der Feldwebel sein Ross den zuständigen Burschen übergeben und beaufsichtigte nunmehr mit Argusaugen die Pflege des Reittieres. Er wünschte sein Pferd sauber gestriegelt und geputzt zu sehen. Man solle sich ausgiebig seiner annehmen. Mähne, Schweif und Fell gewissenhaft reinigen sowie Sattel und Zaumzeug scheuern. So hatte er es befohlen. Letzten Endes war dieses Tier in Kontakt gekommen mit einem abstoßenden Straßenkriminellen. Mit einem widerlichen Schmutzhaufen von Mensch. Und sein Ross war mit Abstand weit höher gestellt als dieser verfluchte Germar. Der Feldwebel hätte niemals zugelassen, dass irgendetwas an seinem Pferd zu Schaden kommen würde. Denn er, Hans August Friedrich Dalhover, Feldwebel der landgräflichen Infanterie und mit frischen neunzehn Jahren bereits erfahrener Lohnkämpfer, war etwas Besseres und damit auch sein Ross. Feldwebel Dalhover war nicht wie andere Soldaten. Bei Weitem nicht. Seine Ambitionen erstreckten sich über das durchschnittliche Maß hinaus und das nicht erst seit gestern.

Familie Dalhover hatte eine ruhmreiche Geschichte im Dienste des Schwertes vorzuweisen. Dalhovers Urgroßvater, der Namensgeber, hatte die berühmteste Abhandlung des Schwertkampfes jener Zeit verfasst. Zahlreiche Fechtschulen in allen deutschen Landen hatten ihre Ausbildungen und Kampftechniken auf den Lehren des alten Dalhover begründet. Allesamt zollten sie ihm Respekt. Diese Tradition wackerer Schirrmeister hatte der Großvater weitergetragen. Indem er sich, als hochbezahlter Doppelsöldner des Dreißigjährigen Krieges, immer für die vorderste Schlachtreihe entschieden hatte. Auf einem Gemälde eines niederländischen Malers, welches sich im Rathaus der Stadt zu Amsterdam befand, war der Großvater als Teil der Nachtwache mit Helm und Lanze sogar dargestellt worden. So wollte es zumindest besagte Eintragung in den Familienannalen.

Der Name Dalhover war dementsprechend Garant für Anerkennung. Gleichzeitig aber ebenso mit Erwartungen, Verpflichtungen und verantwortungsvoller Bürde verbunden. Dessen war sich der Junior bewusst. So hatte er sich seit den ersten Tagen der Kadettenschule stets bemüht, im Vordergrund zu stehen und seinen Namen zu behaupten. Sein überbordender Stolz und sein verbissener Ehrgeiz hatten ihn in allen sich bietenden Gelegenheiten kühn vorpreschen lassen, um jede noch so unschuldige Anmerkung über ihn oder seine Vorfahren unnachgiebig zu sanktionieren.

Am Tage nach der Ausmusterung aus der Kadettenanstalt hatte er sich duelliert. Der Grund war banal gewesen. So hatte bei der gemeinsamen Abschlussfeier der jungen Soldaten ein weiterer Kadettenschüler, in trinkfreudiger Stimmung und in Anwesenheit von Damen, behauptet, die Darstellung auf dem Gemälde zeige überhaupt nicht den Großvater Dalhover, sondern einen unbekannten Pikenier. Der damals angehende Feldwebel hatte daraufhin, vom Rausch des Weines bestärkt, seinen Waffenbruder herausgefordert. In derselben Nacht, kurz vor Anbruch des Morgens, waren sie sich auf einer trüb beleuchteten Waldlichtung entgegengetreten. Gespenstisch still hatte der Wald in jenen Stunden dagelegen und Dalhover war, das ausgestopfte Renommiersuspensorium zwischen seinen Schenkeln zurechtrückend, selbstbewusst am Kampfplatz erschienen. Auf eine Eröffnung des Opponenten hatte er mit einer Streichfinte reagiert, um sodann in den Ausfallschritt zu treten. Ihre Klingen hatten im Aufeinandertreffen durch die Stille der Nacht geschmettert und Dalhover war zweifelsfrei der überlegene Fechter gewesen. Nach dem Versuch seines Gegners, ihn im Bauchbereich zu stechen, hatte Dalhover den Kadetten am Arm getroffen. Das weitere Führen der Waffe war alsdann verunmöglicht worden. Diese Gelegenheit nutzend war die Degenklinge des Feldwebels exakt in den Hals des Gegenübers eingedrungen. Sie hatte Fleisch, Sehnen und Muskeln durchschnitten und war am anderen Ende, kurz unterhalb des Hinterkopfs, wieder herausgetreten.

Offiziell war die Auseinandersetzung als Degenduell definiert worden. Doch Duell war es beileibe keines gewesen. Sondern eine Hinrichtung. Denn der junge Dalhover hatte gar nicht beabsichtigt, den damaligen Gepflogenheiten folgend, seinem Gegner nach dem ersten erfolgreich platzierten Schnitt am Arm nachzugeben. Ihn verwundet ziehen zu lassen, um damit Satisfaktion zu signalisieren. Er war nicht nur angetreten, um die Familienehre wiederherzustellen. Er hatte vernichten wollen. Eine bloße Verletzung des Opponenten zur Genugtuung seines Narzissmus und als ehrenvolle Referenz gegenüber der Allgemeinheit war ihm zu wenig gewesen. Nur der Tod hatte ihm jenes Gefühl der überlegenen Stärke zu geben vermocht, auf das er aus war. Und so hatte er in einem unbeobachteten Moment die feine Klinge seines Stoßdegens in nassem Pferdedung getränkt. Um nach dem entscheidenden Schlag breitbeinig über dem sterbenden Körper seines Opfers zu thronen.

Die beiden Sekundanten, ebenfalls Kadettenschüler und halb trunken vom vorangegangenen Saufgelage, hatten, starr vor Angst, kein Wort von sich gegeben, während der zukünftige Feldwebel den sterbenden Anblick seines röchelnden und keuchenden Gegners leidenschaftlich genossen hatte. Eine gefühlte Ewigkeit hatte die Viertelstunde gedauert, bis die blutende Vergiftung der vom schmutzigen Degenstich infizierten und verätzten Wunde sich vom Halsbereich über den Oberkörper auf den ganzen Leib ausgebreitet hatte und der junge Kadett qualvoll verendet war.

Dalhover hatte gebebt vor Erregung und dabei eine pralle Männlichkeit zwischen den Beinen gespürt. Er hatte zum ersten Mal in seinem Leben getötet und empfand es als das großartigste Gefühl der Welt. Sein Triumph war durchschlagend gewesen. Niemand hatte seit jeher nur im Ansatz den Versuch unternommen, ihn in Frage zu stellen. Und nun? Nun hatte es dieser Niemand, dieser unbedeutende Wicht, dieser stinkende renitente Bauernlümmel doch tatsächlich gewagt, Hand an ihn zu legen. Mehr noch! Er hatte ihn in einer gewöhnlichen Schenke in aller Öffentlichkeit brüskiert und gedemütigt. Damit war die Verwundbarkeit des Feldwebels bewiesen worden und seine über Jahre hinweg mühsam aufgebaute Aura des Unbesiegbaren mit einem Schlag aus der Welt geschaffen.

Alle hatten es gesehen! Seine Untergebenen. Der zusammengewürfelte Haufen von Spielern und Säufern, der es gewiss in alle Winde posaunen würde. Aber vor allem, und das war das Allerschlimmste, die Töchter des Wirts. Welche er schon etliche Male mit dem pfauenhaften Spiel seiner Muskeln zu beeindrucken versucht hatte. Es gab keine Entschuldigung. Diese Schmach war unerträglich.

„Ich darf mir nichts anmerken lassen. Es muss alles wie gewohnt wirken“, sprach er sich Mut zu und überflog derweil insgeheim die Außenwirkung seines Körpers.

In seinem dunkelblauen Uniformtuch wähnte er sich wie der Landgraf in Person. Das rote Innenfutter wurde durch aufkommende Windstöße an den Schoßumschlägen wiederholt aufgedeckt. Im Leuchten der Sonne gab es seiner Erscheinung eine schimmernde Eleganz. Die Halbschuhe mit schwarzen Gamaschen waren blank geputzt. Eine Pflicht, die Dalhover dem Quartierburschen mit Nachdruck anerzogen hatte. Die linke Hand des Feldwebels umschloss den Griff des gebogenen Säbels, welcher an einem ledernen Leibriemen an seiner Seite hing. Ebenso wie die große Patronentasche aus schwarzem Leder stellte sie einen unverzichtbaren Bestandteil seiner Ausrüstung dar. Zudem trug er eine stets geladene Pistole bei sich. Eine Steinschlosspistole mit drehbarem Lauf. Auf deren versilbertem Messingkorn Dalhovers Initialen eingraviert waren.

Die Muskeln seines Oberarms zuckten elektrisch, als er den Griff um den Säbel fester schloss. Die Gesichtszüge des Feldwebels waren abgehackt und scharf. Der flaumige Schnurrbart perfekt ausrasiert. Unter dem Dreispitz hielt ein obligatorisches Haarband seinen blonden Zopf vorschriftsmäßig umwickelt. Das Kopfhaar an den Schläfen trug er modisch gelockt. Mit erhobenem Haupt stand er in der stechenden Mittagssonne des Innenhofes und beobachtete sich selbst im Wasserspiegel der Pferdetränken.

„Ich bin der schönste Mann auf Erden“, flüsterte er sich ein, derweil er mit starrem Tunnelblick, in Richtung der Stallungen gewandt, über seine Rachegelüste halluzinierte. Ein lautes Auflachen ließ ihn abrupt herumfahren. Seine Soldaten hatten sich im Hof eingerichtet. Die Musketen waren an die Wand gelehnt und die Männer kramten Tabak und Karten hervor. Sie scherzten ungezwungen, während sie sich auf den für die Pferdekoppeln vorgesehenen Strohballen niederließen.

„Was treiben diese feigen Commis?“, fragte sich Dalhover und musterte dabei die Soldaten eingehend. „Haben sie etwa über mich gelacht?“ Verkrampft hielt er die Luft an. War es denn die Möglichkeit, dass seine Männer hinterrücks jene erniedrigende Szene, in welcher der Feldwebel von Germars Schlag getroffen zusammengesackt war, parodierten?

Erneut überkam ihn Unruhe. Er prüfte die Gesichter und Bewegungen seiner Soldaten, studierte Mimik und Gestik auf Gedeih und Verderb. Denn es war ihm, als spürte er förmlich, wie sein Ansehen von Sekunde zu Sekunde in den Augen seiner Männer sank.

Die Niederlage der letzten Nacht war nicht verschmerzt. Im Gegenteil. Es stand so einiges auf dem Spiel. Er befand sich unmittelbar vor einer Beförderung in den Offiziersrang. Zumindest hatten es die Vorgesetzten so ähnlich durchblicken lassen. Man hatte ihm als Anerkennung für seine Tapferkeit erlaubt, das Portepee zu führen. Er war sogar befugt ein Ross zu reiten. Das hatte er zwar aus eigenen Mitteln finanziert, dennoch war es eine bedeutende Ehre für einen Feldwebel, nicht mehr mit der gemeinen Fußtruppe mitmarschieren zu müssen. Er stand zweifelsfrei in der Schlussetappe zu höchsten militärischen Rängen. Gedanklich war er in einer mit Orden dekorierten Stellung als Truppenkommandeur verhaftet. Das beschämende Intermezzo in der Gastschenke lag wie ein Damoklesschwert über den Früchten der jahrelangen Bemühungen.

Hätte er die vielversprechende Karriere an den Nagel hängen sollen? Sich zufriedengeben mit seiner moderaten Position als Feldwebel, ohne jemals in den Offiziersrang aufzusteigen? In dieser unbedeutenden Provinzstadt versauern und tagein, tagaus irgendwelchen kleinen Straßengaunern hinterherhetzen? Nein! Oh nein! Das war gewiss nicht sein Schicksal. Er, Hans August Friedrich Dalhover, Urenkel des berühmten Schwertkämpfers und Enkel des letzten Doppelsöldners im Geiste Wallensteins, würde sein Schicksal selbst bestimmen und nicht allein auf die Hilfe Gottes vertrauen. Denn diese, davon war er absolut überzeugt, wäre ihm ohnehin geneigt gewesen, wenn er sich nur selbst geholfen hätte. Denn so stand es in der Bibel. Amen!

In jener Nacht traf er eine folgenschwere Entscheidung. Dieses Individuum, welches ihm in die Quere gekommen war: Es hatte sein Recht auf Leben verwirkt. Er würde diesen primitiven Tölpel von Germar töten. Er würde es langsam und qualvoll tun. Als gottgewollte und naturgesetzliche Rache des Stärkeren und als mahnende Abschreckung gegen seine persönlichen Feinde.

Die erste Zaghaftigkeit seiner Niederlage war entschwunden. Er war wieder dazu bereit, dieser mit Kühnheit zu begegnen. Denn für ihn als Militär war die Zaghaftigkeit ein verlorenes Gleichgewicht. So wie seine starke Hand die Sehne des Bogens fester spannen konnte, so musste auch von seinem starken Geist zu erwarten sein, dass er, selbst in dieser ausweglosen Situation, die Kräfte höherfahren würde.

Zu nachtschlafender Stunde stand er aufrecht in seinem Quartier, lediglich mit einem hellen Leinenhemd bekleidet, welches ihm nur bis zum Bauchnabel langte. Darunter splitternackt. Dennoch stand er stramm und still, als würde er gerade vor dem Landgrafen und seiner Entourage posieren. Wie ein Obelisk, auf den zu alle Wege eines Königreiches geführt sind, stand er gebieterisch in der Überzeugung, seinen festen Willen durchzusetzen, um seinem Stolz gerecht zu werden. In ihm stieg die Anspannung. Die innere Unruhe des bevorstehenden Schreckens, welchen er gewillt war loszutreten. Er hätte zugeschlagen. Mit all seiner Kraft hätte er zugeschlagen. Und als er sich immer weiter in seine mentalen Gewalträusche steigerte, sich Germar vorstellte, wie er ihn zerteilen, zerquetschen, erdrosseln und erschlagen würde; wie er all die Phantasien von Tod und Vernichtung genussvoll um seine Gedanken schweifen ließ, den manischen Blick ins Dunkel seiner Kammer gerichtet, da hielt er seine Lanze fest in der Hand und fühlte sich endlich wieder als richtiger Mann.

4

In den feuchten Ecken des Kerkers lagen die meisten Gefangenen inzwischen im Schlaf. Nicht dass jemand gewusst hätte, dass es Nacht wäre. Ein entferntes Zeitgefühl war ohnehin schwer zu bewahren, da kein Tageslicht in das schimmlige Loch hinunterdrang. Zahlreiche Häftlinge waren deshalb nahezu erblindet. Man schlief eben, wenn man es für richtig hielt.

Germar hatte einen der besten Plätze ergattert. Er schnarchte laut vor sich hin, als wäre er auf einem weichen Federbett sanft entschlummert. Die beklemmende Atmosphäre der Massenzelle schien ihn nicht weiter zu bedrücken. Offenbar war ihm diese Szenerie vertraut. Der Junge kauerte derweil dicht neben ihm. Kurz nach ihrer Einlieferung hatten zwei schmierige Gestalten unter den Mitgefangenen versucht, sich ihm lüstern zu nähern. Germars handfester Intervention war es zu verdanken gewesen, dass die beiden mit eingezogenem Schwanz klein beigaben. Der Totengräber hatte nicht aus Mitleid oder Nächstenliebe gehandelt. Sondern aus dem Verständnis heraus, dass dieser Junge sein persönlicher Lakai war. Sein Eigentum, über das er frei verfügen könne. Und niemand war es gestattet, sich an seinem Eigentum zu vergreifen. Geblieben war dennoch eine panische Furcht davor, dass die beiden faunischen Lüstlinge aus dem Dunkel der Zelle hervorspähen könnten, nur um auf die nächste Gelegenheit zu warten.

Der Junge war hungrig und verängstigt. Aber vor allem war er verwirrt. Denn er wusste nicht, was er hier tat. Wenn es etwas gab, das er sich mehr wünschte, als aus dieser Hölle von Gefängnis zu entfliehen, dann war es die Antwort auf die Frage, wer er war. Er wusste nichts über sich. Niemand hatte ihn bisher mit einem Namen angesprochen. Und so kannte auch er ihn nicht. Er hatte keine Ahnung, wer und wo seine Eltern waren und wie er überhaupt auf die Lichtung vor dem Pestturm gekommen war. Germar war sein einziger Vertrauter. Wenn der Junge bisher kein Wort gesprochen hatte, dann deshalb, weil er nichts zu sagen hatte.

Die erste und einzige Information, die er zu seiner Existenz abzurufen vermochte, war, dass er mit einer unendlichen inneren Leere auf der Lichtung erschienen war. Davor war Nichts. Absolutes Nichts. Diese innere Leere hatte ihn gefangen gehalten und nicht mehr losgelassen. Damals auf des Totengräbers Wagen, den unheilbringenden Leichengestank in der Nase. Und später, als er in einem Anflug von Freude in der Taverne den Bierkrug geleert hatte. Immer war dieses Gefühl des seelischen Nichts allgegenwärtig und allumfassend. Egal wohin er sich gedanklich wandte. Wie sehr er sich bemühte, einen vertrauten Geist in seinem Denken zu erhaschen. Es erschien kein Licht am Horizont. Das Nichts hielt ihn fest umschlossen und wurde immer mehr zu einer fremdartigen Ungewissheit. Es war ihm so, als strebten die Umtriebe seines Geistes danach, ihm gleichsam im Dunkeln Fesseln anzulegen. Es war die Leere seiner Seele, die ihn im Geheimen verzehrte.

Feuchte Kälte umschloss die Gefängniszelle. Eine Spinne schlüpfte aus einer der Wandspalten, welche ihr als Behausung diente, hervor, und hielt kurz inne. Als sei sie justament aus dem Schlaf erwacht, spreizte sie ihre Laufbeine gemächlich auseinander. Die Begrüßung der Gefangenen leitete sie damit ein, ihr zangenartiges Mundwerkzeug zu reinigen, welches fein von einem klebrigen Schleim überzogen war. Mit wenigen zackigen Bewegungen schloss sie ihre Morgentoilette ab. Sodann setzte sie los. Ihre Klauen geleiteten sie sicher über die nassen Steinwände. Senkrecht steil nach oben ging der tolle Lauf, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Mitunter kam sie zum Stehen. Wie ein Nachtwächter, welcher auf seinem Kontrollgang den Frieden der ruhenden Straßen zu besorgen hat, prüfte sie spezielle Ecken im Gemäuer. Hier und da machte sie sich an Ausbesserungsarbeiten, um bereitgestellte Fallen zu erneuern. Gleich darauf eilte sie munter weiter. Der schweren Atmung der unterhalb verfaulenden Menschenleiber gönnte sie keine Aufmerksamkeit. Hier unten im feuchten Verlies war sie die Herrin.

Der Junge hielt den Blick auf die emsig treibende Spinne gerichtet. Querfeldein hastete sie über das Mauerwerk. In einem locker wirkenden Hürdenlauf koordinierte sie ihre Geschwindigkeiten. Ihr Rhythmus, um über die ausgehöhlten Spalten zwischen den einzelnen Mauersteinen elegant