Ferngesteuert - Christopher Wylie - E-Book

Ferngesteuert E-Book

Christopher Wylie

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Beschreibung

›Ferngesteuert‹ deckt die Aktivitäten des Datenanalyse-Unternehmens Cambridge Analytica sowie des Trump-Beraters Steve Bannon auf und enthüllt die Alt-Right-Strategien zur Beeinflussung der amerikanischen Bürger. Dieses Buch gibt den Leser*innen aber auch einen höchst anschaulichen Einblick in die besorgniserregenden Verstrickungen von Facebook, WikiLeaks, russischen Geheimdiensten und internationalen Hackern. Cambridge Analytica hat die Daten von mehr als 87 Millionen Menschen gesammelt und analysiert, um sie anschließend gezielt zur Beeinflussung dieser Menschen im Wahlkampf einzusetzen. Der Kanadier Christopher Wylie stand im Zentrum dieser Operation: Seine Aufgabe bei Cambridge Analytica war es, »zornige junge Männer« zu manipulieren und für die Wahl zu mobilisieren. Wylies Entscheidung, ein Whistleblower zu werden, führte zur größten internationalen Datenkriminalitätsuntersuchung der Geschichte.

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Seitenzahl: 519

Veröffentlichungsjahr: 2021

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›Mindf*ck‹ deckt die Aktivitäten des Datenanalyse-Unternehmens Cambridge Analytica sowie des Trump-Beraters Steve Bannon auf und enthüllt die Alt-Right-Strategien zur Beeinflussung der amerikanischen Bürger. Dieses Buch gibt den Leser*innen aber auch einen höchst anschaulichen Einblick in die besorgniserregenden Verstrickungen von Facebook, WikiLeaks, russischen Geheimdiensten und internationalen Hackern.

Cambridge Analytica hat die Daten von mehr als 87Millionen Menschen gesammelt und analysiert, um sie anschließend gezielt zur Beeinflussung dieser Menschen im Wahlkampf einzusetzen. Der Kanadier Christopher Wylie stand im Zentrum dieser Operation: Seine Aufgabe bei Cambridge Analytica war es, »zornige junge Männer« zu manipulieren und für die Wahl zu mobilisieren. Wylies Entscheidung, ein Whistleblower zu werden, führte zur größten internationalen Datenkriminalitätsuntersuchung der Geschichte.

© Antonio Olmos

Christopher Wylie, 1989 in Kanada geboren, wurde zum ersten Whistleblower der Millennials. Seine Enthüllungen, die den Missbrauch von Daten aufdecken, erschütterten die Welt und führten zur größten multinationalen Untersuchung zu Datenkriminalität aller Zeiten. Wylie studierte Rechtswissenschaften an der London School of Economics, bevor er sich in den Bereich der Cultural Data Science begab. Er lebt in London.

Gabriele Gockel übersetzte u.a. Texte von Noam Chomsky und Naomi Klein. Bernhard Jendricke hat u.a. die Werke von Clare Clark, Frank Stella und Hillary Clinton übersetzt. Claus Varrelmann übertrug u.a. die Romane von Barbara Gowdy, Elizabeth Jolley und Ian Rankin ins Deutsche. Thomas Wollermann übersetzt Literatur und Sachbücher aus dem Englischen und aus dem Französischen.

CHRISTOPHER WYLIEFERNGESTEUERT

Wie die Demokratie durch Social Media untergraben wird

Aus dem Englischen vonGabriele Gockel, Bernhard Jendricke, Claus Varrelmann und Thomas Wollermann

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Buch auf die gleichzeitige Verwendung weiblicher, diverser und männlicher Sprachformen verzichtet und das generische Maskulinum verwendet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechtsidentitäten.

eBook 2021

DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Copyright © Verbena Limited, 2019

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel ›Mindf*ck. Cambridge Analytica and the Plot to Break America‹ bei Random House, einem Imprint von Penguin Random House LLC, New York.

© 2020 für die deutsche, unter dem Titel „Mindf*ck“ erschienene Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Übersetzung: Gabriele Gockel, Claus Varrelmann, Bernhard Jendricke und Thomas Wollermann

Lektorat: Jochen Veit

Umschlaggestaltung unter Verwendung der englischen Originalausgabe von Peter Dyer

Satz: Fagott, Ffm

eBook-Konvertierung CPI books GmbH, Leck

ISBN eBook 978-3-8321-7101-8

www.dumont-buchverlag.de

Inhalt

Die Entstehungsgeschichte

Lektionen im Scheitern

Die Terrorismusbekämpfer tragen Prada

Steve aus Amerika

Cambridge Analytica

Trojanische Pferde

Die Dunkle Triade

Liebesgrüße aus Russland

Verbrechen gegen die Demokratie

Der Star aus dem Reality-TV zieht ins Weiße Haus

Coming-out

Enthüllungen

Epilog

Danksagung

Für meine Eltern Kevin und Joan,

die mir beigebracht haben,

mutig zu sein, mich zu behaupten und das Richtige zu tun.

On résiste à l’invasion des armées; on ne résiste pas à l’invasion des idées.

Man kann der Invasion von Armeen widerstehen, nicht aber der Invasion von Ideen.

Victor Hugo

Die Entstehungs­geschichte

Bei jedem Schritt drücken mich die neuen Schuhe an den Fersen. Ich halte einen dunkelblauen Ordner voller Dokumente umklammert, die mit Hilfe farbiger Reiter sortiert sind. Da ich eingeschüchtert von dem Ort bin, an dem ich mich befinde, und Angst vor dem habe, was mir bevorsteht, konzentriere ich mich auf unsere Schritte. Ein Assistent fordert uns auf, schneller zu gehen, damit wir unerkannt bleiben. Wir passieren uniformierte Wachposten, durchqueren erst einen Innenhof, dann einen Flur. Der Assistent öffnet eine Tür, wir laufen ein paar Stufen hinunter und gelangen in einen weiteren Flur, der genauso aussieht wie der vorige – Marmorboden, hohe Decke, Holztüren und hier und da eine amerikanische Flagge. Wir sind zu siebt, unsere Schritte hallen von den Wänden wider. Es ist nicht mehr weit; dann werde ich erkannt. Ein Kongressabgeordneter sieht mich, winkt mir zu und ruft: »Schon wieder hier?« Eine Gruppe von Journalisten kommt aus einer Pressekonferenz. Ihnen fällt mein pinkfarbenes Haar auf, und sie wissen sofort, wer ich bin.

Zwei Kameramänner rennen ein paar Meter voraus und beginnen im Rückwärtsgehen zu filmen. Es bildet sich eine Menschentraube und Rufe ertönen – »Mr.Wylie, eine Frage von NBC!« »Eine Frage von CNN!« »Warum sind Sie hier?« – und einer meiner Anwälte ermahnt mich, zu schweigen. Wir steuern einen Fahrstuhl an, und ehe wir ihn betreten, fordert der Assistent die Journalisten auf, zurückzubleiben. Während die Türen zugehen, schießen die Kameras weiter Fotos. Ich stehe eingezwängt an der Rückwand der Kabine, umgeben von Anzugträgern. Wir fahren tief nach unten. Niemand sagt ein Wort. Ich gehe im Geist die Gespräche durch, die ich zur Vorbereitung mit meinen Anwälten geführt habe – welche US-amerikanischen Gesetze von wem gebrochen wurden, welche Rechte ich als ausländischer Besucher in den USA habe und welche nicht, wie man es anstellt, ruhig auf Anschuldigungen zu reagieren, was passieren wird, wenn ich noch heute verhaftet werde. Ich weiß nicht, was mir bevorsteht. Niemand weiß es.

Der Fahrstuhl hält, und seine Türen öffnen sich. Vor uns ist eine weitere Tür mit einem großen roten Schild, auf dem in weißen Buchstaben »Eingeschränkter Zutritt« und »Kein Zugang für Besucher und Journalisten« steht. Wir befinden uns in der dritten unterirdischen Etage des Kapitols in Washington.

Hinter der Tür ist der Boden mit einem dicken kastanienbraunen Teppich ausgelegt. Uniformierte Wachposten nehmen uns unsere Mobiltelefone und anderen elektronischen Geräte ab und legen sie auf ein mit Nummern versehenes Regal hinter ihrem Tresen, wobei jedem einzelnen eine davon zugeteilt wird und wir eine Marke mit der jeweiligen Nummer erhalten. Uns wird mitgeteilt, dass wir jenseits dieser Kontrollstelle nur Stift und Papier verwenden dürfen. Und sie weisen darauf hin, dass unsere Notizen auf dem Rückweg beschlagnahmt werden können, sollte festgestellt werden, dass wir Informationen aufgeschrieben haben, die der Geheimhaltung unterliegen.

Zwei Wachposten öffnen eine schwere Stahltür. Einer gibt uns ein Zeichen, hindurchzugehen, und wir betreten im Gänsemarsch einen langen, von Neonlicht matt erleuchteten Flur. Die Wände sind mit dunklem Holz getäfelt und mit einer Vielzahl amerikanischer Flaggen auf Ständern gesäumt. Es riecht wie in einem alten Gebäude, muffig, mit einem Hauch von Putzmittel. Die Wachposten führen uns den Flur hinunter, dann biegen wir nach links ab und gelangen zur nächsten Tür. Über ihr blickt uns ein hölzernes Wappen entgegen, das ein riesiger Adler mit Pfeilen in den Krallen zeigt. Wir sind an unserem Ziel angekommen: Die Sensitive Compartmentalized Information Facility (SCIF) des Geheimdienstausschusses des Abgeordnetenhauses der USA – derselbe Raum, in dem vertrauliche Unterrichtungen des Kongresses durch die Regierung stattfinden.

Drinnen müssen sich meine Augen erst einmal an das grelle Neonlicht gewöhnen. Der Raum ist völlig unspektakulär, mit leeren beigefarbenen Wänden und einem Konferenztisch, umgeben von Stühlen. Es könnte jeder x-beliebige Raum in einem der vielen öden, über Washington verteilten Regierungsgebäude sein. Allerdings fällt mir die Stille auf. Der Raum ist schalldicht, seine Wände bestehen aus mehreren Schichten, die ihn abhörsicher machen. Angeblich ist er auch bombensicher. Ein geschützter Ort, erbaut für Amerikas Geheimnisse.

Nachdem wir Platz genommen haben, erscheinen die ersten Kongressabgeordneten. Assistenten stellen vor jedem Ausschussmitglied Aktenordner auf den Tisch – Adam Schiff, ranghöchstes Mitglied der Demokratischen Partei im Ausschuss, sitzt mir direkt gegenüber und zu seiner Linken die Abgeordnete Terri Sewell, während Eric Swalwell und Joaquin Castro am Ende des Tisches Platz genommen haben. Ich bin flankiert von meinen Anwälten und meinem Freund Shahmir Sanni, ebenfalls ein Whistleblower. Wir warten ein paar Minuten auf die Republikaner. Sie erscheinen nicht.

Es ist Juni 2018, und ich bin in Washington, um vor dem US-Kongress über Cambridge Analytica auszusagen, einen Militärdienstleister auf dem Gebiet der psychologischen Kriegführung, für den ich gearbeitet hatte, und über ein kompliziertes Netzwerk, bei dem Facebook, Russland, WikiLeaks, Trumps Präsidentschaftswahlkampf und das Brexit-Referendum eine Rolle spielten. Ich war Forschungsleiter der Firma gewesen und hatte Beweise dabei, wie Daten von Facebook mithilfe von Cambridge Analytica zu Waffen gemacht und durch die Programme, die man dort entwickelt hatte, Millionen von Amerikanern zu leicht angreifbaren Zielen für die Propaganda feindlich gesinnter Staaten wurden. Schiff leitet die Befragung. Als ehemaliger Bundesstaatsanwalt weiß er seine Fragen klar und präzise zu formulieren, und er kommt ohne Umschweife auf den Kern der Sache zu sprechen.

Haben sie mit Steve Bannon zusammen­gearbeitet?

Ja.

Hatte Cambridge Analytica Kontakt zu Personen, die womöglich russische Agenten waren?

Ja.

Glauben Sie, dass diese Daten benutzt wurden, um während des amerikanischen Präsident­schafts­wahlkampfs die Wählerschaft zu beeinflussen?

Ja.

Eine Stunde verstreicht, dann zwei, dann drei. Ich bin freiwillig hierhergekommen, um zu erklären, wie ich, ein fortschrittlich gesinnter, schwuler, 24-jähriger Kanadier zu einem leitenden Angestellten eines britischen Militärdienstleisters geworden war und für die amerikanische Alt-Right-Bewegung Instrumente zur psychologischen Kriegführung entwickelt hatte. Kurz nach Abschluss meines Studiums hatte ich eine Stelle bei einer Londoner Firma namens SCL Group angetreten, die für das britische Verteidigungsministerium und die NATO-Streitkräfte als Berater auf dem Gebiet der Informationstechnologie fungierte. Da die westlichen Armeen mit dem Problem der Online-Radikalisierung nicht zurechtkamen, wollte die Firma, dass ich ihnen half, ein Team aus Informatikern aufzubauen, das neue Mittel zum Aufspüren und Bekämpfen von Extremismus im Netz kreieren sollte. Eine Aufgabe, die faszinierend, anspruchsvoll und aufregend zugleich war. Wir waren drauf und dran, mit grundlegenden Neuerungen auf dem Gebiet der Cyber-Abwehr für Großbritannien, die USA und ihre Alliierten aufzuwarten und aufkeimenden Aufruhr radikaler Extremisten mit Daten, Algorithmen und gezielt eingesetzten Narrativen im Netz zu bekämpfen. Aber aufgrund einer Abfolge von Ereignissen im Jahr 2014 übernahm ein Milliardär unser Projekt, um seine eigene radikale Revolte in Amerika anzuzetteln. Die Rede ist von Cambridge Analytica, eine damals weitgehend unbekannte Firma, die Forschungen auf dem Gebiet des psychologischen Profiling missbrauchte und am Ende weltweite Turbulenzen auslöste.

Wenn Waffen in die falschen Hände geraten, nennt man das beim Militär Blowback. Es schien so, als sei dieser Blowback im Innern des Weißen Hauses detoniert. Ich konnte nicht länger bei etwas mitwirken, das derart zersetzend auf die Gesellschaft von Staaten wirkte, also wurde ich zum Whistleblower, erstattete den Behörden Bericht über alles, was ich wusste, und arbeitete mit Journalisten zusammen, um die Öffentlichkeit zu warnen. Während ich vor den Ausschussmitgliedern sitze, den Jetlag vom transatlantischen Flug am Vortag noch in den Knochen, spüre ich die Zwickmühle, in der ich mich befinde, umso deutlicher, je bohrender die Fragen werden. Da meine Versuche, die Details der Firmentätigkeit zu erklären, mehrfach nur ratlose Mienen hervorrufen, hole ich schließlich einen Aktenordner hervor und schiebe ihn zu den Kongressabgeordneten hinüber. Was soll’s, denke ich. Ich bin inzwischen an einen Punkt gelangt, an dem sie von mir aus alles kriegen sollen, was ich dabeihabe. Es geht ohne Pause weiter, und die Tür hinter mir bleibt die ganze Zeit verschlossen. Ich bin in einem fensterlosen, stickigen Raum unter der Erde eingesperrt und schaue mangels Alternative direkt in die Gesichter dieser Kongressabgeordneten, die sich offenbar gerade fragen, was zum Teufel kürzlich mit ihrem Land passiert ist.

Drei Monate zuvor, am 17.März 2018, hatten der Guardian, die New York Times und Channel 4News gleichzeitig die Ergebnisse einer gemeinsamen, ein Jahr dauernden Recherche veröffentlicht, die von meiner Entscheidung ausgelöst worden war, die Wahrheit über die Vorgänge bei Cambridge Analytica und Facebook zu enthüllen. Mein Coming-out als Whistleblower zog die größte Untersuchung über Datenkriminalität aller Zeiten nach sich. In Großbritannien beteiligten sich daran sowohl das nationale Kriminalamt NCA (National Crime Agency) als auch der Inlandsgeheimdienst MI5, das Büro des Datenschutzbeauftragten ICO (Information Commissioner’s Office), die Wahlbehörde und die Londoner Polizei. In den Vereinigten Staaten wurden das FBI, das Justizministerium, die Börsenaufsichtsbehörde SEC (Securities and Exchange Commission) und die Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde FTC (Federal Trade Commission) aktiv.

In den Wochen vor jener ersten Veröffentlichung hatte die Untersuchung des Sonderbeauftragten Robert Mueller Fahrt aufgenommen. Im Februar klagte Mueller dreizehn russische Staatsbürger und drei russische Unternehmen der Verschwörung in zwei Fällen an. Eine Woche später folgte die Anklage von Trumps ehemaligem Wahlkampfleiter Paul Manafort und seinem Stellvertreter Rick Gates. Am 16.März entließ Justizminister Jeff Sessions den stellvertretenden FBI-Direktor Andrew McCabe nur etwas mehr als 24Stunden, ehe er mit einem Pensionsanspruch in den Ruhestand hätte gehen können. Die Öffentlichkeit verlangte Informationen darüber, was sich zwischen Trumps Wahlkampfteam und Russland abgespielt hatte, aber niemand war in der Lage, ein schlüssiges Bild des Ganzen zu zeichnen. Ich lieferte die nötigen Beweise, indem ich die Verbindungen von Cambridge Analytica zu Donald Trump, Facebook, den russischen Geheimdiensten, international tätigen Hackern und dem Brexit-Referendum belegte. Die Beweise enthüllten, auf welche Weise eine obskure ausländische Dienstleistungsfirma sowohl illegale Handlungen verübt als auch in die erfolgreichen Wahlkämpfe Donald Trumps und des Pro-Brexit-Lagers verwickelt gewesen war. Den von mir präsentierten E-Mail-Verläufen, internen Memos, Rechnungen, Überweisungsbelegen und Projektberichten konnte man entnehmen, dass Trump und die Brexit-Befürworter dieselben Strategien angewandt hatten, die von denselben Technologien ermöglicht wurden, oft auf Anweisung derselben Leute – und all das verbunden mit dem Schreckgespenst verdeckter russischer Beteiligung.

Zwei Tage nach der Veröffentlichung der Story wurde im britischen Parlament eine dringliche Anfrage eingebracht. In einem seltenen Moment der Eintracht beklagten sich Minister und führende Abgeordnete der Opposition unisono über die Fahrlässigkeit von Facebook, mit der der Konzern zugelassen hatte, dass er zu einem feindlichen Propagandanetzwerk für den Einsatz bei Wahlkämpfen geworden war, mit entsprechenden Folgen für die westlichen Demokratien. Die nächste Welle an Artikeln beschäftigte sich mit dem Brexit-Referendum, und es wurde die Gültigkeit seines Ergebnisses infrage gestellt. Aus etlichen Dokumenten, die ich den Ermittlungsbehörden zur Verfügung gestellt hatte, ging hervor, dass das Pro-Brexit-Lager geheime Tochterfirmen von Cambridge Analytica benutzt hatte, um mithilfe von Geldern geheimer Gönner Desinformationen via Werbeanzeigen auf Facebook und Google zu verbreiten. Dies wurde von der britischen Wahlkommission als illegal eingestuft und gilt inzwischen als gravierendster und folgenreichster Verstoß gegen die Gesetze zur Wahlkampffinanzierung in der Geschichte des Vereinigten Königreichs. Das Büro des Premierministers, Downing Street 10, geriet in äußerste Erklärungsnot, als die Beweise über den Betrug der Brexit-Befürworter ans Licht kamen. Dem NCA und dem MI5 wurden später Beweise für die direkten Kontakte zwischen der russischen Botschaft und den wichtigsten Geldgebern der Brexit-Befürworter in der Zeit vor dem Referendum ausgehändigt. In der darauffolgenden Woche fiel Facebooks Aktienkurs um 18Prozent, wodurch sein Börsenwert um 80Milliarden Dollar einbrach. Die Turbulenzen hielten an und erreichten ihren Höhepunkt in dem größten Verlust, den ein einzelnes Unternehmen in Amerika je an einem einzigen Tag erlitten hat.

Für den 27.März 2018 wurde ich zu einer öffentlichen Anhörung im Parlament vorgeladen – dergleichen sollte für mich in den nächsten Monaten fast zur Routine werden. Die Themen der Befragung reichten von der Beauftragung von Hackern und der Zahlung von Schmiergeldern durch Cambridge Analytica über Facebooks Verstöße gegen den Datenschutz bis hin zu russischen Geheimdienstoperationen. Nach der Anhörung setzten FBI, DOJ, SEC und FTC eigene Ermittlungen in Gang. Der Geheimdienstausschuss des US-amerikanischen Abgeordnetenhauses, der Justizausschuss des Abgeordnetenhauses, der Geheimdienstausschuss des Senats und der Justizausschuss des Senats – alle wollten sie mit mir sprechen. Binnen weniger Wochen leiteten die EU und über zwanzig Länder Ermittlungen in Sachen Facebook, soziale Medien und Desinformation ein.

Ich erzählte der ganzen Welt meine Geschichte und war auf den Bildschirmen allgegenwärtig. Zwei Wochen lang war mein Leben das reinste Chaos. Die Tage fingen damit an, dass ich um sechs Uhr früh Londoner Zeit im britischen Frühstücksfernsehen oder bei Sendern vom europäischen Kontinent auftrat, gefolgt von Interviews mit US-amerikanischen Sendern bis Mitternacht. Reporter folgten mir auf Schritt und Tritt. Immer mehr Drohungen gingen bei mir ein. Sicherheitshalber engagierte ich Bodyguards für meine öffentlichen Auftritte. Meine Eltern, beides Ärzte, mussten vorübergehend ihre Praxen schließen, da dort ständig Journalisten auftauchten, die sie mit Fragen bombardierten und die Patienten verängstigten. In den folgenden Monaten wurde mein Leben schier unerträglich, aber ich wusste, dass ich nicht aufhören durfte, die Alarmglocke zu läuten.

Die Geschichte von Cambridge Analytica zeigt, wie unsere Identität und unser Verhalten zu Waren auf dem hart umkämpften Markt des Datenhandels geworden sind. Die Firmen, die den Informationsfluss kontrollieren, zählen zu den mächtigsten der Welt; die Algorithmen, die sie insgeheim entwickelt haben, beeinflussen die Nutzer in einem zuvor unvorstellbaren Maße. Egal welches Thema einem Menschen am wichtigsten ist – Waffengewalt, Einwanderung, Meinungs- oder Religionsfreiheit – Silicon Valley, dem neuen Epizentrum unserer Wahrnehmungskrise, kann er nicht entrinnen. Meine Arbeit bei Cambridge Analytica offenbarte die Schattenseite der technologischen Innovationen. Wir schufen Innovationen. Die Alt-Right-Bewegung schuf Innovationen. Russland schuf Innovationen. Und Facebook, jene Webseite, auf der man Partyeinladungen und Babyfotos verbreitete, ließ zu, dass diese Innovationen auf die Menschheit losgelassen wurden.

Vermutlich hätte ich mich nicht für Technik interessiert und wäre demzufolge auch nicht bei Cambridge Analytica gelandet, wäre ich in einem anderen Körper geboren worden. Ich suchte Zuflucht beim Computer, weil es für ein Kind wie mich kaum andere Alternativen gab. Ich bin an der Westküste British Columbias aufgewachsen, auf Vancouver Island, umgeben von Wasser, Wäldern und Äckern. Meine beiden Eltern sind, wie schon erwähnt, Ärzte, und ich bin ihr ältestes Kind. Nach mir bekamen sie noch zwei Mädchen, meine Schwestern Jaimie und Lauren. Als ich elf war, fiel mir eines Tages auf, dass meine Beine immer steifer wurden. Ich konnte nicht so schnell rennen wie die anderen Kinder und entwickelte einen merkwürdigen Gang, was mich natürlich zur Zielscheibe für Hänseleien machte. Nach medizinischen Untersuchungen wurden bei mir zwei ziemlich seltene Krankheiten diagnostiziert, zu deren Symptomen heftige neuropathische Schmerzen, Muskelschwäche und eine Beeinträchtigung der Seh- und Hörfähigkeit zählen. Mit zwölf saß ich im Rollstuhl – gerade rechtzeitig zum Beginn der Pubertät – und war während meiner gesamten restlichen Schulzeit auf ihn angewiesen.

Wenn man im Rollstuhl sitzt, behandeln einen die Menschen anders. Manchmal kommt man sich eher wie ein Gegenstand vor – die Art und Weise, wie man von A nach B gelangt, prägt das Bild, das die Leute von einem haben. Man nähert sich Gebäuden mit anderen Gedanken – durch welchen Eingang komme ich hinein? Wie gelange ich an mein Ziel, ohne Treppen zu benutzen? Man lernt, nach Dingen Ausschau zu halten, die anderen Leuten niemals auffallen.

Schon bald, nachdem ich den Computerraum der Schule entdeckt hatte, wurde er zu dem einzigen Ort, an dem ich mir nicht fremd vorkam. Draußen hatte ich es entweder mit Mobbern oder bevormundenden Schulmitarbeitern zu tun. Die Lehrer veranlassten die anderen Kinder zwar, mich miteinzubeziehen, doch das taten sie dann nur, weil sie sich dazu verpflichtet fühlten, was im Endeffekt noch schlimmer war, als ignoriert zu werden. Da zog ich mich lieber in den Computerraum zurück.

Meine ersten Webseiten programmierte ich, als ich etwa dreizehn war. Meine allererste war eine Flash-Animation des rosaroten Panthers, wie er von dem tollpatschigen Inspektor Clouseau verfolgt wird. Bald darauf sah ich ein Video über die Programmierung von 3 gewinnt bei JavaScript und fand das unglaublich cool. Das Spiel scheint simpel zu sein, bis man versucht, seiner Logik auf den Grund zu gehen. Man kann den Computer nicht einfach ein zufälliges Kästchen auswählen lassen, denn das wäre öde. Man muss ihn vielmehr mit Regeln steuern, beispielsweise, dass er ein X in ein Kästchen neben einem anderen X setzen soll – aber nur, wenn in der Reihe oder Spalte noch keine Null ist. Und was ist mit Diagonalreihen? Wie formuliert man Anweisungen dafür?

Nach einer Weile hatte ich Hunderte Stränge Spaghetticode erzeugt. Ich erinnere mich noch daran, wie es war, wenn ich einen Zug getätigt hatte und dann der Reaktion meiner kleinen Schöpfung zuschaute. Ich kam mir vor wie ein Zauberer. Und je länger ich an meinen Tricks übte, desto überzeugender wurde deren Ergebnis.

Außerhalb des Computerraums brachte man mir in der Schule fortlaufend bei, was ich nicht tun konnte oder durfte und was für ein Mensch ich nicht werden könnte. Meine Eltern ermunterten mich, etwas zu finden, dem ich mich zugehörig fühlte, und deshalb verbrachte ich im Alter von fünfzehn Jahren den Sommer 2005 auf dem Gelände des Lester B. Pearson United World College, einer internationalen Schule in Victoria, benannt nach dem Friedensnobelpreisträger und kanadischem Premierminister, der während der Sueskrise in den 1950er-Jahren für die erstmalige Entsendung von UN-Friedenstruppen gesorgt hatte. Den ganzen Tag mit Schülern aus allen Teilen der Welt zu verbringen, begeisterte mich, und zum ersten Mal interessierte ich mich ernsthaft für den Unterrichtsstoff und die Ansichten der anderen Mädchen und Jungen. Ich freundete mich mit einem Überlebenden des Völkermordes in Ruanda an, der mir einmal spätabends in unserem Wohnheim von der Ermordung seiner Familie erzählte und davon, wie es gewesen war, als Kind allein und zu Fuß die weite Strecke bis zu einem Flüchtlingslager in Uganda zurückzulegen.

Doch erst an einem Abend im Speisesaal, an dem sich palästinensische und israelische Schüler, die sich an einem Tisch direkt gegenübersaßen, leidenschaftlich über die Zukunft ihrer jeweiligen Heimat stritten, öffnete ich endgültig die Augen für die Welt um mich herum. Mir wurde klar, dass ich nur sehr wenig darüber wusste, was vor sich ging, und dass ich das ändern wollte – und daraus entstand binnen kurzem mein Interesse für Politik. Im folgenden Schuljahr schwänzte ich des Öfteren den Unterricht, um an öffentlichen Veranstaltungen mit den örtlichen Parlamentsabgeordneten teilzunehmen. In der Schule redete ich nur selten mit anderen, aber bei diesen Veranstaltungen hatte ich keine Scheu, das Wort zu ergreifen. Im Klassenzimmer sitzt man einfach da, während der Lehrer einem erklärt, was und wie man denken soll. Es gibt einen Lehrplan, der die Inhalte vorschreibt. Aber bei den öffentlichen Veranstaltungen war es völlig anders. Zwar steht der Politiker oder die Politikerin vorne, aber es sind wir, die Menschen im Publikum, die wir unsere Meinung über ihn oder sie äußern. Diese Umkehrung fand ich unglaublich reizvoll, und jedes Mal, wenn eine solche Versammlung stattfand, ging ich hin, stellte Fragen und äußerte sogar meine Meinung.

Meine eigene Stimme zu finden, wirkte befreiend. Wie jeder andere Teenager war ich auf der Suche nach mir selbst, aber für einen Schwulen im Rollstuhl war das eine besonders große Herausforderung.

Als ich an diesen öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen begann, wurde mir nach und nach bewusst, dass viele der Dinge, die ich durchlebte, nicht bloß persönliche Probleme berührten, sondern auch politische. Meine Probleme waren politischer Natur. Mein Leben war politisch. Meine Existenz an sich war politisch. Und so beschloss ich, mich politisch zu engagieren. Einem Berater eines der Abgeordneten namens Jeff Silvester fiel der vorlaute Junge auf, der zu allen Veranstaltungen kam. Er bot mir Hilfe dabei an, einen Platz für mich in der Liberal Party of Canada (LPC) zu finden, die auf der Suche nach Leuten mit Computerkenntnissen war. Schon bald kamen wir überein, dass ich im Herbst 2007 meinen ersten richtigen Job als politischer Assistent im Parlament von Ottawa antreten würde.

Den Sommer davor verbrachte ich in Montreal, wo ich mich in der Hackerszene herumtrieb, die größtenteils aus frankokanadischen Technoanarchisten bestand. Diese Leute trafen sich gern in umgebauten Industriegebäuden mit Betonboden und Sperrholzwänden, in Räumen, die mit Retrogeräten wie dem Apple II oder dem Commodore 64 dekoriert waren. Zu jener Zeit konnte ich mich bereits dank Behandlungserfolgen ohne Rollstuhl fortbewegen. (Mein Zustand hat sich fortwährend verbessert, aber die Erlebnisse als Whistleblower haben mir meine physischen Grenzen aufgezeigt. Kurz vor der Veröffentlichung der ersten Geschichte über Cambridge Analytica hatte ich einen Anfall, brach bewusstlos auf einer Straße in Südlondon zusammen und wachte im University College Hospital davon auf, dass eine Krankenschwester mir eine Infusionsnadel in den Arm stach.) Den meisten Hackern war es völlig egal, wie man aussah und ob man einen komischen Gang hatte. Sie teilten die Leidenschaft für Computersysteme und wollten, dass man dazulernte.

Meine kurze Zugehörigkeit zur Hackerszene hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck. Man lernt, dass kein System der Weisheit letzter Schluss ist. Keines ist undurchdringlich, und Schranken dienen als Ansporn. Die Hackerphilosophie hat mich gelehrt, dass es oft reicht, ein System – einen Computer, ein Netzwerk und sogar eine Gesellschaft – aus einem veränderten Blickwinkel zu betrachten, um deren Fehler und Schwächen zu erkennen. Als schwuler Junge im Rollstuhl habe ich schon früh im Leben das Wesen von Machtsystemen erkannt. Aber als Hacker habe ich gelernt, dass jedes System Schwachstellen besitzt, die geradezu darauf warten, ausgenutzt zu werden.

Kurz nachdem ich meinen Job beim kanadischen Parlament angetreten hatte, begann sich die Liberal Party dafür zu interessieren, was südlich der Landesgrenze geschah. Damals wurde Facebook gerade zu einem Netzwerk, das die breite Masse benutzte, und Twitter stand erst am Beginn seines Siegeszugs; niemand hatte eine Vorstellung davon, wie man die sozialen Medien für Wahlkämpfe einspannen könnte, denn sie steckten noch in den Kinderschuhen. Aber ein Shootingstar im Präsidentschaftswahlkampf schickte sich an, in dieser Hinsicht Vollgas zu geben.

Während andere Kandidaten sich mit dem Internet noch schwertaten, lancierte Obamas Team die Webseite My.BarackObama.com und startete damit eine Graswurzel-Revolution. Während andere Internetauftritte (zum Beispiel Hillary Clintons) primär die üblichen Werbebotschaften verbreiteten, lag bei Obama der Schwerpunkt darauf, Basisorganisationen eine Plattform für die Konzeptionierung und Durchführung von Kampagnen zur Wählermobilisierung anzubieten. Obamas Webseite steigerte die Begeisterung für den Senator aus Illinois, der viel jünger und viel versierter in moderner Technologie als seine Konkurrenten war. Obama wirkte so, wie ein Anführer sein sollte. Und nachdem mir während meiner bisherigen Jugend ständig meine Grenzen vor Augen geführt worden waren, sprach mich der trotzige Optimismus der schlichten Botschaft Yes, we can! direkt an. Obama und sein Team veränderten die Politik von Grund auf, und daher wurde ich im Alter von achtzehn Jahren zusammen mit anderen Mitarbeitern der Liberal Party in die USA geschickt, um mich mit verschiedenen Facetten seines Wahlkampfs zu beschäftigen und herauszufinden, welche seiner Taktiken man bei künftigen Wahlkampagnen fortschrittlicher kanadischer Politiker kopieren konnte.

Zuerst besuchte ich einige der Bundesstaaten, in denen die frühesten Vorwahlen stattfanden, angefangen mit New Hampshire, wo ich ausgiebig mit Wählern sprach und die US-amerikanische Kultur aus der Nähe kennenlernte. Das machte Spaß und war zugleich erhellend. Als Kanadier verblüffte mich, wie stark sich unsere Einstellungen bei vielen Themen unterschieden. Als mir zum ersten Mal ein Amerikaner erzählte, er sei strikt gegen »Medizin-Sozialismus« – womit er die Form von staatlicher Gesundheitsversorgung meinte, die ich zu Hause fast jeden Monat nutzte –, war ich schockiert, dass jemand eine solche Meinung vertrat. Beim x-ten Mal wunderte ich mich nicht mehr.

Es gefiel mir, herumzureisen und mit Menschen zu reden, weshalb sich meine Freude in Grenzen hielt, als es an der Zeit war, mein Augenmerk auf die Arbeit der Datenspezialisten zu richten. Doch dann wurde mir Ken Strasma vorgestellt, bei Obama zuständig für das Targeting, die Bestimmung von Zielgruppen und deren exakte Anvisierung mit spezifisch auf sie zugeschnittenen Werbebotschaften, und er sorgte bei mir rasch für einen Sinneswandel.

Obamas Wahlkampf galt insbesondere wegen des Brandings und der Verwendung neuer Medien wie YouTube als sexy. Das war der heiße Scheiß, eine visuelle Strategie, die schon deshalb niemand zuvor angewandt hatte, weil YouTube noch ganz neu war. Diese Videos wollte ich studieren, aber Ken verhinderte es. »Vergiss die Videos«, sagte er zu mir. Ich sollte weiter in die Tiefe gehen, zum Zentrum der Technologiestrategie der Wahlkampagne. »Alles, was wir tun«, sagte er, »basiert auf dem Wissen darüber, wen genau wir mit welchen Themen ansprechen müssen.«

Mit anderen Worten: Das Rückgrat der Kampagne waren Daten. Und die wichtigste Arbeit von Strasmas Team war die Systemmodellierung, mit deren Hilfe sie diese Daten analysierten und bewerteten, um sie passgenau anwenden zu können. Somit entwickelten sie eine Kommunikationsstrategie für das reale Leben mittels künstlicher Intelligenz. Moment mal – KI für einen Wahlkampf? Das schien reine Zukunftsmusik zu sein, so als bauten sie einen Roboter, der Massen an Informationen über Wähler verschlang und Targeting-Kriterien ausspuckte. Die gewonnenen Informationen wanderten anschließend bis in die oberste Ebene des Wahlkampfteams, wo sie für Entscheidungen über Obamas zentrale Botschaften und sein Branding verwendet wurden.

Die Infrastruktur für die Verarbeitung all dieser Daten stammte von einer Firma, die damals Voter Activation Network, Inc. (VAN) hieß und von Mark Sullivan und Jim St George geleitet wurde, einem grandiosen schwulen Paar aus der Nähe von Boston. Am Ende des Wahlkampfs von 2008 besaß das Democratic National Committee dank VAN zehn Mal so viele Daten über Wähler wie nach dem Wahlkampf des Jahres 2004. Diese Datenmenge und die Methoden, sie zu ordnen und zu handhaben, verschaffte den Demokraten einen eindeutigen Vorteil bei der Wählermobilisierung.

Je mehr ich über die Obama-Maschinerie erfuhr, desto faszinierter war ich. Und später hatte ich Gelegenheit, Mark und Jim alle möglichen Fragen zu stellen, da sie es amüsant fanden, dass dieser junge Kanadier in die USA gekommen war, um etwas über den Zusammenhang von Daten und Politik zu lernen. Ehe ich miterlebte, was Ken, Mark und Jim taten, wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dass Mathematik und KI wichtige Bestandteile eines Wahlkampfs sein könnten. Als ich zum ersten Mal in Obamas Hauptquartier reihenweise Menschen vor Computern sitzen sah, dachte ich noch: Botschaften und Gefühle bestimmen den Erfolg einer Kampagne, nicht Computer und Zahlen. Aber dann begriff ich, dass es die Zahlen – und die Vorhersage-Algorithmen, die aus ihnen entstanden – waren, die Obama von allen früheren Präsidentschaftskandidaten unterschieden.

Als ich kapiert hatte, wie effizient die Obama-Kampagne Algorithmen für die Verbreitung ihrer Botschaften einsetzte, begann ich zu überlegen, selbst welche zu entwickeln. Ich brachte mir die Nutzung von grundlegender Software wie MATLAB und SPSS bei, die es mir erlaubte, mit Daten herumzuspielen. Statt ein Handbuch zu konsultieren, begann ich, mit dem Iris-Datensatz zu experimentieren – dem klassischen Datensatz für jeden Statistikanfänger –, und wandte die Trial-and-Error-Methode an. Die Möglichkeit der Datenverarbeitung, unter Verwendung der verschiedenen Merkmale der Iris, wie Farbe und Länge des Blütenblatts, die Blumenart zu identifizieren, schlug mich völlig in den Bann.

Sobald ich die Grundlagen begriffen hatte, wechselte ich von Pflanzen zu Menschen. VAN besaß eine Unmenge Informationen über Alter, Geschlecht, Einkommen, ethnische Abstammung, Immobilienbesitz – sogar über Zeitschriftenabonnements und Vielfliegermeilen. Mithilfe des richtigen Dateninputs konnte man Vorhersagen wagen, ob bestimmte Menschen für die Demokraten oder die Republikaner stimmen würden. Man konnte die Themen ermitteln und benennen, die für sie am wichtigsten waren. Und man konnte dadurch Botschaften formulieren, die eine bessere Chance hatten, einen Meinungsumschwung herbeizuführen.

Für mich war das eine komplett neue Weise, Wahlen anzugehen. Daten waren eine positive Kraft, sie standen im Dienste einer politischen Kampagne, die sich den Fortschritt auf die Fahnen geschrieben hatte. Sie wurden verwendet, um Menschen zu mobilisieren, die noch nie gewählt hatten und die sich von der Politik missachtet fühlten. Je tiefer ich in die Materie eindrang, desto überzeugter war ich, dass Daten eine heilsame Kraft für das politische System sein würden. Ich konnte es kaum abwarten, nach Kanada zurückzukehren und der Liberal Party beizubringen, was ich von dem kommenden Präsidenten der Vereinigten Staaten gelernt hatte.

Im November errang Obama einen deutlichen Sieg über John McCain. Zwei Monate später flog ich, nachdem mir Freunde eine Einladung zur Amtseinführung verschafft hatten, nach Washington, um mit den Siegern zu feiern. (Zuerst gab es allerdings ein bisschen Aufruhr am Eingang, weil man einen Teenager nicht in einen Saal lassen wollte, in dem kostenloser Alkohol ausgeschenkt wurde). Ich verbrachte einen denkwürdigen Abend, plauderte mit Jennifer Lopez und Marc Anthony und sah zu, wie Barack und Michelle Obama ihren ersten Tanz als Präsident und First Lady genossen. Eine neue Ära war angebrochen. Jener Tag war ein Anlass, darauf anzustoßen, was alles möglich war, wenn die richtigen Leute begriffen, wie die Verwendung von Daten in heutiger Zeit einen wesentlichen Beitrag zu einem Wahlsieg leisten konnte.

Aber mit der direkten Übermittlung ausgewählter Botschaften an ausgewählte Wähler, dem Mikrotargeting des Obama-Teams, hatte eine Entwicklung hin zur Privatisierung des öffentlichen Diskurses in den USA begonnen. Direktmarketing per E-Mail war zwar schon seit einer Weile ein Bestandteil amerikanischer Wahlkampagnen gewesen, aber erst datenbasiertes Mikrotargeting ermöglichte es einer Kampagne, Mikrowählergruppen unzählige Mikronarrative zuzuordnen: Ihr Nachbar bekommt womöglich eine völlig andere Botschaft als Sie selbst, ohne dass einer von Ihnen sich das erklären kann. Wurde der Wahlkampf auf die private Ebene verlagert, vermied man die kritische Überprüfung durch Debatten und die Öffentlichkeit. Die Versammlung der Bürger, und damit ein wesentlicher Pfeiler der amerikanischen Demokratie, wurde zunehmend durch Online-Werbenetzwerke ersetzt. Und ohne jegliche kritische Überprüfung mussten Wahlkampfbotschaften nicht einmal mehr wie Wahlkampfbotschaften aussehen. Die sozialen Medien schufen eine Sphäre, in der Wahlkampagnen fortan, so wie es Obama vorgemacht hatte, den Eindruck erweckten, als würde ein Freund einem eine Nachricht schicken, ohne dass einem bewusst wurde, wer mit einem Kontakt aufnahm und was der Absender bezweckte. Wahlwerbung konnte nun aussehen wie die Mitteilung eines Nachrichtenmediums, einer Universität oder einer Behörde. Der Erfolg der sozialen Medien zwingt uns, auf die Ehrlichkeit politischer Kampagnen zu vertrauen, denn sollten uns Lügen erzählt werden, würden wir das womöglich gar nicht merken. Innerhalb eines privaten Werbenetzwerks gibt es kein Korrektiv, das eingreifen kann.

In den Jahren vor dem ersten Obama-Wahlkampf wurde in den Firmenzentralen des Silicon Valley ein neues Geschäftsfeld kreiert: Technologiefirmen begannen, ihre Fähigkeit, Informationen zu sammeln und auszuwerten, zu Geld zu machen. Im Zentrum dieses Geschäftsmodells stand eine grundlegende Wissensungleichheit – die Maschinen wissen eine Menge über unser Verhalten, aber wir wissen nur sehr wenig über ihres. Mit dem Argument der Bequemlichkeit bieten diese Firmen Informationsdienste im Tausch gegen noch mehr Informationen – Daten – an. Daten sind immer wertvoller geworden, was sich daran zeigt, dass Facebook mit jedem seiner 170Millionen amerikanischen Nutzer durchschnittlich 30Dollar verdient. Und gleichzeitig hängen wir dem Glauben an, die Dienste solcher Firmen seien »kostenlos«. In Wahrheit finanzieren wir mit unseren Daten ein Geschäftsmodell, das von der Erzeugung menschlicher Aufmerksamkeit lebt.

Immer mehr Daten führten zu immer höheren Profiten, und daher wurden Entwurfsmuster implementiert, die die Nutzer stimulieren, immer mehr über sich selbst preiszugeben. Plattformen begannen, sich den Anschein eines Kasinos zu geben, mit Innovationen wie Infinite Scrolling und suchtfördernden Features, die auf das Belohnungssystem im Gehirn abzielen. Dienste wie Gmail fingen an, unsere Korrespondenz in einem Ausmaß zu durchforsten, der einen Postangestellten ins Gefängnis brächte. Unsere Mobiltelefone wurden um das Live-Tracking ergänzt, das ursprünglich nur bei elektronischen Fußfesseln zum Einsatz gekommen war, und was man früher eine Abhöraktion genannt hätte, wurde zu einer Standardfunktion zahlloser Programme.

Schon bald teilten wir, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, persönliche Informationen. Dies wurde teilweise durch neue Begriffe begünstigt. Privatfirmen, die eigentlich Überwachungsnetzwerke waren, wurden zu »Communitys«, Gemeinschaften, und die Menschen, die diese Netzwerke verwendeten und sie dadurch profitabel machten, zu »Usern«, und eine suchtfördernde Webseitengestaltung wurde als »Anwendererlebnis« oder »Interaktion« beworben. Man begann, das Persönlichkeitsprofil eines Menschen anhand seines »Daten-Ausstoßes« oder seiner »digitalen Brotkrümel« zu erstellen. Seit Jahrtausenden war es bei dem vorherrschenden Wirtschaftsmodell darum gegangen, Rohstoffe zu gewinnen und diese in Waren zu verwandeln. Aus Baumwolle wurde Stoff, aus Eisenerz Stahl, aus Bäumen Nutzholz. Aber erst das Aufkommen des Internets machte es möglich, aus unserem Leben – unserem Verhalten, unserer Aufmerksamkeit, unserer Identität – Handelswaren zu machen. Menschen wurden zu Daten verarbeitet. Wir dienten nun als Rohstoff dieser Datenindustrie.

Einer der ersten, der das politische Potenzial dieser Neuerungen erkannte, war Steve Bannon, ein relativ unbekannter Mitarbeiter der rechtsgerichteten Webseite Breitbart News, die gegründet worden war, um die amerikanische Kultur gemäß der nationalistischen Vision Andrew Breitbarts umzuformen. Bannon hatte einen regelrechten Kulturkrieg im Sinn, ihm war aber, als ich ihn kennenlernte, bewusst, dass er noch nicht über die richtigen Waffen dafür verfügte. Während für Generäle die Übermacht ihrer Artillerie und die Lufthoheit wichtig sind, musste Bannon nach kultureller Übermacht und Informationshoheit streben – mithilfe eines Arsenals aus Datenwaffen, die in der Lage waren, auf diesem neuen Schlachtfeld Herz und Verstand zu erobern. Die neu entstandene Firma Cambridge Analytica wurde zu diesem Arsenal. Indem sie Methoden der psychologischen Kriegführung (PSYOPS) verfeinerte, verlieh sie Steve Bannons Alt-Right-Bewegung einen ungeheuren Schub. In diesem neuen Krieg wurde der amerikanische Wähler Zielscheibe für Verunsicherung, Manipulation und Betrug. An die Stelle der Wahrheit traten alternative Narrative und virtuelle Realitäten.

Cambridge Analytica (CA) wandte diese neue Form der Kriegführung zuerst in Afrika und auf tropischen Inseln an. Die Firma experimentierte mit gewaltiger Online-Desinformation, Fake News und Massen-Profiling. Sie kooperierte mit russischen Agenten und engagierte Hacker, die sich Zugriff auf die E-Mail-Konten von Kandidaten der Opposition verschaffen sollten. Nachdem CA innerhalb relativ kurzer Zeit seine Methoden weit entfernt vom Augenmerk westlicher Medien perfektioniert hatte, verlagerte die Firma ihren Fokus und zettelte nun statt Konflikten zwischen afrikanischen Stämmen Konflikte zwischen amerikanischen Stämmen an. Scheinbar aus dem Nichts brach eine Revolte in den USA aus, deren Anhänger »Make America Great Again!« und »Build the Wall!« brüllten. Bei den Debatten im Präsidentschaftswahlkampf ging es plötzlich weniger um politische Positionen als um den absurden Streit, was Real News und was Fake News seien. Derzeit durchleben die Amerikaner die Nachwehen des ersten groß angelegten Einsatzes einer psychologischen Massenvernichtungswaffe.

Als ehemaliger leitender Angestellter von Cambridge Analytica trage ich Mitschuld an dem, was passiert ist, und es ist mein innigster Wunsch, die Verfehlungen meiner Vergangenheit wiedergutzumachen. Wie so viele andere Menschen im Technologiesektor war ich so dumm, auf Facebooks größenwahnsinniges Motto move fast and break things, sei schnell und brich die Regeln, hereinzufallen. Nie in meinem Leben habe ich etwas so sehr bereut. Ich war schnell, ich erschuf unglaublich mächtige Dinge, und erst, als es zu spät war, wurde mir vollständig bewusst, was ich zerstört hatte.

Als ich mich an jenem Tag im Frühsommer 2018 auf den Weg zu dem gesicherten Raum tief unter dem Kapitol machte, war ich geradezu abgestumpft gegen die Dinge, die um mich herum geschahen. Die Republikaner suchten bereits nach Material, mit dem sich meine Glaubwürdigkeit unterminieren ließ. Facebook hatte PR-Firmen angeheuert, um seine Kritiker zu diskreditieren, und die Anwälte der Firma hatten gedroht, mich beim FBI wegen eines nicht näher genannten Cyberverbrechens anzuzeigen. Das Justizministerium wurde inzwischen von einem Trump-Gefolgsmann geleitet, der schon mehrfach öffentlich mit langjährigen juristischen Gepflogenheiten gebrochen hatte. Ich hatte so viele mächtige Interessensgruppen gegen mich aufgebracht, dass meine Anwälte ernsthaft befürchteten, ich könnte nach der Anhörung verhaftet werden. Einer meiner Anwälte hatte gemeint, ich solle mir überlegen, aus Sicherheitsgründen in Europa zu bleiben.

Ich kann aus juristischen Gründen und um meiner Sicherheit willen nicht wörtlich aus meiner Befragung in Washington zitieren. Aber ich kann berichten, dass ich mit zwei dicken Aktenordnern in jenen Raum ging, die jeweils mehrere Hundert Seiten Dokumente enthielten. Im ersten Ordner befanden sich E-Mails, Memos und Unterlagen, die zeigten, in welchem Ausmaß Cambridge Analytica persönliche Daten gesammelt hatte. Dieses Material bewies, dass die Firma Hacker und Personen, die bekanntermaßen über Verbindungen zum russischen Geheimdienst verfügten, engagiert hatte und dass sie an Bestechungen, Erpressungen und Desinformationskampagnen vor Wahlen überall auf der Welt beteiligt gewesen war. Ich hatte vertrauliche Stellungnahmen von Anwälten dabei, in denen sie Steve Bannon warnten, dass Cambridge Analytica gegen das Gesetz über die Anmeldung von Tätigkeiten für ausländische Auftraggeber in den USA verstieß, sowie ein Konvolut Dokumente, aus denen hervorging, wie sich die Firma unrechtmäßig Zugriff auf über 87Millionen private Facebook-Konten verschafft und diese Daten benutzt hatte, um Afroamerikaner von den Wahlurnen fernzuhalten.

Der Inhalt des zweiten Ordners war noch heikler. Er bestand aus Hunderten Seiten E-Mails, Finanzunterlagen, Textnachrichten und Abschriften von Audioaufnahmen, die ich in den Monaten zuvor heimlich in London zusammengetragen hatte. Bei diesen Dokumenten, nach denen der US-amerikanische Geheimdienst geforscht hatte, handelte es sich um detaillierte Belege für die engen Beziehungen, die die russische Botschaft in London sowohl zu Vertrauten von Trump als auch zu wichtigen Vertretern des Pro-Brexit-Lagers pflegte. Sie zeigten, dass führende Mitglieder der britischen Alt-Right-Bewegung sich mit Angehörigen der russischen Botschaft getroffen hatten, bevor und nachdem sie in den USA mit Trumps Wahlkampfteam zusammengekommen waren; mindestens drei von ihnen hatten Angebote über bevorzugte Investitionsmöglichkeiten in russische Bergbauunternehmen erhalten, was potenziell ein Vermögen wert war. Aus dieser Korrespondenz ging klar hervor, dass die russische Regierung schon sehr früh auf das angloamerikanische Alt-Right-Netzwerk aufmerksam geworden war und sie womöglich Vertreter dieser Bewegung bearbeitet hatte, damit sie als Kontaktpersonen zu Donald Trump fungierten. Mein Material veranschaulichte die Verbindungen zwischen den wichtigsten politischen Ereignissen des Jahres 2016: dem Aufstieg der Alt-Right-Bewegung, dem überraschenden Ergebnis des Brexit-Referendums und der Wahl Trumps.

Vier Stunden verstrichen. Fünf. Ich konzentrierte mich gerade auf die Beschreibung der Rolle von Facebook bei – und seiner Schuld an – den Geschehnissen.

Sind die Daten, die von Cambridge Analytica benutzt wurden, jemals in die Hände potenzieller russischer Agenten gelangt?

Ja.

Glauben Sie, dass es gezielte Aktivitäten staatlicher russischer Stellen in London während des Präsident­schafts­wahlkampfs des Jahres 2016 und des Wahlkampfs vor dem Brexit-Referendum gab?

Ja.

Hat ein Informations­austausch zwischen Cambridge Analytica und WikiLeaks stattgefunden?

Ja.

Endlich sah ich in den Augen der Ausschussmitglieder einen Funken des Begreifens. Facebook ist nicht mehr bloß irgendeine Firma, es ist das Tor zu den Köpfen der Amerikaner, und Mark Zuckerberg ließ die Tür für Cambridge Analytica, die Russen und wer weiß für wen sonst noch sperrangelweit offen. Facebook hat ein Monopol, aber sein Verhalten ruft nicht nur nach neuen Regularien – es stellt auch eine Bedrohung der nationalen Sicherheit dar. Die Machtkonzentration, derer Facebook sich erfreut, gefährdet die amerikanische Demokratie.

Inzwischen habe ich in etlichen Ländern bei Geheimdiensten, parlamentarischen Anhörungen und Polizeibehörden Rede und Antwort gestanden, dabei über zweihundert Stunden unter Eid ausgesagt und Dokumente im Umfang von mindestens zehntausend Seiten ausgehändigt. Ich bin um die halbe Welt gereist, war in Washington und Brüssel, um nicht nur über Cambridge Analytica aufzuklären, sondern auch über die Gefahren, die soziale Medien für die Unabhängigkeit unserer Wahlen darstellen.

Doch in den vielen Stunden, während derer ich ausgesagt habe, wurde mir klar, dass die Polizei, die Politiker, die Behördenchefs und die Medien allesamt nicht recht wussten, was sie aus meinen Informationen folgern sollten. Weil die Verbrechen im Netz geschehen waren und nicht an einem realen Ort, waren sich die Polizeibehörden nicht einig, wer für die Verfolgung zuständig sein sollte. Weil es bei der Geschichte um Software und Algorithmen ging, rangen viele ratlos mit den Händen. Bei einer Befragung durch eine der Strafverfolgungsbehörden musste ich ein grundlegendes Prinzip der Computerwissenschaft einer Gruppe von Beamten erklären, die angeblich Experten für Cyberkriminalität waren. Ich kritzelte ein Diagramm auf einen Zettel, und sie beschlagnahmten ihn. Formell war es ein Beweisstück. Aber sie meinten scherzhaft, dass sie es als Spickzettel brauchten, um zu begreifen, worum es bei ihren Ermittlungen ging. LOL, guter Witz, Leute.

Wir werden dazu erzogen, unseren Institutionen zu vertrauen – unserer Regierung, unserer Polizei, unseren Schulen, unseren Behörden. Es ist so, als würden wir annehmen, dass es einen Typ gibt, der mit einem Team von Fachleuten in einem geheimen Büro sitzt und einen Plan A verfolgt, und wir uns selbst für den Fall, dass dieser Plan nicht funktioniert, keine Sorgen zu machen brauchen, denn er hat auch einen Plan B und einen Plan C parat – einer der Verantwortlichen wird es schon regeln. Aber in Wahrheit gibt es diesen Typ nicht. Von daher hat es keinen Sinn, darauf zu warten, dass er irgendwann in Erscheinung tritt.

Lektionen im Scheitern

Acht Jahre vor diesen Ereignissen zog ich nach England, wo die Geschichte von meiner Verwicklung in Cambridge Analytica ihren Anfang nahm. Ich hatte ein paar Jahre in der kanadischen Politik gearbeitet, und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ich nach London ging, um Abstand von der Politik zu gewinnen. Im Sommer 2011 bezog ich eine Wohnung am Südufer der Themse, unweit der Tate Modern, dem Museum für moderne Kunst, das in der riesigen alten Bankside Power Station, einem ehemaligen Kraftwerk, untergebracht ist. Nach mehreren Jahren in Ottawa hatte ich mit einundzwanzig Jahren beschlossen, die Politik hinter mir zu lassen und jenseits des Atlantiks an der London School of Economics and Political Science Jura zu studieren. Ich war befreit von der Politik und von den Rücksichten auf die Partei. Jetzt spielte es keine Rolle mehr, mit wem ich gesehen wurde, ich musste nicht mehr aufpassen, was ich sagte oder wer vielleicht gerade zuhörte. Es stand mir frei, neue Leute kennenzulernen, und ich freute mich auf einen Neuanfang.

Bei meiner Ankunft war noch Sommer, und sofort, nachdem ich ausgepackt hatte, zog es mich in den Hyde Park, zu den Sonnenbadenden, den Touristen und jungen Paaren. Ich nutzte in London alle sich bietenden Möglichkeiten, die Freitag- und Samstagabende verbrachte ich in Shoreditch und Dalston, und regelmäßig besuchte ich den Borough Market, Londons ältesten Lebensmittelmarkt in einer riesigen offenen Halle mit zahllosen Imbissständen, wo die Händler laut durcheinanderriefen und es vor Besuchern nur so wimmelte. Ich schloss Freundschaft mit Gleichaltrigen, und zum ersten Mal fühlte ich mich jung.

Aber wenige Tage nach meiner Ankunft, immer noch leicht benommen vom Jetlag, erhielt ich einen Anruf, der mir klarmachte, dass es nicht so leicht sein würde, die Politik abzuschütteln. Vier Monate zuvor war ein gewisser Nick Clegg stellvertretender britischer Premierminister geworden.

Im Jahr 1999 als Abgeordneter ins Europaparlament gewählt, hatte sich Clegg von da an stetig nach oben gearbeitet, bis er 2007 Vorsitzender der Liberaldemokraten wurde. Zu dieser Zeit waren die Lib Dems die radikale dritte Partei in der britischen Politiklandschaft – die ersten, die die gleichgeschlechtliche Ehe unterstützten, und die einzige Partei, die sich gegen den Irakkrieg ausgesprochen hatte und die Aufgabe des britischen Nukleararsenals forderte. Bei den Parlamentswahlen 2010, nach mehr als einem Jahrzehnt des inzwischen holprigen »dritten Wegs« von Labour, wurde das Land von der »Cleggmania« erfasst. Auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit genoss Clegg Umfragewerte wie einst Winston Churchill. Er selbst sah sich als die britische Antwort auf Barack Obama. Nach der Wahl bildete er unter dem konservativen Premierminister David Cameron eine Koalitionsregierung. Der Anruf kam aus Cleggs Büro: Man hatte von meiner Datenarbeit in Kanada und den USA durch gemeinsame Kontakte in der liberalen Politik erfahren und wollte Genaueres darüber wissen.

Zur vereinbarten Zeit traf ich in der Parteizentrale der Liberaldemokraten ein, die damals noch ihren Sitz in der Cowley Street 4 in Westminster hatte. Sie lag nur ein paar Straßenzüge vom Westminster Palace entfernt, das umgebaute neugeorgianische Stadtpalais stand reich verziert mit seinen zwei markanten Kaminen in karmesinrotem Ziegelwerk da. Für die kleine, verwinkelte Straße war das Gebäude ziemlich protzig, sodass ich es nicht verfehlen konnte. Da sich in ihm die Büros einer Partei der Regierung Ihrer Majestät befanden, wurde es von einer bewaffneten Einheit der Londoner Polizei bewacht. Die Beamten patrouillierten in der engen Seitenstraße auf und ab. Der Türöffner summte, ich drückte die schwere Pforte auf und ging zur Rezeption, wo ich von einem Mitarbeiter begrüßt wurde, der mich zu dem Treffen führte. Das Palais, noch geschmückt mit originalen Kronleuchtern, Eichenholzvertäfelung und offenen Kaminen, verströmte die verblasste Eleganz dieser einst prachtvollen Residenz, was seltsam passend schien für diese Partei, die auch schon bessere Tage gesehen hatte.

Cowley Street, wie sie den Parteisitz nannten, war anders als alles, was ich in Kanada oder den Vereinigten Staaten gesehen hatte. Ich fragte mich, wie all diese Parteimitarbeiter, die sich in den engen Fluren mit den knarzenden Böden aneinander vorbeidrückten, irgendetwas zustande brachten. Ehemalige Schlafräume waren mit Schreibtischen vollgestellt, und entlang der Wände und um die Türrahmen herum waren Kabel für die Computer verlegt. In einer Besenkammer lag ein Mann, offenbar mit Schlafapnoe, auf dem Boden und schnarchte lautstark, aber niemand schien ihn weiter zu beachten. Nach meinem Eindruck ging es hier eher wie im Clubhaus einer Altherrenriege zu als bei einer Regierungspartei. Ich stieg eine breite Treppe mit geschnitztem Ziergeländer hinauf und wurde in ein weitläufiges Sitzungszimmer geführt, das einst der Speisesaal gewesen sein musste. Nach einigen Minuten Warten marschierte ein kleiner Trupp Mitarbeiter herein. Nachdem wir den obligatorischen britischen Smalltalk beendet hatten, sagte einer: »Dann erzählen Sie uns mal von dem Netzwerk der Wähleraktivierung.«

Nach Obamas Sieg 2008 interessierten sich überall auf der Welt Parteien für diesen neuen »Wahlkampf auf amerikanische Art«, der von Datenbanken zur landesweiten Zielgruppenansprache und großangelegten digitalen Verfahren befeuert worden war. Dahinter stand die neue Methode des Mikrotargeting, bei der selbstlernende Algorithmen riesige Mengen an Wählerdaten verarbeiteten, um die Wählerschaft in kleine Segmente zu unterteilen und schließlich vorherzusagen, welche individuellen Wähler am ehesten von dem Kandidaten überzeugt werden konnten, für den man warb, oder davon, auch wirklich zur Wahl zu gehen. Die Lib Dems waren sich unsicher, ob sich diese neue Wahlkampfmethode auf die britischen Verhältnisse übertragen ließ. Das Projekt für die LPC, bei dem ich mitgearbeitet hatte – der Aufbau eines Systems für Wählertargeting vergleichbar mit dem von Obamas Wahlkampf –, war deshalb so interessant für sie, weil es das erste seiner Art und Größe außerhalb der USA gewesen war. Und Kanada praktiziert wie Großbritannien das Modell der Mehrheitswahl und hat ebenfalls eine breite Palette politischer Parteien. Den Parteileuten wurde klar, dass die Hälfte der Arbeit bereits getan wäre, wenn sie einfach die kanadische Version der Technologie importierten. Am Ende des Meetings, als sie begriffen hatten, was dieses System alles leisten konnte, waren sie ganz aus dem Häuschen. Anschließend machte ich mich schleunigst auf den Weg zur Universität, um noch das Ende einer Vorlesung in Rechtstheorie über die Auslegung von Gesetzen mitzubekommen, und dachte mir, damit sei die Sache erledigt.

Doch tags darauf riefen mich die Berater der Lib Dems schon wieder an und baten mich, noch einmal vorbeizukommen, um das System einer noch größeren Gruppe zu erläutern. Ich saß gerade mitten in einer Lehrveranstaltung, deshalb nahm ich das Telefonat zuerst nicht an, aber nach vier verpassten Anrufen von einer mir unbekannten Nummer ging ich dann doch nach draußen, um nachzusehen, wer mich denn so dringend erreichen wollte. Am Nachmittag sollte es eine Sitzung hochrangiger Funktionäre geben, und so fragten sie mich, ob ich eine spontane Präsentation zum Mikrotargeting durchführen könne. Also machte ich mich nach dem Seminar wieder auf den Weg in die Cowley Street, den Rucksack voller Lehrbücher. Wegen des kurzfristigen Termins hatte ich keine Zeit, mich umzuziehen. Die Berater des stellvertretenden Premierministers mussten mit mir in einem T-Shirt mit Stüssy-Aufdruck und einer Jogginghose in Tarnfarben Vorlieb nehmen.

Ich betrat dasselbe Sitzungszimmer, das nun brechend voll und von Stimmengewirr erfüllt war. Man führte mich umgehend an die Stirnseite des Tisches, und nachdem ich mich für meinen albernen Aufzug entschuldigt hatte, begann ich zu improvisieren. Ich schilderte, wie die Lib Dems Mikrotargeting nutzen könnten, um die Nachteile solch kleiner Parteien wie der ihren wettzumachen. Rasch redete ich mich in Begeisterung. Seit meinem Abschied von der LPC hatte ich nicht mehr über dieses Thema gesprochen, und so schüttete ich jetzt einfach mein Herz aus. Ich erzählte, was ich beim Wahlkampf von Obama erlebt hatte, wie es sich angefühlt hatte, dass so viele Leute zum ersten Mal überhaupt wählen gingen und zu sehen, wie Afroamerikaner bei Wahlveranstaltungen plötzlich wieder Hoffnung schöpften. Ich sagte, dabei sei es nicht einfach nur um Daten gegangen, sondern darum, wie wir Menschen erreichen konnten, die der Politik den Rücken gekehrt hatten. Darum, wie wir sie finden und dazu motivieren konnten, überhaupt wählen zu gehen. Aber vor allem ginge es darum, dass diese Technologie für diese Partei, die nun an den Schalthebeln der Macht saß, das Mittel sein könnte, das verkrustete Klassensystem aufzubrechen, das die britische Politik so sehr prägt.

Einige Wochen später baten mich die Lib Dems, für sie zu arbeiten und ein Projekt zum Wählertargeting zu entwickeln. Ich hatte gerade mit meiner Abschlussarbeit an der Universität begonnen und als einundzwanzigjähriger Student in London angefangen, Fuß zu fassen. Deshalb zögerte ich und überlegte, ob es wirklich eine gute Idee war, mich erneut auf die Politik einzulassen. Aber hier gab es die Chance, dieselbe Technologie anzuwenden – dieselbe Software und im Grunde dasselbe Projekt – und zu Ende zu führen, was ich in Kanada begonnen hatte. Den Ausschlag gab etwas, das ich zufällig an der Wand in einem der Büros in der Cowley Street hängen sah. Es war ein alter, vergilbter Karton mit leicht aufgebogenen Ecken, darauf ein Ausschnitt aus dem Parteiprogramm der Liberaldemokraten: Niemand soll durch Armut, Unwissenheit oder Konformitätsdruck versklavt werden.

Ich sagte zu.

Nach den US-Präsidentschaftswahlen 2008 kehrte ich nach Ottawa zurück und schrieb einen Bericht über die neuen technologischen Strategien im Wahlkampf von Obama. Es war eine glatte Bauchlandung. Sie hatten erwartet, dass ich über das tolle Branding und Design der Kampagne und über die viralen Videos berichtete. Stattdessen ließ ich mich über relationale Datenbanken, maschinell lernende Algorithmen und darüber aus, wie diese Dinge mittels Software und Fundraising-Systemen miteinander verbunden waren. Als ich empfahl, die Partei solle in Datenbanken investieren, dachten sie, ich sei verrückt geworden. Man hatte sexy Antworten erwartet – nicht so ein Zeug. Obama war ihre Messlatte, ihr Traum-Wahlkampf, und sie schwärmten von hohen Wangenknochen und Kusslippen, das Skelett und das Nervensystem, die das alles erst ermöglichten, interessierten sie nicht.

Die meisten Wahlkämpfe lassen sich auf zwei Kernbereiche reduzieren: Überzeugungsarbeit und Wahlbeteiligung. Im Bereich der Wahlbeteiligung oder Motivierung der eigenen Anhänger geht es um jene Leute, die vermutlich den Kandidaten gutheißen, aber nicht immer zur Wahl gehen. Im Bereich Überzeugungsarbeit verhält es sich umgekehrt, er umfasst jene, die wahrscheinlich wählen gehen, aber nicht unbedingt unsere Partei wählen. Die Leute, die entweder höchstwahrscheinlich nicht wählen gehen oder höchstwahrscheinlich nie uns wählen werden, kann man ausklammern, es hat keinen Sinn, sich mit ihnen zu beschäftigen. Wähler, die sowohl sehr wahrscheinlich unseren Kandidaten favorisieren als auch sehr wahrscheinlich wählen gehen, sind die »Sockel«-Wähler. Sie werden üblicherweise nicht kontaktiert, aber man kann sie als freiwillige Helfer oder als Spendensammler gewinnen. Ziel des Spiels ist es also, die richtige Wählergruppe anzusprechen.

In den 1990er-Jahren funktionierte das Targeting noch anders: Amerikanische Wähler wurden in der Regel mittels Daten anvisiert, die örtliche Behörden oder Einrichtungen der Bundesstaaten zur Verfügung stellten. Normalerweise handelte es sich dabei um Angaben zur Partei, die die Wähler freiwillig bei ihrer Wahlregistrierung als Präferenz angaben (sofern sie das taten), und ihre Wahlhistorie (bei welchen Wahlen sie ihre Stimme abgegeben haben). Die Einschränkung dieser Methode bestand darin, dass nicht alle Bundesstaaten diese Informationen herausgaben, die Wähler häufiger ihre Meinung als ihre Parteiregistrierung wechselten (oder sich für überhaupt keine Partei registrieren ließen) und diese Information nichts über die Themen aussagte, die die Wähler aktuell bewegten. Mit dem Mikrotargeting hingegen konnte man zusätzliche Datenfelder erschließen, beispielsweise den Immobilienkredit des betreffenden Wählers, für welche Abonnements er Beiträge entrichtete oder welche Automarke er fuhr, sodass er in einen größeren Zusammenhang eingeordnet wurde. Anhand solcher Daten und in Kombination mit Umfragen ist es mit statistischen Verfahren möglich, den Wähler in einem Punktesystem zu bewerten und dadurch viel genauere Informationen über ihn zu erhalten.

Obamas Wahlkampf setzte diese Technik auf breiter Basis ein und machte sie zum Zentrum der Wahlkampfoperationen. Das ist wichtig, denn das organisierte Chaos eines Wahlkampfs hat üblicherweise nichts mit dem zu tun, was auf den Bildschirmen als Reden und Wahlkampfauftritte erscheint. Es geht vielmehr um die Abermillionen direkter Kontakte freiwilliger Stimmwerber oder gezielt an einzelne Wähler versendete Direktwerbung im ganzen Land. Auch wenn das weniger sexy ist als eine zündende Rede oder ein tolles Branding, ist dies die unsichtbare Maschinerie, das entscheidende Antriebsmoment eines modernen Präsidentschaftswahlkampfs. Während alle anderen Leute auf die öffentliche Person des Kandidaten fixiert sind, konzentrieren sich die Strategen darauf, diese verborgene Maschinerie am Laufen zu halten und ständig neu zu justieren.

Schließlich erkannten einige von uns im Büro des kanadischen Oppositionsführers, wo ich damals arbeitete, dass wir der Partei zeigen konnten, wie nützlich das Netzwerk der Wähleraktivierung (Voter Activation Network, VAN) sein würde, wenn wir eine sozusagen parlamentarische Version davon für die Kontakte des Oppositionsführers zu den Wählern und Bürgern seines Wahlkreises entwickelten. Die Partei war nicht bereit, Geld für etwas so Abwegiges wie eine neue Datenbank zur Verfügung zu stellen, aber wir wussten, dass im offiziellen parlamentarischen Budget des Oppositionsführers noch Mittel vorhanden waren. Das Problem war nur, dass dies eigentlich öffentliche Mittel waren und wir jedwede Datenbank, die wir damit versuchsweise erstellen würden, nicht für politische Zwecke verwenden durften. Aber das kümmerte uns nicht sonderlich. Eine parlamentarische Version würde Angaben zu Wählern und Bürgern aus dem Wahlkreis des Oppositionsführers umfassen, die ihn kontaktiert hatten, und da Wähler seines Wahlkreises einfach auch nur Wähler wie alle anderen waren, würde sie uns erlauben, der Partei alle Funktionsweisen des VAN zu verdeutlichen, ohne dass diese dafür Geld aufwenden müsste. Und wenn die Liberale Partei Kanadas erst einmal ein solches System gesehen hatte, würde sie allmählich das Potenzial einer solchen Datensammlung erkennen. Wir fragten Mark Sullivan und Jim St George, ob sie je daran gedacht hatten, VAN international zu expandieren – nach Kanada. Bis dahin hatten sie außerhalb der USA noch kein großes Projekt durchgeführt, aber sie waren von der Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit uns begeistert. Sullivan und St.George halfen uns, innerhalb von sechs Monaten eine auf Kanada zugeschnittene VAN-Infrastruktur zu erstellen. Zur Freude der Partei arbeitete unser VAN nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Französisch. Es gab nur ein Problem: Es waren keine Daten vorhanden, um das System zu füttern.

Computermodelle sind keine magischen Kristallkugeln – sie können Vorhersagen nur dann treffen, wenn es eine ausreichende Menge Daten gibt, auf die sie sich stützen können. Hat man keine Daten, um das System zu füttern, dann sind auch keine Modelle und kein Targeting möglich. Das wäre so, als würde man einen Rennwagen kaufen, aber beim Sprit knausern – ganz gleich, wie technisch aufgemotzt der Wagen ist, er läuft einfach nicht. Also bestand der nächste Schritt darin, Daten für das VAN zu beschaffen. Aber Daten kosten Geld, und wenn sie für einen Wahlkampf verwendet werden, muss laut Gesetz die Partei dafür aufkommen und nicht das Parlamentsbüro des Oppositionsführers. Und umgehend gab es harten Widerstand seitens der Partei, die nicht gerade auf Veränderung aus war. Deshalb wandte ich mich an den Abgeordneten, der mich zur Politik gebracht hatte, Keith Martin. Er hatte mir mein erstes Praktikum verschafft, als ich noch zur Schule ging, und später meinen ersten richtigen Job im kanadischen Parlament. Martin wurde oft als der »Querdenker« in der kanadischen Politik bezeichnet, und er besetzte auch sein Büro mit Querdenkern. Für mich war er der perfekte Ansprechpartner. Als ausgebildeter Notarzt hatte Martin seine medizinische Laufbahn in afrikanischen Konfliktzonen begonnen, wo er von Verletzungen durch Landminen bis hin zu Unterernährung alles behandelt hatte. Ein echt cooler Typ, der vor der Politik ein unglaubliches Leben geführt hatte – in seinem Büro hingen Fotos, auf denen er wie Indiana Jones im khakifarbenen Hemd zwischen Leoparden saß. Als Notarzt war er darauf geeicht, keine Zeit zu verlieren, aber in der Politik überlebt man nur dann, wenn man Zeit verschwendet. Einmal war er über die zeitraubenden Prozeduren des Parlaments so aufgebracht, dass er mitten in der Debatte zur »Mace« griff, der vergoldeten mittelalterlichen Streitkeule, die wir von den Briten geerbt haben und die im Mittelgang des Unterhauses aufbewahrt wird.

Damals, 2009, war Jeff Silvester, Martins Chefberater und ehemaliger Softwareingenieur, der in die Politik gewechselt war, einer der wenigen in der Partei, der verstand, was ich vorhatte. Während meiner Arbeit für das Parlament war er mein Mentor und mein Rückhalt. Ich erklärte ihm, wir müssten unbedingt mit dem datenbasierten Targeting-Programm weitermachen, auch wenn die Partei kein grünes Licht gab. Und das bedeutete, dass wir eine Finanzierung brauchten. Mit Martins Billigung willigte Jeff ein, Geld zu beschaffen, ohne dass die Parteizentrale davon erfuhr. Wir begannen Geheimtreffen abzuhalten, auf denen ich potenziellen Spendern erklärte, dass wir das Programm brauchten, wenn die LPC im 21.Jahrhundert wettbewerbsfähig bleiben wollte. In kurzer Zeit warben wir mehrere Hunderttausend kanadische Dollar ein, was ausreichte, um das Programm zu starten. Der mit der Parteiführung unzufriedene Parteiflügel von British Columbia willigte ein, sich als Versuchskaninchen für unser Experiment zur Verfügung zu stellen.

Es war nicht klar, ob überhaupt etwas funktionieren würde. In den USA gibt es nur zwei große Parteien, in Kanada hingegen fünf. Das bedeutet, die Dimensionalität der Vorhersage ist nicht mehr binär (Demokraten oder Republikaner), sondern multivariat (Liberale, Konservative, Neue Demokratische Partei, Grüne und Bloc Québécois). Aufgrund der größeren Anzahl Optionen sind viele verschiedene Arten von Wechselwählern möglich (z.B. Liberale-Konservative vs. Liberale-NDP vs. Liberale-Grüne usw.). Auch war in Kanada und Europa der Markt für Konsumentendaten weitaus weniger entwickelt, deshalb standen viele der in den USA üblichen Datensätze nicht zur Verfügung oder mussten aus zahlreichen anderen Quellen zusammengestückelt werden. Schließlich sind in anderen Ländern Wahlkampfspenden und – ausgaben oft streng gedeckelt. Nicht wenige Leute waren skeptisch, ob das Mikrotargeting außerhalb der USA überhaupt angewandt werden könnte, aber ich wollte es trotzdem versuchen.