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Fernlieben erzählt von den Erlebnissen der Autorin in Kalifornien in den Hotspots der Hightech IT: dem Silicon Valley und den Universitätsstädten Berkeley und Stanford. Die regelmäßigen transatlantischen Besuche bei den Kindern und Enkeln in Kalifornien verhelfen der Großmutter nicht unbedingt dazu, die kalifornische Lebens- und Arbeitswelt zu verstehen.
Ist sie zu alt, zu europäisch, zu buchaffin? Selbstironisch und mit Lakonie beschreibt das Buch die Zusammenhänge zwischen den Generationen, den unterschiedlichen Lebensstilen und Haltungen. Das Leben einer Familie auf zwei Kontinenten ist immer eine große Herausforderung, in pandemischen wird sie zu einer fast unüberwindlichen. Diese Erfahrung teilt die deutsche Großmutter mit Millionen anderer Familien in aller Welt.
Die persönlichen Eindrücke und Betrachtungen werden ergänzt durch Rückblicke auf das Berufsleben der Autorin im Internationalen Buchhandel. Warum waren die Geschäftsreisen nach Beijing, Beirut und Kolkata so einfach zu bewerkstelligen im Gegensatz zu dem Leben in Kalifornien? Ein unterhaltsames und anregendes Buch über Lebens- und Arbeitsformen im globalen Zeitalter.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Petra Hardt
Fernlieben
Insel Verlag
Für
Annaliese, Klaus, Gesa,
Ruth, Barry, Linda, Alicia,Geeta, Ellen, Christine, Bine, Charly
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Widmung
Inhalt
Fernlieben I
Berkeley
Silicon Valley
Berlin
San Francisco/Berkeley
Fernarbeiten
Kolkata
Slowenien
Beijing, Shanghai
Beirut, Kairo, Vereinigte Arabische Emirate
Fernlieben II
Berkeley
Berlin
Berkeley
Fernlieben III
Im virtuellen Raum zwischen Berlin und Berkeley
Danksagung
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Am liebsten spiele ich mit meinen Enkelkindern. Sie wohnen in Berkeley und ich in Berlin. Zweimal im Jahr fliege ich über Island, Grönland und Kanada zu der Familie nach San Francisco. Meine Freunde sagen: Du passtperfekt nach Berkeley. Das finde ich nicht: Ich bin weder ein Alt-Hippie noch ein Mitglied der jüdischen oder hispanischen Gemeinde oder der Universität. Abgesehen von den Enkeln fühle ich mich dort allein. Fünf Jahre hatten die Kinder in Menlo Park südlich von San Francisco gewohnt. Die Freunde hatten gesagt: Du passt perfekt nach Menlo Park. Das fand ich nicht. Ich bin über vierzig Jahre alt, arbeite nicht bei Google/Alphabet, Amazon, Apple oder Facebook, fahre weder einen Tesla noch ein Sportcoupé und esse nur gelegentlich vegan. Klischees allenthalben. Strukturen, die mir fremd sind und fremd bleiben. Das funktioniert in Berkeley und Menlo Park gleichermaßen perfekt. Wer die globale Einheitskultur im digitalen Zeitalter beschreibt, ist wahrscheinlich nie lange an einem Ort geblieben. Man braucht mindestens ein Jahrzehnt, um in einer fremden Stadt wirklich anzukommen. Ich vermisse Ulrich Beck. »Fernliebe. Lebensformen im globalen Zeitalter« war eines seiner Forschungsgebiete. Der Soziologe hat zusammen mit seiner Frau Elisabeth Beck-Gernsheim 2011 ein gleichnamiges Buch geschrieben. Er ist viel zu früh gestorben. Ich würde ihn bitten, sein Buch fortzuschreiben. Fernlieben beginnt beim Skypen und setzt sich an den Flughäfen fort. Der Zielflughafen wird zum Mekka. In beide Richtungen. Für die Ausgewanderten und die Familie im Heimatland. Selten habe ich Fremdheit so stark empfunden wie in Stavanger in Norwegen. Die Einheimischen retten sich abends in ihre Häuser und haben angesichts der Vielzahl asiatischer und afrikanischer Arbeitnehmer auf den Bohrinseln und der täglichen Belästigung durch 2000 Kreuzfahrttouristen längst ihre Gastlichkeit aufgeben müssen. Die schöne Stadt mit der größten und ältesten Holzhäusersiedlung in Europa wird überschwemmt vom Zweistundentakt-Tourismus und der globalen Ölindustrie. Die Blicke der afrikanischen und asiatischen Arbeiter am Hafen sind nach innen gerichtet. Am Flughafen in Stavanger spielen sich traurige Szenen ab, wenn Eltern ihre Kinder verabschieden, die mit den Großeltern nach Asien zurückfliegen, und die Erwerbstätigen in Norwegen bleiben. Wie kann man das aushalten, frage ich mich. Ich bin schon gestresst, wenn die digitale Kommunikation mit den Enkeln in Kalifornien unterbrochen wird. Das Warten auf das nächste Gespräch über Skype oder Facetime, den angekündigten Brief mit Zeichnungen der Enkel, die nächste Nachricht auf WhatsApp, das Foto auf dem familienverschlüsselten Twitter-Account, das Video in der Marco-Polo-App sind Bestandteile des Tagesablaufs. Längst sind die verschiedenen Zeitzonen fest in der Seele verankert. Die Freunde sagen: Du wirst dich in Kalifornien gut einleben. Für meine Generation, die in der Bundesrepublik aufgewachsen ist, kam ich spät an die Westküste der Vereinigten Staaten. Ich war schon sechsundfünfzig Jahre alt, als ich zum ersten Mal in San Francisco eintraf. Meine Freunde flogen in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Kalifornien, standen in San Francisco und Monterey herum und fuhren auf der Route 66. Ich reiste nach dem Abitur durch Italien und Frankreich. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem persönlichen Gefühl der Fremdheit in Kalifornien und meinem Alter? Oder geht das den Studenten an der UC Berkeley ganz genauso? Am Morgen nach meiner Ankunft in Berkeley im Februar 2018 gehe ich über den Campus der Universität in die Charles Franklin Doe Library. In der Eingangshalle der imposanten Bibliothek wird für eine temporäre Ausstellung geworben: »Reframing aging«, Fotos und Geschichten von Menschen zwischen siebzig und sechsundneunzig. Die Ausstellung wird finanziert von Ashby Village, einer Organisation, die von Montag bis Freitag ältere Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenbringt. Skeptisch nehme ich mein neues Interesse an älteren Menschen wahr. Ich vermute, es hängt mit dem nahenden Ruhestand zusammen. Noch vor fünf Jahren hatte ich mich in einem Fragebogen der Fachzeitschrift Börsenblatt des Deutschen Buchhandels über Anti-Aging-Produkte lustig gemacht. Seitdem habe ich alle Staffeln von Grace und Frankie und von The Kominski Method auf Netflix gesehen. Die Ausstellung betrachtend, erinnerte ich mich an meinen ersten Besuch auf dem Campus der weltberühmten Universität in Berkeley vor einigen Jahren. Ich hatte mir für die Besichtigung des Campus und des Campanile ein Zeitfenster von drei Stunden eingerichtet. Ich ging in das Visitor Information Center, holte mir die für die Besichtigung notwendigen Pläne und bat um Auskunft, wo ich die philosophische Fakultät finde. Ich fragte nach Spuren, die an Adorno erinnerten. Theodor W. Adorno hatte in den vierziger Jahren, im Exil in Santa Monica lebend, eine Zusammenarbeit mit der Berkeley Public Opinion Study Group hergestellt und reiste von Los Angeles gelegentlich an die University of California in Berkeley. Zugegeben, mein Wunsch, Tafeln in der Philosophischen Fakultät zu finden, die auf die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie verwiesen, war etwas vermessen. Der freundliche Student am Empfang des Visitor Center kannte den Namen von Theodor W. Adorno nicht und meinte lapidar: »You are interested in philosophy?«
1998, als Steve Jobs mit Apple zweiundzwanzig Jahre nach der Gründung des Unternehmens zum Weltkonzern aufstieg und Larry Page und Sergey Brin Google in Menlo Park gründeten, wohnte ich mit meiner Familie im Taunus und fuhr jeden Morgen über die A66 ins Büro zum Suhrkamp Verlag nach Frankfurt und am Nachmittag wieder zurück. Was im Silicon Valley vor sich ging, stand damals nicht auf unserer Tagesordnung. Wir gewöhnten uns gerade im Berufsalltag daran, mit Computern, Speicherkapazitäten, Datenverarbeitung und dem Internet zu arbeiten. Wir waren spät dran. Wir ahnten, dass die Produkte aus dem Silicon Valley unser Leben völlig neu verorten würden, aber so ganz genau wussten wir es nicht. Als ich 2010 zum ersten Mal in die Bay Area südlich von San Francisco, ins sogenannte Silicon Valley, reiste, war Google von Menlo Park nach Mountain View umgezogen und das Tal zu dem weltweit wichtigsten Produzenten digitaler Verfahrensweisen geworden. Die Hauptsitze der IT-Giganten bilden eigene Städte in den eher kleinen Orten der gesamten Bay Area. Am spektakulärsten und ehrlichsten in seiner Abgeschlossenheit ist der Apple Park von Norman Foster in Cupertino. Der Hauptsitz von Facebook liegt zwischen dem Bayshore Freeway und dem Bayfront Expressway in Menlo Park. Ich fuhr dort täglich zweimal vorbei, um die Enkelin in die Kita zu bringen und dort wieder abzuholen. Die bunten Reihenhäuser und Gebäude auf dem Firmengelände zwischen den beiden Schnellstraßen sollen Geborgenheit vermitteln. Tun sie aber nicht. Es gibt Schöneres. Zum Beispiel das große Landhaus mit Park an der Ecke Glenwood Avenue/Middlefield Road in Menlo Park. Es wird im September 2016 von Sotheby's angeboten. Noch an Weihnachten 2015 war es prachtvoll beleuchtet und geschmückt. Ich war mir sicher: Da wohnt eine glückliche Familie. Die Kinder im blauen Blazer, ein Cabernet Sauvignon aus Napa Valley und der Dow Jones wohlgesinnt. Auf dem Gabentisch der neue McEwan von Kepler's Book Store in Menlo Park. Vielleicht hat die glückliche Familie in den Hügeln zwischen San Francisco und dem Pazifik ein größeres Haus gefunden. Vielleicht war die Familie aber auch nicht so glücklich. So wie die befreundete Familie in Königstein am Taunus mit den Kindern im blauen Blazer. Dort hat ein Familiengericht verfügt, dass sich die Eheleute nur auf 100 Meter Entfernung sehen dürfen. Das hätten sie in dem Haus auch ohne richterlichen Beschluss herstellen können.
Ich stehe mit der Enkelin zur Mittagszeit in einer langen Schlange vor einem Restaurant in der University Avenue in Palo Alto: Sushirrito, ein Riesen-Sushi, ein XXL-Sushi, ein Sushi in zehn Varianten mit den Ausmaßen eines Burritos – Geisha's Kiss mit Tuna, Sumo Crunch mit Crabmeat. Man kann auch Mayan Dragon oder Buddha Belly oder Salmon Samba wählen. Wir teilen uns einen Sumo Crunch mit Crabmeat. Nach dem Mittagessen gehen wir auf den Spielplatz im Burgess Park in Menlo Park, der direkt an den wunderschönen Creek in Palo Alto angrenzt. Der Burgess Park bietet große Rasenflächen, ein Freiluftbad, Trainingsplätze für Baseball, Basketball, Skate Boarding. An den Wochenenden kommen viele Familien zum Grillen oder sie feiern Kindergeburtstage hier. Die Enkelin schaukelt. Neben ihr ein Kind, dessen Großmutter aus Asien laut und melodisch amerikanische Kinderlieder singt. Meine Enkeltochter kennt bisher nur die deutschen Kinderlieder. Die werden wir aber im Burgess Park nicht laut singen. Auf dem Rückweg nach Hause halte ich bei Kepler's Books und kaufe drei Liederbücher mit den bekanntesten amerikanischen Kinderliedern, CD inbegriffen. Eines hätte auch gereicht, meint mein Sohn. Auf den Spielplätzen im Silicon Valley spielt die internationale Weltgemeinschaft, die sich dort angesiedelt hat. Die Kinder in der Bay Area wachsen mindestens zweisprachig auf. Mit Englisch und den jeweiligen Familiensprachen. Ich spreche mit der Enkelgeneration ausschließlich deutsch, mühelos wechseln die Kinder zwischen dem Englischen und dem Deutschen je nach Bedarf und Situation. Die beiden Sprachen, mit denen wir uns durch die Bay Area bewegen, schaffen zwei Wirklichkeiten. Die Generation der Enkel wächst in eine Welt, die ich nur noch zum Teil erleben werde. Es ist die Endlichkeit, die das Tal der unbegrenzten Möglichkeiten erträglich macht.
Abends gehe ich manchmal mit Freunden, die in Stanford unterrichten, ins Restaurant Bird Dog in Palo Alto. Die Jahrgänge 1948 bis 1960, in Deutschland geboren, vereint im Tal: die Ausgewanderten, die amerikanische Staatsbürger geworden sind, und die Besucherin. Das Paar hat die Fremdheit, die ich im Silicon Valley empfinde, schon lange hinter sich gelassen. Die Unruhe über das, was sein wird, ist größer als unsere Gelassenheit. Ich denke an Elizabeth Strout, die in ihrem Roman Die langen Abende schreibt: »Die Bürde des Unerklärlichen ist mit so viel Anstand zu tragen, wie wir nur können.« Ich bin für Sätze, die zu einer Haltung ermuntern, sehr empfänglich.
Am nächsten Tag fahre ich mit der Enkeltochter zu ihren Eltern zum Mittagessen in den Hauptsitz des Unternehmens Google/Alphabet am Amphitheatre Parkway in Mountain View. Am Eingang steht der Hinweis: Please be Google. All guests must be registered and wearing a visitor badge prior to entering a Google facility.Even Grandma and the kids
Ich sage zu dem Kindeskind: »Das Schild haben sie unseretwegen aufgehängt.« Ich nehme zur Kenntnis, dass die Unternehmensleitung Großmütter und Kinder in die gleiche Risikogruppe einstuft. Dort im Headquarter arbeiten 40 000 Mitarbeiter. Eine Stadt mit großen, wegen der Bauauflagen überwiegend vierstöckigen Gebäuden. Ein riesiger Campus mit Grünanlagen, Palmen, Mensen, Cafés, Pools, Sportanlagen, alle Mobilien in den Google-Farben. Viele indische und asiatische Familien besichtigen das Unternehmen, jedoch keine Großmütter. Ich behaupte meine Vormachtstellung. Es merkt aber niemand. Das Essen bei Google ist gut, reichlich und abwechslungsreich. Alle Bedürfnisse – vegan, vegetarisch, asiatisch, amerikanisch – werden berücksichtigt. Es ist allerdings nicht so gut wie bei Twitter in San Francisco. Selten habe ich so gut gegessen wie bei Twitter. Aber es sind dort auch nur 4000 Mitarbeiter zu bekochen. Bei Facebook habe ich noch nicht gegessen. Ich bin dort mit niemandem befreundet.
Durch das Silicon Valley fahren ächzende graue Züge des Betreibers Transit America Services, Caltrain genannt, und transportieren täglich Hundertausende von Pendlern von San Francisco, Albany, Richmond, Berkeley, Oakland nach Palo Alto, Mountain View, Cupertino zu Apple, Hewlett-Packard, Google, ebay, Twitter, Facebook, Yahoo, Adobe, zu den Filialen von SAP, Microsoft, Nokia, Amazon und anderen hundert weltbekannten Technologie-Unternehmen und fünfhundert weniger bekannten Internet-Firmen und Start-ups und zu den Forschungseinrichtungen in Stanford und Berkeley. Die Züge halten je nach Länge drei oder vier Wagen ausschließlich für Fahrräder bereit. Die kreischenden Bremsen an den 23 Stationen, die glockenartige Ankündigung der Züge: ein Anachronismus im Tal der digitalen Höchstgeschwindigkeit.
Auf dem Rückweg von Mountain View nach Menlo Park schläft die Enkelin ein. Ich fahre weiter, damit sie nicht aus ihrem Mittagsschlaf aufwacht. Diesmal erschließen sich mir die Straßen nordwestlich der Stanford University. Sie heißen nach den berühmten Universitäten der Ostküste: Princeton Road, Yale Road, Harvard Avenue. Nach halbstündiger Fahrt durch die Ivy League wacht die Enkelin auf, und wir gehen auf den Spielplatz mit den Großeltern und Nannys aus dreißig Nationen. Früher waren die Betreuerinnen der Kinder im Parc Monceau in Paris, jetzt sind sie in Palo Alto. Verschiebungen. Ich vermisse Ulrich Beck.
Jeden Samstagmorgen gehe ich zu Kepler's Books in Menlo Park. Dort sind die bestellten Bücher eingetroffen: Jonathan Galassi, Muse, und Nicole Krauss, Great House. Ich schaue mich im Laden um und sehe ungefähr vierzig Personen der Altersgruppe 60 plus, die sich auf Stühlen niedergelassen haben. Ich halte nach dem Autor oder der Autorin Ausschau. Es gebe keine Lesung, erklärt die Buchhändlerin, es sei »Mystery Day at Kepler's«. Ein Wettbewerb findet statt. Jeder der Anwesenden liest eine selbst verfasste Kurzgeschichte vor. »It's amazing«, sagt die Buchhändlerin. Der Kreis ist auf die angemeldeten Teilnehmer beschränkt. Ich ziehe mich unter guten Wünschen zurück und verlasse den Laden.
Vier Monate später, im Januar 2017, sitze ich erneut im Flugzeug über Grönland in Richtung Kalifornien. Diesmal habe ich eine Puppe für die Enkelin im Gepäck. Beim Skypen hatte ich ihr zwei meiner Puppen aus den fünfziger Jahren in den Bildschirm gehalten und gefragt: »Welche Puppe soll ich mitbringen, wenn ich in drei Wochen komme. Die Bärbel oder die Vroni?« Das Kindeskind entschied sich für die Vroni mit den langen schwarzen Haaren. Den Namen hatte mein Vater ausgesucht, als er mir die Puppe zu Weihnachten 1958 schenkte. Seit seinem kurzen und abgebrochenen Studium in München 1947/48 hatte der Vater ein Faible für Bayern München und bayerische Namen. Geheiratet hat er dann eine Frau aus Gdansk. »Ein Flüchtling, lungenkrank und katholisch«, hatte seine Mutter zu Bedenken gegeben. Das hatte den Vater aber nicht abgehalten. Vehement unterstützt wurde er von meiner Großmutter Agnes mütterlicherseits, die in dem Vater die Chance des Lebens für ihre kranke Tochter sah. Ein gütiger und gutaussehender Mann. Den Vorbehalten seiner Mutter setzte sie jeden Sonntag Enten und Würste entgegen, die sie bei dem kaschubischen Händler auf dem Heidelberger Markt zu günstigen Konditionen verhandelte. Der Vater, ein Gourmand und Gourmet, ließ sich einfangen.
