Fersengeld - Inga Tomsen - E-Book

Fersengeld E-Book

Inga Tomsen

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Beschreibung

Sie ist hübsch. Sie ist jung. Sie ist gelangweilt. Hanna weiß nicht viel von der Welt. Doch das soll sich durch eine zufällige Begegnung mit Lilo, einer alten Frau, ändern. Die beiden Frauen machen sich auf eine heimliche und abenteuerliche Reise nach Spanien, mit Folgen.

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Seitenzahl: 236

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Ein Morgen in Berlin2

Frau Bredot

Tag 1

„ Gestern Mutter, heute Großmutter “

Tag 2

Tag 3

Tag 4

Tag 5

Tag 6

Tag 7

Metamorphose

Die dritte Woche nach Null

Ein Morgen in Berlin

Es war wie immer voll in der U- Bahn und Hanna schlängelte sich durch die schaukelnde Menge, auf der Suche nach einer Sitzgelegenheit. Es bedurfte eines gewissen Maßes an Geschicklichkeit und anatomischer Bevorzugung, um bis zu einer Haltemöglichkeit zu gelangen. Es war heiß an diesem Morgen und die Gerüche, welche ihr in ihre Nase stiegen, hatten etwas Tierisches. Schwülwarm, stechend schweißig. Kurz musste Hanna den Atem anhalten und an das Alfred- Brehm-Haus des Tierparks Friedrichsfelde in Berlin denken, wo sie oft mit ihren Eltern in den Schulferien war. Hanna hielt sich einarmig und schaukelnd an der Stange fest, wobei sie gezwungen war, die behaarte Achselhöhle einer reiferen Dame aus der Nähe betrachten zu müssen. Der Zug ratterte. Gerade sinnierte sie noch über den Zweck der menschlichen Körperbehaarung, als eine weitere ältere Dame, links unter ihr, eine gefaltete Zeitung in eine viel zu kleine Handtasche fingerte und dabei ihr üppiges Gesäß nervös hin und her bewegte. Sie deutete wohl damit an, gleich aufzustehen. Hanna schob sich listig näher heran, lauerte und hüpfte schließlich geschickt in die entstehende Lücke, wobei sie das kolossale Hinterteil der Frau versehentlich grob anstieß, was ihr böse Brummgeräusche und böse Blicke der Vollschlanken bescherte. Triumphale Gefühle überkamen sie und sie dachte:

„Ja, ja, das Glück des kleinen Mannes oder der kleinen Frau. Dieser Tag wird gut.“

Noch sechs Stationen. In den letzten Jahren vertrieb sie sich die Zeit in der U- Bahn mit Menschenbeobachtungen, spekulierte über das Leben des Gegenübers und malte sich Geschichten aus, die zuweilen über den Tag oder gar die ganze Woche bei ihr wirkten. Mit der Zeit schuf sie sich so ein festes Bild von den Menschen, welche regelmäßig mit ihr fuhren. Mit Büchern oder Zeitungen hatte sie es auch versucht, aber durch das wiederholte neugierige Hochschauen verrutschte sie ständig in der Zeile und verlor schließlich die Geduld beim Lesen. Ein etwa Fünfzigjähriger geriet in ihr Blickfeld. Er war von hagerer Gestalt, mit einer langen und gekrümmten Nase. Seine Nasenlöcher waren so groß, dass sie an die Nüstern eines Pferdes erinnerten. Das Haar schütter, die gefalteten Hände knochig. Sein Blick ging stolz ins Leere. Die Beine übereinander geschlagen, trug er an den Füßen ausgelatschte schwarze Schuhe, gut geputzt. Ein typischer Leptosom dachte Hanna. In ihrer Ausbildung zur Zahntechnikerin hatte sie das Thema der anatomischen Typisierung der Menschen sehr interessiert. Die werden demnach in drei große Gruppen eingeteilt. Es gibt Leptosomen, Pykniker und Athleten. Die Leptosomen sind anatomisch schlank und gerade gebaut und haben einen eher dreieckigen Kiefer. Die Pykniker sind eher gedrungen und rundlich, haben eine eher ovale Kieferform. Der Athlet ist, wie der Name schon sagt, ein kräftiger, meist größerer und muskulöser Typ. Sein Kiefer ist leicht quadratisch. Selbstverständlich gibt es Mischtypen. Auch gäbe es Erkenntnisse und die Meinung unter Wissenschaftlern, bestimmte Zahnstellungen ließen Rückschlüsse auf den Menschen und seine Gewohnheiten oder seine Gesundheit zu. Hanna hatte es damals gepackt. Zwanghaft starrte sie von da an den Menschen auf die Münder und analysierte deren Typ. Sie sah den Menschen erst auf den Mund und dann in die Augen. Hanna dachte bei der Betrachtung des Männleins:

„So so, lutschoffener Biss. Da hat wohl jemand lange am Daumen genuckelt, hä? Oder ist das eine Brezel?“

Brezel sagt der Zahntechniker verächtlich zu einer Kunststoffprothese.

„Den könnte man mir nackig auf den Bauch binden. Schwer vorstellbar, dass der eine Frau hat, welche er an schwer zugänglichen Körperstellen berühren darf. Was mag der wohl so machen? Versicherungsvertreter oder Berufsschullehrer? Was hat der wohl in seiner Lederaktentasche? Eine Stulle von seiner Frau und einen Stapel Kopien von Versicherungspolicen oder das Kiezkäseblatt und eine Packung Taschentücher? Hat der überhaupt eine Frau oder gar Kinder? Vielleicht hat ihm seine vierundsiebzigjährige Mutti die Stulle geschmiert. Für den guten Jungen. Und abends liegt er in seinem Kinderzimmer im Siebziger Style, träumt von Claudia Jung und holt sich einen runter.“

Zwei Halbwüchsige stiegen ein. Hanna wurde jäh aus ihren gehässigen Gedanken gerissen und erschrak über ihre ekeligen Vorstellungen. Der Blick wandte sich ruckartig und unkontrolliert den Pubertierenden zu. Einer roch nach Zigarettenrauch und der erklärte dem anderen, welchen geilen Gangsterrapper er im Konzert sehen mag, wobei er seinen Schulrucksack grob und rücksichtslos zwischen seine Füße stieß. Beide trugen schmuddelige Jeans, welche so tief und schlaff an ihnen hingen, dass sich der Betrachter fragen musste, wie sie an den zarten und noch nicht ausgewachsenen Körpern wohl halten können ohne herunterzurutschen. Hannas Blick senkte sich nun, da sie spürte, wie ihr die Gesichtszüge entglitten und außerdem wollte sie Desinteresse zeigen. Dann hörte sie den Leptosomen niesen. Ob der eine Prothese trägt? Es schien, als blinkten an den Eckzähnen Metallklammern, als er zum Schnauben ansetzte, was im Prothesenträgerfall auf eine Krankenkassen-Regelleistung hindeuten könnte. Er war also kein Privatpatient. Die Mittellinie war schief, was eine unkorrekte Arbeit des Kollegen vermuten ließ oder eine mangelhafte Bissnahmedes Zahnarztes zur Ursache hatte. Die Lach- und Mittellinie, sowie der anatomische Typ sind bei der Anfertigung von Zahnersatz von enormer Bedeutung, erinnerte sich Hanna an die Worte ihrer fiesen Anatomielehrerin Frau Stenzel. Immer wieder hielt der Zug. Das rege Ein- und Aussteigen versperrte ihr hier und da die Sicht. Der Leptosom räusperte sich, als wollte er auf sich aufmerksam machen.

„Vielleicht leidet er unter ADS?“, dachte Hanna.

Sie war davon überzeugt, dass auch Erwachsene, wie ihre Kollegin Anja, unter dieser Krankheit leiden können. Warum sollte die Krankheit auch mit der Pubertät und dem Eintritt in das Erwachsenenalter verschwinden? Ein dicker Mann in BVG-Uniform, rechts neben ihr, blätterte geräuschvoll in einer bunten Tageszeitung und schüttelte über irgendetwas verärgert den Kopf.

„Mein Gott, schon 7.45 Uhr. Jetzt muss ich wieder rennen.“

Sie stand auf, den Leptosomen vergessen und drängelte sich zur nächsten Tür.

Eigentlich wollte sie ihr Haar morgens noch waschen. Mit ungewaschenen Haaren fühlte sie sich nicht wohl. In Teenagertagen wusch sie ihr langes Haar fast täglich. Die Jungs waren verrückt nach ihr. Die begehrte Stelle als Edelmetalltechnikerin im Dentallabor Zobel hatte sie sicher nur bekommen, weil ihr Chef ein geiler Sack war. Beim Bewerbungsgespräch interessierte er sich nur für Nebensächlichkeiten, fragte Fragen, die er eigentlich nicht fragen durfte und starrte sie gierig von oben bis unten an, wobei er immer wieder ungeniert auf ihren Busen starrte:

„Wie sieht es denn mit Ihrem Familienstand und ihrem Kinderwunsch aus, hm? Na dann steht ja einer Zukunft in unserer Firma nichts im Wege.“

Als er später mitbekam, dass Hanna leiert war, reagierte er wie ein gekränkter Liebhaber:

„Aber Familie und der ganze Kram hat doch wohl noch Zeit, oder?“

Es war nicht zu übersehen, Hanna war hübsch, neunundzwanzig. Für neidische Blicke und Tratschereien der Kolleginnen war sie genau die Richtige. Sportlich gekleidet und mit schlanker Figur. Ihre braunen Haare trug sie halblang und gern offen. Von den vierzehn Mitarbeitern im Labor waren sieben weiblichen Geschlechts. Naja Margit ausgenommen. Das wusste keiner genau.

Um acht Uhr begann der Frühdienst. Hanna hatte eine Lehrunterweisung mit den zwei Azubis des dritten Ausbildungsjahres durchzuführen. Nach langer Bettelei und einer zweijährigen Vertragsbindung an das Labor hatte Herr Zobel Hanna den Ausbilderkurs endlich genehmigt. Die Kosten trug er widerwillig. Jedoch gab es in den nächsten zwei Jahren keine Gehaltserhöhung, basta. Dabei hatte der Kurs bloß fünfhundert Euro gekostet, welche er auch noch als Kosten beim Finanzamt geltend machen konnte. Mittlerweile schien er ganz froh zu sein, dass ihm die „Sprutze“, so nannte er die Azubis gern abfällig, vom Halse gehalten wurden. Wenn die Innung oder die Handwerkskammer auftauchten, spuckte er dann große Töne und wurde wegen der Schaffung von Ausbildungsplätzen gelobt. In der Realität wurden die Azubis jedoch als billige Hilfskräfte ausgebeutet. Der Zobel trieb auch gerne seine Späße mit den Jungs. Es gab keine weiblichen Azubis, denn die konnten schwanger werden. So saß er beispielsweise einmal schmatzend mit seiner üppigen Bierwampe am Frühstückstisch und schickte den armen Heiko in den Baumarkt, um „Formaldehydgipsgranulat“ in 3,5- er Körnung zu holen. Als der nichts ahnend den Raum verließ, haben sich die Kollegen fast in die Hose gepinkelt vor Lachen.

„Wie kann man nur so blöd sein?“, ätzten Anja und Mareike. Der Junge kam nach über einer Stunde ins Labor zurück und erklärte, rot vor Scham und Wut, die Mitarbeiterin des Baumarktes wäre rumgeirrt um den Artikel zu finden, bis sie grinsend mit zwei jungen Kollegen zurückkam und ihm mitteilte, dass das wohl ein Azubitest für blonde Jungs sei. Der Zobel klopfte schadenfroh seine fetten Schenkel und schüttelte vor Begeisterung den Botenfahrer Andy an der Schulter, der gehorsam mitjohlte. Eines Tages sagte Steven Schröder, einer der Lehrlinge, flüsternd zu Hanna:

„Wenn wir Dich nicht hätten, wären wir längst weg vom Fenster. Das hält doch kein Schwein aus bei dem Zobel. Ohne Dich hätten wir hier nichts gelernt, außer Maul halten und Gipsen.“

Margit, die gerade vorbei lief, stimmte Steven zu und sagte laut:

„Weeß doch eh jeder, dass Ihr ohne Hanna nischt jelernt hättet!“

Sie klopfte Hanna freundschaftlich auf die Schulter und ging weiter. Das tat gut.

Punkt zwölf Uhr. Die Gemeinschaftspause. Hannas Begeisterung hielt sich wie immer in Grenzen. Es nervte sie, den Selbstdarstellern für dreißig Minuten ausgeliefert zu sein und artig ihr mitgebrachtes Essen in sich hineinmampfen zu müssen. Es ging Esther und Mike genauso. Obwohl die drei sich privat nie trafen, verband sie im Labor eine gewisse Sympathie und Gleichgesinntheit, obgleich die drei nicht hätten verschiedener sein können. Mike, zweiunddreißig, war äußerlich ein harter Junge, ein Harley Fahrer. Aber die sollen ja oft sehr sensible Kerle sein, hört man immer wieder. Er erzählte nie viel und schluckte alles runter, wenn er beispielsweise kritisiert wurde oder Überstunden machen sollte. Es ging ihm sprichwörtlich am Arsch vorbei. Von persönlichen Dingen erzählte er nie. Ob das cool oder introvertiert war, fand Hanna nicht heraus. Sie mochte ihn. Esther war eine verheiratete Familienmutter, sechsunddreißig, vollschlank. Sie war so ein neutrales Wesen. Keine Auffälligkeiten. Ihre Kleidung war schlicht und stets gebügelt. Esther roch immer nach Weichspüler oder frisch gewaschenen Haaren. Sie wirkte immer so mit sich und der Welt im Reinen. An Tratschereien beteiligte sie sich nie. Eigentlich mochte Hanna Menschen ohne Ecken und Kanten nicht, aber als Kollegin machte sich Esther ganz gut. Die vorbildlichen Frühstücksstullen, natürlich mit Vollkorn und Grünzeug, waren immer mit Aufwand und viel Liebe am Abend zuvor bereitet worden. Die Zähne schneeweiß, man trank natürlich keinen Kaffee oder rauchte etwa. Sie sprach immer mit hypnotischer, heller Singsangstimme. Hanna hatte nur einen Gefühlsausbruch bei Esther erlebt. Ihre kleine Tochter war im Kindergarten aus dem Bollerwagen gefallen und hatte sich die Hand gebrochen. Herr Zobel nannte sie vor den Kollegen immer „meine Gutste“, in gehässiger Anlehnung an den sächsischen Dialekt. Über die privaten Kochkünste, die Goldkinder, das Abendprogramm der privaten Fernsehsender bis hin zum unumgänglichen Thema Sex wurde gesülzt und gelabert. Manchmal mochte Hanna platzen. Ab und zu trafen sich die Blicke von Mike, Esther und Hanna verschworen. Hannas Vorstellungsvermögen war glücklicherweise begrenzt, wenn Elmar, fünfundfünfzig, vom romantischem Video- Wochenende mit Gitti erzählte und dass sie nicht aus dem Bett kamen. Schließlich kannten sie sich erst drei Monate. Elmar war ein fleischiger, dicker und blasser Typ mit Glatze und großen Händen, der seinen Kittel anscheinend nie wusch oder man merkte es nachher nicht, wegen des Grauschleiers und wegen der Knitterfalten. Er roch immer nach stechendem Schweiß, was im Winter noch erträglich war. Aus seinem Ausschnitt schaute ein Gestrüpp von gekräuseltem Haar heraus. Niemand aus dem Labor hatte den Mut, es ihm zu sagen. Nicht einmal die großmäulige Anja. Aber Elmar hatte als Modellgusstechniker verdammt viel drauf. Das größte Mitteilungsbedürfnis hatte immer Anja. Sie war jünger als Hanna, ungefähr vierundzwanzig. Ihr wildes rostbraun gefärbtes Haar, gepeinigt von einer ausgewachsenen Dauerwelle, mit einem zirka vier Zentimeter breiten schwarzen Haaransatz, akkurat gescheitelt, umspielte das pausbäckige Gesicht. Ihre eng stehenden, fiesen kleinen braunen Augen blinzelten vortäuschend freundlich. Aber dieser scheinbaren Freundlichkeit traute Hanna vom ersten Tag an nicht.

List und Tücke waren in ihrem Blick. Hannas Oma Martha hatte immer gesagt:

„Traue keinem Menschen mit dunkelbraunen Augen! Du kannst in ihnen nicht lesen. Sie sind nur dunkle Löcher“. Anjas Figur war unproportioniert. Ein relativ langer und schlanker Oberkörper in Konfektionsgröße achtunddreißig mit kurzen abfallenden Schultern und einer Körbchengröße A saß auf einem ausladenden und üppigen Untergestell in Konfektionsgröße vierundvierzig. Anjas Freund musste der Beschreibung nach ein Adonis sein, ein Frauenschwarm. Ihre Kochkünste waren unerreicht und die vielen Männer, welche sie immer wie lästige Fliegen abschütteln musste, hatten angeblich ihren Horizont erweitert. Welchen auch immer sie meinte. Allerdings roch das Essen, was sie heute mitgebracht hatte, wie das Stoffwechselendprodukt einer Hyäne, welche ein gammeliges Gnu verdaut hatte. Nach Künsten roch das jedenfalls nicht. Manchmal musterte Hanna Anja abschätzend von der Seite und dachte:

„Mit welchem unverschämten Selbstbewusstsein die ausgestattet ist. Merkt die nicht, dass sie allen auf den Zünder geht? Komisch, dass ihr alle artig zuhören, wenn sie ihren geistigen Müll ausschüttet.“

Anja schob ihren überdimensionalen Hintern, dem Betrachter stets zur Besichtigung in engen Jeans freigegeben, schaukelnd durch den langen Gang in die Kunststoffabteilung, als wäre es ein Laufsteg. Der Gipsraum daneben war ein Raum im Raum von zirka fünfzehn Quadratmetern Größe, nachträglich eingebaut. Dieser war von drei Seiten mit Gipskartonwänden und seitlichen großen Fenstern ausgestattet. Dort gackerte sie oft mit der Gipserin, einer Endvierzigerin aus Vietnam. Hanna mochte und bewunderte sie. Nang hieß die kleine schlitzäugige und dauergrinsende Frau. Die vier Quadranten ihres Oberkiefers und Unterkiefers sind so unproportioniert und überdimensional, dass ein Archäologe in fünfhundert Jahren, nach Ausgrabung des Beißapparates, den Nobelpreis verliehen bekommen würde, falls es diesen dann noch geben sollte. Vielleicht würden die Forscher auch den Verdacht äußern, dass es sich um ein Artefakt handeln müsse, einen künstlich von Menschenhand konstruierten Kauapparat oder sie würden glauben, einer neuen Spezies auf die Spur gekommen zu sein. Nang war von ihrer Familie in den Achtzigern verstoßen worden, weil sie das vietnamesische Volk im Stich ließ, einen deutschen Mann heiratete und ihren zwangsverlobten Bräutigam aus einer angesehenen vietnamesischen Familie in Dalat sitzen ließ. Dalat ist keine zwei Flugstunden von Hanoi entfernt und liegt idyllisch auf einem Berg. Ihr Interflugticket nach Hanoi hatte sie damals bereits gekauft. Doch am Vorabend der Heimreise schickte sie ein Telegramm mit der Nachricht nach Hause, dass sie ihre Eltern immer lieben würde, aber mit dem Mann leben wollte, der sie glücklich macht und sehr hoffte, dass sie ihr eines Tages verzeihen könnten. Sie ließ ihr erworbenes Wissen nicht dem vietnamesischen Volke zugutekommen und würde nicht dabei helfen, die vietnamesische Volkswirtschaft zu stärken, hieß es in einem offiziellen Schreiben aus Dalat, in welchem man ihr des Weiteren drohte, sich der Konsequenzen bewusst sein zu müssen und letztmalig zur Heimkehr aufforderte. Nang reagierte nicht auf das Schreiben. Daraufhin kam ein Brief mit der Enterbungserklärung und einer formlosen Mitteilung der Eltern, dass sie ab sofort nicht mehr Mitglied der Familie sei. Das konnte nur unter dem Druck der Partei geschehen sein, tröstete sich Nang all die Jahre. Nangs Familie gehörte zu der katholischen Minderheit in Vietnam, war sehr konservativ und mit alten Traditionen verbunden. Minderheiten haben es überall auf der Welt schwer, sagte Nang wehmütig und senkte traurig ihren Kopf. Und es klang Hoffnungslosigkeit mit. Die meisten Vietnamesen sind konfessionslos. Der kommunistische Staat war Religionen gegenüber stets misstrauisch und intolerant. Manchmal sang sie melancholische Lieder aus der Heimat und warf verstohlene Blicke in ihre abgegriffene Brieftasche aus Kunstleder, in der ein altes Foto ihrer Eltern und ihrer Schwester steckte. Man erzählte sich, sie würde sich keine neue Geldbörse kaufen, da sie dann das Foto herausziehen müsste. Das könnte das Bild beschädigen, denn es war bereits mit der schützenden Folie verklebt. Und so pflegte sie ihr altes DDR- Portemonnaie wie eine Ikone. Alle Briefe die sie schrieb, alle Päckchen in die Heimat, blieben unbeantwortet. Sie hatte einst in der DDR Maschinenbau studiert. Nach der Wende konnte sie sich mit ihrem Diplom den Allerwertesten abwischen und ihrem Mann erging es gleich, denn sie studierten einst zusammen an der TU Dresden. Durch einen Zufall rutschte sie zunächst als Aushilfe in die Zahntechnik hinein, nachdem sie zwei Kinder geboren hatte. Dat- Kevin und Dong- Christian. Ihr Mann gab den Kindern einen zweiten und deutschen Namen. So könnten sie später selbst entscheiden, welchen Namen sie tragen wollten, falls sie diskriminiert würden. Beide Kinder wurden seither mit dem zweiten Namen gerufen. Nang war sehr tapfer, beklagt hat sie sich nie. Ihre übermäßige Höflichkeit fiel Hanna immer wieder auf. Sie schätzte ihre Mitmenschen und nahm sie so, wie sie waren. Bewundernswert.

Auf der Heimfahrt, nach der obligatorischen täglichen Überstunde, machte sich Hanna Gedanken über den Abend mit Ansgar. Ansgar, ihr Freund. Der große dunkelhaarige Junge mit den grünen Kulleraugen und dem Kussmund. Sie waren in diesem Sommer zwei Jahre zusammen. Er hatte das Gemüt eines Schaukelpferdes. Wenn er wollte, wollte er oder eben nicht. Heute so, morgen so. Hanna missfiel das zunehmend. Er studierte im vierten Semester Betriebswirtschaft. Hanna wäre es lieber gewesen, er hätte weiter Jura studiert, wegen der besseren Chancen auf einen guten Job. Mit Betriebswirtschaftlern war der Markt ihrer Meinung nach übersättigt. Aber nein, das Schaukelpferd wollte eben nicht. Überhaupt wollte er in letzter Zeit oft das Gegenteil von dem, was Hanna wollte. Wollte sie „Saure Eier“ essen, wollte er Milchreis essen. Wollte sie ins Kino gehen, wollte er in die Schwimmhalle gehen. Wollte sie relaxen, wollte er Musik hören. Er war ständig auf Anti- Kurs. Wahrscheinlich brauchte er Anerkennung wie ein kleines Kind, weil Hanna das Geld nach Hause brachte und Ansgar von Mutti gesponsert wurde. Sogar seinen Golf bezahlte Mutti. Apropos Mutti. Diese Frau mit Namen Isolde hatte ein wenig Ähnlichkeit mit Anja. In Ratschläge geben und Besserwisserei war sie Spitze. Auch wenn sie nie in ihrem Leben gearbeitet hatte und die Ausbildung zur Krankenschwester wegen der endogenen Ekzeme, eines Rückenleidens und der chronischen Enteritis acuta ihres Reizdarmes, also auf Deutsch „Dünnpfiff“, abbrechen musste, verfügte sie anscheinend über ein umfassendes medizinisches und allgemeines Wissen aus den Fachzeitschriften für geplagte Hausfrauen, welche sie zu Hauf in ihrem Wohnzimmer hortete und mit welchen sie auch konsequent als Fachliteratur argumentierte. Schließlich wären das alles gute Ärzte in den Redaktionen. Als Hanna in einer solchen Diskussion einmal fragte, warum diese tollen Ärzte es denn nötig hätten, Artikel in einer Frauenzeitschrift zu veröffentlichen, stotterte Isolde, dass man die eben dazu befragt hätte und wechselte pikiert das Thema. Der Kioskbesitzer wäre wahrscheinlich längst pleite, würde Isolde nicht ihm gegenüber wohnen. Ihre chronischen Erkrankungen schienen allerdings, einige wenige Jahre später, wie von Zauberhand ausgeheilt, als ihr EU- Rentenbescheid rechtskräftig wurde. Mit Norbi, ihrem Gatten, hatte sie es auch nie nötig zu arbeiten, denn Norbi ackerte von früh bis spät in seiner Baufirma und hatte es verlernt zu widersprechen. Ihm drohten bei Widerrede Strafen wie Sexentzug oder eine nicht gefüllte Stullenbüchse. Norbi mochte Hanna und Hanna mochte Norbi. Sie hatte Mitleid mit ihm. Und er mit sich wohl auch. Manchmal, wenn sie alleine waren, schüttete er ihr sein Herz aus.

Wenn Isolde den Raum betrat, so tat sie das nicht ohne eine gewisse Theatralik. Ihr Schal wurde wedelnd weggeschleudert, ihr Haar nach hinten geworfen. Sie begann ihre Begrüßungssätze gern mit Seufzern und „Puuuh“ oder „Eijeijei“. Wie sollte es anders sein, betrat sie letztens die Wohnung von Ansgar und Hanna mit einem jammernden:

„Hach Hannalein, Deine Gardinen sind aber geknautscht. Ansis T- Shirt sieht auch nicht besser aus. Aber die Bakterien!“

Sie hatte immer das Bedürfnis zu verniedlichen oder in der dritten Person zu reden. Einmal knuffte sie Hanna unwirsch in die Wange und sagte:

„Na dafür kann se tolle Zähne machen“,

was so viel hieß wie: Du bist eine jämmerliche Hausfrau. Sie versuchte immer krampfhaft auf nette Schwiegermutti zu machen, aber ihre verbalen und mimischen Angriffe registrierte Hanna immer ganz genau. Sicher sah sie in Hanna eine Rivalin. Erstens hatte sie ihr ihren Hosenscheißer weggenommen und zweitens war sie dabei, auf eigenen Füßen zu stehen und unabhängig zu sein, was Isolde nie geschafft hatte. Sie war sozusagen das Abbild ihrer eigenen verpassten Träume. Hanna versuchte solche Attacken stets zu ignorieren, was ihr durchaus nicht immer leicht fiel. Schwiegermütterlein wurde daraufhin leichtsinniger, so dass Hanna sie manchmal beim Zeichen geben zu Ansi erwischte. Ihr Ansi tat dann immer so, als ob er es nicht gesehen hatte, um keine Position beziehen zu müssen. Er bezog überhaupt ungern Position. Hanna rächte sich dann immer hinter Schwiegermuttis Rücken mit der pantomimischen Geste, ein Baby zu schaukeln oder sie nuckelte fratzenziehend am Daumen.

Wenn Hanna gleich in die Zweizimmerwohnung kommt, wird er am Computer sitzen und spielen oder eine Autoteileauktion beobachten oder eingeschlafen sein, über den ungeliebten Studienblättern. Nein, Überraschungen gab es eigentlich nicht mehr. Wenn sie spät von der Arbeit kam, fragte er fast immer, ob sie Hunger hatte. Dabei schob er dann sein Stullenbrettchen oder Pizzablech beiseite, zupfte sich die zerzausten Haare und räumte die Überreste seines lieblos zubereiteten Abendbrotes weg. Er ging in die Küche und fing an, Geschirr und Besteck für Hanna zu suchen, als wollte er ihr ein Abendbrot anbieten. Doch beim Geschirr hinstellen blieb es dann. Es war in letzter Zeit zu einem regelrechten Ritual geworden, eben beschriebene Handlungsschritte in genau dieser Reihenfolge zu vollziehen. Hanna würde es auffallen, sollte Ansgar einen der Schritte vergessen oder in falscher Reihenfolge ablaufen lassen. Dann würde irgendetwas nicht stimmen. Ihr Beziehungsseismograph funktionierte recht zuverlässig. Früher aßen sie immer zusammen. Jetzt aß Hanna Cornflakes oder Joghurt, irgendetwas, was schnell ging. Ansgar fragte dann immer obligatorisch nach ihrem Tag, hörte aber eigentlich nicht hin. Im Laufe der letzten Monate verspürte Hanna kein Bedürfnis mehr, ihm alles haarklein zu berichten, wie sie es früher begeistert tat. Auch im Bett war tote Hose. Ein bisschen Blümchensex, ab und zu. Missionarsstellung, zack zack, heia heia. Oft hatten sie sich schief gelacht über das eine oder andere Erlebnis, bei einer Flasche Wein auf dem Balkon oder sie quatschten im Bett noch bis tief in die Nacht, von der gemeinsamen Zukunft. Sie träumten, was sie alles mit einem großen Lottogewinn anstellen würden und wohin sie reisen wollten. Hanna vermisste diese Zeit. Sie suchte nach Erklärungen und Gründen. Es gab eben in ihrem Alltag keine Abwechslungen und Überraschungen mehr. Der Andere war abgecheckt. Der Trott war jetzt zuhause. Ansgars Studium stagnierte und Hanna langweilte sich in ihrem Alltag. Sie waren manchmal wie Geschwister. Hanna hatte schon oft versucht, Ansgar von einem Umzug in einen anderen Stadtbezirk zu überzeugen. Berlin ist so abwechslungsreich, versuchte sie zu argumentieren. Außerdem könnte man ein bisschen Distanz zu Isolde schaffen. Aber Ansgar sagte dann, dass sie doch froh sein sollte, wenn seine Mutter auch mal Wäsche wäscht, bügelt oder die Reste vom Sonntagsbraten vorbeibringt. War sie aber nicht. Einmal fragte Hanna Isolde ironisch, als ihr der Kloß im Hals immer größer wurde, wie lange sie Ansgar eigentlich gestillt hätte und ob das Abstillen ein Problem gewesen wäre. Isolde antwortete artig, ohne die Arglist zunächst entdeckt zu haben: „So drei Monate. Warum? Nein, Abstillen ging recht schnell. Wieso? Eine Woche oder so.“

Hanna recht zickig und mit aufgerissenen Augen:

„Och sieh mal an. Glaubt man ja gar nicht.“

„Warum fragst Du?“, wunderte sich Isolde dann endlich und sah Hanna mit grübelnder Miene und schiefem Blick an.

„Nur so. Nur so.“

Ansgar warf Hanna einen giftigen Blick zu. Auch wenn sich in letzter Zeit augenscheinlich das Verhältnis der beiden Frauen abkühlte, schien Ansgar nicht bereit, etwas dagegen zu unternehmen. Er drehte sein Fähnchen in den Wind und wand sich, wie ein Aal. Nur keine Position beziehen.

Frau Bredot

Hanna hatte Reparaturdienst, es war Samstag. Herr Zobel wollte mit seinem Labor und den Mitarbeitern flexibler für den härter gewordenen Markt sein. Immer mehr Zahnärzte öffneten ihre Praxen auch am Samstag und sogar am Sonntag, um neue Patienten zu gewinnen und die alten Patienten bei Laune zu halten. Die zahlungskräftigen Vielarbeiterpatienten und Unternehmer wollte er auch haben. Da war das Labor im Zugzwang.

„Ein Dentallabor ist ja völlig abhängig von den Zahnärzten und von den Krankenkassen“,

verteidigte sich Zobel.

„Ich kann mit den Kunden nicht diskutieren.“

Das hieß für jeden Zahntechniker hin und wieder, an einem Samstag, einen Reparaturdienst zu schieben. Es würde dann von Zobel mit einem halben Urlaubstag honoriert. Wie großzügig. Hanna störte das allerdings nicht sonderlich, denn es war meistens ruhig und die Patienten waren nett und dankbar. Da bekam man dann die Anerkennung, die einem Zahntechniker im Alltag meist verwehrt blieb. Man konnte das Ergebnis seiner Arbeit mit eigenen Augen am Patienten sehen. Manche Leute wissen ja gar nicht, wer den Zahnersatz anfertigt. Eine Patientin sagte mal zu Hanna:

„Hoch das ist ja interessant. Ich dachte, das macht der Doktor alles selbst mit seinen Mädels“.

Hanna hatte an diesem Wochenende mit Nang Dienst. Es klingelte. Ein altes Mütterlein stand vor der Tür und sagte mit schüchterner Stimme:

„Guten Tag, mein Name ist Bredot.“

Hanna nickte freundlich, streckte ihre Hand zur Begrüßung aus und bat die Frau höflich herein.

„Lehnert“,

sagte sie kurz und lächelte dabei.

„Von welcher Praxis kommen Sie?“

Die Frau erklärte ihr, dass sie von ihrer Nachbarin gehört hatte, dass das Labor Zobel am Samstag Prothesen reparieren würde und dass man warten könnte. Hanna erklärte ihr, dass man nach der Reparatur zu seinem Zahnarzt gehen muss, um die Reparatur bei der Kasse abrechnen zu können.

„Aber was hat denn der Zahnarzt mit meiner gebrochenen Prothese zu tun?“,

fragte Frau Bredot verständnislos.

Hanna wusste so schnell keine plausible Antwort und sagte kurz, dass es nun mal so Pflicht sei, da nur der Zahnarzt verordnungsberechtigt sei.

„Verzeihen Sie!“, sagte die kleine Frau freundlich.

„Das ist doch Blödsinn oder? Dann muss ich ja beim Zahnarzt auch nochmal bezahlen, obwohl der gar nichts daran gemacht hat? Und die Kassen meckern immer über zu hohe Ausgaben. Wissen Sie, ich war seit zehn oder zwölf Jahren bei keinem Zahnarzt mehr. Hat da die Kasse nicht genug gespart? Mein Zahnarzt ist gestorben und den kann mir heute keiner mehr ersetzen. Ich bin eben sehr anhänglich. Über dreißig Jahre war ich bei ihm in Behandlung. Ich bezahle ihnen die Reparatur gerne gleich hier.“

Hanna tat die alte Frau leid, aber sie wusste, dass das verboten von Herrn Zobel war. Jedoch konnte sie die alte Frau auch nicht wieder wegschicken.

„Kommen Sie doch bitte herein! Ich mache es für Sie ausnahmsweise heute so, als Notfall. Aber Geld nehme ich nicht. Es wäre nett, wenn das unser kleines Geheimnis bliebe, okay? Möchten Sie einen Kaffee oder einen Tee trinken, Frau Bredot?“

„Ja gerne. Ich danke Ihnen ganz herzlich, aber ich möchte nicht, dass Sie wegen mir Ärger bekommen!“

Hanna winkte ab und forderte die Frau auf, ihr den gebrochenen Zahnersatz zu geben, legte ihn in eine mit Zellstoff ausgekleidete Arbeitsschale aus Kunststoff.

„Das wird jetzt ungefähr eine Stunde dauern, denn ich muss zuerst ein Gipsmodell anfertigen, nachdem ich die Prothese provisorisch geklebt habe.“

„Ein Gipsmodell?“, fragte Frau Bredot.

„Interessant! Ich dachte, Sie kleben das mit Spezialkleber?“

„Nein“, antwortete Hanna.

„Die Prothese muss auf dem Gipsmodell fixiert werden und anschließend mit neuem Kunststoff repariert werden. Dazu isoliert man den Gips zunächst mit einer schichtbildenden Flüssigkeit, trägt den flüssigen Kunststoff auf die gesäuberte und angeschliffene Bruchstelle auf und polymerisiert sie unter Wasser aus, in einem Drucktopf. So härtet die Prothese auf dem Modell unter großem Druck aus.“

Die alte Frau blickte erstaunt und interessiert. Im Beisein von Frau Bredot fixierte sie den zerbrochenen Zahnersatz an der Bruchstelle und gab Nang im Gipsraum die Prothese mit der Bitte, das benötigte Modell anzufertigen. Nun setzte sich Hanna mit einer Tasse Kaffee zu Frau Bredot und erklärte ihr, dass sie nun etwa zwanzig Minuten warten müssten, bis das Modell abgebunden ist.

„Ich möchte Sie nicht von Ihrer Arbeit abhalten“,

sagte die alte Frau.

„Das tun Sie nicht. Sie sind bis jetzt die einzige Patientin heute.“

„Einen interessanten Beruf haben Sie.“