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13 Kurzgeschichten entführen in kuriose Situationen weltlicher und kirchlicher Feste oder Feierlichkeiten, die man vielleicht selbst schon erlebt hat. So aber sicher nicht. Gut, wenn einem das erspart bleibt, was auf die Protagonisten in diesen Geschichten eintrifft; sie fallen tief, kommen nicht immer geläutert oder abgeklärt wieder auf die Beine: Eine Rosenhochzeit fällt ins Wasser, der Vatertagsausflug in Ungnade, eine Taufe endet in höllischem Gelächter. Der hintergründige Humor und die spirituellen Verflechtungen der Erzählungen geben auch nach Ende der Lektüre noch zu denken.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Bruno Woda
Kurzgeschichten
ImPrint eBook Münster 2012© 2010 ImPrint Verlag, Münster
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-936536-96-6
Taufe
(Annemaries Baby)
Ostern
(Ich will den toten Hasen sehen)
Blind Date
(E-Mail zur Liebe)
Christi Himmelfahrt
(Oder Vatertag)3
Tag der offenen Tür
(Vaters passende Bemerkung)
Advent
(Mariä unbefleckte Empfängnis)
Nikolaus
(Gut, dass ich Turnschuhe anhatte)
Geburtstag
(Eine ausgefallene Party)
Weihnachten
(Hannes & Hermine)
Die erste Auflage
(Wer schreibt, bleibt)
Hochzeitstag
(Mit ablandigem Wind)
Abiturtreffen
(Für das Leben lernen)
Komme Freitag den 13ten
(Eine kurze Geschichte)
„Fassen Sie sich bitte kurz, Herr Pastor!“
Und als Erklärung auf das empörte Gesicht des Pastors hin: „Wir müssen noch 80 Kilometer heimfahren. Wir wollen unsere Gäste zur Taufparty nicht warten lassen.“
Annemarie blickte erst erschrocken auf ihren Mann und dann etwas verlegen zu Pastor Kaspert.
Ich glaubte, dessen Gedanken erraten zu können.
Aber Pastor Kaspert nahm es unkommentiert hin, schluckte und fuhr scheinbar unbeirrt mit der Taufzeremonie fort. Er hatte sich gut im Griff.
Vor zwei Tagen hatte mich Annemarie aufgeregt angerufen. Sie befände sich in einer Notlage und brauche Hilfe. Sie habe doch vor vier Wochen ein Baby bekommen, ein Problemkind. Die Ärzte hätten gerade noch die richtige Diagnose gestellt. Ihr Kind wurde mit dem Hubschrauber in die Kinderklinik geflogen. Sie wolle mir später alles erzählen. Jetzt suche sie aber noch schnell einen Taufpaten. Für morgen um 11:30 Uhr in unserer Dorfkirche.
Ich sei ihr, Gott sei Dank, gerade noch eingefallen. Und weil ich im Ort wohnte, könne ich doch vielleicht kurzentschlossen einspringen.
„Bitte sag nicht Nein“, flehte mich Annemarie an.
Ich sagte zu.
Annemarie mochte ich schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit gut leiden. Sie verfiel nur immer den falschen Männern.
Jetzt stand ich also neben ihr am Taufbecken, mir gegenüber Pastor Kaspert. In die Augen wollte ich ihm nicht sehen. Aber trotz der unangemessenen Aufforderung des Vaters durfte er die Taufe nicht abbrechen.
Ich wusste, er war nahe daran, es zu tun.
Im Gedanken hörte ich ihn sagen: Gut, wenn Sie jetzt keine Zeit für das Sakrament der Taufe haben, verschieben wir den Termin.
Der Mutter zuliebe sagte er es nicht. Und das Kind sollte keinen Schaden haben.
Der Pastor kannte Annemarie recht gut. Er war vor etwa acht Jahren in die Gemeinde gekommen. Annemarie war hier aufgewachsen. Es war ihr Wunsch, hier getraut zu werden und im gegebenen Fall auch ihr Kind hier taufen zu lassen. Letzteres war ihr gegönnt.
Zu den Vorbereitungsgesprächen für die Taufe war sie stets allein erschienen. Der Vater sei beruflich sehr angebunden und meist auf Dienstreisen im Ausland.
Da stand ich also ziemlich unbedarft und doch betroffen. Ich wusste nicht mal, worauf sich die Sorge um das Kind bezog, was das Problem war. Annemarie hatte ich, bis auf das kurze Telefonat, schon lange nicht mehr gesprochen. Den Vater kannte ich sowieso nicht.
Ich wollte und ich konnte nicht über ihn urteilen. Unbewusst war er mir aber nicht gerade sympathisch.
Vom Kind konnte ich nur in etwa die Gestalt und die Silhouette des Kopfes erkennen. Es war ziemlich groß für einen Monat. Ein Junge. Das Taufhäubchen mit der Spitzenbordüre war tief ins Gesicht gezogen. Ein Büschel schwarzer, krauser Haare quoll darunter hervor. Die Nase war kräftig, markant und warf einen harten Schatten in das ohnehin recht dunkelhäutige Gesicht.
Die Sonnenstrahlen des freundlichen Samstagmorgens fielen durch die Seitenfenster der Kirche ein paar Meter am Taufbecken vorbei auf den Boden. Sie ließen den dunklen, sonst kaum wahrnehmbaren Fleck in der Bodenplatte zur Krypta rötlich funkeln. Als ob sich durch den Stein gleißendes, eisenhaltiges Mineral aus dem Untergrund hervorzwängte.
Taufbecken und Kind waren ganz in Schatten gehüllt.
Ich war gespannt, ob ich das Handicap oder die Erkrankung des Kindes erkennen könnte.
Eine Nottaufe war das ja nicht. Also war es wohl nicht so schlimm.
Die Sonne drehte jetzt etwas auf, die Schatten wurden schärfer, der Innenraum der Kirche erhellte sich ein wenig.
Der Vater hatte stumpf schwarzes, kräftiges Haar. Dichte, buschige Augenbrauen wölbten sich über gelbgrünen, leicht geröteten Augen.
So hell war es nun auch nicht geworden, dass er die Augen zusammenkneifen musste. Ich sah ihn prüfend an. Aber ich wollte seinem abweisenden Blick dann doch nicht länger standhalten. Mein Interesse galt ohnehin dem Jungen.
Jetzt konnte ich etwas erkennen. Die Missbildung des Schädels war trotz des Taufkleidchens deutlich zu erahnen.
Ich war geschockt. Oh Gott, Annemarie! Das hast du nicht verdient, schoss es mir durch den Kopf.
Noch ein kurzer, verstohlener Blick auf das Kind: Tatsächlich, der Kopf war entstellt. Es hatte etwas Animalisches.
Annemarie bemerkte mein Entsetzen nicht. Auch der Pastor und der Vater kümmerten sich nicht um mich.
Was musste die arme Annemarie durchstehen.
Deshalb waren also keine weiteren Freunde oder Verwandten und nur ich als einziger Pate zur Taufe anwesend.
Die Ansprache des Pastors hatte ich gar nicht mehr wahrgenommen. Es wurde auch kein Taufspruch vorgetragen.
Ich konnte mich nur noch erinnern, dass der Vater widerwillig und unsicheren Schrittes dem Pastor zum Altar folgte während die Mutter das Kind fest im Arm trug.
Ich folgte wie in Trance als Letzter. Der Weg war mir vertraut.
Lustlos aber doch neugierig hatte ich die Einladung zur Taufparty in die Stadt angenommen, wo der Vater des Kindes ein Haus für die junge Familie erworben hatte.
Als die freundliche Frauenstimme meines Navigationsgerätes entschied: „Sie haben ihr Ziel erreicht“, war ich baff: Ich befand mich vor einer Villa auf einem parkähnlichem Grundstück. Schicke Karossen hielten vor der Villa entlang der Auffahrt an. Entsprechend distinguiert auftretende Gäste nahmen ziemlich beeindruckende Taufgeschenke aus ihren Bentleys, Jaguars und Daimlern.
Das weite Parkgrundstück war zur Feier aufwendig und prunkvoll geschmückt. Ein Kleintransporter der Cateringfirma aus München blockierte jetzt die Einfahrt zum Park.
Also musste ich meinen betagten Kombi in einer Seitenstraße abstellen. Dort fiel er auch nicht so sehr aus dem Rahmen.
Im Park eingetroffen, war ich nun doch erstaunt, Pastor Kaspert unter den eintreffenden Gästen wiederzusehen.
Annemarie hatte ihn offensichtlich bewegen können, zur Feier zu kommen.
Annemarie und der Hausherr begrüßten alle Ankommenden gestenreich, bedankten sich überschwänglich für die Geschenke, die Damen wurden rechts, links beküsst, manche auch noch ein drittes Mal.
Ein dienstleistendes Gespann, sie mit weißem Häubchen und Schürze, er mit Butler mimendem Outfit, nahm den Gästen Geschenke und Garderobe ab, um sie im Haus zu deponieren. Mit mir hatten sie wenig Last.
Mehrere ebenfalls beschürzte, adrette junge Frauen boten Champagner und Empfangscocktails von silbernen Tabletts an.
Mit dem Glas in der Hand fühlte ich mich etwas lockerer. Die brünette, aufregend gekleidete Tochter des älteren Herrn neben mir wählte ich mir als erstes Opfer zum Small Talk.
Sie ging freundlich darauf ein. Als ich ihr erzählte, dass ich die Mutter des Täuflings schon seit meiner Schulzeit kannte und dabei dem Herrn den Rücken zuwandte, machte sie einen Schritt zur Seite und sagte zu ihm: „Schatz, der junge Mann ist ein Jugendfreund von Annemarie!“
Schade, mit der jungen Dame wäre ich gerne etwas vertrauter geworden. Sie hätte mir vielleicht auch mehr zu Annemaries Situation sagen können. Sie war in ihrem Alter, ihr Schatz mehr im Alter des Kindsvaters.
Bevor ich mir eine neue Kontaktstrategie ausdenken konnte, spielte die bisher dezent im Hintergrund agierende Kapelle einen Tusch.
Der Vater und Annemarie mit dem Kind im Arm machten Pose vor einem Mikrofon auf der Gartentreppe zur Villa.
„Liebe Freunde, liebe Gäste, ein herzliches Willkommen zur Tauffeier für unseren kleinen Luke-Lester!“
Dabei hob Annemarie ihr Kind ein wenig in die Höhe. Zum Glück war es immer noch ziemlich eingemummelt in seinem Babykleidchen. Man konnte nichts erkennen. Und sofort nach dieser scheuen Präsentation legte sie es in das hinter ihr bereitgestellte Kinderbett, das mit Rüschchen und Bändern verhüllt geschmückt war.
„Besonders begrüßen dürfen wir auch den Herrn Pastor, der unseren kleinen Luke in Annemaries Heimatdorf heute Morgen getauft hat. Ein inniger Wunsch meiner Frau!“
Autsch, das klang ja fast gewollt distanziert, dachte ich mir. Der Herr Pastor war aber am Rande einer größeren Partygruppe zur Straße hin gerade dabei, sein Glas nachfüllen zu lassen. Er hatte diesen Teil der Ansprache nicht gehört.
Ein paar Gäste wurden dann noch namentlich begrüßt, an deren Erwähnung man die Bedeutung der Gastgeber messen durfte.
Schlussendlich folgten noch einige belanglose Floskeln zum Aufwärmen der Stimmung und zum technischen Ablauf der Feier.
Die Musik war wohltuend fürs Ohr, nicht zu laut, um die Gespräche zu stören. Das aufgetragene Buffet und die ausgesuchten Getränke trugen zur entspannten und angenehmen Stimmung bei.
Meine drängende Neugierde, das Problem mit dem Kind endlich zu klären, wurde dadurch aber nicht weggespült.
Der Himmel über der Taufparty verdunkelte sich nun zunehmend. Von weiter weg war ein dumpfes Grummeln zu vernehmen, Anzeichen für ein aufziehendes Gewitter.
Ich musste die Sache jetzt angehen.
Eine Haushaltsgehilfin rollte das Bettchen mit dem Kind, von der Gesellschaft unbemerkt, eilig ins Innere der Villa, begleitet von Annemarie.
Das schien mir eine gute Gelegenheit, Annemarie von den Partygästen und dem Vater unbeansprucht, zu ihrem Kind und ihrer Situation zu befragen. Ich machte mich auf und folgte ihr ins Hausinnere.
Das Wohnzimmer erwies sich als Salon, zum Haupteingang der Villa offen mit zwei geschwungenen Steintreppen zum Obergeschoss.
Das Kinderbettchen war in einem Seitenraum aufgestellt. Symmetrisch zur Längsachse des Salons angelegt war ein zweiter Seitenraum gegenüber, der offensichtlich nur für heute mit einer Theke als Hausbar eingerichtet war. Man konnte die ganze Partygesellschaft also auch bei Regen im Inneren des weiträumigen Hauses bewirten.
Das Zimmer mit Bettchen und Kind war unbeleuchtet, nur von der Flügelfenstertür, die auf einen Balkon führte, fiel ein Streifen mattes Licht herein.
Annemarie eilte aber sofort wieder hinaus zu ihrem Mann und zog ihn auf die Gartenterrasse vor dem Salon, um mit ihm etwas offensichtlich Unaufschiebbares zu bereden.
Als sie mich warten sah, winkte sie mich heran.
Wir gingen zusammen ins Innere zum Seitenraum, zum Kind.
Der Vater, Annemarie und ich standen etwas unbeholfen vor dem Bettchen, das Kind schien zu schlafen. Ich konnte in dem dunklen Raum nur schwarzgrau sehen. Und denken.
Beide hatten sich wohl schon abgestimmt, mich über die Situation aufzuklären.
Annemarie bedankte sich mit einem zart gehauchten Küsschen auf meine linke Wange, weil ich ihnen aus der Patsche geholfen hätte. Das vorgesehene Taufpatenpaar, Bruder und Schwester ihres Mannes hätte einen Autounfall gehabt, nichts Schlimmes, doch seien beide nicht einsatzfähig.
„Aber du willst sicher wissen, was mit unserem Baby ist?“ Annemarie, meine unruhigen Blicke zum Bettchen auffangend, wandte sich an ihren Mann.
„Erzähl du es, du bist der Arzt.“
„Nennen Sie mich Lucky und duzen wir uns doch“, sprach er mich an. „Annemaries Freunde sind auch meine. Und du hast uns wirklich sehr geholfen und so spontan.“
Annemarie und er hätten sich sehr auf die Geburt ihres lang ersehnten Kindes gefreut. Sie hatten so viele Pläne mit dem Kind. Zum Babyschwimmen war es schon angemeldet.
Und dann der Schreck: Das Kind war mit Missbildungen des Verdauungstraktes geboren. Luftröhre und Speiseröhre waren miteinander verwachsen. Der Enddarm war nicht voll ausgebildet. Es hatte keinen Darmausgang, keinen After.
„Die Konsequenzen kannst du dir vorstellen: Beim Stillen drohte es zu ersticken, es hätte nicht überleben können.“
Und Annemarie: „Unser Kinderarzt hatte gleich einen Verdacht und veranlasste die Untersuchung in der Kinderklinik. Die stellten dann weitere Komplikationen fest. Sie ließen unser Kind noch am gleichen Tag zur Notoperation mit dem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik fliegen.“
Lucky ergänzte: „Diese Ösophagusatresie kommt bei etwa 3.500 Geburten einmal vor. Die Speiseröhre hat keine Verbindung zum Magen und mündete bei unserem Kind in die Luftröhre. Früher starben die Kinder daran. Heute kann man das gut operieren. Häufig liegen auch noch zusätzliche Missbildungen vor. Wie bei Luke der fehlende Darmausgang. In der Klinik haben sie solche Fälle schon mit Erfolg operiert. Zunächst musste die Öffnung zwischen Luft und Speiseröhre geschlossen werden, damit das Kind nicht auf Dauer künstlich ernährt werden muss. Für eine Übergangszeit musste ein künstlicher Darmausgang eingerichtet werden. Aber Gott sei Dank sei die Anusmuskulatur angelegt, so dass später der Darm zu dem noch zu entwickelnden After verlegt werden kann.“
Die Bemerkung Gott sei Dank kam etwas verkrampft von seinen Lippen, wie mir schien.
Annemarie bemerkte: „Es ist noch nicht alles ausgestanden, aber die Ärzte machen uns gute Hoffnung.“
Weil die Taufe in der Kirche so unter Zeitdruck stand, wollte sie wenigstens hier im Zuhause des Kindes noch ihre Dankbarkeit und Wertschätzung der christlichen Taufe ausdrücken.
Dazu führte der Butlertyp jetzt auch Pastor Kaspert in den Seitenraum des Salons. Er war offensichtlich bereits vorher von den Eltern auf meinen Wissensstand gebracht worden.
Erstaunlich gleichmütig nahm Pastor Kaspert nun die Bitte der Eltern auf, ein kurzes Dankgebet miteinander zu sprechen. Er schien ein wenig erleichtert. Etwas Genugtuung war geschehen.
Und es gab sogar Taufbildchen des Kindes, versehen mit einem Taufspruch. Der kleine Luke-Lester lächelte sanft aus dem Bild die Betrachter an.
Wir sprachen gemeinsam ein Vaterunser; Pastor Kaspert mit fester Stimme, Annemarie und ich aus unterschiedlichen Gründen erleichtert, Lucky mit brummeliger Stimme, die keinen Text erkennen ließ.
Das Wetter draußen hellte sich nun doch wieder auf und das Sonnenlicht vom Balkon her traf voll ins Gesicht des Kindes in seinem Bettchen.
Das Baby sah völlig normal aus. Es lächelte und rieb sich die Äuglein ob der scharfen Sonnenstrahlen.
Erst dachte ich, sie hätten das Kind zur Feier ausgetauscht.
Das Gesicht war eben und hübsch, Haare und Hautfarbe zart glänzend und keinesfalls so stumpf und düster wie in der Kirche.
Ich war erlöst, dass ich mich getäuscht, dass ich mich nur wegen der gespannten Stimmung bei der Taufe in meiner Fantasie verrannt hatte.
Weitere Gäste kamen mit dem Taufbild in der Hand zum Bettchen und stellten unter verzückten Ausrufen die üblichen Vergleiche an: „Ganz der Vater“, „so hübsch wie die Mutter“, „etwas vom Vater wird er ja wohl auch haben“ und, die sich besonders locker gaben: „Der wächst schon noch!“
Der Vater kam mit einem Glas Champagner zu mir.
Wir wechselten auf die andere Seite des Salons und kamen ins Gespräch.
Ich bin danach zwar nicht sein bester Freund geworden, aber es gab objektiv keinen Grund, Annemarie zu bedauern.
Der Vater war offensichtlich gut situiert, ein galanter Gastgeber und froh, seine junge Familie wohlauf präsentieren zu können.
Mich selbst wieder aufmunternd hob ich das Glas und prostete ihm zu: „Glück, Gesundheit und Gottes Segen der jungen Familie!“ Lucky bekräftigte: „Vor allem Wohlergehen für unseren Luke-Lester.“
Die Erleichterung über die glückliche Auflösung meiner Fehleinschätzung trübte andererseits nun die Einschätzung meiner Trinkfestigkeit.
An der Hausbar ließ ich mich auf einige Whiskys zu viel ein. Lucky, es war eigentlich der Spitzname des Vaters, schien sich daran zu ergötzen. Auch an den Geschichten, die ich jetzt mit lockerer Zunge über Annemarie und unsere gemeinsame Schulzeit zum Besten gab.
Letztlich erzählte ich ihm von meinem Schock am Taufbecken. Sogar, dass ich kurz den Verdacht hegte, sie hätten für die Party das Kind ausgetauscht.
Lucky schien erst nur zu schmunzeln. Dann lachte er unverhohlen los.
Mir kam der Taufspruch auf den ausgeteilten Bildchen in den Sinn:
Gott ließ mich lachen. Jeder, der davon hört, wird mit mir lachen. (Genesis, 21, 6)
Lucky hatte sein Glas auf die Theke zurückgestellt, sah mich mit einem breiten Grinsen an. Dann stampfte er vor Vergnügen mit dem Fuß auf das Parkett und taumelte haltlos in ein tobendes, höllisches Gelächter.
… manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück …
!Eine neue Verkehrsmeldung –. Klaus drehte den Lautsprecherknopf für die gerade eingeblendete Staumeldung weiter auf:
… Autobahn A3 bei Buch – 8 km Stau wegen Bergungsarbeiten – Autofahrern in Richtung Nürnberg wird empfohlen auf die Staatsstraße 2240 auszuweichen! … sieben Brücken musst du gehen, sieben dunkle Jahre … Vera schaltet das Radio aus.
„Ich dachte du liebst Maffay?“, entrüstete sich Klaus süffisant.
„Schau lieber, dass wir eine Umgehung finden“, drängte Vera.
„Dann nimm halt mal den Autoatlas, das gelbe Band, dort ist unsere Streckenseite. Hast du die Seite?“
Vera blätterte die Seiten vor und zurück, drehte den klobigen Autoatlas um 90 Grad und hob ihn mit beiden Händen näher zum Gesicht.
„Verblätter die Seite nicht, ich habe extra das gelbe Band reingelegt.“
Das gelbe Band hing oben hinter dem Atlas heraus. Vera schlug die Seite mit dem eingelegten roten Band auf und konzentrierte sich auf die Streckenkarte.
„Hast du es?“
Keine Antwort. Vera drehte den Atlas hin und her.
„Ich frag dich was! Wenn du noch lange rumtrödelst, stecken wir mitten im Stau. Das gibt’s doch nicht. Gib mir das Buch!“
„Konzentrier du dich auf den Verkehr!“
Mit einem scharfen Richtungswechsel über die rechte Fahrbahnseite quetschte sich Klaus knapp hinter einem abgenutzten, dunkelblauen Ford Transit mit polnischem Kennzeichen in die Ausfahrt zu einem auftauchenden Parkplatz. Ein BMW-Fahrer hupte aggressiv hinter ihm her, weil er seinerseits abbremsen musste. Moritz war erschrocken und heulte.
„Musst du so riskant fahren!?“
„Schnauze! Wenn ich alles selber machen muss, dann geh mir wenigstens nicht auf den Geist.“
Klaus stoppte das Auto harsch hinter einem parkenden LKW und riss Vera den Atlas aus der Hand.
„Du siehst doch, das gelbe Band ist gar nicht eingelegt.“ Vera wies mit ihrem Finger trotzig verärgert auf den Atlas.
„Jetzt nicht mehr, lass mich in Ruhe überlegen; wie hieß die letzte Ausfahrt?“
Schweigen. Auch Moritz hatte begriffen, es sei besser, jetzt still zu sein.
„Okay ich nehm die nächste nach dem Rastplatz.“
„Wir können ja eine kurze Pause machen und die Beine etwas vertreten, dann fährst du vielleicht auch nicht mehr so hektisch.“
„Ich fahr nicht hektisch, aber mit euch muss man ja eine Elefantenhaut haben.“
„Papa hat eine Elefantenhaut“, plapperte Moritz wieder fröhlich nach. „Kommen wir noch zu Oma und Opa?“
„Klar, nur ein bisschen später; der Osterhase läuft uns nicht davon.“
Klaus ordnete das gelbe Band wieder in den Autoatlas ein und legte ihn unsanft auf Veras Schoss ab.
„Halt den Atlas bitte bereit, bis ich abgebogen bin; aber lass das gelbe Band, wo es ist!“ Seine Stimme klang schon etwas sanfter.
„Hast du jetzt eine Elefantenhaut?“
Moritz´ Frage entspannte die Situation. Klaus und Vera lächelten sich an. Klaus drehte zum Start den Zündschlüssel. Ein klägliches Kreischen der Maschine schreckte die Familie auf. Der Motor war noch im Leerlauf. Vera und auch Moritz reagierten auf den verlegenen Blick des Vaters mit klugem Schweigen.
Der Verkehrsfluss war nun schon sehr zäh. Still hofften alle, bis zur Ausfahrt nicht doch noch im Stau fest zu stecken.
Sie erreichten die Abfahrt gerade noch so in schleichender Stop-and-go-Fahrt.
Die anschließende Wegstrecke auf der Landstraße wurde kaum von Stauabbiegern genutzt. Die Straße schlängelte sich durch akkurat angelegte Fichtenwälder. Durch die Sichtreihen der Pflanzungen schickte die schon tief stehende Abendsonne gleißend goldene Strahlen.
„Man sollte öfter mal die Nebenstraßen fahren“, nahm Klaus die Unterhaltung wieder auf.
Gelegentlich führte die Landstraße ganz nah an der Autobahn vorbei, so dass man die Stauschlange zu sehen bekam. Die Genugtuung zur rechten Zeit abgebogen zu sein, bestimmte die nun freundlich entspannte Stimmung im Auto.
Die gemeinsamen Fahrten in die fränkische Heimat zu ihren Eltern oder zum Besuch von Jugendfreunden waren nie ganz unbelastet. Klaus und Vera hatten sich bei einem Sommerball der Universität kennengelernt. Klaus war damals Assistent und arbeitete an seiner Promotion, Vera war im fünften Semester ihres Biologiestudiums. Klaus wurde die eine oder andere Affäre mit seinen Studentinnen nachgesagt. Aber seit er mit Vera verlobt war – ihre Eltern bestanden darauf – sah man die beiden immer zusammen ausgehen. Klaus durfte nach der Verlobung in Veras Elternhaus übernachten, wenn sie gelegentlich an den Wochenenden zu Besuch kamen. Vera war für Klaus keusch und rein wie ein Engel und gleichzeitig lustvolle Begierde seiner Träume; seit der Verlobung erlaubterweise auch seiner Wachzustände. Vera fand ebenfalls zunehmend Gefallen daran.
Klaus war bedacht, diese jungfräuliche Beziehung zu entwickeln und fest gewillt, sie nicht zu belasten oder gar zu gefährden. Vera vertraute ihm. Doch Klaus erlebte an sich ein unheilvoll beißendes Gefühl, das ihn bei seinen bisherigen, sexuell erfahrenen Studentinnen nie belastete: Eifersucht.
Auch wenn ihm sein Verstand beruhigte, dass er Vera vertrauen konnte, wenn er sie mit Kommilitonen oder Sportsfreunden zusammen sah, quälte ihn seine Fantasie wie die Pein des Psychoneurotikers vor der eingebildeten Krankheit.
Als Vera, gerade während ihrer Examenszeit, ihr gemeinsam gewolltes Kind Moritz zur Welt brachte, verrannte sich Klaus zunehmend in seine zerstörerischen Gedanken. Auch Vera litt darunter. Wusste Klaus seine Frau nun mit dem Kind voll ausgelastet, überlegte er doch hin und her, an wen Vera wohl gerade dächte. Ob denn das Kind wirklich von ihm sei. Und er konnte seine Gedanken nicht mehr für sich behalten.
Er hinterfragte mehr und mehr die Beziehungen zu Kollegen oder Jugendfreunden, deren Namen Vera irgendwann einmal erwähnt hatte. Sie alle konkurrierten in seinem Kopf als potenzielle heimliche Geliebte Veras.
Anfangs war Vera darüber nur amüsiert. Dann nervte es sie mehr und mehr, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen.
Besonders während Vera Moritz stillte, erlebte Klaus eine neue Dimension ihrer Beziehung. Vera, sein angebeteter, reiner Engel, dann wieder lustvolle Geliebte war jetzt allein darauf konzentriert, ihrem Kind eine perfekte Mutter zu sein. Klaus empfand sich in dieser Beziehung zunehmend als Fremder.
Wenn Vera ihm den kleinen Moritz zum Schmusen reichte oder ihn aufforderte, die Windeln zu wechseln – Klaus hatte dafür extra einen Kurs absolviert – streckte das Kind gleich wieder seine Händchen zur Mutter. Moritz spürte, dass sein Vater im Gedanken woanders war. Und Vera wollte gar nicht mehr fragen wo.
