Festes Land am Südpol - Carsten Borchgrevink - E-Book

Festes Land am Südpol E-Book

Carsten Borchgrevink

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Beschreibung

Ein packender Bericht von der ersten Überwinterung in der Antarktis in den Jahren 1898-1900 durch die Mitglieder der Southern Cross-Expedition unter Leitung von Carsten Borchgrevink, der möglicherweise als erster Mensch den antarktischen Kontinent betreten hat. Die Britische Antarktis-Expedition war die erste Forschungsreise des sogenannten Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung. Zu ihren Pionierleistungen zählen das erstmalige Betreten der Großen Eisbarriere (heute als Ross-Schelfeis bekannt) sowie der Gebrauch von Hunden und Schlitten als Transportmittel in der Antarktis. Diese Expedition gilt als Wegbereiter der weitaus bekannteren britischen Ant­arktis-Expeditionen unter der Leitung von Robert Falcon Scott und Ernest Shackleton.

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Seitenzahl: 112

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Einleitung

Zehn Mann allein in einem neuen Lande

Eine gefährliche Kletterpartie

Das Leben in den Hütten

Eine Gletscher-Wanderung

Die Pinguine und andere Polarbewohner

Die große Eisbarriere

Einleitung

Zweitausend Jahre lang – bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts – erhielt sich der Glaube, daß auf der südlichen Erdhalbkugel ein großer unbekannter Weltteil liegen müsse, dessen Abgrenzung nach Norden hin von dem Indischen Ozean gebildet würde. Denn man sagte sich (mit Recht), daß den Landmassen der nördlichen Halbkugel ein ungefähr gleiches Festlandgebiet auf der südlichen Halbkugel entsprechen müsse, um die Erdkugel im Gleichgewicht zu halten und ihr Umkippen zu verhüten.

Der Weltumsegler J. Cook war der erste, der dreimal über den Polarkreis hinausdrang und im Jahre 1772 die äußerste Grenze des Südpolarlandes in 71° 10’ s. Br. und 106° 54’ w. L. sah. Von dieser Zeit an bis zum Jahre 1841 wurde das Südpolarland von verschiedenen Expeditionen ungefähr in 71° s. Br. gesehen.

Die ersten genaueren Kenntnisse über das Land kamen durch den großen Polarreisenden James Clarke Ross, der im Jahre 1841 als Leiter der britischen antarktischen Expedition mit den beiden Schiffen »Erebus« und »Terror« 78° 10’ s. Br. erreichte. Der Hauptzweck der Expedition galt der Auffindung des magnetischen Südpols, dem er sich so sehr näherte, daß die Magnetnadel eine Neigung von 89° zeigte.

Ross fuhr von Tasmanien geradeswegs nach Süden, und dieser glückliche Umstand führte ihn zu der einzigen Stelle, wo (soweit unsere heutigen Kenntnisse reichen) ein tiefes Eindringen in die Antarktis ohne besondere Mühe möglich ist. Ross entdeckte ein schnee- und gletschererfülltes Bergland, das er Süd-Victorialand nannte. Da es aber von einer unzugänglichen Eismauer gesperrt wurde, konnte er nicht landen. Das neue Land trug eine Reihe gewaltiger Alpengipfel, die schätzungsweise 3600 – 4200 m hoch waren und vom mächtigen Mount Melbourne überragt wurden. Noch mehr war man überrascht, als plötzlich ein eis- und schneebedeckter Kegel gesichtet wurde, der Rauch und Asche ausstieß – , ein in diesen Breiten völlig unerwartetes Schauspiel. Der 3770 m hohe Berg wurde Erebus genannt, und der niedrigere Nachbarvulkan, der bereits erloschen war, erhielt den Namen Terror.

Schon bei der ersten Annäherung an das Land war Ross eine unabsehbare weiße Linie aufgefallen, die sich als eine 50 bis 100 m hohe senkrechte Eismauer enthüllte. Da die Masten kaum halb so hoch wie die riesige Eisbarriere waren, so konnte man nur an wenigen niedrigen Stellen einen Blick auf die Oberfläche der glatt abgeschnittenen Eismauer tun, die man als eine weite, schneeüberkleidete Ebene erkannte, die nach Süden zu allmählich anstieg und an hohen Schneegebirgen endete. Die Eiswand, die Hunderte von Kilometern weit verlief, bedeutete für Ross eine bittere Enttäuschung, und nachdem er sich wiederholt bemüht hatte, das Ende dieses Hindernisses zu ermitteln, kehrte er nach England zurück.

Der erste, der das Südpolarland betrat, war der norwegische Gelehrte Carsten Borchgrevink. Er nahm an der Fahrt des Walfischfänger-Dampfers »Antarctic« teil (um überhaupt mitzukommen, als einfacher Matrose) und brachte die ersten Gesteinsproben und die ersten Pflanzen von dem antarktischen Festland mit, das man bis dahin für vollständig vegetationslos gehalten hatte. Da die Ergebnisse des Walfanges nicht lohnend genug waren, so wendete das Schiff zu Borchgrevinks großem Bedauern zu einer Zeit um, wo sich ein glänzendes Entdeckungsgebiet in nächster Nähe bot.

Indessen war die Reise für Borchgrevink insofern von Bedeutung, als er Gelegenheit fand, die antarktischen Fragen aus der Nähe zu betrachten. Die Entdeckung eines kleinen eisfreien Strandes bei Kap Adare ermöglichte es ihm, schon auf dem Rückweg in großen Zügen eine wissenschaftliche Expedition nach dem Südpolarland zu entwerfen.

Im Jahre 1898 brach Borchgrevink als Leiter einer wissenschaftlichen Expedition, die von dem Londoner Verleger George Newnes begünstigt wurde, zum zweiten Male nach den antarktischen Gebieten auf. Die reichen Ergebnisse und Erlebnisse dieser Expedition hat Borchgrevink mitgeteilt in dem Buche: »Das Festland am Südpol«. Die Expedition zum Südpolarland in den Jahren 1898 bis 1900, Berlin 1905.

Über den Plan der Expedition schreibt Borchgrevink:

»Ich wollte vom Süden Australiens her auf mein Arbeitsfeld losfahren, weil ich diese Seite für die günstigste Angriffsstelle hielt. Hier war es ja Ross im Jahre 1841 geglückt, weiter als irgend ein anderer gegen Süden vorzudringen, und außerdem hatte er aus der Ferne eine zusammenhängende Küstenlinie von über 400 Meilen beobachtet, die an manchen Stellen ein mehr als gewöhnliches Interesse für die Wissenschaft darzubieten schien. Die mächtigen tätigen Vulkane, die ungeheuren Gletscher, die hohen Bergriesen, die große Eisbarriere im fernen Süden, die selbst dem weiteren Vordringen des menschlichen Gedankens trotzt, alles dieses wirkte verlockend. Dazu kam, daß dieses unbekannte Land magnetische Probleme enthielt, deren Lösung nicht nur für die Schiffahrt auf der südlichen Halbkugel von unschätzbarem Werte sein würde.

Es war meine Absicht, erst einen festen Ausgangspunkt für die Landexpedition zu wählen, deren Hauptaufgabe in der Untersuchung der Verhältnisse an den neuen Küsten bestehen sollte. Ich nahm an, daß die kleine Halbinsel bei Kap Adare einen ziemlich sicheren Zufluchtsort bieten würde, von wo aus wir nach und nach mit neuen Plänen für die Erforschung des Landes weitergehen könnten.

Ich brachte Baumaterial für zwei möglichst große hölzerne Hütten mit, da wir einen ziemlich großen Raum für die Aufbewahrung der Sammlungen brauchten, die wir voraussichtlich machen würden. Hier wollte ich auch alle Photographien entwickeln, die wir von unsern Schlittenfahrten heimbringen würden.

Ich wollte, wenn es glücken sollte, auf dem südlichen Polarland zu landen, das Schiff nördlich senden, damit es sich während des Winters in offenem Wasser aufhalten und dadurch den Pressungen des Polareises entgehen könne. Im folgenden Jahre sollte das Schiff so früh als möglich, beim Eintritt des Sommers, Kap Adare zu erreichen suchen, damit wir seine Dienste zur Untersuchung der Küsten ausnutzen könnten, die Ross ein halbes Jahrhundert früher in der Entfernung gesehen hatte. Ich dachte auch an die Möglichkeit, daß das Schiff zur Untersuchung der Eisbarriere nötig werden möchte.

Ich hoffte die Schwierigkeiten zu überwinden, welche diese Eiswand darzubieten schien, möglicherweise sie auch besteigen und weiter in das Unbekannte eindringen zu können. Sollte es glücken, weiter südlich als Ross zu gelangen, so mußte die Barriere unter allen Umständen erklommen werden.«

Die Expedition war auf zwei Jahre berechnet, wurde aber für einen dreijährigen Aufenthalt im Polarreiche ausgerüstet. Das Expeditionsschiff, ursprünglich für den Robbenfang im nördlichen Eismeer bestimmt, hieß »Southern Cross« (= Südkreuz), nach dem strahlenden Himmelsbild, unter dessen Zeichen Borchgrevink in das Südpolargebiet vordringen wollte.

Die Expedition umfaßte außer Borchgrevink 30 Teilnehmer: Kapitän Jensen, der eine 20jährige Erfahrung in den arktischen Regionen hinter sich hatte, vier Wissenschaftliche: den Arzt Dr. Klövstadt, den Präparator Nic. Hanson, den magnetischen Observator Leutnant Colbeck und L. Bernacchi, ferner Evans, Fougner, Kolbein Ellefsen, die beiden Lappen Savio und Must und die Schiffsmannschaft.

Die beiden norwegischen Lappen waren erfahrene und tüchtige Skiläufer; da sie aus ihrem nordischen Leben vielerlei praktische Ratschläge und Handfertigkeiten mitbrachten, waren sie für die Expedition von großem Nutzen.

Zehn Mann allein in einem neuen Lande

Am Abend des 17. Februar 1899 fiel in dem letzten unbekannten Festland der Erde zum erstenmal ein Anker.

Wir waren in die Robertson-Bucht eingelaufen, die südwestlich von Kap Adare liegt. Die »Southern Cross« ließ den Anker niedergleiten. Noch ehe das Spritzwasser des fallenden Ankers an dem Schiffe festfror, donnerten unsere vier Kanonen, während 31 begeisterte Männer ein Hurra nach dem andern in die klare, kalte Luft hinaussandten.

Ich ließ ein kleines Boot aus Segeltuch aussetzen und nahm Bernacchi und den Lappländer Savio mit mir. Das Landen wurde uns dadurch erschwert, daß am Strande hoher Seegang und starke Strömung herrschte. Wir warteten, bis eine hohe Welle kam, und dann ruderten wir, so schnell wir konnten, dem Lande entgegen. Mitten im weißen Schaum wurde unsere kleine Nußschale ans Land gespült. In dem Augenblick, als das Boot mit seinem flachen Kiel aufstieß, sprangen wir alle schleunig hinaus, um nicht von der Woge ergriffen und zurückgespült zu werden. Dann brachten wir das Boot in Sicherheit, und Bernacchi entblößte sein Haupt und sprach mir seine herzlichen Glückwünsche dazu aus, daß wir die erste Aufgabe unserer Expedition erfüllt und das große unbekannte Land erreicht hatten.

Einige wenige Pinguine befanden sich noch auf der Halbinsel und wanderten unruhig umher. Sie schienen sich vor Ankunft des Winters auf die Reise nach dem Norden vorzubereiten. Schon in weitem Abstand hatten wir den Ammoniakgeruch ihrer Guanohaufen gespürt, und der Geruch wurde immer stärker, je mehr wir uns dem Strande näherten.

Mein erster Besuch am Lande war kurz, und wir kehrten gleich zur »Southern Cross« zurück. Es handelte sich darum, das gute Wetter auszunutzen. Die Bucht war augenblicklich einigermaßen eisfrei, und es schien angesichts der späten Jahreszeit nicht ratsam, das Schiff in der gefährlichen Stellung in der Nähe des Landes lange aufzuhalten. Sollte ein Sturm von Nord oder West ausbrechen und auf das Kap zuhalten, so war »Southern Cross« sehr gefährdet. Ich wußte, daß die Bucht sich dann im Laufe einer Stunde mit Packeis füllen konnte.

Am 18. begannen wir mit dem Löschen. Wir mußten alle Kisten, alle Instrumente, alle Säcke, alle 90 Hunde, Proviant für drei Jahre, 20 Schiffstonnen Kohlen und Baumaterial für die beiden Holzhäuser in vielen kleinen Walbooten nach und nach an Land befördern. An der Küste war indessen die Strömung so stark, daß wir die tiefgeladenen Boote nicht bis ganz dicht an den langen flachen Strand bringen konnten, den die Wassermassen in unaufhörlicher Bewegung bespülten. Wir mußten zu den Booten hinauswaten und auf unsern Rücken jede Kiste, jeden Sack mit Kohlen, jeden Schlitten, kurz gesagt, unsere ganze Ausrüstung an Land tragen.

Etwa zehn Tage mußten wir bis an die Hüften im eisig kalten Wasser arbeiten. Ich glaube wohl, daß der eine oder andere von uns sich seinen Rheumatismus in diesen Tagen geholt hat.

Am 23. Februar wurden wir plötzlich in unserer Arbeit durch einen sehr starken Sturm aus Südost gestört. Der Sturm gewann schnell an Stärke und hatte im Laufe einiger Stunden einen orkanartigen Charakter mit starken Schneewehen angenommen.

Die »Southern Cross« lag zu dieser Zeit wenige Kabellängen vom Strande entfernt. Gegen Osten lag das Kap mit seiner lotrechten schwarzen Wand. Hinter uns lagen drei kleinere Eisberge. Viel Treibeis war in die Bucht gekommen. Das Barometer sank kurz vor dem Sturme, schnell, ja so schnell, daß wir keine Zeit hatten, die am Lande arbeitenden Leute an Bord zu nehmen. Hier hatten sie als einzigen Schutz gegen den fegenden Polarsturm nichts als ein einfaches lappländisches Zelt. Allerdings hatten sie einige Nahrungsmittel bei sich; wäre aber das Schiff vernichtet worden, so hätte sich die Lage der an Land Gesetzten geradezu hoffnungslos gestaltet. Ich selbst befand mich damals auf dem Schiffe. Auch Kapitän Jensen war glücklicherweise noch im letzten Augenblick an Bord gekommen.

Schon ehe die Dunkelheit eintrat, hatte das Schneefegen die kleine Halbinsel und unsere dort befindlichen Kameraden vor unsern Augen verborgen. Wir hatten zwei große Anker mit vielen Ketten draußen. Obgleich wir uns nahe und zum Teil im Schutze der Klippen befanden und obgleich der Wind aus Südost kam, stand doch eine große unruhige See in der Bucht, in der wir uns aufhielten.

Mit zunehmender Dunkelheit wuchs auch die Kraft des Sturmes. Es regnete kleine und große Steine, die von der steilen Oberfläche des Kaps auf uns herabwehten. Einzelne Steine hatten etwa 1 Zoll Durchmesser.

Um 11 Uhr wehte es so stark, daß wir uns auf dem mit Eis bedeckten Deck kaum zu halten vermochten. Die Spritzwellen fegten von vorn bis hinten über die »Southern Cross«. Kapitän Jensen und ich waren um 11 ½ Uhr auf der Brücke, als die eine Kette riß und wir anfingen, in die schwarze See hinauszutreiben. Es war das erstemal, daß ich Kapitän Jensen ratlos sah. Gegen Norden im Schneedikkicht lag, wie wir wußten, die Halbinsel; hinten in der Richtung, in die wir trieben, hatten wir, ehe es dunkel wurde, drei große Eisberge gesehen, die sicher auf Grund standen.

Um 12 Uhr wurden der Kapitän und ich uns darüber einig, daß wir die Takelage kappen mußten. Wir hatten dann Aussicht, mit der Maschine die »Southern Cross« auf Land zu setzen und somit etwas von unserem Proviant und unserer Ausrüstung zu retten. Es gelang aber niemand, an dem vereisten Tauwerk in die Höhe zu klettern, und es stürmte mit einer solchen Stärke, daß wir auf allen vieren an Deck herumkriechen mußten. Der Sturm heulte derartig in der Takelage, daß wir uns nur in der Kajüte miteinander verständigen konnten.

Alles hing jetzt von unserer Maschine ab. Ich erinnere mich noch deutlich des Besuches, den ich in dieser Nacht unten im Maschinenraum machte, wo die beiden pflichtgetreuen Heizer mit fieberhaftem Eifer arbeiteten, während sie die Kohlen auf die Roste schütteten, um einen so hohen Dampfdruck wie möglich zu erzielen. Selbst dort konnte man vor dem draußen tobenden Orkan sein eigenes Wort nicht ver stehen.

»Treiben wir?« fragte der Maschinist Olsen, und beide Heizer brachen ihre Arbeit ab, um meine Antwort zu hören. Als ich ihnen unsere gefährliche Lage auseinandersetzte und ihnen erklärte, daß jetzt alles von der Maschine abhing, arbeiteten sie alle drei mit verdoppelter Kraft.

Jeden Augenblick konnten wir gegen die Klippen geschleudert oder zwischen den Eisbergen zerdrückt werden. Als der Dampfdruck so weit in die Höhe getrieben war, als der Kessel überhaupt noch vertragen konnte, wurden die Schraubendrehungen schneller. Es schien, als wenn die »Southern Cross« zum Leben erwacht sei, während die Herzschläge im Maschinenraum so stark wurden, daß man sie über das ganze Schiff fühlte.

Es glückte uns, einen neuen Anker anzubringen, und mit der mit voller Kraft arbeitenden Maschine trieben wir jetzt nur langsam den drohenden Eisbergen entgegen.