Festspielschmaus - Simone Guggemos - E-Book

Festspielschmaus E-Book

Simone Guggemos

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Beschreibung

Wird das Festspielhaus Füssen im märchenhaften Allgäu Tatort eines blutigen Albtraums? Das Musical über König Ludwig II. steht unter keinem guten Stern – erst entgeht der Hauptdarsteller nur knapp einem Anschlag, dann verschwindet er spurlos vom Erdboden und die Betreiber stehen auch noch kurz vor der Insolvenz. Um die Vorstellung und damit auch die Zukunft des Musicals zu retten, ermittelt Tiertrainerin Sissi gemeinsam mit dem neugierigen Jack Russell Terrier Ludwig, wer hinter der Verschwörung stecken könnte! Das sind die Zutaten für einen unterhaltsamen Lesegenuss: Witzige Abenteuer der Protagonisten, Theaterluft, spannendes Herumschnüffeln des Ermittlerduos und nicht zuletzt auch die Liebesabenteuer der Tiertrainerin Sissi sind es, die nicht nur ihren Hund Ludwig, sondern auch die Leser ab der ersten Seite auf Trab halten ... Vorsicht - Suchtgefahr: für alle neuen Fans von Ermittler-Terrier Ludwig wartet gleich Band 2 "Filmreif" mit neuen Abenteuern!

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Seitenzahl: 344

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Kurzbeschreibung:

Wird das Festspielhaus Füssen im märchenhaften Allgäu Tatort eines blutigen Albtraums? Das Musical über König Ludwig II. steht unter keinem guten Stern - erst entgeht der Hauptdarsteller nur knapp einem Anschlag, dann verschwindet er spurlos vom Erdboden und die Betreiber stehen auch noch kurz vor der Insolvenz. Um die Vorstellung und damit auch die Zukunft des Musicals zu retten, ermittelt Tiertrainerin Sissi gemeinsam mit dem neugierigen Jack-Russel-Terrier Ludwig, wer hinter der Verschwörung stecken könnte! 

Das sind die Zutaten für einen unterhaltsamen Lesegenuss: 

Witzige Abenteuer der Protagonisten, Theaterluft, spannendes Herumschnüffeln des Ermittlerduos und nicht zuletzt auch die Liebesabenteuer der Tiertrainerin Sissi sind es, die nicht nur ihren Hund Ludwig, sondern auch die Leser ab der ersten Seite auf Trab halten ... 

Vorsicht - Suchtgefahr: für alle neuen Fans von Ermittler-Terrier Ludwig wartet gleich Band 2 "Filmreif" mit neuen Abenteuern!

Simone Guggemos-Hübner

Festspielschmaus 

Ein Hundekrimi

Edel Elements

Edel Elements Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2017 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2017 by Simone Guggemos-Hübner

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf

Lektorat: Christin Ullmann

Korrektorat: Martha Wilhelm

Covergestaltung: Anke Koopman, Designomicon, München

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rightsreserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-898-8

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen, Personen und manche Orte sind frei erfunden.

Kapitel 1

Das Wasser schimmerte schwarz im Halbdunkel der gedämpften Scheinwerfer, als ob jemand die Wasseroberfläche mit Diamantenpulver bestäubt hätte. Immer wieder berührte mich dieser Anblick aufs Neue, denn gleich würde König Ludwig aus den Fluten auftauchen. Ich sah ihn schon unter Wasser, mit großen Zügen schwamm er an den Beckenrand.

»So, mein Lieber, jetzt bist du dran!«, zischte Andreas Fischbach zwischen den Zähnen hervor und schlich langsam Richtung Bassin, ohne mir Beachtung zu schenken.

Ich traute meinen Augen nicht. Was machte Fischbach hier? Der Geschäftsführer befand sich doch sonst nie um diese Zeit hinter der Bühne.

König Ludwig tauchte mit der dunklen Haarpracht aus dem Wasser auf, wollte sich gerade am Beckenrand hochstemmen, als Fischbach ihm mit einer Holzlatte so auf den Schädel schlug, dass dieser benommen im Wasser zurücktaumelte. Blut ergoss sich als schwarze Flüssigkeit in das Becken. Oder bildete ich mir das nur ein? Was verdammt noch mal soll das? Ich geriet in Panik, fühlte, wie meine Nackenhaare sich aufstellten. Und war dabei wie gelähmt. König Ludwig fasste sich mit einer Hand an die Kopfwunde, wollte zurück zum Beckenrand schwimmen, dachte wohl, das wäre ein Unfall, aber wieder holte Andreas Fischbach aus, um auf den ahnungslosen König einzudreschen.

Das kann ich nicht zulassen, dachte ich, rannte um das Bassin herum. Dabei machten meine Krallen auf den Holzdielen klackernde Geräusche. Um Schlimmeres zu verhindern, biss ich Fischbach in die Wade. Nicht gerade sanft.

Dieser konnte es nicht fassen, wollte mit dem Holz nach mir schlagen, doch dank seiner stark blutenden Wunde, die nun all seine Aufmerksamkeit auf sich zog, konnte er mich weder mit der Latte treffen noch mich verfolgen.

»Du Sauhund. Ich bring dich um«, schrie er.

Da erschien endlich Sissi in der Türe zur Hinterbühne. Keine Sekunde zu früh. Sie eilte zu mir, und ich sprang mit meinen Vorderbeinen an ihr hoch. Schützend hob sie mich auf ihre Arme.

»Du bringst hier niemanden um«, fauchte sie Fischbach an, ihre grünen Augen funkelten bedrohlich und wirkten noch grüner als sonst.

Nun tauchte König Ludwig wieder auf und kletterte aus dem Wasserbecken. Sissi schrie um Hilfe. Alles ging unglaublich schnell, während das Orchester im Zuschauerraum unbehelligt von dem Tumult, der hinter der Bühne ablief, weiterspielte. Thomas Gubath alias König Ludwig hielt sich geschockt die blutende Platzwunde. Die hohen, schwarz gestrichenen Betonwände und ebenholzfarbenen Holzdielen ließen das ganze Geschehen noch unheimlicher wirken.

Es herrschte ein wildes Stimmengewirr. Andere Schauspieler, Bühnentechniker und Giovanni Bellini, Intendant und Regisseur, rasten auf den hinteren, für die Zuschauer nicht sichtbaren Teil der Bühne, wo sich das Wasserbecken befand.

Fünfzehn Minuten später saßen wir alle im Probenraum, einem schmucklos gehaltenen Raum mit einer Spiegelwand und ein paar Stühlen. Dank des beherzten Einsatzes des Regisseurs hatte alles noch so hingedreht werden können, dass das Publikum des Musicals »Ludwigs Träume« auf der anderen Seite der Bühne nichts von dem hoch dramatischen Zwischenfall mitbekommen hatte, nachdem König Ludwig wie immer am Ende der Vorstellung im Wasser verschwunden war. Ich war immer noch sehr erregt und wich Sissi nicht von der Seite, saß schwer neben ihr auf einem Mauervorsprung. Auch bei den anderen herrschte helle Aufregung.

Thomas saß mit seinem dicken weißen Kopfverband und Wut im Gesicht auf einem der grauen Stühle. Die Maskenbildnerinnen hatten sich seiner Wunde angenommen, sahen ihn mitleidig an und eine hielt seine Hand.

Fischbachs Bein war notdürftig versorgt worden. In seinem grauen Jackett und rosa Hemd saß der Mann auf einem der Stühle und schaute mich aus abgrundtief bösen Augen durchdringend und stolz an. Nur die roten nervösen Flecken am Hals und im Gesicht zeigten, dass er wütend war. Bellini hatte ihn auf einen Stuhl in der ersten Reihe verbannt, wo ihn alle im Blick hatten und ihn unter Kontrolle halten konnten.

»Der Köter muss eingeschläfert werden, ein Hund, der beißt, hat hier nichts verloren, schon gar nicht auf der Bühne!«, fauchte er.

Frauchen Sissi wollte gerade dazu ansetzen, mich zu verteidigen, als König-Ludwig-Darsteller Thomas Gubath zu reden begann. »Sie sind jetzt mal lieber ganz ruhig«, sagte er gedehnt, wobei er das »Sie« und das »ganz« extra betonte. Wütend fixierte er Fischbach. »Muss ich Ihrem Gedächtnis ein wenig auf die Sprünge helfen? Sie wollten mich umbringen!« Der attraktive junge Schauspieler schien langsam seine Fassung wiederzufinden, während er diese Worte aussprach. Mittlerweile trug er nicht mehr seine elegante blaue Uniform mit weißer Reithose und Stiefeln, sondern Jeans und Pullover.

Wie konnte er nach diesem vereitelten Attentat so ruhig sein? Frauchen war noch ganz außer sich, ich konnte ihre Aufregung förmlich spüren und riechen. Alle im Raum waren geschockt. Gespannte Stille herrschte, während Thomas fortfuhr: »Und mein kleiner Namensvetter Ludwig hier hat mir soeben das Leben gerettet.«

Fischbach sprang auf, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. »Reden Sie keinen Blödsinn«, kam leise und bedrohlich aus seinem Mund, der beim Sprechen nur die untere Zahnreihe zeigte.

Zwei andere Schauspieler waren aufgesprungen und deuteten ihm mit bösen Blicken, sich wieder zu setzen.

»Na, na, na. Sie wollten mich gerade mit einer Latte ohnmächtig schlagen, ich sollte zurück ins Becken fallen und die ganze Sache hätte ausgesehen wie ein Unfall, ein Herztod, was weiß ich.«

Ich bellte zustimmend, während ein ungläubiges Raunen durch den Raum ging.

»So, der Ludwig gibt mir recht, seht ihr? Ich weiß nämlich zu viel von den dunklen Machenschaften des Geschäftsführers und Finanzvorstands, der unser geliebtes Musical langsam, aber sicher in den Ruin treiben will.«

»Wieso denn das?«, fragte ein anderer Schauspieler.

Thomas lächelte souverän und setzte eine Kunstpause, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen und den Zuhörern Zeit zu geben, das Gesagte zu verdauen.

Der Regisseur wurde leichenblass.

»Jetzt ham mer endlich einen Beweis dafür«, ergriff jetzt Schauspieler Gerhard Wackerl das Wort. »Ich hab’s dir eh scho immer gsagt, Giovanni, der Hund spielt falsch. Ned du, Ludwig, der Fischbach.«

Ich bellte wieder zustimmend. Die Schauspieler starrten einander ungläubig an.

»Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe!«, versuchte Fischbach, sich zu verteidigen.

Ich vertraute ihm kein Stück weit.

»Ich habe die Pläne und Dokumente von diesem Herrn Wolf doch in deinem Büro gesehen, du Schuft! Bevor du zurückgekommen bist und mich erwischt hast, hatte ich schon alles kopiert«, erwiderte Thomas triumphierend.

Ihre Blicke trafen sich wieder für einen Moment, dann wandte Thomas sich traurig und ernst an Giovanni Bellini. »Du, mein Lieber, bist viel zu gutmütig und hast dich von diesem Schurken einlullen lassen; schon seit Monaten investiert der keinen Cent mehr in PR-Maßnahmen oder Werbung. Wir sind nicht mehr gut ausgelastet, wir schreiben rote Zahlen.«

»Diese böse und unhaltbare Unterstellung muss ich mir nicht anhören!« Mit diesen Worten stand Fischbach auf und verließ den Raum, der in eine Schockwolke des Schweigens gehüllt war, bis Bellini sie durchbrach.

»Das wird ein rechtliches Nachspiel haben. Wir wollen dich hier nie wieder sehen«, schrie er ihm theatralisch hinterher.

Eine der Nymphen, Chantal Dychenne, die mit überkreuzten Beinen elegant auf dem Boden saß, brach in leises Schluchzen aus. Aus einem Gespräch zwischen Sissi und Chantal hatte ich gehört, dass ihr Vater aus Togo kommt, ihre Mutter aus München, wo sie seit ihrem sechsten Lebensjahr wohnt. Die beiden anderen, Sarah und Lilly, legten ihr liebevoll die Arme um ihre Schultern.

»Wie kann man nur so unmenschlich sein?«, sagte sie mit ihrem süßen französischen Akzent. »Was sind das für Menschen? Fast wäre Thomas gestorben.«

Wenn sie weint, sieht sie noch hübscher und zerbrechlicher aus als sonst, dachte ich mit fast schon schlechtem Gewissen.

Vorsichtig tupfte sie mit einem Tempotaschentuch ihre großen dunklen Rehaugen ab. Im Halbprofil sah ich ihre langen, geschwungenen, dichten Wimpern. Ihre Nase war klein, die Lippen voll und weich. Elegant legte sie sich die Fülle an dunklen Locken über ihre rechte Schulter. Frauchen sagt immer, sie hasse ihre Spaghettihaare und hätte gern die von Chantal. Ich finde beide schön, aber bei der Dychenne, wie Frauchen sie nennt, kriegt man schon ganz weiche Knie, und das, obwohl ich gar nicht auf Frauen stehe!

Ich ging zu ihr rüber, setzte mich neben ihre Knie und drückte meine Schnauze in ihre Hand. Mein Verhalten verfehlte seine Wirkung nicht, und sie streichelte mich liebevoll.

»Von welchen Plänen hast du gesprochen, Thomas?«, wollte nun Wackerl wissen.

Der aber winkte müde ab, fasste sich an seinen Verband und sagte: »Bitte lasst mich jetzt heimgehen und schlafen. Ich habe gerade ein Attentat überlebt. Das hat man nicht jeden Tag!«

Ein anderer Schauspieler namens Alexander begleitete ihn. Alle guckten ihnen mit fragenden Blicken nach. Vermutlich war ich nicht der Einzige, der verwirrt war von dieser seltsamen Situation.

Sonja Schön, die bisher nur stumm und blass dagesessen und gelauscht hatte, stand auf und ging zur Tür.

»Was isch denn mit der Frau Schön, dia isch so blass?«, murmelte Wackerl Sissi zu.

Die war davon peinlich berührt, weil selbst ein Murmeln bei Wackerl schon eine recht ordentliche Lautstärke hatte. »Keine Ahnung, vielleicht schwanger«, flüsterte Frauchen zynisch und extraleise.

»Wer will die Blunzn denn schwängern?«, kommentierte Wackerl.

Frauchen lachte laut auf und die Schön, Sonja Schön, drehte sich im Türrahmen um und schaute vorwurfsvoll zu ihnen herüber. In diesem Fall traf die Redewendung »Nomen est omen« nicht zu, denn die Schön war das genaue Gegenteil davon. Frauchen sagte immer, ihre Hässlichkeit komme von innen, weil sie so selbstsüchtig und intrigant sei, um nur ein paar Attribute zu nennen. Ihre Lippen waren ein Strich mit nach unten hängenden Mundwinkeln, ihre Augen stets hinter einer dunkel getönten Brille versteckt. Oft war sie schwarz gekleidet, da die Farbe Schwarz ja schlank machen soll. Aber man kann halt auch mit dem schwärzesten Schwarz keine hundert Kilogramm wegmogeln.

»Sonja, bist du nicht sogar mit dem Fischbach befreundet? Ihr habt doch immer sehr eng zusammengearbeitet«, fragte einer der Schauspieler, der einen Minister im Musical spielte.

»Gearbeitet, jawohl, aber das ist ja erlaubt, oder?«, erwiderte sie spitz und verließ den Raum.

Keiner traute sich, Widerworte zu geben. Diese Frau mit ihren fast vierzig Jahren hatte durchaus etwas zu sagen im Team. Sie war die Chefin des Besetzungsbüros.

»Hoffentlich wird das Festspielhaus überleben, sonst sind wir arbeitslos«, warf ein anderer Schauspieler ein. »Quatsch, wir sind so gut ausgelastet. Das Musical ist der Hit«, meinte der Mann, der Bismarck spielte.

»Dieser Fischbach, so ein falscher Kerl, das hätte ich nicht von dem erwartet!«, meinte Nymphe Lilly, eine adrette Brünette.

Und so wurden die Sorgen und Nöte des Ensembles weiter diskutiert.

»Komm, Ludwig, wir gehen heim, uns reicht es für heute.«

Mein Frauchen Sissi und ich fuhren in unserem silbernen Kombi los. Während der Fahrt sah ich im Rückspiegel, dass Frauchen Tränen in den Augen hatte.

»Ich bin so enttäuscht, Ludwig, so widerlich können nur Menschen sein. Jetzt weißt du, warum ich dich so liebe, mein kleiner Freund. Wenn das Musical pleitegeht, dann habe ich noch weniger Geld!«

Jetzt brach mein Frauchen endgültig in Tränen aus. Ich war betrübt über ihre Sorgen. Nachdem sie das Auto geparkt hatte und wir ins Haus gegangen waren, kuschelten wir uns endlich ins Bett. Bevor ich mich jedoch zum Schlafen an ihren Bauch drückte, schleckte ich ihr liebevoll die Tränen ab. Ganz vorsichtig und nur an der Wange und unter den Augen. Sissi genoss die Zuwendung und lachte schon wieder, während sie jetzt zu ihren Tränen auch noch meine Spucke wegwischen musste. Dennoch lagen die Sorgen des Tages wie eine schwere Last auf uns.

Starnberg, 13. Juni 1886, Pfingstsonntag1

Ein leises Lüftchen weht um den Würmsee2. Mücken fliegen wie lustige Punkte durch die Luft. Wie fröhlich unbeschwert sie sind. In der Ferne weint ein Kind, eine Mutter tröstet es, indem sie sich zu ihm niederbeugt und ihm sanft übers Haar streicht. Wer tröstet mich jetzt?

Es ist Pfingstsonntag, früher Abend, kurz nach 18 Uhr. Es könnte alles so unbeschwert und schön sein, ist es aber nicht. Bernhard von Gudden3hat sich dazu bereit erklärt, mit mir noch ein wenig an die frische Luft zu gehen, bevor ich weggesperrt werde für die Nacht. Wie ein Verbrecher, wie ein Tier, jedes Funkens Würde beraubt. Nicht einmal zum Pfingstgottesdienst haben sie mich gehen lassen. Weil ich ja »seelengestört« bin. Wäre da ein Gottesdienst nicht das Beste? Wo ist übrigens die Wache? Wo sind die anderen Pfleger? Was geht da vor sich?

Ich atme lang und schwer aus. Ich, der König von Bayern, Ludwig II. Betont würdevoll schreite ich auf dem schönen Kiespfad, langsam, hoch erhobenen Hauptes, stolz, wie es sich für einen König geziemt. Dr. Gudden missachtend. Die Vögel zwitschern fröhlich. Amseln, Blaumeisen und Singdrosseln. Vielleicht ist mein geliebtes Schwanenpaar wieder an seinem angestammten Platz.

Dr. Gudden schluckt schwer und setzt an, nachdem er sich wohl innerlich einen Stoß gegeben hat. »Ihre Majestät, König Ludwig, ich habe Sie immer verehrt.« Pause.

Aha, was kommt jetzt? Ich sehe ihn unverwandt an, er weicht meinem Blick aus.

»Ich, ich …« Er blickt sich um, um sicherzugehen, dass wir allein und ungestört sind. Ich schürze die Lippen. »Ich gebe es zu, gegen Sie ist eine böse Intrige gelaufen. Lassen Sie uns das Beste daraus machen. Ich helfe Ihnen und Sie können ungestört auf einem Ihrer schönen Schlösser leben. Nur für Ihre geliebte Kunst. Ohne die lästige Politik. So wie Sie es immer wollten. Die Minister, allen voran Lutz, haben einfach keine Ruhe gegeben. Sie haben mir keine Wahl gelassen.«

Ich bleibe stehen und sehe ihm ungläubig und direkt in die Augen. »Sie haben mich verraten, mich für verrückt erklärt, damit ich kein Geld mehr für meine Schlösser, für die Kunst ausgebe? Welche Vergünstigung haben diese Lakaien Ihnen versprochen?«, frage ich sachlich und tonlos. Oder war gar mein Onkel mit im Spiel? Der Schmerz darüber, von allen verlassen worden zu sein, niemanden auf der Welt zu haben, dem man vertrauen kann, ist unglaublich und macht sich als stechender Schmerz in meiner Brust bemerkbar. Ich kann es nicht fassen. Es ist, als ob man mir den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Aber habe ich es nicht schon vorher geahnt?!

Mein Lieblingslakai folgt uns unauffällig, das beruhigt mich.

»Ich hasse Sie, Dr. Gudden, ich hasse Sie.« Wortlos lasse ich ihn stehen und laufe weiter. Weg, nur weg.

Dr. Gudden holt auf. Redet irgendetwas, das meine Ohren, aber nicht meine geschundene Seele erreicht. Dass man mir die Krone nimmt, könnte ich verschmerzen, aber dass man mich für wahnsinnig erklärt hat, überlebe ich nicht. Ich könnte es nicht ertragen, wenn es mir erginge wie meinem Bruder Otto, dem jeder Wärter befehlen darf und dem man mit Fäusten droht, wenn er nicht folgen will.

Hinter uns sind Schritte zu hören, die Gendarmen. Was tun die hier?!

Wie von Sinnen laufe ich zurück.

Für Menschen, die meisten zumindest, kann ich schon lange nichts mehr empfinden außer Verachtung. Verachtung und Hass. Sie sind doch wie unbewusst handelnde, ja sogar bösartige Tiere. Das alles denke ich mir, während ich in die Ferne schaue. Mir meine Fluchtmöglichkeit durchdenke. Das Wasser funkelt so schön in der Abendsonne. Diamantenstaub. Schnell schreibe ich ein paar Sätze nieder und stecke das Notizblatt meinem Lieblingslakai zu, der es in mein Tagebuch legen wird. Wer weiß, ob die Flucht glückt?

»Ludwig, was ist denn los?«

Ich erwachte, atmete schwer. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Wer hat da gesprochen? Eine zarte Frauenstimme. Ich öffnete die Augen. Es war Sissi, sie streichelte mich sanft und sah mich warmherzig an.

»Ludwig, hast du schlecht geträumt? Es ist alles gut. Ich bin doch bei dir.«

Nur langsam fiel ich in einen leichten, traumlosen Schlaf, Sissis Nähe gab mir Geborgenheit und Wärme.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen gingen wir ins Festspielhaus. Sissi war nervös. Lustlos hatte sie morgens an ihrem Marmeladenbrot geknabbert. Und das, wo sie sonst immer so hungrig war.

Sissi heißt eigentlich Elisabeth Bierbichler und ist mein Frauchen. Mit ihren Anfang dreißig sieht sie aus wie Ende zwanzig, sehr hübsch, wie ich finde, blond, groß und schlank. Sie besitzt schöne, leicht schräg gestellte, grüne Elfenaugen mit langen Wimpern. Sie hat Kunstgeschichte studiert, fand aber keine adäquate Arbeit, da sie lieber in der Natur ist und mit Tieren arbeitet. Neben mir kümmert sie sich um Midnight, ihren weißen Lipizzaner. Ansonsten gibt es im Leben meines Frauchens keinen Mann, das ist auch gut so, ich bin nämlich sehr eifersüchtig … und passe gut auf sie auf.

Um Geld zu verdienen, fährt sie Touristen mit einer Kutsche auf das nahe gelegene Schloss Neuschwanstein und macht Schlossführungen für Touristen, bei denen ich auch manchmal mitdarf. Ich freue mich jedes Mal sehr, wenn ich mal wieder in das schöne Schloss komme, wenngleich Sissi sich über die vielen Besucher ärgert. Jahr für Jahr werden ihrer Meinung nach zu viele schlitzäugige Touristen durch König Ludwigs hochheilige Gemäuer geschleust, die mit diesem Gesamtkunstwerk eh nichts anfangen können.

Außerdem treten Midnight und ich im Musical sozusagen als tierische Darsteller auf und verdienen so etwas zu unserem Lebensunterhalt dazu. Midnight zieht den Winterschlitten, in dem König Ludwig, also Thomas oder die zweite Besetzung Karl Beyerle sitzt. Das kommt beim Publikum tierisch gut an. Um einen realistischen Eindruck zu erwecken, läuft Middy, wie ihn Frauchen liebevoll nennt, auf einem schnellen Laufband. Dazu trägt er sein sehr nobles ungarisches Brustblattgeschirr mit roten Verzierungen und einem Federbusch auf dem Kopf.

Ich darf neben König Ludwig hinten in dem Schlitten sitzen, als Begleit- oder Wachhund. Das macht mir immer viel Freude und das Publikum liebt mich.

Das trifft sich auch deswegen prima, da ich nämlich ein reinrassiger Jack-Russel-Terrier aus dem Zwinger »Die Zwerge von der Pöllatschlucht« bin. Eine freundliche Schwangauer Familie unterhält eine liebevolle kleine Hundezucht, die bis ins Jahr 1843 zurückgeht. Das heißt, schon meine Vorfahren durften für König Ludwig arbeiten. Ich bin sehr stolz darauf, dass einer meiner Urahnen – er trug den witzigen Namen Seppi und sah mir zum Verwechseln ähnlich – der beste Freund des jungen Kronprinzen Ludwig war. Es wird sich noch heute in meiner Familie erzählt, wie eng die beiden miteinander waren und dass mein Urahn Seppi als vierbeiniger Gefährte auf jedem Reitausflug, auf jeder Wanderung und sogar in München in der Residenz dabei war; und so führe ich die Tradition meiner Vorfahren fort. Auch Sissi ist sehr stolz auf diese Tatsache, denn sie ist eine große Bewunderin des sagenumwobenen Bayernkönigs. Nach meinem Auftritt bekomme ich immer eine Leckerei vom König zugesteckt. Manchmal auch ein Wienerle von Sissi.

»Jetzt aber schnell, Ludwig«, sagte Sissi und rannte aus der Haustür. »Sonst kommen wir zu spät zur Besprechung. Wir müssen ja nicht in jedes Fettnäpfchen treten. Dass letztes Mal mein Handy in der Probe geklingelt hat, reicht an Peinlichkeiten für die nächsten zwei Monate.« Sissi parkte ihren silbernen Ford hinter einem anderen Fahrzeug und öffnete mir schnell die Heckklappe; ich hüpfte hinaus, und wir rasten Richtung Hintereingang des Theaters. Noch am Baum schnüffeln – so viel Zeit muss sein. Leider konnte ich nicht an jedem Baum halten. Die von Linden gesäumte Allee – nach jedem zweiten Parkplatz stand ein Baum – war aber auch wirklich herrlich!

»Ludwig!«, rief mein Frauchen gehetzt.

Ich eilte ihr hinterher Richtung Hintereingang und ließ eine Wolke aus Steinchen hinter mir aufwirbeln. Jetzt musste ich mich aber wirklich beeilen, sonst würde sie mir die Tür vor der Nase zuschlagen! Schnell noch durchgequetscht und Sissi hinterhergerast.

In den Garderoben, auf der Bühne und in der Kantine hingen gelbe Poster mit der Aufschrift »Große Besprechung für alle Mitwirkenden und Schauspieler des Musicals Ludwigs Träume am Dienstag, dem 14. Juni, 10:00 Uhr, Ort: Probenraum«.

»Ui, gibt es etwa eine Gehaltserhöhung?«, frotzelte Gerhard Wackerl, der den Ministerpräsidenten spielte, vor dem Poster stehend.

»Oder an Anschiss, weil d’wieder dein Text vergesse hosch gestern«, maulte der andere Minister mit gespieltem Ernst. »Hoffentlich hat es nichts mit den Insolvenzgerüchten zu tun«, warf die Souffleuse Rosl ein.

»Nach der Sache mit Fischbach gestern wohl eher schon«, mutmaßte Wackerl, während wir in den Probenraum gingen, der als Besprechungszimmer diente. Gerhard Wackerl sah mit seinen Ende fünfzig noch recht gut aus, er trug einen grau melierten Vollbart, war eher der rundlich gemütliche Typ und hatte warmherzige braune Augen und volle Lippen. Weil er zu oft und zu laut Opern konsumiert hatte, hörte er schon ein wenig schlecht.

Der Besprechungsraum war fast voll. Die Uhr schlug zehn.

Giovanni Bellini saß mit eingezogenen Schultern vor seinem Tischchen und war in seine Unterlagen vertieft. Neben ihm stand seine Frau Jacky, zusammen mit wichtigen Männern in grauen Anzügen und Krawatten. Fischbach war nicht dabei. Die Lage wirkte ernst.

Das Ensemble schien nun komplett zu sein. Sissi drückte sich leise und unauffällig auf einen Stuhl in der hintersten Reihe neben Ministerpräsident Wackerl, der ihr freundlich zunickte.

»Bin ich die Letzte?«, fragte sie leise.

»Ne, das Letzte!«, gab Wackerl ernst zurück, grinste dann aber breit über sein freundliches Gesicht.

»Scherzkeks«, war Sissis lakonische Antwort.

»Hm, ich glaub, der Thomas ist auch noch nicht da«, sagte Wackerl nun wieder ganz ernst.

Ich gab ihm von der Seite einen Nasenstups ans Knie und erinnerte ihn daran, wie man mich gebührend begrüßte. Nämlich mit einer Streicheleinheit und lieben Worten. Mit Leberkäs hatte ich jetzt wohl nicht zu rechnen. Die doofe Besprechung hätte doch auch in der Kantine stattfinden können. Oder in der Bierwirtschaft – die haben eh den besten Leberkäse.

Jäh wurde ich aus meinen Träumereien gerissen, als Bellini das Wort ergriff, und ich schluckte die Geschmacksfäden, die sich mittlerweile gebildet hatten, herunter.

Sein sonst so fröhliches und visionäres Künstlergesicht wurde heute von Stirnfalten und dunklen Augenringen dominiert. Die sonst strahlenden, verschmitzten braunen Augen waren zu Schlitzen verengt und sein weich geschwungener Mund einem schmalen Strich gewichen.

»Liebe Freunde, liebe Angestellte, liebe Musicalcrew …«

»Der Thomas fehlt no!«, rief der Wackerl dazwischen.

Giovanni Bellini guckte zuerst zu Wackerl, dann irritiert und suchend in die Runde. »Wir haben alle gestern Abend beziehungsweise heute in der Früh informiert. Per Mail oder telefonisch.«

»Ich habe ihn auch nicht erreicht«, meinte Alexander, der mit Thomas befreundet war. »Aber ich habe ihm auf die Mailbox gesprochen. Vielleicht hat er verpennt.«

»Gut, dann machen wir weiter«, meinte Bellini.

»Ich habe leider heute keine guten Nachrichten für euch: Die Gerüchte, die wahrscheinlich schon an euer Ohr gedrungen sind, sind wahr. Fischbach hat übrigens gekündigt.«

»Wollte der wirklich den Thomas umbringen?«, rief Rosl dazwischen.

Bellini atmete genervt aus, schloss die Augen für einen kurzen Moment und machte eine bedeutungsschwangere Pause. Typisch Dramaturg.

»Lasst mich doch bitte der Reihe nach erklären!«, bat er, während Rosl ein wenig beschämt zu Boden schaute.

Vereinzelte Zuhörer rutschten nervös auf ihren dunklen Stühlen herum. Von dem etwa siebzigköpfigen Ensemble waren alle anwesend außer Thomas. Der sonst so gewitzte Wackerl verkniff sich jedes Späßchen oder Witzlein, und selbst ich verhielt mich ruhig und bettelte ausnahmsweise mal nicht um eine Leckerei.

»Unsere finanzielle Schieflage hat sich in eine eklatante Notlage verwandelt. Wir müssen vielleicht in die Insolvenz gehen. Die Bank hat uns keinen Kredit zur Zwischenfinanzierung genehmigt. Die Einnahmen reichen nicht mehr aus. Es gibt schon eine neue Crew an Gesellschaftern, die das Musical übernehmen wollen, ich weiß aber nicht, unter welchen Bedingungen und wen sie übernehmen werden. Schon morgen ist eine Besprechung mit der Insolvenzverwaltung und den neuen Interessenten. Sobald ich mehr weiß, meine Lieben, werde ich euch informieren!«

»Warum erfahren wir das erst jetzt?«, rief Alexander erzürnt aus und viele gaben ihm recht.

Ich hörte Gesprächsfetzen wie: »Mist, jetzt haben die kein Geld mehr«, und: »Wir waren doch stets zu 75 Prozent ausgelastet …«

»Toll, ein Gehalt weniger«, meinte Sissi merklich deprimiert. Ich begriff, dass das eine Katastrophe war, und schmiegte mich an Frauchens Knie, um sie zu trösten. Das mache ich immer so, wenn sie traurig ist, und es hilft meistens.

»Bitte Ruhe!«, ermahnte Bellini sein Team. »Und dass der Fischbach den Thomas zusammenschlagen wollte, habt ihr ja mitgekriegt. Mehr weiß ich jetzt grad auch nicht«, sagte er ein wenig unbeholfen. »Die Sissi und der Ludwig waren doch dabei!« Vielleicht hoffte er, wenigstens ein bisschen von den finanziellen Problemen des Theaters ablenken zu können.

Auffordernd sah er uns an, was den Rest des Ensembles dazu veranlasste, uns neugierig anzustarren. Leider können Hunde nicht reden.

Sissi begann zu erzählen: »Der Ludwig war dabei. Also mein Hund. Und natürlich der König Ludwig, also der Thomas, der ihn im Musical spielt. Der Thomas ist aber nicht da, sonst könnte der uns erzählen, wie es war.«

»Genau der isch heit it do«, rief Wackerl bestürzt. »So a Zufall!«

»Wenn der Hund nur reden könnte …«, fuhr Sissi sinnierend fort. »Ich habe den Ludwig bellen hören, und zwar rasend vor Wut. Ich war grad auf der Toilette. So aggressiv habe ich ihn selten bellen hören. Ich bin dann auf die Hinterbühne geeilt, sah, wie der Ludwig an Fischbachs Bein hing und der ihn noch mit der Latte erwischen wollte. Der Thomas Gubath taumelte im Wasser, tauchte dann aber auf; ich hab den Fischbach angeschrien, er solle aufhören, er wollte auf den Hund eindreschen. Aber seine blutende Wunde hat ihn abgehalten.«

»Dann hat der echt auf den Thomas eingeprügelt«, stellte Chantal tonlos fest.

»Warum nur?«, fragte eine andere.

»Der Fischbach wollte ihn kaltmachen!«, rief Rosl schon fast hysterisch aus.

»›Ich bring dich um!‹, hat er meinen Ludwig angeschrien!« Bei der Erinnerung stiegen Sissi Tränen in die Augen. Chantal sprang auf und nahm sie in den Arm. »Der wollte den Ludwig umbringen. Also beide Ludwigs«, stammelte Sissi weiter.

»Und jetzt ist er weg. Also der König Ludwig, der Thomas«, schlussfolgerte Alexander. »Wenn da mal kein Zusammenhang besteht!«

»Oder Thomas ist irgendwo zusammengebrochen. Vielleicht war die Verletzung doch schlimmer als erwartet«, warf eine Maskenbildnerin ein.

»Wir hätten ihn zur Beobachtung ins Krankenhaus bringen sollen!«, rief eine andere, während Sissi sich langsam beruhigte.

Das Wort »Schädel-Hirn-Trauma« fiel.

»Oder Fischbach hat sein Werk gestern Nacht oder heute Morgen vollendet«, mutmaßte Wackerl langsam und betont. Allen stand nun der Mund offen.

»Leute, das bringt nichts«, rief Bellini sein Team zur Ordnung.

»Ich gehe zur Polizei«, sagte mein Frauchen bestimmt und stand auf.

»Das bringt doch nichts. Der Thomas ist noch keine 24 Stunden weg«, meinte Jacky Bellini und drückte sie zurück auf ihren Platz.

»Trotzdem gehört Fischbach, dieses Schwein, angezeigt!«, insistierte Sissi, die einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn hatte.

»Das ist aber Thomas’ Sache. Wir machen heute ganz normal weiter«, befahl Bellini und verließ sichtlich um Fassung bemüht sein Rednerpult, fast schon wie ein geprügelter Hund, dachte ich mir und verspürte Mitleid, wenngleich ich natürlich nicht wusste, was »Insolvenz« bedeutete und was es mit Thomas’ Verschwinden auf sich hatte. Sissi würde es mir schon noch erklären.

»Wuff!« Fordernd sah ich Frauchen mit hungrigen Augen an.

»Hast recht, Ludwig, wir gehen jetzt erst mal etwas essen, und dann sieht die Welt schon wieder anders aus.«

Wenig später saßen wir mit einigen Kollegen bei bayerischem Leberkäs und Kartoffelsalat in der Bierwirtschaft und versuchten, unseren Frust mit Essen zu betäuben. Wir teilten brüderlich, Sissi aß den Karosalat, wie sie ihre Lieblingsspeise Kartoffelsalat liebevoll nennt, ich den Leberkäse. Bei mir hilft das immer. Eigentlich hatte ich ja gar keinen Frust, nur Sissi. Aber ihr Kummer ist mein Kummer, schließlich sind wir ein Team, und noch ein gutes dazu.

Am frühen Nachmittag versuchte Sissi nochmals, Thomas anzurufen, doch vergeblich. Er ging nicht an sein Handy. Auch den anderen kam die Abwesenheit des beliebten jungen Schauspielers mittlerweile komisch vor.

Bellini rief die Zweitbesetzung an. Gott sei Dank hatte Karl Beyerle an diesem Abend noch nichts vor. Im ganzen Theater herrschte eine latent nervöse Stimmung – schon am nächsten Tag würde die Insolvenzsitzung stattfinden. Dennoch lief die Abendvorstellung reibungslos ab.

»Wir müssen etwas tun, Wackerl«, forderte Sissi den lebenserfahrenen Mann auf.

Dieser schaute zu Boden. »Was denn? Für die Polizei ist es wirklich zu früh«, versuchte er, Sissi zu überzeugen. »Ich weiß ja, wie sehr du Thomas magst«, fuhr er einfühlsam fort, »aber vielleicht gibt es eine ganz einfache Erklärung. Seine Mutter musste ins Krankenhaus, er hat sein Handy verloren, oder …«

»Ach, Wackerl, das sind doch alles keine Zufälle. Der Anschlag auf Thomas, die Geldprobleme, und dann ist er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt!« Sissi beharrte auf ihrer Verschwörungstheorie.

»Geh jetzt heim und schlaf, es war alles etwas viel für uns heute«, meinte nun auch Rosl, die auf die beiden zukam und tröstend eine Hand auf Sissis Schulter legte.

»Mein Gefühl sagt mir aber, dass da etwas Krasses abgeht!« Sissi fand keine Worte mehr, sah aber ein, dass sie hier niemand so richtig ernst nahm. Deswegen wollte sie nur noch heim und allein sein. Also allein war sie ja sowieso nicht, sie hatte ja mich. Lustlos spulten wir unseren Part in der Vorstellung ab. Danach verabschiedeten wir uns von Wackerl und Rosl.

»Gute Nacht, Sissi, und übrigens, Bellini hat schon versucht, Thomas’ Eltern zu erreichen. Bestimmt klärt sich morgen alles auf«, sagte Wackerl.

»Wenn wir morgen noch kein Lebenszeichen von Thomas haben, gehen wir zur Polizei, Ludwig!«, insistierte Sissi, als sie die anderen nicht mehr hören konnten.

Am nächsten Morgen hatte Sissi weder von Thomas noch von Bellini eine Nachricht bekommen. Wir fuhren schon morgens zu Thomas’ Wohnung, doch niemand öffnete, egal wie oft sie klingelte. Kurze Zeit später standen wir vor dem Gebäude der Polizei in Füssen.

Sissi drückte auf die Klingel, und ein Geräusch suggerierte, dass man die Türe nun öffnen konnte. Nichts ging. Alles Drücken half nicht. »Ach, da steht ja ›Pull‹.«

So eine blöde Tür. Aua, jetzt hatte Sissi mir auch noch die Pfote eingequetscht. Ich schrie auf, wir mussten aber schnell durch die Türe huschen, eh der Summton vorüber war. Sissi besah sich besorgt meine Pfote, die schmerzte und ein wenig blutete. Dieses Missgeschick tat ihr sehr leid.

»Guten Morgen, Sie wünschen?«, fragte eine junge Frau hinter einer Glasscheibe freundlich, während sie von oben herab auf die bei mir kniende Sissi schaute.

»Ich möchte einen Polizisten sprechen«, erwiderte Sissi etwas unbeholfen, während sie aufstand.

»Das tun Sie bereits«, meinte die Frau lächelnd. Komischerweise trug sie gar keine grüne Uniform.

»Worum geht es denn?«, fragte sie weiter um Freundlichkeit bemüht.

Sissi sah mich angesichts dieser zivil gekleideten Polizistin verunsichert an. Noch immer schmerzte meine Pfote ein wenig und ich hielt sie ihr demonstrativ entgegen. Sie hob mich hoch und besah sich weiterhin meine kleine Verletzung.

Da die Frau hinter dem Glas langsam ungeduldig wurde, fuhr Sissi fort: »Muss das hier zwischen Türe und Angel sein? Mein Hund hat sich die Pfote eingeklemmt, und ich möchte jemanden als vermisst melden.« Jetzt wurde Sissi ungeduldig. Moment mal, du hast mir die Pfote eingeklemmt. Ich guckte sie vorwurfsvoll an.

Wieder ertönte eine Klingel, eine zweite Glastür öffnete sich wie von Zauberhand, und wir traten ein. Sissi behielt mich auf dem Arm, damit sie mich nicht wieder einklemmen konnte.

»Vorn links im Büro sitzen zwei Kollegen, die nehmen Ihre Vermisstenanzeige auf«, meinte die Frau sachlich und deutete den langen Flur entlang. Die Blutung hatte aufgehört, und ich konnte nun auch wieder laufen, obwohl ich eigentlich noch ein wenig hätte weiterhumpeln können, war grad so nett auf ihrem Arm.

»Grüß Gott«, begrüßte Sissi beim Eintreten die zwei Polizisten, beruhigt über die schnelle Genesung meiner Pfote.

Ein junger, schlanker Polizist mit Nickelbrille machte sich gerade an einem hochmodernen Kaffeeautomaten zu schaffen. Ein sympathischer braunhaariger Polizist in den Vierzigern saß vor einem alten vergilbten Röhrenbildschirm und aß genüsslich einen Müsliriegel.

»Setzen Sie sich«, meinte der Nette.

»Ich möchte jemanden als vermisst melden!«, antwortete Sissi selbstbewusst, während sie sich setzte. Ich nahm stolz neben ihr Platz.

Der nette Polizist klickte ein wenig an seinem PC herum und begann dann zu fragen. Sissi nannte den Namen, Wohnort und Beruf von Thomas Gubath. Gott sei Dank wusste sie auch noch sein Geburtsdatum. Sie war ja wie gesagt ein wenig in ihn verschossen.

»Sind Sie auch Schauspielerin?«, fragte der Polizist Sissi bewundernd; er hätte gut in eine dieser TV-Serien gepasst. Ich konnte Sissi ansehen, dass sie sich geschmeichelt fühlte.

»Na, äh, ja, also der Ludwig«, sie deutete auf mich, »der ist der Schauspieler!« Sie grinste breit. Wohl ein wenig zu breit, denn jetzt guckte der nickelbebrillte Streberbatzen zu uns herüber.

»Gute Frau, wir können auch gern einen Drogentest machen!«, meinte er bedrohlich.

Sissi sah ihn verständnislos an.

»Geht’s no?«, fragte sie dann beleidigt. »Sie sind ja ein kultureller Tiefflieger. Haben Sie noch nie das König-Ludwig-Musical in Füssen gesehen?«

Der Streberbatzen rang nach Luft. »He, ich zeige Sie gleich an wegen Beamtenbeleidigung …«

Der nette Beamte versuchte, die Situation zu retten. »Jens, vielleicht solltest du da mal hingehen«, forderte er seinen Kollegen grinsend auf. »Ich resümiere: Thomas Gubath, geboren am 12.12.1971 in Starnberg, Schauspieler am Festspielhaus Füssen, wird vermisst. Seit wann denn?«, fragte er weiter.

Sissi überlegte ein wenig und sagte dann: »Seit gestern, also dem 14. Juni. Vielleicht aber schon seit der Nacht vom 13. auf den 14. Juni.«

Während der Mann das in seinen PC eintippte, kam der Dünne bedrohlich auf uns zu und machte sich vor Sissi und mir groß. Dabei verschränkte er die Arme vor der Brust und legte den Kopf schief. Eigentlich süß, nicht aber bei ihm.

»Das ist ja gerade mal ein Tag. Wenn überhaupt. Das ist viel zu früh für eine Vermisstenanzeige. Sind Sie mit ihm verwandt?«, bohrte er nach und sah Sissi eindringlich an.

»Nein.«

»Verheiratet, verschwägert?«

»Nein! Aber …«, kam kleinlaut von Sissi.

»Seine Freundin?«, fragte der nette Polizist interessiert.

Der andere deutete ihm an, er solle still sein, und fuhr selbst fort: »Also, nur weil einer Ihrer Schauspielkollegen mal einen Tag nicht da ist, brauchen Sie uns hier nicht zu stören!«

»Also, wofür sind Sie dann Polizist?«, fragte mein Frauchen ungläubig.

»Der ist vielleicht mit seiner Freundin durchgebrannt, hat gerade keine Lust oder doch einen zu viel geraucht.« Während der Dünne das sagte, guckte er Sissi leicht debil durch seine Nickelbrille an.

»Was fällt Ihnen ein?«, fragte sie erzürnt. Dieser unverschämte Kerl schien sie ganz durcheinanderzubringen, sie vergaß schon fast, was sie noch sagen wollte. »Außerdem hat ihn ein Herr Fischbach vorgestern mit einer Latte geschlagen!«, ergänzte sie ungläubig angesichts von so viel Ignoranz.

Groß stand der Beamte nun nah vor Sissi, die zu ihm hochsehen musste. Ich begann zu knurren. Sissi beruhigte mich und legte mir die Hand auf den Kopf. Der kann doch mein Frauchen nicht so behandeln.

»Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Wir machen da gar nix, Paul. Übermorgen ist der Schauspieler wieder da, und alle lachen uns aus, weil wir einen Großeinsatz gestartet haben und der mit seinem Gschpusi4 auf der Fritz-Putz-Hütte beim … bei was auch immer erwischt wird.« Bei diesen Worten sah er seinen Kollegen eindringlich an, der genervt ausatmete. Auch er hätte sich wohl einen netteren Kollegen gewünscht.

»Sie hören es, Frau …«

»Frau Bierbichler«, ergänzte Sissi an den Netten gewandt.

»Frau Bierbichler, meinem Kollegen ist es jetzt noch zu früh. Gerne können Sie zu einem späteren Zeitpunkt mit unserer Hilfe rechnen«, versuchte er einzulenken.

Wortlos und enttäuscht stand Sissi auf, sah die beiden nochmals an und versuchte gegenüber dem Netten ein Lächeln. »Auf Wiedersehen.« Den nachgeschobenen »Wichser« hörte der Bebrillte Gott sei Dank wegen des zischenden Kaffeeautomaten nicht mehr.

Warum glaubten sie ihr nicht? War es, weil sie blond war? Weil sie eine Frau war? Oder blond und eine Frau? Sie warf mir einen verzweifelten Blick zu. Betrübt fuhren Sissi und ich nach Hause.

»Nachmittags ist die Sitzung, die über die Zukunft des Musicals entscheidet. Noch eine Niederlage brauche ich wirklich nicht«, meinte Sissi traurig.

Die Zeit bis dahin verbrachten wir mit einem Spaziergang. Danach fuhr Sissi mit mir ins Theater. Im Probenraum saß das Team und wartete gespannt darauf, dass das Ehepaar Bellini aus der Sitzung kam. Thomas war noch immer nicht aufgetaucht.

Es war schon nach 17 Uhr, als Giovanni und Jacky den Raum betraten. Giovanni erzählte uns alles sehr detailliert: dass alle da gewesen seien – Herr Gottstein, ein Insolvenzverwalter namens Rieger und potenzielle Käufer für das Musical –, wodurch es nicht zu einer offiziellen Insolvenz käme, was für alle Beteiligten das Beste wäre.

»Dann werden wir übernommen?«, fragte Wackerl hoffnungsfroh.

»Mit den neuen Eigentümern kommt natürlich ein neuer Vorstand. Außerdem wollen sie einige Änderungen vornehmen«, antwortete Bellini. Es folgten noch weitere Ausführungen, die gespickt waren mit wirtschaftlichem Fachjargon. Ich hörte schon gar nicht mehr richtig zu und beobachtete Sissi, die mich mit leerem Blick ansah und das alles nur wie durch einen trüben Schleier wahrzunehmen schien.

Schloss Hohenschwangau, Hohenstaufenzimmer, 1865

Mein teurer Freund hat vorgestern mein Kronprinzenzimmer auf Hohenschwangau bezogen. Es ist wunderbar, diesen Menschen, den einzigen, den ich wirklich liebe, je geliebt habe und je lieben werde, toujours um mich zu haben. In meinem lieben Heimatschloss Hohenschwangau! Wir verleben gar wunderbar sorglose Tage, die nur der Kunst, unserem geistigen Austausch und der Rekreation dienen. Fern der höfischen Pflicht, fern meiner ignoranten, intriganten Minister, die sich nur um den profanen Alltagstrott und ihre Kriegsspiele kümmern. Wie mich dieser niedere Alltag anwidert.

Heute sind wir vierspännig ausgefahren nach Füssen, es war ein herrlicher Ausflug. Da das Wetter so schön und sicher war, sind wir weiter über Hopferau nach Eisenberg. Dort befindet sich eine beliebte Hähnchenbraterei. Sie servieren weit und breit die besten Brathähnchen. Der Ausblick in dem wunderschönen Biergarten ist einzigartig: die Alpenkette, davor das malerische Dorf Maria Hilf mit seiner Wallfahrtskirche, fern im Hintergrund mein geliebtes Schloss Neuschwanstein als weiße Miniatur. Im Schatten der großen Kastanie saßen wir angenehm kühl, ein Bier erfrischte und der Duft des Hähnchens wehte uns in die Nase. Wir waren völlig ungestört, fern jeder höfischen Etikette. Lustige Bauernkinder spannten uns beim Heimweg auf Höhe des Dorfes Hopferau eine Schnur über die Straße, als sie den königlichen Wagen herantraben sahen. Die haben nicht schlecht gestaunt, den König höchstpersönlich vor sich zu haben, und wollten schon weglaufen, ich musste sie zurückrufen. Ich gab den Jungen und Mädchen ein paar Münzen, und schon ließen sie uns durch. Reizend war das.

Während der ganzen Heimfahrt schwelgten wir in Erinnerungen über die fulminante Aufführung von »Tristan und Isolde«. Dieser triumphale Erfolg musste den Münchner Bürgern und auch den höchsten Kritikern Wagners zeigen, welch Genie dieser Mensch ist. Wir wollen, dass unser geliebtes München eine Stadt der Kunst und Kultur wird. Wir wollen das Volk bilden, es teilhaben lassen an der Kunst, an Oper und Theater. Die gemeine Dummheit des Pöbels muss und kann nur über die Kunst überwunden werden. »Ertrinken … versinken – unbewusst – höchste Lust …« Die Macht, die Schönheit dieser Worte, ich könnte darin versinken. Gestern Abend las mir der Holde aus seiner Autobiografie vor, die er der guten Cosima diktiert hat. Wir haben gelacht wie die Kinder. Könnte ich nur immer so sorglos leben. Aber Sorgen kommen mir in den Sinn und trüben meinen Mut, mir wird schwer ums Herz. Die Minister und das Volk dürfen nicht wissen, dass Wagner bei mir auf Schloss Hohenschwangau ist. Sie dürfen nicht wissen, dass ich ihm unlängst 400.000 Gulden durch Cosima habe überbringen lassen. Zwei Kutschen waren nötig, um die Münzen zu transportieren. Noch heute bewundern wir Cosimas Mut. Ich habe Angst, dass sie mir meinen geliebten, teuren Freund wegnehmen, mir die Möglichkeit nehmen, die wahre Kunst und damit das Edle, Wahre und Gute zu fördern. Sie setzen mich so unter Druck. Allen voran Kabinettssekretär Pfistermeister, der die öffentliche Meinung anheizt. Doch ich bin schließlich der König, ich bezahle Wagner aus meiner Privatschatulle. Dennoch ahne ich das Schlimmste …

Wieder weht mir feiner Hühnchengeruch in die Nase. Ich öffne die Augen …

Kapitel 3

Schon am nächsten Tag saß das Ensemble erneut im Probenraum. Diesmal war es amtlich: Die neuen Gesellschafter und Investoren würden das Musical kaufen.

Bellini erklärte dem Ensemble die Details. »Liebe Freunde, es ist endgültig aus. Der Eigentümer hat sich zum Verkauf entschlossen. Wir werden diesen Monat noch nach Plan spielen, dann ist Schluss. Die neuen Besitzer Wolf und Vogler übernehmen keinen von euch.«

»Wolf!«, rief Wackerl dazwischen. »Der Name fiel doch schon einmal.«

»Ja«, meinte auch Rosl, »im Zusammenhang mit Fischbach und den Plänen, die Thomas in Fischbachs Büro gesehen hatte.«

»Der neue Eigentümer Wolf und Herr Fischbach werden doch nicht unter einer Decke stecken«, kam Sissi ein Geistesblitz. Ich bellte.