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Der 6. Band der Dämmerland-Saga Nachdem es der Katzenfrau Laisa und dem Magiewandler Rogon gelungen ist, Gayyads Anschlag auf Edessin Dareh, die wichtigste Stadt der Dämmerlande, zu unterbinden, sind ihre Verbündeten sicher, den großen Feind bald besiegen zu können. Ein Hilferuf aus der Blauen Festung lässt Laisa jedoch daran zweifeln. Sie und ihre Freunde eilen zur Hilfe und nehmen den Kampf gegen Heere aus der Vergangenheit auf. Durch eine List Gayyads wird Laisa dabei auf eine einsame Insel verschlagen, von der es kein Zurück mehr zu geben scheint.
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Seitenzahl: 582
Veröffentlichungsjahr: 2016
Sandra Melli
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der 6. Band der Dämmerland-Saga
Nachdem es der Katzenfrau Laisa und dem Magiewandler Rogon gelungen ist, Gayyads Anschlag auf Edessin Dareh, die wichtigste Stadt der Dämmerlande, zu unterbinden, sind ihre Verbündeten sicher, den großen Feind bald besiegen zu können. Ein Hilferuf aus der Blauen Festung lässt Laisa jedoch daran zweifeln. Sie und ihre Freunde eilen zur Hilfe und nehmen den Kampf gegen Heere aus der Vergangenheit auf. Durch eine List Gayyads wird Laisa dabei auf eine einsame Insel verschlagen, von der es kein Zurück mehr zu geben scheint.…
Neue Pläne
Die Insel jenseits der Sonne
Das Gelbe Land
Raubgesindel
Die Rebellion
Schmerz
Das Orakel
Der erste Erfolg
Der Arghan
Der goldene Stern
Das blaue Heer
Rückkehr
Das Heer des Feindes
Jenseits der Riegelberge
Kampf um die Blaue Festung
Eine misslungene Falle
Der Fluch von Aldareen
Die sechste Platte
Das rote Gebirge
Die Festung des Feindes
Die Entscheidung
Am Ende des Weges
Personen
Begriffserklärungen
Erstes Kapitel
Die Stadt wirkte wie eine offene Wunde. Zwar arbeiteten überall Leute, um den Schutt zu beseitigen, den Gayyads Anschlag auf Edessin Dareh hinterlassen hatte. Doch es würden Monate, wahrscheinlich sogar Jahre vergehen, bis die Heilige Stadt wieder das strahlende Zentrum der Dämmerlande sein konnte.
Solange der zweifarbige Feind alle Städte und Länder bedrohte, ist alle Mühe vergebens, dachte Laisa und wandte sich N’ghar zu. »Wir müssen den Dürrschwanz erwischen, sonst sieht es bald in den gesamten Dämmerlanden so aus wie hier.«
»Verschreie es nicht! Immerhin besteht Hoffnung, dass Khaton und Yahyeh herausfinden, wo sich die geheime Festung des Feindes befindet. Dann können wir ihn ausräuchern.«
Noch während N’ghar sprach, gesellte sich Rogon a’Gree zu den beiden, die aus Gewohnheit in der Gestalt von Katzenmenschen auftraten, und deutete besorgt auf die zerstörte Stadt.
»Ich glaube nicht, dass das so leicht ist. Gayyad besitzt viele Schlupfwinkel. Sie alle zu finden und zu durchsuchen würde Jahrzehnte dauern, und in denen kann er seine verderblichen Werke fortsetzen.«
Hinter Rogon tauchte nun der grüne Evari auf. Obwohl er seine Magie abschirmte, fauchte N’ghar leise.
Dafür erhielt er von Laisa einen Nasenstüber. »Rhondh ist unser Verbündeter und niemand, den du fressen darfst!«
»Er würde mir auch zu schwer im Magen liegen«, antwortete N’ghar mit einem kläglichen Lachen.
»Meinetwegen kannst du Erulim verspeisen.« Rhondh verwendete den Namen, unter dem der Zweifarbige auf der goldenen Seite der Dämmerlande bekannt war.
In seiner blauen Gestalt nannte der Feind sich Gayyad. Obwohl Laisa von weißmagischer Farbe war und damit zur goldenen Seite zählte, verwendete sie ebenfalls den Namen Gayyad, denn in dieser Erscheinung war er ihr das erste Mal in die Quere gekommen.
»Ich komme mir eingesperrt vor«, erklärte Rogon ungehalten.
Laisa warf ihrem Verbündeten einen kurzen Blick zu. Auch wenn er die normale Größe eines Wardan besaß, war ihm anzusehen, dass in seinen Adern Kharimdh-Blut floss. Diese Leute waren kräftiger und zäher als normale Menschen, aber auch starrsinnig und von arg eingeschränkter Freundlichkeit. Bei Rogon brachen diese negativen Eigenschaften meist dann hervor, wenn er unter großer Anspannung stand oder sich langweilte.
»Wir sollten Edessin Dareh verlassen und uns auf die Suche nach Gayyad machen«, schlug sie vor, denn sie hatte ebenfalls das Gefühl, nutzlos hier herumzuhängen.
»Wartet doch erst ab, was Khaton und Yahyeh herausfinden! Es ist nicht einfach, die Speicherkristalle des Feindes zu lesen, zumal sie teilweise defekt sind«, mahnte Rhondh die beiden.
»Du hast leicht reden«, antwortete Laisa bissig. »Ihr Evaris seid es gewohnt, in Jahrzehnten und Jahrhunderten zu denken. Mit dieser Haltung aber seid ihr dem Feind unterlegen. Gayyad schlägt zu, sobald er eine Gelegenheit findet.«
»In letzter Zeit hat Erulim dank euch mehrere harte Rückschläge erlitten. Also dürfte es länger dauern, bis er wieder etwas unternehmen kann«, erklärte Rhondh.
»Das habt ihr Evaris schon einmal gesagt! Danach ist es dem Dürrschwanz beinahe gelungen, Edessin Dareh unbewohnbar zu machen und den Verkehr auf dem Großen Strom zu blockieren«, knurrte Rogon in bester Kharimdh-Manier.
Rhondh lächelte verständnisvoll. Obwohl er Laisas und Rogons Sorgen verstand, war er überzeugt, dass Erulim nach den Niederlagen, die er erlitten hatte, nicht in der Lage war, umgehend zurückzuschlagen. Deshalb sprach er ein Thema an, das ihm wichtiger erschien.
»Ich habe mich mit Khaton und den Evaris der roten Seite beraten. Wir alle halten es für das Wichtigste, dass Tardelon gefunden wird. Khatons und mein Einfluss auf die gelben Reiche und den gelben Tempel ist arg eingeschränkt. Zum Glück haben wir eine Spur gefunden, der Rogon folgen kann. Er soll Tardelon aufspüren und befreien.«
»Khaton hat erwähnt, dass sich diese Stelle nahe am oder gar im Gelben Land befinden könnte. Ich weiß nicht, ob ich es riskieren kann, mich in Taliens direkten Einflussbereich zu begeben«, gab Rogon zu bedenken.
»Wieso? Du bist blau und verträgst die gelbe Magie besser als jeder andere deiner Farbe.«
»Es geht nicht um mich, Rhondh, sondern um Tirah. Sie darf sich nicht weiter als zehn, maximal zwanzig Meilen von mir entfernen.«
»Wir könnten sie hier in Stasis legen und über sie wachen«, schlug Rhondh vor.
»Ohne mich!«, rief Tirah, die sich gemeinsam mit Ysobel, Reolan und Rongi zu der Gruppe gesellt hatte. »Ich habe bereits viel zu lange in Stasis gelegen und nicht vor, dies in absehbarer Zukunft erneut zu tun.«
»Aber …«, begann Rhondh. Er kannte das Gerücht, dass Tirah nur durch das Opfer eines magisch begabten Wesens aus der Stasis geweckt werden konnte. Der Einzige, der dies bislang überlebt hatte, war Rogon, seitdem aber waren die beiden so eng miteinander verbunden, als seien sie ein Wesen mit zwei Körpern.
»Khaton soll das Schutzartefakt gegen deine Feindfarbe neu einstellen und mit Magie füllen. Das schirmt dich selbst dann noch ab, wenn du mehrere Jahre im Gelben Land verbringen müsstest. Außerdem werden die Lotsen dir einen ihrer Mäntel überlassen. Damit bist du zweifach geschützt.«
»Und was ist mit den gelben Spitzohren aus Taliens Reich und den anderen Bewohnern, die sich dort herumtreiben?«, fragte Rogon erregt.
Auch für dieses Problem kannte Rhondh eine Lösung. »Heleandhal aus Gilthonian wird euch begleiten. Er ist Königin Helesians Bruder und den Menschen und Eirun im Gelben Land bekannt.«
»Dein Wort in Taliens Ohr! Trotzdem wäre es mir lieber, wir könnten Tardelon im Grünen Land suchen. Ich vertrage grüne Magie besser als Tirah die gelbe. Wann sollen wir aufbrechen?« Rogon war eigentlich alles recht, was ihn von diesen tristen Inseln im Heiligen See fortführte.
»Schon bald«, sagte Rhondh lächelnd. »Du solltest noch abwarten, bis Khaton und Yahyeh die erbeuteten Kristalle ausgewertet haben. Es könnte sein, dass etwas darauf zu finden ist, was du für deine Reise dringend wissen musst.«
Rogon stimmte widerwillig zu, Tirah hingegen atmete auf, denn dadurch verzögerte sich die Reise ins Gelbe Land noch ein wenig.
»Ich werde nicht länger als Rogon in Edessin Dareh bleiben. Entweder erhalte ich Informationen, wo der Dürrschwanz zu finden ist, oder ich mache mich auf eigene Faust auf die Suche.« Laisa zeigte ihren Unmut ebenfalls deutlich. Ihrer Ansicht nach ließen sich die Evaris einfach zu viel Zeit, ihre Entscheidungen zu fällen. Dabei nutzte dem Feind jede Stunde, die sie verstreichen ließen.
»Wir sollten erst einmal Mittag essen. Ich habe Hunger.«
Rongis Einwurf löste die Spannung ein wenig. Da Laisas Magen wie auf Befehl zu knurren begann, machte sie sich auf den Weg zu der einzigen Taverne, die noch in Edessin Dareh existierte. Diese lag auf der für alle sechs Farben betretbaren Zentrumsinsel der Stadt und war nur verschont geblieben, weil starke Magie Gayyads entfesselte Horden daran gehindert hatte, die größeren Kanäle zu überqueren.
Auf dem Weg zur Taverne wehte Laisa der Dunst von Steckrübensuppe und Steckrübenbrei entgegen und verriet ihr, dass auch an anderen Stellen der Heiligen Stadt gekocht wurde. Etwas Besseres als Steckrüben gab es für die Menschen zurzeit nicht. Sie mussten sogar froh sein, dass genügend von diesem zähen Wurzelgemüse geliefert werden konnte, um mit ein wenig Getreideschrot und einer minimalen Menge an Fleisch oder Fisch gekocht als nahrhafte Mahlzeit zu dienen.
Laisa selbst, die Evaris und die restliche Gruppe um Laisa und Rogon erhielten besseres Essen. Obwohl die Katzenfrau Steckrüben nicht mochte, empfand sie ein schlechtes Gewissen, als sie in der Taverne die Leckerbissen aus drei Dutzend Reichen aufgetischt sah. Es hinderte sie jedoch nicht, mit ein paar Hüpferschenkeln zu beginnen, mit einem gebratenen Hähnchen weiterzumachen und nach einem Lammkotelett auch noch einen unterarmlangen Fisch zu verspeisen.
»Ich brauche Kraft, wenn ich dem Dürrschwanz gegenüberstehe«, erklärte sie, als sie der verwunderte Blick der sie bedienenden Junglotsin streifte.
Auch Rogon griff kräftig zu, blickte aber immer wieder zu Khaton und Yahyeh hinüber, die sich auf lautlosem Weg unterhielten. Einige ihrer Gedanken bekam er mit und atmete sichtlich auf.
»Ihr habt also die Speicherkristalle ausgewertet.«
Sein Ausruf ließ alle innehalten. Aber Khaton hob abwehrend die Hand. »Esst weiter! Danach werden wir beraten, was zu tun ist.«
Khatons Bemerkung brachte alle dazu, die Mahlzeit schneller zu vertilgen, und so konnte die Lotsin bald abräumen. Laisa, N’ghar und Rongi erhielten zum Trinken Milch, Tirah und Ysobel einen kleinen Krug Marangree-Wein und die anderen das, was sie jeweils wünschten. Rogon trank einen Schluck Bier und sah dann den weißen Evari auffordernd an.
»Wisst ihr jetzt, wo Tardelon zu finden ist?«
»Das wissen wir, mein ungeduldiger Freund«, antwortete Khaton lächelnd. »Die Stelle liegt etwa hundertfünfzig Meilen östlich des Nixensees im Gelben Land, nur sechzig Meilen von der großen Stadt Talan Dareh entfernt. Heleandhal soll euch dorthin begleiten und Taliens Stadthalter vorstellen. Rhondh und ich werden dir Kristalle mitgeben, die alles erklären. Du brauchst dir keine Sorge zu machen und Tirah ebenfalls nicht, denn ihr steht unter unserem Schutz.«
»Und wie kommen wir hin?«, fragte Rogon weiter.
»Sobald Heleandhal eingetroffen ist, womit ich in den nächsten Tagen rechne, werdet ihr mit einer Lotsenbarke zur ersten Station zum rechten Stromufer oberhalb des Sees reisen. Von dort aus wird euch ein Versetzungszauber zu einer mir bekannten Stelle in der Nähe des Gelben Landes bringen. Dann sind es nur noch drei Tagesreisen bis Talan Dareh.«
Khaton schob Rogon einen magischen Kristall zu und warnte ihn davor, ihn vorzeitig zu benützen. »Ich will nicht die Kraft vergeuden müssen, die notwendig ist, diesen Zauber noch einmal zu schaffen«, erklärte er.
»Und wie kommen wir zurück?« Für Tirah war diese Frage wichtiger als alles andere. Als violette Magierkriegerin schreckte sie vor dem Gelben Land zurück und wollte es so schnell wieder verlassen, wie ihre Aufgabe es erlaubte.
»Dafür wird Tardelon sorgen, sobald ihr ihn befreit habt. Da ich nicht weiß, ob ihr zu der Stelle zurückkehren könnt, an die mein Zauber euch versetzt, war es mir nicht möglich, einen Rückkehrzauber zu schaffen.«
Während Khaton seine Erklärungen abgab, rutschte Laisa nervös auf ihrem Stuhl hin und her. »Und was ist mit mir? Glaubt ihr etwa, ich bleibe in Edessin Dareh, während Rogon frohgemut das Gelbe Land aufsucht?«
»So frohgemut auch nicht«, brummte Rogon.
»Für dich gibt es ebenfalls eine Aufgabe«, warf Yahyeh ein. »Der von dir in der Aschewüste entdeckte Speicherkristall war beschädigt, und wir konnten nicht viel mehr als den ungefähren Ort herausfinden, an dem Tardelon gefangen gehalten wird. Doch dann kam uns das Glück zu Hilfe. Gayyad hat der alten Oberpriesterin von Lhamul einige wichtige Aufzeichnungen übergeben, die diese zu einem seiner Stützpunkte bringen sollte. Die Frau war eine seiner fanatischen Anhängerinnen, wurde aber entlarvt und gefangen gesetzt. Die Nichte des Fürsten entdeckte die versteckten Kristalle und Schreibfolien und brachte sie eigenhändig hierher.«
»Kann man diesen Aufzeichnungen trauen?«, fragte Laisa, die genug schlechte Erfahrungen mit der Heimtücke des Zweifarbigen gemacht hatte.
»Ich habe die junge Frau geprüft. Sie ist absolut vertrauenswürdig!«, erklärte Yahyeh. »Die Unterlagen selbst sind ebenfalls in Ordnung. Bei dem Hinweis auf Tardelons Versteck ist der Auftrag für einen von Gayyads Helfern dabei, den gelben Evari von dort zu holen und an einen Ort zu bringen, wo er besser versteckt werden kann. Nachdem er sich die Eirun von Gilthonian zum Feind gemacht hat, scheint Gayyad auch dem Gelben Land zu misstrauen.«
»Ihr redet die ganze Zeit über das, was Rogon machen soll. Was ist mit mir?«, rief Laisa schnaubend.
Yahyeh sah sie mit ernster Miene an. »Du wirst mich ins Blaue Land begleiten. Laut den Unterlagen, die mir die Prinzessin von Lhamul übergeben hat, bereitet Gayyad dort eine Ungeheuerlichkeit vor, die Ilynas Herrschaft erschüttern soll. Wir müssen diese Angelegenheit klären, bevor sie zu einer Gefahr für das Blaue Land und die rote Seite der Dämmerlande wird. Da Gayyads Stützpunkte auf der roten Seite so abgesichert sind, dass nur besonders begabte Wesen der goldenen Seite dort eindringen können, wirst du dort dringend gebraucht. Wir werden die Versetzungsplatte im Südteil der Ödlande benutzen und von dort in die Nähe der Blauen Festung gelangen. Bevor wir uns auf die Suche nach Gayyads geheimer Festung im Blauen Land machen, muss ich mich mit Berraneh beraten.«
Der Gedanke an ihre Großmutter ließ Laisa nicken. »Gut, tun wir das. Aber N’ghar, Ysobel, Rongi und Reolan kommen mit.«
»Ich habe nichts dagegen«, antwortete Yahyeh. »Es kann übrigens sein, dass wir deine Eltern in Grenzgebieten des Blauen Landes finden. Auf einem Kristall war ein Hinweis darauf, dass sie dort versteinert aufbewahrt würden.«
Noch während sie sprach, legte Yahyeh ihre Hand auf Laisas Schulter und ließ sie die Bilder miterleben, die sie aus dem erbeuteten Speicherkristall geholt hatte.
Es war dieselbe Höhlenfestung, in der Laisa zur Welt gekommen war. Auch der Käfig, in dem ihre Eltern eingesperrt gewesen waren, stand noch dort. Darin befanden sich zwei Versteinerte, eine weiße Eirun und ein blauer Katzenmensch, die wirkten, als seien sie in einem erbitterten Zweikampf erstarrt. Beide hatten dem anderen eine Klinge in die Brust gestoßen. Die eine schmeckte schwarz und die andere grün, und das stellte die jeweilige Gegenfarbe dar. Trotz ihrer Versteinerung mussten beide Seelen entsetzliche Qualen erleiden.
Laisa sprang mit einem hasserfüllten Fauchen auf. »Dafür werde ich Gayyad in kleine Streifen schneiden, diese gut würzen und zum Frühstück verspeisen!«
»Wirklich?«, fragte Rongi ganz verdattert.
»Natürlich fresse ich ihn nicht. Aber er wird diese Tat bedauern, das schwöre ich euch!« Laisa war zu aufgewühlt, um sitzen bleiben zu können.
»Wann brechen wir auf?«, fragte sie Yahyeh.
»Da wir auf niemand warten müssen, können wir es noch heute tun. Je eher wir im Blauen Land sind, umso lieber ist es mir.« Yahyeh nickte den anderen Evaris und ihrer Gastgeberin Rilla, die sich zu ihnen gesetzt hatte, kurz zu und erklärte, dass alle, die sie begleiten würden, ihre Sachen packen sollten.
»Wir brechen auf, sobald eine Lotsenbarke zur Verfügung steht«, erklärte sie noch und verließ den Raum.
»Und wir müssen warten, bis dieses Gelbspitzohr erscheint«, stöhnte Rogon und trank den nächsten Schluck Bier.
Keine halbe Stunde später legte eine Lotsenbarke von der zentralen Insel ab und steuerte durch den großen Kanal nach Süden. Laisa stand am Bug und blickte nach vorne, denn sie hatte sich noch immer nicht beruhigt. Ein paarmal fauchte sie in die Richtung, in der die Evari Gayyad vermutete. Es erschien ihr wie Hohn, dass der Kerl bereits seinen nächsten Anschlag vorbereitet hatte, während sie, Rogon und ihre Freunde die wild gewordenen Heere in Edessin Dareh hatten bändigen müssen.
»Ich werde erst wieder gut schlafen können, wenn wir diesen Dürrschwanz erwischt haben!«, rief sie zornerfüllt.
»Das werden wir. Keine Sorge.« N’ghar zeigte seine Zähne in einer Art, die selbst dem Lotsen, der die Barke steuerte, und dessen Ruderern durch Mark und Bein ging. Sein Zorn und seine Sorge waren verständlich, denn das Herzogtum seines Großvaters N’rhom befand sich mitten in dem Gebiet, das von Gayyads Krieg bedroht wurde. Daher drängte es ihn ebenso wie Laisa und Yahyeh, rasch die Westprovinz des Blauen Landes zu erreichen.
»Gab es auf diesen Kristallen genauere Angaben?«, fragte Laisa die Evari.
Yahyeh verneinte bedauernd. »Es wurden aber Stellen genannt, bei denen ich nach Spuren suchen will.«
»Befinden diese sich in der Nähe meiner Heimat?«, wollte N’ghar wissen.
Erneut verneinte die Evari. »Es spielt sich wahrscheinlich alles mehr in der Nähe und auf der Heerstraße ab, die von der Blauen Festung tiefer ins Blaue Land hineinführt. Euer Waldland liegt mehrere hundert Meilen davon entfernt.«
Obwohl die Auskunft N’ghar erleichterte, kämpfte er mit einem unguten Gefühl. »Ich möchte trotzdem zu N’rhom. Gayyad weiß, dass unser Volk treu zu Ilyna steht und dir auf jeden Fall helfen würde.«
»Du meinst, er könnte versuchen, dein Volk auf eine ähnliche Weise auszuschalten, wie er es mit den Eirun der westlichen Dämmerlande getan hat?«, fragte Laisa.
N’ghar nickte bedrückt. »Gayyad kann es sich nicht leisten, das Katzenvolk der westlichen Wälder zu seinen Gegnern zu zählen.«
»Wir reiten gemeinsam in deine Heimat und sorgen dafür, dass ihr nichts geschieht«, erklärte Laisa und wandte sich an den Lotsen. »Wie lange wird es dauern, bis wir ankommen?«
»Wir werden euch so rasch wie möglich an euren Bestimmungsort bringen«, versprach der Mann, ohne sich genau festzulegen.
»Dann ist es gut.« Obwohl Laisa freundlich nickte, stieg ein Gefühl in ihr auf, als läge eine unerkannte Gefahr vor ihr, von der auch die Evari nichts ahnte. Mit einem leisen Fauchen setzte sie sich ins Boot und lehnte sich gegen die Reling.
»Ich werde ein wenig schlafen. Es kann sein, dass wir in den nächsten Tagen kaum zur Ruhe bekommen«, sagte sie zu N’ghar und schloss die Augen. Trotz ihrer Anspannung dämmerte sie sofort weg, träumte aber schlecht und hörte Gayyad in der Ferne lachen.
Laisa wachte auf, als N’ghar sie anstupste. »Wir sind da«, sagte er.
Als sie sich umschaute, lag die Barke am Ostufer des Stromes, an zwei verkrüppelten Bäumen vertäut. Yahyeh, Ysobel und die anderen machten sich bereits zum Aussteigen fertig.
»Was ist mit Pferden?«, fragte sie, noch halb in ihren Träumen verfangen.
»Die bekommen wir in der Blauen Festung. Die unseren mussten ja in der neuen violetten Siedlung am See zurückbleiben«, erklärte ihr N’ghar.
»Ich würde lieber auf Vakka reiten«, maulte Laisa und wunderte sich selbst über ihren Wunsch nach der Stute. Gleichzeitig stellte sie fest, dass sie so stark angespannt war, dass ihr Fell kleine weiße Funken sprühte, als sie darüberstrich.
»Was ist mit dir?«, fragte Rongi, der es mitbekam.
»Ich weiß es nicht! Es ist nur …« Laisa konnte ihr tiefes Misstrauen nicht in Worte fassen. »Ich bin unruhig, weil wir nicht wissen, ob Gayyad sich wirklich dort aufhält, wo wir ihn vermuten, oder ob es sich nur um ein weiteres Ablenkungsmanöver handelt.«
»Wir werden ihn in die Hände bekommen«, versicherte Yahyeh, während sie mit ihrem Packen die Barke verließ. »Komm jetzt! Wir haben etliche Stunden zu gehen, und ich will nicht länger als nötig in diesem vergifteten Land bleiben.«
Obwohl sie es freundlich sagte, zischte Laisa empört, nahm aber ihr Gepäck und sprang mit einem mächtigen Satz an Land.
»Dir pressiert es aber!«, rief Rongi und wollte es ihr gleichtun. Er stolperte jedoch und wäre kopfüber ins Wasser gefallen, hätte N’ghar ihn nicht rechtzeitig beim Nackenfell gepackt.
»Nicht so voreilig, Kleiner!«, rief N’ghar und warf den Katling wie einen Ball ans Ufer.
Rongi kam auf allen vieren auf, maunzte und gesellte sich zu Laisa. »Lässt du mir auch etwas von diesem verdammten Dürrschwanz übrig? Ich will ihn auch in Streifen schneiden und fressen.«
»Verdient hätte er es.« Ysobel lachte leise und zauste Rongis Stirnfell. »Freust du dich, nach Hause zu kommen? Immerhin wollen wir zu eurem Wald reisen.«
»Vielleicht finden wir dort auch meine Mama!«, rief Rongi hoffnungsvoll.
»Wenn sie versteinert ist, könnte es gut sein«, antwortete N’ghar. »Allerdings habe ich den ganzen Wald durchstreift und nichts entdeckt, was auf sie hinwies. Läge sie irgendwo unter der Erde, hätte sie mir auffallen müssen.«
»Oder auch nicht. Wenn Gayyad sie in einem seiner Verstecke untergebracht hat, hattest du keine Chance. Daher sollten wir nach Orten Ausschau halten, an denen der Dürrschwanz sich zu schaffen gemacht hat. Aber vorher sollten wir schauen, welche Falle er für Katzenmenschen aufgestellt hat. Immerhin sind deine Leute zähe Kämpfer.« Laisa hatte sich mittlerweile so weit beruhigt, dass sie an dem Gespräch teilnehmen konnte, und erntete für ihre Bemerkung ein Nicken von N’ghar.
»Damit hast du recht. Mein Großvater kann mehrere tausend Katzenkrieger für Ilyna ins Feld führen, denn er ist nicht nur Herzog unseres Stammes, sondern auch das Oberhaupt der östlich unseres Waldes lebenden Pinselohren.«
»Pinselohren?«, fragte Laisa.
»Ein anderer Stamm von Katzenmenschen.« N’ghar legte ihr die Hand auf die Schulter und zeigte ihr Bilder von diesem Volk.
Verwundert schüttelte Laisa den Kopf. »Das sind Leute wie die, bei denen ich aufgewachsen bin!«
»Aber dort kann es nicht gewesen sein. Wir hätten ganz gewiss von einem weißen Katzenmädchen gehört«, erklärte N’ghar.
»Der Ort, an dem ich gelebt habe, war sehr weit weg«, rief Laisa. »Dort lebten sowohl Menschen, die denen in den Dämmerlanden ähnelten, wie auch Katzenmenschen. Aber beide Völker besaßen keinerlei Götterfarbe. Zumindest nehme ich das an, denn ich habe die Farbe der goldenen Eirun bemerkt und später auch die Farben der Dämmerlande.«
»In diesen Landen sind Gold-Eirun Sagengestalten aus uralter Zeit«, wandte Reolan nachdenklich ein. »Es hieß sogar, es würde keine Goldenen mehr geben.«
»Es gibt sie«, versicherte Laisa ihm. »Rongi und Ysobel haben sie ebenfalls gesehen.«
»Ich wusste nur nicht, dass sie golden waren. Es hätte auch Gelb, Weiß oder Grün sein können«, warf Ysobel leise ein.
»Sie waren golden«, erklärte Laisa und wies dann auf Yahyeh, die bereits einen kleinen Vorsprung gewonnen hatte.
»Wir sollten uns tummeln, sonst muss Yahyeh an der Versetzungsplatte auf uns warten.« Auf ihre Worte hin beschleunigten alle ihre Schritte und holten die Evari nach kurzer Zeit ein.
»Ich dachte schon, ihr wäret am Ufer angewachsen«, spottete Yahyeh.
»Nicht wenn wir Gayyads Spur verfolgen. Hoffentlich gibt er uns diesmal keine zu harten Nüsse zu knacken.« Laisa verzog ihr Gesicht zu einem Grinsen, das nicht gerade freundlich wirkte.
»Du hast doch ein ausgezeichnetes Gebiss«, rief Rongi, und Laisa wusste nicht, ob es nun spaßhaft oder ernst gemeint war.
Für normale Menschen, aber auch für die meisten magisch begabten Wesen wäre der Weg zur Versetzungsplatte zu gefahrvoll gewesen. Zum einen existierten dort Reste uralter Kampfmagie in allen sechs Farben, welche beim Aufeinandertreffen der Gegenfarben zu heftigen Explosionen führten. Dazu kamen zurückgelassene Kampfungeheuer und andere bizarre Wesen, denen man besser nicht begegnen sollte. Yahyehs magische Kräfte reichten jedoch aus, um alle Gefahren abzuwehren und die Versetzungsplatte ohne Probleme zu erreichen. Selbst die aus Kriegszeiten stammenden, halb lebendigen Dornbüsche, die diese bewachten, ließen sich von der Evari beruhigen und raschelten nicht einmal drohend.
Vor der glatten grauen Fläche, die seit Urzeiten erfolgreich Wind und Wetter getrotzt hatte, blieb Yahyeh stehen und drehte sich zu den anderen um. »Wir haben kaum Erfahrung mit diesen Platten und wagen es auch nicht, eine uns unbekannte Platte anzuwählen, weil wir nicht wissen, ob diese noch existiert. Der Transport über die wenigen, die wir kennen, ist jedoch unbedenklich, da jede ihre eigene magische Signatur besitzt. Ich werde jetzt die Platte nahe der Blauen Festung als Ziel eingeben. Die restliche Strecke bis dorthin will ich uns versetzen, so dass wir bereits heute Abend an Berranehs Tafel sitzen und uns mit ihr beraten können.« Noch während sie sprach, kniete sie neben der Platte nieder, legte ihre Hand auf deren Rand und griff mit ihren magischen Sinnen nach dem Steuerkristall. Zu ihrer Erleichterung war dieser bereits auf die gewünschte Platte eingestellt.
»Wir kommen schneller weg, als ich dachte. Stellt euch neben mich, damit ich den Versetzungsbefehl geben kann.« Erleichtert trat Yahyeh auf die Platte, wartete, bis die anderen bei ihr waren, und strahlte das magische Signal ab, das die Platte in Gang setzte.
Für einen Augenblick wurde die Platte durchsichtig, und es sah aus, als würde rot schimmernder Nebel darin aufsteigen. Laisas Nackenhaare stellten sich auf, und alles in ihr drängte, von der Platte zu springen. Doch bevor sie den Gedanken in die Tat umsetzen konnte, wallten zwei Wirbel hoch. Einer hüllte Yahyeh und ihre Begleiter ein, der andere nur sie. Dann waren die Reisenden im Bruchteil eines Augenblicks verschwunden.
Yahyeh, N’ghar und die meisten ihrer Begleiter tauchten im Kellergeschoss des verfallenen Turmes auf, der über der Platte bei der Blauen Festung errichtet worden war, und sahen sich sofort nach etwaigen Gefahren um. Daher stellten sie erst nach einigen Augenblicken fest, dass Laisa fehlte.
»Vielleicht ist sie schon nach oben gegangen«, sagte Ysobel.
N’ghar schüttelte den Kopf. »Das würde ich spüren. Laisa ist nicht mit uns gekommen.«
»Das gibt es nicht!«, rief Yahyeh nervös. »Die Platte hat uns doch wie gewünscht hierhergebracht. Daher müsste Laisa ebenfalls hier sein. Es sei denn, sie ist im letzten Augenblick von der anderen Platte gesprungen.«
»Ich bin ganz sicher, dass sie bei uns war!«, rief Reolan beunruhigt.
Rongi rief mit maunzender Stimme nach Laisa, so als wolle er nicht glauben, dass sie nicht mitgekommen sei.
»So wird das nichts, Kleiner. Sie ist wirklich nicht hier.« N’ghar schnaubte unwillig und wandte sich dann an Yahyeh. »Was machen wir jetzt?«
»Ich springe noch einmal zurück und sehe nach. Vielleicht ist sie doch zurückgeblieben.«
»Ich komme mit. Ihr anderen wartet inzwischen hier auf uns.«
»Hoffentlich verschwindet ihr nicht auch.« Ysobel hatte Angst, und Reolan sah aus, als würde er sich an jeden anderen Ort der Dämmerlande wünschen.
»Verschreie es nicht.« N’ghar bleckte die Zähne und trat wieder auf die Platte.
Mit äußerster Konzentration schaltete Yahyeh die Platte um, gab den Versetzungsbefehl und fand sich mit N’ghar zusammen auf der Platte wieder, von der sie gekommen waren. Von Laisa war jedoch weit und breit nichts zu sehen oder zu spüren. Als N’ghar ihre Witterung aufnehmen wollte, endete diese auf der Platte. Laisa war versetzt worden, aber nicht an das von ihnen eingestellte Ziel. Als er das Yahyeh sagte, wurde diese unter ihrer blauen Gesichtsmaserung blass.
»Aber das ist unmöglich!«
»Du sagtest doch, dass ihr die Platten nicht so gut kennt. Vielleicht gibt es etwas, das Gayyad weiß und ihr nicht.«
»Das wäre entsetzlich«, stöhnte Yahyeh und untersuchte die Versetzungsplatte, so gut sie es vermochte. Nach einer Weile gab sie kopfschüttelnd auf.
»Irgendetwas ist dort, aber ich schaffe es nicht, tiefer in die Steuerung einzudringen. Vielleicht wäre eine der großen Magierinnen an Ilynas Hof dazu in der Lage.«
»So eine wird sicher nicht hierherkommen, um sich diese Platte anzusehen.« N’ghar knirschte mit den Zähnen und streckte die geballten Fäuste zum Himmel.
»Wenn Laisa etwas passiert ist, werde ich Gayyad jagen, bis ich ihn habe, in kleine Streifen schneiden und verspeisen. Das ist mein voller Ernst!«
»Laisa ist findig und geschickt. Wo sie auch immer sein mag, sie wird überleben und zurückkehren.« Yahyeh glaubte selbst nicht an ihre Worte, wollte aber N’ghar Mut zusprechen. Da auch weiteres Suchen nichts ergab, legte sie ihm die Hand auf die Schulter.
»Komm jetzt! Wir müssen zu den anderen zurückkehren. Eines bin ich mir gewiss: Gayyad hat in den Grenzgebieten des Blauen Landes etwas vor, und das kann nichts Gutes sein.«
»Der Tenelin soll ihn holen!«, fauchte N’ghar und stellte sich auf die Platte. Yahyeh folgte ihm, gab den Versetzungsbefehl ein, und sie befanden sich sofort wieder in dem alten Turm. Während Ysobel, Reolan und Rongi aufatmeten, begriff N’ghar, dass Gayyad es auf Laisa abgesehen hatte, und wünschte seiner Gefährtin die Kraft und den Willen, einen Weg zu finden, der sie wieder zusammenführen würde.
Zweites Kapitel
Laisa spürte, wie sie versetzt wurde und dann haltlos in die Tiefe stürzte. Um sie herum herrschte eine sternklare Nacht. Instinktiv krallte sie sich an einem Felsen fest, gegen den sie prallte, und versuchte, sich zu orientieren. Was ist geschehen?, fragte sie sich. Das hier war auf jeden Fall nicht die Stelle, zu der Yahyeh sie hatte bringen wollen.
Angespannt schnupperte sie und suchte, als sie ihre Begleiter nicht witterte, mit ihren magischen Sinnen nach ihnen. Doch es war weder N’ghar noch einer der anderen in ihrer Nähe. Ein wenig erleichterte es sie, denn ihr Sturz war hart gewesen und hätte für Ysobel und Reolan den Tod bedeutet.
Nun wurde ihr die Kälte bewusst, die ihr bis in die Knochen biss. Außerdem war die Luft so dünn, dass sie zu ersticken drohte. Für einige Augenblicke fiel sie in Panik, dann aber erinnerte sie sich daran, dass ihre Großmutter Berraneh sie gelehrt hatte, sich magisch zu erhalten. Es fiel ihr zwar schwer, doch es gelang ihr, ihre Körperfunktionen zu sichern. Aber auf diese Weise verbrauchte sie zu viel Kraft und würde nicht lange überleben.
Ein paar Dutzend Schritte über ihr musste die Platte sein. Laisa blickte hoch und war froh um ihre Katzenaugen, denen das Sternenlicht ausreichte, so dass sie fast ebenso gut sehen konnte wie am Tag. Sie hing an der unteren Kante eines Steilhangs, an dem es kaum eine Stelle gab, an denen ein Mensch sich festhalten oder gar stehen konnte. Mit einem leisen Fauchen hangelte sie sich nach oben, erreichte die Platte und sah, dass diese fast senkrecht stand. Wer hier unvorbereitet auftauchte, musste zwangsläufig sehr tief fallen.
Laisa war froh, dass sie Yahyehs magische Steuerbefehle mitverfolgt hatte, und wollte diese Platte auf jene bei der Blauen Festung einstellen. Noch während sie es versuchte, hörte sie eine magische Stimme in ihrem Kopf.
»Der Sendekristall dieser Versetzungsplatte ist zerstört. Sie kann nur noch empfangen und niemand mehr von hier wegbringen. Viel Glück! Du wirst es brauchen.« Es war Gayyad, und er lachte höhnisch.
Laisa fauchte wütend und schlug mit einer Hand nach einem imaginären Feind. Erst danach begriff sie, dass die Botschaft bereits sehr alt war und nicht ihr persönlich galt. Das Ganze hier war eine Falle, mit deren Hilfe Gayyad sich wohl schon seit Jahrhunderten seiner Feinde entledigte.
Für einen Moment packte Laisa die Wut. Dann aber sagte sie sich, dass es erst einmal galt, einen Platz zu finden, an dem sie überleben konnte. Sie blickte zum Himmel hinauf, um anhand der Sterne ihre ungefähre Position zu schätzen, und erlitt einen weiteren Schock. Es gab keine einzige ihr bekannte Sternkonstellation. Verwirrt kniff sie die Augen zusammen, doch die unbekannten Sternbilder blieben.
Wohin war sie geraten? Die Dämmerlande waren es jedenfalls nicht. Befand sie sich wieder in der Welt, in der sie aufgewachsen war? Dies konnte sie anhand der magischen Schwingungen um sie herum ausschließen. Wo sie herkam, gab es keine spürbare Magie.
Laisa begriff, dass dieses Rätsel im Augenblick nicht zu lösen war. Zudem musste sie sehr bald einen Ort finden, an dem sie ohne magischen Selbsterhalt existieren konnte. Doch wohin sollte sie sich wenden?
»Du musst ein gewaltiges Stück in die Tiefe steigen«, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf, und diesmal war es nicht Gayyad.
»Lizy, bist du das?«, fragte sie.
»Wer soll ich sonst sein?«, kam es spöttisch zurück. »Komm auf mich zu! Hier kann man wieder richtig atmen, und es ist auch nicht so kalt wie oben bei dir.«
Laisa spürte das feine magische Band, das sie mit der kleinen Feuerspeierin verband. Es führte verdammt weit in die Tiefe, und das über einen Steilhang, bei dem selbst ein Felsspringer gescheitert wäre. Sie war jedoch eine Katzenfrau und nicht bereit, so einfach aufzugeben. Leise fauchend machte sie sich an den Abstieg. Bald aber begriff sie gar nichts mehr. Für ihr Gefühl stieg sie Meile um Meile in die Tiefe, und die Felsen hörten einfach nicht auf.
»Wie weit oben bin ich aufgetaucht?«, fragte sie und hörte Lizy leise lachen.
»Schätzungsweise 30 Meilen, vielleicht auch ein paar mehr. Ich bin hier noch etwa vier bis fünf Meilen hoch, kann aber in der Ferne das Meer glitzern sehen.«
»Von einem so gewaltigen Berg habe ich noch nie gehört«, stieß Laisa fassungslos hervor.
»Es ist kein einzelner Berg, sondern ein langgezogener Gebirgsriegel. Seine Länge kann ich nicht erkennen, aber es müssen sehr viele Meilen sein.«
»Und die Breite?«, fragte Laisa neugierig.
»Keine Ahnung. Dafür müsste ich ganz nach oben, doch dann würdest du deinen Bezugspunkt verlieren. Hier ist es übrigens recht hübsch.« Lizy zeigte Laisa einen etwas flacheren Hang, auf dem sich einige Bergspringer mit krummem Gehörn tummelten. In dem Augenblick machte sich Laisas Magen mit einem kräftigen Knurren bemerkbar. Magisch begabte Wesen benötigten von Haus aus mehr Nahrung als normale Menschen. Da sie sich zudem auch noch magisch erhalten musste, verbrauchte sie sehr viel Kraft.
»Welchen Bergspringer willst du? Ich würde den dort nehmen«, meldete sich Lizy und zeigte Laisa das Tier.
»Ich werde es mir holen, sobald ich bei dir bin«, antwortete Laisa.
»Warum kompliziert, wenn es einfach auch geht?« Kaum hatte Lizy es gesagt, huschte sie los, war in wenigen Augenblicken bei dem ausgesuchten Bergspringer und tötete das Tier durch einen gezielten Feuerstrahl gegen den Kopf.
»Es ist angerichtet!«, rief sie, und Laisa sah sie breit grinsen.
Als die Nacht der Dämmerung wich und endlich auch die Sonne aufging, kletterte Laisa noch immer schroffe Felswände hinab. Mittlerweile war es nicht mehr ganz so kalt, und sie konnte wieder normal atmen. Trotzdem trennten sie immer noch zwei bis drei Meilen von Lizy. Bevor sie diese in Angriff nahm, setzte sie sich auf einen Felsvorsprung, um sich zu erholen. Es wurde rasch heller, und sie blickte verblüfft auf die schier endlose Wasserfläche, die sich tief unter ihr erstreckte. Von ihrem Standort aus hatte sie einen Ausblick über etliche hundert Meilen und sah bis zum Horizont nur Wasser. Nicht ganz, schränkte Laisa ein. An ein paar Stellen hingen Wolken, so als würden sie von gebirgigen Inseln aufgehalten. Doch keine schien auch nur annähernd so groß zu sein wie die, auf der sie sich befand, und auch bei weitem nicht so hoch.
Die Insel hier ragte, so weit sie schauen konnte, steil aus dem Meer empor und strebte in schier endlose Höhen, so als wolle sie bis zu den Sternen wachsen. Wie weit sie nach Norden und Süden reichte, konnte Laisa nicht erkennen. Auf jeden Fall war es weiter, als sie mit ihren magischen Sinnen greifen konnte. Sie versuchte nun, die Götterfarbe dieses gewaltigen Felsgebildes zu erkennen, und entdeckte alle sechs bekannten Farben. Diese waren jedoch nur auf einige wenige Stellen beschränkt. Der überwiegende Teil dieser Insel war …
»Gold!«
Laisa stieß dieses Wort fast erschrocken hervor. Wenn es wirklich ein Gebiet mit goldener Grundfarbe war, musste es sich noch hinter den Reichen der sechs Göttinnen und Götter in Weiß, Gelb, Grün, Blau, Schwarz und Violett befinden, und das hieß in ihrem Fall, am anderen Ende der Welt.
»Komm jetzt! Sonst futtere ich den Bergspringer allein auf«, drängte Lizy.
Nun musste Laisa grinsen, denn Lizy maß von der Schnauze bis zur Schwanzspitze weniger als ihr Arm und wog nicht einmal ein Zehntel des Bergspringers. Selbst sie würde einige Tage brauchen, das Fleisch des Tieres zu verspeisen. Mit diesen Gedanken machte Laisa sich wieder auf den Weg und erreichte eine knappe Stunde später das Wiesenstück, auf dem Lizy es sich bequem gemacht hatte. Obwohl es alles andere als flach aussah, fiel es nicht mehr ganz so steil ab wie die Felswände, an denen sie herabgeklettert war.
»Hier haben sich noch vor kurzem Leute herumgetrieben«, meldete Lizy, die sich in der Zwischenzeit ein wenig umgesehen hatte.
»Welche?«, fragte Laisa und beäugte hungrig den erlegten Bergspringer.
»Der Farbe nach könnten es Weiße gewesen sein. Aber iss jetzt, sonst fällst du mir noch vom Fleisch.«
Lizy wurde eindeutig zu frech, fand Laisa. Da sie jedoch vor Hunger fast umkam, setzte sie sich hin, zerlegte den Bergspringer mit ihren Krallen und steckte sich das erste Stück in den Mund. Nun war sie froh, bei Groms Pinselohrkatzen aufgewachsen und an rohes Fleisch gewöhnt worden zu sein. Rongi und N’ghar aßen es nur im äußersten Notfall. Zwar hätte sie sich trockenes Gras und dürre Zweige der verkrüppelt aussehenden Nadelbäume holen und durch Lizy entzünden lassen können. Doch in Situationen wie dieser wollte sie sich nicht von Nebensächlichkeiten ablenken lassen.
»Du meinst, es waren weiße Leute? Menschen oder Eirun?«, fragte sie zwischen zwei Bissen.
Lizy sprang auf ihre Schulter und bettelte, ebenfalls etwas zu bekommen.
»Faules Stück«, tadelte Laisa sie lachend. »Du könntest dir ja selbst ein paar Stücke herausschneiden.«
»Ich habe kein Messer, und meine Krallen sind lange nicht so scharf wie die deinen«, meinte Lizy ungerührt und begann ihren Bericht erst, als Laisa ihr mehrere kleine Brocken Fleisch ins Mäulchen gesteckt hatte.
»Menschen können es meiner Ansicht nach nicht gewesen sein. Dafür ist hier die Luft zu dünn.«
»Also Eirun«, schloss Laisa daraus.
Lizy schüttelte den Kopf. »Auch nicht! Die Spuren fühlen sich eher wie die von weißen Gurrims an.«
»Es gibt keine weißen Gurrims«, entfuhr es Laisa.
»Genauso wenig, wie es weiße Katzenmenschen gibt«, antwortete Lizy.
»Was sagst du übrigens zur Sonne?«, fragte die Kleine dann.
»Was soll ich dazu sagen?« Laisa schaute auf und kniff irritiert die Lider zusammen. Wenn ihr Orientierungssinn nicht trog, stieg die Sonne von Osten nach Norden auf und nicht nach Süden, wie es sich gehörte.
»Was ist denn das?«, rief sie verdattert.
»Wir sind jenseits der Sonne gelandet«, erklärte Lizy. »Die Welt soll doch eine große Kugel sein, die um die Sonne kreist. Wenn man sich auf dem nördlichen Teil dieser Kugel befindet, sieht man die Sonne im Süden stehen. Befindet man sich hingegen auf dem südlichen Teil der Welt, ist sie im Norden. Das ist doch ganz einfach!«
Der dozierende Tonfall der Kleinen weckte in Laisa den Wunsch, Lizy einen Knoten in den langen Hals zu machen. Sie beherrschte sich jedoch und versuchte abzuschätzen, wo die Sonne Mittag stehen würde. Es war jedenfalls weiter im Norden, als sie die Sonne von den Dämmerlanden aus im Süden gesehen hatte.
»Wir müssen verdammt weit im Süden gelandet sein«, murmelte sie und vergaß für den Augenblick sogar zu essen.
»Wirklich verdammt weit«, stimmte Lizy ihr zu. »So, wie ich in der Nacht die Schwester beobachten konnte, auch ziemlich weit im Westen. Ich schätze, dass wir mindestens 20000 Meilen von Edessin Dareh entfernt aufgetaucht sind.«
»Das ist eine Menge«, fand Laisa. »Selbst ein schnelles Schiff würde für diese Strecke mehrere Monate brauchen.«
»Nur dass wir hier kein Schiff haben und auch kein richtiges Holz, um eines zu bauen«, wandte Lizy ein. »Wenn ich die Bäume, die weiter unten wachsen, richtig einschätze, reichen sie gerade mal für ein Floß oder ein kleines Boot. Mit so etwas bis zu den Dämmerlanden zu kommen erscheint mir unmöglich, vor allem weil wir über die Strecke, die wir nehmen müssten, nicht das Geringste wissen.«
»Du verstehst es, einem Mut zu machen«, stöhnte Laisa und fand, dass sie auf diese Nachricht hin eine Stärkung brauchte.
Zwei Stunden später hatte Laisa so viel gegessen, dass sie glaubte, platzen zu müssen. Sie kontrollierte ihre Ausrüstung und bemerkte zufrieden, dass sie alles, was sie aus Edessin Dareh mitgenommen hatte, noch bei sich trug, bei Bogen und Pfeilköcher angefangen über ihre Lederstreifenrüstung bis hin zu den sechs verschiedenfarbigen Wurfmessern, dem Dolch sowie ihrem Schwert, dessen Klinge aus weißer Magie bestand. Geld hatte sie ebenfalls dabei. In Lanar oder bei den Goisen wäre es genug gewesen, um sich ein Schiff für eine Fahrt rund um die Welt kaufen zu können. Allerdings bezweifelte sie, dass es auf dieser seltsamen Insel die Gelegenheit gab, ein Schiff zu erwerben.
Nachdem sie die Teile des Bergspringers, die sie mitnehmen wollte, in einen Lederbeutel gepackt hatte, machte sie sich an den weiteren Abstieg. Noch befand sie sich mehr als sechs Meilen über dem Meer und hätte unter anderen Umständen die herrliche Aussicht genossen. Doch der Gedanke, dass zwischen ihr und N’ghar wohl 20000 Meilen lagen, drückte auf ihre Stimmung.
»Was machen wir als Nächstes?«, fragte Lizy, die sich nicht aufgelöst, sondern es sich auf Laisas Schultern bequem gemacht hatte.
»Wir suchen erst einmal deine weißen Gurrims.« Es lagen so viele Zweifel in Laisas Stimme, dass Lizy lachte.
»Ich kann nur berichten, was ich gespürt habe. Schau doch selbst nach.«
»Das werde ich auch.« Laisa ließ sich von der kleinen Feuerspeierin die Stelle zeigen und untersuchte sie aufmerksam. Doch auch sie musste zugeben, dass die verwehenden magischen Spuren weiß waren und gleichzeitig auf Gurrims hindeuteten.
»Die Welt ist wirklich seltsam«, meinte sie kopfschüttelnd.
»Das musst ausgerechnet du sagen«, spottete Lizy und rieb dann ihr Köpfchen an Laisas Wange. »Ein Paar wie uns beide gibt es gewiss noch seltener als weiße Gurrims.«
»Ich frage mich, was du wirklich bist. Ein Teil von mir oder etwas, das sich mich als Wirt ausgesucht hat? Oder wie bist du zu erklären?«
»Ich würde dir diese Frage ja gerne beantworten, aber ich weiß es selbst nicht. Auf jeden Fall gehören wir beide zusammen wie Stahl und Feuerstein, Fisch und Wasser, Katzenmensch und Wald. Du kannst es dir aussuchen!« Lizy hauchte ein winziges Flämmchen an Laisas Ohr vorbei. Diese spürte die plötzliche Wärme und fauchte.
»Wehe, du versengst mir meine Haare! Außerdem könntest du dich nützlich machen und mir den besten Weg für den weiten Abstieg suchen. Es sind einige arg steile Stücke dabei.«
»Ich höre und gehorche!« Mit einem Lachen verschwand Lizy und tauchte mehrere hundert Schritt unterhalb von Laisa wieder auf.
»Jetzt fünf Schritte nach links, dann kommst du gut runter«, hörte Laisa die magische Stimme der Kleinen und befolgte ihren Rat. Obwohl sie Felsen erklimmen konnte, an denen selbst N’ghar scheitern würde, war sie froh um die Hilfe. Es war eine elende Kletterei, und es ging teilweise überhängende Steilwände hinab, bei denen sie sich nur mit den Krallenspitzen in Felsritzen festhalten konnte. Nach vier weiteren Meilen war sie durchgeschwitzt und froh, sich auf einem schmalen Felsband ausruhen zu können.
»Wer immer dieses Land geschaffen hat, war nicht richtig im Kopf«, schimpfte sie und holte die nächste Portion Bergspringer aus ihrem Beutel.
»Vielfraß«, spottete Lizy und angelte sich ebenfalls ein Stückchen Fleisch. »Ich glaube, wir nähern uns einem bewohnten Gebiet«, sagte sie, während sie genüsslich kaute.
»Es müssen diese Weißen sein«, antwortete Laisa, die ein Stück tiefer und zwei Meilen seitlich von ihnen die magische Ausstrahlung lebender Wesen ausgemacht hatte.
»Wollen wir hin?«, fragte Lizy.
»Es ist die beste Möglichkeit, zu erfahren, wo wir hier gelandet sind – und vor allem, wie wir von hier fortkommen.« Laisa steckte das nächste Stück Fleisch in den Mund, packte den Rest wieder weg und stand auf.
»Du bleibst am besten unsichtbar. Nicht dass die Leutchen vor dir erschrecken«, befahl sie Lizy.
Diese antwortete mit einem leisen Lachen. »Ich glaube, dass ihnen eine weiße Katzenfrau noch seltsamer vorkommen dürfte als ich.«
»Wenn es dort wirklich weiße Gurrims gibt, glaube ich das weniger.«
Laisa kletterte weiter und bemerkte, dass die Landschaft zwar nur unwesentlich flacher wurde, aber immer stärker auf Besiedlung hinwies. Wo es nur ging, hatten die Bewohner kleine Terrassenfelder angelegt. Oft waren diese gerade so groß, um zwei oder drei Steckrüben dort zu ziehen. Das größte dieser Felder mochte fünfmal so lang sein wie sie selbst und kaum breiter, als sie die Arme ausstrecken konnte. Wer auch immer hier lebte, führte ein hartes und beschwerliches Leben mit einer Kost, die zum überwiegenden Teil aus Steckrüben bestand.
Naserümpfend näherte Laisa sich einer Stelle, an der Höhlen und Stufen in die Felswand hineingehauen worden waren. Weiter unten arbeiteten tatsächlich weiße Gurrims auf den winzigen Terrassenfeldern. Es war eigenartig zu sehen, wie zärtlich die großen, wuchtigen Gestalten jedes Pflänzchen behandelten. Bekleidet waren beide Geschlechter mit Kitteln aus einem Geflecht, das Laisas Nase zufolge nach Meer roch.
»Getrockneter Tang«, ließ Lizy sich vernehmen.
Laisa nickte. »Sieht so aus. Mal sehen, was die Leute sagen, wenn sie mich bemerken.« Damit stellte sie sich auf einen Felsvorsprung, unter dem eines der Terrassenfelderchen lag, und winkte.
»He, ihr da! Habt ihr was dagegen, wenn ich zu euch hinabsteige?«
Es war, als hätte sie einen ganz großen Stock in einen Ameisenhaufen gestoßen. Die Leute starrten erschrocken zu ihr hoch, hasteten dann davon und verschwanden, so rasch es ging, in den Höhlen.
»Was soll das?«, rief Laisa. »Ich bin satt und will euch nicht fressen!«
»Das wird sie sehr beruhigen«, spottete Lizy. »Soll ich mich hinunterversetzen und mit ihnen reden? In mir sehen sie vielleicht weniger eine Gefahr als in dir.«
»Ich glaube, da tut sich was.« Laisa zeigte auf eine Höhle, aus der eben eine Eirun trat und zu ihr hochschaute.
»Ich komme in Frieden«, rief sie zu der Frau hinab.
»Du kommst von oben?«, fragte diese mit ihrer magischen Stimme.
»Ja, und ich wüsste gerne, was das hier für ein Land ist.«
»Das hier ist die Heimat der Betrogenen und derer, die ihrem Herrn unbequem geworden sind«, antwortete die Geisterstimme in Laisas Kopf. Dann kam die Frage: »Bist du schon anderen begegnet?«
Laisa schüttelte den Kopf. »Nein, ihr seid die Ersten.«
»Dann musst du in ziemlich gerader Linie abgestiegen sein. Das schaffen nur wenige!« Es klang ehrlicher Respekt mit.
»Es gibt also auch noch andere Leute als euch«, schloss Laisa aus diesen Worten.
Die andere bejahte. »Jede magische Farbe besitzt ihr eigenes Gebiet. Dazu kommt noch Carilons Bande.«
»Wer ist Carilon?«, fragte Laisa aus dem Gefühl heraus, dass diese Person ein Ärgernis für sie darstellen könnte.
»Ein weißer Eirun-Magier. Er bezeichnet sich als den Sohn eines Gottes und fordert die Anerkennung als Oberherr dieser Insel. Gleichzeitig führt er Krieg gegen die Leute, die aus dem Osten stammen. Aber die sind stark genug, um ihm zu widerstehen. Es heißt, sie besäßen ein Orakel, das ihnen dabei hilft.«
»Dieses Orakel interessiert mich«, erwiderte Laisa. »Vielleicht kennt es einen Weg, wie ich von hier wegkommen kann.« Während des Gesprächs stieg sie weiter ab und grinste, als die Eirun ihre Katzengestalt entdeckte.
»Ich glaube, es ist ganz gut, dass du Carilon nicht begegnet bist«, sagte diese. »Er mag keine Leute, die unsere Farben tragen, aber aussehen wie jene, die wir seit jeher bekämpft haben. Darum bedrängt er mich auch nicht, ihm meine Gurrims zur Verfügung zu stellen. Er traut ihnen trotz ihrer weißen Farbe nicht.«
»Ich glaube, um dieses Bürschchen werde ich mich kümmern müssen.« Laisas Grinsen wurde noch breiter. Auch wenn sie ans andere Ende der Welt verschlagen worden war, so interessierte es sie, wer hier lebte, und so fragte sie nach den restlichen Bewohnern.
Die Eirun hob beschwichtigend die Rechte. »Komm erst einmal mit in meine Höhle und erfrische dich. Du wirst sicher Hunger haben. Der Abstieg ist hart, und man braucht viel Kraft, um ihn zu bewältigen.«
»Damit hast du recht«, sagte Laisa. »Aber ich mag keine Steckrüben. Wenn es hier nichts anderes zu essen gibt, schwimme ich eher nach Hause, als hierzubleiben.«
»Es wäre ein sehr weiter Weg«, erwiderte die Eirun lächelnd. »Doch zu deiner Beruhigung kann ich sagen, dass es bei uns auch Fisch gibt. Wir, die Weißen, Gelben und Grünen tauschen manches untereinander, was wir fangen und erzeugen. Daher kann ich dir Fisch anbieten, aber auch Wasserkastanien, Tang und sogar Milch von gezähmten Bergspringern.«
»So schlecht scheint ihr nicht zu leben«, sagte Laisa anerkennend.
»Wir haben uns hier eingerichtet, so gut es ging. Doch erlaube, dass ich mich vorstelle. Ich bin Nelina, einst Königin eines Eirun-Volkes und jetzt die Hüterin dieser guten Leute, die trotz ihres Aussehens treuere Anhänger Meandirs sind als viele andere, die sich mit weißem Gold und weißer Seide behängen.«
»Ich bin Laisa und eine Verbündete des weißen Evari Khaton – oder besser gesagt, die Bundesgenossin aller Evaris. Wir bekämpfen nämlich denselben Feind«, stellte Laisa sich vor.
»Heißt dieser Feind zufällig Erulim?«, fragte Nelina gespannt.
Laisa horchte auf. »Genau das ist er! Kennst du ihn?«
»Zu meinem Leidwesen muss ich sagen: ja. Er ist schuld, dass ich hierherverschlagen wurde. Ich wollte die Bestimmungen des Friedensvertrags der Götter erfüllen und mit meinem Volk über den Großen Strom ziehen. Erulim hat uns erklärt, er wisse eine Möglichkeit, die uns den Weg quer durch die vom Feind besetzten Gebiete ersparen würde. Ich sollte ihn mit ein paar meiner engsten Begleiter erproben. Doch statt auf der Westseite des Großen Stromes kamen wir hier heraus und wissen nicht, was aus unserem Volk geworden ist.«
Bei diesem Bericht überlief es Laisa heiß und kalt. Ihres Wissens gab es nur ein einziges Eirun-Reich östlich des Großen Stromes, und dessen Königin war für etliche Jahrhunderte ihre Mutter Nelaisan gewesen. Dazu klangen die Namen Nelina und Nelaisan so ähnlich, wie Mütter es oft für ihre Töchter wählten.
»Warst du die Herrin von Erandhon?«, fragte sie geradeheraus.
»Du kennst es? Existiert es noch?« Angst, aber auch Hoffnung schwangen in Nelinas Worten mit.
»Ich kenne es«, sagte Laisa lächelnd. »Jadrinial, die Tochter der Jadalin, ist jetzt die Königin dort.«
»Jadalin war damals noch sehr jung. Aber hast du dort den Namen Nelaisan gehört?«, fragte Nelina gespannt.
»Sie ist eine Gefangene des Feindes, doch ich werde sie und ihren Gefährten Berrandhor aus dem Blauen Land befreien. Die beiden sind nämlich meine Eltern. Ich werde mit vollem Namen Nelaisavaneh Baragain genannt.«
Laisa musste sich das Lachen verkneifen, als sie Nelinas verwirrten Gesichtsausdruck sah. Die Eirun trat auf sie zu und streckte ihre rechte Hand nach ihr aus. Die Berührung war sanft, doch Laisa spürte, dass Nelina sie gründlich überprüfte. Schließlich wich sie einen Schritt zurück und sah sie durchdringend an.
»Du bist tatsächlich Nelaisans Tochter und damit meine Enkelin. Doch du trägst auch das Erbe anderer Völker in dir. Vor allem aber spürte ich an dir das Vertrauen vieler, die meine Farbe tragen – und nicht nur diese! Wie kann das sein?«
Nelina starrte Laisa verwirrt an, doch deren magische Ausstrahlung war eindeutig. Die Katzenfrau musste ihre Enkelin sein. Mit einer resignierenden Geste senkte sie den Kopf.
»Jetzt bist du ebenso wie ich eine Gefangene dieser Insel.«
»Nicht für lange«, antwortete Laisa. »Irgendeinen Weg muss es geben, um von hier wegzukommen.«
»Ich kenne keinen. Die Versetzungsplatte dort oben ist defekt. Man kann von hier aus nirgendwo anders hin.«
»Das ist mir klar, denn ich habe das Ding untersucht. Aber ich werde trotzdem einen Weg finden.«
Laisa klang so überzeugt, dass Nelina unwillkürlich nickte. »Vielleicht gibt es ihn wirklich. Bei den Blauen geht die Sage um, ein Fremder wäre gekommen, hätte ihnen geholfen, ihre Zivilisation aufzubauen, und wäre dann über das Meer entschwunden. Sie nennen ihn den siebten Gott!«
»Gayyad!« Laisa spie diesen Namen wie einen Fluch aus.
Irgendwie passte das alles zusammen. Gayyad musste vor langer Zeit auf diese Insel verschlagen worden sein und war ihr auf eine Weise entkommen, die er für unwiederholbar hielt. Daher war sie für ihn das ideale Gefängnis für alle, die er nie wiedersehen wollte. Sie aber würde er wiedersehen, das schwor Laisa sich in dieser Stunde. Dann bat sie Nelina, ihr alles zu berichten, was sie über diese Insel und deren Völker wusste.
In seiner geheimen Festung betrat Erulim eine von sechsunddreißig gewaltigen Säulen getragene Halle und setzte sich auf einen hohen, weit ausladenden Thron, der aus einem einzigen grünen Kristall geformt war. Sein magischer Blick suchte den blauen Thron, der genau gegenüber auf der anderen Seite der Halle stand. Die Feindfarbe griff bereits nach ihm, und er spürte, dass seine Verwandlung in Gayyad nicht mehr fern war.
Ein wenig Zeit blieb ihm noch, und er nützte sie, um über seine Pläne nachzudenken. Obwohl es ihm nicht gelungen war, Edessin Dareh in seine Hand zu bekommen, lag die Stadt in Trümmern, und der Nimbus als Zentrum der Dämmerlande war vorerst dahin. Seine Agenten arbeiteten bereits in vielen Ländern daran, die Bindung an diese Stadt zu lösen und die Abgaben, die bislang den großen Tempeln geleistet werden mussten, zurückzuhalten. Außerdem schürten sie die Unruhe unter den Völkern und hetzten sie gegeneinander auf.
Erulim lachte bei diesen Gedanken selbstzufrieden auf. Mochten die Evaris ruhig glauben, einen Sieg errungen zu haben – er war ihnen mehrere Schritte voraus! Nun würde er sich erst einmal der beiden Wesen entledigen, die ihm am gefährlichsten werden konnten. Die Falle für Laisa war gestellt, und sie würde sich schon bald darin verfangen.
Er fragte sich, ob sie sich freuen würde, auch ihre zweite Großmutter kennenzulernen. Auf jeden Fall kam sie von jener Insel nicht mehr weg. Er selbst hatte es nur unter großen Mühen geschafft und beinahe ein ganzes Jahrhundert dafür gebraucht. Um zu verhindern, dass ihm jemand folgen konnte, hatte er Carilon dorthin geschickt, einen hochnäsigen, weißen Eirun, der etwas zu sehr auf seine Abstammung von dem angeblichen Gott Hendor gepocht hatte. Dabei war Hendor nur einer der Feldherren Meandirs gewesen – und ein Fanatiker, für den der Krieg der Götter nur mit der Vernichtung der drei östlichen Farben hätte enden dürfen.
Mittlerweile befand Hendor sich in einer Stasiskammer tief im Schwarzen Land und würde nie mehr in die Geschicke der Welt eingreifen können. Erulim amüsierte sich immer noch bei der Erinnerung an den Tag, an dem er Hendor in die Falle der Schwarzen gelockt hatte. Der Sieg einer Seite, gleich welcher auch immer, hätte seine eigenen Absichten für immer zunichtegemacht. Mit einem gewissen Spott dachte Erulim auch an Yahyeh und deren Glauben, die bekannten Versetzungsplatten zu beherrschen. Sie würde eine herbe Enttäuschung erleben. Tief im Schwarzen Land war er in geheimen Archiven auf Informationen gestoßen, mit denen er die Versetzungsplatten so einstellen konnte, dass ein Teil der zu transportierenden Personen an dem Ort herauskam, zu dem sie wollten, andere aber an dem, den er für sie bestimmte. Jene grässliche Insel jenseits aller Meere war für Laisa bestens geeignet.
Doch auch für Rogon hatte er sich einiges ausgedacht und bereits Botschaft zu jenem Ort geschickt, an dem dieser in Bälde auftauchen würde. Es war ein geschickter Schachzug gewesen, spezielle Informationen in die Hände einer unverfänglichen Person fallen zu lassen. Die Prinzessin von Lhamul hatte ihren Fund wie erwartet der blauen Evari zur Verfügung gestellt und diese nichts anderes zu tun gehabt, als Khaton und Rhondh zu erklären, wo Tardelon zu finden war.
Noch während er sich darüber amüsierte, spürte Erulim, wie das blaue Erbe in ihm erwachte und der Schmerz der Verwandlung begann. Um die Qualen abzukürzen, verließ er den grünen Thron, durchquerte die Halle und blieb vor dem blauen Thron stehen. Nur noch ein paar Stunden, dachte er, dann kann ich mich daraufsetzen und bin in wenigen Stunden bereit, Ilynas Reich einen schweren Schlag zu versetzen. Gleichzeitig verzog sich sein Gesicht, weil er die ersten Schmerzwellen fühlte.
Drittes Kapitel
Nach Laisas Abreise hatte Rogon a’Gree so schlechte Laune, dass mit ihm kaum noch zu reden war. Daher atmeten die Evaris erleichtert auf, als von der westlichen Lotsenstation am Zufluss des Großen Stromes in den See die Meldung kam, Heleandhal von Gilthonian wäre erschienen. Khaton und Rhondh teilten dies Rogon umgehend mit.
Für die beiden Evaris lag Rogons größte Schwierigkeit darin, dass er im Gelben Land alle Hände voll zu tun haben würde, Tirah zu beruhigen, damit sie nicht in Panik geriet. Außerdem musste er Erulims magische Fallen früh genug entdecken und ausschalten. Eine gewisse Zeit hatten sie überlegt, ob nicht einer von ihnen Rogon begleiten sollte. Da Erulim seine Verstecke auf dieser Seite jedoch so aufgebaut hatte, dass Magier der westlichen Farben Gefahr liefen, seine Vernichtungswaffen auszulösen, mussten sie darauf verzichten. Außerdem wurde ihre Anwesenheit in den Dämmerlanden dringend benötigt. Im grünen Süden waren die Spannungen mittlerweile so groß, dass jederzeit ein großer Krieg ausbrechen konnte, und in den gelben Reichen der Dämmerlande wetzten die Scharfmacher ebenfalls die Messer.
»Ich hoffe, du kehrst bald mit Tardelon zurück. Er wird dringend gebraucht, um die kriegslüsternen Herrscher einiger gelber Reiche zu bremsen und den gelben Tempel von Erulims Handlangern zu reinigen. Erulim braucht nur einen Funken zu werfen, und die westlichen Dämmerlande brennen von den Grenzen Gilthonians bis hinab zum warmen Meer«, erklärte Rhondh, als er Rogon verabschiedete.
»Ich wollte, ich müsste nicht mit«, flüsterte Tirah. »Ich habe Sirrin gefragt, ob sie mich nicht versteinern könnte. Doch das würde meine Verbindung zu Rogon schwächen, und dann könnte jeder gelbe Funke, der von ihm zu mir kommt, mich umbringen.«
»Es wird schon gutgehen! Immerhin bist du bestens abgesichert«, versuchte Rhondh, sie zu beruhigen, und trat zurück, damit die beiden das Haus verlassen konnten.
Am Anlegesteg der Zentrumsinsel hatte bereits eine von Rillas Barken festgemacht. Sechs Ruderer, alles Junglotsen, sowie der Lotse selbst waren bereit, Tirah und Rogon zur Lotsenstation zu bringen.
Rogon hielt Ausschau, ob auch Rilla sie verabschieden würde. Doch die violette Dame hatte zu viel zu tun, um den Nachschub für die in den Trümmern der Stadt arbeitenden Leute zu organisieren, so dass sie ihm nur aus der Ferne kurz winken konnte.
»Habe ich schon gesagt, dass ich mir ein schöneres Reiseziel vorstellen könnte als das Gelbe Land?«, sagte Rogon zu Tirah.
»Nicht nur du«, antwortete sie und winkte lächelnd Rogons Großeltern zu. Aber auch den beiden fehlte die Zeit für mehr als einen kurzen Gruß.
Rogon war dafür nicht undankbar, denn für einen rührseligen Abschied war seine Laune zu schlecht. Es war nicht nur die Angst vor dem Gelben Land, die Tirah ausstrahlte, sondern auch das Gefühl, als würden alle den zweifarbigen Feind unterschätzen. Zwar hatte Gayyad mehrere herbe Niederlagen einstecken müssen, doch Rogon hielt den Kerl noch immer für fähig, hart und gezielt zurückzuschlagen.
»Was, meinst du, erwartet uns?«, fragte Tirah in das Klatschen der Ruder hinein.
»Wenn ich die Herren Evaris richtig verstanden habe, werden uns die Gelblinge mit Gesängen empfangen und mit Blumen überschütten«, antwortete Rogon bissig.
»Bloß nicht«, rief Tirah aus. »Das sind sicher gelbe Blüten, und die vertrage ich nicht auf meiner Haut.«
»Ich nehme an, dass man uns ähnlich unfreundlich empfangen wird, wie es die Königin von Marandhil getan hat. Da werden wieder alle streng darauf achten, dass wir keinen einzigen Grashalm umtreten.«
Rogon gefiel dieser Auftrag ganz und gar nicht. Allerdings verstand er, dass die anderen Evaris Tardelons Befreiung herbeisehnten, denn die gelben Reiche der Dämmerlande drohten aus dem Ruder zu laufen.
Doch würde der gelbe Evari sich so ohne weiteres gegen Herrscher durchsetzen können, die seit vielen Jahren gewohnt waren, nach eigenem Gutdünken zu handeln?, fragte er sich und beantwortete es mit einem Achselzucken. Das war nicht sein Problem. Er sollte nur Tardelon finden und nach Edessin Dareh bringen, und das erschien ihm schon schwierig genug.
»Kannst du nicht an etwas Angenehmeres denken?«, maulte Jade, die sich auf seinem Schoß breitgemacht hatte. »So macht mir das ganze Kraulen keinen Spaß.«
»Sei froh, dass ich dich überhaupt kraule«, knurrte Rogon.
Er versuchte aber doch, ruhiger zu werden, und lehnte sich schließlich zurück, um Bernsteins Beispiel zu folgen, der die Augen geschlossen hatte, um zu schlafen.
Rogon wurde durch einen leichten Rippenstoß von Tirah geweckt. »Aufstehen! Wir haben gleich die Station erreicht.«
»Ich spüre Heleandhal bereits«, antwortete Rogon.
Zwar war es auf dem See untersagt, magische Fähigkeiten einzusetzen. Aber hier, mehrere Meilen oberhalb der Mündung des Stromes in den Heiligen See, konnte er unbesorgt seine Sinne schweifen lassen.
Schon bald sahen sie den Eirun auf dem Anlegesteg zu ihnen herüberschauen und winken. Rogon winkte kurz zurück und erinnerte sich im gleichen Moment daran, wie sie an dieser Stelle gegen Flussmaulpiraten gekämpft und nur knapp gewonnen hatten.
»Wir dürfen Gayyad nicht unterschätzen«, murmelte er, während er den Packen mit seiner Ausrüstung an sich nahm und darauf wartete, aussteigen zu können.
Heleandhal eilte ihnen mit froher Miene entgegen. »Ich freue mich, euch wiederzusehen! Auch ist es mir eine große Ehre, euch ins Gelbe Land begleiten zu dürfen.«
»Meine Freude wäre größer, wenn es nicht das Gelbe Land wäre«, antwortete Tirah und sah dann Rogon an. »Hast du den Versetzungskristall dabei, den Khaton dir gegeben hat?«
Mit einem Nicken zog Rogon ihn aus der Satteltasche, die er über der linken Schulter trug. »Da ist er. Aber was ist mit Pferden? Unsere sind noch drüben im violetten Siedlungsstreifen.«
»Keine Sorge, ich habe zwei ausgezeichnete Reittiere für euch und ein kräftiges Pferd für das Gepäck besorgt«, antwortete Heleandhal fröhlich und wies dabei auf insgesamt vier Pferde, die an einer durch Artefakte vor der giftigen Ödlandmagie geschützten Stelle grasten. Das vierte war sein aus Gilthonian stammendes Pferd, welches die drei normalen Dämmerlandgäule hochmütig beäugte.
»Wie viel hast du für die Zossen bezahlt?«, fragte Rogon und lachte, als Heleandhal ihm die Summe nannte.
»Da hat man dich aber ganz schön über den Löffel balbiert, denn der halbe Preis hätte auch gereicht«, meinte er und klopfte dem Eirun auf die Schulter.
»Euch kann man der Sage nach nicht belügen, aber wenn euch jemand frech eine zu hohe Summe nennt, glaubt ihr ihm.«
»So schlimm war es auch wieder nicht«, antwortete Heleandhal und nahm den Versetzungskristall an sich. »Hat Khaton gesagt, wo wir auftauchen werden?«
